Holder. (mit gebrochener Stimme) Leb wohl!
Florentin. (indem er sich losreißt) Leb wohl! (er kehrt noch einmal um und
mit langsamen Schritten auf Holdern zu gehend) Regent -- Regent!
Holder. (unter Thränen) Was sprichst Du?
Florentin. (abgehend) Regent Julius! -- lebe wohl!
Holder. (nachrufend) _Vinzenz_, lebe wohl!
Die _Offiziere_ sassen schon auf ihren Pferden; der _Graf_ stieg in den
Wagen und so gings fort.
Als die Morgenröthe emporstieg langten sie in einem Städtchen an; hier
blieben sie den Tag über, in der Nacht verfolgten sie ihre Reise.
Mit Anbruch des zweiten Tages kamen sie in die Residenz. Der _Graf_ fuhr
nach seiner Wohnung und die _Offiziere_ verliessen ihn schon vor der Stadt.
An ihrer Stelle fand er einen andern in seinem Hause, welcher ihn bis zum
Abend bewachte, und sodann in der Dunkelheit zum Herzoglichen Palais
führte.
Bleich und entgeistert schwankte der _Unglükliche_ seinen Todesgang hin.
Man brachte ihn in ein schwarz ausgeschlagnes Kämmerlein, bis auf weitern
Befehl des Herzogs.
In fürchterlicher Angst durchirrte der _Graf_ das Zimmer, in welchem eine
Wachskerze brannte. Tausend Gedanken durchkreuzten seine Seele, der eine
schreklicher als der andre.
Eine Viertelstunde verging, die andre schlug, ohne daß sich jemand zeigte.
Mit immer größerer Unruhe ging er auf und nieder, rang er die zitternden
Hände, stellte er sich ans Fenster und zählte er mit Bangigkeit die
Minuten.
Düstre Bilder drängten sich um seine Seele, und entwafneten seinen Geist.
Nichts blieb ihm in der bangen Stunde übrig; jeder Strahl der Hofnung
erstarb; jeder Trost wich zurük, und jedes Grausen, welches die Natur in
ihrem Schooße trägt, lagerte sich vor ihm hin. Seine Knien schlotterten;
Fieberfrost rann ihm durch das erstarrende Geblüt; er strekte die
gefalteten Hände schweigend empor zum Himmel, aber seine Kräfte versagten
ihm den Dienst weiter.
Schaudernd stand er in einem einsamen Winkel, und warf seine Augen im
Geiste auf die nahen Pforten der Ewigkeit.
»O« lallte er mit gebrochnen Tönen! »der Tod ist furchtbar, vergebens mahlt
ihn die Fantasie schön; aber wir philosophischen Geschöpfe thürmen uns da
Systeme und Hypothesen hin, die unter einem leisen Hauch der wahren Natur
zusammenstürzen, all' unsre Weisheit ist Spinngewebe der Einbildungskraft,
aus leichten lokkern Federn zusammengesponnen.«
Es erfolgte eine lange, dumpfe Pause, in welcher er ernsthaft vor sich
hinschritt. Dann stand er wieder still und starrte zum Himmel auf:
»Gott, heilges, gerechtes, allgemeines Wesen, mit welchem Antlizze werd'
ich vor dir erscheinen? Als ein Missethäter sterb' ich; Menschen können mir
nicht verzeihen; -- Gnade gieb, o Erbarmer, wenn mir Gnade möglich ist!«
Indem der Graf noch betete, öfnete sich ein Seitenthüre. Die Prinzessin
_Louise_, todtenbleich, in ein Reisegewand verhüllt, trat herein. _Duur_
prallte zurük. Sie sprach kein Wort, sondern umhalste schluchzend den
geliebten Verbrecher, küßte ihn unzählige male, und eilte schweigend wieder
von ihm.
Kurz darauf vernahm _Duur_ das dumpfe Donnern einer fortrollenden Kutsche
-- er hörte es, stieß einen tiefen Seufzer aus, Dunkelheit umfloß sein
Auge, und ohnmächtig stürzte er -- dem _Herzog_ in die Arme.
Inzwischen träumten der alte, brave _Onkel_ und seine, liebenswürdige
_Nichte_ nichts weniger, als dieses entsezliche Schiksal ihres
_Florentins_. _Holder_ trat am folgenden Morgen nach seiner Wegführung zu
ihnen, und sagte mit erzwungnem Lächeln: »_Florentin_ hat Euch, um Thränen
zu ersparen, gestern Abend schon verlassen.«
»Gestern Abend ist er fortgefahren?« entgegnete erstaunt der _Alte_: »drum
wunderte ich mich noch über das späte Kutschieren. Hm, hm! der Blizjunge,
kömmt er mir noch einmal so, so werde ich ihm baß den Text lesen. Warte!
warte!«
»Und in der Nacht auch zu reisen!« sagte _Rikchen_ halb böse.
»Freilich, freilich!« erwiederte der _Onkel_: »er wird sich verkälten
wollen! -- doch las ihn; im Grunde genommen dauert mich der gute Junge, er
hats nicht böse gemeint. Na _Florentinchen_, wir vertragen uns wieder; ich
sage Dir gute Nacht, _Florentin_!« -- -- -- --
* * * * *
Und nun, meine _Leser_ und _Leserinnen_, hab' ich Ihnen für diesmal genug
vorgeplaudert; allein mich plagt doch eine kleine Neugier, zu wissen, wie
Ihnen meine Erzählung behagt hat.
»Sonderbar!«
Sonderbar sagen Sie? wie denn so?
»Kein Plan, kein Ganzes! wir wissen aus so manchen nicht klug zu werden;
zum Ueberflus führen Sie den Grafen von _Duur_ noch an die Schlachtbank und
lassen uns in einer quälenden Ungewisheit über seinen Tod.«
Ich sollte doch denken, meine Herrn und Damen, daß Sie mit dergleichen
Autorfinten schon bekannter sein müssen, als Sie es sich zu sein stellen
wollen.
»Unverzeihlich! indes werden wir Ihnen von ganzem Herzen verzeihn, wenn Sie
uns noch _dies_ und _das_ beichten wollten!«
Und was denn zum Beispiel?
»Wie es dem süssen _Florentin_ geht.«
»Und war für ein Bewandnis hat es denn mit den _schwarzen Brüdern_?«
»Wird _Holder_ nicht noch Anstalten zur Rettung seines Freundes machen?«
»Apropos, was that denn _Holder_ in _Italien_? nahm er etwa die Tonsur an?«
»Wohin ist denn die Prinzessin _Louise_ zur Nachtzeit gefahren? hat sie ihr
_Bruder_ etwa in ein Kloster gebracht?«
»Noch eins, eh wir auseinander gehen: werden Sie uns nicht den weitern
Verlauf der Sache erzählen?«
Alles das, meine Herrn und Damen, alles das im _folgenden Bändchen_ wenn
Sie wollen!