Ihm wars, als säße er in einem Zimmer, von vielen Männern umringt, alle in
schwarzer Trauerkleidung. Es war Nacht. Einige Lampen brannten an den
Wänden, zwei Kerzen auf dem Tische, an welchem _Florentin_ saß und die
schwarzen Männer.
Der _Graf_ kannte das Zimmer nicht und keinen von denen, welche sich mit
ihm hier befanden. -- Ihm ward bange, doch faßte er sich, um zu sehn, was
geschehn würde.
Man hörte mit einemmale die Thurmglokke läuten, die _Männer_ kamen unter
sich in Bewegung und einer von ihnen sagte! »auf Brüder, laßt uns ihn
begraben, es eilt die Zeit!«
»Wessen Leichnam wollet Ihr begraben?« fragte _Florentin_.
»»Den Leichnam des alten _Grafen v. Duur_««
»Des alten _Grafen von Duur_? unmöglich, er lebt ja noch.«
»»Er ist gestorben.««
»Seit wenn?«
»»Seit dreien Tagen.««
»Es ist unmöglich sag ich Euch, er lebt noch.«
»»Der Dekkel des Sarges könnte aufgerissen werden, um Euch Lügen zu
strafen, allein es ist vor den Spionen des _Herzogs Adolf_ nicht zu
wagen.««
Die Leute gingen fort, ein _alter Mann_ blieb nach zurük. Der _Graf_ war
wie versteinert. Er hörte das dumpfe Getön von einem Sarge, lehnte sich zum
Fenster heraus, sah sich in der Mitte eines Waldes, und die Träger mit der
Todtenbaare, beim blassen Schimmer der Windlichter unter den vielen Bäumen
verschwinden. »Ras' ich oder träum' ich!« rief der Graf aus.
»»Wollte Gott, ihr träumtet -- dann träumt' _ich auch_, und ich hätte beim
Erwachen nichts verloren.««
_Florentin_ sah den Alten an und erkannte seinen treuen Diener _Badner_ in
ihm.
»Du auch hier, _Badner_? -- wie, und Du kannst reden? Du warst nie stumm?«
»Was wollt Ihr von mir, Herr?«
»Kennst Du mich nicht?«
»Ich habe Euch nie gesehn, die andern, welche anizt den seeligen Graf von
_Duur_ beerdigen, nannten Euch _Vinzenz_.«
»_Badner_!«
»Was wollt Ihr von mir?«
»Sag mir um Gotteswillen sag mirs, rase ich?«
»Euern wundersamen Fragen nach zu urtheilen, könnt' es wohl sein.«
»Ich sehe also nicht recht, höre nicht recht, fühle falsch, alle meine
Sinnen hab ich verloren! -- Der Zustand des Wahnsinns, hab' ich mir sagen
lassen, gehöre zu den angenehmen, bei mir aber ists nicht so. -- Sag nur,
wie überzeug ich mich von meiner Raserei? -- Nicht wahr, Du trauerst?«
»Wie Ihr sehet. Ja.«
»Und wer ist denn _Dir_ abgestorben?«
»Ihr thut ja so fremd, als hättet Ihr so eben erst das Licht der Welt
erblikt. -- Wißt Ihr denn nicht, daß die ganze Duursche Familie unglüklich
geworden?«
»Bei Gott, nein, ich weis nichts. Durch wen ward sie es?«
»Durch den Stolz, Leichtsinn und die Wollust des Grafen _Florentin von
Duur_, welcher die Prinzessin _Louise_, Herzog _Adolfs_ Schwester, entehrt
hat. -- Der unglükliche Graf hat schwer gebüßt: er ist heimlich
hingerichtet worden. Vorher aber schändete Sr. Durchlaucht aus Rache die
Schwester des Grafen, einen bildschönen Engel.«
»Wehe! wehe! Gott, Erbarmer, meine Schwester!«
»Was ficht Euch an?«
»Oh!« --
»Ihr habt Recht zu trauern; es geschieht doch so manches Unrecht in der
Welt, welches keine Obrigkeit rüget und rügen darf. Was hatten denn der
Oheim und die Schwester _Florentins von Duur_ begangen, daß sie um die
Sünden dieses stolzen Wollüstlings büssen mußten?«
Ich begreife den schnellen Wechsel dieser Schiksale nicht. Ich -- ich bin
doch _Florentin von Duur_, der Straffällige, aber noch nicht Hingerichtete;
ich hätte sterben sollen -- und ich entzog ja dem Schwerdte meinen Nakken
nicht!
»_Florentin von Duur_ ist heimlich hingerichtet worden.«
»Nun, so bin ich denn von den Todten erstanden.«
»Ich bedaure Euch, armer _Vinzenz_, um den Verlust Eures Verstandes.«
»_Badner_, und Du dieses Deinem Herrn?«
»Wir haben nie mit einander zu schaffen gehabt?«
»So stehe mir Gott bei, ich bin verwirrt!«
Drittes Kapitel.
Zeitungen -- Thränen, Flüche, Marionetten.
Der schreklichste, ängstigendste Traum, welcher je ein Menschenkind plagte,
quälte jezt den _Grafen_: Es war ein Gewebe von Wahrheit und Betrug,
welches sich nicht von einander trennen ließ.
Bald verließ ihn im Schlafe der Traumgott auf etliche Augenblikke, bald
reihten sich wieder andre fürchterliche Szenen vor ihm hin, wovon er Theils
Zuschauer, theils Mitspieler war; doch blieb immer ein merkwürdiger
Hauptfaden durch das Ganze geflochten, so daß alle untereinander
verschiedne Stükke einen gewissen Zusammenhang hatten.
So, zum Beispiel, behielt _Florentin_ immer den Namen _Vinzenz_; die
_schwarzen Herrn_ waren seine steten Gesellschafter, u. s. w.
»Was erzählen die Novellen?« fragte einer von den _Schwarzen_ den andern,
welcher einzelne gedrukte Blätter auf den Tisch warf, und den _Wirth_ in
einer Bierschenke vorstellte.
»Mancherlei!« gab der _Wirth_ zur Antwort, und sezte _Florentinem_ Wein
vor.
Florentin ergrif ein Blatt und las mit Erstaunen:
»Seit der Hinrichtung des _Kammerherrn von Duur_, und seiner Verwandschaft,
sind neue gräßliche Entdekkungen gemacht worden. Die Prinzessin L** hat
nämlich aus Eifersucht und Nebenbuhlerei das unlängst verstorbne Fräulein
von G** mit Gift umgebracht, indeß man vorgab, sie sei am Fieber eines
natürlichen Todes gestorben. Die Sache ist unterdrükt, und niemand ausser
dem Herzoge und dem Hofarzt hat anfänglich davon gewußt.« -- -- --
»Gott im Himmel!« rief _Florentin_ aus! »in was für eine Welt hast du mich
gesezt. Unerhörte, schwarze Thaten! die Unschuld wird gemordet, das Laster
wird gekrönt, Recht und Unrecht macht jezt keinen Unterschied mehr; die
Sünden der Großen werden gepriesen; die Tükke der Finsternis nicht
gebranntmarkt.« --
Unterdessen Florentin gelesen, und dies mit tiefem Unwillen gesprochen
hatte, waren mehrere _Schwarze_ hereingetreten; sie umringten ihn, und
schlugen ein gellendes Gelächter auf.
»O entehrt euch nicht durch dieses Lachen,« fuhr er fort und fühlte sein
Gesicht glühen: »entehrt seid Ihr genug, daß Ihr zum geschändeten Orden der
Menschheit gezählt worden seid. Allein bei dem lebendigen, furchtbaren Gott
über und um uns sei's geschworen, bei diesen meinen Thränen, bei der Asche
meiner Schwester, bei der Asche meines guten Oheims sei's feierlich
geschworen, ich will die entadelte Menschheit rächen, will Bandit werden
gekrönte Teufel zu morden, Aufrührer werden, die Kette zu sprengen, welche
die Tyrannei um meine Brüder schlang, Mordbrenner werden, die vom Vermögen
der Witwen und Waisen erbauten Palläste niederzustürzen, niederzustürzen
auf den Schädel der Blutigel des Vaterlandes! -- Oh! meine Schwester, mein
Oheim, -- oh!« --
Jezt trat ein Mann, schwarzgekleidet wie die übrigen, in das Wirthshaus. Er
trug einen Kasten auf dem Rükken und bat die Anwesenden, die Zeche für ihn
zu zahlen, wofür er ihnen die Künste seiner Marionetten zeigen wolle.
»Wein her! Wein her!« riefen alle aus einem Munde. Der _Wirth_ brachte dem
_Puppenspieler_ den Wein; dieser war sofort geschäftig sein Theater zu
arrangiren, worauf er den Vorhang öfnete.
»Schaut's, Ihr Herrn, schauts! die Strassen der Stadt _Magdeburg_, wie sie
brennen und auflodern in der Glut, welche die Kaiserlichen Feldherrn Tylli
und Pappenheim angeschürt. Schaut's welch ein fürchterliches Blutbad. --
Nun werdet ihr sehn, wie ein fliehendes Weib mit ihrem Töchterlein
auftritt.«
Weib. Hieher, Kindechen, hieher.
Mädchen. O, Mutter, wohin flüchten wir? siehst Du's wie dort unsre Wohnung
lichterloh brennt? Hu, wie da unten die Menschen durcheinander laufen --
da, da sind die Feinde; wie die Spiesse, und Gewehre und Degen am Feuer
blizzen!
Weib. Sei ruhig. Steh uns Gott bei.
Mädchen. Was haben wir beide aber dem Feind gethan, daß er uns umbringen
will?
Weib. Nichts, gute Unschuld, nichts. -- Aber siehst Du, die grossen Herrn
dieser Welt verzürnen sich, und dann müssen die armen Unterthanen für sie
bluten.
Mädchen. Ach, die bösen, grossen Herrn!
Weib. Aber über uns, über den Sternen wohnt ein Richter, vor dem auch die
Herrn dieser Weit erscheinen müssen. In dessen Händen schwebt eine
furchtbare Waagschaale, darin wiegt er die Thränen und Blutstropfen der
Unterthanen, und wehe den vergötterten Kriegshelden dort!
Mädchen. Ich habe auch viel Thränen vergossen; die thue der Richter dort
über den Sternen auch in die grosse Waagschaale!
Weib. (entfliehend) O, Wehe uns Unglüklichen!
_Florentin_ stürzte jezt vom Weine berauscht wüthend gegen den Kasten und
zertrümmerte ihn mit einigen Faustschlägen. »Nein!« brüllte er: »_wehe,
wehe den blutdürstigen Fürsten!_«
Viertes Kapitel.
Der Traum hat ein Ende.
In einem dunkeln Gewölbe, von keinem sterbenden Lichtstrahl erleuchtet,
befand sich _Florentin_ belastet mit Zentnerschweren Ketten. -- Ihm
hungerte, und er fand keinen Bissen Brodtes, ihm dürstete, und kein Tropfen
Wassers erquikte ihm die Zunge, welche am troknen Gaumen klebte. Er
versuchte es umherzutappen und fand sich angeschmiedet.
»O Gott,« sagte er; »Welch ein Wechsel meines Lebens! Hier im dumpfen
Kerker soll ich es enden? o, daß es längst beendet wäre!«
»Lange wirds wohl nicht dauern!« brummte eine _Stimme_ durch die Dunkelheit
herüber. _Florentin_ horchte hoch auf, und erstaunte hier nicht ohne
Gesellschaft zu sein.
»Wer bist Du?«
»_Vinzenz_; eben der, der Ihr seid; ich schrieb ein Trauerspiel wider den
Despotism der Fürsten, und Ihr, _Vinzenz_, Ihr _sprachet_ wider Fürsten --
beide sizzen wir also auf fürstliche Gnade, bis an unser Lebensende.«
»Fürstliche Gnade! Ha! _fürstliche Gnade!_ Gott erbarms, wir treffen sie
eher bei den Tigern. -- O, o! was hab ich in eingen Tagen erleben müssen?
Entlarvt liegt die Welt vor mir da; wo ehmals Elysium blühte, dampft mir
eine abscheuliche Mördergrube entgegen, in dem Busen der tauben lechzenden
Geierherzen; -- o Gott, Schöpfer, Vater und diese Welt -- diese Welt hast
du erschaffen? -- Philosophen nennen sie die _beste_? -- dieses Jahrhundert
ist das _aufgeklärte, verfeinerte_? ja doch, aufgeklärtes Jahrhundert, ich
erkenne dich, ah, wie fein du weißt deine Laster zu verkappen!«
»»Ihr seid sehr erbittert, Vinzenz.««
»Wenn mein Karakter nicht mehr derselbe ist: so bin ich nicht daran Schuld.
-- Ich bin fürchterlich umgestimmt, verwandelt, wie die Welt um mich her.
Ich mögte glauben daß ein Traum meine Seele äffe, aber ich fühle, empfinde
zu klar. Ein ängstlicher Wirrwarr, den ich nicht aufzulösen fähig bin!«
»»Leider kein Traum, -- alles _Wahrheit_, sag ich Euch! je nun wir wollen
und müssen uns in die Zeit schikken.«« --
»Wäre mein Schiksal nur entschieden; Tod oder Freiheit; diese Ohnmacht,
diese Sklaverei ist mir eine Hölle!«
»»Vielleicht begnadigt Euch der Fürst!««
»Wenn er es thäte, so löste er seinem Würgengel die Ketten. Ich würde nicht
ruhen bis die gemordete Unschuld gerächt wäre; das Schrekken der Großen
wollt' ich sein, ihre Geißel in der Hand Gottes.«
»»Ha, ha, ha, Ihr schwärmt, Vinzenz! seid Ihr denn so lüstern nach dem
Schnellgalgen, oder Euren Kopf und Rumpf auf das Rad geflochten zu wissen,
das wäre denn doch in jedem Falle das Finale Eurer glorwürdigen Thaten.««
Oh! oh!
»»Indessen tröstet Euch, die Rächer der Unschuld schlummern nicht. Aus dem
Dunkeln hervor handeln sie; und ihre Streiche treffen gewiß.««
»Wer sind die?«
»»Ihr kennt ja die _Unbekannten_!««
»Ha! die, die der Unschuld Rächer?« --
»Nun ja!«
»O so heb ich meine Hände empor zu Gott, der auch in diesen finstern
Gewölben wohnt, und danke ihm. Heil den Unbekannten, und gelobet seien ihre
Werke! -- daß sie mich würdigten der geringste unter ihnen zu sein, mein
ganzes Leben weihte ich ihren herrlichen Plänen!«
Der Graf weinte jezt, er sezte sich auf den Erdboden nieder, den Ellnbogen
auf das Knie, ließ er traurig seine Stirn auf die flache Hand sinken. --
Plözlich öfnete sich eine Thüre linker Hand, ein _ehrwürdiger_ Greis trat
herein und verkündete ihm seine Befreiung.
»Ich bin frei?« sagte _Florentin_ und umarmte zitternd den _Alten_, »ich
bin frei?«
Der _Alte_ erwiederte nichts, sondern führte ihn aus dem Kerker einige
Wendeltreppen hinan an die freie Gottesluft. -- Es war Nacht und freies
Feld um ihn her.
»Jezt entflieht!« hub der _Alte_ an, und reichte dem Grafen eine
Blendlaterne.
»Entfliehn? bin ich nicht durch die Gnade des Fürsten frei?«
»Nein, das wohl nicht!«
»Durch wen?«
»Durch die Unbekannten!«
»Durch die _Unbekannten_?«
»Wie Ihr höret. -- Auf entflieht!«
»Wohin?«
»Wohin Ihr wollt.«
»Eine Bitte vorher, lieber Alter!«
»Redet, Vinzenz!«
»Führet mich zu den Unbekannten, daß ich ihnen kniend danke!«
»Eures Dankes bedürfen die Edeln nicht.«
»Freilich nicht; aber sollte der Gottheit nicht das Lob des entkerkerten
Vögelchens gefallen, welches es in freier Luft zwitschert? wie nun
geschweige sterblichen, an Sinnlichkeit geflochtnen Menschen!«
»Gott hört den Lobgesang des Vogels in der Luft, und die _Unbekannten_
vernehmen auch Euern Dank hier, wo wir allein sind.«
»Führet mich zu ihnen, ich bitte Euch, ich will mich ihnen unterwerfen, ihr
Diener sein, ihre Pläne ausführen helfen.«
»Alles das waret Ihr schon und thatet Ihr schon, ehe Ihr vom Dasein der
Unbekannten wußtet.«
»Ich bitte Euch führet mich zu diesen wohlthätigen Schuzgeistern der armen
Menschheit.« --
»Seid Ihr einmal zu ihnen getreten: so hoffet Euer Lebelang nicht von
denselben wieder getrennt zu werden.«
»Wohl mir!«
»So kommt.«
_Florentin_ folgte dem Alten, und beide traten nach einer Weile in die Thür
eines Hauses.
Es war hier alles rabenfinstre Nacht; die Laterne des Führers warf nur
einen blassen Schein auf den Erdboden.
»Hier gehts hinunter!« sprach _Florentins_ Befreier und sties den _Grafen_
einige Stufen hinab. Das Licht der Laterne verschwand hier; der Fremde auch
und _Florentin_ stand auf einer finstern Wendelstiege allein.
Ein jeder andre würde Muth und Kraft an der Stelle unsers Freundes verloren
haben; er aber, ausser einigen leichten, unwillkührlichen Schauern, empfand
auch nicht die leiseste Anwandlung von Furcht; nun einmal gewöhnt an
ausserordentliche Dinge, konnte das Betragen des Mannes kaum eine
Verwunderung in seiner Seele erwekken; ergeben in seine Schiksale, welche
bunt genug durcheinander wechselten, stieg er in die Gruft hinab, sich und
seinem Muthe überlassen.
Es währte lange, ehe er das Ende der Schacht erreicht hatte; sodann mußte
er sich durch einen schmalen, ungemauerten Erdgang drängen, welcher sich in
unzählichen Krümmungen vor- und rükwärts und nach allen Weltgegenden
hindrehte. Zuweilen war der Gang kaum breit genug, daß er sich mit
angehaltnem Odem durchpressen konnte; zuweilen wieder so geräumig, daß er,
sich selbst verlierend, darin umhertaumelte.
Endlich fühlte er das Getön vermischter Stimmen an sein Ohr schlagen; dies
gab dem Erschöpften neue Kraft sich bald am Ziele zu finden. Das Geräusch
wurde immer lauter. Er unterschied von rauhen, gebietenden Männerstimmen
das ängstliche Wimmern Nothleidender, das Aechzen, Stöhnen und verbissene
Schreien gemarterter Menschen. Er hörte das dumpfe Gerassel verschiedner
Instrumente -- und das alles ihm so nahe zur Seiten, daß er fast jedes Wort
verstehen konnte.
Jezt flos ein kaltes Grausen über seinen Leib herab; er schwankte, ungewis
ob er vor- oder rükwärts gehn solle, eine Minute, und er verfolgte sodann
den, einmal gewagten, unterirrdischen Gang.
Unverhoft sties er bald auf eine eherne Thüre, die sich vor ihm aufthat und
wehend hinter ihm zuschlos. Er sah sich in einem kleinen Vorzimmer, in
welchem zwei grosse, schwarze Tafeln hingen, mit Namen beschrieben. Auf der
einen las er die Ueberschrift: »_Zum Tode Verurtheilte_,« auf der andern:
»_zum Glük Bestimmte_.« Unter den Namen der zweiten Tafel sah er auch den
seinigen halb verwischt.
Ueber den Eingang zu einem andern Gemach standen die Worte! »_Jesus sei
Dein Trost, Wahrheit Dein Hort_« mit goldnen Lettern, und darunter die
Jahrzahl 1054.
Weil der _Graf_ hier niemanden gewahrte, welcher ihn zurecht führen konnte,
so versuchte er es an sich selber. Er ging in ein zweites Zimmer -- in eine
_Todtenkammer_. Schädel, und Köpfe und verdorrte Menschengerippe lagen hier
auf der Erde schichtweis hingethürmt; alle Wände waren mit Skeletonen
behängt, auf deren braungelben, glänzenden Stirnknochen Namen und
Jahrzahlen standen. Das ältste derselben war bezeichnet: »_Bischop
Luytbrandt_, 1385.« das jüngste: »_Carolus XII. Rex 1718_.«
_Florentin_ fand kein Behagen lange in dieser schauerlichen Wohnstatt der
Verwesung zu zaudern, und begab sich nach einem daranstossenden andern
Zimmer, dessen Eingang: »_Blutkammer_,« überschrieben stand.
Er öfnete die Thür und prallte benützt vor dem gräßlichsten Anblik, welchen
je die tiefsten Märtergewölbe der Spanischen Inquisition darbieten können,
zurük. In allen Winkeln wimmerten Halbnakte; Foltern mancherlei Art waren
hier in Bewegung gesezt; dort wurde Pech gekocht, hier Eisen geglüht;
warmes Blut dampfte vergossen vom Boden auf. Todte und Halbtodte lagen in
schauderlichen Gruppen durch einander hingeworfen, und Unmenschen wühlten
mit blutigen Fäusten unter ihnen.
»Was ist das? wo bin ich?« rief erbleicht der Graf aus.
»_Vinzenz_!« antworteten die _Foltrer_: »Ihr seid in der Blutkammer der
_schwarzen Brüder_?«
»Wer sind die _schwarzen Brüder_?«
»Die Ihr unter dem Namen der _Unbekannten_ kennt!«
»Wes ist das Blut, das unter mir fließt?«
»Tyrannenblut, _Vinzenz_, Tyrannenblut und Blut der heimlichen Verbrecher!«
»Ha, Heil dem Gerichte der _schwarzen Brüder_!«
Einer der _Foltrer_ führte _Florentinen_ stillschweigends in ein
Nebenkämmerchen; hier lag ein schwarzer Habit, welchen der _Graf_ anzuziehn
bedeutet ward, darauf öfneten sich zwei Flügel einer Thür; _Florentin_
schritt hinein und stand wie durch ein Wunderwerk verzaubert plözlich in
dem schönsten, geräumigsten Saal, von tausend Lampen und Wachskerzen
erleuchtet, von lieblichen, romantischen Düften durchbalsamirt.
An den kostbaren Wänden standen symmetrisch einige Tische, mit
Erfrischungen besezt, welche _Florentinen_ am meisten lokten, weil ein
unbeschreiblicher Hunger, ein siedender Durst seine ängstlichen Lagen noch
ängstlicher gemacht hatte. Der, welcher ihn schwarz bekleidet hatte, gab
ihm auch die Erlaubnis zu Essen, wozu sich denn _Florentin_ nicht zweimal
nöthigen lies.
Die _erste süsse Empfindung_ nach langen, fürchterlichen Augenblikken --
die Stillung seines Durstes und Hungers, und zwar hier, in einem so
angenehmen, königlich-schönen Aufenthalte, sicher vor dem Zorn und der
Rachsucht des Fürsten! -- -- Eine kindische Freude bemannte sich in dieser
Minute des durch tausend Labyrinthe, tausend Schreknisse hieher geführten;
Thränen fielen in den Wein; ein gottdankendes Lächeln schwebte in seinem
Antlizze.
»Habet Dank, Ihr schwarzen Brüder! Ihr seid auch meine Brüder!« sagte er
und erhob sich vom Tische, gesättigt, erquikt und überströmt von den
süßesten Empfindungen. Mit einemmale traten von einer andern Seite _sieben
und siebzig_ Männer, alle in saubrer, einförmiger, schwarzer Kleidung, in
den Saal. Der Angesehenste unter ihnen bestieg einen fünf Stufen erhabnen
Thron, überschirmt von einem goldgestikten Baldachin, ausgeschmükt mit
einer Pracht, welche nie gesehen worden ist und werden wird, eine Pracht,
welche derjenigen nahe kömmt, die wir in _Wielands_ Feenwelten erblikken.
_Florentin_ staunte über diese neue Erscheinung nicht wenig, am meisten
aber, als er von ohngefähr das Gesicht dessen erblikte, welcher auf dem
prachtreichen Throne sas, und er in ihm -- seinen _Holder_ leibhaftig
erkannte. Allein er wagte es doch nicht sich ihm zu nähern.
Einer der Schwarzen, welcher unserm Grafen am nächsten stand, und ihn lange
vom Wirbel bis zu den Zehen mit seinen Augen gemessen hatt, trat dem Thron
näher und erhob seine Stimme zu dem Obersten in folgenden Worten:
»_Julius_, so lange die Menschen noch Menschen sind, werden die Fürsten
immer Despoten bleiben, und ihre Unterthanen, zitternd vor dem Gesez,
Sünden im Finstern treiben; nie wird die goldne Zeit tagen, in welcher
unser Gericht der Welt kein nüzze mehr ist. -- Doch sind auch unter den
Fürsten Edle, und unter den Unterthanen Männer, welche die Tükke hassen, so
in Finsternis gehüllt schleicht. Siehe, Regent, dort steht _Vinzenz_ der
sich mit uns verbrüdern will, ein Unglüklicher, der sich in unsre Arme
wirft.«
Der _Regent_ befahl dem _Vinzenz_ näher zu treten; _Florentin_ gehorchte,
und starrte sprachlos das Gesicht an, welches nicht dem _Regent Julius_
sondern seinem _Holder_ angehörte.
»Seid Ihr ein Unglüklicher?« sagte der _Regent_ zum _Grafen_: »wollt Ihr
Euch mit an die Kette der schwarzen Brüder schliessen?«
»Wohl bin ich ein Unglüklicher, und wenn Ihr diejenigen Unbekannten seid,
welche sich in meine Pläne mengten, meine Geheimnisse mit selber aufdekten,
und mir jene Warnungen zuriefen: so flehe ich Euch an, daß Ihr mich
aufnehmen wollet!«
Die _schwarzen Brüder_ schlossen jezt einen engem Kreis um den _Grafen_
oder _Vinzenzen_, und derjenige, welcher von allen übrigen nächst dem
_Regenten_ am meisten geachtet wurde, den sie _Anselmo_ nannten, eben der
welcher _Florentinen_ aus dem Kerker erlöset, und auf den Wendelstiegen
allein gelassen, nachmals ihn dem _Regenten_ vorgestellt hatte, dieser,
sage ich, trat aus den Siebzigen hervor gegen _Florentinen_ gewandt, und
redete ihn also an:
»_Vinzenz_, bei Gott, es ist kein Knabenspiel, wozu Ihr Euch jezt
verpflichtet, es verlanget Männer von ungewöhnlicher Art. Könnt' Ihr allen
Bequemlichkeiten des Lebens entsagen, könnt' Ihr Verwandten- Bruder-
Schwester- und Weiberliebe vernichten in Eurer Brust, könnt' Ihr der Gefahr
ins drohende Antliz lachen, und den Tod mit kaltem Blute erwarten: so seid
Ihr erst halb der Unsrige!«
»Seht, die Richter liessen sich, so wie heutiges Tages, auch ehmals durch
den Schimmer des Goldes verblenden; die Pfaffen führten Inquisizionen ein,
Reinigkeit des Glaubens zu erhalten, und sie selber waren, troz ihrer
Reingläubigkeit, unreinen Herzens, Volkstäuscher, kanonisirte Bösewichter;
die Fürsten gaben Gesetze und übertraten sie zuerst, sie raubten den
Menschen der Menschheit erstes und einziges angebornes Glük, raubten die
Geistesfreiheit, damit die dummköpfigen Vasallen und Sklaven ihrer
tyrannischen Kniffe nicht inne würden; die Weiber kokettirten und lenkten
Volk und Fürsten an _einem_ Zaum, Landstreicher und Avanturiers erschlichen
entweder Privilegien für ihre Quaksalbereien, oder sie machten in den
untersten Volksklassen den Geist des Fanatismus rege, oder sie
pasquillirten auf die gesunde Vernunft und guten Sitten, oder sie prellten
reiche Hohlköpfe mit Taschenspielerwundern, Goldmachereien, geheimen
Ordensvorspielungen und andern Schmarozzerkünsten. -- Kurz alles war es
einst, wie jezt, und darum traten schon früh Männer von Einsicht und Muth
zusammen; enthusiasmirt für Recht, und Wahrheit und Bruderglük, dem
geheimen und öffentlichen, von keiner Obrigkeit gerügten Unwesen zu
steuern. Zeloten nannte man sie in Christus Zeitalter, und späterhin in den
mittlern Jahrhunderten die Männer des heimlichen Gerichts.« --
»Meint Ihr, _Vinzenz_, die Zeiten des heimlichen Gerichts wären vorüber?
nein, _Vinzenz_, die Zeiten nicht und auch nicht das Gericht. Sehet diese
Siebenzige sind Mitglieder desselben aus einem Herzogthume; gehet hinaus in
die weite Welt und Ihr werdet sie finden an den äussersten Spizzen Europas.
Alle die Ihr um Euch stehn seht, sind Männer von der erprobtesten
Verschwiegenheit, dem rechtschaffensten Karakter, der tiefsten
Verschlagenheit, zerstreut in allen Gegenden unsers Vaterlands wohnhaft,
aus allen Ständen des Volks gehoben. Bediente, Aerzte, Prediger, Advokaten,
Schriftsteller, Buchhändler, Räthe, Generale, Offiziere, Landwirthe sind
hier Brüder, ohne Unterschied des Ranges.«
»Unsre Religion ist: thue Gutes und mache glükseelig, wo möglich, stets im
Verborgnen; opfre Dich im grossen Fall der Noth für die Glükseeligkeit des
Ganzen hin; liebe Gott über alles, Deinen Nächsten _mehr_ als Dich selbst!
Islamismus, Kalvinismus, Lutherthum, Katholizismus, Herrnhuterei -- sind
eins und dasselbe, sind nur Farben für den sinnlichen Menschen!« --
»Und habt Ihr Euch einst müde gerungen für Eurer Brüder Wohl, sodann dürfet
Ihr gerechte Ansprüche auf Ruhe und eignes Glük machen, welches Euch
gewährt wird, wie und wo Ihr es verlanget. Ein weiser findet sich nicht in
hohen Ehrenämtern belohnt, darum rechnen wir diese nicht zu den Arten einer
Dankbarkeit von uns; wir selber befördern uns zu den wichtigsten Posten um
wichtige Unternehmungen vollführen zu können.«
»Noch einmal, _Vinzenz_, bedenket wohl, daß Ihr Euch zu keinem Knabenspiel
verpflichtet. -- Reue ist nachmals zu spät und umsonst, und wird Euch mit
dem Tode vergolten. -- -- Gehet, ich bitte Euch, gehet zurük!«
»Nimmermehr!« entgegnete Florentin.
Alle. (rufend) Gehet, gehet zurük.
Florentin. (unerschüttert) Ihr grossen Männer, behaltet mich.
Anselmo. Spätre Reue ist Euer Tod!
Florentin. (flehend gegen alle gewandt) Ich bleibe Euch treu, Tod mir, wenn
ich diesen erhabnen Schritt je bereue.
Es erfolgte eine allgemeine Stille. Der _Regent_ stieg von seinem Throne
und entband dem Grafen eines schreklichen Schwurs. Der _Graf_ schauderte
und -- schwor.
Kaum war das Amen von seinen Lippen gehört: so trat der Regent ihm näher
und küßte ihn und weihte ihn zum _schwarzen Bruder_; alle übrige thaten ein
Gleiches und, o Wunder! auch der alte _Badner_ trat herzu.
Jezt wurde die Freude lauter, die Brüder wandelten durcheinander,
plauderten, lachten, tranken; _Florentin_ fühlte sich seeliger, als je, er
besprach sich mit allen, alle jubelten beim frohen Klange der Gläser ein,
»Vivat _Vinzenz_!« und unter diesem Lärmen -- -- -- -- _erwachte_
_Florentin_ von seinem Traume.
Hilf Himmel! wie erstaunte er, als er sich, nachdem er die Augen genug
gerieben, in dem _Garten_ noch liegen sah unter dem Schatten des
_Fliederbaums_.
_Rikchen_ trat in den Garten, lächelnd brachte sie ihrem Bruder die
verlangte _frische Milch_.
»Wie lange hab ich denn geschlafen?« fragte er und schwebte ungewiß, wie im
Traume.
»Zwei Stunden wohl!« antwortete seine reizende _Schwester_, die das
Milchnäpfchen neben ihm niedersezte.
»O Gott!« rief er entzükt aus, sprang auf und umarmte seine _Schwester_:
»du lebst noch!«
Fünftes Kapitel.
Gute Nacht, Florentin! -- Auch ein Postscript
an den Leser.
»Ei, ei,« sagte der _Onkel_: »ei, ei, Du mußt einen bösen, bösen Traum
erschlafen haben!«
»Freilich!« entgegnete _Florentin_, und zweifelte, ob er nicht eben jezt
träume?
»Nun, was hat Dir denn geträumt?« hub _Rikchen_ an zu fragen, allein sie
erhielt von ihrem Bruder eine unbestimmte Antwort. Er fürchtete ein Wort zu
sagen, denn der Eid schwebte ihm noch immer auf der Zunge, welchen er im
Angesichte der _schwarzen Brüder_ geschworen.
Nie hatte er ähnliche Qualen ausgestanden, und nie hatte er eine so reine
himmlische Freude gefühlt, als in diesem Traume. Eine stille Sehnsucht war
in seinem Herzen zurük geblieben nach den schwarzen Freunden; sich von
siebenzig uneigennüzzigen Männern umarmt zu sehn, welche Wonne für Seelen,
die den Werth der Freundschaft kennen! -- Er konnte seine Sehnsucht nicht
verbannen, sich nur noch einmal in ihrer Mitte zu sehn; der Gedanke, daß
Hunderte ihr Leben für ihn lassen würden, hatte zu viel Beruhigendes für
ihn. Wahrscheinlich trug hiezu seine jezzige, kritische Lage nicht wenig
bei; was hatte er dann vom Herzoge zu befürchten, wenn die Durchspäher
aller Geheimnisse sein Intresse zu dem ihrigen machten? --
»Und ists auch nur ein _Traum_, o so soll er mir dennoch heilig bleiben,
ich habe nie in der wirklichen Welt seeliger geathmet.«
So dachte er oft in sich, aber niemanden verrieth er das schauerliche,
schöne Meisterstük seiner Fantasie, welches den tiefsten Eindruk auf ihn
gemacht hatte.
Noch einige Tage blieb er in der Mitte seiner Lieben; die ihm vom Herzoge
gegebne Frist war ihm schneller verflossen, als das Hirngespinst von zween
Stunden.
Eines Abends, da der _Onkel_ schon und _Rikchen_ längst in den Federn
vergraben lagen, saßen _Florentin_ und _Holder_ noch spät auf. Sie
unterhielten sich über manche intrikante Materien, über die Reise des
leztern nach Italien, über das Verhältniß des erstern am Hofe, und endlich
auch über die Unbekannten.
Plötzlich, wurden sie durch ein lautes Pochen gestört. In wenigen Minuten
traten drei _Offiziere_ von der Herzoglichen Garde herein, die sich mit
drei Worten wegen ihres späten Besuches entschuldigten, und dem _Grafen_
ein versiegeltes Papier im Namen _Sr. Durchlaucht des Herzogs_
überreichten.
_Duur_ las und wurde blaß.
Holder. Was ist dir, daß Du Dich entfärbst?