Holder. O Gott!
Rikchen. Sie _selber_? ach, Sie haben mich nicht lieb gehabt -- können mich
nie geliebt haben!
Holder. (mit Schmerz-gebrochener Stimme) Fräulein, Sie sehen nicht in mein
Herz, aber Gott sieht es! -- Herr _Graf_, leben auch noch _Sie_ wohl! (will
ihn umarmen.)
Der Graf. (indem er Holders Hände drükt, und ihn mit nassen Augen
anstarrt.) _Holder_, _Holder_: was machen Sie? warum wollen Sie von uns?
Wer hat Sie beleidigt? that ichs, that ichs, thats mein gestriges Schweigen
so bitt ich um Verzeihung. Sehen Sie, die Sache war zu unerwartet, und da
ists doch wohl einem alten Mann, der für das Wohl seines Lieblings sorgt,
leicht zu übersehen, wenn er die Begebenheit recht überlegte.
Holder. Allein, sollten Sie izt, durch des _Fräuleins_ Thränen bis zur
Schwachheit gerührt etwas einwilligen, was Sie bei kälterm Blute -- --
Der Graf. Nicht Schwachheit, nicht Uebertäubung! nein, Sie sind mir zu lieb
geworden, als daß ich Sie von mir lassen könnte. Ihr Karakter ist mir
unverholen, darum befürcht' ich von Ihrer Liebe zu _Friedriken_ nichts. Und
Sie wissen ja selber, wie nothwendig Sie mir geworden sind; wollen Sie also
nicht, daß sich das arme Mädchen krank harmet, wollen sie nicht, daß ich
alter Mann mir ewige Vorwürfe machen, mir selber mein Restchen Leben
verbittern soll, so bleiben Sie.
Rikchen. Null, lieber _Holder_? nun?
Der Graf. Da, nehmen Sie das Mädchen hin, nehmen Sie sie hin, ich will denn
nun einmal der Onkel in der Komödie sein, aber bleiben Sie.
Holder. (umarmt und küßt den Grafen) Wohl, es sei; ich widerstehe nicht.
So lößte, sich der Auftritt in allgemeine Freude auf; _Holder_ bestellte
den Reitknecht ab; _Rikchen_ sprang umher und küßte dem frohen Alten Hand
und Mund; man sezte sich wieder zum Frühstük und fühlte nun ganz, wie sehr
man an einander gekettet sei.
Was wären unsre Freuden, wo kein Harm ihren Werth erhöhte? Ein Edelgestein
ohne Folie, ermüdendes Einerlei!
Siebentes Kapitel.
Ein Adelsbrief -- ein Rittergut -- Verlobung
und -- --
In der Nachbarschaft des Grafen von Duur lag ein ansehnliches Rittergut, zu
welchem das Dorf _Sorbenburg_ und eine vortreffliche Jagd gehörten. Der
Besizzer des Gutes war schon seit etlichen Jahren gestorben; die Erben
hatten seit eben so langer Zeit diesen Landsiz verpachtet und zulezt zum
Verkauf ausgeboten.
Unser _Onkel_ machte Spekulation darauf, aber er fand es immer zu theuer.
»Herr Graf,« sagte _Holder_ an einem Tage zu ihm; »wenn _Sorbenburg_ mein
wär, und ich hielt um _Rikchens_ Hand an, würde sie mir abgeschlagen
werden?«
Der Alte schmollte und sagte: »Mein Seel, wäre _Sorbenburg_ Ihnen, so trüg
ich Ihnen meine Niece selber an.«
»Ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort!« erwiederte _Holder_; nun mus ich
meine Baarschaft einmal nachzählen!
Jezt arbeitete Holder ämsiger auf seinem Zimmer, als je. Täglich versandte
und bekam er Briefe, und weder der _Graf_ noch _Rikchen_ erfuhren wohin,
warum und mit wem er so stark korrespondirte. Zuweilen war _Holder_ sehr
schwermüthig; weder die Naivetäten des _Fräuleins_ noch die Laune des Alten
waren vermögend ihm ein Lächeln abzugewinnen, in sich verschlossen saß er
dann da, theillos an den Gesprächen und Scherzen der übrigen, und grübelte.
Fragte man ihn deswegen, so erhielt man jedesmal zur Antwort: mein Glük und
mein Unglück fließt aus einer Quelle, die ich niemanden offenbaren kann.
Indessen diese Launen, oder wie man es nennen soll, waren selten, der
größte Theil der Tage verfloß im Duurschen Schlosse heiter. _Florentin_
wäre gern Theilnehmer derselben gewesen, allein zum Unglük, oder soll man
es Glück nennen? wurde er so schnell nach der Residenz berufen, um dort dem
_Herzog_ vorgestellt zu werden, daß er nicht einmal einige Tage Zeit hatte,
nach Hause zu reisen.
Dieser _Herzog_ war erst seit einem Monate an der Regierung; es war eben
derjenige Prinz, welchen _Holder_ vom Tode gerettet, hatte, ein Herr von
sieben und zwanzig Jahren. _Florentin_ gefiel ihm, und er gab ihm den
Karakter eines Kammerherrn. _Florentin_ meldete seiner Familie dies
unerwartete Glük; der _Onkel_ jauchzte, sah seinen Neveu schon als ersten
Minister am Herzoglichen Throne, _Rikchen_ hüpfte, küßte bald den _Onkel_,
bald den lieben _Holder_ -- alles war Freude.
Der _Graf_ stellte nach seiner Art ein kleines Fest an; der benachbarte
Adel wurde dazu eingeladen, und ein halbes hundert Burgunder- Champagner-
und Ungerflaschen waren bestimmt an dem feierlichen Tage auf _Florentins_
Wohlsein geleert zu werden.
Auch _Holdern_ war der Tag merkwürdig, denn der Fürst hatte sich seiner
erinnert, und ihn aus Dankbarkeit in den Adelstand erhoben, nebst
Verleihung des Gutes _Sorbenburg_. _Holder_ war bestürzt, der _Onkel_ noch
mehr. _Rikchen_, aber glaubte izt ihn weniger rükhaltend lieben zu dürfen,
und überließ sich deßwegen ganz dem süßen Glükke.
»Nun halt' ich Wort,« sagte der _Onkel_ im Zirkel der ganzen Gesellschaft:
»Nun halt' ich Wort, und gebe dem Herrn von _Sorbenburg_ die Gräfin von
Duur zur Gemahlin!« -- --
_Rikchen_ stand hocherröthend, neben ihrem Geliebten, in jungfräulicher
Schaamhaftigkeit. Sie hörte die Worte, hörte sie gern und senkte den
liebeschwimmenden Blick zu Boden. _Holder_ dankte dem Grafen, _Rikchen_
küßte ihm die Hand, die Gesellschaft der übrigen Herrn und Damen stattete
ihre Glükwünsche ab.
Ich mahle die einzelnen Scenen dieses wonniglichen Festes nicht, ich sage
nur dies, daß es eines der frölichsten in der Duurschen Familie war, daß
jeder erst spät in der Nacht von Wein und Freude berauscht zu Bette ging,
und daß am folgenden Tage -- ach! _Holder_ verschwunden war.
Man hatte um die Morgendämmrung die gewöhnlichen Pistolenschüsse wieder
gehört, sodann einigen Tumult auf _Holders_ Zimmer, aber nicht weiter
darauf geachtet. Er war und blieb verschwunden; vergebens streifte man zu
Fuß und Pferde durch die ganze Gegend, man fand keine Spur von ihm. Sein
Zimmer war von innen verriegelt; ein Fenster nach dem Felde zu stand offen;
alles lag auf der Stube verwildert durch einander geworfen, an der Erde,
auf Stühlen und Tischen; einen Zettel fand man auf welchem die flüchtig
geschriebnen Worte standen: »_Leben Sie wohl, ich komme wieder!_«