Was sagst du zu dieser durchs Verkleinern und Ausschneiden noch
unendlich verrenkten Weiblichkeit?
_Anhang_
einiger Briefe
von
_Goethe_
an den Buchhändler
_Reich_.
Franckf. am 20. Febr. 70.
Theuerster Herr Reich,
Es giebt gemischte Empfindungen, die Mendelsohn so richtig zeichnen, und
Wieland so süsse mahlen kann, und von denen wir andre schweigen müssen.
Davon war es eine die mich überfiel, als ich Ihren lieben Brief, mit dem
angenehmsten Geschencke erhielt.
Nichts war mir neu. Denn dass Wieland so ein Autor ist, dass Sie so ein
Verleger und so gütig gegen mich sind, das weiss ich seitdem ich Sie und
Wielanden kenne; allein in dem Grade! unter diesen Umständen! war mir
alles neu. Meine Danckbarkeit werden Sie leicht nach dem Werth Ihrer
Freundschafft, nach der Fürtrefflichkeit des Buchs, und nach dem
Vergnügen messen können, das man in dieser Franckfurter Hungersnoth des
guten Geschmacks, sehr lebhafft fühlen muss, wenn man ein neues Buch
geschwind in die Hände kriegt. Und auch darum lasse ich meine
Erkenntlichkeit gerne schweigen; denn wahrhaftig Sie müssten sehr müde
werden Dancksagungen anzuhören, wenn Ihre besondere Gütigkeit, nicht
gleich iedem den Sie verbinden, ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen
auflegte.
Oesers Erfindungen haben mir eine neue Gelegenheit gegeben, mich zu
seegnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe. Fertigkeit oder Erfahrung
vermag kein Meister seinem Schüler mitzutheilen, und eine Uebung von
wenigen Jahren, thut in den bildenden Künsten, nur was mittelmässiges;
auch war unsre Hand, nur sein Nebenaugenmerck; er drang in unsre Seelen,
und man musste keine haben um ihn nicht zu nutzen.
Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folgen haben. Er lehrte mich,
das Ideal der Schönheit sey Einfalt und Stille, und daraus folgt, dass
kein Jüngling Meister werden könne. Es ist ein Glück wenn man sich von
dieser Wahrheit nicht erst durch eine traurige Erfahrung zu überzeugen
braucht. Empfehlen Sie mich meinem lieben Oeser.
Nach ihm und Schäckespearen, ist Wieland noch der einzige, den ich für
meinen ächten Lehrer erkennen kann, andre hatten mir gezeigt dass ich
fehlte, diese zeigten mir wie ichs besser machen sollte.
Meine Gedancken über den Diogenes werden Sie wohl nicht verlangen.
Empfinden und schweigen ist alles was man bei dieser Gelegenheit thun
kann; denn so gar loben soll man einen grosen Mann nicht, wenn man nicht
so gros ist wie er. Aber geärgert habe ich mich schon auf Wielands
Rechnung, und ich glaube mit Recht. Wieland hat das Unglück offt nicht
verstanden zu werden, vielleicht ist manchmal die Schuld sein, doch
manchmal ist sie es nicht, und da muss man sich ärgern wenn Leute ihre
Missverständnisse dem Publicko für Erklärungen verkaufen. Jüngst sagte
ein Recensent: die Rede vom Mann im Monde sey eine feine Satyre auf die
Philosophie der _damaligen_ Zeiten, und ihre Thorheit. Wem könnte so was
einfallen? doch ia! Er hat einen Gesellschaffter an dem Uebersetzer des
Agathon. ^Tableau des moeurs de l'ancienne Grece!^ So ohngefähr wird der
Tittel seyn. Ich glaube der Mensch hielte das Buch für eine
Archaiologie.
Ich weiss nicht ob sich W. auch drüber ärgert, wenigstens hätte er's
Ursach.
Wenn Sie diesem grosen Autor, Ihrem Freunde schreiben, oder ihn
sprechen, so haben Sie die Gütigkeit, ihm einen Menschen bekannt zu
machen, der zwar nicht Mann's genung ist seine Verdienste zu schätzen,
aber doch ein genung zärtliches Herz hat sie zu verehren; mit dessen
aufrichtigster Empfindung er sich auch nennt,
Ihren ergebensten Diener
_Goethe_.
Hochedelgebohrner
insonders Hochzuehrender Herr.
Es ist mir sehr angenehm gleich mit dem Anfange des Neueniahrs
Gelegenheit zu finden Sie an Ihre alte Gewogenheit gegen mich zu
erinnern. Lavater trägt mir auf Ihnen beigehenden Anfang des
Phisiognomischen Manuscripts zu übersenden mit dem es folgende Bewandniß
hat. Die Uebersezung der Einleitung habe ich zu besorgen, dahingegen Sie
die Fragmente selbst von ^p.^ 7. an von Herrn Hubern übersezen laßen
werden. ^p.^ 17. wo ein + mit Bleistifft gezeichnet stehet, wie auch
^p.^ 21. werden vielleicht noch einige Zusäze eingesandt werden, sollten
diese aber außen bleiben, so ist an beiden Orten zur Nachricht der Sezer
schon angemerkt daß diese Zeichen auf weiter nichts Beziehung haben.
Wollten Sie mir den Empfang dieser Papiere gefälligst berichten, und
zugleich etwa sonst einiges zu Beförderung und Ausführung dieses Werks
gehöriges mir zu wißen thun, so will ich alles mit dem besten Eifer
besorgen, da ohnedem die Spedition des Manuscripts meistens durch meine
Hände gehen wird, da ich denn öfters die Ehre haben werde Sie derienigen
Hochachtung zu versichern mit der ich mich nenne
Frankfurt den 2. Jenner
1775.
Ew. Hochedelgeb.
ganz ergebensten Diener
_Goethe_.
Frankfurt den 14. Hornung 1775.
Ihr leztes geehrtes Schreiben habe durch Herrn Jonas richtig erhalten,
wie auch gestern die Probebogen die ich sogleich weiter spediren werde.
Wegen der Vignetten hab ich schon an Lavatern geschrieben. Der Judas
nach Holbein ist nicht Vignette sondern große Platte, und ich glaube
zuverläßig der Christus auch, ob ich ihn gleich noch nicht gesehn habe,
doch das sollen Sie mit einander hören. Vielleicht hat Ihnen Herr Jonas
geschrieben was wir auf ihr leztes vor das erste vorgekehrt. Da das
Bücher-Commissariat eine förmliche Anzeige verlangt, so wird solche der
Herr Bruder in Büdingen verfertigen, worinne die Darlegung des vierten
und fünften Theils Gellertischer Schrifften, den klarsten und
einfachsten Beweis gebrochener Kayserl. allerhochster Verfügung abgiebt,
da ich denn gerathen habe, dass man von der Commission ein
Requisitionschreiben an den Magistrat verlangen soll, wordurch
derselbige in Obliegenheit gesezt wird wenigstens vorerst gegen den
Schiller zu verfahren. Was die Niederlage der Sächsischen Bücher allhier
betrifft, sehe ich die Sache zu wenig ein, als dass ich eine gegründete
Meinung darüber fassen könnte, schweer würde es immer seyn einen
Buchhändler dazu zu finden und zu engagiren. Was ich in dieser Sache
dienen kann werd ich mit viel Vergnügen thun. Belieben Sie mich nur mit
gefälliger Nachricht und Weisung zu versehen.
Mit der gestrigen Post sind abermals Zugaben zu dem neunten
Phisiognomischen Fragmente an Sie abgegangen, wobei zugleich ein
Einschluß an Hrn. Prof. Oeser ist den ich gütig abzugeben bitte.
_Goethe_ Dr.
Ich bitte Sie lieber Hr. Reich mir unschweer zu melden, wie lange Zeit
ich habe biss ich wieder etwas Manuscript zu schicken brauche -- die
Ursache ist die -- Aus Lavaters Hand liegt nun alles fertig bey mir,
aber ich möchte noch einige Zugaben machen, woran ich würcklich
angefangen habe -- Indessen kann alles wenns _seyn muss_ stündlich an
Sie abgehn. Leben Sie recht wohl.
Erfurt d. 28. May 1775.