G.

43.

Ohne Datum.

Sonntag Nachts. Ich will wenigstens wieder einmal einen Brief an dich

anfangen, daß wir uns nur einmal wieder berühren. Eine herrliche

Mondennacht! ich bin über die Wiese nach meinem Garten eben

herausgegangen, habe mich in Nachtdämmer gelezt und denke an dich. --

Lieber Br. daß du just so geplagt seyn mußt zur Zeit da ich so glücklich

bin, da mir das Schicksal einen ganz reinen Moment bereitet, daß ich

nicht müßig sey, eine würkende Entfaltung für die Zukunft. Gute Nacht.

Montag d. 26. heut ist deine Büste von Frankfurt angekommen glücklich,

hat mir viel Freude gemacht. Hier hast du einen Schatten vom Herzog. --

Ich fühl' erst iezo wie weit wir aus einander kommen sind, ich kann dir

nichts schreiben. Resultate und Abstraktionen mag ich nicht, Geschichten

und Einzelnheiten kann ich nicht.

Freytag d. 30. Ich will dir nur das grade schicken. Denn mehr kann ich

doch jezt nicht sagen. Grüs Bäben, Dank der Herzlichen für ihren Brief.

Hier ein paar Zeilen meines Gefühls auf dem Türinger Walde geschrieben

d. 3. Aug. Morgends unter dem Zeichnen.

Dem Schicksaal.

Was weis ich was mir hier gefällt

In dieser engen kleinen Welt

Mit leisem Zauberband mich hält!

Mein Carl und ich vergessen hier

Wie seltsam uns ein tiefes Schicksal leitet

Und, ach ich fühls, im Stillen werden wir

Zu neuen Scenen vorbereitet.

Du hast uns lieb du gabst uns das Gefühl:

Daß ohne dich wir nur vergebens sinnen,

Durch Ungeduld und glaubenleer Gewühl

Voreilig dir niemals was abgewinnen.

Du hast für uns das rechte Maas getroffen

In reine Dumpfheit uns gehüllt,

Daß wir, von Lebenskraft erfüllt,

In holder Gegenwart der lieben Zukunft hoffen.

Ade, grüs Kaysern, dank ihm für die Musik. Denkt denn dein Wibele noch

an mich und hat sie mich noch lieb. Der Gr. Wartensleben hab ich

gerathen ihren Sohn nach Dessau zu thun. Hier ihre Silhouette.

Schreib mir doch!

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 51 / 54 题