G.

34.

Wenn ich ein Quartblat von dir sehe, ergözze ich mich iederzeit, Dank

für deine beyden Briefe.

Ueber die Gemählde möcht ich wohl gegenwärtig mit dir sprechen wie über

vieles! Warum sind wir so ferne.

Daß dir meine Büste lieb war macht mir grose Freude um meinet und des

Künstlers willen. Der Herzog schickt sie dir, wie auch den crayonirten

Kopf -- sag ihm etwas über Beydes.

Ja lieber Bruder du könntest mich schon von manchem fliegenden Fieber

des Grimms reinigen, was könnte nicht die _Liebe des Alls_ wenn es

lieben kann wie _wir_ lieben. In mir reinigt sichs unendlich, und doch

gesteh ich gerne, Gott und Satan, Höll' und Himmel, die du so schön

bezeichnest, in mir Einem. Oder vielmehr, mein lieber, mögt ich das

Element woraus des Menschen Seele gebildet ist, und worin sie lebt, ein

_Feegfeuer_ nennen, worinn alle höllischen und himmlischen Kräfte

durcheinander gehn und würcken.

Ueber Woldemars Kreuzerhöhungsgeschichte kann ich dir nichts sagen, das

_Facktum_ ist wahr. Eigentlich ists eine verlegene und verjährte

Geschichte, eine Albernheit, die du am besten ignorirst. Wenn ich Papier

und Zeit verderben möchte, so könnt ich dir wohl das nähere sagen, es

ist aber nicht der Mühe werth. Sehn wir uns wieder und es fällt dir ein,

so frage. Da du mich kennst, solltest du dir's in _Ahndung_ erklären

können. Der leichtsinnig trunkne Grimm, die muthwillige Herbigkeit, die

das _halb gute_ verfolgen, und besonders gegen den Geruch von

_Prätension_ wüthen, sind dir in mir zu wohl bekannt. Und die nicht

schonenden launigen Momente voriger Zeiten weist du auch.

Viel von diesem allem wird verschlungen in thätiger Liebe. Vielleicht

von den ^Erreurs de la vérité^ ein andermal mehr. Möchtest du mir auch

von deinem innern etwas entdecken!

Tobler ist gar lieb, ich kann offen gegen ihn seyn. Knebel hat ihm

Quartier gegeben. Es wird dir auch wohl thun durch ihn von uns zu hören.

Er erinnert mich in Momenten recht lebhafft an dich. Besonders wenn er

munter und scherzhaft wird.

Ists wahr, was ich in den Zeitungen lese, daß der Abbt Raynal den drey

ersten Eidgenossen auf der Imgrütlins Wiese ein Monument will aufrichten

lassen? Der 30. Fus hohe Obelisk wird sich armselig ausnehmen zwischen

der ungeheuren Natur. Was sich der Mensch doch mit seiner Nadelspizze

von Marmor einbildet, ich hoffe es soll nicht zu Stande kommen. Ihr

Monument ist eure Constitution.

Adieu liebster der Menschen. Spreche manchmal einen Seegen auf meine

Büste, daß ich auch das geniese. Schreibe mir viel, und stihl dir eine

Viertelstunde für mich. Ich heise Legion, du thust vielen wohl wenn du

mir wohl thust.

den 7. May 1781.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 40 / 54 题