G.

33.

Zum Morgengruß erhalt ich deinen Brief vom 31. März.

In dem Buche ^des Erreurs et de la vérité^ das ich angefangen habe,

welche Wahrheit! und welcher Irrthum! Die tiefsten Geheimnisse der

wahrsten Menschheit mit Strohseilen des Wahns und der Beschränktheit

zusamen gehängt.

In der Silhouette hätt ich so viel _innerliches_ nicht gesucht, mehr

_sinnliches_.

Wenn ich vom alten König höre ist mirs als wenn mich _der Prediger_ auf

einen hohen Berg führte, und mich dort einen Trauerblick auf die

Menschen und ihre Herrlichkeit thun hiese. Dem Kayser gönne ich allen

Seegen. Gieb acht! gieb acht! sein Kopf steht gut. Irr ich nicht sehr,

so fehlts am Herzen, das zum grosen Menschen, zur That wie zur Kraft,

unentbehrlich ist, und durch Vernunft nicht zu ersezzen ist.

Die nächsten Wochen des Frühlings sind mir sehr geseegnet, ieden Morgen

empfängt mich eine neue Blume und Knospe. Die stille, reine, immer

wiederkehrende Leidenlose Vegetation tröstet mich oft über der Menschen

Noth, ihre moralischen noch mehr phisischen Uebel.

Hast du bey deiner Reise durch Colmar auf einen jungen Grafen

Wartensleben geachtet, seine Mutter schrieb dir einmal über ihn? Sag mir

etwas was du dich von ihm erinnerst.

Die Gemählde erwart ich also stündlich von Leipzig und freue mich sehr

darauf. Grüß Frau und Kinder.

den 9. Apr. 81.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 39 / 54 题