G.

27.

Ostheim vor d. Rhön, August 1780.

Erst heute erhalte ich deine Briefe vom 2ten und 9ten dieses Monats, wir

sind in einigen entfernten Aemtern gewesen des Fürstenthums Isenach, und

sahen verschiedene neue, gute und nüzliche Veranstaltungen in der Nähe,

die seit vergangenem Frühjahr im Werck sind.

Das Tagewerck das mir aufgetragen ist, das mir täglich leichter und

schwerer wird, erfordert wachend und träumend meine Gegenwart, diese

Pflicht wird mir täglich theurer, und darinn wünscht ich's den größten

Menschen gleich zu thun, und in nichts _größerm_. Diese Begierde, die

Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so

hoch als möglich in die Luft zu spizzen, überwigt alles andere, und läßt

kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf mich nicht säumen, ich bin

schon weit in den Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksaal

in der Mitte, und der Babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet.

Wenigstens soll man sagen es war kühn entworfen, und wenn ich lebe,

sollen wills Gott die Kräffte bis hinauf reichen.

Auch thut der Talismann einer schönen Liebe womit die St. mein Leben

würzt sehr viel. Sie hat meine Mutter, Schwester, und Geliebten nach und

nach geerbt, und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der Natur

sind.

Adieu Liebster, bleibe mir nah im Geist. Mit den Dürers die langsam

gehen, kommen Blumen und Kräuterbüschel die ich am Weg sammle. Laß sie

nur wenige sehen, und nur keinen prätendirenden Schriftsteller, die

Buben haben mich von ieher _aus_ und _nach_geschrieben, und meine Manier

vor dem Publiko lächerlich und stinckend gemacht.

Schicke mir was dich däucht.

Auf deine Offenbarung wart ich, deine Veränderungen sollen mir

Unterhaltung mit dir und ein Studium ächter Kritik seyn.

Herder fährt fort sich und andern das Leben sauer zu machen.

Der Herzog ist sehr gut und brav. Wenn ich nur noch einigen Raum für ihn

von den Göttern erhalten kann. Die Fesseln an denen uns die Geister

führen, liegen ihm an einigen Gliedern gar zu enge an, da er an andern

die schönste Freiheit hat.

Seitdem ich keine Phisiognomische Prätension mehr mache, wird mein Sinn

sehr scharf und lieblich, ich weiß fast in der ersten Minute wie ich mit

den Leuten dran bin.

Im Phisiognomischen sind mir einige Hauptpunkte deutlich geworden, die

dir wohl längst nichts neues sind, mir aber von Wichtigkeit wegen der

Folgen.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 32 / 54 题