A. d. H. ]

Und daß du mich immer mit Zeugnissen packen willst! Wozu die? Brauch ich

Zeugniß daß ich bin? Zeugniß daß ich fühle? -- Nur so schäz, lieb, bet

ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie tausende oder einer vor mir

eben das gefühlt haben, das mich kräftiget und stärket.

Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes es mögens Pfaffen oder

Huren gesammelt und zum Canon gerollt oder als Fragmente hingestreut

haben. Und mit inniger Seele fall ich dem Bruder um den Hals. Moses!

Prophet! Evangelist! Apostel, Spinoza oder Machiavell. Darf aber auch zu

iedem sagen, lieber Freund geht dirs doch wie mir! Im einzelnen sentirst

du kräfftig und herrlich, das Ganze ging in euern Kopf so wenig als in

meinen.

2.

An Lavatern.

Dein Schwager bringt dir nichts. Doch will ich verschaffen daß ein Mspt.

dir zugeschickt werde. Denn bis zum Druck währts eine Weile. Du wirst

grosen Teil nehmen an den Leiden des lieben Jungen den ich darstelle.

Wir gingen neben einander, an die sechs Jahre ohne uns zu nähern. Und

nun hab ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen und so machts

ein wunderbares Ganze.

Da schick ich dir ein Profil. Der Kerl (sagt man) war Steuermann, hat in

der Sklaverey zu Tunis viel ausgestanden, und zieht nun in der Welt

herum Mitleiden zu erregen. Ich hab ihn nach dem Leben gezeichnet. Das

ist nur indeß flüchtige Copie davon, das Original drückt besser den

Eigensinn im Leiden, und das niedergedrückte einer starken Menschheit

aus. Du sollsts auch haben.

Die Stirn Höhe ist übertrieben. Oder vielmehr sas er zu Zeiten mehr als

Profil, da wölbte es sich so stark. Adieu Bruder ich bin nicht laß, so

lang ich auf der Erde bin erobre ich wenigstens gewiß meinen Schritt

Lands täglich! Steiner hat gefunden daß mein Portrait das du hast nicht

ich sey. Er ist ein gar lieber Mann.

Am 26. Apr. 1774.

3.

Zimmermann ist fort, und ich bin bis zehn Uhr im Bette liegen blieben um

einen Catharr auszubrüten, mehr aber um die Empfindung häuslicher

Innigkeit wieder in mir zu beleben, die das gottlose Geschwärme der Tage

her ganz zerflittert hatte. Vater und Mutter sind vors Bett gekommen, es

ward vertraulich diskurirt, ich hab meinen Thee getrunken und so ists

besser. Ich hab wieder ein Wohngefühl in meinen vier Wänden, wie lange

es währt.

Z. und ich waren trefflich zusammen -- du stellst dirs vor. Und hätte

dir vieles zu sagen. Sein Betragen gegen dich bleibt besser

unentschuldigt, es ist besser daß einem so was unerklärlich bleibt --

ich habe ihn sehr darüber gepeinigt, ob er gleich mit einer ^Captat.

benev.^ die Geschichte anfieng. Seine Tochter ist so in sich, nicht

verriegelt, nur zurückgetreten ist sie, und hat die Thüre leis

angelehnt. Es würde sie ein leise lispelnder Liebhaber eher als ein

pochender Vater öffnen. Es that ihm sehr weh dich so geängstet zu haben,

und du Guter es wird dir nicht das Leztemal so gegangen seyn.

^C'est le Sort d'un Amour extreme^

^De faire toujours des Ingrats.^

Mir wird ie länger ie mehr das Treiben der Welt und der Herzen

unerklärlich. Einzelne Züge die sich überall gleichen, und doch nie

daran zu denken daß der große menschliche Kopf ein Ganzes der Menschen

Wirthschafft übersehen werde.

Hab gestern ein Bisgen über die vier Wahnsinnigen und Brutus geklimpert.

Bruder wie schwer ists das todte Kupfer zu beleben, wo der Charackter

durch mißverstandene Striche nur durchschimmert, und man immer schwankt

warum das _was_ bedeutet und doch _nichts_ bedeutet. Beym Leben wie

anders!

Es giebt der Zerstreuungen die Menge. Der Herzog von Weimar ist hier,

wird nun bald Louisen davon tragen. Könntest mir nicht einen

Storchschnabel senden. Grüs Bäben, sie soll mir doch etwas über sich und

dich schreiben!

Ich bin seit 14. Tagen ganz im Schauen der grosen Welt!

Juny 1775.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 2 / 54 题