_Crescence._ Aber so sag mir doch nur ein Wort! So erklär' mir nur --
_Hans Karl._ Da ist nichts zu erklären. Wie ich aus dem Kasino gegangen
bin, war ich aus bestimmten Gründen vollkommen entschlossen, morgen früh
abzureisen. Das war an der Ecke von der Freyung und der Herrengasse.
Dort ist ein Café, in das bin ich hineingegangen und hab' von dort aus
nach Haus telephoniert; dann wie ich aus dem Kaffeehaus herausgetreten
bin, da bin ich, anstatt wie meine Absicht war, über die Freyung
abzubiegen -- bin ich die Herrengasse heruntergegangen und wieder hier
hereingetreten -- und da hat sich die Helen -- $(er streicht sich über
die Stirn.)$
_Crescence._ Aber ich lass' ihn ja schon. $(Sie geht zu Stani hinüber,
der sich etwas im Hintergrund gesetzt hat.)$
_Hans Karl_ $(gibt sich einen Ruck und geht auf Hechingen zu, sehr
herzlich)$. Ich bitt' mir alles Vergangene zu verzeihen, ich hab'
in allem und jedem unrecht und irrig gehandelt und bitt', mir meine
Irrtümer alle zu verzeihen. Über den heutigen Abend kann ich im Detail
keine Auskunft geben. Ich bitt', mir trotzdem ein gutes Andenken zu
bewahren. $(Reicht ihm die Hand.)$
_Hechingen_ $(bestürzt)$. Du sagst mir ja Adieu, mein Guter! Du hast
Tränen in den Augen. Aber ich versteh' dich ja, Kari. Du bist der wahre,
gute Freund, unsereins ist halt nicht imstand', sich herauszuwursteln
aus dem Schicksal, das die Gunst oder Nichtgunst der Frauen uns
bereitet, du aber hast dich über diese ganze Atmosphäre ein für allemal
hinausgeschoben --
_Hans Karl_ $(winkt ihn ab)$.
_Hechingen._ Das kannst du nicht negieren, das ist dieses gewisse Etwas
von Superiorität, das dich umgibt, und wie im Leben schließlich alles
nur Vor- oder Rückschritte macht, nichts stehen bleibt, so ist halt um
dich von Tag zu Tag immer mehr die Einsamkeit des superioren Menschen.
_Hans Karl._ Das ist ja schon wieder ein kolossales Mißverständnis! $(Er
sieht ängstlich nach rechts, wo in der Tür zum Wintergarten Altenwyl mit
einem seiner Gäste sichtbar geworden ist.)$
_Hechingen._ Wie denn? Wie soll ich mir diese Worte erklären?
_Hans Karl._ Mein guter Ado, bitt' mir im Moment diese Erklärung und
jede Erklärung zu erlassen. Ich bitt' dich, gehen wir da hinüber, es
kommt da etwas auf mich zu, dem ich mich heute nicht mehr gewachsen
fühle.
_Hechingen._ Was denn, was denn?
_Hans Karl._ Dort in der Tür, dort hinter mir!
_Hechingen_ $(sieht hin)$. Es ist doch nur unser Hausherr, der Poldo
Altenwyl --
_Hans Karl._ -- der diesen letzten Moment seiner Soiree für den
gegebenen Augenblick hält, um sich an mich in einer gräßlichen Absicht
heranzupirschen; denn für was geht man denn auf eine Soiree, als daß
einen jeder Mensch mit dem, was ihm gerade wichtig erscheint, in der
erbarmungslosesten Weise über den Hals kommt!
_Hechingen._ Ich begreif' nicht --
_Hans Karl._ Daß ich in der übermorgigen Herrenhaussitzung mein Debüt
als Redner feiern soll. Diese scharmante Mission hat er von unserm Klub
übernommen, und weil ich ihnen im Kasino und überall aus dem Weg geh',
so lauert er hier in seinem Haus auf die Sekunde, wo ich unbeschützt
dasteh'! Ich bitt' dich, sprich recht lebhaft mit mir, so ein bissel
agitiert, wie wenn wir etwas Wichtiges zu erledigen hätten.
_Hechingen._ Und du willst wieder refüsieren?
_Hans Karl._ Ich soll aufstehen und eine Rede halten, über
Völkerversöhnung und über das Zusammenleben der Nationen -- ich, ein
Mensch, der durchdrungen ist von einer Sache auf der Welt: daß es
unmöglich ist, den Mund aufzumachen, ohne die heillosesten Konfusionen
anzurichten! Aber lieber leg' ich doch die erbliche Mitgliedschaft
nieder und verkriech' mich zeitlebens in eine Uhuhütten. Ich sollte
einen Schwall von Worten in den Mund nehmen, von denen mir jedes
einzelne geradezu indezent erscheint!
_Hechingen._ Das ist ein bisserl ein starker Ausdruck.
_Hans Karl_ $(sehr heftig, ohne sehr laut zu sein)$. Aber alles,
was man ausspricht, ist indezent. Das simple Faktum, daß man etwas
ausspricht, ist indezent. Und wenn man es genau nimmt, mein guter Ado,
aber die Menschen nehmen eben nichts auf der Welt genau, liegt doch
geradezu etwas Unverschämtes darin, daß man sich heranwagt, gewisse
Dinge überhaupt zu erleben! Um gewisse Dinge zu erleben und sich dabei
nicht indezent zu finden, dazu gehört ja eine so rasende Verliebtheit
in sich selbst und ein Grad von Verblendung, den man vielleicht als
erwachsener Mensch im innersten Winkel in sich tragen, aber niemals sich
eingestehen kann! $(Sieht nach rechts.)$ Er ist weg. $(Will fort.)$
_Altenwyl_ $(ist nicht mehr sichtbar)$.
_Crescence_ $(tritt auf Kari zu.)$ So echappier er doch nicht! Jetzt muß
er sich doch mit dem Stani über das Ganze aussprechen.
_Hans Karl_ $(sieht sie an)$.
_Crescence._ Aber er wird doch den Buben nicht so stehen lassen!
Der Bub' beweist ja in der ganzen Sache eine Abnegation, eine
Selbstüberwindung, über die ich geradezu starr bin. Er wird ihm doch ein
Wort sagen. $(Sie winkt Stani, näherzutreten.)$
_Stani_ $(tritt einen Schritt näher)$.
_Hans Karl._ Gut, auch das noch. Aber es ist die letzte Soiree, auf
der sie mich erscheinen sieht. $(Zu Stani, indem er auf ihn zutritt)$.
Es war verfehlt, mein lieber Stani, meiner Suada etwas anzuvertrauen
$(reicht ihm die Hand)$.
_Crescence._ So umarm' er doch den Buben! Der Bub' hat ja doch in dieser
Geschichte eine Tenue bewiesen, die ohnegleichen ist.
_Hans Karl_ $(sieht vor sich hin, etwas abwesend)$.
_Crescence._ Ja, wenn er ihn nicht umarmt, so muß doch ich den Buben
umarmen für seine Tenue.
_Hans Karl._ Bitte das vielleicht zu tun, wenn ich fort bin. $(Gewinnt
schnell die Ausgangstür und ist verschwunden.)$