Dreizehnte Szene

_Crescence._ Aber so sag mir doch nur ein Wort! So erklär' mir nur --

_Hans Karl._ Da ist nichts zu erklären. Wie ich aus dem Kasino gegangen

bin, war ich aus bestimmten Gründen vollkommen entschlossen, morgen früh

abzureisen. Das war an der Ecke von der Freyung und der Herrengasse.

Dort ist ein Café, in das bin ich hineingegangen und hab' von dort aus

nach Haus telephoniert; dann wie ich aus dem Kaffeehaus herausgetreten

bin, da bin ich, anstatt wie meine Absicht war, über die Freyung

abzubiegen -- bin ich die Herrengasse heruntergegangen und wieder hier

hereingetreten -- und da hat sich die Helen -- $(er streicht sich über

die Stirn.)$

_Crescence._ Aber ich lass' ihn ja schon. $(Sie geht zu Stani hinüber,

der sich etwas im Hintergrund gesetzt hat.)$

_Hans Karl_ $(gibt sich einen Ruck und geht auf Hechingen zu, sehr

herzlich)$. Ich bitt' mir alles Vergangene zu verzeihen, ich hab'

in allem und jedem unrecht und irrig gehandelt und bitt', mir meine

Irrtümer alle zu verzeihen. Über den heutigen Abend kann ich im Detail

keine Auskunft geben. Ich bitt', mir trotzdem ein gutes Andenken zu

bewahren. $(Reicht ihm die Hand.)$

_Hechingen_ $(bestürzt)$. Du sagst mir ja Adieu, mein Guter! Du hast

Tränen in den Augen. Aber ich versteh' dich ja, Kari. Du bist der wahre,

gute Freund, unsereins ist halt nicht imstand', sich herauszuwursteln

aus dem Schicksal, das die Gunst oder Nichtgunst der Frauen uns

bereitet, du aber hast dich über diese ganze Atmosphäre ein für allemal

hinausgeschoben --

_Hans Karl_ $(winkt ihn ab)$.

_Hechingen._ Das kannst du nicht negieren, das ist dieses gewisse Etwas

von Superiorität, das dich umgibt, und wie im Leben schließlich alles

nur Vor- oder Rückschritte macht, nichts stehen bleibt, so ist halt um

dich von Tag zu Tag immer mehr die Einsamkeit des superioren Menschen.

_Hans Karl._ Das ist ja schon wieder ein kolossales Mißverständnis! $(Er

sieht ängstlich nach rechts, wo in der Tür zum Wintergarten Altenwyl mit

einem seiner Gäste sichtbar geworden ist.)$

_Hechingen._ Wie denn? Wie soll ich mir diese Worte erklären?

_Hans Karl._ Mein guter Ado, bitt' mir im Moment diese Erklärung und

jede Erklärung zu erlassen. Ich bitt' dich, gehen wir da hinüber, es

kommt da etwas auf mich zu, dem ich mich heute nicht mehr gewachsen

fühle.

_Hechingen._ Was denn, was denn?

_Hans Karl._ Dort in der Tür, dort hinter mir!

_Hechingen_ $(sieht hin)$. Es ist doch nur unser Hausherr, der Poldo

Altenwyl --

_Hans Karl._ -- der diesen letzten Moment seiner Soiree für den

gegebenen Augenblick hält, um sich an mich in einer gräßlichen Absicht

heranzupirschen; denn für was geht man denn auf eine Soiree, als daß

einen jeder Mensch mit dem, was ihm gerade wichtig erscheint, in der

erbarmungslosesten Weise über den Hals kommt!

_Hechingen._ Ich begreif' nicht --

_Hans Karl._ Daß ich in der übermorgigen Herrenhaussitzung mein Debüt

als Redner feiern soll. Diese scharmante Mission hat er von unserm Klub

übernommen, und weil ich ihnen im Kasino und überall aus dem Weg geh',

so lauert er hier in seinem Haus auf die Sekunde, wo ich unbeschützt

dasteh'! Ich bitt' dich, sprich recht lebhaft mit mir, so ein bissel

agitiert, wie wenn wir etwas Wichtiges zu erledigen hätten.

_Hechingen._ Und du willst wieder refüsieren?

_Hans Karl._ Ich soll aufstehen und eine Rede halten, über

Völkerversöhnung und über das Zusammenleben der Nationen -- ich, ein

Mensch, der durchdrungen ist von einer Sache auf der Welt: daß es

unmöglich ist, den Mund aufzumachen, ohne die heillosesten Konfusionen

anzurichten! Aber lieber leg' ich doch die erbliche Mitgliedschaft

nieder und verkriech' mich zeitlebens in eine Uhuhütten. Ich sollte

einen Schwall von Worten in den Mund nehmen, von denen mir jedes

einzelne geradezu indezent erscheint!

_Hechingen._ Das ist ein bisserl ein starker Ausdruck.

_Hans Karl_ $(sehr heftig, ohne sehr laut zu sein)$. Aber alles,

was man ausspricht, ist indezent. Das simple Faktum, daß man etwas

ausspricht, ist indezent. Und wenn man es genau nimmt, mein guter Ado,

aber die Menschen nehmen eben nichts auf der Welt genau, liegt doch

geradezu etwas Unverschämtes darin, daß man sich heranwagt, gewisse

Dinge überhaupt zu erleben! Um gewisse Dinge zu erleben und sich dabei

nicht indezent zu finden, dazu gehört ja eine so rasende Verliebtheit

in sich selbst und ein Grad von Verblendung, den man vielleicht als

erwachsener Mensch im innersten Winkel in sich tragen, aber niemals sich

eingestehen kann! $(Sieht nach rechts.)$ Er ist weg. $(Will fort.)$

_Altenwyl_ $(ist nicht mehr sichtbar)$.

_Crescence_ $(tritt auf Kari zu.)$ So echappier er doch nicht! Jetzt muß

er sich doch mit dem Stani über das Ganze aussprechen.

_Hans Karl_ $(sieht sie an)$.

_Crescence._ Aber er wird doch den Buben nicht so stehen lassen!

Der Bub' beweist ja in der ganzen Sache eine Abnegation, eine

Selbstüberwindung, über die ich geradezu starr bin. Er wird ihm doch ein

Wort sagen. $(Sie winkt Stani, näherzutreten.)$

_Stani_ $(tritt einen Schritt näher)$.

_Hans Karl._ Gut, auch das noch. Aber es ist die letzte Soiree, auf

der sie mich erscheinen sieht. $(Zu Stani, indem er auf ihn zutritt)$.

Es war verfehlt, mein lieber Stani, meiner Suada etwas anzuvertrauen

$(reicht ihm die Hand)$.

_Crescence._ So umarm' er doch den Buben! Der Bub' hat ja doch in dieser

Geschichte eine Tenue bewiesen, die ohnegleichen ist.

_Hans Karl_ $(sieht vor sich hin, etwas abwesend)$.

_Crescence._ Ja, wenn er ihn nicht umarmt, so muß doch ich den Buben

umarmen für seine Tenue.

_Hans Karl._ Bitte das vielleicht zu tun, wenn ich fort bin. $(Gewinnt

schnell die Ausgangstür und ist verschwunden.)$

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 59 / 60 题