Fünfte Szene

_Hechingen_ $(tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe

herunter)$.

_Antoinette_ $(ist betroffen und tritt zurück)$.

_Hechingen._ Toinette!

_Antoinette_ $(unwillkürlich)$. Auch das noch!

_Hechingen._ Wie sagst du?

_Antoinette._ Ich bin überrascht -- das mußt du doch begreifen.

_Hechingen._ Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke

meiner Chance, ich danke diesem Augenblick!

_Antoinette._ Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist

anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?

_Hechingen._ Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange

nicht angeschaut haben?

_Antoinette._ Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.

_Hechingen._ Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette. $(Er ist ihr

näher gekommen.)$

_Antoinette_ $(tritt zurück)$.

_Hechingen._ Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert

hat, wenn ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.

_Antoinette._ Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für

wen?

_Hechingen._ Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze

Frau, die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!

_Antoinette._ Ah, von mir ist die Rede!

_Hechingen._ Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen

wie du bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine

Gedanken, wie ich da oben gestanden bin! Diese Frau begehrt von allen

und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist

unser beider Schicksal. Setz dich zu mir! $(Er hat sich gesetzt, streckt

die Hand nach ihr aus.)$

_Antoinette._ Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so

alte Bekannte ist.

_Hechingen_ $(ist wieder aufgestanden)$. Ich hab' dich nicht gekannt.

Ich hab' erst andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein

andrer, ein Verwandelter.

_Antoinette._ Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir

das angewöhnt?

_Hechingen._ Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst,

Toinette, so wie er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes

wünscht, nichts anderes träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu

kennen.

_Antoinette._ Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn

ich eine Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.

_Hechingen._ Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt!

$(Will ihre Hand küssen, sie entzieht sie ihm.)$

_Antoinette._ Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein

altes Ehepaar hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch

nicht, das ist ja zum Schwindligwerden.

_Hechingen._ Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts

von unserer Situation.

_Antoinette._ Aber das ist doch eine gegebene Situation.

_Hechingen._ Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und

ich, und alles fängt wieder vom Frischen an.

_Antoinette._ Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.

_Hechingen._ Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.

_Antoinette._ Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem

alten Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich

hab' ein bissel Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahren

wollen, bevor ich gewußt hab', daß ich dich -- ich hab' doch nicht

wissen können!

_Hechingen._ Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor

dich hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer

enflammierter Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das

verwirrt dich, das macht dich taumeln. $(Will ihre Hand nehmen.)$

_Antoinette._ Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz

nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor

und ich mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu

mir einen einzigen Gefallen, laß' mich nach Haus fahren.

_Hechingen._ Oh, Antoinette!

_Antoinette._ Das heißt wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen,

so sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins!

Sag's ganz in deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.

_Hechingen_ $(betrübt und ernüchtert, schweigt)$.

_Antoinette._ So sag doch, was du mir hast sagen wollen.

_Hechingen._ Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich

einerseits zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte

mich der Hoffnung hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen

haben würde, dir von mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich

zu sprechen. Ich habe mir zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine

improvisierte Aussprache zwischen uns möglicherweise eine veränderte

Situation schon vorfindet oder wenigstens schaffen würde können. -- Ich

würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß du mir die Gelegenheit, dir

von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht gewährt hast -- ich

fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette -- langweil' ich dich

sehr?

_Antoinette._ Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch

was sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.

_Hechingen._ Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur

mich, nur mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit

auferlegt, deren Dauer du zu bestimmen hast.

_Antoinette._ Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?

_Hechingen._ Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette

--

_Antoinette._ Bitte, was ist, wenn du dich da wendest? $(Sie greift sich

an die Schläfe.)$

_Hechingen._ -- so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer

und immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen

Standpunkt zu stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines

Scharmes und deiner Freiheit sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen

entgegenwirft, so werde ich triumphierend auf das vor wenigen Minuten

hier Erlebte verweisen, auf den sprechenden Beweis, wie sehr es dir

gegeben ist, die Männer, die dich begehren und bedrängen, in ihren

Schranken zu halten.

_Antoinette_ $(nervös)$. Was denn?

_Hechingen._ Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des

XVIII. Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes

daran zu erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern

die Nuance. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du

handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.

_Antoinette_ $(dem Weinen nah)$. Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut,

aber meine Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.

_Hechingen._ Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese

Augenblicke für mich unendlich kostbar sind.

_Antoinette._ Bitte, hab' die Güte -- $(sie taumelt)$.

_Hechingen._ Ich versteh'. Ein Auto?

_Antoinette._ Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.

_Hechingen._ Sofort. $(Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem

Mantel. Indem er ihr hilft.)$ Ist das alles, was ich für dich tun kann?

_Antoinette._ Ja, alles.

_Kammerdiener_ $(an der Glastür, meldet)$. Das Auto für die Frau Gräfin.

_Antoinette_ $(geht sehr schnell ab)$.

_Hechingen_ $(will ihr nach, hält sich)$.

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 51 / 60 题