_Hechingen_ $(tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe
herunter)$.
_Antoinette_ $(ist betroffen und tritt zurück)$.
_Hechingen._ Toinette!
_Antoinette_ $(unwillkürlich)$. Auch das noch!
_Hechingen._ Wie sagst du?
_Antoinette._ Ich bin überrascht -- das mußt du doch begreifen.
_Hechingen._ Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke
meiner Chance, ich danke diesem Augenblick!
_Antoinette._ Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist
anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?
_Hechingen._ Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange
nicht angeschaut haben?
_Antoinette._ Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.
_Hechingen._ Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette. $(Er ist ihr
näher gekommen.)$
_Antoinette_ $(tritt zurück)$.
_Hechingen._ Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert
hat, wenn ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.
_Antoinette._ Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für
wen?
_Hechingen._ Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze
Frau, die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!
_Antoinette._ Ah, von mir ist die Rede!
_Hechingen._ Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen
wie du bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine
Gedanken, wie ich da oben gestanden bin! Diese Frau begehrt von allen
und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist
unser beider Schicksal. Setz dich zu mir! $(Er hat sich gesetzt, streckt
die Hand nach ihr aus.)$
_Antoinette._ Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so
alte Bekannte ist.
_Hechingen_ $(ist wieder aufgestanden)$. Ich hab' dich nicht gekannt.
Ich hab' erst andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein
andrer, ein Verwandelter.
_Antoinette._ Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir
das angewöhnt?
_Hechingen._ Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst,
Toinette, so wie er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes
wünscht, nichts anderes träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu
kennen.
_Antoinette._ Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn
ich eine Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.
_Hechingen._ Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt!
$(Will ihre Hand küssen, sie entzieht sie ihm.)$
_Antoinette._ Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein
altes Ehepaar hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch
nicht, das ist ja zum Schwindligwerden.
_Hechingen._ Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts
von unserer Situation.
_Antoinette._ Aber das ist doch eine gegebene Situation.
_Hechingen._ Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und
ich, und alles fängt wieder vom Frischen an.
_Antoinette._ Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.
_Hechingen._ Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.
_Antoinette._ Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem
alten Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich
hab' ein bissel Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahren
wollen, bevor ich gewußt hab', daß ich dich -- ich hab' doch nicht
wissen können!
_Hechingen._ Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor
dich hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer
enflammierter Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das
verwirrt dich, das macht dich taumeln. $(Will ihre Hand nehmen.)$
_Antoinette._ Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz
nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor
und ich mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu
mir einen einzigen Gefallen, laß' mich nach Haus fahren.
_Hechingen._ Oh, Antoinette!
_Antoinette._ Das heißt wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen,
so sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins!
Sag's ganz in deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.
_Hechingen_ $(betrübt und ernüchtert, schweigt)$.
_Antoinette._ So sag doch, was du mir hast sagen wollen.
_Hechingen._ Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich
einerseits zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte
mich der Hoffnung hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen
haben würde, dir von mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich
zu sprechen. Ich habe mir zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine
improvisierte Aussprache zwischen uns möglicherweise eine veränderte
Situation schon vorfindet oder wenigstens schaffen würde können. -- Ich
würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß du mir die Gelegenheit, dir
von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht gewährt hast -- ich
fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette -- langweil' ich dich
sehr?
_Antoinette._ Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch
was sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.
_Hechingen._ Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur
mich, nur mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit
auferlegt, deren Dauer du zu bestimmen hast.
_Antoinette._ Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?
_Hechingen._ Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette
--
_Antoinette._ Bitte, was ist, wenn du dich da wendest? $(Sie greift sich
an die Schläfe.)$
_Hechingen._ -- so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer
und immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen
Standpunkt zu stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines
Scharmes und deiner Freiheit sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen
entgegenwirft, so werde ich triumphierend auf das vor wenigen Minuten
hier Erlebte verweisen, auf den sprechenden Beweis, wie sehr es dir
gegeben ist, die Männer, die dich begehren und bedrängen, in ihren
Schranken zu halten.
_Antoinette_ $(nervös)$. Was denn?
_Hechingen._ Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des
XVIII. Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes
daran zu erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern
die Nuance. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du
handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.
_Antoinette_ $(dem Weinen nah)$. Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut,
aber meine Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.
_Hechingen._ Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese
Augenblicke für mich unendlich kostbar sind.
_Antoinette._ Bitte, hab' die Güte -- $(sie taumelt)$.
_Hechingen._ Ich versteh'. Ein Auto?
_Antoinette._ Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.
_Hechingen._ Sofort. $(Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem
Mantel. Indem er ihr hilft.)$ Ist das alles, was ich für dich tun kann?
_Antoinette._ Ja, alles.
_Kammerdiener_ $(an der Glastür, meldet)$. Das Auto für die Frau Gräfin.
_Antoinette_ $(geht sehr schnell ab)$.
_Hechingen_ $(will ihr nach, hält sich)$.