Vierte Szene

$Antoinette und Neuhoff kommen rechts seitwärts der Treppe aus

dem Wintergarten.$

_Antoinette._ Das war die Helen. War sie allein? Hat sie mich gesehen?

_Neuhoff._ Ich glaube nicht. Aber was liegt daran? Jedenfalls haben Sie

diesen Blick nicht zu fürchten.

_Antoinette._ Ich fürcht' mich vor ihr. So oft ich an sie denk', glaub'

ich, daß mich wer angelogen hat. Gehen wir woanders hin, wir können

nicht hier im Vestibül sitzen.

_Neuhoff._ Beruhigen Sie sich. Kari Bühl ist fort. Ich habe soeben

gesehen, wie er fortgegangen ist.

_Antoinette._ Gerade jetzt im Augenblick?

_Neuhoff_ $(versteht, woran sie denkt)$. Er ist unbemerkt und

unbegleitet fortgegangen.

_Antoinette._ Wie?

_Neuhoff._ Eine gewisse Person hat ihn nicht bis hierher begleitet und

hat überhaupt in der letzten halben Stunde seines Hierseins nicht mit

ihm gesprochen. Ich habe es festgestellt. Seien Sie ruhig.

_Antoinette._ Er hat mir geschworen, er wird ihr Adieu sagen für immer.

Ich möcht ihr Gesicht sehen, dann wüßt' ich --

_Neuhoff._ Dieses Gesicht ist hart wie Stein. Bleiben Sie bei mir hier.

_Antoinette._ Ich --

_Neuhoff._ Ihr Gesicht ist entzückend. Andere Gesichter verstecken

alles. Das Ihrige ist ein unaufhörliches Geständnis. Man könnte diesem

Gesicht alles entreißen, was je in Ihnen vorgegangen ist.

_Antoinette._ Man könnte? Vielleicht -- wenn man einen Schatten von

Recht dazu hätte.

_Neuhoff._ Man nimmt das Recht dazu aus dem Moment. Sie sind eine Frau,

eine wirkliche, entzückende Frau. Sie gehören keinem und jedem! Nein:

Sie haben noch keinem gehört, Sie warten noch immer.

_Antoinette_ $(mit einem kleinen nervösen Lachen)$. Nicht auf Sie!

_Neuhoff._ Ja, genau auf mich, das heißt auf den Mann, den Sie noch

nicht kennen, auf den wirklichen Mann, auf Ritterlichkeit, auf Güte, die

in der Kraft wurzelt. Denn die Karis haben Sie nur malträtiert, betrogen

vom ersten bis zum letzten Augenblick, diese Sorte von Menschen ohne

Güte, ohne Kern, ohne Nerv, ohne Loyalität! Diese Schmarotzer, denen ein

Wesen wie Sie immer wieder und wieder in die Schlinge fällt, ungelohnt,

unbedankt, unbeglückt, erniedrigt in ihrer zartesten Weiblichkeit!

$(Will ihre Hand ergreifen.)$

_Antoinette._ Wie Sie sich echauffieren! Aber vor Ihnen bin ich sicher,

Ihr kalter, wollender Verstand hebt ja den Kopf aus jedem Wort, das Sie

reden. Ich hab' nicht einmal Angst vor Ihnen. Ich will Sie nicht!

_Neuhoff._ Mein Verstand, ich hass' ihn ja! Ich will ja erlöst sein von

ihm, mich verlangt ja nichts anderes, als ihn bei Ihnen zu verlieren,

süße kleine Antoinette! $(Er will ihre Hand nehmen.)$

_Hechingen_ $(wird oben sichtbar, tritt aber gleich wieder zurück)$.

_Neuhoff_ $(hat ihn gesehen, nimmt ihre Hand nicht, ändert die Stellung

und den Gesichtsausdruck)$.

_Antoinette._ Ah, jetzt hab' ich Sie durch und durch gesehen, wie sich

das jäh verändern kann in Ihrem Gesicht! Ich will Ihnen sagen, was

jetzt passiert ist: jetzt ist oben die Helen vorbeigegangen, und in

diesem Augenblick hab' ich in Ihnen lesen können wie in einem offenen

Buch. Dépit und Ohnmacht, Zorn, Scham und die Lust, mich zu kriegen --

faute de mieux -- das alles war zugleich darin. Die Edine schimpft mit

mir, daß ich komplizierte Bücher nicht lesen kann. Aber das war recht

kompliziert, und ich hab's doch lesen können in einem Nu. Geben Sie sich

keine Müh' mit mir. Ich mag nicht!

_Neuhoff_ $(beugt sich zu ihr)$. Du sollst wollen!

_Antoinette_ $(steht auf)$. Oho! Ich mag nicht! Ich mag nicht! Denn

das, was da aus Ihren Augen hervorwill und mich in seine Gewalt kriegen

will, aber nur will! -- kann sein, daß das sehr männlich ist -- aber

ich mag's nicht. Und wenn das Euer Bestes ist, so hat jede einzelne von

uns, und wäre sie die Gewöhnlichste, etwas in sich, das besser ist als

Euer Bestes, und das gefeit ist gegen Euer Bestes durch ein bisserl eine

Angst. Aber keine solche Angst, die einen schwindlig macht, sondern eine

ganz nüchterne, ganz prosaische. $(Sie geht gegen die Treppe, bleibt

noch einmal stehen.)$ Verstehen Sie mich? Bin ich ganz deutlich? Ich

fürcht' mich vor Ihnen, aber nicht genug, das ist Ihr Pech. Adieu, Baron

Neuhoff. $(Neuhoff ist schnell nach dem Wintergarten abgegangen.)$

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 50 / 60 题