12. Anekdoten.

Von Friedrich Wilhelm IV, König von Preußen, werden viele sehr

unterhaltende Anekdoten erzählt, unter welchen auch folgende:

Eines Tages, als der König auf der Reise war, hielt er in einem kleinen

Dorfe an, um etwas am Wagen ausbessern zu lassen. Da er nicht sogleich

weiter fahren konnte, trat er unterdessen in die Dorfschule ein.

Es waren viele Kinder dort, und der Lehrer ließ sie lesen, schreiben,

rechnen und singen, damit der König sehen könne, wie sorgfältig er die

Kinder unterrichtet hatte. Der König hörte befriedigt zu, und als das

Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen zu Ende war stand er auf und sagte:

„Herr Lehrer, ich möchte gerne einige Fragen an die Kinder stellen,

erlauben Sie dies wohl?“

„Gewiß, Majestät, gewiß,“ erwiderte der alte Lehrer, und verbeugte sich

tief vor dem König.

„Nun, Kinder, sagte der König, jetzt habt ihr die Fragen eueres Lehrers

sehr richtig beantwortet. Jetzt wollen wir einmal sehen ob ihr meine

Fragen eben so gut beantworten könnt.“

Er nahm einen Apfel, der auf dem Pulte des Lehrers lag und fragte:

„Nun, Kinder, paßt auf. In welches Reich gehört dieser Apfel?“

Die Kinder zögerten, denn sie fürchteten sich ein wenig vor dem großen

König. Dieser wartete geduldig, und da er ein kleines Mädchen sah, das

sehr kluge, blaue Augen hatte, sagte er zu ihr:

„Kannst du mir nicht sagen, kleines Mädchen, in welches Reich dieser

Apfel gehört?“

Das kleine Mädchen antwortete sogleich: „Er gehört ins Pflanzenreich,

Herr König.“

„Das ist gut, mein Kind, das ist die richtige Antwort,“ rief der König

erfreut. „Der Apfel, so wohl wie alle Früchte und Gemüse, gehört zur

Pflanzenwelt.“

Jetzt sagte er, ein Goldstück aus der Tasche nehmend: „Könnt ihr mir

sagen, Kinder, in welches Reich dieses Goldstück gehört?“

Die Kinder blieben wieder stumm. Nur das kleine, blauäugige Mädchen

sagte endlich schüchtern:

„Das Goldstück gehört in das Mineralreich, Herr König.“

„Du hast wieder richtig geantwortet, mein Kind,“ rief der König freudig

aus. „Wer kann aber jetzt meine dritte und letzte Frage beantworten?

Welchem Reiche gehöre ich an?“

Die Kinder schwiegen wieder alle. Der König wartete eine Zeitlang sehr

geduldig, dann wiederholte er seine Frage, aber vergebens. Endlich

fielen seine Augen wieder auf das kleine Mädchen und er sagte gütig:

„Nun, mein Kind, du hast bisher meine Fragen so richtig beantwortet,

kannst du diese nicht auch beantworten? Weißt du es nicht?“

„Ja, Herr König, ich ~weiß~ es schon,“ erwiderte das Mädchen, wurde

aber rosenrot und verstummte wieder.

„Nun dann, sprich,“ fuhr der König gütig fort.

Das Mädchen zauderte noch einen Augenblick, denn sie durfte dem König

doch nicht sagen, daß er dem Tierreich angehöre. Das wäre gar zu

unhöflich, dachte sie bei sich selbst. Endlich aber blickte sie freudig

auf und sagte mit heller Stimme:

„Sie gehören dem Himmelreich an, Herr König.“

Diese Antwort gefiel dem König so gut, daß er mit Thränen in den Augen

freundlich erwiderte:

„Gott gebe, mein Kind, daß ich einmal dahin komme!“

* * * * *

Friedrich der Große konnte nicht gut schlafen; deßhalb befahl er, daß

seine Pagen, der Reihe nach, die Nacht in einem Nebenzimmer durchwachen

sollten, damit immer Jemand bereit sei, ihm vorzulesen, wenn er es

wünschte.

Eines Nachts klingelte er um zwei Uhr Morgens. Niemand kam. Er

klingelte wieder, aber umsonst. Er rief laut, aber es kam immer Niemand

auf seinen Ruf.

Der König war jetzt recht böse; er sprang aus dem Bette, zog schnell

Schlafrock und Pantoffeln an, und ging in das Nebenzimmer, um zu sehen,

ob Niemand da sei, wie er befohlen.

Als er hereintrat, sah er einen seiner Pagen an dem Tische sitzen. Er

hatte ein Blatt Papier vor sich, die Feder in der Hand, und obgleich

der Brief, den er schrieb, noch nicht beendigt war, schlief er fest,

seinen Kopf an den Lehnstuhl geschmiegt.

„Ach, so wacht mein Page!“ dachte der König. „Er schläft gut. Wenn ich

nur ebenso gut schlafen könnte!“

Der König sah den Jüngling eine Zeitlang an, dann fuhr er zu sich

selbst fort: „Nun, der Jüngling sieht recht müde aus. Was kann er wohl

geschrieben haben, das ihn so ermüden konnte?“

Friedrich nahm das Papier und las folgendes:

„Teure Mutter.

„Es freut mich, daß ich dir endlich ein wenig Geld schicken kann, --

Geld, das ich ehrlich verdient habe. Du weißt, mein Gehalt ist nicht

groß, darum habe ich dir bisher so wenig Geld schicken können.

„Aber jetzt hat der König befohlen, daß ein Page immer nachts im Zimmer

neben seinem Schlafgemach wachen soll. Meine Kameraden wachen nicht

gern, und sie haben mir jedesmal einen Thaler gegeben, damit ich an

ihrer Stelle wache. Schon drei Nächte hintereinander habe ich nun

gewacht, und habe so das Geld verdient, das ich dir hiermit sende. Ich

bin aber so schläfrig, daß ich die Augen fast nicht mehr offen halten

kann. Morgen kann ich nicht wieder wachen, sonst würde ich sicher

einschlafen, und dann wäre der König nicht gut bedient.“

Der Brief war nicht vollendet; hier hatte der Schlaf den Jüngling

übermannt. Der König legte das Blatt wieder hin, ging in sein

Schlafgemach, holte eine Börse voll Gold, steckte sie dem Jüngling in

die Tasche und legte sich wieder ins Bett. Später, als er ein kleines

Geräusch in dem Nebenzimmer hörte, klingelte er wieder.

Der Jüngling trat sogleich herein. Zufällig fiel seine Hand auf seine

Tasche, worin er einen harten Gegenstand fühlte. Schnell zog er ihn

heraus, und als er eine Börse voll Gold sah, brach er in Thränen aus.

„Was fehlt dir denn?“ fragte der König erstaunt.

„Ach, Majestät,“ rief der Jüngling, „ich bin in dem Nebenzimmer

eingeschlafen, weil ich so müde war. Während ich schlief, muß Jemand

in das Zimmer gekommen sein und mir diese Börse voll Gold in die

Tasche gesteckt haben. Eine solche Summe habe ich nie gehabt. Es

ist wahrscheinlich gestohlenes Gut und nun werde ich vielleicht des

Diebstahls beschuldigt werden.“

„Nein, nein!“ rief der König jetzt. „Niemand wird dich des Diebstahles

beschuldigen. Das Geld habe ich dir selbst in die Tasche gesteckt. Du

bist ein guter, ehrlicher Junge, denn ich weiß, warum du eingeschlafen

warest. Von nun an sollst du ein größeres Gehalt haben, damit du deiner

Mutter helfen kannst, ohne deine Nachtruhe zu entbehren.“

* * * * *

Der König Friedrich hatte ein Lustschloß, wo er sich gern aufhielt und

wo er mit seinem Freunde, dem Schriftsteller Voltaire, viele schöne

Stunden verbrachte. Es fiel dem König einst ein, daß sein Schloß viel

schöner sein würde, wenn der Park nur größer wäre.

Er ließ Pläne dafür entwerfen, und als man sie ihm brachte, gefielen

sie ihm gar gut.

„Führen Sie diese Pläne sogleich aus,“ befahl er seinen Dienern. „Aber

was ist das?“ fügte er hinzu, und deutete mit dem Finger auf eine

Stelle auf dem Plane, der ihm vor Augen lag.

„Das ist das Land des Müllers von Sans-Souci, welches er durchaus nicht

verkaufen will.“

„Was! Mir nicht verkaufen will?“ rief der König. „Unverschämter Kerl!

Führt ihn sogleich hierher, er wird es mir abtreten müssen!“

Der Müller kam und der König redete ihn an:

„Nun, Müller, wollt Ihr mir Euere Mühle um einen guten Preis abtreten?“

„Nein, das will ich nicht!“ rief der Müller. „Die Mühle gehörte meinem

Vater und Großvater. Ich bin darin geboren, und gedenke darin zu

sterben und sie meinen Kindern zu hinterlassen.“

Der König zeigte dem Müller seine Pläne, erklärte ihm, warum er das Gut

kaufen wolle, und bot ihm einen sehr hohen Preis dafür.

Der Müller wollte aber die Mühle um keinen Preis verkaufen und

wiederholte sein Nein, bis der König ärgerlich (böse) wurde und heftig

ausrief:

„Wißt Ihr wohl, hartnäckiger Müller, daß ich Euch die Mühle nehmen

kann, ohne zu fragen und ohne sie zu bezahlen!“

Der Müller schmunzelte nur und erwiderte zuversichtlich:

„Ja, Herr König, aber es giebt auch Richter in Berlin, die Sie bald

dafür bestrafen würden; man kann nicht unbestraft rauben!“

Als der König diese zuversichtliche Sprache hörte, war er zuerst

erstaunt; bald aber lachte er herzlich und sprach:

„Ich bin sehr froh, daß meine Unterthanen so fest an die Gerechtigkeit

meiner Richter glauben, deßhalb soll der Müller seine Mühle behalten.“

Der Plan des Parkes wurde verändert, aber zum Andenken an dieses

Ereignis hieß der König sein Landschloß, so wie die Mühle, „Sans-Souci.“

* * * * *

Friedrich der Große war fast immer im Kriege mit den anderen Nationen

und brauchte deßhalb immer viele Soldaten. Eines seiner Regimenter

bestand nur aus außerordentlich großen und schönen Männern. Eines Tages

stellte sich ein sehr großer und stattlicher Franzose dem Hauptmanne

vor, und sagte ihm, daß er gerne dem König von Preußen dienen würde.

Seiner Größe halber, nahm ihn der Hauptmann sogleich an, ließ ihm eine

Uniform machen, und sagte ihm, daß er so schnell als möglich Deutsch

lernen solle.

„Einstweilen,“ fügte er bei, „müßt Ihr wenigstens die Antwort auf

drei Fragen lernen. Der König hat gar scharfe Augen. Er wird sogleich

bemerken, daß Ihr neu im Dienste seid, und er wird Euch die drei Fragen

stellen, die er jedem neuen Soldaten zu stellen pflegt. Sie lauten

so: Erstens, Wie alt seid Ihr? Zweitens, Wie lange seid Ihr in meinem

Dienste. Drittens, Erhaltet Ihr pünktlich Uniform und Lohn?

„Da er immer dieselben Fragen zu stellen pflegt, und immer nach

derselben Reihenfolge, sollt Ihr die drei Antworten dazu genau lernen,

damit Ihr frischweg antworten könnt.“

Einige Zeit darauf kam der König, um das Regiment zu mustern. Als er zu

dem Franzosen kam, hielt er plötzlich still, sah ihn wohl vergnügt an,

und sagte rasch:

„Wie lange seid Ihr in meinem Dienste?“

Der Franzos, der die Frage gar nicht verstand, gab pünktlich die erste

eingelernte Antwort.

„Ein und zwanzig Jahre, Majestät.“

„Was! Wie alt seid Ihr denn?“ rief der König höchst erstaunt.

„Ein Jahr, Majestät!“

Diese Antwort überraschte den König noch mehr.

„Entweder seid Ihr verrückt oder ich bin es!“ rief der König ärgerlich.

„Beide, Majestät!“ antwortete der Soldat, der die eingelernte Antwort

auf die dritte Frage ohne Zaudern gab.

Als der Hauptmann jetzt die Sachlage erklärte, lachte der König

herzlich und befahl dem Soldaten so schnell wie möglich Deutsch zu

lernen.

* * * * *

Eines Tages kehrte der König von Preußen in einem kleinen Dorfe ein,

und besuchte den Priester.

„Nun, guter Priester, sind Sie mit Ihren Leuten zufrieden?“ fragte der

König freundlich.

„Ja, Majestät. Es sind meistens recht brave Leute. Es thut mir nur

leid, daß die Männer das Wirtshaus der Kirche vorziehen. Sonntags gehen

sie immer ins Wirtshaus, da rauchen sie und trinken Bier, während ihre

Weiber dem Gottesdienst beiwohnen.“

„Nun!“ sagte der König, „wir wollen sehen, ob wir diesem Unfug ein Ende

machen können.“

Am folgenden Sonntag, als die Kirchenglocken läuteten, und die Frauen

in die Kirche gingen, kehrten die Männer wie gewohnt in das Wirtshaus

ein. Ein Unbekannter kam auch herein.

Die Bauern saßen wie gewöhnlich um einen großen Tisch herum. Sie

rauchten unermüdlich und sprachen wenig. Der Fremde saß auch an dem

Tisch, zündete seine Pfeife an, und rauchte auch. Bald kam der Wirt.

Er trug einen großen Krug voll Bier, stellte ihn auf den Tisch vor den

ältesten Bauer, der an dem einen Ende des Tisches saß und ging wieder

fort.

Der alte Bauer legte die Pfeife nieder, nahm den Krug in beide Hände,

hob ihn auf und trank. Als er genug getrunken hatte, reichte er den

Krug seinem Nachbarn und jetzt hörte ihn der Fremde sagen „Gieb’s

weiter!“ (Gieb das deinem Nachbarn).

Der Mann, der den Krug jetzt empfing, trank auch so viel ihm beliebte,

reichte den Krug seinem Tischnachbarn und sagte auch:

„Gieb’s weiter!“

So ging der Krug von Hand zu Hand. Jeder trank und wiederholte

dieselben Worte, „Gieb’s weiter!“ Sonst sprachen die Bauern kein Wort.

Als der Krug zweimal die Runde des Tisches gemacht, stand der Fremde

plötzlich auf, hob die Hand, und gab seinem Nachbarn eine tüchtige

Ohrfeige.

„Gieb’s weiter!“ rief er mit donnernder Stimme. „Diese Ohrfeige soll

die Runde gehen, wie der Krug eben die Runde gegangen ist.“

Der Fremde schlug jetzt den Mantel zurück und die Bauern sahen die

Uniform, die er darunter trug, und erkannten sogleich den König.

„Gieb’s tüchtig weiter!“ donnerte er wieder, seinem erstaunten Nachbarn

eine zweite und noch tüchtigere Ohrfeige gebend. „Gieb’s weiter, sage

ich und schlag tüchtig, sonst ...“

Er brauchte den Befehl nicht mehr zu wiederholen. Der Mann schlug

tüchtig! Die Ohrfeigen gingen jetzt um den Tisch herum, so schnell wie

möglich. Nachdem die Ohrfeigen mehrmals die Runde gemacht hatten, rief

der König:

„Halt! das ist jetzt der Ohrfeigen genug für heute. Aber wenn ihr

Männer Sonntag morgens hier in dem Wirtshause sitzt, anstatt in die

Kirche zu gehen, sollt Ihr etwas noch schlimmers kriegen als Ohrfeigen.“

Der König ging hinaus. Die Bauern folgten ihm sogleich und gingen jetzt

jeden Sonntag pünktlich in die Kirche und der Priester hatte nie mehr

Ursache zum Klagen.

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil · 第 36 / 53 题