Auf einem ziemlich hohen Berge in Deutschland stand ein altes Schloß.
In dem Schlosse wohnte der Ritter von Falkenburg mit seiner schönen
Frau und ihrer kleinen Tochter Elsa. Der Ritter war ein sehr guter und
tapferer Mann, immer bereit, den Armen und Schwachen zu helfen.
Seine Frau, Ottilie, besuchte die Kranken und Armen und gab viele
Almosen. Die Unglücklichen kamen immer zu ihr, um ihr ihr Leid zu
klagen und konnten die Güte der schönen Frau nicht genug loben. Die
kleine Tochter Elsa war ungefähr zehn Jahre alt und blieb immer bei
ihrer Mutter.
Das Schloß war sehr einsam, denn außer dem Dorfe am Fuße des Berges
waren keine Häuser in der Nähe. Zu jener Zeit, im vierzehnten
Jahrhundert, hatten die Kinder nicht so schöne Bücher und Spielsachen
wie jetzt.
Die kleine Elsa konnte zwar lesen und schreiben, auch nähen und
stricken, aber ihre größte Freude war, in ihrem kleinen Garten viele
bunte Blumen zu ziehen.
Eines Tages als sie bei der Mutter unter einem dicht belaubten Baume im
Garten saß, hörten sie plötzlich ein Krachen und im nächsten Augenblick
fiel ihnen ein großer Raubvogel vor die Füße. Die kleine Elsa erschrak
sehr, und ihr Geschrei verscheuchte den Vogel, der schnell fortflog.
„Schrei nicht so, meine Tochter,“ sagte die Mutter. „Der Vogel ist
schon wieder fort. Es war ein Raubvogel. Er wollte uns nichts zu Leide
thun, aber verfolgte wahrscheinlich einen anderen Vogel.“
Sie hörten jetzt ein kleines Geräusch hinter sich, und fanden, unter
einem Busche, eine schöne, weiße, verwundete Taube.
Die kleine Elsa hob sie auf und sagte:
„Sieh, Mutter! die arme Taube zittert noch vor Furcht. Ich kann das
Klopfen ihres kleinen Herzens fühlen. Sieh, wie weiß ihre Federn sind,
und die Beine und Krallen sind rot wie Korallen. Was wollen wir damit
thun, liebe Mutter?“
„Nun, wir wollen sie dem Koch geben, und du sollst sie zu Mittag
essen,“ sagte die Mutter, das Kind scharf beobachtend.
„Ach, liebe Mutter, das wäre ja zu grausam!“ rief die kleine Elsa die
Mutter ängstlich ansehend.
Als sie aber die Mutter lächeln sah, rief sie freudig: „Mutter, du hast
mich wohl prüfen wollen, nicht wahr?“
„Ja, mein Kind,“ erwiderte die Mutter, „und es freut mich, daß du ein
gutes, fühlendes Herz hast. Du darfst die Taube behalten. Stecke sie in
einen Käfig, füttere sie gut, und gieb ihr frisches, klares Wasser und
reinen Sand bis sie größer und stärker ist und herumfliegen kann, ohne
den Raubvögeln zur Beute zu fallen.“
Die kleine Elsa hatte große Freude an ihrem Vogel. Bald wurde die Taube
so zahm, daß die Thür des Käfigs immer offen stand, und bald flog sie
ungehindert durchs Fenster ein und aus. Die Taube hatte das Kind so
gern, daß sie es nie lange verließ, und wenn sie auch hoch oben auf
dem Turme des Schlosses saß, flog sie herunter, sobald die kleine Elsa
pfiff.
Die Mutter sagte oft: „Deine Taube gibt dir ein gutes Beispiel, sie ist
so folgsam, daß ich hoffe, mein Töchterchen wird auch immer so schnell
meinem Rufe folgen.“
Eines Tages kam die Witwe des Ritters von Hohenburg, mit ihrer Tochter
Emma in das Schloß. Die Dame schien sehr traurig, und als sie den
Ritter von Falkenburg sah, rief sie ihm zu:
„Edler Ritter, als mein geliebter Mann so jung an einer gefährlichen
Wunde sterben mußte, hieß er mich zu Ihnen kommen, wenn ich je Hülfe
brauchte. Er sagte mir: ‚Der Ritter von Falkenburg ist ebenso gut wie
tapfer, und, da du weder Vater noch Bruder hast, mußt du ihn zu Hülfe
rufen, wenn du deren bedarfst.‘ Meine zwei Nachbarn sind beide sehr
schlecht; der eine nimmt mir meine schönen Wälder, und der andere nimmt
mein Korn und mein Gras. Wenn ich klage, lachen sie beide, und da ich
keine Verwandten habe, und ganz allein mit meiner Tochter und einigen
treuen Bedienten wohne, denken die bösen Ritter, daß sie thun können,
was ihnen beliebt. Helfen Sie mir, Herr Ritter, sonst wird mir und
meinem Kinde bald nichts mehr bleiben.“
Der Ritter von Falkenburg antwortete nicht sogleich, und die
kleine Elsa rief: „Ach, Vater, hilf doch der schönen Frau und dem
kleinen Mädchen! Als ich meine kleine Taube annahm um sie vor dem
bösen Raubvogel zu beschützen, sagte mir die Mutter, daß man einem
Schwächeren immer helfen und ihn beschützen soll.“
„Deine Mutter hat Recht,“ erwiderte der Vater. „Ich werde der Dame
helfen, so gut ich kann. Ich antwortete nur nicht sogleich, weil ich
auf einen guten Plan sann, um die beiden Ritter zu bestrafen.“
Der Ritter und seine Frau luden die Witwe jetzt ein, einige Tage im
Schloß Falkenburg zu verweilen (bleiben). Unterdessen ging der Ritter,
um ihre Feinde aufzusuchen. Er sagte ihnen, daß er die gnädige Frau von
Hohenburg unter seinen Schutz genommen habe, und daß er ihnen den Krieg
erklären würde, wenn sie sich nicht als gute Nachbarn zeigten.
Die zwei Ritter wußten so wohl, daß der Ritter von Falkenburg immer
Wort hielt, und fürchteten sich so sehr vor diesem tapferen Manne, daß
sie jetzt beide ihr Ehrenwort gaben, die gnädige Frau von Hohenburg in
Ruhe zu lassen.
Die Witwe war dem Ritter von Falkenburg sehr dankbar, als sie vernahm,
daß ihre Feinde ihr Ehrenwort gegeben, sie nicht mehr zu berauben.
Die zwei kleinen Mädchen, die unterdessen sehr gute Freundinnen
geworden waren, wären gerne zusammen geblieben, aber jetzt mußte die
Witwe mit Emma nach Hause gehen.
„Mutter, ich möchte Emma etwas geben, um ihr meine Liebe zu bezeugen,“
sagte die kleine Elsa.
„Nun, mein Kind, gieb ihr, was du willst. Wenn du ihr etwas giebst,
das du selbst schätzest (liebst), wirst du ihr deine Liebe am besten
zeigen.“
Die kleine Elsa sann eine Weile nach und dann rief sie: „Emma soll
meine Taube haben! Den Vogel habe ich am liebsten!“
Es war ihr schwer, sich von der Taube zu trennen, dennoch gab sie sie
ihrer Freundin. Da sagte der Ritter:
„Fräulein Emma, Sie werden die Taube in einen Käfig stecken müssen
bis sie Elsa vergessen hat, sonst fliegt sie sogleich wieder hierher
zurück.“
Die Freunde trennten sich jetzt und Emma und ihre Mutter gingen nach
Hause, wo die Taube in einen Käfig gesteckt wurde. Am folgenden Tage
kamen zwei Pilger in das Schloß Hohenburg. Sie hatten lange, braune
Röcke mit Kapuzen an, und erzählten viel vom Heiligen Lande, wohin sie,
wie sie sagten, eine Pilgerfahrt gemacht.
Emma und ihre Mutter hatten viele Freude an ihren Erzählungen, und als
sie am folgenden Morgen wieder weiter zogen, sagte die Dame:
„Da Sie nach Thüringen reisen, werden Sie gegen Abend im Schlosse
Falkenburg ankommen. Da werden Sie übernachten; bitte, grüßen Sie den
Ritter und seine Gemahlin von mir.“
„Ja,“ rief Emma, „bitte grüßen Sie auch das Fräulein Elsa, und sagen
Sie ihr, daß die Taube sehr wohl ist.“
Die Pilger versprachen, der Familie von Falkenburg die Grüße zu
bestellen, und da sie sagten, daß sie den Weg nach dem Schlosse nicht
kannten, schickte die gute Frau von Hohenburg einen jungen Diener mit,
um ihnen den Weg dahin zu weisen.
Dieser junge Diener war ein Italiener, sprach aber gut Deutsch. Der
Ritter von Hohenburg hatte ihn erzogen, weil seine Eltern beide tot
waren. Die Pilger dachten, der Diener verstehe nur Deutsch und während
sie ihm folgten, fingen sie an, Italienisch zu sprechen.
Der Diener wollte ihnen eben sagen, daß er Italienisch verstehe, als
er hörte, daß diese Männer keine Pilger, sondern Räuber waren. Sie
gehörten zu einer Bande von Räubern, welche der Ritter von Falkenburg
aus der Gegend getrieben hatte, und sie wollten sich jetzt rächen.
Ihr Plan war, als Pilger in das Schloß zu gehen. Sie wußten, daß man
sie da übernachten lassen würde. Sie wollten nachts ein Licht ins
Fenster stellen, zum Zeichen für ihre Verbündeten draußen, daß sie zur
Gartenthür kommen sollten. Diese Thür wollten sie dann geräuschlos
öffnen, die Verbündeten hereinlassen und dann wollten sie die Einwohner
des Schlosses töten, die Räume plündern und endlich das Schloß anzünden.
Der Jüngling hörte das alles, und einmal, als der eine Pilger über
einen Stein fiel, sah er, daß er eine stählerne Rüstung unter dem
braunen Rocke trug. Er fürchtete sich sehr, und wußte nicht, was er
thun sollte.
Bald kamen sie an einen kleinen Fluß. Das Wasser lief zwischen zwei
hohen Felsen und darüber war ein Baumstamm als Brücke geworfen. Da
sagte der älteste der Pilger:
„Vielleicht hat der Diener meine Rüstung doch gesehen. Er könnte uns
verraten. Gehe du erst hinüber; ich werde ihn dann hinübergehen heißen
und ihm folgen. Wenn wir auf die Mitte der Brücke kommen, werde ich ihn
in das Wasser hinunterstoßen und dann kann er uns nicht verraten.“
Als der junge Diener das hörte, wurde er sehr blaß vor Angst, und er
sagte zu den Pilgern:
„Ach, ich kann nicht über die Brücke gehen, mir schwindelt!“
„Nun, ich will dich hinübertragen,“ sagte der älteste Pilger.
„Nein, nein!“ rief der Diener. „Sie würden mich fallen lassen! Sehen
Sie, gute Pilger, Sie brauchen meine Hülfe nicht mehr. Von hier aus
geht der Weg gerade zum Schlosse, wo Sie übernachten sollen. Lassen Sie
mich jetzt nach Hause gehen.“
Die falschen Pilger sprachen jetzt noch ein wenig auf Italienisch, und
während der älteste sagte, daß es besser wäre, den Jüngling zu töten,
sagte der jüngere, daß er ihn solle gehen lassen. Endlich rief der
älteste:
„Nun, er kann gehen. Wir werden die Brücke in den Fluß werfen. Dann
kann Niemand hinüber, und du weißt, daß es viele Stunden braucht,
wenn man den anderen Weg herumgehen muß. Er versteht doch kein Wort
Italienisch und wenn er auch Alles verstanden hätte, könnte er unseren
Plan dem Ritter nicht früh genug sagen. Ehe ein Bote den anderen Weg
herumkommen kann, werden der Ritter und seine Familie tot und das
Schloß niedergebrannt sein.“
Endlich ließen die Pilger den Jüngling gehen, und sobald er nicht mehr
von ihnen gesehen werden konnte, lief er so schnell als möglich nach
Hause. Da erzählte er der Witwe Alles. Sie erschrak sehr und wollte den
Ritter warnen, aber es war unmöglich, schnell genug dahin zu gelangen.
Der Diener sagte: „Gnädige Frau, man kann nicht mehr über den Fluß
gehen bis man an die große Brücke, fünfzehn Meilen von hier, kommt.
Man müßte Flügel haben, um schnell genug dahin zu kommen.“
Die kleine Emma, die Alles gehört hatte, rief jetzt: „Ach, Mutter, die
Taube! die Taube! Schreibe schnell einen Brief. Wir werden ihn der
Taube um den Hals binden, und sie fliegt sicher gleich zu Elsa!“
Die Mutter verstand. Ohne eine Minute zu verlieren, schrieb sie eine
Warnung. Der kleine Brief wurde der Taube fest um den Hals gebunden und
dann wurde sie frei gelassen.
Sie flog hoch auf, und nach einigen Minuten flog sie schnell gegen
Falkenburg.
„Gott gebe, daß unsere Warnung glücklich ankommt!“ sagte die Witwe.
Sie brachte die Nacht auf dem Turm zu, wo sie betete und unermüdlich
gegen Falkenburg hinschaute, wo sie fürchtete, das rote Licht eines
Feuers zu sehen.
Unterdessen waren die Pilger in dem Schlosse von Falkenburg angekommen.
Der Ritter hieß sie willkommen, und bat sie, sich im Pilgerzimmer ein
wenig auszuruhen, und sagte, daß er ihren Erzählungen erst nach dem
Abendessen gern zuhören würde.
Die Familie von Falkenburg saß allein im Wohnzimmer als sie ein kleines
Geräusch hörten. Elsa ging an das Fenster und rief schnell: „Mutter,
hier ist meine Taube! Sieh, sie ist entflohen! Emma hat ihr ein rotes
Band um den Hals gebunden, und ach, da ist auch ein Stück Papier!“
Vater und Mutter traten jetzt näher. Der Ritter nahm das Papier,
entfaltete es und las:
„Guter Ritter von Falkenburg.
„Die zwei Pilger, die Sie im Hause haben, sind Räuber. Sie waren
gestern hier über Nacht und mein Diener hat sie über den Berg führen
müssen, da sie sagten, daß sie den Weg zu Ihrem Schlosse sonst nicht
finden würden.
„Unterwegs sprachen sie Italienisch, und Bernhardt, der in Italien
geboren ist, hat Alles verstanden. Sie haben die Brücke zertrümmert.
Diese Nacht sollen sie ein Licht in das Fenster des Pilgerzimmers
stellen. Ihre Verbündeten werden dann kommen und von den Pilgern durch
die Gartenthür herein gelassen werden. Während Sie schlafen, sollen Sie
alle ermordet werden. Die Räuber wollen das Schloß plündern und darauf
anzünden. Gott gebe, daß diese Warnung nicht zu spät kommt und Sie sich
werden verteidigen können.
„Emma von Hohenburg.“
Der Ritter war sehr erstaunt, aber jetzt, da er gewarnt worden, war
keine Gefahr mehr, und er machte schnell einen Plan, um die Räuber in
Verhaft zu nehmen.
Der Ritter rief dann seine Diener, teilte ihnen alles mit und erklärte,
was er thun wollte, um die Räuber zu verhaften. Dann ließ er die
falschen Pilger hereinkommen.
Sie fingen gleich an zu sagen, daß die Frau von Hohenburg sehr gütig
gewesen sei, und ihren Gruß schicke. Dann fingen sie an, den Ritter und
dessen Gemahlin zu loben.
Der Ritter war so böse, diese falschen Worte zu hören, daß er bald
ausrief:
„Schweigen Sie! Sie lügen! Ich weiß alles! Sie sind keine frommen
Pilger, sondern Räuber. Sie sind hierher gekommen, um mich, meine
Familie und alle meine Diener zu morden. Sie wollen durch ein Licht
in dem Fenster Ihres Zimmers Ihre Verbündeten hierher bringen, sie
durch die Gartenthür in das Schloß führen, und wenn Sie alle gemordet
und genug geplündert haben, wollen sie das Schloß in Brand stecken
(verbrennen).“
Die Pilger waren höchst erstaunt, aber ehe sie ein Wort sagen konnten,
rief der Ritter seine Diener herbei und ließ die zwei bösen Männer in
Verhaft nehmen.
Dann zündete er selbst ein Licht an, stellte es in das Fenster, und um
die bestimmte Stunde hörte man ein leises Pochen am Gartenthor.
Der Ritter, der einen Pilgerrock über seine Rüstung gezogen, ließ die
anderen Räuber in den Hof herein kommen, wo alle seine bewaffneten
Diener versteckt waren, und in einigen Minuten waren sie alle
festgebunden!
Die Familie von Falkenburg war von einem furchtbaren Tode verschont und
sie sprachen oft davon, wie wunderbar sie durch Gottes Güte gerettet
worden. Emma von Hohenburg ließ eine Taube in ihr Wappen malen, damit
Ihre Nachkommen diese Geschichte nie vergessen sollten.