11. Die Taube.

Auf einem ziemlich hohen Berge in Deutschland stand ein altes Schloß.

In dem Schlosse wohnte der Ritter von Falkenburg mit seiner schönen

Frau und ihrer kleinen Tochter Elsa. Der Ritter war ein sehr guter und

tapferer Mann, immer bereit, den Armen und Schwachen zu helfen.

Seine Frau, Ottilie, besuchte die Kranken und Armen und gab viele

Almosen. Die Unglücklichen kamen immer zu ihr, um ihr ihr Leid zu

klagen und konnten die Güte der schönen Frau nicht genug loben. Die

kleine Tochter Elsa war ungefähr zehn Jahre alt und blieb immer bei

ihrer Mutter.

Das Schloß war sehr einsam, denn außer dem Dorfe am Fuße des Berges

waren keine Häuser in der Nähe. Zu jener Zeit, im vierzehnten

Jahrhundert, hatten die Kinder nicht so schöne Bücher und Spielsachen

wie jetzt.

Die kleine Elsa konnte zwar lesen und schreiben, auch nähen und

stricken, aber ihre größte Freude war, in ihrem kleinen Garten viele

bunte Blumen zu ziehen.

Eines Tages als sie bei der Mutter unter einem dicht belaubten Baume im

Garten saß, hörten sie plötzlich ein Krachen und im nächsten Augenblick

fiel ihnen ein großer Raubvogel vor die Füße. Die kleine Elsa erschrak

sehr, und ihr Geschrei verscheuchte den Vogel, der schnell fortflog.

„Schrei nicht so, meine Tochter,“ sagte die Mutter. „Der Vogel ist

schon wieder fort. Es war ein Raubvogel. Er wollte uns nichts zu Leide

thun, aber verfolgte wahrscheinlich einen anderen Vogel.“

Sie hörten jetzt ein kleines Geräusch hinter sich, und fanden, unter

einem Busche, eine schöne, weiße, verwundete Taube.

Die kleine Elsa hob sie auf und sagte:

„Sieh, Mutter! die arme Taube zittert noch vor Furcht. Ich kann das

Klopfen ihres kleinen Herzens fühlen. Sieh, wie weiß ihre Federn sind,

und die Beine und Krallen sind rot wie Korallen. Was wollen wir damit

thun, liebe Mutter?“

„Nun, wir wollen sie dem Koch geben, und du sollst sie zu Mittag

essen,“ sagte die Mutter, das Kind scharf beobachtend.

„Ach, liebe Mutter, das wäre ja zu grausam!“ rief die kleine Elsa die

Mutter ängstlich ansehend.

Als sie aber die Mutter lächeln sah, rief sie freudig: „Mutter, du hast

mich wohl prüfen wollen, nicht wahr?“

„Ja, mein Kind,“ erwiderte die Mutter, „und es freut mich, daß du ein

gutes, fühlendes Herz hast. Du darfst die Taube behalten. Stecke sie in

einen Käfig, füttere sie gut, und gieb ihr frisches, klares Wasser und

reinen Sand bis sie größer und stärker ist und herumfliegen kann, ohne

den Raubvögeln zur Beute zu fallen.“

Die kleine Elsa hatte große Freude an ihrem Vogel. Bald wurde die Taube

so zahm, daß die Thür des Käfigs immer offen stand, und bald flog sie

ungehindert durchs Fenster ein und aus. Die Taube hatte das Kind so

gern, daß sie es nie lange verließ, und wenn sie auch hoch oben auf

dem Turme des Schlosses saß, flog sie herunter, sobald die kleine Elsa

pfiff.

Die Mutter sagte oft: „Deine Taube gibt dir ein gutes Beispiel, sie ist

so folgsam, daß ich hoffe, mein Töchterchen wird auch immer so schnell

meinem Rufe folgen.“

Eines Tages kam die Witwe des Ritters von Hohenburg, mit ihrer Tochter

Emma in das Schloß. Die Dame schien sehr traurig, und als sie den

Ritter von Falkenburg sah, rief sie ihm zu:

„Edler Ritter, als mein geliebter Mann so jung an einer gefährlichen

Wunde sterben mußte, hieß er mich zu Ihnen kommen, wenn ich je Hülfe

brauchte. Er sagte mir: ‚Der Ritter von Falkenburg ist ebenso gut wie

tapfer, und, da du weder Vater noch Bruder hast, mußt du ihn zu Hülfe

rufen, wenn du deren bedarfst.‘ Meine zwei Nachbarn sind beide sehr

schlecht; der eine nimmt mir meine schönen Wälder, und der andere nimmt

mein Korn und mein Gras. Wenn ich klage, lachen sie beide, und da ich

keine Verwandten habe, und ganz allein mit meiner Tochter und einigen

treuen Bedienten wohne, denken die bösen Ritter, daß sie thun können,

was ihnen beliebt. Helfen Sie mir, Herr Ritter, sonst wird mir und

meinem Kinde bald nichts mehr bleiben.“

Der Ritter von Falkenburg antwortete nicht sogleich, und die

kleine Elsa rief: „Ach, Vater, hilf doch der schönen Frau und dem

kleinen Mädchen! Als ich meine kleine Taube annahm um sie vor dem

bösen Raubvogel zu beschützen, sagte mir die Mutter, daß man einem

Schwächeren immer helfen und ihn beschützen soll.“

„Deine Mutter hat Recht,“ erwiderte der Vater. „Ich werde der Dame

helfen, so gut ich kann. Ich antwortete nur nicht sogleich, weil ich

auf einen guten Plan sann, um die beiden Ritter zu bestrafen.“

Der Ritter und seine Frau luden die Witwe jetzt ein, einige Tage im

Schloß Falkenburg zu verweilen (bleiben). Unterdessen ging der Ritter,

um ihre Feinde aufzusuchen. Er sagte ihnen, daß er die gnädige Frau von

Hohenburg unter seinen Schutz genommen habe, und daß er ihnen den Krieg

erklären würde, wenn sie sich nicht als gute Nachbarn zeigten.

Die zwei Ritter wußten so wohl, daß der Ritter von Falkenburg immer

Wort hielt, und fürchteten sich so sehr vor diesem tapferen Manne, daß

sie jetzt beide ihr Ehrenwort gaben, die gnädige Frau von Hohenburg in

Ruhe zu lassen.

Die Witwe war dem Ritter von Falkenburg sehr dankbar, als sie vernahm,

daß ihre Feinde ihr Ehrenwort gegeben, sie nicht mehr zu berauben.

Die zwei kleinen Mädchen, die unterdessen sehr gute Freundinnen

geworden waren, wären gerne zusammen geblieben, aber jetzt mußte die

Witwe mit Emma nach Hause gehen.

„Mutter, ich möchte Emma etwas geben, um ihr meine Liebe zu bezeugen,“

sagte die kleine Elsa.

„Nun, mein Kind, gieb ihr, was du willst. Wenn du ihr etwas giebst,

das du selbst schätzest (liebst), wirst du ihr deine Liebe am besten

zeigen.“

Die kleine Elsa sann eine Weile nach und dann rief sie: „Emma soll

meine Taube haben! Den Vogel habe ich am liebsten!“

Es war ihr schwer, sich von der Taube zu trennen, dennoch gab sie sie

ihrer Freundin. Da sagte der Ritter:

„Fräulein Emma, Sie werden die Taube in einen Käfig stecken müssen

bis sie Elsa vergessen hat, sonst fliegt sie sogleich wieder hierher

zurück.“

Die Freunde trennten sich jetzt und Emma und ihre Mutter gingen nach

Hause, wo die Taube in einen Käfig gesteckt wurde. Am folgenden Tage

kamen zwei Pilger in das Schloß Hohenburg. Sie hatten lange, braune

Röcke mit Kapuzen an, und erzählten viel vom Heiligen Lande, wohin sie,

wie sie sagten, eine Pilgerfahrt gemacht.

Emma und ihre Mutter hatten viele Freude an ihren Erzählungen, und als

sie am folgenden Morgen wieder weiter zogen, sagte die Dame:

„Da Sie nach Thüringen reisen, werden Sie gegen Abend im Schlosse

Falkenburg ankommen. Da werden Sie übernachten; bitte, grüßen Sie den

Ritter und seine Gemahlin von mir.“

„Ja,“ rief Emma, „bitte grüßen Sie auch das Fräulein Elsa, und sagen

Sie ihr, daß die Taube sehr wohl ist.“

Die Pilger versprachen, der Familie von Falkenburg die Grüße zu

bestellen, und da sie sagten, daß sie den Weg nach dem Schlosse nicht

kannten, schickte die gute Frau von Hohenburg einen jungen Diener mit,

um ihnen den Weg dahin zu weisen.

Dieser junge Diener war ein Italiener, sprach aber gut Deutsch. Der

Ritter von Hohenburg hatte ihn erzogen, weil seine Eltern beide tot

waren. Die Pilger dachten, der Diener verstehe nur Deutsch und während

sie ihm folgten, fingen sie an, Italienisch zu sprechen.

Der Diener wollte ihnen eben sagen, daß er Italienisch verstehe, als

er hörte, daß diese Männer keine Pilger, sondern Räuber waren. Sie

gehörten zu einer Bande von Räubern, welche der Ritter von Falkenburg

aus der Gegend getrieben hatte, und sie wollten sich jetzt rächen.

Ihr Plan war, als Pilger in das Schloß zu gehen. Sie wußten, daß man

sie da übernachten lassen würde. Sie wollten nachts ein Licht ins

Fenster stellen, zum Zeichen für ihre Verbündeten draußen, daß sie zur

Gartenthür kommen sollten. Diese Thür wollten sie dann geräuschlos

öffnen, die Verbündeten hereinlassen und dann wollten sie die Einwohner

des Schlosses töten, die Räume plündern und endlich das Schloß anzünden.

Der Jüngling hörte das alles, und einmal, als der eine Pilger über

einen Stein fiel, sah er, daß er eine stählerne Rüstung unter dem

braunen Rocke trug. Er fürchtete sich sehr, und wußte nicht, was er

thun sollte.

Bald kamen sie an einen kleinen Fluß. Das Wasser lief zwischen zwei

hohen Felsen und darüber war ein Baumstamm als Brücke geworfen. Da

sagte der älteste der Pilger:

„Vielleicht hat der Diener meine Rüstung doch gesehen. Er könnte uns

verraten. Gehe du erst hinüber; ich werde ihn dann hinübergehen heißen

und ihm folgen. Wenn wir auf die Mitte der Brücke kommen, werde ich ihn

in das Wasser hinunterstoßen und dann kann er uns nicht verraten.“

Als der junge Diener das hörte, wurde er sehr blaß vor Angst, und er

sagte zu den Pilgern:

„Ach, ich kann nicht über die Brücke gehen, mir schwindelt!“

„Nun, ich will dich hinübertragen,“ sagte der älteste Pilger.

„Nein, nein!“ rief der Diener. „Sie würden mich fallen lassen! Sehen

Sie, gute Pilger, Sie brauchen meine Hülfe nicht mehr. Von hier aus

geht der Weg gerade zum Schlosse, wo Sie übernachten sollen. Lassen Sie

mich jetzt nach Hause gehen.“

Die falschen Pilger sprachen jetzt noch ein wenig auf Italienisch, und

während der älteste sagte, daß es besser wäre, den Jüngling zu töten,

sagte der jüngere, daß er ihn solle gehen lassen. Endlich rief der

älteste:

„Nun, er kann gehen. Wir werden die Brücke in den Fluß werfen. Dann

kann Niemand hinüber, und du weißt, daß es viele Stunden braucht,

wenn man den anderen Weg herumgehen muß. Er versteht doch kein Wort

Italienisch und wenn er auch Alles verstanden hätte, könnte er unseren

Plan dem Ritter nicht früh genug sagen. Ehe ein Bote den anderen Weg

herumkommen kann, werden der Ritter und seine Familie tot und das

Schloß niedergebrannt sein.“

Endlich ließen die Pilger den Jüngling gehen, und sobald er nicht mehr

von ihnen gesehen werden konnte, lief er so schnell als möglich nach

Hause. Da erzählte er der Witwe Alles. Sie erschrak sehr und wollte den

Ritter warnen, aber es war unmöglich, schnell genug dahin zu gelangen.

Der Diener sagte: „Gnädige Frau, man kann nicht mehr über den Fluß

gehen bis man an die große Brücke, fünfzehn Meilen von hier, kommt.

Man müßte Flügel haben, um schnell genug dahin zu kommen.“

Die kleine Emma, die Alles gehört hatte, rief jetzt: „Ach, Mutter, die

Taube! die Taube! Schreibe schnell einen Brief. Wir werden ihn der

Taube um den Hals binden, und sie fliegt sicher gleich zu Elsa!“

Die Mutter verstand. Ohne eine Minute zu verlieren, schrieb sie eine

Warnung. Der kleine Brief wurde der Taube fest um den Hals gebunden und

dann wurde sie frei gelassen.

Sie flog hoch auf, und nach einigen Minuten flog sie schnell gegen

Falkenburg.

„Gott gebe, daß unsere Warnung glücklich ankommt!“ sagte die Witwe.

Sie brachte die Nacht auf dem Turm zu, wo sie betete und unermüdlich

gegen Falkenburg hinschaute, wo sie fürchtete, das rote Licht eines

Feuers zu sehen.

Unterdessen waren die Pilger in dem Schlosse von Falkenburg angekommen.

Der Ritter hieß sie willkommen, und bat sie, sich im Pilgerzimmer ein

wenig auszuruhen, und sagte, daß er ihren Erzählungen erst nach dem

Abendessen gern zuhören würde.

Die Familie von Falkenburg saß allein im Wohnzimmer als sie ein kleines

Geräusch hörten. Elsa ging an das Fenster und rief schnell: „Mutter,

hier ist meine Taube! Sieh, sie ist entflohen! Emma hat ihr ein rotes

Band um den Hals gebunden, und ach, da ist auch ein Stück Papier!“

Vater und Mutter traten jetzt näher. Der Ritter nahm das Papier,

entfaltete es und las:

„Guter Ritter von Falkenburg.

„Die zwei Pilger, die Sie im Hause haben, sind Räuber. Sie waren

gestern hier über Nacht und mein Diener hat sie über den Berg führen

müssen, da sie sagten, daß sie den Weg zu Ihrem Schlosse sonst nicht

finden würden.

„Unterwegs sprachen sie Italienisch, und Bernhardt, der in Italien

geboren ist, hat Alles verstanden. Sie haben die Brücke zertrümmert.

Diese Nacht sollen sie ein Licht in das Fenster des Pilgerzimmers

stellen. Ihre Verbündeten werden dann kommen und von den Pilgern durch

die Gartenthür herein gelassen werden. Während Sie schlafen, sollen Sie

alle ermordet werden. Die Räuber wollen das Schloß plündern und darauf

anzünden. Gott gebe, daß diese Warnung nicht zu spät kommt und Sie sich

werden verteidigen können.

„Emma von Hohenburg.“

Der Ritter war sehr erstaunt, aber jetzt, da er gewarnt worden, war

keine Gefahr mehr, und er machte schnell einen Plan, um die Räuber in

Verhaft zu nehmen.

Der Ritter rief dann seine Diener, teilte ihnen alles mit und erklärte,

was er thun wollte, um die Räuber zu verhaften. Dann ließ er die

falschen Pilger hereinkommen.

Sie fingen gleich an zu sagen, daß die Frau von Hohenburg sehr gütig

gewesen sei, und ihren Gruß schicke. Dann fingen sie an, den Ritter und

dessen Gemahlin zu loben.

Der Ritter war so böse, diese falschen Worte zu hören, daß er bald

ausrief:

„Schweigen Sie! Sie lügen! Ich weiß alles! Sie sind keine frommen

Pilger, sondern Räuber. Sie sind hierher gekommen, um mich, meine

Familie und alle meine Diener zu morden. Sie wollen durch ein Licht

in dem Fenster Ihres Zimmers Ihre Verbündeten hierher bringen, sie

durch die Gartenthür in das Schloß führen, und wenn Sie alle gemordet

und genug geplündert haben, wollen sie das Schloß in Brand stecken

(verbrennen).“

Die Pilger waren höchst erstaunt, aber ehe sie ein Wort sagen konnten,

rief der Ritter seine Diener herbei und ließ die zwei bösen Männer in

Verhaft nehmen.

Dann zündete er selbst ein Licht an, stellte es in das Fenster, und um

die bestimmte Stunde hörte man ein leises Pochen am Gartenthor.

Der Ritter, der einen Pilgerrock über seine Rüstung gezogen, ließ die

anderen Räuber in den Hof herein kommen, wo alle seine bewaffneten

Diener versteckt waren, und in einigen Minuten waren sie alle

festgebunden!

Die Familie von Falkenburg war von einem furchtbaren Tode verschont und

sie sprachen oft davon, wie wunderbar sie durch Gottes Güte gerettet

worden. Emma von Hohenburg ließ eine Taube in ihr Wappen malen, damit

Ihre Nachkommen diese Geschichte nie vergessen sollten.

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil · 第 35 / 53 题