4. Tisch, Sack und Pack.

Vor langen Jahren wohnte ein armer Mann in einer ärmlichen Hütte mit

seiner Frau und seinen drei Söhnen Jacob, Michel und Heinrich.

„Jacob,“ sprach der Vater sehr oft, „Jacob, du wirst bald Hausherr

sein, denn ich bin sehr krank, und sterbe bald. Wenn ich nicht mehr da

bin, sollst du Mutter und Brüder wohl versorgen.“

Jacob versprach immer, daß er Mutter und Brüder wohl versorgen wolle;

aber er hielt nicht Wort, und als der Vater gestorben und begraben war,

rief er aus:

„Jetzt will ich in die Welt gehen, um mein Glück zu suchen. Michel, du

kannst mitkommen, aber Heinrich soll hier zu Hause bleiben, denn er ist

zu dumm.“

Die Mutter aber bat die zwei ältesten Brüder so sehr, daß sie den

jüngsten endlich mitnahmen.

Die zwei ältesten Söhne nahmen alles Geld und alles Essen im Hause,

aber Heinrich nahm nichts; er ließ Alles, was er hatte, seiner Mutter

und ging weinend fort.

Nachdem sie einige Stunden gegangen waren, setzten sie sich am Wege

nieder und die zwei ältesten Brüder nahmen ihre Lebensmittel und fingen

an zu essen.

Heinrich hatte keine Lebensmittel mitgebracht und die Brüder lachten

ihn aus, aber er sagte gelassen, daß er besser Hunger leiden könnte,

als seine arme, verwitwete Mutter.

Als die Brüder das hörten, schämten sie sich doch ein wenig, und gaben

ihm von ihren Lebensmitteln zu essen, ehe sie weiter gingen. Nach zwei

Tagen kamen die drei Brüder in ein Schloß, wo niemand zu sehen war.

Da die zwei ältesten sich fürchteten, zuerst einzutreten, schickten

sie den jüngsten voran. Er trat in das erste Zimmer und blieb erstaunt

stehen, denn da war ein großer Haufe kupferner Pfennige.

Die zwei Brüder folgten ihm und als sie das Geld sahen, leerten sie die

Lebensmittel schnell aus ihren Säcken und packten sie voll kupfernes

Geld. Heinrich nahm nur ein einziges Stück Geld und dann öffnete er

eine zweite Thür und trat in ein zweites Zimmer, wo ein großer Haufe

silbernen Geldes war. Als die zwei ältesten Brüder das silberne Geld

sahen, leerten sie ihre Säcke wieder, und packten sie voll Silbergeld.

Heinrich aber nahm wieder nur ein Stück Silber, dann öffnete er eine

andere Thür und trat in ein drittes Zimmer, wo ein großer Haufe Gold

war.

Als die zwei ältesten Brüder das Gold sahen, leerten sie das Silber

schnell aus ihren Säcken, füllten sie mit Gold und gingen schnell aus

dem Schlosse, denn sie hatten jetzt viele Reichtümer und fürchteten,

daß Jemand käme und sie ihnen fortnähme.

Der jüngste Bruder, der nur ein Stück Gold genommen, nahm die

Lebensmittel, und indem er seinen Brüdern folgte, aß er alles. Endlich

kamen alle drei in einen Wald. Da die zwei ältesten das schwere Gold

getragen, waren sie sehr müde, ließen ihre Säcke fallen, und legten

sich nieder, um etwas auszuruhen. Sie waren beide sehr hungrig und

hießen Heinrich in das Schloß gehen, und ihnen die Lebensmittel, die

sie dort gelassen, bringen.

„Ach,“ erwiderte Heinrich, „zu dem Schlosse will ich doch nicht allein

gehen, und ohne dieß würde ich keine Lebensmittel da finden, denn ich

habe sie ja alle gegessen!“

Als die hungrigen Brüder das hörten, wurden sie sehr böse, prügelten

den armen Heinrich, ließen ihn halbtot am Boden liegen, nahmen ihre

goldgefüllten Säcke, und gingen heim.

Der arme Heinrich durfte ihnen nicht folgen. Er hatte nichts zu essen,

und dachte endlich:

„Ich will wieder in das Schloß gehen. Vielleicht finde ich noch etwas

zu essen da, und wenigstens kann ich Gold genug fortbringen, um reich

zu sein, denn ich weiß ganz gut, daß meine Brüder mir nie ein einziges

Stück Geld geben würden.“

Er ging allein in das Schloß, ging durch die Zimmer wo Kupfer und

Silber lag, und als er in das Zimmer, wo das Gold lag, gekommen war,

nahm er seinen Rock und füllte ihn mit Goldstücken. Er wollte soeben

fortgehen, als er einen schrecklichen Lärm hörte, und als er zitternd

da stand, kamen drei große Riesen, die laut riefen:

„Wo ist der Räuber? Er soll sterben!“

Sie wollten den Jüngling töten, aber da er laut um sein Leben bat,

sagten sie endlich, daß sie es ihm lassen wollten, aber daß er ihr

Schatzhüter sein sollte.

„Damit du ja nicht Hunger leidest,“ fügten sie hinzu, „stellen wir hier

einen kleinen Tisch hin. Klopfe darauf, wenn du zu essen wünschest, und

rufe laut: ‚Lebensmittel für einen König!‘ und du wirst Alles haben,

was du nur wünschen kannst.“

Der Jüngling, der sehr hungrig war, klopfte sogleich auf den Tisch, und

in einem Augenblick war er mit vielen Speisen bedeckt, und der Jüngling

konnte nach Belieben essen.

Heinrich blieb ein ganzes Jahr hier im Schlosse. Aber da er immer

allein war, langweilte er sich endlich sehr. Eines Tages nahm er den

Tisch, rief laut:

„Hütet euere Schätze selbst, Ihr Herren Riesen,“ und ging aus dem

Schlosse.

Er ging lange und kam endlich in einen dichten Wald. Hier begegnete er

einem armen Manne, der bittend sagte:

„Geben Sie mir etwas zu essen, guter Jüngling, ich bin ja so hungrig!“

„Das will ich gern thun, armer Mann,“ sagte der Jüngling. Er stellte

seinen Tisch unter einen Baum, klopfte darauf, rief laut: „Lebensmittel

für einen König!“ und sobald der Tisch mit guten Speisen bedeckt war,

lud er den Mann zum Essen ein.

Der alte Mann aß und trank und sagte endlich:

„Das ist ein schöner Tisch! Sehen Sie, guter Jüngling, ich werde

Ihnen diesen Pack für den Tisch geben. Es ist ein wunderbarer Pack.

Öffnen Sie ihn und sagen Sie laut: ‚Soldaten herbei!‘ und Sie werden so

viele Soldaten haben, als Sie wollen. Dann sagen Sie wieder, ‚Soldaten

hinein!‘ so werden sie alle wieder in dem Pack verschwinden.“

„Nun,“ sagte Heinrich, „das ist mir schon Recht. Sie sollen den Tisch

haben. Geben Sie mir den Pack.“

Der alte Mann gab ihm den Pack, nahm den Tisch und Beide gingen ihres

Weges. Heinrich war nicht weit gegangen, so dachte er:

„Es ist doch schade, daß ich meinen guten Tisch nicht mehr habe. Was

werde ich jetzt thun, wenn ich hungrig bin?“ Dann dachte er auch: „Ich

muß sehen, ob mein Pack gut ist.“

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil · 第 26 / 53 题