Vor langen Jahren wohnte ein armer Mann in einer ärmlichen Hütte mit
seiner Frau und seinen drei Söhnen Jacob, Michel und Heinrich.
„Jacob,“ sprach der Vater sehr oft, „Jacob, du wirst bald Hausherr
sein, denn ich bin sehr krank, und sterbe bald. Wenn ich nicht mehr da
bin, sollst du Mutter und Brüder wohl versorgen.“
Jacob versprach immer, daß er Mutter und Brüder wohl versorgen wolle;
aber er hielt nicht Wort, und als der Vater gestorben und begraben war,
rief er aus:
„Jetzt will ich in die Welt gehen, um mein Glück zu suchen. Michel, du
kannst mitkommen, aber Heinrich soll hier zu Hause bleiben, denn er ist
zu dumm.“
Die Mutter aber bat die zwei ältesten Brüder so sehr, daß sie den
jüngsten endlich mitnahmen.
Die zwei ältesten Söhne nahmen alles Geld und alles Essen im Hause,
aber Heinrich nahm nichts; er ließ Alles, was er hatte, seiner Mutter
und ging weinend fort.
Nachdem sie einige Stunden gegangen waren, setzten sie sich am Wege
nieder und die zwei ältesten Brüder nahmen ihre Lebensmittel und fingen
an zu essen.
Heinrich hatte keine Lebensmittel mitgebracht und die Brüder lachten
ihn aus, aber er sagte gelassen, daß er besser Hunger leiden könnte,
als seine arme, verwitwete Mutter.
Als die Brüder das hörten, schämten sie sich doch ein wenig, und gaben
ihm von ihren Lebensmitteln zu essen, ehe sie weiter gingen. Nach zwei
Tagen kamen die drei Brüder in ein Schloß, wo niemand zu sehen war.
Da die zwei ältesten sich fürchteten, zuerst einzutreten, schickten
sie den jüngsten voran. Er trat in das erste Zimmer und blieb erstaunt
stehen, denn da war ein großer Haufe kupferner Pfennige.
Die zwei Brüder folgten ihm und als sie das Geld sahen, leerten sie die
Lebensmittel schnell aus ihren Säcken und packten sie voll kupfernes
Geld. Heinrich nahm nur ein einziges Stück Geld und dann öffnete er
eine zweite Thür und trat in ein zweites Zimmer, wo ein großer Haufe
silbernen Geldes war. Als die zwei ältesten Brüder das silberne Geld
sahen, leerten sie ihre Säcke wieder, und packten sie voll Silbergeld.
Heinrich aber nahm wieder nur ein Stück Silber, dann öffnete er eine
andere Thür und trat in ein drittes Zimmer, wo ein großer Haufe Gold
war.
Als die zwei ältesten Brüder das Gold sahen, leerten sie das Silber
schnell aus ihren Säcken, füllten sie mit Gold und gingen schnell aus
dem Schlosse, denn sie hatten jetzt viele Reichtümer und fürchteten,
daß Jemand käme und sie ihnen fortnähme.
Der jüngste Bruder, der nur ein Stück Gold genommen, nahm die
Lebensmittel, und indem er seinen Brüdern folgte, aß er alles. Endlich
kamen alle drei in einen Wald. Da die zwei ältesten das schwere Gold
getragen, waren sie sehr müde, ließen ihre Säcke fallen, und legten
sich nieder, um etwas auszuruhen. Sie waren beide sehr hungrig und
hießen Heinrich in das Schloß gehen, und ihnen die Lebensmittel, die
sie dort gelassen, bringen.
„Ach,“ erwiderte Heinrich, „zu dem Schlosse will ich doch nicht allein
gehen, und ohne dieß würde ich keine Lebensmittel da finden, denn ich
habe sie ja alle gegessen!“
Als die hungrigen Brüder das hörten, wurden sie sehr böse, prügelten
den armen Heinrich, ließen ihn halbtot am Boden liegen, nahmen ihre
goldgefüllten Säcke, und gingen heim.
Der arme Heinrich durfte ihnen nicht folgen. Er hatte nichts zu essen,
und dachte endlich:
„Ich will wieder in das Schloß gehen. Vielleicht finde ich noch etwas
zu essen da, und wenigstens kann ich Gold genug fortbringen, um reich
zu sein, denn ich weiß ganz gut, daß meine Brüder mir nie ein einziges
Stück Geld geben würden.“
Er ging allein in das Schloß, ging durch die Zimmer wo Kupfer und
Silber lag, und als er in das Zimmer, wo das Gold lag, gekommen war,
nahm er seinen Rock und füllte ihn mit Goldstücken. Er wollte soeben
fortgehen, als er einen schrecklichen Lärm hörte, und als er zitternd
da stand, kamen drei große Riesen, die laut riefen:
„Wo ist der Räuber? Er soll sterben!“
Sie wollten den Jüngling töten, aber da er laut um sein Leben bat,
sagten sie endlich, daß sie es ihm lassen wollten, aber daß er ihr
Schatzhüter sein sollte.
„Damit du ja nicht Hunger leidest,“ fügten sie hinzu, „stellen wir hier
einen kleinen Tisch hin. Klopfe darauf, wenn du zu essen wünschest, und
rufe laut: ‚Lebensmittel für einen König!‘ und du wirst Alles haben,
was du nur wünschen kannst.“
Der Jüngling, der sehr hungrig war, klopfte sogleich auf den Tisch, und
in einem Augenblick war er mit vielen Speisen bedeckt, und der Jüngling
konnte nach Belieben essen.
Heinrich blieb ein ganzes Jahr hier im Schlosse. Aber da er immer
allein war, langweilte er sich endlich sehr. Eines Tages nahm er den
Tisch, rief laut:
„Hütet euere Schätze selbst, Ihr Herren Riesen,“ und ging aus dem
Schlosse.
Er ging lange und kam endlich in einen dichten Wald. Hier begegnete er
einem armen Manne, der bittend sagte:
„Geben Sie mir etwas zu essen, guter Jüngling, ich bin ja so hungrig!“
„Das will ich gern thun, armer Mann,“ sagte der Jüngling. Er stellte
seinen Tisch unter einen Baum, klopfte darauf, rief laut: „Lebensmittel
für einen König!“ und sobald der Tisch mit guten Speisen bedeckt war,
lud er den Mann zum Essen ein.
Der alte Mann aß und trank und sagte endlich:
„Das ist ein schöner Tisch! Sehen Sie, guter Jüngling, ich werde
Ihnen diesen Pack für den Tisch geben. Es ist ein wunderbarer Pack.
Öffnen Sie ihn und sagen Sie laut: ‚Soldaten herbei!‘ und Sie werden so
viele Soldaten haben, als Sie wollen. Dann sagen Sie wieder, ‚Soldaten
hinein!‘ so werden sie alle wieder in dem Pack verschwinden.“
„Nun,“ sagte Heinrich, „das ist mir schon Recht. Sie sollen den Tisch
haben. Geben Sie mir den Pack.“
Der alte Mann gab ihm den Pack, nahm den Tisch und Beide gingen ihres
Weges. Heinrich war nicht weit gegangen, so dachte er:
„Es ist doch schade, daß ich meinen guten Tisch nicht mehr habe. Was
werde ich jetzt thun, wenn ich hungrig bin?“ Dann dachte er auch: „Ich
muß sehen, ob mein Pack gut ist.“