(1896.)
Vor 13 Jahren war es noch natürlich, eine Charakteristik Henrik Ibsen's
mit einem Nebeneinanderstellen von Björnson und ihm abzuschliessen.
Heutzutage ist die Parallele nicht mehr möglich; Ibsen hat in der
zwischenliegenden Zeit sich so kühn und stetig entwickelt und einen so
hohen Flug genommen, dass er alle nordischen und fremden Nebenbuhler
weit überflügelt hat. Sein Ruhm ist im buchstäblichen Sinne Weltruhm
geworden; aus seinem Namen sind in der französischen und englischen
Sprache, vielleicht in noch mehreren, Worte gebildet. Kein anderer
nordischer Dichter beschäftigt wie er die Zeitgenossen; an der Schwelle
des Greisenalters ist er noch derartig der geistigen Vorhut angehörig,
dass seine Werke wie sonst nur die Werke eines ganz jungen Mannes
angefeindet, bekämpft, verspottet, geliebt und vergöttert werden.
Wesentlich hat seine geistige Physiognomie sich in dieser Zeitdauer
nicht ändern können; dazu waren die Züge schon zu eigenthümlich
geprägt; neue Züge sind indessen hinzugekommen, und der Ausdruck ist
noch geistvoller geworden als er war.
Der gehässige Empfang des merkwürdigen und tiefen Schauspiels
»Gespenster« machte auf Henrik Ibsen, der Ursache hatte, sein Ansehen
endlich als gesichert zu betrachten, einen ungewöhnlichen Eindruck.
Fast alle nach Norwegen aus Kopenhagen geschickten Exemplare kamen
unverkauft zurück -- noch heute ist dieses Drama das einzige von
Ibsen, das keine zweite Auflage erlebt hat -- und die liberale Presse
Norwegens wetteiferte mit der conservativen in Angriffen auf das
Stück und dessen Verfasser. In welche Aufregung diese Haltung seiner
Landsleute Ibsen versetzte, beweist schon der Umstand, dass der
Dichter, der sonst nur jedes zweite Jahr ein Schauspiel herauszugeben
pflegte -- und auch jetzt wieder pflegt -- dies eine Mal schon nach
Einem Jahre eins fertig hatte, den »Volksfeind«, in welchem, wie schon
berührt, eben jener gehässige Empfang der »Gespenster« dargestellt
wird. »Ein Volksfeind« schildert ja die schlechte Behandlung, die einem
ehrenhaften und begabten Manne, Badearzt in einer kleinen norwegischen
Stadt zu Theil wird, als er entdeckt und mittheilt, dass das Wasser
des Bades verpestet ist. In seiner Naivetät hat der Arzt gehofft,
diese Entdeckung und die Anweisung zur Umgestaltung der Verhältnisse
solle ihm die Dankbarkeit seiner Mitbürger einbringen. Es scheint
zuerst auch so; es sieht einen Augenblick aus, als wolle die Opposition
ihn unterstützen, um ihn gegen die Machthaber zu verwenden. Aber die
Stadt will sich nicht dafür aussetzen, auch nur vorübergehend einen
schlechten Ruf als Badeort zu bekommen; man fürchtet die Kurgäste
wegzuscheuchen; man will sich den grossen Unkosten, die eine umfassende
Reparatur erfordern würde, nicht unterziehen, und man zieht statt
dessen vor, den Arzt, der sich nicht beschwichtigen lässt, einstimmig
aufzugeben, dann anzufahren, und mit Schimpfworten, ja Steinwürfen
heimzusuchen.
Man muss gewissen Norwegern für ihre Dummheit und ihre Heuchelei
»Gespenster« gegenüber dankbar sein, da sie durch ihr Auftreten »Ein
Volksfeind« veranlasst haben. Das Stück gehört zu den schärfsten
und witzigsten, die Ibsen geschrieben hat, und er hat es vorzüglich
verstanden, die Hauptperson von sich fern zu halten und ihr
selbständiges Leben mitzutheilen, wenn der Dichter auch in der grossen
Rede des vierten Akts recht deutlich selbst durch den Mund des Arztes
spricht.
In diesem Schauspiel kommt zum ersten Mal die grundaristokratische und
doch volksfreundliche, volkserzieherische Lebensansicht des Dichters
direct ans Licht. Nie vorher hatte er mit solcher Stärke die Lehre
von dem stetigen Unrecht der Mehrzahl gepredigt; das Stück schliesst
sogar mit dem geistvollen an Kierkegaard anklingenden Paradoxon: Der
stärkste Mann in der Welt ist der, welcher allein steht.[46] Ueberhaupt
ist Ibsen, seit den Tagen wo er Brand schrieb, nicht so in den Spuren
Kierkegaards gegangen wie hier. Was aber bei dem ein Menschenalter
früher gestorbenen Denker eine abstracte Lehre war, das erscheint im
»Volksfeind« in lebenswahren Gestalten, mit einer hinter Kierkegaard
nicht zurückstehenden Fülle von Witz und bitterer Satire ausgeführt.
Es folgte »Die Wildente«, ein Meisterwerk, wohl das am meisten
pessimistische Stück, das Ibsen noch geschrieben hatte, und worin doch
sogar eine so niedrig stehende Gestalt wie die frühere Freundin des
Grosshändlers Werle und jetzige Frau des faulenzenden und affectirten
Photographen Hjalmar Ekdal, Frau Gina, mit Wohlwollen, fast mit Liebe
gezeichnet ist, während alles Licht sich um den Kopf des rührend
liebenswürdigen und hochherzigen Kindes, der Hedwig, sammelt. Auch
in dieser reichen und düsteren Arbeit spürt man eine Nachwirkung der
besprochenen, schlechten Behandlung des Dichters nach dem Erscheinen
der »Gespenster«, in der Persönlichkeit des Gregers Werle nämlich,
jener Karikatur eines Wahrheitsapostels. Augenscheinlich hat der
Dichter, nachdem er sich in dem »Volksfeind« ausgetobt hatte, sich
zum ersten Mal ernstlich gefragt, ob es denn wirklich die Mühe lohne,
wirklich Pflicht sei, Durchschnittsmenschen wie seinem Publikum die
Wahrheit zu verkünden, ob ihnen nicht die Lüge zu ihrer Lebensführung
unbedingt nothwendig sei. Der überlegene Humor, mit welchem die Antwort
auf diese Frage gegeben worden, hat zu der Schöpfung von Gregers Werle
geführt, der überall überflüssigen und störenden Persönlichkeit, der
die ideale Forderung in allen Kätnerhütten präsentirt, da er erst durch
den cynisch gutmüthigen Relling -- eine andere Incarnation des Dichters
-- am Schluss des Stückes die Weisheit lernt, dass »wenn man einem
Durchschnittsmenschen die Lebenslüge nimmt, so nimmt man ihm zugleich
das Glück«.
Wie hoch »Die Wildente« steht, welch ein Fortschritt das Stück in
der Production des Dichters bezeichnet, das empfindet man am besten,
wenn man es mit den »Stützen der Gesellschaft« vergleicht. Dort
der melodramatische Schluss, die Bekehrung der Hauptperson, die
conventionelle Verhinderung alles Uebels, die Rettung des Schiffes und
sogar des entlaufenen Kindes, hier der schöne und bittere Ernst des
Lebens und die volle Strenge und Milde der Kunst.
Wer weiss, ob nicht in dem jetzt folgenden »Rosmersholm« noch eine
Erinnerung an jenen Wendepunkt im litterarischen Leben Ibsen's, den
Sturmangriff auf »Gespenster«, verkappt ist? Rosmer beginnt da, wo Dr.
Stockmann schliesst. Er will von Anfang an, wie der Doctor zuletzt es
wollte, freie, stolze »Adelsmenschen« aus seinen Umgebungen machen.
Man hält ihn zuerst für entschieden conservativ -- wie man in Norwegen
seit dem »Bund der Jugend« viele Jahre hindurch Ibsen dafür hielt --
und so lange diese Ansicht verbreitet ist, wird er bewundert, anerkannt
und Alles, was ihn betrifft in dem besten Sinn ausgelegt. Sobald man
aber die durchgeführte geistige Emancipation Rosmer's entdeckt, sobald
er selbst kein Hehl aus seiner freien Gesinnung macht, wendet sich
die öffentliche Meinung gegen ihn; die Conservativen fangen an ihn
zu verfolgen, die Liberalen bieten ihm Schweigen, da sie für Männer
mit seinen freidenkerischen Ansichten keinen Gebrauch haben, und das
Verhältniss zu Rebekka, das vorher zu keinem ungünstigen Gerücht Anlass
gab, ja das als geweiht betrachtet wurde, wird jetzt auf jegliche
Weise verlästert. Gerade so vogelfrei war der Dichter eine Zeit
lang geworden, nachdem er der Ansicht der Conservativen zufolge mit
»Gespenster« sich zum Radicalismus bekehrt hätte.
In dem Jahre bevor »Rosmersholm« erschien, hatte Ibsen nach elfjähriger
Abwesenheit sein Vaterland einige Wochen wieder besucht, und einer
Rede zufolge, die er in Drontheim hielt, als der Arbeiterverein
ihn mit einem Fahnenzug begrüsste, unermessliche Fortschritte auf
vielen Gebieten gefunden, doch auch Enttäuschungen erlebt, insofern
er »die unentbehrlichsten, individuellen Rechte ungesichert, weder
Glaubensfreiheit noch Aeusserungsfreiheit ausserhalb einer willkürlich
festgestellten Grenze vorfand«. Er hatte in dieser Rede gesagt: »Hier
ist viel zu thun, ehe man von uns sagen kann, wir hätten wirkliche
Freiheit erreicht. Aber ich fürchte, dass unsere jetzige Demokratie
diese Aufgaben nicht zu lösen vermag. Es muss ein adliges Element in
unser Staatsleben, in unsere Vertretung und unsere Presse hineingeführt
werden. Ich denke natürlicherweise nicht an den Adel der Geburt, auch
nicht an den des Geldes oder der Einsicht, nicht einmal an den Adel der
Begabung. Aber ich denke an den Adel des Charakters, des Willens und
der Gesinnung«.
Man spürt in Rosmer sowohl den eben gewonnenen, frischen und
überlegenen Blick des Dichters auf die Parteiverhältnisse Norwegens,
wie jenes Vermissen eines adeligen Elements in den politischen
Verhältnissen des Vaterlandes. Die zwei ausgezeichneten Gestalten Kroll
und Mortensgaard personificiren die verbissene fanatische Reaction wie
die plebejische Demokratie. Ueber beiden erhebt sich Rosmers feine,
etwas blasse Gestalt, der vornehme, jedoch impotente Charakter, dem
alle Eigenschaften abgehen, die den Führer machen, der aber selbst den
Adel inne hat, den er nicht der Masse, nur dem einen Weib, das ihn
liebt, mitzutheilen vermag.
Dies Weib, Rebekka, ist die Hauptfigur des Dramas und eine der
vorzüglichsten und grössten Gestalten Henrik Ibsens. Nie zuvor hatte er
die erhabene Ruhe, die sichere Humanität entwickelt, mit welcher dies
weibliche Wesen dargestellt, erklärt und indirect beurtheilt ist. Er,
dessen Eigenthümlichkeit es eine Zeit lang gewesen war, die Unechtheit
des scheinbar Echten zu beweisen, den Klang des Hohlen durch Pochen
an das scheinbar Solide herauszuhören, er, der überall die schwachen
Seiten herausfand -- er hat hier sein altes Misstrauen überwunden und
hat an die Läuterung des Mädchens mit der besudelten Vorzeit geglaubt,
und in der Verbrecherin, Lügnerin, Mörderin den guten Kern, die
Reinheit und zuletzt die Grösse nachgewiesen und dargestellt. Er hat
das so überzeugend gethan, dass selbst der, welcher nie im Leben einer
Rebekka begegnet ist -- und sie ist wohl unter Ibsen's Norwegerinnen
am meisten Ausnahme -- selbst der keinen Augenblick des Zweifels an
ihre Möglichkeit hat. Sie ist nur mehr allgemein menschlich als eben
norwegisch; gewissermassen macht sie einen russischen Eindruck.
Nur mit zwei Worten sei schliesslich daran erinnert, mit welcher Kunst
Ibsen Ulrik Brendels phantastische Persönlichkeit gegen das Ende hin
dazu verwendet hat, die ganze Stimmung zu brechen und zu verstärken.
Rebekka in »Rosmersholm« war wie eine Personification des
Nordlandes, dem sie entstammte, des Landes des stetigen Dunkels und
ununterbrochenen Lichts in jähem Wechsel, des Landes der gewaltsamen,
unbeherrschten Temperamente; all die Gleichnisse, mit denen sie die
eigene Natur zu bezeichnen versuchte, entnahm sie den stürmischen
Umgebungen, in denen sie ihre erste Jugend verlebt hatte. Ihre
Leidenschaft für Rosmer verglich sie einem Sturme im Nordland zur
Winterszeit: keine Möglichkeit des Widerstehens. Die Heldin in Ibsens
nächstfolgendem Schauspiel »Die Frau vom Meere«, Ellida, entspricht
dem heftigen, wandelbaren Meere an der westlichen Küste Norwegens, wo
sie geboren und aufgewachsen ist. Sie sehnt sich immer nach dem Meere,
und sie ist geheimnissvoll wie das Meer. Naturgebunden, nervenkrank,
wie hypnotisirt, an dem Rande des Wahnsinns, strebt sie unbewusst nach
Freiheit und Verantwortlichkeit empor.
Mit »Rosmersholm« ist Ibsen zu der symbolischen Richtung zurückgekehrt,
die er in seiner Jugend mit »Brand« und »Peer Gynt« einschlug. Man
fühlt hier zum ersten Male entschieden, dass die polemische Periode in
Ibsens Dichterleben zu Ende ist. Das Stück wirkt wie ein mit grosser
Kunst durchgeführtes psychologisch-phantastisches Experiment. Es
spielt nicht im hellen Tageslicht, sondern in einer Rembrandtschen
Beleuchtung, wo aus dem Dunkel des Hintergrundes »der fremde Mann«,
der mystische Gegenstand des weiblichen Sehnens nach dem Ungebundenen
und der weiblichen Furcht vor dem Unbekannten, einige Augenblicke
hervortritt, um ebenso plötzlich für immer zu verschwinden. Die
geheimnissvolle Macht, die der fremde Seemann über Ellida hat, ist
gebrochen in dem Augenblick, da Wangel ihr die freie Entscheidung
überlässt.
Mit Ibsens ganzer dichterischer Meisterschaft sind in diesem Stück
die beiden jungen Töchter des Hauses, Bolette und Hilde, gedichtet.
Hilde ist hier noch nur der übersprudelnde, recht grausame und doch so
liebesbedürftige Backfisch; sie wird bekanntlich später die wundervolle
Heldin in »Baumeister Solness«. Bolette ist das junge Mädchen, das sich
gezwungen fühlt, all die goldigen Jugendträume fahren zu lassen um die
Ehe mit einem braven, viel älteren, nicht geliebten Mann einzugehen.
Ergreifend wirkt es, dass die Tragödie der Eltern (hier die Missheirath
Ellidas mit dem ältlichen Wangel) sich in dem Leben der Kinder genau
wiederholt. Man sieht gleichsam in eine endlose Perspektive der
irdischen Täuschungen hinein.
Mit »Hedda Gabler« betrat Henrik Ibsen aufs Neue den Boden der
Wirklichkeitsdichtung. Hier ist kein Sinnbild, nur eine mit der
schärfsten Genauigkeit durchgeführte Analyse und Synthese eines gross
angelegten und kleinlich entwickelten jungen Weibes, das zugleich
stark und feige, begeistert und conventionell, hochstrebend und platt,
herrschsüchtig und boshaft, alterthümlich und modern decadent ist; wie
ein englischer Kritiker schrieb: kurz die junge Miss, die wir in fünf
Fällen von zehn in Gesellschaft zu Tisch führen.
»Hedda Gabler« eröffnet uns den Einblick in eine Gesellschaft, wo
die Formlosigkeit, als Geradheit aufgefasst, die einzige Form ist,
und wo eine gewisse Roheit in Denkweise und Art der Rede bis in die
höheren Schichten hinaufreicht. Selbst wo der Conversationston in einem
Freimaurerjargon besteht, der nicht ohne Witz ist, entbehrt er jeder
Feinheit: die Geständnisse, die -- sogar bei einer ersten Begegnung --
gemacht werden, sind derartig, dass man innerhalb einer civilisirten
Gesellschaft sie so lange wie möglich zurückhalten würde. Es finden
sich in diesem Drama zum Beispiel zwei junge Frauen, die fast sogleich
bekennen, dass sie ihren Gemahl nicht lieben, ja dass er ihnen zuwider
ist. Die Laster, von denen hier die Rede ist, sind dem entsprechend von
der am wenigsten verfeinerten Art, z. B. die Neigung zum Alkohol so
entwickelt, dass sie ihr Opfer zur besinnungslosen Trunkenheit, ja zu
einer permanenten Erniedrigung führt, aus der sich zu erheben der Mann
nicht die geringste Hoffnung hat.
Die norwegische Gesellschaft kennt nicht allein nicht ererbten Adel,
sondern, was wichtiger ist, auch keine aristokratische Tradition; fast
die gesammte Geistesaristokratie (die grössten Capacitäten auf den
Gebieten der Dichtkunst, der Malerei, der Bildhauerkunst und der Musik)
hat während einer langen Reihe von Jahren ausserhalb des Landes gelebt.
Die äussere Geschichte Norwegens ist ausserdem in diesem Jahrhundert
so friedlich und so nichtssagend gewesen, dass es Ibsen kaum gelungen
ist, seiner Hauptperson eine Art Relief dadurch zu geben, dass er sie
zur Tochter eines norwegischen Generals machte. Denn der Leser weiss,
dass ein norwegischer General ein Kavallerist ist, der nie das Pulver
gerochen hat, und dessen Pistolen an einem Blutvergiessen nie den
entferntesten Antheil gehabt haben.
Sowohl in Norwegen wie in Schweden ist es zwar Sitte, dass Männer und
Frauen der guten Gesellschaft, die in keinem Verwandtschaftsverhältniss
zu einander stehen, sich gegenseitig duzen. In Schweden aber wird das
Du von allen Menschen, die sich nur im Geringsten kennen, aus dem
einfachen Grunde gebraucht, weil der Sprache (wie der polnischen) ein
Anrede-Wort fehlt. Da ein Gespräch ohne »Du« hier nur mit ermüdenden
Umschreibungen geführt werden könnte, hat das »Du« in Schweden also
fast denselben Charakter wie im alten Rom. -- In Norwegen dagegen,
wo die Sprache nicht jenes Hinderniss in den Weg legt, bedeutet, das
»Du« nur die Familiarität, in die man in jeder formlosen Gesellschaft
verfällt; man kennt keinen Mittelzustand zwischen der steifsten
Reservirtheit und der vollständigen Aufgeknöpftheit.
Alles in allem ist dies also eine Gesellschaft ohne einschmeichelnde
Formen, aber auch ohne jegliche Uebercivilisation -- eine Gesellschaft,
die in dem letzten Menschenalter eine überraschende Fähigkeit gezeigt
hat, grosse und frische Naturbegabungen, besonders in Poesie, Musik
und bildender Kunst zu erzeugen, jedoch einen fast ebenso auffallenden
Mangel an Fähigkeit, den grossen Kräften, die sie erzeugt, hinlängliche
Entwickelungsbedingungen und hinlängliche Nahrung zu gewähren.
Ibsen, der die norwegische Gesellschaft so oft als hemmend für jede in
ihr erstandene Kraft schilderte, hat, scheint es, in »Hedda Gabler«
zeigen wollen, wie eine solche ungewöhnliche weibliche Kraft in dieser
Atmosphäre zu Grunde gehen muss.
Gewissermassen ist diese Hedda in ihrem Gegensatz zu ihrer
Schulkameradin Thea eine alte und wohlbekannte Ibsensche Gestalt.
Seit seiner ersten Jugend hat er es geliebt, einen bedeutenden Mann
zwischen zwei Frauen, eine wilde und eine weiche, eine Walküre und
eine Pflegerin, zu stellen. So wurde schon Catilina zwischen die
fürchterliche Furia und die weiche Aurelia, Gudmund in dem »Feste
auf Solhaug« zwischen Margit und Signe, Sigurd in der »Nordischen
Heerfahrt« zwischen Hjördis und Dagny, der Held in »Brand« zwischen
Gerd und Agnes gestellt.
Seinem Helden gegenüber bringt Ibsen dann immer einen schwachen
untergeordneten Mannescharakter an, der zuerst als Herr Bengt in dem
»Fest auf Solhaug« karikirt wurde, später in der »Heerfahrt« wie in
der »Komödie der Liebe« sich zu der Form des ehrenhaft Menschlichen,
prosaisch Achtbaren entwickelte. Diese sekundäre Persönlichkeit verhält
sich zum Helden wie die engere, niedrigere Natur sich zum Genie
verhält.
Hedda ist also gewissermassen eine der alten romantischen
Sagengestalten aus Ibsens erster Periode, als Amazone in moderner
Reittracht. Jürgen Tesman ist Bengt oder Gunnar als zeitgenössischer
Docent.
Sie stellt sich als jener Ausnahmetypus von Frauen dar, die ihre
Mädchenpersönlichkeit nicht aufgeben können, die nicht in der höheren
oder niedrigeren Einheit einer Gewohnheitsehe aufzugehen vermögen,
ungefähr wie »die Frau vom Meere« in einem engen bürgerlichen Heim sich
nicht »akklimatisiren« kann.
Sie hat aber von Anfang an rohe und niedrige Instinkte: den rohen
Neid, der es bewirkt, dass sie als Kind nicht verträgt, das schöne,
üppige Haar eines anderen Mädchens zu sehen; die niedrige Neugierde
und Schamlosigkeit, die sie in ihrer frühen Jugend in ein solches
Verhältniss widriger Vertrautheit zu ihrem männlichen »Kameraden«
bringt, dass sie sich seine vulgären nächtlichen Abenteuer erzählen
lässt. Sie hat endlich das niedrigste Ideal vornehmer Lebensführung:
einen Livreediener zu halten.
Sie ist, wie sie sagt, die Balldame, die zu lange getanzt hat und
die eine Convenienzehe, um nicht sitzen zu bleiben, eingegangen ist.
Sie hat einen Mann gefunden, der sich ausnimmt, als sei er aus einer
Moserschen Farce gegriffen, und hat in ihrer Unwissenheit und Einfalt
geglaubt, in ihm eine hervorragende Persönlichkeit mit grosser Zukunft
zu heirathen.
Sie klagt sich nicht ohne Grund der Feigheit an; sie hat den
Damen-Schrecken der Wohlerzogenen vor allem, was Skandal werden kann.
Sie ist in so erbärmlicher Weise machtbegierig, dass sie den vorher
verfallenen Eilert Lövborg aufs Neue zum Trinken verleitet, nur um
ihre Herrschaft über eine Menschenseele zu empfinden, und sie ist in
ebenso elender Weise eifersüchtig genug, um das von ihm während eines
Freundschaftsverhältnisses mit einer anderen Frau geschriebene Werk
zu vernichten, da doch die einzige wirkliche Bedeutung dieser guten
Frauenseele für ihn die war, ihn von der Flasche abzuhalten.
Hedda ist ein wahrer Degenerationstypus, ohne Tüchtigkeit, ohne
wirkliche Begabung, ohne Fähigkeit geistiger oder sinnlicher Hingebung;
sie kann nicht einmal für Augenblicke in einem Anderen aufgehen --
hat gerade Stolz genug, um vor ihrem Jürgen Ekel zu haben und es
scheusslich zu finden, ihm ein Kind zu gebären. Wenn sie zuletzt
durchaus nicht die Maitresse Bracks werden will, so ist zwar Liebe
zur Unabhängigkeit einer ihrer Beweggründe, der andere aber ist die
Scheu, gegen die Korrektheit zu verstossen, die ihr (sonderbar; genug)
so theuer ist. Und die Leidenschaft für Schönheit, schönes Betragen
u. s. w., die sie mit dem wackeren Spiessbürger Helmer in »Nora« gemein
hat, ist bei ihr fast nicht ansprechender als bei ihm.
Wenn aber dem so ist, welchen tieferen Eindruck kann es dann auf uns
machen, dass diese Frau von der Lebenstafel aufbricht! Und doch ist der
Eindruck kein kaltes Bedauern. Ibsen hat trotz alledem verstanden uns
für Hedda zu interessiren, sie uns irgendwie sympathisch zu machen. Sie
war nämlich trotz alledem eine Kraft.
Am interessantesten bei dieser Gestalt ist es, dass das Böse in ihr mit
so viel Stärke dargestellt ist. In einer ziemlich langen Periode seines
Schaffens war Ibsen in die Manier verfallen, die Frauen systematisch
auf Kosten der Männer zu heben. Hier hat er eine Frau gezeichnet, die
insofern männlicher als mancher Mann ist, als sie das feinste Gefühl
für die ekelhafte Süsse des gewöhnlichen Ideals der Güte hat, die aber
nichtsdestoweniger ein Wesen ohne seelische Fruchtbarkeit ist und in
ihrer verzweifelten Lage nichts anderes vermag, als zu verderben, zu
vernichten, und zu sterben.
Das Drama stellt ausser Hedda ein Genie und einen Dummkopf dar. Das
Genie ist Eilert Lövborg, der Dummkopf Jürgen Tesman.
Dass Jürgen ein Einfaltspinsel ist, darüber ist der Leser bald klar;
weniger sicher wird er darüber sein, ob Eilert auch wirklich ein
Genie ist. Ibsen ist Dichter, ein sehr grosser Dichter, und es ist
ganz natürlich, dass er auch die Wissenschaft als Poet betrachtet und
beurtheilt. Es liegt dem Dichter nahe, das Kennzeichen des Genialen
auch in der Wissenschaft darin zu sehen, dass der Autor die Wege der
Erfahrung verlässt und prophetisch in das Kommende hineinschwebt. Ibsen
will uns den Eindruck der seltenen Begabung Lövborgs dadurch erwecken,
dass er ihn über die Kulturmächte und Kulturziele der Zukunft schreiben
lässt. Uns anderen prosaischen Seelen kommt es jedoch vor, als sei das
vernünftigste Wort, was darüber zu sagen wäre, das, welches von dem
Dummkopf des Stückes gesagt wird: »Aber du lieber Gott! darüber wissen
wir ja ganz und gar nichts!« Der Kulturgang der Zukunft -- das ist ja
der reine Bellamy!
Doch -- Eilert Lövborg mag weit begabter sein, als er scheint, er mag
das Grösste sein, was ein Schriftsteller sein kann: ein gediegenes,
epochemachendes Genie. Wenn er das ist, wie ist es dann möglich, dass
er seine Arbeit einem Quasi-Kollegen, den er so gering schätzt wie
diesen Tesman, laut vorlesen will! Mit welchem Tonfall wirft er nicht
Hedda vor, dass sie sich an diesen Mann weggeworfen! Und ihm bringt
er, bei seinem ersten Besuch, das theuere Kind seines Geistes, um die
Ansichten des armen Pedanten darüber zu erfahren; ja so erpicht ist
er auf Lob von diesen Lippen, dass er das Manuscript sogar in das
Trinkgelage mitschleppt, um dort sich eine Ecke auszusuchen, wo er sein
Innerstes und Bestes dem tief verachteten Jürgen ausschütten könne.
Ich weiss freilich, dass er das Manuscript mit haben muss, damit er es
verlieren und Hedda es verbrennen kann, aber gleichwohl! -- dass er von
Jürgen geschätzt sein will, ist fast noch hässlicher, als dass er sich
an Hedda hat vergreifen wollen, oder dass er verloren ist, sobald er
ein einziges Glas Punsch an den Mund führt. You are no gentleman, Mr.
Lövborg.
Armer Bursch! Die Strafe kommt über ihn, sobald er entseelt ist. Der
geringgeschätzte Collega erbt zuerst die Reste seines Manuscripts, die
noch erhalten sind, dann die Reste seiner Freundin, die übrig geblieben
ist.
Es finden sich in diesem Drama mehrere kleine Unwahrscheinlichkeiten.
Es ist z. B. wenig wahrscheinlich, dass Frau Elvsted das Concept zu
dem grossen Werk bei sich trägt; damit wird uns zu absichtlich die
Zukunftsperspektive -- sie und Jürgen -- eröffnet.
Man muss indessen gegenüber einem Dichter von dem Range Henrik
Ibsens sich sehr hüten, irgend einen wichtigen Zug _a priori_ als
unwahrscheinlich oder sogar unmöglich zu stempeln. Als das Stück
erschien, wurden von verschiedenen Seiten besonders zwei Züge so
bezeichnet. Erstens, dass Lövborg das Manuscript verliert. Das thut
man nicht, hiess es. Zweitens, dass Hedda das Manuscript verbrennt.
Das thut man noch weniger, wurde gesagt. Ich kenne persönlich einen
Fall, wo die Frau eines Componisten in einem Anfall eifersüchtigen
Hasses eine eben zu Ende componirte Symphonie ihres Mannes verbrannte,
und einen andern Fall, wo ein Dichter in wüster Betrunkenheit das
Manuscript zu einem eben vollendeten Roman verlor. Ich füge hinzu, dass
sowohl der Musiker wie der Dichter Künstler von ungewöhnlicher Begabung
sind.
An der Menschenkenntniss Ibsens ist hier wie überall wenig auszusetzen.
Er kennt die Menschen so gut, dass er die möglichen Fälle nicht selten
da erräth, wo er sie nicht erlebt hat. Gegen seine Kunst ist noch
weniger einzuwenden. Sie ist erstaunlich, in »Hedda Gabler« wie vorher.
Auf die realistische »Hedda« folgt zwei Jahre nachher (1892) die tief
symbolische Dichtung »Baumeister Solness«.
Noch lange, nachdem wir es gelesen, hallt dieses Stück in unserem
Innern nach. Und haben wir es gelesen, so lesen wir es wieder -- mit
steigender Bewunderung. Makellos in seiner Kunst, tief und reich in
seiner sinnbildlichen Sprache, das sind die Worte, die sich Einem zu
allererst auf die Lippen drängen, und ergriffen, ohne gerührt oder
in weiche Stimmung versetzt zu sein, versinkt man in ein Sinnen und
Grübeln über den empfangenen Eindruck.
»Baumeister Solness« wirkt zugleich fesselnd und befreiend.
Was Ibsen hier in der Geschichte wirklicher Gestalten und doch in halb
allegorischer Form zur Darstellung bringen wollte, es ist die Tragödie
eines hervorragenden, aber alternden Künstlers. Ein eigentliches Genie
ist Solness nicht, und sollte er als solches gedacht sein, so fehlen
einige Züge. Vom Genie hat er die Anziehungskraft auf die Frauen, sowie
in reichem Masse die Laster, die bei so manchen Persönlichkeiten Folgen
jener Eigenliebe sind, ohne welche eine gewisse Form von Genialität
undenkbar ist. Den Werth seiner Arbeiten, den wir nicht zu beurtheilen
vermögen, müssen wir auf Treu' und Glauben hinnehmen. Vielleicht ist
es ein Mangel des Stückes, dass Solness, dessen moralische Schwächen
so stark in die Augen fallen, nicht ein rein künstlerisches Streben
und eine rein intellectuelle Begeisterung, die dafür entschädigten,
beigelegt sind. Wenn er etwa einen neuen Baustil in der Kunst begründet
hätte. Nun aber sagt er uns weiter nichts Geistreiches über seine
Kunst, als das eine, übrigens tiefe Wort, dass er nicht Häuser für
Leute zu bauen vermöge, die er nicht kenne. Wenn wir demnach in Solness
die grosse Persönlichkeit erblicken, so geschieht es zum Theil, weil
wir dem mit so knappen Mitteln arbeitenden Dramatiker auf halbem Wege
entgegenkommen, auf die Voraussetzungen eingehen, deren er bedarf.
Das Hauptgebrechen, an dem Solness krankt, ist die ihm eigene Mischung
von Brutalität, die ihn die älteren Concurrenten niederschlagen lässt,
und von Angst, von den Jüngeren überstrahlt zu werden, etwas, wovor
selbst das Genie nicht immer bewahrt. Er besitzt von vornherein jenen
Künstler-Egoismus, dessen es bedarf, um die angeborenen Gaben zur
Entfaltung zu bringen. Sein Verhältniss zu dem alten Brovik erinnert
ein wenig an das des Grosshändlers Werle zu dem alten Ekdal; er hat
ihn zu Grunde gerichtet und nachher auf seinem Comptoir untergebracht.
Sein Verhältniss zu Ragnar erinnert ein wenig an das Thorwaldsen's
zu Freund. Freund war »ein Märtyrer der Alles für sich heischenden
künstlerischen Ueberlegenheit Thorwaldsen's«. Thorwaldsen liess seinem
jungen Mitarbeiter nicht Luft noch Licht, behielt alle Bestellungen,
selbst wenn er sie gar nicht zu bewältigen vermochte, für sich und
gestaltete unter der Maske väterlicher Freundschaft das Leben Freund's
an seiner Seite zu einer Leidensgeschichte. Allein Thorwaldsen's Schuld
war weit geringer als die des Baumeisters Solness. Denn Thorwaldsen
nahm mit dem Rechte des Grösseren und Stärkeren, wie ja auch das junge
Weib, das Solness bewundert, keinen Augenblick daran zweifelt, dass
er der Grössere sei. Ihm wird aber sein Verhalten gegen Ragnar in
unwürdiger Weise von der Ueberzeugung dictirt, der junge Architekt
gebiete über höhere Anlagen als er. In Solness liegt zugleich etwas
Wildes und Heimtückisches, das der Schaffensdrang unbezähmbar gemacht
hat.
In starkem Gegensatze zu dieser Brutalität seiner Natur (und doch
auch wieder im Zusammenhange mit derselben) steht seine bis ins
Krankhafte gehende, ja allmälig sich geradezu zur Sucht entwickelnde
moralische Selbstkritik, eine Scrupulosität, die sich schon die
blossen eigensüchtigen Wünsche und unbestimmten Hoffnungen als Schuld
anrechnet. Er ist gleichzeitig die verkörperte Rücksichtslosigkeit
im Kampfe um die Behauptung seiner Stellung als Künstler und die
verkörperte Selbstquälerei in seinem Kummer über die Opfer, die seine
Entwicklung gefordert, besonders in seinem Leide über das Unrecht, das
er unfreiwillig seiner Gattin zugefügt habe.
In den Augen der Welt ist er glücklich, insofern er auf seinem Wege
zum Ruhme in seltenem Masse vom Schicksal begünstigt worden. Er aber
verweilt in ewigen Gewissensbissen bei den Opfern, die sein Glück
gekostet, bei dem Preise, der Tag für Tag dafür gezahlt wird. Dass er
so rasch in die Höhe kam, das dankt er -- in etwas sonderbarer Weise
-- dem Brande, der das Elternhaus seiner Gattin zerstörte. Nur dadurch
wurde er »in den Stand gesetzt, Heimstätten für Menschen zu bauen«.
Dass häusliches Glück zu finden genialen Persönlichkeiten schon aus
dem Grunde selten bescheert ist, weil ihre Entwicklung und die der
Erwählten ihrer Jugend schwer Schritt halten, ist eine Erfahrung, die
aus den Worten des Baumeisters uns entgegentritt: »Um dazu zu kommen,
Heimstätten zu bauen für Andere, musste ich verzichten, für alle
Zeiten darauf verzichten, selber ein Heim zu haben«. Und mit einer
anderen Wendung: »Alles, was mir vergönnt wurde zu wirken, zu bauen,
zu schaffen, Schönes, Trauliches -- Erhabenes auch ... Alles das
muss ich unaufhörlich aufwägen. Dafür bezahlen. Nicht mit Geld. Aber
mit Menschenglück. Und nicht mit meinem Glück allein. Mit dem Glücke
Anderer auch ... Den Preis hat mein Künstlerplatz gekostet«. Indem er
nun den Sachverhalt völlig umkehrt, dünkt ihm, gerade weil er seinen
Platz im Leben so theuer bezahlte, müsse ihm allein das Recht zustehen,
zu bauen, das Recht also, auch alle Anderen niederzuhalten.
Nicht jedesmal hat er indess neue Anstrengungen machen müssen, um
vorwärts zu kommen. Er hat, wie Alle, die etwas ausgerichtet haben,
es nicht allein bewirkt. Umstände -- Helfer und Diener, wie er sie
in seiner Sprache nennt -- sind ihm förderlich gewesen. Ihm wohnte
die Macht, die den Schlemihls fehlt, die Macht, welche die Hilfe
herbeiruft, inne, ihm, wie in den »Kronprätendenten« dem Könige
Hakon. Je mehr sich jedoch sein Seelenleben in krankhafter Richtung
entwickelt, umsomehr fühlt er sich überzeugt, er besitze eine
geheimnissvolle Macht, so zu wünschen, dass das Gewünschte geschieht,
Frauen gegenüber dermassen, dass schon der Wunsch, der Gedanke schon,
der ihm durch den Sinn fährt, für sie zur Wirklichkeit wird, kurz eine
Art hypnotisirende Macht ohne alle Hypnose. Mittelst dieser Macht hat
er Kaja und durch sie Ragnar, den er fürchtet, an sich gefesselt. Ibsen
lässt es dahingestellt sein, ob ein ähnliches Verhältniss nicht sogar
gegenüber der weiblichen Hauptperson des Stückes stattgehabt. Es bleibt
unentschieden, ob Solness sie in ihrer Kindheit wirklich geküsst habe.
In Folge des ewigen Grübelns über diese geheimnissvollen Gaben und
Kräfte hat sich allmälig in dem Gemüthe des Baumeisters eine krankhafte
Furcht ausgebildet, von seiner Umgebung für wahnsinnig gehalten
zu werden. Und es liegt auch in dieser Furcht bereits der Keim zu
wirklicher Gemüthskrankheit, die schliesslich als Exaltation ausbricht.
Dieser Mann, den wir zu der Zeit, in welcher das Stück spielt,
keineswegs auf der Höhe seines Wesens sehen, hat sich einst einem
jungen Mädchen dergestalt gezeigt. Hilde hat als zwölf- bis
dreizehnjähriges Kind ihn stolz und frei, auf den Kirchthurm der Stadt,
in der Wangels wohnen, den Kranz setzen sehen. Dieser Eindruck und
die darauf von seiner Seite erfolgte Annäherung an sie haben zwischen
ihr und ihm ein geheimnissvolles Band gewoben. Während all der zehn
Jahre, die seitdem verstrichen, hat sie der Erinnerung daran gelebt.
Es zieht sie hin zu ihm, sie will das Königreich, das er am Tage des
Abschiedsschmauses ihr nach zehn Jahren zu bieten verhiess, von ihm
fordern, und zu ihm, der voll Furcht vor einer feindseligen Jugend
dasitzt, tritt sie ins Gemach, wie die Jugend, die voller Glauben an
ihn ist, und welche helle Begeisterung für ihn erfüllt. Sie scheint
hierin ihrer Stiefmutter Ellida verwandt, die gleich ihr zehn Jahre
lang des fremden Mannes harrt. Und wiederum ähnelt sie darin dem
fremden Manne, dass sie sich keinen Augenblick davon beirren lässt,
dass Solness vermählt ist. Wir kannten sie in »Der Frau vom Meere«
als Eine, die in angeborenem Drange nach starken Gemüthsbewegungen,
nach Spannung, nach all dem schmachtet, was das Vollgefühl des Lebens
erweckt. Hier lernen wir sie als diejenige kennen, die sich ihren
Glauben an den grossen Baumeister nicht rauben lässt, ihn auf der Höhe
seines Wesens allein, frei, zum zweiten Male zu sehen begehrt. Dies
symbolisirt das Stück damit, dass sie ihn aufs neue sehen will, auf die
Thurmspitze den Kranz aufsetzen. Es wird ihm nunmehr leicht schwindlig,
wie auch seinem Gewissen schwindelt. Mit ihrem Erscheinen jedoch soll
und muss dieser Schwindel weichen. Sie erträgt es nicht, dass man mit
Recht von ihrem Baumeister sollte sagen können, er getraue sich nicht,
er könne so hoch nicht steigen, als er selbst gebaut!
Dieser Satz ist der centrale des Stückes. Um ihn recht zu verstehen,
setze man einen Augenblick andere Werthe, so zum Beispiel; »es soll
nicht mit Recht gesagt werden können, mein Dichter hätte nicht
vermocht, in seinem Leben sich zu der Höhe der Ideale zu erheben, die
er in seinen Büchern aufgestellt habe«.
Stünde es dort so, das Stück wäre ein ganz anderes. Es wäre massiver,
hielte sich der Erde näher. Wie nun der Ausspruch lautet, ist es
poetischer, durch seinen Doppelsinn dunkler, fesselnder geworden. Es
bedarf nämlich einer grossen Kunst, uns durchwegs in dem Glauben an das
Symbol zu erhalten, so zwar, dass es nie blos als ein solches wirkt.
Ibsen musste, um den Leser in der Atmosphäre des Stückes festzubannen,
mit wundersamer Vorsorglichkeit alle Fenster und Thüren des Dramas
verkitten, auf dass auch nicht ein Hauch von gesundem Menschenverstande
aus dem Alltagsleben hineindringe. Denn geschähe dies, der Zauber
wäre gebrochen. Würde auch nur Eine Person im Stücke ein einzigesmal
betonen, dass es ja doch für die Grösse eines Baumeisters durchaus
keinen Maasstab abgebe, ob ihm auf dem Wege zur Spitze eines
Kirchthurms schwindle oder nicht, die Stimmung, die Symbolik wäre
gesprengt. Doch alles Derartige ist beiseite gelassen.
Hingegen sehen wir Hilde thatsächlich Solness seiner niederen Denkweise
entreissen, ehe wir sie in der körperlichen Welt ihn antreiben sehen,
allein und frei hoch oben zu stehen. Denn sie entsetzt sich, als sie
endlich seine Niedrigkeit Ragnar gegenüber erkennt. Sie erschrickt über
die Reden, die er führt. »Wollen Sie mir das Leben nehmen? Mir das
nehmen, was mir mehr ist, als das Leben?« -- »Und was ist denn das?«,
fragt er. -- »Sie gross zu sehen mit einem Kranz in der Hand. Hoch,
hoch oben auf einem Kirchthurm«. Sie drückt ihm den Bleistift zwischen
die Finger und zwingt ihn, seinem Schüler eine warme Empfehlung zu
schreiben. So hoch steht er im Alltagsleben nicht. Allein sie ist die
Macht, die ihn hinaustreibt über das, was er im Alltag ist.
Und so gipfelt denn das Drama, indem das Verhältniss zwischen ihr und
ihm sich mehr und mehr steigert an Innigkeit und Aussichtslosigkeit,
bis er ihr auf die einzige Weise angehört, die ihm erübrigt, wollte er
sich nicht blos in den Nebelreichen und Luftschlössern der Phantasie
mit ihr begegnen, nämlich im Tode.
Er begann damit, Kirchen zu bauen, weil er, einem frommen Hause auf dem
Lande entsprossen, den Bau von Kirchen für das Würdigste erachtete.
Als er sodann seine Kinder verloren, beschloss er, keine Kirchen mehr,
nur Heimstätten für Menschen zu bauen. Es kam hierauf der Zeitpunkt,
da er einsah, Heimstätten für Menschen zu bauen sei auch keinen
rothen Heller werth. Die Menschen, hätten die Heimstätten gar nicht
nöthig, um glücklich zu sein. Er selbst würde auch solch eines Heims
nicht bedürfen. Nun glaubt er nicht mehr, dass es ein Glück auf Erden
gebe, er will zum Schluss das einzige bauen, von dem er glaubt, dass
Menschenglück darin wohnen kann -- das Luftschloss, das Hilde von ihm
begehrt.
»Ich fürchte, es würde Ihnen schwindlig werden, ehe wir halbwegs
kämen«. -- »Nicht, wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde«. -- »So
lassen Sie sich wieder oben sehen, hoch und frei«.
Was bedarf es hier noch einer Deutung? Es steht ja Alles mit klaren
Worten da, und Alles so sinnreich, dass es rein buchstäblich genommen
werden, auf jedes Kind spannend wirken kann, und gleichwohl ist Alles
durchsichtig, doppeldeutig in Solness' und Hilde's doppelter Exaltation.
Er bot ihr anfangs die höchste Thurmkammer in seinem neuen Hause.
Nachdem sie jedoch seine Gattin persönlich kennen gelernt, zeigt sich
ihr »robustes« Gewissen ebenso angegriffen, wie das seine. Sie kann
nicht greifen nach ihrem Glück, weil zwischen ihr und diesem ein Wesen
steht, mit dem sie Mitleid hat. So bleibt denn nur noch das Glück im
Luftschlosse.
Solness' Gattin, Aline, ist die einzige der Nebenpersonen, die Ibsen
einigermassen zu vertiefen für nöthig fand. Sie ist der einfältige
Pflichtmensch, die eifersüchtige Ehefrau, das demüthige, religiöse
Wesen, das Solness ausweicht, wie er ihr. Sie kennzeichnet der grelle
Zug, dass nicht der Tod der Kinder sie gebrochen -- die, weiss sie,
haben es ja so gut im Himmel -- nein, was ihr am wehesten thut, das ist
der Verlust aller der Puppen aus ihrer Kindheit, die mitverbrannten.
Ihre Einfalt, ihr ewiges Fehlgreifen in ihrem Urtheile wird von Ibsen
vortrefflich durch den ihr in den Mund gelegten stupiden Ausruf über
die arme, sich in Hingebung verzehrende Kaja gestempelt: »Gott, hat die
tückische Augen!«
Ihre Rolle besteht denn auch nur darin, ein Hinderniss zu sein, und
in der That spinnt sich das ganze Drama zwischen Solness und Hilde
ab. Das Licht geht von Hilde aus, und diese Frauengestalt überstrahlt
in ihrer Eigenthümlichkeit, ihrer Frische und ihrem Glanze sämmtliche
Frauengestalten der zeitgenössischen Litteratur.
Seit dem »Puppenheim« und den »Gespenstern« hatte Ibsen nichts so
mächtig Wirkendes geschaffen wie sie, überhaupt kein Werk von so hohem
Range, zugleich so natürlich und so übernatürlich.
Seit Ibsen die Stoffwahl und Darstellungsweise seiner Jugend aufgab,
hat man ihn als sogenannten »Naturalisten« gefeiert und angegriffen
gesehen. In unseren Tagen haben sogenannte »Symbolisten« eine Fehde
gegen den »Naturalismus« eröffnet. Derlei Schlagworte haben nie viel
Werth, auf Ibsen passen sie jedenfalls am allerwenigsten. Bei ihm haben
sich nun volle zwei Decennien und darüber Naturalismus und Symbolismus
gut mit einander vertragen. Die Gegensätze in seiner Natur treiben ihn
zur Wirklichkeitstreue und Mystik.
Weil sein Wesen und seine Poesie reich an Räthseln und
Geheimnissen sind, sieht er sich, um verständlich zu werden, zu
dem Gebrauche starker Betonungen, zur Wiederholung bezeichnender
Lieblingsredensarten, kurz gesagt, zu einer fast groben
Deutlichkeit gezwungen. Und obgleich sein Wesen wie sein Schaffen
wirklichkeitsliebend sind, ist er doch zu sehr Dichter und Grübler, um
der Wirklichkeit, die er darstellt, nicht fort und fort einen tieferen
Sinn unterzulegen. Jeder Grundzug wirkt sinnbildlich; man fühlt Ibsen's
untergrabende Skepsis gegenüber dem Bestehenden und Anerkannten, die
Kühnheit seiner Kritik dahinter, und freut sich, dass, so tief sein
Zweifel gräbt, so hoch und sicher baut seine Phantasie.
Auf »Solness«, der vielleicht einen Höhepunkt bezeichnet, ist bisher
nur »Klein Eyolf« gefolgt. Das Stück, welches das Verhältniss der
Eltern zu einem Kinde behandelt, gehört zu den düstersten, die Ibsen
geschrieben hat. Das Stück gehört nicht zu meinen Lieblingen. Der erste
Akt ist zwar vorzüglich gebaut; dessen dramatische Wirkung kann aber
nicht in den folgenden erreicht werden, da er mit dem Tode des Kindes
endigt.
Ueber dem Stück könnten als Motto die folgenden Worte stehen:
=Rita:=
Wir sind wohl dennoch Erdenmenschen.
=Allmers:=
Wir sind auch ein wenig mit Meer und Himmel verwandt, Rita.
Ibsens Auffassung der Menschennatur ist in den beiden Repliken
niedergelegt.
Er hat in diesem Schauspiel mit gewöhnlichem Nachdruck seiner
Lebensbetrachtung einen neuen, gedankenerregenden Ausdruck gegeben:
_Das Gesetz der Verwandlung._ Alle menschlichen Verhältnisse
stehen unter diesem Gesetz. Die Dichter des Alterthums schrieben
»Metamorphosen«. »Eyolf« ist eine Dichtung über nicht-mythische
Verwandlungen. Man pflegt zu sagen, alles Lebendige stehe unter dem
Gesetz der Entwickelung. Aber der Ausdruck Verwandlung ist tiefer und
wahrer; denn Verwandlung enthält Fortschritt und Rückschritt, das sich
Entwickeln und das sich Zusammenfalten, in einem einzelnen umfassenden
Wort. Und wir sehen in diesem Schauspiel menschliche Gefühle geformt,
umgeformt werden, erloschen, und aufs Neue in veränderter Gestalt
erwachen.
Jeder Begebenheit gegenüber, die in unser Leben als plötzliches
Unglück eingreift, erhebt sich eine doppelte Frage. Erst die Frage
nach der Ursache, oder theologisch ausgedrückt nach der Schuld, oder
moralisch-juristisch ausgedrückt nach der Verantwortung. Dann die Frage
nach der Bedeutung des Geschehenen, theologisch ausgedrückt nach dem
Sinn desselben, moralisch ausgedrückt die Frage, welcher Gebrauch von
dem Unglück gemacht werden solle, wenn es sonst anders als zur blossen
Trauer verwendet werden kann.
Eine solche epochemachende Begebenheit für das Leben und das
Zusammenleben zweier Menschen ist im Schauspiel der Tod Eyolfs.
In dem Grübeln über die Ursache, die Schuld, die Verantwortung, bleibt
das Drama bei dem folgenden Punkte stehen: der Umarmung, während deren
das einige Augenblicke vergessene Kind durch einen unglücklichen
Fall zum Krüppel wurde, und es begegnet hier dem Leser bei Ibsen
ein fast an Tolstoj erinnernder Unwille gegen den »Erdenmensch« und
dessen Natur durch den gehässigen Schimmer, der hier über das gesunde
Liebesverhältniss der Gatten geworfen wird. Es war immer bei Ibsen ein
gewisser Dualismus da: Er spricht der Natur das Wort, und er züchtigt
die Natur mit mystischer Moral; nur dass bald die Natur die erste
Stimme hat, die Moral die zweite, bald umgekehrt. In »Solness« wie in
»Gespenster« war der Naturanbeter in Ibsen dominirend; hier wie in
»Brand« und in der »Wildente« ist es der Zuchtmeister.
Die zweite Achse des Stückes war die Frage nach der Bedeutung, dem
Sinn des Geschehenen. Der Tod des kleinen Eyolfs scheint so sinnlos:
ein Unglücksfall, der unmöglich andere Frucht setzen könne als Qualen,
Anklagen und Selbstvorwürfe, also die Eltern, nur aufs Aeusserste
gegen einander verhärten und verbittern könne. Aber die Begebenheiten
haben nun einmal nur den Sinn, den wir selbst ihnen geben, durch die
Auffassung, die wir uns von ihnen bilden, und durch den Gebrauch,
den wir danach von ihnen machen. Und auf eine eben so geistvolle wie
überraschende Weise gibt Ibsen am Ende des Stückes durch den Entschluss
Rita's der Begebenheit eine Auslegung und dem Unglück einen Sinn. Der
kleine Eyolf hat nicht vergeblich gelebt und ist nicht vergeblich
gestorben, da sein Tod die Ursache wird, dass Rita und Alfred sich eine
grosse menschenfreundliche Arbeit mit den Kindern anderer Menschen
auferlegen.
Unter den Gestalten ist Rita am wahrsten und ungewöhnlichsten,
der Typus eifersüchtiger, weiblicher Begehrlichkeit. Allmers
interessirt weniger. Er ist feiner als Rita, aber auch schwächer in
seiner geistigen Unfruchtbarkeit, überdies unedelmüthiger als sie,
unbeherrscht in seiner Trauer, unwürdig und spitzfindig in seinen
Angriffen auf das gebrochene Weib. Unter den übrigen Personen
hebt sich, der Tod in der phantastischen Gestalt der Rattenjungfer
unvergesslich hervor. Sie ist die Sagenfigur aus Hameln in der Person
einer alten Frau.
»Solness« und »Eyolf« sind seit fast einem Menschenalter die ersten
Stücke, die Ibsen auf vaterländischem Grund geschrieben hat. 1891 ist
der Dichter nach Norwegen zurückgekehrt und hat die Heimat seither
nicht wieder verlassen. In seiner Jugend dort kaum für voll genommen,
ist er in seinem Alter von den Norwegern als Träger ihres Weltruhms
bewundert und vergöttert. Er fühlt sich wohl zu Hause und hat es bei
mehreren Gelegenheiten öffentlich ausgesprochen. Während des Zeitraums
seines Lebens, der hier nachträglich geschildert worden ist, ist in
seinem Vaterlande und ebenso sehr in Dänemark und Schweden eine junge
Litteratur aufgeblüht, reich an grossen und frischen Talenten. Trotzdem
erleidet es keinen Zweifel, dass die Litteratur der drei nordischen
Reiche in seinen Dramen gipfelt. An seinen Arbeiten kann Europa am
besten die Höhe ermessen, zu welcher die skandinavische Kultur sich
emporhebt, wo ihre Zinnen am höchsten ragen.