Doch diese kleineren Arbeiten sind es nicht, die Turgenjew's Name
weltberühmt machten; die grösseren Novellen und seine Romane
sind es, Meisterwerke wie: »Am Vorabende«, (»Helene«), »Rúdin«,
»Frühlingsfluthen«, »Rauch«, »Väter und Söhne«, »Neuland«. Es
gibt in der europäischen Litteratur keine feinere Psychologie,
keine vollendetere Charakterzeichnung als diese, und was in der
Geschichte der modernen Dichtkunst fast unerhört ist, die Frauen- und
Männerfiguren sind in gleichem Grade vollkommen.
Um diese vorzüglichsten Werke Turgenjew's recht zu begreifen, ist ein
Einblick in seine Lebensgeschichte und seinen Charakter nothwendig:
Es gibt in seinem Dasein zwei Begebenheiten von folgenschwerer
Bedeutung. Die erstere ist seine Einkerkerung mit darauf folgender
Verweisung auf sein Landgut im Jahre 1842; die zweite seine
Bekanntschaft mit Frau Pauline Viardot geb. Garcia.
Turgenjew war in Regierungskreisen, wegen seiner indirecten Angriffe
auf die Leibeigenschaft, mit scheelen Augen angesehen. Als dann Gogol
starb und Turgenjew in einem Zeitungsartikel (an dem die Censur nichts
auszusetzen fand) den Verstorbenen in warmen Worten verherrlichte,
ergriff man bei den Haaren die Gelegenheit, ihn zu treffen. Man
erblickte -- weiss der Himmel wieso -- Ungehorsam gegen den Kaiser
in dem genannten Artikel, und der Verfasser wurde »auf allerhöchsten
Befehl« in Petersburg in's Gefängniss geworfen. Unter seinen Briefen
befindet sich ein Schreiben, das er aus demselben an den Thronfolger
(Alexander) richtete; um seine Unschuld darzuthun. Nachdem er einen
Monat im Kerker gesessen, was ihm sein schlechter Gesundheitszustand
doppelt quälend machte, wurde er auf sein Gut Spaskoje verwiesen,
woselbst er mehrere Jahre verweilen musste. Offenbar gab dieser Vorfall
den Anstoss dazu, dass er nach der Begnadigung ständigen Aufenthalt
ausserhalb seines Vaterlandes nahm.
Die Bekanntschaft mit Frau Viardot hielt ihn für den Rest seiner
Lebenszeit -- weit über deren Hälfte -- in ihrer Nähe gebannt. Sie
war 1821 in Paris geboren und hatte mit ihren Eltern ausgedehnte
Kunstreisen in Amerika und Europa, erst als Pianistin, dann als
Sängerin gemacht. Ihr erstes Auftreten in Paris, welches mit dem der
Rachel zusammenfiel, ist von Alfred de Musset besungen worden. Seit
1840 war sie mit dem Schriftsteller Louis Viardot vermählt. Schon 1847
begleitete Turgenjew das Ehepaar nach Berlin und von dort nach Paris.
Von 1856 ab war er als ein Mitglied der Familie Viardot zu betrachten
und der Einfluss, welchen die Frau des Hauses auf den Dichter übte, ist
gross und, soviel sich beurtheilen lässt, günstig gewesen. Als 1847
seine despotische Mutter sich weigerte, ihm Geld zu seinem Unterhalt zu
senden, unterstützte ihn Frau Viardot aus ihrer Casse, und so war es
nur billig, dass Turgenjew -- was zu vielen feindseligen Commentaren
von russischer Seite Anlass gegeben hat -- sie in seinem Testamente zur
Universalerbin einsetzte.
Das Verhältniss Turgenjews zu Frau Viardot war das der
leidenschaftlichsten Zuneigung und Bewunderung. Er konnte nicht ohne
sie sein und berieth jede Angelegenheit mit ihr. Ein ächter Slave,
empfänglich für Eindrücke, geistig productiv und beinahe völlig
willenlos, war er glücklich, eine Herrscherin über sein Leben zu haben.
Wenn irgend ein Freund sich zu ihm über unordentliche oder unglückliche
Lebensführung beschwerte, war seine Lieblingsantwort »Thu wie ich,
Lieber. Ich lasse mich regieren«. Er that, was Frau Viardot ihm zu
thun empfahl, und befand sich wohl dabei.
Sie scheint das einzige Weib von Bedeutung in seinem Leben gewesen
zu sein. Er hatte natürlich in der Jugend mit Frauen Bekanntschaft
gehabt. Neunzehn Jahre alt, war er in Berlin der Freund eines kleinen
Nähmädchens gewesen. Zu seinem Verdruss konnte Bakunin, mit dem er
gemeinschaftlich wohnte, es ihm jedesmal, wenn er sie besuchte,
anmerken, woher er kam.[32] In Russland lebte er zuerst Anfangs der
40ger Jahre, dann von 1851--53 mit einer leibeigenen Russin, Avdotja
Ermolajewna Iwánowa zusammen, die sehr schön gewesen sein soll,
doch die in die Geheimnisse der Lesekunst einzuweihen, sich als
schlechterdings unmöglich erwies. Sie gebar ihm 1842 eine Tochter,
die er 1864 an einen Franzosen verheirathete. Man ersieht aus seinen
Briefen, dass er damals nicht einmal den Wohnort der Mutter kannte, die
einen russischen Beamten geheirathet hatte. (Brief an Maslov 26. Dec.
1864.) Allein er war ein guter Vater, wie er auch ein treuer Freund und
edelmüthiger Beschützer gewesen war.
Sein Charakter war vornehm, fein und rein bis zur Zartheit, doch weich
und unschlüssig. Er brauchte vermuthlich nicht allzu weit zu gehen, um
als junger Mann das Modell zu einzelnen Charakterzügen seines Rúdin zu
finden. Niemals hat er sich einer niedrigen Handlung schuldig gemacht,
doch ebenso wenig dürfte er je, mit kühner, gesammelter Energie
gehandelt haben. Wenn man seine Briefe liest, so stutzt man darüber,
mit welchen Schlingeln er in freundschaftlichem Verkehr gestanden hat
-- offenbar um sich an ihnen keine Feinde zu machen -- wie über die
geringe Achtung, mit der er sich in vertraulichen Briefen über Leute
auslässt, denen er in andern Briefen mit vieler Rücksicht begegnet.
Wenn Turgenjew bei einem Charakter, dessen Willenselement so schwach
entwickelt war, während seines ganzen Lebens der altliberalen Gesinnung
seiner Jugend treu blieb, so geht man schwerlich fehl, wenn man das
Verdienst hieran zum nicht geringen Theil Madame Viardot zuschreibt.
Hätte sie im entgegengesetzten Sinne auf ihn eingewirkt, so wäre er
wahrscheinlich conservativ geworden, und wäre ihr Haus, ihr Kreis,
nicht so entschieden freisinnig gewesen, wer weiss, ob es nicht
anderweitigen Einflüssen geglückt wäre, ihn umzustimmen. Durchaus
selbständig scheint er hingegen in seiner hartnäckigen Haltung als der
Fürsprecher und Jünger West-Europas gewesen zu sein.
Mit dem schwachen Hervortreten des Willens in Turgenjews' Charakter
stimmt es recht wohl überein, dass er als Dichter mit der Sicherheit
eines Nachtwandlers seine Werke schuf. Zu Michailow, Prof. der
Physiologie in Petersburg (durch den ich es erfuhr) äusserte er einmal:
»Ich sehe einen Mann, der mir durch irgend einen Zug, einen vielleicht
nicht einmal bedeutenden, auffällt. Ich vergesse ihn. Plötzlich, lange
nachher, steht dieser Mensch aus dem Grabe der Vergessenheit wieder
auf. Um den Zug, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte, gruppiren sich
andere Züge, und wenig nützt es, ob ich ihn nun vergessen möchte. Ich
kann es nicht. Ich bin von ihm wie besessen. Ich denke, ich lebe mit
ihm und kann mich nur dadurch beruhigen, dass ich eine Existenz für ihn
finde«.
Turgenjew ist als Schriftsteller mehr elegant als mächtig. Daher
liegen seiner Begabung die Frauencharaktere so gut. Mit stiller
Zärtlichkeit zeichnet Turgenjew die jungen Mädchen, die seine volle
Sympathie haben, Helene und Gemma. Die Künstlerhand ist hier von
einer Liebe geführt, die Lob und Bewunderung der Gestalten von Seiten
des Dichters völlig ausschliesst. Jedes Wort, das von ihnen gesagt
wird, ist bestimmend, begrenzend. Die eine ist in Mienenspiel,
Bewegungen, Lachen, Gedankengang und Liebe ganz Italienerin, die
andere bleibt in der Erinnerung des Lesers als der schönste Typus
russischer Weiblichkeit stehen. Nur die ersten Dichter der Erde haben
etwas so Lebensvolles und so Durchgeführtes hervorgebracht. Und der
Schönheitskultus, der sich darin äussert, hat dem Naturstudium nicht
den geringsten Abbruch gethan. Das sind keine Frauen, die der Dichter
willkürlich geschaffen hat und die in das phantastische Reich der
Poesie gehören wie die Frauengestalten bei so manchen anderen Dichtern.
Das sind keine Produkte der persönlichen Schwärmerei Turgenjews für das
Weibliche, nicht Gestaltungen seines Ideals allein, sondern Studien,
die auf Grund eines feinen Wirklichkeitssinnes und vermöge tiefer
Wirklichkeitserkenntniss ausgeführt sind.
Bei den wichtigsten Mannescharakteren war Turgenjew genöthigt, sich
wegen der Natur des Stoffes die Arbeit besonders schwer zu machen.
In der Regel ist es ja Hauptaufgabe des Dichters, den Charakter
zu halten und den Selbstwiderspruch in demselben zu vermeiden.
Die hervorragendsten Charaktere bei Turgenjew bestehen indessen
aus lauter Widersprüchen. Er hat verstanden, die Inconsequenz als
Grundcharakterzug zu behandeln, ohne die Charaktere dadurch aufzulösen.
Bei dem Normalrussen, wie er ihn schildert, ist mit Sicherheit auf
nichts Anderes als Unbeständigkeit zu rechnen. Wie Alexis in dem
»Briefwechsel« Marie im Stiche lässt, so verlässt Rúdin Natalia, Ssanin
in »Frühlingsfluthen« Gemma, Litwinow in »Rauch« Tatjana u. s. w.
Sie verlassen Jugend, Frische, Herzensgüte, Schönheit, Glück, um dem
Sinnesrausch und der Erniedrigung nachzulaufen, oder sie geben aus
reiner Haltlosigkeit, aus Unsicherheit an sich selbst das begonnene
Spiel auf. Doch diesen Männern ohne Verlass, deren Leidenschaften so
plötzlich erregt werden und wieder verfliegen, entsprechen zu ihrer
eigenen Ueberraschung Frauen, die noch schwerer zu berechnen sind,
Frauen, die nahe daran sind, zu lieben, und es doch nicht vermögen, wie
Frau Odinzow in »Väter und Söhne«, Frauen, die unfreiwillig die Männer
bethören, sich hingeben und wieder zurücknehmen, wie Irina in »Rauch«,
endlich kalte Bacchantinnen, wie jene Maria Nikolajewna, die den Ssanin
der Gemma entführt.
Bisweilen kann die Inconsequenz oder der Verrath etwas ungenügend
motivirt vorkommen, wie in »Frühlingsfluthen«, vielleicht desshalb,
weil Turgenjew diesen Zug seiner Jünglings-Charaktere sozusagen als
bekannt voraussetzt. In seiner frühesten grösseren Erzählung, »Rúdin«
(1855) ist das Studium der Haltlosigkeit so tief und erschöpfend, dass
man durch die Schwäche dieses Einen Charakters hindurch die schwache
Seite des russischen Charakters überhaupt versteht. Das an der Kunst
des Dichters Bewunderungswürdigste ist hier, dass er es vermocht hat,
eine nicht geringe Sympathie für Rúdin zu erwecken, dass er uns in
dem armen Wicht und Phrasenhelden den aufrichtig Begeisterten gezeigt
hat. Rúdin, der mit soviel Wärme spricht und so glänzend erzählt, dem
die ganze »Musik der Beredsamkeit« zur Verfügung steht, ist träge,
herrschsüchtig, spielt immer irgend eine Rolle, lebt immer auf Kosten
Anderer, ist kalt, wenn er am wärmsten scheint, und zu jeder That
am meisten unfähig, wenn man eben glaubt, nun wolle er zur Handlung
schreiten. Und doch zeigt uns Turgenjew, dass er viel mehr Mitleid als
Unwillen verdient und dass er nicht mit Unrecht grossen Einfluss auf
junge Seelen ausübt.
Männer mit festem Herzen und kräftigem Willen kommen als Hauptfiguren
in den früheren Werken Turgenjew's nicht vor. Sie sind Hamlette, die
von Puschkins Onjaegin und Herzens Beltow abstammen. Schildert er
einen Mann, der ganz Mann ist und zu dem eine Frau aufblicken kann,
da wählt er wie in »Helene«, um seine Landsleute zu beschämen, einen
Fremden, den Bulgaren Insarow, welcher gerade die Eigenschaften hat,
die den Russen von dem Besten bis zu dem Geringsten fehlen. Das Modell
zu dieser Gestalt war ein wirklicher Bulgare, Namens Katianow, der
in seinem Vaterlande eine Rolle gespielt hatte und den Turgenjew
(1855) durch die Papiere eines Nachbars, des Gutsbesitzers Karatejew,
kennen lernte. Sonst werden Männer, die Turgenjew selbst bewundert,
nur flüchtig genannt; er stellt sie als Hintergrundgestalten hin
oder benützt sie als Contraste, um die Unwahrheit und Schwäche der
Hauptfigur stärker hervorzuheben.
Eine solche Gestalt ist zum Beispiel jener Pokorski in »Rúdin«, über
den Leschnew in so warm begeisterten Worten spricht und in welchem man
vielleicht ein Porträt des berühmten russischen Kritikers Belinski,
des Jugendfreundes und Lehrers Turgenjew's, hat, dessen Andenken er
»Väter und Söhne« widmete und an dessen Seite begraben zu werden er
in seiner Todesstunde wünschte. Es heisst über ihn: »Pokorski machte
einen sehr ruhigen und weichen, fast schwachen Eindruck; er liebte die
Frauen leidenschaftlich, nahm gern an einem kleinen Gelage Theil und
duldete von Niemandem eine Beleidigung. Rúdin schien lauter Feuer und
Flamme, Leben und Kühnheit zu sein; aber im Grunde seiner Seele war
er kalt, fast ein Feigling, das heisst, so lange man seine Eitelkeit
nicht reizte, denn geschah das, so gerieth er fast ausser sich vor
Wuth. Er versuchte fast immer Andere zu beherrschen, und Viele trugen
geduldig sein Joch, aber Pokorski unterwarfen sich Alle freiwillig ...
Ach, das war eine prachtvolle Zeit, und ich weiss bestimmt, sie war
nicht vergeudet. Wie oft bin ich Leuten aus jener Zeit begegnet, meinen
Jugend-Kameraden, Männern, die aussahen, als wären sie in einen rein
thierischen Zustand hinabgesunken -- da brauchte man nur Pokorski's
Namen zu nennen, sofort kam all das Gute, was in ihnen zurückgeblieben,
wieder zum Vorscheine, gleich als wenn man in einem schmutzigen,
dunklen Zimmer eine Flasche Parfüm öffnet, die darin vergessen worden«.
Es war doch zuerst in »Väter und Söhne« (1861), dass Turgenjew eine
typische Darstellung von russischer Charakterstärke und geistiger
Ueberlegenheit in der damals modernen Gestalt gab.
Bazarows Gestalt führte den Nihilismus in die schöne Litteratur ein.
War es auch allem Anscheine nach Turgenjew hauptsächlich darum zu
thun, die ideenarme Nützlichkeitsvergötterung der jungen Generation zu
geisseln, so ist es ihm doch hier gelungen, einen Mann zu zeichnen,
der durch seine Festigkeit, seinen Muth wie seine Einseitigkeit, eine
der hervorragendsten Gestalten der gesammten europäischen, an echten
Männertypen nicht eben reichen Litteratur ist. Niemandem, der in
modernen Büchern einigermassen orientirt ist, kann es entgangen sein,
dass es ist, als sei der Begriff Mann aus ihnen entschwunden. Ein Mann,
der einen Willen und einen Gedanken hat, der seinen Willen im Dienste
seines Gedankens verwendet, seinem Entschlusse treu, seinen Freunden
eine Stütze, seinen Feinden ein ewiger Dorn im Auge ist, und dem die
Vertheidigungslosen, die Anfänger im Leben und die Frauen von selbst
zufallen, ein solcher Mann kommt heutzutage nur als naive Caricatur in
knabenhaften Erzählungen oder Damenromanen vor.
Im Jahre 1860 traf Turgenjew auf der Reise in Deutschland in einem
Eisenbahncoupé mit einem jungen russischen Arzt zusammen, welcher in
dem kurzen Gespräche, das sie miteinander führten, ihn durch seine
originellen und schroffen Anschauungen in Erstaunen setzte. Er gab
dem Dichter die Idee zu Bazarow ein. Um sich in den Charakter recht
hineinzuleben, begann Turgenjew »Bazarows Tagebuch« zu führen, d. h.
so oft er ein neues Buch las, eine Persönlichkeit traf, die ihn
interessirte, irgend etwas in politischer oder socialer Beziehung
Charakteristisches erlebte, beurtheilte er es in diesem Tagebuch von
Bazarows Gesichtspunkt aus.
Bekanntlich wurden »Väter und Söhne« nicht so sehr durch die
Genialität, mit welcher die grosse Hauptgestalt dargestellt ist, als
durch die Wirkung, die das Buch hervorbrachte, durch den Unwillen,
die Missverständnisse, die leidenschaftlichen Angriffe, zu welchen
es Anlass gab, eine Begebenheit in der Geschichte der russischen
Litteratur wie in dem eigenen Leben des Verfassers. Es ist ein
tadelloses Meisterwerk, ausserdem das ursprüngliche Vorbild für alle
die modernen Romane der verschiedenen Länder, welche ein älteres und
ein jüngeres Geschlecht in ihrem gegenseitigen Verhältnisse und Kampf
behandeln. Anfangs jedoch erblickte man darin nichts anderes, als eine
Herabsetzung der jungen Generation zu Gunsten der Cultur der älteren.
Dieser Albernheit gegenüber, haben die eigenen Aeusserungen Turgenjew's
über die Gestalt ein erhöhtes Interesse. Ein gewisser Slutschewski
hatte ihm vorgeworfen, dass Bazarow einen so überaus ungünstigen
Eindruck mache. Darauf antwortet er (1862): Bazarow stellt ja doch
alle die andern Personen des Romans in den Schatten ..... Er ist
ehrlich, rechtschaffen und ein Demokrat von reinstem Wasser. Und Sie
finden keine gute Eigenschaft an ihm! »Kraft und Stoff« empfiehlt er
besonders als ein populäres, d. h. werthloses Buch. Das Duell mit Pawel
Petrówitsch ist eingeflochten, um das geistig Hohle des eleganten,
adeligen Ritterwesens zu beleuchten; es ist obendrein fast übertrieben
lächerlich dargestellt ...... Meiner Anschauung nach ist Bazarow dem
P. P. beständig durchaus überlegen, nicht umgekehrt. Wenn er sich
»Nihilist« nennt, muss man Revolutionär lesen ..... Auf der einen Seite
ein bestechlicher Beamter, auf der andern ein idealer Jüngling: solche
Bilder zu zeichnen überlasse ich Andern. Ich strebe etwas Grösseres an.
..... Ich schliesse mit der Bemerkung: Wenn der Leser Bazarow nicht
trotz aller seiner Grobheit, Herzlosigkeit, unbarmherziger Trockenheit
und Schärfe liebgewinnt -- so liegt die Schuld an mir, so habe ich mein
Ziel verfehlt. Aber mit Syrup versüssen -- um mit Bazarow zu reden --
das wollte ich nicht, obgleich ich dadurch sofort die Jugend auf meine
Seite gezogen hätte.
Und zwölf Jahre später kommt er, auf's Neue angegriffen, nochmals
auf sein zärtliches Gefühl für Bazarow zurück: Was, schreibt er, auch
Sie behaupten, dass ich in Bazarow eine Caricatur der russischen
Jugend geben wollte? Auch Sie wiederholen diesen -- verzeihen sie
den freimüthigen Ausdruck -- unsinnigen Vorwurf? Bazarow, mein
Lieblingskind, um dessentwillen ich mit Katkóf brach und an den ich
alle Farben, über die ich nur gebot, verschwendete! Bazarow, dieser
Verständige, dieser Held, eine Caricatur! .....
Der Roman »Rauch« (1867) entzweite Turgenjew noch mit einer anderen
Gruppe in Russland, einer nicht minder einflussreichen, als es jene
war, die ihm »Väter und Söhne« so übel genommen. Er ist zuvörderst
ein gegen die Slavophilen gerichteter Schlag. Wenigstens brachte er
sie heftig gegen ihn auf. Katkóf und Dostojewski wurden von nun an
seine erbitterten Feinde und Verfolger. In diesem Werke werden gewisse
geschwätzige, eingebildete russische Quasi-Reformatoren mit beissendem
Hohne beseitigt. Die Behandlungsweise erinnert an die Manier Henrik
Ibsens, wenn er in seinen Schauspielen die Streber unter seinen
Landsleuten züchtigt.
Aber in »Neuland« (1877) dem letzten grösseren Werke Turgenjew's und
dem vielseitigsten von ihm verfassten, hat der Dichter seine Kritik der
Gesellschaft mit tiefer unparteiischer Gerechtigkeit zu Ende geführt.
Hier vertheilt er streng gerecht Sonne und Wind zwischen den Ständen,
Geschlechtern, Tendenzen und Gesellschaftsschichten seines grossen
Heimathlandes. »Neuland« steht hinter den älteren, grössern Romanen
insofern zurück, als man es hier zum ersten Male lebhaft inne wird,
dass der Dichter, lange von Russland losgerissen, den Augenschein durch
Lectüre von Blättern und Prozessreferaten ersetzt hat. Dessenungeachtet
ist dieses Werk der reichste, vollste Ausdruck der Humanität und
Lebensweisheit, der Freiheits- und Wahrheitsliebe Turgenjew's.
Hier offenbart er vielleicht in der positivsten Weise seine kindlichen
Gefühle für Russland und seine Achtung vor der russischen Jugend,
hier zeigt sich klar sein unbefangener Blick für den hohen Idealismus
derselben. Gewiss strandet auch hier Alles. Bei Turgenjew scheitern
eben alle Bestrebungen, misslingt Alles ohne Ausnahme. Im Augenblicke
herrscht allein die Hoffnungslosigkeit. Das ältere Geschlecht mit
seinem Sipjäginschen Liberalismus ist ein für alle Mal abgethan; bei
dem jungen Geschlechte ist Alles sehr wohl gemeint, sehr uneigennützig
in's Werk gesetzt, doch nichts führt zum Ziele. Neshdanow will unter
das Volk gehen, Bücher und Broschüren austheilen. Es wirkt wie ein
Symbol, dass die Bauern das verkehrt auffassen, nur mit ihm trinken
wollen und der verunglückte Volksapostel sinnlos betrunken nach
Hause gefahren wird. Nicht mit Unrecht hatte Neshdanow kurz zuvor
sein Gedicht »Der Schlaf« mit dem folgenden unvergesslichen Bilde
geschlossen:
Und in der Hand
Das Branntweinglas, das Haupt dort an den Pol geschlossen,
Die Füsse an den Kaukasus, o Vaterland!
So schläfst du, heiliges Russland, fest und unverdrossen!
Und doch erblickt man in diesem letzten grossen Werke in unbestimmten,
fernen Umrissen eine Zukunft. Sie wird vorbereitet von jungen Mädchen
wie Marianne und Maschurin, von jungen Männern wie Markelow, Ssolomin
und Neshdanow selbst.
Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte Turgenjew
abwechselnd in den beiden Ländern, die an seiner Bildung den grössten
Antheil haben, in Deutschland und Frankreich. Er wohnte in Baden-Baden
und Paris. Sein Verhältniss zu Deutschland und Frankreich war jedoch
sehr verschiedener Art. Vermuthlich schon kraft alter russischer
Tradition, überdies auch durch die Nationalität Frau Viardots
stand er Frankreich weit näher als Deutschland. Er hatte in Berlin
studirt und sein Geist war durch die Kritik des Junghegelianismus
verfeinert und geschärft worden. Er verehrte Goethe über Alles, ging
eine Zeitlang in seinen Jugendtagen ganz in Heine auf, unterhielt
immer ein freundschaftliches Verhältniss zu deutschen Dichtern und
Schriftstellern (wie Paul Heyse, Ernst Dohm und Ludwig Pietsch),
sprach Deutsch wie ein Deutscher, war ein aufrichtiger Bewunderer
der wissenschaftlichen Grösse Deutschlands; doch so innige Bande
ihn auch mit Deutschland verknüpften, in seinen Erzählungen stehen
nichtsdestoweniger wie in fast allen russischen Romanen und Novellen
die Deutschen in einem höchst satirischen, hie und da sogar in einem
gehässigen Lichte. Es scheint mir eine Schwäche der deutschen Kritik,
dass sie diese in die Augen fallende Thatsache nicht einfach gesteht.
Gewiss schildert in der Regel jede Nation die andere ohne Enthusiasmus.
Eine Russin bei Victor Cherbuliez oder Paul Heyse (»Ladislaus Bolski«,
»Im Paradiese«, »Das Glück zu Rothenburg«) spielt nicht leicht eine
schöne Rolle. In Turgenjews Seele aber scheint ein Rest von unbewusstem
Nationalhass übrig geblieben zu sein.
Obgleich ihm nun auf der andern Seite gewiss nicht der Blick für die
Fehler des französischen Naturells und die Mängel der französischen
Kultur fehlte, kam er doch leichter mit denselben zurecht. Er
fühlte sich in dem sonst gegen Fremde so vorurtheilsvollen Paris
als Künstler voll verstanden und gewürdigt: er hatte ebenso warme
Bewunderer unter den älteren Schriftstellern (Mérimée), wie in dem
etwas jüngeren Geschlechte (Augier, Taine, Flaubert, Goncourt) und in
der später auftretenden Generation (Zola, Daudet, Maupassant). Mit
dem Schriftstellerkreise, der sich um Flaubert vereinte, verkehrte er
auf einem vertrauten und kameradschaftlichen Fusse, wie mit keinen
Schriftstellern anderer Länder.
Wechselnder Art war das Verhältniss zu seinem eigenen Vaterlande.
In seiner Jugend war er populär, späterhin förmlich dem Hasse
preisgegeben. Erst bei seinem letzten Besuch in Russland offenbarte es
sich, dass allmälig das Missverständniss, er wäre seinen Jugendidealen
untreu geworden, einer bessern Erkenntniss gewichen war, und seine
Reise gestaltete sich durch die ihm von der Jugend dargebrachten
Ovationen, zu einem wahren Triumphzuge. Allerdings flössten diese
letztern der Regierung eine Unruhe ein, die ihm den Aufenthalt in
Petersburg bald verleidete. In Moskau, wo Katkóf in heftigen Ausfällen
ihn vaterlandsfeindlicher, aufrührerischer Gesinnung geziehen hatte,
wurde ihm zu Ehren ein Festmahl veranstaltet, zu dem man auch
Dostojewski einlud, dem man um seiner Jugendüberzeugung und seines
Martyriums willen, sein späteres gehässiges Auftreten gegen Turgenjew
verzieh.
Je mehr indess das junge Geschlecht sich mit dem Verfasser von »Väter
und Söhne« aussöhnte, je begeistertere Huldigungen ihm dargebracht
wurden, um so höher wuchs die Missstimmung der Regierung gegen ihn,
die sich dann auch bei seinem Tode mit Wucht geltend machte. Ein
feierliches Begräbniss, mit schwarz drapirten Häusern, mit grossem
Gefolge, mit Reden am Grabe, wurde verboten. In aller Stille, beinahe
wie ein Verbrecher, wurde der Mann zur Erde bestattet, der in der
neueren Zeit den Namen Russlands in die weitesten Kreise getragen. Denn
in seinen späteren Lebensjahren erfreute er sich in allen civilisirten
Ländern einer gleich ehrfurchtsvollen Bewunderung.
Erfreute er sich ihrer wirklich? Ich glaube es kaum. Die Bewunderung
hat ihn angenehm berührt, aber er hat sie nicht genossen; sie
war nicht im Stande, seine Melancholie zu zerstreuen. Edmond de
Goncourt erzählt, dass Turgenjew, den er im März 1872 in einer
Mittagsgesellschaft bei Flaubert traf, in der missmuthigen Stimmung,
die sich leicht in einem Kreise von Freunden verbreitet, die sich
alle dem vorgeschrittenen Alter nähern, in die Worte ausbrach: »Ihr
wisst, dass man manchmal in einem Zimmer einen Moschusgeruch findet,
den man nicht wieder vertreiben kann. So kommt es mir vor, als
sei meine Persönlichkeit immer von einem Duft der Auflösung, der
Vernichtung, des Todes umgeben«. Seine letzten Werke, die anmuthige und
originelle Novelle »Clara Militsch«, die Turgenjew's Lieblingsthema,
verfehlte Liebe behandelt, und die bewunderungswürdige Sammlung
Prosagedichte »Senilia«, enthalten eine fast noch tiefere Melancholie
als seine Jugendarbeiten, nur ist sie höchst poetisch von einem
lyrisch-phantastischen Elemente durchblitzt. Er blickt hier zum letzten
Male von Angesicht zu Angesicht dem Geheimnisse des Lebens in die
Augen und versucht mit tiefer Wehmuth es in Symbolen mit Schwärmerei
zu deuten. Die Natur ist hart und kalt, möchten die Menschen umsomehr
nicht versäumen, einander zu lieben! Da ist eine Scene, wo Turgenjew
auf einer einsamen Dampfschifffahrt von Hamburg nach London stundenlang
die Hand eines armen kleinen traurigen und gefesselten Affenweibchens
in der seinen hält -- das Genie, dessen Geist das Universum geahnt
hatte, Hand in Hand mit dem kleinen menschenähnlichen Thiere, wie zwei
gute Verwandte, zwei Kinder derselben Mutter -- darin liegt mehr wahre
Erbauung als in irgend einem Erbauungsbuche.
Die menschliche Undankbarkeit scheint bis zu allerletzt einen tiefen
Eindruck auf Turgenjew gemacht zu haben. Niemand, der »Senilia«
gelesen, wird jemals »Das Fest bei dem lieben Herrgott« vergessen. Alle
Tugenden waren eingeladen, nur Tugenden; keine Herren waren eingeladen,
nur Damen. Da kamen viele Tugenden, grosse und kleine; die kleinen
Tugenden waren angenehmer und bescheidener als die grossen; alle
schienen sich gut zu gefallen und sprachen freundlich mit einander,
wie es sich für Verwandte geziemt. Da bemerkte der liebe Herrgott zwei
hübsche Damen, die einander nicht zu kennen schienen. Der Herr des
Hauses bot der einen den Arm, führte sie zu der andern hin und stellte
sie einander vor: die Wohlthätigkeit -- die Dankbarkeit.
Es war das erstemal seit der Erschaffung der Welt, dass die Beiden sieh
begegneten.
Welche Wehmuth in dem Witze und der Bitterkeit!
Es fällt mir auf, dass auch meine Dankbarkeit diesem grossen Wohlthäter
gegenüber erst jetzt zu Worte kommt, wo er keinen Dank mehr vernehmen
kann.