Den 28. October 1818 wurde im Gouvernement Arjol (Orel), in einer
altadligen (ursprünglich tatarischen) Familie der Mann geboren,
dem, bis in die allerjüngste Zeit, die gebildeten Klassen in den
germanischen und romanischen Ländern fast alles verdankten, was sie
über das innere Leben der slavischen Menschenrace in unseren Tagen
wussten. Kein früherer russischer Dichter ist in Europa gelesen worden
wie Iwan Turgenjew, er war eher als ein internationaler denn als ein
russischer Schriftsteller zu betrachten.
Er eröffnete uns eine neue Stoffwelt, aber er bedurfte nicht des
Nebeninteresses, das seine Werke dadurch gewannen; denn es ist der
Künstler, nicht der Sittenschilderer, den Europa in ihm bewundert hat.
Obgleich er kaum ausserhalb seines Vaterlandes in seiner eigenen
Sprache gelesen wurde, stellte ihn die kundige Kritik überall, selbst
in den künstlerisch am meisten fortgeschrittenen Ländern in gleiche
Reihe mit den besten Schriftstellern des Landes. Man las ihn in
Uebersetzungen, die selbstverständlich den Eindruck seiner Vorzüge
trübten und verringerten. Aber die Vollkommenheit des Originals machte
sich durch die mehr oder weniger gelungenen Abgüsse so stark geltend,
dass man davon absah, was diesen an Feinheit und Schärfe gebrach.
Grosse Dichter wirken in der Regel am tiefsten durch ihren Stil, weil
sie durch denselben dem Leser persönlich entgegentreten; Turgenjew
wirkte so tief wie nur irgend Jemand, obgleich der nichtrussische Leser
nur das Gröbste seines Stils kannte, kaum ahnte, mit welcher Eleganz
er sich auszudrücken pflegte und ebenso weit davon entfernt war, seine
Anspielungen zu verstehen, wie von der Möglichkeit, seine Auffassung
und Schilderung von Persönlichkeiten und Denkarten in Russland mit
der geschilderten Wirklichkeit vergleichen zu können. Er hat auf der
künstlerischen Laufbahn gesiegt, obgleich er eine Kugel am Fusse hatte,
hat in der grossen Arena triumphirt, obgleich er mit einem Schwert ohne
Spitze focht.
Er hat das grosse östliche Reich für uns bevölkert. Ihm verdanken wir
es, dass wir die seelischen Grundzüge der Frauen und Männer desselben
kennen. Obgleich er im kräftigsten Mannesalter Russland verliess, um
nie wieder als ansässiger Bürger in seinem Vaterlande zu leben, hat
er niemals Anderes geschildert, als die Bewohner dieses Landes, und
Deutsche oder Franzosen nur als halbwegs russificirt oder doch nur in
Berührung mit Russen.
Er wollte nur Wesen darstellen, mit deren Eigenthümlichkeit er von
Jugend auf vertraut war. Dass es nach und nach während seines langen
Exils und unter der Spannung zwischen slavophilen und europäisch
gesinnten Russen in gewissen Kreisen Sitte wurde, seine Kenntnisse
vom Vaterlande herabzusetzen und ihn als eine Art Westeuropäer zu
behandeln, ist nur natürlich. Wäre er einen Grad weniger Kosmopolit
gewesen, so würde er kaum in der ganzen civilisirten Welt so
durchgedrungen sein, wie er es jetzt ist.
Er hat uns Bilder gegeben von Wald und Steppe, von Frühling und
Herbst, von allen Ständen und Gesellschaftsklassen und Bildungsstufen
in Russland. Er hat sie alle gezeichnet, den Leibeigenen und die
Fürstin, den Bauer, den Gutsbesitzer und den Studenten, junge
Mädchen, die lauter Seele sind, mit der feinsten slavischen Anmuth
ausgestattet, und die kalten, schönen, egoistischen Koketten, die bei
ihm unzurechnungsfähiger in ihrer Herzlosigkeit zu sein scheinen, als
anderwärts. Er hat uns die reiche Psychologie einer ganzen Menschenrace
gegeben, und zwar mit tief bewegtem Sinn, ohne dass die Gemüthserregung
jemals die durchsichtige Klarheit der Darstellung getrübt hätte.
Turgenjew ist unter allen Prosaisten Russlands der grösste Künstler.
Das mag daher kommen, dass er von ihnen allen am meisten im Auslande
gelebt. Denn wurde auch durch seinen langen Aufenthalt in Frankreich
der Fond von Poesie, den er aus der Heimath mitgebracht, nicht erhöht,
so hat er augenscheinlich doch durch jenen die Kunst gelernt, seine
Bilder unter Glas und Rahmen zu setzen.
Es strömt eine breite, tiefe Welle von Melancholie durch Turgenjew's
Gemüth, und darum strömt sie auch durch seine Werke. Wie nüchtern und
unpersönlich auch seine Darstellungsweise ist und obgleich er fast
niemals in seine Novellen und Romane Gedichte einlegt, machen doch
seine sämmtlichen Erzählungen einen lyrischen Eindruck. Es ist so viel
Stimmung in sie verdichtet, und diese Stimmung ist immer Wehmuth, eine
eigene, sonderbare Wehmuth, ohne einen Tropfen von Empfindsamkeit.
Niemals gibt sich Turgenjew dem Gefühle ganz hin, er wirkt durch das
gebundene Gefühl; aber kein westeuropäischer Erzähler ist wehmüthig
wie er. Die grossen Melancholiker der lateinischen Race, wie Leopardi
oder Flaubert, haben harte, feste Konturen in ihrem Stil, die deutsche
Wehmuth ist grell humoristisch oder pathetisch oder sentimental.
Turgenjew's Melancholie ist in ihrem allgemeinen Wesen die des
slavischen Stammes in seiner Schwäche und Trauer, sie stammt in gerader
Linie von der Melancholie der slavischen Volksgesänge ab.
Die neueren russischen Poeten von Rang sind alle Melancholiker. Bei
Turgenjew jedoch ist diese Wehmuth vor Allem die des Denkers, der
verstanden hat, dass alle Ideale der Menschheit, Gerechtigkeit,
Vernunft, Allgüte, allgemeines Glück, der Natur gleichgiltig sind und
sich nie durch eigene göttliche Macht geltend machen. In »Senilia« hat
er die Natur als Weib dargestellt, das mitten in einem Saale in der
Tiefe der Erde tiefgrübelnd sitzt, von einem weiten grünen Gewande
umwallt.
»O unsere gemeinsame Mutter«, frägt er, »woran denkst du? An das
künftige Schicksal der Menschheit? An die Bedingungen, die nothwendig
sind, damit sie die höchstmögliche Vollkommenheit, das grösstmögliche
Glück erreichen kann?«
Das Weib wendete langsam seine dunklen, durchdringenden, schrecklichen
Augen gegen mich; ihre Lippen öffneten sich halb, und ich hörte eine
Stimme, die klang, wie wenn Eisen an Eisen stösst:
»Ich denke daran, wie ich den Beinmuskeln der Flöhe grössere Kraft
geben kann, damit sie leichter den Nachstrebungen ihrer Feinde
entgehen. Es ist kein Gleichgewicht mehr zwischen Angriff und
Verteidigung; das muss hergestellt werden«.
»Was?«, stammelte ich, »dies ist es, woran du denkst? Aber wir
Menschen, sind wir nicht deine Lieblingskinder?«
Sie zog die Brauen zusammen. »Alle Thiere sind meine Kinder«, sagte
sie, »ich sorge gleich viel für sie alle, und ich rotte sie alle auf
dieselbe Weise aus«.
Hierin hat man den Charakter seiner Melancholie. Wenn Gogol
melancholisch ist, so ist er dies aus Entrüstung, wenn Dostojewski
es wird, so rührt es daher, dass sein Herz vor Mitleid schmilzt mit
den Unwissenden und Uebersehenen, mit den wie Heilige Edlen und
Herzensreinen und fast noch mehr mit Sündern und mit Sünderinnen.
Tolstojs Melancholie hat ihren Grund in seinem religiösen Fatalismus.
Turgenjew allein ist Philosoph.
Man wird ferner finden, dass das Leben der andern grossen russischen
Dichter einen Wendepunkt hat, an welchem sie von einer religiösen
Bewegung ergriffen werden, die ihrem Leben ein neues Gepräge, ihrer
eigenen Auffassung nach eine neue Weihe, einen neuen Ernst gibt,
zugleich aber auch auf ihre dichterische Schaffenskraft in hohem
Masse hemmend, schwächend wirkt, ja in der Regel etwas früher oder
später ihrer Dichterlaufbahn völlig Einhalt thut. Dieser Wendepunkt
kommt bald als einer, an dem eine Bekehrung sich vollzieht und bald
als einer, an welchem sie erfüllt werden von einem nationalen oder
national-religiösen Mysticismus. Der Hang zu solchem Mysticismus tritt
in diesem Jahrhundert als ein der ganzen slavischen Welt gemeinsamer
Zug auf. Er ergreift in der polnischen Litteratur in den vierziger
Jahren Miekiewicz, Slowacki, Krasinski, Zaleski u. a. m., da Towianski
und andere Schwärmer ihren Einfluss geltend machen. Er bemächtigt sich
in der russischen Litteratur (unter verschiedenen Formen) so grosser
Talente wie Gogol und Dostojewski, zuletzt endlich Tolstojs, wie es
scheint unter dem Einflusse Sjutajews.
Nur für Turgenjew mit seiner ruhigen Contemplation ist -- obgleich auch
er in »Clara Militsch« und im »Lobgesang der triumphirenden Liebe« der
Mystik seinen Tribut zollt -- der religiöse Enthusiasmus selbst ein
Stoff wie ein anderer. Er behandelt ihn ohne aus dem Gleichgewicht
zu kommen. Man denke z. B. an seine Sophie Wladimirowna in »Eine
sonderbare Geschichte«, das junge Mädchen aus guter Familie, das einem
umherziehenden Heiligen in die weite Welt folgt.
Seine Melancholie ist denn weniger eine religiöse, als eine
philosophische, zugleich aber ist sie die des Patrioten, der Pessimist
geworden. Er war trotz all seines scheinbaren Cosmopolitismus ein
Patriot, doch ein solcher, der über sein Vaterland trauerte und
an demselben zweifelte. Er wurde desshalb vielfach angegriffen.
Dostojewski suchte ihn in der Gestalt Karmásinows in seinem Roman »Die
Besessenen« lächerlich zu machen. So ganz ohne Zutrauen zu der Zukunft
seines Vaterlandes war er gleichwohl nicht. Er bewunderte dessen
Sprache, wie gewisse Partien seiner Litteratur so lebhaft, dass er
günstige Schlüsse darüber zog, was das Volk, das sie hervorgebracht,
zu leisten vermöchte. Aber er theilte nicht die Begeisterung seiner
naiveren und unwissenderen Landsleute für das russische Volk als
solches. Er fand dessen Vergangenheit nicht gross.
Turgenjew schildert irgendwo seine Niedergeschlagenheit, als auf einer
der grossen Weltausstellungen ihn die bestimmte Empfindung überkam, wie
nichtssagend der Beitrag Russlands zu den industriellen Erfindungen der
Menschheit sei, und er fügt bitter hinzu: »Wir haben nichts als die
Knute erfunden«. Seine Werke zeigen, dass die Entwicklungsgeschichte
des Landes in der neueren und neuesten Zeit weit davon entfernt war,
ihm Zuversicht einzuflössen.
Iwan Turgenjew verlor frühe (1834) seinen Vater, Oberst Sergej
Nikolajewitsch (aus jener Familie Turgenjew, die Russland schon zwei
ausgezeichnete Männer geschenkt hatte) und musste unter dem Regiment
seiner herrschsüchtigen, kaltherzigen Mutter vielerlei leiden. Er wurde
indess in ländlicher Stille auf dem Stammgute der Familie, Spaskoje,
erzogen und empfand frühe die lebhafteste Liebe zur Natur, sowie den
leidenschaftlichsten Unwillen gegen die Leibeigenschaft, deren traurige
Folgen er stets vor Augen sah.
Er studirte zuerst an der Moskauer, dann an der Petersburger
Universität und reiste 1838 nach Deutschland, wo er gleichwie Katkóf
und Bakunin Philosophie und Geschichte an der Berliner Universität (bei
Michelet, Werder, Ranke u. s. w.) hörte. Nach mehrjährigem Aufenthalt
im Auslande kehrte er als Anhänger des westeuropäischen Freisinns nach
seiner Heimath zurück, erhielt eine Anstellung in der Kanzlei des
Ministeriums des Innern, trat jedoch schon nach Verlauf eines Jahres
aus demselben wieder aus, um das freie Leben eines Gutsbesitzers und
Jägers zu führen.
Seine erste Jägergeschichte gab er 1847 heraus, auf welche von
1847--51 die übrigen folgten. 1852 erschienen sie gesammelt als
»Eines Jägers Tagebuch« und erregten ein epochemachendes Aufsehen.
Ursprünglich war er mit versificirten Sachen als Byronianer und
Romantiker aufgetreten, ohne Erfolg und ohne Originalität. In jener
ersten Periode fand Alexander Herzen -- wie ein Ohrenzeuge mir erzählte
-- ihn so affectirt, dass er von ihm zu sagen pflegte, dass er nicht
einmal essen könne ohne Affectation. Bjelinski riss ihn von Byron,
Heine und der Romantik los und führte ihn auf den rechten Weg.
Er gab, was er von Grund aus kannte, russische Natur und russisches
Volksleben wieder und lieh seiner Entrüstung über die Leibeigenschaft
in den Formen Ausdruck, welche von der Censur gestattet wurden.
Dieselbe hat sicher einen günstigen Einfluss auf sein Talent gehabt,
mit Nothwendigkeit all' das Vornehme, Aristokratische und Discrete
darin entwickelt. Hat er jemals in seiner frühesten Jugend Hang zum
directen Pathos, zur Declamation, zu grellen Wirkungen gehabt -- stark
kann dieser Hang keinesfalls je gewesen sein -- so muss das Verhältniss
zur Censur denselben getödtet haben. Um Mitleid für die Leibeigenen
zu erwecken, um die Rechtlosigkeit zu zeigen, in welcher sie ihr
Leben verbrachten, und ein Bild von der Rohheit zu geben, welche,
auch ohne Peitsche oder Knute anzuwenden, sie zu Tode misshandelte
-- erzählte er Bruchstücke aus seinem Tagebuch als Jäger, Besuche
bei den Gutsbesitzern oder bei dem Arzte und dazwischen ab und zu
eine kleine Geschichte: die Geschichte jener Müllersfrau, welche
sich als Mädchen der schwarzen Undankbarkeit schuldig machte, sich
verheirathen zu wollen, obgleich ihre Herrschaft, eine engelsgute
Dame, verheirathete Dienstboten nicht ausstehen konnte, und welche,
da sie das Verhältniss zu ihrem Schatz nicht aufgeben wollte, durch
Zwangsheirath mit einem Andern gestraft ward, nachdem man ihren
Petruschka unter die Soldaten gesteckt. Oder die Geschichte von dem
taubstummen, riesenstarken Bauernknecht Garassim, dessen Geliebte
von der gnädigen Frau zum Spass mit einem Trunkenbolde verheirathet
wurde, und der seinen Hund, ein kleines mageres Hündchen, Mumu, seinen
letzten Trost und seinen einzigen Gefährten in dieser Welt, ertränken
musste, weil Mumu zeitweise mit seinem Gekläff die Gnädige aufstörte,
wenn sie nach allzu starker Mahlzeit schlaflos dalag. Beide Geschichten
sind ohne Reflexionen, ohne irgend ein Urtheil erzählt; der Gram über
die gezeigte Brutalität äussert sich nur als Ironie, und diese Ironie
verschwindet wieder in der Wehmuth der Totalstimmung.
Das, was Turgenjew's Grundstimmung so reich und eigenthümlich macht,
ist, dass er zugleich Pessimist und Menschenfreund ist, dass er die
Menschenrace geliebt hat, von der er so gering dachte und welcher er
so wenig zutraute. Seine Ueberzeugung ist die, dass in Russland Alles
fehlschlage (eine Liebesgeschichte scheint ihm nicht echt russisch,
wenn sie nicht durch die Unbeständigkeit des Mannes oder die Kälte der
Frau einen unglücklichen Ausgang nimmt; eine Bestrebung scheint ihm
nicht echt russisch, wofern sie nicht die Kräfte dessen übersteigt,
der sie unternimmt, und an der Unempfänglichkeit derjenigen scheitert,
um derentwillen sie geschieht); aber doch kann er nicht umhin,
immer wieder haltungslose Liebe und fruchtloses Streben in Russland
darzustellen.
Für ihn ist Russland das Land, wo Alles scheitert, das Land des
gemeinsamen Schiffbruches. Und sein Grundgefühl ist das schmerzbewegte,
stark gemischte eines Zuschauers bei einem Schiffbruche, an welchem er
den Gescheiterten selbst die Hauptschuld geben muss. Es ist ein starkes
und stilles Gefühl, immer in seinem Ausbruch gedämpft. Niemals ist ein
grosser und fruchtbarer Schriftsteller weniger lärmend gewesen als er.
Es liegt in dieser edlen, einfachen Haltung etwas Aristokratisches.
Nicht als ob er, wie Lord Byron oder Fürst Pückler, seinen Werken
dieses Gepräge wie einen äussern Stempel aufgedrückt hätte; man findet
in seinen Büchern nicht das Geringste, was direct an den vornehmen
Mann erinnert; aber man bekommt den Eindruck, dass dem Autor die
geistige Feinheit angeboren war und dass er immer in der besten
Gesellschaft gelebt hat. Er war Weltmann, und man fühlt in seinen
Werken jene Lebenserfahrung des Weltmannes durch, welche den Dichtern
Deutschlands in der Regel fehlt; aber diese Erfahrung hat ihn nicht
wie so manchen Schriftsteller in Frankreich cynisch, noch wie so
manchen englischen moralisirend werden lassen. Obgleich er in seiner
Erzählerkunst nie den guten Ton verletzt, ist sein Ton doch nicht der
Weltton. Selbst seine Verachtung ist keine kalte Verachtung. Da ist
immer Seele in seiner Stimme.
Es ist schwer, bündig und bestimmt zu sagen, was Turgenjew zum Künstler
ersten Ranges macht. Kurz zusammengefasst liegt es wohl daran, dass
seine Darstellung so _echt_ ist. Aber auch dieses Wort bedarf einer
Erklärung.
Dass er im höchsten Grade die Eigenschaft des wahren Dichters hat,
Menschen hervorzubringen, welche leben, begreift nicht Alles.
Was seine künstlerische Ueberlegenheit so fühlbar macht, ist die
Uebereinstimmung, welche der Leser empfindet zwischen dem Interesse
des Dichters für die geschilderte Persönlichkeit oder dem Urtheile
desselben über sie und dem Eindrucke, welchen der Leser selbst von der
dargestellten Persönlichkeit empfängt.
Denn dieser Punkt: das Verhältniss des Dichters zu seinen eigenen
Gestalten, ist derjenige, wo jede Schwäche, welche er als Mensch oder
als Künstler hat, an den Tag kommen muss. Der Dichter kann mancherlei
seltene Gaben besitzen; wenn er aber unsere Bewunderung verlangt für
das, was nicht der Bewunderung werth ist, wenn er uns Anerkennung
für einen Mann oder Mitleid mit einem Weibe, oder Begeisterung für
eine That abtrotzen will, ohne dass wir uns veranlasst fühlen, darauf
einzugehen, so hat er sich selbst geschwächt und geschadet. Wenn der
Romanschriftsteller, dem wir eine zeitlang willig folgten, sich
plötzlich weniger kritisch oder mehr empfindsam oder sittlich schlaffer
zeigt als wir, da ist es uns, als ob die Darstellung versage. Wenn er
eine Person als unwiderstehlich herzgewinnend auftreten lässt, ohne
dass wir sie verführerisch finden, oder sie als begabter und witziger
schildert, als sie uns zu sein vorkommt, oder wenn er die Person eine
kühnere That ausführen lässt, als wir von ihr erwarten konnten, oder
die Handlungsweise derselben durch eine Hochherzigkeit erklärt, die
uns nie begegnet ist und an die wir in diesem Falle nicht glauben,
wenn er uns durch willkürliche, unreife Werthschätzung herausfordert,
oder uns durch Kälte empört, oder uns durch Moralisiren reizt, dann
fühlt der Leser sich dem Unechten, Versagenden gegenüber und wird
zurückgeschreckt; es wird uns, als hörten wir einen falschen Ton, und
selbst wenn darüber weg gesungen wird, bleibt das Unbehagen als dumpfe
Erinnerung zurück.
Welcher Leser von Balzac, oder Dickens, oder Auerbach -- um nur von
den grossen Todten zu reden -- kennt nicht dies Unbehagen! Wenn
Balzac in plumper Begeisterung schwimmt oder Dickens kindisch rührend
oder Auerbach affectirt naiv wird, dann fühlt der Leser sich von dem
Unechten, Versagenden zurückgeschreckt.
Niemals begegnet Jemand dem künstlerisch Versagenden bei Turgenjew.
Die Aufgaben, welche er sich gestellt hat, sind die allerschwersten.
Er verschmäht es, durch romantische Charaktere und abenteuerliche
Ereignisse zu fesseln. Nicht weniger verschmäht er den Reiz des
Unreinen. Selten oder nie geschieht in seinen Novellen oder Romanen
etwas Ungewöhnliches -- eine Katastrophe wie der Zusammensturz des
Hauses am Schlusse vom »König Lear auf dem Dorfe« ist eine völlige
Ausnahme -- und obgleich er niedrigen und schmutzigen Charakteren
nicht ausweicht und novellistische Begebenheiten erzählt, welche kein
englischer Novellist erzählen möchte, gibt er sich doch nie damit ab,
in dem Obscönen umzurühren, wie sonst Schriftsteller, die sich ein für
allemal über das Herkömmliche hinausgesetzt haben, sich so oft versucht
fühlen. Er war als Künstler ein entschiedener, aber schamhafter Realist.
Sein Hauptgebiet als Schriftsteller nehmen die Geringen, die
Schwachen, die Unsteten, die Unzuverlässigen, die Ueberflüssigen
und die Verlassenen ein. Er schildert nicht wie Dostojewski das
äussere, handgreifliche Unglück, nicht die Armuth, die Rohheit, die
Verderbtheit, das Verbrechen, überhaupt nicht das Unglück, das sich
von weitem erkennen lässt. Er schildert das Unglück, das sich dem
Auge entzieht; er ist insbesondere der Dichter derer, die sich in ihr
Schicksal ergeben haben. Er hat das innere Leben des verschwiegenen
Kummers, sozusagen das Stillleben des Unglücks gemalt.
Man lese z. B. »Ein Briefwechsel«. Wir lernen hier allmälig ein junges
Mädchen kennen, welches allein, unverstanden und von seiner dummen
Umgebung verhöhnt, auf einem kleinen Dorfe lebt und eben auf dem Punkte
steht, ein altes Mädchen zu werden. Sie hat schon verzichtet. Ihr
Verlobter hat sie vor wenig Monaten verlassen. Sie hat ihre Forderungen
an das Leben aufgegeben, hat nur den Einen Wunsch nach Ruhe und ist
auf dem Wege, Ruhe zu finden. Da beginnt aus Drang, sich mitzutheilen,
aus Müssiggang, aus Einsamkeitsgefühl, aus Theilnahme ein Jugendfreund
von ihr an sie zu schreiben. Sie antwortet anfangs abweisend. Nach
dem Empfange neuer Episteln lässt sie sich die Erlaubniss abnöthigen,
dass er fortfahren darf. Er schreibt, und sie weist ihn nun nicht
mehr kurz, sondern in einem langen beredten Briefe ab. So keimt das
Freundschaftsgefühl in ihrem Innern, und nicht lange ist sie davon
erfüllt, als es in Liebe umschlägt. Einen Augenblick lieben sie Beide.
Er sehnt sich und schwärmt ihr entgegen, der Tag seiner Abreise
und Ankunft ist schon bestimmt -- da hört der Briefwechsel auf, er
lässt sich von einer Tänzerin entführen, über deren vulgäre Reize er
Alles vergisst, und sie sinkt von neuem, aber diesmal so viel tiefer
getroffen, in ihre fürchterliche Isolirtheit zurück.
Die sehr ausgeführte Novelle »Eine Unglückliche« behandelt das Leben
eines andern jungen Mädchens, dessen Unglück ebenso schweigsam und
ereignisslos ist. Ihre älteste Erinnerung ist die, dass sie mit ihrer
Mutter, einer Jüdin, Tochter eines fremden Malers, täglich am Tische
des Gutsbesitzers Herrn Koltowskoj speist. Herr Koltowskoj ist ein
hochgewachsener alter Popanz, der abscheulich nach Ambra riecht, immer
aus einer goldenen Dose schnupft und dem Kinde kein anderes Gefühl als
das der Angst einflösst, selbst wenn er ihm seine harte dürre Hand mit
gestickter Manschette zum Kusse reicht.
Die Mutter wird zu einer Heirath mit dem widerlichen Verwalter
Herrn Ratsch überredet, und gleichzeitig erfährt das Kind, dass
der Gutsbesitzer ihr Vater ist. Niemals hat dieser Vater ihr Liebe
erwiesen, ihr sogar niemals ein freundliches Wort gesagt. Er bezeichnet
sie mit steifer Grandezza als seine kleine Vorleserin. Die Mutter
stirbt. Der alte herzlose Gutsbesitzer stirbt wenige Jahre später.
Von dessen Bruder erhält Susanna eine kleine Summe, deren sich der
Stiefvater bemächtigt. Sie ist erwachsen, ihr Herz spricht zum ersten
Male, sie verliebt sich sterblich in ihren Vetter Michael, einen jungen
vortrefflichen Offizier, der sie liebt, wie sie's verdient geliebt zu
werden. Kaum ist das vertraute Verhältniss des Jünglings zum jungen
Mädchen entdeckt, so werden sie auseinandergerissen. Michael wird
fortgeschickt und stirbt bald darauf. Sein Vater, der die Verbindung
auflöste, hat sich schon seiner jungen Nichte mit entehrenden Anträgen
genähert. Endlich stirbt auch er und hinterlässt ihr eine Pension --
welche von dem Stiefvater einkassirt wird. Es vergehen drei -- sechs
-- sieben Jahre, die Zeit schwindet, und das Leben mit ihr. Alles ist
ihr gleichgiltig geworden. Da fällt ein neuer Lichtstrahl in ihr Leben.
Ein junger Mann, der ihr Herz gewonnen hat, erwidert ihre Neigung;
dann werden ihm von ihrer Umgebung, besonders von ihrem bodenlos
verdorbenen Stiefbruder, so grobe Verleumdungen über ihre Vorzeit
hinterbracht, dass er sich zurückzieht und zur Abreise rüstet. Sie
tödtet sich durch Gift.
Oder lesen wir »Das Tagebuch eines überflüssigen Menschen«. Der
Titel sagt schon den Inhalt. Ein Todtkranker beschäftigt sich in
seinen letzten Tagen damit, die Reihenfolge gewöhnlicher Ereignisse
aufzuzeichnen, die sein überflüssiges Leben ausmachten. Einmal hat
er geliebt, aber nur um alle Qualen der Eifersucht und jegliche
Demüthigung des Verschmähtseins durchzukosten! Elisabeth liebt nicht
ihn, sondern einen jungen glänzenden Fürsten aus Petersburg, der sich
vorübergehend in ihrem Wohnorte aufhält. Er fordert den Fürsten, wird
von diesem im Duell geschont und erreicht dadurch nichts weiter, als
dass er für einen schlechten Menschen gilt und von der Geliebten als
Mörder betrachtet wird. Nachdem Elisabeth vom Fürsten verführt und
verlassen worden, erneuert er trotzdem seinen Antrag und wird mit
Abscheu zurückgewiesen. Sie reicht ihre Hand einem andern ebenso
edelmüthigen Freunde, der ihm zuvorgekommen ist. Sogar bei dieser
Gelegenheit ist er überflüssig, das fünfte Rad am Wagen gewesen. Und
doch liest man zwischen den Zeilen, wie seelenvoll, wie edel angelegt,
wie brav er ist. Die Schlussblätter enthalten die Abschiedsworte, mit
welchen der vom Arzte aufgegebene Brustkranke von dem Leben scheidet.
»Jacob Passienkow« ist noch eine Erzählung derselben Art. Passienkow
ist ein Typus der russischen Persönlichkeiten, die Turgenjew mit
Vorliebe schildert. Aeusserlich nicht besonders ausgestattet, gross,
mager, flachbrüstig, ja sogar etwas rothnasig. Aber die Stirn ist
vorzüglich geformt, die Stimme mild und gedämpft, und es heisst
bezeichnend von ihm: »In seinem Munde klangen die Worte: Güte,
Wahrheit, Leben, Wissen, Liebe niemals phrasenhaft, wie begeistert
er sie auch aussprach«. In seiner Geschichte kommt das Grundthema
Turgenjew's doppelt vor. Er liebt ein junges Mädchen, das ihn
keines Gedankens würdigt; als er einsam und vergessen in einem
Winkel Sibiriens stirbt, hat er noch ein paar Andenken an ihr auf
seiner Brust. Ihm fehlten, um ihr zu gefallen, einige Laster, etwas
Selbstsucht, etwas Leichtsinn. Während er aber in so hoffnungsloser
Leidenschaft schmachtet, wird er, ohne es zu ahnen, von ihrer
Schwester, einem jungen, unschönen, etwas linkischen Mädchen so heiss
geliebt, dass sie niemals der Erinnerung an ihn untreu geworden und um
seinetwillen sich nie mit einem Andern hat verheirathen wollen.
Doch das hervorragendste Beispiel all' dieser feinen und ebenso
vollendeten wie einfachen Monographien des Unglücks ist sicher die viel
spätere Erzählung: »Die lebendige Reliquie«. Das Ganze ist fast nur
ein Monolog, die Mittheilung, welche ein junges, vor Zeiten schönes,
jetzt zum Skelett abgemagertes russisches Bauernmädchen dem Verfasser
über ihr Leben gibt. Er findet sie auf dem Fussboden in einem einsamen
Hause liegen. So hat sie auf dem Rücken ausgestreckt gelegen, seit
sie vor sieben Jahren einen verhängnissvollen Fall that. Ihr Kopf ist
ausgezehrt, einfärbig wie Bronze, die Nase ist scharf und spitz wie
eine Messerschneide, die Lippen sind eingeschrumpft, nur die Zähne
und das Weisse der Augen glänzen; einige Strähne dünnen, hellgelben
Haares fallen auf ihre Stirn nieder. Auf der Bettdecke ruhen ein
paar magere Hände, deren dunkelbraune, kleine Finger sich langsam
hin und her bewegen. Einstmals war sie das üppigste, schlankeste,
lustigste und schönste Mädchen der Gegend, immer zum Lachen, Singen,
Tanzen aufgelegt. Sie erzählt, wie es ihr nach jenem Falle ergangen.
Sie schrumpfte ein, wurde schwarz, verlor die Kraft zu gehen und zu
stehen, den Appetit zum Essen und zum Trinken. Vergeblich hat man ihren
Rücken mit glühendem Eisen gebrannt, vergeblich sie in gestossenes
Eis gesetzt. Und von alledem erzählt sie in einem fast heitern Tone
ohne irgend ein Bestreben, das Mitleid des Anhörenden zu erregen. Ihr
Geliebter hat sie verlassen und sich mit einer Andern verheirathet.
Er ist, wie sie sagt, Gott sei Dank sehr glücklich in seiner Ehe.
Sie findet sein Benehmen gegen sie natürlich und richtig. Sie ist
den Leuten dankbar, die sich ihrer annehmen, besonders einem kleinen
Mädchen, das ihr Blumen bringt; sie langweilt sich nicht, beklagt
sich nicht. Da sind andere, die weit unglücklicher sind, als sie, die
Blinden und Tauben; sie sieht vorzüglich und hört Alles, hört den
Maulwurf unter der Erde graben und riecht jeden Geruch, selbst den
schwachen Duft des Buchweizens, wenn er weit entfernt auf dem Felde
blüht, sogar den Duft der blühenden Linden weit unten im Garten.
Zu den grossen Begebenheiten ihres Lebens gehört es, wenn ein Huhn oder
ein Spatz oder ein Schmetterling durch die Thür oder das Fenster zu ihr
hereinkommt. Mit grossem Vergnügen erinnert sie sich des Besuches, den
ihr einmal ein Hase abstattete. Und Lukeria erinnert Turgenjew an die
Zeit, da sie Lieder sang; ab und zu singe sie noch. Der Gedanke, dass
dieses kaum noch lebende Wesen sich zum Singen vorbereitet, erweckt
eine Art von Schrecken bei ihm: und zitternd wie eine feine Rauchsäule
erklingt nun ihre kleine feine Stimme in fast unhörbaren, aber klaren
und reinen Tönen. Sie erzählt ihre merkwürdigen Träume, die sie während
ihres leider so seltenen Schlafes gehabt habe, einen von Jesus, der
ihr entgegenging und ihr die Hand reichte, einen von einer Frau, die
sie kommen sah und die ihr Tod war. Diese ging an ihr vorüber und
beklagte sehr, sie nicht mitnehmen zu können. Lukeria widerspricht dem
Erzähler, als er ihre Geduld bewundert. Was sei da zu bewundern! Was
habe sie ausgerichtet! Nein, die Jungfrau, die im fernen Lande mit
einem grossen Schwerte die Feinde in's Meer hinaustrieb und dann sagte:
»Verbrennt mich nur, denn das war mein Gelöbniss, dass ich für mein
Volk auf dem Scheiterhaufen sterben wollte!«, _die_ Jungfrau vollführte
eine bewunderungswürdige That. -- Zum Abschiede bittet Lukeria ihn,
bei seiner Mutter für die Bauern in der Gegend ein Wort einzulegen;
die Abgaben, die von ihnen gefordert werden, seien zu hoch; sie selbst
bedürfe nichts und habe für ihre eigene Person keine Wünsche.