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DARWINISMUS UND SOZIALISMUS
oder
Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft.
von
PROF, DR. LUDWIG BÜCHNER.
Leipzig
Ernst Günthers Verlag
1894.
Der Zustand der menschlichen Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart
bietet für das Auge des Menschenfreundes in vielfacher Beziehung ein wenig
erfreuliches Bild. Es zeigt uns riesige Gegensätze von höchstem Glück und
von tiefstem Elend, Grenzenlose Armut neben grenzenlosem Reichtum,
grenzenlose Gewalt neben grenzenloser Ohnmacht, grenzenloser Überfluss
neben grenzenloser Entbehrung, Übermass von Arbeit neben Nichtsthuerei und
Faulenzertum, politische Freiheit neben wirtschaftlichem Knechttum,
fabelhaftes Wissen neben tiefster Unwissenheit, Schönes und Herrliches
jeder Art neben Hässlichem und Abstossendem jeder Art, höchste Erhebung
menschlichen Seins und Könnens neben dessen tiefster Versunkenheit, blöder
dumpfer Aberglauben neben höchster Geistesfreiheit -- das ist der
Charakter einer Gesellschaft, welche in der Grösse und dem Widerstreit
dieser Gegensätze die schlimmsten, hinter uns liegenden Zeiten politischer
Unterdrückung und Sklaverei noch überbieten zu wollen scheint. Von jeher
haben die Menschen untereinander und gegen ihr eignes Geschlecht in einer
Weise gewütet, im Vergleich mit welcher die wildesten und grausamsten
Bestien als fromme Lämmer erscheinen müssen. Aber wenn auch diese Zeiten
wildester Barbarei und Zerfleischungswut in zivilisieren Ländern
grösstenteils vorüber sind, so wiederholen sie sich doch in andrer Form in
jenen erschütternden gesellschaftlichen Tragödien von Mord, Selbstmord,
Hungertod, unverschuldeter Krankheit, frühzeitigem Tod, Arbeitslosigkeit
u. s. w., welche wir beinahe tagtäglich an uns vorüber müssen ziehen
lassen, ohne im Stande zu sein, ihre schreckliche Wiederkehr zu verhüten
oder ohne ihnen mehr als eine kurze Regung des Mitleids schenken zu
können. Tagtäglich sehen wir Menschen aus Mangel der notwendigsten
Lebensbedürfnisse schnell oder langsam zu Grunde gehen, während dicht
neben ihnen der besser situierte Teil der Gesellschaft in Überfluss und
Wohlleben erstickt, und während der National-Wohlstand einen nie
gesehenen, aber in der Regel nur Einzelnen zu Gute kommenden Aufschwung
nimmt. Wenn wir sehen, dass Hunderttausende in Üppigkeit verderben,
während Millionen dasselbe Schicksal erleiden durch Darben und Entbehren,
so wird man beinahe versucht, jenem englischen Schriftsteller Recht zu
geben, welcher fragt: »Ist es in Ordnung, dass Millionen beinahe Hungers
sterben, damit einige Tausende an Dyspepsie (Magenüberladung) zu Grunde
gehen?«
Die Statistik hat die traurige Thatsache an das Liebt gebracht, dass die
durchschnittliche Lebensdauer der Armen kaum etwas mehr, als die Hälfte
der Lebensdauer der Reichen beträgt. Also wird der Arme durch die einfache
Thatsache seiner Armut nicht bloss um den Genuss des Lebens, sondern auch
um das Leben selbst gebracht. Am schwersten lastet dieser Fluch der Armut
auf der armen, unschuldigen Kinderwelt, welche schon mit ihrem ersten
Atemzuge den Keim eines frühen Todes oder späterer Krankheit in sich
aufnimmt, und zwar hauptsächlich durch gesellschaftliches Verschulden. Die
Statistik zeigt, dass im Durchschnitt schon die Hälfte aller Kinder der
Armen vor Erreichung des fünften Lebensjahres dieses irdische Jammerthal
wieder verlässt infolge von Mangel, schlechter Pflege u. s. w. Der riesige
nationalökonomische Schaden dieses fortwährenden zwecklosen Kommens und
Gehens springt in die Augen. Alle die Millionen Ausgaben an Geld und
Arbeit, welche auf diese Kleinen verwendet worden sind, gehen mit ihrem
Tode für die Gesamtheit unwiderbringlich verloren und können nie wieder
durch deren spätere Thätigkeit ersetzt werden.
Muss es nicht das Herz des Menschenfreundes auf das Tiefste betrüben, wenn
er die Kinder der Armen in Pfützen und Kothaufen nach Speiseresten wühlen
sieht, welche den Reichen für ihre Hunde und Katzen zu schlecht sind --
oder wenn er hören muss, dass ganze Scharen von Kindern morgens ohne
Frühstück in die Schulen getrieben werden -- oder wenn er von
verzweifelten Vätern oder Müttern lesen muss, welche sich und ihre Kinder
einem freiwilligen Tode opfern, um dem Tode durch Hunger oder Entbehrung
zu entgehen -- oder wenn er sehen muss, wie eine politische oder
geschäftliche Krisis ganze Scharen fleissiger Arbeiter ohne Nahrung für
sich selbst und für die Ihrigen auf das Pflaster wirft -- oder wenn er
beobachten muss, wie die Zunahme der Verbrechen gegen Leben und Eigentum
zumeist einem heimlich geführten Kriege der Besitzlosen gegen die
Besitzenden entspringt -- oder wenn er die Überzeugung gewinnen muss, dass
Egoismus und Selbstsucht die Grundsäulen sind, auf denen die menschliche
Gesellschaft aufgebaut ist, u. s. w.? Wenn wir unsre grossen Städte, unsre
mächtigen Industriebezirke durchwandern, so haben wir fast bei jedem
Schritte Gelegenheit, zu bemerken, wie unmittelbar neben, über und unter
den Stätten des Reichtums, und Glanzes die Höhlen des Lasters und Elends
sich verbergen, wie neben brechenden Tischen und übersatten Magen der
hohläugige Hunger still seine Qualen duldet, und wie neben Wohlleben und
Übermut jeder Art die hoffnungslose Entbehrung entweder scheu und
ängstlich in schmutzige Winkel sich verkriecht oder in düsterer
Verzweiflung schreckliche Thaten gegen Staat und Gesellschaft ausbrütet.
Ein sehr berechtigtes Sprüchwort sagt: »Wer nicht arbeitet, der soll auch
nicht essen.« Aber wie viele essen, die nicht arbeiten oder nie gearbeitet
haben, und wie viele arbeiten, die sich nicht satt essen können! Woraus
der unabweisbare Schluss folgt, dass diejenigen, welche arbeiten, nicht
bloss für sich, sondern auch für die Erhaltung eines ganzen Heeres von
Müssiggängern thätig sein müssen. Man wende nicht ein, dass diese
Müssiggänger von den Anstrengungen oder Verdiensten ihrer Vorfahren leben,
da gerade die notwendigsten Lebensbedürfnisse nicht zum voraus geschaffen
werden können und, wenn verzehrt, notwendig vorher durch die Anstrengungen
der Mitlebenden erzeugt worden sein müssen.
Aber diese ungleiche Verteilung gilt nicht bloss für die =materielle=,
sondern auch für die =geistige= Nahrung. Wie viele Talente oder Genies
müssen den Pflug des Alltaglebens ziehen, weil ihnen nicht das Glück an
der Wiege gelächelt hat, während oft die beschränktesten Köpfe auf den
Sesseln der Macht oder Gelehrsamkeit sich breit machen. Gerade die
idealste geistige Arbeit belohnt sich in der Regel am schlechtesten.
Philosophen und Dichter sind in der Regel geborene Proletarier und ernten
erst nach ihrem Tode die Ehren, welche ihnen im Leben hätten zukommen
müssen, während hastige und oberflächliche Fabrikarbeit nach dem Geschmack
des grossen Haufens sich schon während des Lebens am besten lohnt, Man
denke beispielsweise an die erbärmliche, an den Haaren herbeigezogene
Situationskomik in unserm deutschen Lustspiel, die nur Hohlköpfe ergötzen
kann und trotzdem auf unsern Bühnen, welche geistige Erziehungsanstalten
für das Volk sein sollten, alle besseren Erzeugnisse mehr oder weniger in
den Hintergrund drängt. Ebenso wie den Theatern, die sich ganz vom
zahlenden Publikum abhängig machen, ergeht es unsern Zeitungen und
Wochenschriften, deren höchstes Ideal die Abonnentenzahl bildet und bilden
muss, und welche darum in der Regel weit mehr Gewicht auf den zeitweiligen
Geschmack des Publikums neben den Interessen ihrer Leiter und Eigentümer
legen, als auf Verbreitung von Wahrheit und Aufklärung. Ein ähnlicher
Vorwurf kann, wenn auch in minderem Grade, der Buch-Litteratur nicht
erspart werden, in welcher männlicher Gradsinn und philosophische
Überzeugungstreue sicher sind, überall gegen einen Berg von Gemeinheit,
Unwissenheit, Verleumdung oder Teilnahmlosigkeit ankämpfen zu müssen,
während elende, auf Neugier oder Sensation berechnete oder den Vorurteilen
der Masse schmeichelnde Machwerke ebenso sicher sind, tausende von
begierigen Lesern zu finden. Welchen grenzenlos nachteiligen Einfluss
diese notgedrungene Unterwürfigkeit unter den gerade herrschenden Geist
oder Geschmack oder unter eingewurzelte Vorurteile des lesenden Publikums
haben muss und bereits gehabt hat, ist zu bekannt, als dass es mehr als
einer Hinweisung darauf bedürfte. Wie oft wird man, wenn man das Facit
unsrer Zeitungs- und Buchlitteratur zu ziehen versucht, an das bittere
Wort =Shakespeares= erinnert: »Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss
und hinausgepeitscht wird, während Madame Schosshündin (d. h. die Lüge) am
Feuer stehen und stinken darf.«
Wenn man sich nun die Frage nach den Ursachen dieser betrübenden
Erscheinung vorlegt, so glauben wir die Antwort in einem Zustand zu
finden, dessen genauere Kenntnis uns durch die jetzt alle
andern Wissenschaften an Erfolg und Bedeutung weit überragende
=Naturwissenschaft= an die Hand gegeben wird. Es ist jener unerbittliche
=Kampf= um das =Dasein= oder jener Existenzkampf, welcher seit =Darwin=
eine so grosse Berühmtheit erlangt hat. Er ist zunächst hergenommen aus
der Pflanzen- und Tierwelt, wo er zu einer wesentlichen Ursache der
Umwandlung und des Fortschritts wird, indem in der Regel nur die
Kräftigsten, Fähigsten, durch die eine oder andre Eigenheit Bevorzugten
den Sieg in diesem Kampf oder Wettbewerb über ihre Genossen davontragen.
Anlass zu Bemitleidung giebt uns dieser Kampf in der Regel nicht, weil der
Tod schnell ist, weil er ohne volles Bewusstsein erlitten wird, und weil
in der Regel nur die persönliche Tüchtigkeit oder Eigenart entscheidend
ist. Es ist ein Kampf, welcher von den Einzelnen mit den im ganzen
gleichen Mitteln des Krieges oder der Flucht oder des Wettbewerbs geführt
wird, und wobei der Einzelne keine Bevorzugung vor andern durch den Schutz
der Gesellschaft geniesst. Die Fülle und der Reichtum der Natur steht
ihnen allen ziemlieh gleichmässig zu Gebot, und es giebt keine
Privilegien, welche dem einen verbieten würden, etwas zu nehmen, was dem
andern gestattet ist. Nur individuelle Kraft oder Fähigkeit ist
entscheidend. Wenn das Tier seine Höhle oder sein Nest allerdings auch
sein Eigentum nennt, so muss es doch gewärtig sein, in diesem Besitz
jederzeit durch andre Stärkere gestört oder daraus verdrängt zu werden.
Ganz anders aber gestaltet sich infolge seiner sozialen Einrichtungen
dieser Kampf bei dem Menschen, welcher, wenn er zur Welt kommt, bereits
alle oder alle guten Plätze an der Tafel des Lebens besetzt findet und,
wenn ihm nicht Geburt, Reichtum, Rang u. s. w. zu Hilfe kommen, von
vornherein dazu verurteilt ist, seine Kräfte und sein Leben im Dienste und
zum Vorteil derjenigen, welche im Besitze sind und welchen dieser Besitz
durch die Gesamtheit garantiert wird, aufzubrauchen. Daher siegt hier
nicht immer der Beste, sondern der Reichste, nicht der Tüchtigste, sondern
der Mächtigste, nicht der Fähigste oder Fleissigste, sondern der durch
seine soziale Stellung Bevorzugte, nicht der Klügste, sondern der
Verschmitzteste, nicht der Redlichste, sondern derjenige, welcher die
mannigfachen Hilfsmittel politischer und gesellschaftlicher Ausbeutung in
der Hand hat und dieselben am Schlauesten zu benutzen versteht. Daher es
denn auch, da sich dieses Verhältnis von Generation zu Generation
forterbt, nicht anders sein kann, als dass mit der Zeit jener Zustand
extremer gesellschaftlicher Ungleichheit daraus erwächst, welcher den
Charakter der gegenwärtigen Gesellschaft bildet und in immer steigendem
Masse bilden wird, und welcher bereits geschildert worden ist. Übrigens
bietet der Daseinskampf des Menschen zwei ganz verschiedene Seiten dar,
welche man strenge auseinander halten muss. Die eine Seite besteht in dem
=Kampf des Menschen gegen die Natur= und deren die freie Entfaltung seiner
Kräfte beengende Schranken, -- ein Kampf, den er bekanntlich mit dem
allergrössten Erfolge geführt hat und mit täglich grösserem Erfolge führt.
An diesem Erfolge nehmen alle Menschen in grösserem oder geringerem Masse
teil oder können daran teilnehmen.
Die zweite Seite stellt sich dar als der =Kampf des Menschen gegen
seinesgleichen=, welcher indessen ebensowohl ein direkter wie ein
indirekter Kampf oder Wettbewerb um die Existenzbedingungen sein kann.
Dieser Kampf ist in demselben Masse, wie der Kampf gegen die Natur
leichter geworden ist, schwerer, grausamer und unerbittlicher geworden.
Auch wird derselbe um so heftiger, je grösser der Fortschritt auf
materiellem Gebiete wird, und je mehr die Zahl der Menschen und der Umfang
ihrer Bedürfnisse zunimmt. Durch ihn sind Egoismus und Individualismus zu
Weltherrschern geworden. Es ist ein allgemeiner Konkurrenz-Kampf oder ein
Krieg aller gegen alle, wobei der Tod des einen das Brot des andern, das
Unglück des einen das Glück des andern bedingt. Der mächtige Trieb der
Selbsterhaltung und der Zwang des gesellschaftlichen Egoismus überwiegt
alles; ein Widerstand gegen denselben ist nicht möglich, ausser bei
schwerer Strafe der Widerstrebenden. Denn wo das Wohl oder Interesse des
Einzelnen in Frage kommt, da kennt der gesellschaftliche Egoismus in der
Regel ebensowenig Mitleid oder Schonung, wie der Tiger, wenn er sein Opfer
zerreisst; und man kann oder darf dieses dem Einzelnen nicht einmal zum
Vorwurf machen, da der Trieb oder das Interesse der Selbsterhaltung
innerhalb eines gesellschaftlichen Organismus, wie er zur Zeit noch
besteht, ihm sein Verhalten gebieterisch vorschreibt, wenn er nicht den
eignen Untergang herbeiführen oder beschleunigen will. Selbst der
aufopferndste Menschenfreund kann sich diesem Gebot des Egoismus nicht
entziehen, ohne sich selbst den grössten Gefahren auszusetzen. Es ist
gewissermassen eine grosse und allgemeine Flucht oder ein Wettrennen der
Furcht vor der Not und Entbehrung des Lebens, ohne Mitleid oder Hilfe für
die dabei zu Boden Sinkenden, ähnlich jenem berüchtigten Übergang der
grossen Armee über die Beresina, wo jeder nur für die eigne Rettung
besorgt war und besorgt sein musste. Wer nicht niedergetreten sein will,
muss selbst niedertreten und dem allgemeinen Feldgeschrei folgen: »Rette
sich wer kann! Unterliege wer muss!« Auch hat sich durch Gewohnheit das
Gefühl des Einzelnen für die Schrecken eines solchen Zustandes nach und
nach in ähnlicher Weise abgestumpft, wie es sich gegen die Schrecken einer
Schlacht bei den Kämpfenden abzustumpfen pflegt.
Wer kennt nicht das berühmte Buch des Amerikaners =Bellamy=, worin
derselbe den Zustand der menschlichen Gesellschaft mit einer grossen,
bequem eingerichteten Kutsche vergleicht, welche von einer kleineren
Anzahl von Menschen besetzt ist, während die grössere davor gespannte
Mehrzahl diese Kutsche mit Aufbietung aller Kräfte über Berge und Thäler,
durch Sümpfe und Moräste schleppt, getrieben von der Peitsche des Hungers,
der als Kutscher auf dem Bocke sitzt! Ich halte das Gleichnis, wie alle
Gleichnisse, in vieler Beziehung für schief oder hinkend, aber im grossen
und ganzen muss es doch das Richtige getroffen haben, wie der beispiellose
Erfolg des Buches beweist. Derselbe wäre nicht denkbar, wenn nicht eine
grosse Mehrzahl von Menschen tief von der Überzeugung eines unnatürlichen
und ungerechten Zustandes der heutigen menschlichen Gesellschaft
durchdrungen wäre und in dem Buche mehr oder weniger eine Offenbarung der
eignen, sie bewegenden Gefühle gefunden hätte.
Es wird wohl nicht viele geben, welche ernstlich zu leugnen wagen, dass
ein solcher Zustand der Gesellschaft von den grössten ökonomischen und
moralischen Nachteilen begleitet ist und begleitet sein muss. Einerseits
erzeugen Armut, Besitzlosigkeit und Mangel an Erziehung und Bildung die
meisten Verbrechen gegen Staat und Gesellschaft, während andrerseits
übertriebener Reichtum Müssiggang und allerhand Laster im Gefolge hat;
wodurch Staat und Gemeinde genötigt werden, eine kostspielige Justiz mit
allen ihren hässlichen Anhängseln und eine ebenso kostspielige Armenpflege
zu unterhalten. In moralischer Beziehung erzeugt der allgemeine
Konkurrenzkampf hässliche Leidenschaften, wie Neid, Hass,
Mitleidlosigkeit, Geldgier, Hartherzigkeit, gegenseitige Verfolgungssucht
statt gegenseitiger Liebe und Unterstützung. Jeder denkt und handelt nur
für sich und sein eignes Interesse, weil er weiss, dass im Notfall kein
anderer für ihn eintreten oder dass er an der Gesamtheit keine Stütze
finden würde. In einer richtig organisierten Gesellschaft müsste der
Gewinn des Einzelnen zugleich der Gewinn der Gesamtheit sein und
umgekehrt, und das Motto derselben müsste heissen: »Einer für alle und
alle für einen«, während jetzt in der; Regel das Gegenteil stattfindet.
Unsre grössten Gewinne erzielen wir durch eine der traurigsten Ursachen
oder durch den Tod derjenigen, welche uns im Leben die liebsten waren,
indem wir sie beerben. Der Baumeister und alle bei Bauten beschäftigten
Arbeiter müssen sich freuen, wenn Häuser einstürzen oder abbrennen; die
Grubenarbeiter desgleichen, wenn hunderte ihrer unglücklichen Kameraden im
Dunste der Bergwerke ersticken; der Arzt muss sich freuen, wenn es viele
Krankheiten giebt; der Advokat nährt sich von Prozessen, welche seinen
Mitbürgern Ruhe und Vermögen rauben; der Richter muss Gefallen haben an
grossen Kriminalprozessen; die Offiziere müssen sich freuen, wenn das
grösste Übel, welches die Menschheit betreffen kann, der Krieg ausbricht,
weil sie davon Beförderung erwarten; der Familienvater muss sich freuen,
wenn seine Nachkommenschaft möglichst klein bleibt, obgleich der
eigentliche Zweck der Familie dabei verloren geht; der Wirt oder der
Verkäufer geistiger Getränke muss sich freuen, wenn die Trunksucht, und
die verlorenen Töchter des Volkes müssen sich freuen, wenn die Unzucht
zunimmt; alle Handwerker und Produzenten müssen sich freuen, wenn die von
ihnen erzeugten Gegenstände übermässig rasch verbraucht werden; ein
Gewitter oder Hagelschlag wird trotz des durch solche Naturereignisse
angerichteten Schadens von dem Glaser oder Versicherungsagenten gern
gesehen; wie denn überhaupt beinahe alles, was dem einen Schaden, dem
ändern Verdienst bringt
Man könnte noch lange mit Aufzählung ähnlicher Beispiele fortfahren, aber
diese Vermehrung würde am dem Resultat nichts ändern.
Dazu kommt der demoralisierende Charakter der Arbeit selbst, welche in der
Regel nicht aus Interesse für das Gemeinwohl, sondern aus Zwang der
Umstände geleistet wird. Der heutige Arbeiter ist ein Sklave wie ehedem,
nur mit dem Unterschiede, dass ihn nicht die Peitsche des Herrn, sondern
diejenige des Hungers in die Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber treibt.
Aber dieser Arbeitgeber selbst ist wieder ein Sklave -- ein Sklave des
Kapitals, der Konkurrenz, der Geschäftskrisen, der Strikes, der Verluste
und oft in weit schlimmerer Lage, als der von ihm bezahlte Arbeiter.
Ist so der Widersinn des Systems schon gross genug in =moralischer=
Beziehung, so ist er noch grösser in =ökonomischer= Hinsicht, Denn während
die Erde so viele Nahrungsstoffe hervorbringt, dass die ganze lebende
Menschheit reichlich damit versorgt werden könnte, und bei richtiger, von
gemeinsamen Grundsätzen geleiteter Bewirtschaftung noch viel mehr
hervorbringen könnte, und während der Nationalwohlstand und die Ansammlung
kolossa. Reichtümer in einzelnen Händen eine nie gesehene Höhe erreichen,
müssen wir fortwährend mitten im Überfluss jene Szenen von Hunger,
Entbehrung, unverschuldetem Kranksein und frühzeitigem Sterben erleben,
die bereits geschildert worden sind. Wie heuchlerisch ist die Fürsorge des
Staates für seine Bürger, um dieselben vor der kleinsten Versündigung
gegen Leben, Eigentum oder Gesundheit zu schätzen, während er ruhig
zusieht oder duldet, dass fortwährend Tausende durch Not, Elend und
Entbehrung schnell oder langsam in einen bald freiwilligen, bald
unfreiwilligen Tod getrieben werden, oder dass durch mangelhafte Erziehung
und Ernährung eine an Geist und Körper verkrüppelte Jugend emporwächst,
die mit der Zeit die Strafgerichte beschäftigt, die Gefängnisse füllt oder
der Armenpflege zur Last fällt. Man erlässt scharfe Gesetze gegen
Tierquälerei, aber man hat kein Auge für jene entsetzliche
Menschenquälerei, welche erlaubt, dass blasse, schwindsüchtige Mädchen
oder Frauen, ja ganze Bevölkerungen, wie die schlesischen und
erzgebirgischen Handweber, Tag und Nacht für Löhne arbeiten, welche kaum
hinreichen, sie vor dem Hungertode zu schützen; oder dass andre tausende,
um desselben Zweckes willen, Leben und Gesundheit in absolut schädlichen
Fabrikationszweigen zum Opfer bringen; oder dass barfüssige, kaum mit
Lumpen bekleidete Kinder bei Winterskälte in den Strassen unsrer Städte
umherirren; oder dass ein Dutzend Menschen in einem Wohnraume
zusammengedrängt ist, der kaum für einen Einzigen hinreicht, während ein
andrer zehn oder zwölf Zimmer und mehr für sich allein zur Verfügung hat;
oder dass die Wohnungen der Armen oft schlechter sind, als die Hundehütten
und Pferdeställe der Reichen; oder dass vielen nichts übrig bleibt, als
ihre Nächte im Freien zuzubringen, auf die Gefahr hin, dafür verfolgt und
bestraft zu werden, während beispielsweise in Berlin 40000 Wohnungen leer
stehen; oder dass es Menschen giebt, welche aus Hunger und Nahrungssorgen
schnell oder langsam zu Grunde gehen, während der blosse Abfall von dem
Tische der Reichen oder ein geringer Prozent ihres Überflusses solches
verhüten könnte, u. s. w. u. s. w.
Wenn man in Gebirgsgegenden sehen muss, wie sich fette Weiber von
keuchenden und schwitzenden Menschen mit höchster Gefahr für deren Leben
und Gesundheit auf hohe Aussichtspunkte hinaufschleppen lassen, bloss um
eines armseligen Geldlohnes willen, so muss man mit Hass gegen eine
Gesellschaftsordnung erfüllt werden, welche dem Gott Mammon erlaubt, seine
elenden Geldsklaven ebenso zu den niedrigsten Sklavendiensten und zur
blinden Unterwürfigkeit unter seine Gebote zu zwingen, wie es ehedem den
Herrn über Sklaven oder Leibeigene zu thun erlaubt war. Ich wiederhole,
dass es im allgemeinen nur wenige geben wird, welche diese nackten
Thatsacheu zu leugnen oder den damit verbundenen Zustand als solchen zu
verteidigen wagen. Man erkennt die sozialen Schäden und Widersinnigkeiten
als solche an, wie ja schon daraus hervorgeht, dass die dadurch
hervorgerufene Litteratur mit zahllosen Besserungsvorschlägen fast
unabsehbar geworden ist. Aber -- so pflegt man diesen Vorschlägen
gegenüber zu antworten -- der Zustand ist leider nicht zu ändern. Es war
von jeher so und wird immer so sein und bleiben. Ungleichheit ist ein
notwendiges Attribut der menschlichen Gesellschaft. Zu allen Zeiten hat es
Adel und Stände, Reiche und Arme gegeben, und die grosse Masse ist immer
nur zum Arbeiten und Gehorchen dagewesen. Vernunft und Gerechtigkeit in
sozialer Beziehung sind immer Ideale geblieben; und alle
Gesellschafts-Idealisten, Plato mit seinem Vernunftstaat an der Spitze,
haben in der Praxis stets schmählich Schiffbruch gelitten. Wollte man auch
heute alle Besitztümer gleichmässig verteilen, so würde sehr bald wieder
die alte Ungleichheit da sein. Auch würde, wie eine Berechnung leicht
ergiebt, eine solche allgemeine Verteilung des Besitzes dem Einzelnen
verhältnismässig nur sehr geringen Gewinn einbringen.
Man versäumt dabei nicht, an die grossen Wohlthaten der Konkurrenz zu
erinnern, welche den eigentlichen Sporn der Arbeit und des Fortschritts
bildet und welche es zu Wege gebracht hat, dass sich heutzutage durch die
Billigkeit der Erzeugnisse die Konsumtion mehr oder weniger nach der
Produktion richtet, während man früher allgemein der Meinung war, dass das
umgekehrte Verhältnis das allein richtige oder mögliche sei.
Aber wie soll diesen Einwänden begegnet, wie soll geholfen werden? Diese
Frage ist um so schwieriger zu beantworten, als bis jetzt alle die
zahllosen Versuche und Vorschläge zur Lösung der sozialen Frage erfolglos
geblieben sind. Dies darf jedoch den Menschenfreund nicht abschrecken,
immer wieder von neuem an Mittel der Abhilfe zu denken. Es muss geholfen
werden und -- was die Hauptsache ist -- es =kann= geholfen werden.
Es =muss= geholfen werden, wenn man nicht riskieren will, dass jede
politische Umwälzung oder Erschütterung der Gegenwart (und an solchen
fehlt es ja niemals) von schweren sozialen Erschütterungen begleitet sein
wird. Ein allgemeines Gefühl sozialer Unbehaglichkeit oder
Ungerechtigkeit, namentlich in den niederen Schichten der Bevölkerung, hat
sich der Mehrzahl der Menschen bemächtigt, und eine künftige Revolution
wird nicht, mehr, wie in der ersten und zweiten französischen Revolution,
vor dem »Eigentum« stehen bleiben. An deutlichen Anzeichen dieser in den
Tiefen der Volksseele tigerartig gärenden Leidenschaften und Gelüste fehlt
es ja in keiner Weise; dieselben werden sich zu gelegener Zeit Luft
machen, ohne dass man im Stande sein wird, durch Gewaltmassregeln etwas
andres zu erreichen, als die Erziehung von Märtyrern und Fanatikern. Die
Nihilisten in Russland, die Communards in Frankreich, die Sozialdemokraten
in Deutschland, die Fenier, die Irredentisten, die Dynamiteriche, der sein
Haupt immer mehr erhebende und förmlich Schule machende Anarchismus sind
gewissermassen nur die Sturmvögel oder Warnungssignale einer kommenden
Umwälzung; und der Staatsweise oder Staatslenker, der sie unbeachtet
lassen wollte, würde dem Schiffer gleichen, der die sein Schiff vor dem
Sturm umflatternden Seemöven nicht beachtet oder dieselben mehr als
Verfolgungs-Objekte, denn als Warner behandelt. Denn »wer seine Zeit damit
verbringt, Jagd zu machen auf die Möven, wird vom Sturm überrascht und
beschädigt werden an Leben und Gut.« (Radenhausen.)
Sollte es aber auch, was ja nicht unmöglich wäre, gelingen, durch
Gewaltmassregeln jeden Versuch einer sozialen Umwälzung dauernd zu
unterdrücken, so würde doch damit die geschilderte Unzufriedenheit und
Unbehaglichkeit aus dem Schosse der Gesellschaft nicht nur nicht entfernt,
sondern nur noch vermehrt oder gesteigert werden. Es würde mit der Zeit
eine Art heimlichen Kriegszustandes zwischen den besitzenden und den
nicht-besitzenden Klassen der Gesellschaft entstehen, welcher die Ruhe und
das Glück des Gemeinwesens nicht weniger alterieren würde, als ein offener
Krieg. Denn wenn man beispielsweise erfährt, dass im Jahre 1864 in England
dreitausend Personen ein jährliches Einkommen von ungefähr 500 Millionen
Mark, oder mehr als das jährliche Gesamteinkommen aller Ackerbauarbeiter
von ganz England und Wales, unter sich teilten, so wird man einen
dauernden sozialen Frieden auf dem Boden eines solchen Missverhältnisses
wohl kaum für möglich halten dürfen.
Glücklicherweise fehlt es nicht an der Möglichkeit, diesem Zustand zu
begegnen oder den drohenden Sturm nicht zum Ausbruch kommen zu lassen,
ohne dass man nötig hätte, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen, und zwar mit
Hilfe einer Anzahl friedlicher Reformen, welche, auf dem Boden der
jetzigen Gesellschaftsordnung stehend, von da langsam und allmählich zu
einem besseren Zustand der Dinge hinüberleiten -- vorausgesetzt, dass es
gelingt, die Mehrzahl der Menschen von der Wohlthätigkeit und
Notwendigkeit solcher Massregeln zu überzeugen. Wir sehen hierbei
selbstverständlich ab von jener radikalen oder radikalsten Lösung der
sozialen Frage, wie sie der =Kommunismus= verlangt. Ein solcher Zustand,
wobei der gesamte Besitz gemeinschaftlich und die Arbeit ganz frei oder
freiwillig sein würde, und von dem noch einmal ausführlicher die Rede sein
wird, wäre wohl denkbar, ist aber für jetzt in grösserem Massstabe
unausführbar, teils wegen der allgemeinen Abneigung gegen denselben, teils
wegen der Schwäche der menschlichen Natur, welche durch lange Jahre des
Egoismus und Individualismus für Ertragung derartiger Idealzustände
unfähig geworden ist. Ein solcher Zustand würde erst möglich sein am Ende
einer langjährigen Erziehung des menschlichen Geistes im Sinne des
Altruismus und Kollektivismus oder der allgemeinen Bruder- und
Menschenliebe.
Es bleibt sonach nichts übrig, als Ausschau nach andern Mitteln oder
Hilfen zu halten. Hier wird uns denn wieder der richtige Fingerzeig
gegeben durch die =Naturwissenschaft=, welche heutzutage bestimmt sein
dürfte, nicht bloss die =geistige=, sondern auch die =soziale= Befreiung
der Menschheit zu bewirken.
Ich komme dabei zurück auf den von dieser Wissenschaft in das rechte Licht
gesetzten =Kampf um das Dasein=, welcher leider unter den gegenwärtigen
gesellschaftlichen Verhältnissen noch ganz den Charakter des rohen
Daseinskampfes der Natur trägt, nur mit dem Unterschied, dass er =hier=
mit mehr oder weniger =gleichen=, dort mit sehr =ungleichen= Mitteln
gekämpft wird.
Da lautet denn das erlösende Losungswort: =Ersetzung der Naturmacht durch
die Vernunftmacht=, d. h. möglichste Ausgleichung der Mittel und Umstände,
unter denen und mit denen gekämpft wird. An die Stelle des Einzelkampfes
um das Dasein muss ein gemeinsamer Kampf aller =für= das Dasein treten.
Mit ändern Worten: die Stelle des rohen Naturkampfes muss ein
gemeinschaftlicher, durch Vernunft und Gerechtigkeit geregelter sozialer
Kampf um die Lebensbedingungen ersetzen.
Der Kampf, wie er unter den jetzigen sozialen Verhältnissen geführt wird,
verdient den Namen eines eigentlichen Kampfes, eines Wettbewerbs mit
gleichen Mitteln weit weniger, als denjenigen einer gesetzlich geregelten
=Unterdrückung=. Oder wie wäre anders der Kampf eines Menschen zu
bezeichnen, den man, allenfalls mit einem hölzernen Säbel bewaffnet, gegen
Flinten und Kanonen schicken wollte Oder der Wettlauf eines Menschen mit
blossen Füssen mit einem andern, der Pferde oder Eisenbahnen zur Verfügung
hätte! Oder wie wäre anders der Wettbewerb zwischen zwei Menschen zu
bezeichnen, von denen der eine alle Vorteile von Rang, Reichtum,
Erziehung, Bildung, sozialer Stellung u. s. w. für sich hätte, während der
andre über nichts verfügte, als über die Kraft seiner nackten Arme und
seines ungebildeten Verstandes!
Der Ausgang eines solchen Kampfes oder Wettbewerbs ist zum voraus
entschieden. In der Regel ist das Schicksal des einzelnen Menschen schon
in seiner Geburt besiegelt und das gesellschaftliche Sklaventum
desjenigen, dessen Wiege in der Hütte eines armen Mannes gestanden hat,
mit seinem ersten Atemzuge entschieden. »Die Fesseln einer niederen
Geburt«, sagt J. C. =Fischer=[1] »schleppen wir durch das ganze Leben, und
an ihnen zerschellt oft die unerhörteste Anstrengung eines ganzen Lebens.«
Zwar wird man entgegnen, dass man sehr eklatante Ausnahmen von dieser
Regel kennt. Man wird z. B. an den vor kurzem gestorbenen Amerikaner =Jay
Gould= erinnern, der als armer Hirtenjunge in Amerika einwanderte und als
beispielloser Millionär starb. Diese Ausnahmen oder Glücksfälle können und
sollen nicht geleugnet werden; aber sie sind eben nur überaus seltene
Ausnahmen, welche die Regel nicht umstürzen. In der Regel erhalten sich
Rang und Reichtum bei einzelnen Familien oder Ständen oder
Gesellschaftsschichten für unbestimmt lange Zeiten.
Glücklicherweise fehlt den unterdrückten Klassen der Gesellschaft das
volle Bewusstsein oder die volle Empfindung ihrer Lage. Die Macht der
Gewohnheit stumpft ihr Gefühl dafür ab und lässt sie dasjenige, was doch
nur Menschenwerk ist, als eine unvermeidliche Fügung des Schicksals
betrachten. Wenn dies nicht so wäre, würden wir schon längst jene soziale
Revolution haben, welche fortwährend angekündigt wird, aber dennoch nicht
kommen will. Auch hat es die Natur weise so eingerichtet, dass das Glück
mehr im Charakter und Temperament des Einzelnen, als in den äusseren
Lebensumständen liegt. Wer ein glücklich angelegtes Temperament hat, wird
sich in jeder Lebenslage mehr oder weniger wohl fühlen, während ein
Melancholiker oder ein zu Ängstlichkeit und Trübsinn geneigter Mensch
durch keine Glücksumstände froh oder zufrieden gemacht werden kann.
Trotzdem zeigen die bereits angeführten Umstände und Erscheinungen
deutlich, dass sich die Gesellschaft im grossen und ganzen in hohem Grade
unwohl fühlt und einer kommenden Umwälzung entgegensteuert. Die
erschreckende Ausbreitung der Sozialdemokratie wäre unbegreiflich, wenn
nicht das Bewusstsein ihrer gedrückten Lage in den unteren Schichten der
bürgerlichen Gesellschaft in fortwährendem Zunehmen begriffen wäre.
»Thatsache ist«, sagt F. A. =Lange= in seiner vortrefflichen Schrift über
die Arbeiterfrage[2], »dass der Kampf um das Dasein gerade jetzt wieder in
der mächtigsten und entscheidendsten Schicht der Nation in seiner ganzen
ermattenden Schwere empfunden wird, und dass die Geister beginnen, der
Einförmigkeit dieses Druckes überdrüssig zu werden.«
Eine Änderung dieses trüben Zustandes ist, wie gesagt, nur möglich durch
eine grössere Ausgleichung in den Mitteln, womit jeder einzelne seinen
Kampf um das Dasein kämpft -- eine Ausgleichung, welche sich vor allen
Dingen auf die Besitzes-Verhältnisse zu erstrecken hat. Ferner durch die
Umwandlung des Einzelkampfes in eben gemeinschaftlichen, solidarisch
verbundenen Kampf aller gegen die Übel des Lebens, welche da sind Hunger,
Kälte, Elend, Entbehrung, Krankheit, Alter, Unfall, Invalidität und Tod,
oder durch Herbeiführung eines Zustandes, in welchem das Wohl des
Einzelnen mehr oder weniger identisch wird mit dem Wohl der Gesamtheit und
umgekehrt -- ein Zustand, in welchem das schöne Wort zur Wahrheit wird:
»Einer für alle und alle für einen.«
Ein solcher Zustand wäre, wie ich glaube, sehr leicht herbeizuführen, ohne
das der Arbeits- und Erwerbstrieb des Einzelnen darunter Not leidet, so
dass jeder die Früchte seines eigenen Fleisses, seiner eigenen Thätigkeit
und Intelligenz geniesst und zwar durch Herbeiführung einer Versöhnung
zwischen den Einzel- und den Gesamt-Interessen.
Allerdings muss zugegeben werden, dass eine =vollständige= Ausgleichung in
dieser Richtung -- wenigstens für den Anfang -- kaum als möglich gedacht
werden kann. Aber auch schon eine =teilweise= Ausgleichung muss und wird
von den wohlthätigsten Folgen begleitet sein und wird voraussichtlich
allmählich zu einem Zustande hinüberleiten, der eine gänzliche Lösung der
sozialen Frage in Aussicht stellt. Namentlich wird der an sich so
wohlthätige Sporn der Konkurrenz durch diese Lösung nicht abgeschwächt,
sondern im Gegenteil geschärft werden, indem jeder nur die Früchte seines
eigenen Fleisses geniessen und nicht auf Kosten andrer wird leben können.
Auch ist die Lösung möglich ohne Verwischung der natürlichen
Ungleichheiten der Gesellschaft durch Geburt, Familie, Wohnort, Anlage,
inneres Bedürfnis, geistige und körperliche Vorzüge, Verschiedenheit der
Beschäftigung u. s. w. Diese natürlichen Ungleichheiten oder
Verschiedenheiten können nicht beseitigt werden, weil in der Natur des
Menschen und der Dinge selbst gelegen. In einer Versöhnung des
Individualismus mit dem Kollektivismus, vulgo Sozialismus, oder in einer
richtig organisierten Übereinstimmung der Interessen und Bedürfnisse des
Einzelnen mit den Interessen und Bedürfnissen der Gesamtheit scheint daher
das ganze soziale Problem der Zukunft zu liegen. »Es ist schlechthin
undenkbar«, sagt W. E. =Backhaus=[3], »dass in einem Staatsganzen, dessen
Einrichtungen auf dem Vernunftgesetz beruhen, Sozialismus und
Individualismus als feindliche Kräfte gegeneinander wirken sollten.« Die
innige Verbindung des individualistischen Gedankens mit dem
sozialistischen, des Individuums mit der Gesellschaft bedeutet in Wahrheit
die Durchführung des grossen staatswirtschaftlichen Grundgesetzes, nach
welchem der Vorteil des Einzelnen stets auch der Vorteil der Gesamtheit
sein soll. Es ist hohe Zeit, dass der Konflikt zwischen Einzel- und
Gesamtinteressen im wirtschaftlichen Leben der Völker seine Lösung finde
-- eine Lösung, welche nicht in der Hand dunkler Schicksalsmächte, sondern
einzig und allein in der Hand des Menschen selbst liegt. »Sozialwirtschaft
und Individualwirtschaft gehören in einem Staatsganzen zu einander; sie
ergänzen und fördern sich gegenseitig; sie gehören zusammen wie Leib und
Seele u. s. w.«
Was nun die Mittel dieser Versöhnung oder der sozialen Erlösung betrifft,
so können dieselben dreierlei Art sein. Sie heissen
1) Abschaffung der sog. Bodenrente oder Zurückführung des von Natur- und
Rechtswegen allen gehörigen Eigentums an Grund und Boden in den Besitz der
Gesamtheit (mit selbstverständlichem Einschluss der Wasserkräfte und des
Bergbaues).
2) Reform d. h. allmähliche, gradweise bis zur vielleicht gänzlichen
Abschaffung sich steigernde Reform der Erbrechte.
3) Umwandlung des Staates in eine allgemeine, solidarisch verbundene
Versicherungsgesellschaft gegen Krankheit, Alter, Unfall, Invalidität und
Tod.
Was den ersten Punkt betrifft, so kann es wohl kaum einen weniger
anfechtbaren Grundsatz des Naturrechts geben, als denjenigen, dass die
Mutter Erde, die uns alle erzeugt hat, die aber von niemand erzeugt worden
ist, und ohne welche menschliches Dasein eine Unmöglichkeit sein würde,
nicht einzelnen, sondern allen gehört. Gleichwie der Mensch ein Produkt
der Erde ist, so muss auch sein Dasein in dem Anrecht an den Besitz
derselben begründet sein. Der Mensch ist nichts und vermag nichts ohne den
Beistand der Mutter Erde und ihrer nie versiegenden Kraft; er kann nichts
erwerben, nichts hervorbringen, nichts besitzen ohne Benutzung ihrer
Kräfte und ihrer Gaben. Daraus folgt, dass nach den einfachsten
Grundsätzen der Billigkeit und Gerechtigkeit die Benutzung dieser Gaben
und Kräfte jedem zur Welt Gekommenen in gleicher Weise zur Verfügung
stehen muss, und dass das Recht an den Grund und Boden ein ebensolches
Naturrecht ist, wie das Recht, die freie Luft zu atmen oder das der Erde
entquellende Wasser zu trinken oder sich von der Sonne bescheinen zu
lassen. Leider wird diesem Grundsatz in der Wirklichkeit in greulicher
Weise Hohn gesprochen. Eine Reihe von Umständen, wie Gewalt, Eroberung,
Krieg, Vererbung, Kauf, Schenkung, Feudal- und Lehnsgüterwesen u. s. w.
haben es im Laufe der Zeit dahin gebracht, dass eine Minderheit durch den
Besitz von Grund und Boden zur Beherrscherin der ganzen Menschheit
geworden ist, bis schliesslich alles so verteilt war, dass kein Platz oder
Raum für den zu spät Gekommenen übrig geblieben, und dass dieser, wenn er
nicht selbst zufällig als Besitzer geboren ist, in der Luft hängen bleiben
müsste, wenn er nicht sofort das Recht der Niederlassung dadurch erkaufen
würde, dass er seine von der Natur ihm verliehenen Arbeitskräfte denen,
welche im Besitz des Bodens und der Arbeitsmittel sind, leibeigen giebt.
Die ungeheure Macht der Gewohnheit hat es dahin gebracht, dass die grosse
Mehrzahl der Menschen diesen rechtlosen Zustand als etwas Natürliches oder
Selbstverständliches hinnimmt, während derjenige, der den Ursachen
desselben nachgeht, alsbald findet, dass das private Eigentum an Grund und
Boden nicht von der Natur, sondern von Gewalt und Usurpation herkommt Auch
war dieses Naturrecht im frühesten Altertum fast Überall mehr oder weniger
anerkannt, so in Palästina, Griechenland, Italien, Germanien, Gallien,
Indien, China, Japan, Peru u. s. w. Schon in den ältesten geschichtlichen
Urkunden unsres Geschlechts finden wir den Gedanken der Gemeinsamkeit des
Bodens deutlich ausgesprochen, so namentlich in der Bibel, deren
zahlreiche darauf bezügliche Aussprüche an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig lassen. Zwar war bei den alten Hebräern der Grund und Boden
Familieneigentum; aber alle fünfzig Jahre fand eine Neuverteilung des
Bodens statt. Ebenso erkannte der chinesische Denker =Laotse= in dem
Besitz der Erde ein allen Menschen vom Weltall-Gott anvertrautes heiliges
Gut. Dementsprechend war das Bodeneigentumsrecht in China nur ein
Nutzungsrecht und nur als solches Übertragbar, während das Eigentum selbst
der durch den Staat repräsentierten Gesamtheit verblieb und in der Theorie
noch bis auf den heutigen Tag verbleibt. Erst infolge einer langen Reihe
von Gewaltmassregeln und Usurpationen konnte die individuelle Aneignung
des Grundes und Bodens in China durchgesetzt werden. Ebenso war es in
Japan, wo erst die mongolischen Eroberer mit Gewalt das Feudalsystem
einführten. Die Indier kannten vor der englischen Eroberung weder das
Recht der Veräusserung des Grundeigentums, noch das Testament.
Nach =Backhaus= (a. a. O.) erscheint es als höchst wahrscheinlich, wenn
nicht als gewiss, dass Grund und Boden im Anfang der Geschichte überall
Gemeinbesitz der Völker gewesen sind. Auch haben sich die alten
Philosophen dafür erklärt. =Aristoteles= erklärt, dass Grund und Boden
notwendig Gemeingut sein müsse, und =Plato= verlangt, dass jedem Bürger
ein gleich grosses oder gleich ertragsfähiges Stück Land als unteilbar und
unveräusserlich zur Benutzung übergeben werde. Auch hatten Rom und
Griechenland anfangs dementsprechende Acker-Verfassungen. In Sparta hielt
das Verbot des Bodenverkaufs und des Testaments lange Zeit die Gleichheit
des Besitzes aufrecht; und in Athen unterwarfen =Solon= und seine
Nachfolger das individuelle Eigentum überhaupt schweren Beschränkungen,
wahrscheinlich als Reminiscenzen eines anfänglichen Kommunismus, Auch in
Rom hat sich das individuelle Eigentum an Grund und Boden nur nach und
nach aus dem gemeinsamen herausgebildet. Anfangs Gemeinde-Eigentum wurde
es später zum Eigentum der einzelnen Familien und Geschlechter, welche
letzteren in Bezug auf den Besitz gewissermassen nur eine einzige Person
bildeten. Erst mit dem Gesetz der zwölf Tafeln und mit der Einführung der
Rechte von Verkauf und Testament gewann das individuelle Eigentum das
Übergewicht über das gemeinsame. Das grosse Grundeigentum verschlang
allmählich das kleine, und es entstanden Zustände, wie wir sie jetzt noch
in England zu beobachten Gelegenheit haben. Sicher ist es auch, dass nach
altem =germanischem= Recht der grösste und unentbehrlichste Teil des
bewirtschafteten Bodens oder die sog. Aussenmark Gemeinbesitz der
Markgenossen war, während die sog. Binnenmark dem Einzelnen nur in der
Eigenschaft als »Verwalter« gehörte. »Eine Ausnutzung und Ausbeutung des
Grundbesitzes und der Bodenkraft durch Einzelne zum Zwecke des
ausschliesslich eignen Vorteils war den alten Deutschen gänzlich
unbekannt.« Und diesem Bodenrecht und dem dadurch bethätigten Gemeinsinn
verdankten die alten Germanen ihre Freiheit und ihre unerschöpfliche
Kraft. Erst dem dämonisch wirkenden Geist der römischen Gesetzgebung mit
ihrer übermässigen Betonung der persönlichen Besitz- und Eigentumsrechte
gelang es, auch im alten Germanien ein Privatrecht auf den Bodenbesitz zu
schauen. Es war das Nessushemd, welches die sterbende Roma dem
germanischen Riesen arglistig vermachte. Aber so urgesund waren die alten
germanischen Rechtseinrichtungen, dass sich Reste des Gemeinde-Eigentums
unter verschiedenen Bezeichnungen bis heute in einzelnen deutschen Landen
und Ortschaften erhalten haben. Der Zeitschrift »Freiland«, dem Organ der
Deutschen Gesellschaft für Bodenbesitzreform, ist es gelungen,
nachzuweisen, dass in Deutschland noch mehr als hundert Ortschaften
existieren, welche im glücklichen Besitze von Gemein-Eigentum an Grund und
Boden geblieben sind. Noch weit mehr ist diese Einrichtung erhalten
geblieben in einem grossen Teile von Russland, sowie in manchen Dörfern
Serbiens und Kroatiens, auch bei vielen asiatischen Horden in der Form des
russischen sog. »Mir«, wobei das Land gemeinschaftlich von allen
Gemeindemitgliedern besessen und bebaut und die Ernte gleichmässig
verteilt wird. In der Schweiz findet sich ein Überrest dieser alten
Einrichtung in der Form des sog. »Allmend«. In ganz Afrika besteht nach
=Letourneau=[4] die Individualisierung und Mobilisierung, des
Grundeigentums nur ausnahmsweise. Ebenso ist es mit dem eingeborenen
Amerikanertum, bei welchem die Jagd- und Fischgründe nicht dem Einzelnen,
sondern dem Stamm oder der Tribus angehören. In Java besteht noch überall
Gemeinsamkeit des Bodens und eine Verfassung, welche sich sehr derjenigen
des bereits erwähnten russischen Dorfsystems »Mir« nähert. Bei den alten
Peruanern bestand nach =Prescott=[5] ein systematisch durchgeführter und
von oben geleiteter Kommunismus, welcher zur Folge hatte, dass es keine
Armut und keinen Mangel gab, und dass für Alte, Schwache, Kranke oder vom
Unglück Betroffene ausreichend gesorgt war u. s. w.
Wendet man diese Erfahrungen auf die Vorgeschichte des Menschen an, so ist
man wohl genötigt, anzunehmen, dass, wie Verfasser in seiner Schrift über
das goldene Zeitalter näher ausgeführt hat, die wilden Horden der Urzeit
das persönliche Eigentumsrecht so wenig oder in so beschränkter Weise
kannten oder achteten, wie die Wilden der Gegenwart; -- und zwar nicht
bloss bei Jägern und Fischern, bei denen ein festes Eigentum an Grund und
Boden kaum möglich war, sondern auch bei Ackerbauern. Nur die Waffen und
Werkzeuge, welche sich der Einzelne selbst angefertigt hatte, galten als
sein persönliches Eigentum, obgleich es nach =Plutarch= sogar noch den
alten Lacedämoniern erlaubt war, sich der Pferde, Hunde und Werkzeuge
ihrer Nachbarn zu bedienen, wenn diese keinen Gebrauch davon machten.