Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.50

Aus den Besprechungen:

#Münchener Neueste Nachrichten.# Dieser Roman ist eine

durchaus eigenartige, literarische Erscheinung, ein Werk voll

großer Schönheiten, voll tiefen Ernstes und erfüllt von idealer

künstlerischer Lebensauffassung. Vielleicht wird mancher sich nur

zögernd entschließen, ein Buch zur Hand zu nehmen, das ihm für einen

Roman etwas zu umfangreich erscheinen möchte. Es ist auch kein Buch für

jene Kategorie von Lesern, denen es nur darum zu tun ist, mit möglichst

aufregender Lektüre eine müßige Stunde auszufüllen. Der Verfasser,

ein treuer Freund unseres unvergeßlichen Leibl, hat etwas von dessen

Eigenart in sein Werk übertragen, und so wenig wir an Leibl Haß und

Unvollkommenheiten kennen, so wenig werden wir auch hier Flüchtigkeiten

entdecken; manchmal will es uns sogar erscheinen, als hätte sich der

Verfasser hie und da allzu sorgfältige Ausmalung mancher Details

schenken können. Über dem ganzen Werk aber liegt, was wir an Leibl

schätzen: Naturtreue und Wahrhaftigkeit und innige Klarheit.

#Neue Preußische (Kreuz) Zeitung.# Der Roman, den wir mit

Interesse gelesen haben, verdankt seinen ziemlich großen Umfang nicht

der Mannigfaltigkeit der Figuren und häufigem Wechsel der Szenerieen,

sondern dem auf die wenigen Gestalten verwendeten Fleiß und der Freude

an stimmungsvollen Schilderungen. Die Handlung kann wohl menschlich

ergreifen, und die Entwicklung vermag psychologische Vorgänge in

anziehender und anschaulicher Weise nahe zu bringen. Immerhin ist der

im Vordergrund stehende Charakter, ein Mann von Bildung, der jedoch

seines Lebens ernste Aufgabe in der Jugend nicht streng genug erkannte

und mit seinem verwundeten Herzen überhaupt nicht mehr in die scharfen

Forderungen absoluter Sittlichkeit hineinzudringen versteht, eine etwas

seltsame Natur, der auch in der Dichtung ein feiner Schleier umgehängt

ist. Wir glauben, die Figur wäre wirkungsvoller, wenn seine Liebe zu

Marie =ganz= ideal geblieben wäre. Es wäre etwas für die Menschheit

gewonnen. So kommt eine doppelte Schwäche in die Sache hinein. Die

Gestalt der Schwester ist tadellos gezeichnet, während das Ehepaar

doch zuletzt aus der Skizzierung nicht herauskommt, auch Marie, die

Frau, nicht, welche sich doch von Wolf, jenem erstgenannten Charakter,

so sehr entwickeln und zum Schluß verwickeln läßt. Dem Dichter steht

aber bei alledem Wahrheit und Sittlichkeit so hoch als wünschenswert;

er ist infolgedessen auch gerecht und beschönigt nichts. Die beiden,

welche schließlich den Rest des Lebensweges miteinander machen, sind

die kernigen, wenig angefochtenen Naturen. Eine originelle Nebenfigur,

sowie eine episodenartige Szenerie, die jedoch nicht ohne Verbindung

mit der gesamten Entwicklung ist, kommt dem Eindruck zugute. Die

Schreibweise ist einfach und entbehrt doch nicht großer Züge und

poetischen Reichtums.

#New-Yorker Staatszeitung.# ... Auch in »Die stumme Mühle« von

Otto von Leitgeb sendet dieses Motiv (– die Ehe –) seinen beängstigend

fragenden Ruf. Tief unten im Flußtal, wohin die rings aufsteigenden

Bergwände keinen Sonnenstrahl dringen lassen, liegt die Mühle, die

noch keinem ihrer Besitzer Glück gebracht und oft lange Jahre hindurch

stumm geruht, nur von Daniel, dem alten Müllerknecht, behütet, dem

Hausgeist, der hin und wieder an die Mühlsteine klopft und die

Schaufelräder streichelt und laut mit den Schlüsseln klirrt, die in

den rostigen Schlössern knirschen, nur um doch einmal einen Laut zu

hören in der Stille und dem Schweigen ringsum. Denn einsam war der

Alte; sein Weib war ihm gestorben, sein Kind verdorben; und wie ein

Unglücksrabe kreist er um die stumme Mühle und kündet denen, die sie

an sich bringen, kein Glück. Auch Robert Willmut nicht, dem neuen

Herrn, der einst als Kind mit dem Töchterlein des benachbarten Auhofs

Mann und Frau gespielt, aber um das kräftig erwachsene, reiche Mädchen

nicht zu werben wagt und eine zarte, feine Treibhausblume aus der

Stadt als Weib heimführt: Marie. Aber die Kinderfreundschaft war nicht

vergessen, und zwischen der stummen Mühle, wo die junge Frau neben dem

nüchternen, rastlos tätigen Gatten sich in eine Traumwelt einspinnt

und in die Vergangenheit versenkt, und dem einsamen Auhof, den die

praktische, verständige Klara für den Bruder verwaltet, den Träumer

Wolf, der eine Jugendschuld büßend die Welt flieht, entwickelt sich

ein reger Verkehr. Denn diese Menschen sind aufeinander angewiesen;

sie bedürfen einander. Eine Reihe entzückender Stilleben, wunderbar

stimmungsvoller Naturbilder entrollt der Verfasser, aber fest und klar

schlingt sich mitten durch der Faden der Tragödie, des Schicksals. Wird

auch Marie, diese ideale Verkörperung des passiv Lust und Leid auf sich

nehmenden Weibes sich dessen, was ihrer Ehe zum Glück fehlt, nicht

bewußt; gesteht auch Klara, dieses arbeitstüchtige, mutige Mädchen,

sich nicht ein, daß die schwesterliche Hingebung ihr Leben trotz seines

Pflichtenreichtums nicht ausfüllt – tief unter der ruhigen Oberfläche

dieser tragischen Idylle lauert das Schicksal auf den Augenblick, da

es allgewaltig in das Leben dieser vier Menschen einschreitet und sie

aufrüttelt aus ihrem stummen Dahindämmern und Dahinträumen.

Zu einer Tragödie der Selbsttäuschung spitzt sich die Handlung zu, als

Marie, die sich in der sonnenlosen Mühle an der Seite des poesielosen

Robert glücklich wähnt, allmählich verkümmert und dahinsiecht,

bis die Ahnung eines echten Glücks ihr den Todesstoß versetzt.

Seelenkundig hat Leitgeb die Wahlverwandtschaft angedeutet, die

zwischen Marie und Wolf besteht, dieser fein gezeichneten, unruhigen

Künstlernatur, und zwischen Robert und Klara, diesen beiden für das

Alltagsleben geschaffenen Menschen. Es sind Gestalten von packender

Lebendigkeit. Goldene Worte hat er Schmidt in den Mund gelegt, dem

Fünften im Bunde; einem Lebensphilosophen von fesselnder Originalität

und herzgewinnender Liebenswürdigkeit. Sympathisch berührt auch die

Gestalt des Landarztes mit seiner aus der Kenntnis menschlicher

Schwächen und Gebrechen gesogenen, viel verstehenden und verzeihenden,

milden Lebensweisheit. Das welsche Wanderblut der schönen Hannah, der

verbissene Proletariergroll Daniels, die prickelnde, lebensvolle und

schaffensfreudige Atmosphäre des Münchener Künstlerkreises vollenden

das wechselreiche Lebensbild. Sieghaft wie ein Sonnenblick durchbricht

manchmal ein schalkhafter Humor die Wolken und die Schatten der

stummen Mühle. Der Dichter versteht sich auf die Verteilung der

Kontraste. Die Szene in der Künstlerrunde, wo in Gegenwart Wolfs

von dem Bilde die Rede ist, dessen Modell Hannah gewesen, ist eine

Prachtleistung. Leitgebs Kunst ist eine feinnervige. Schon in seinen

Novellen offenbarte er sich als Meister im Erahnen und Erfassen der

flüchtigsten und verborgensten Seelenregungen, im Empfinden und

Wiederspiegeln der zartesten Naturstimmungen. Er schwelgt ordentlich

in dieser seiner eigensten Kunst. Aber er ist zu sehr Künstler, um den

Gang der Handlung dadurch aufhalten zu lassen; sie schreitet langsam

vorwärts, steigert sich ganz allmählich zum tragischen Konflikt und

bricht in dem Augenblick ab, da die alte Schuld gesühnt wird und ein

neues Leben beginnen soll für die drei Überlebenden in der Tragödie

der Wahlverwandtschaft, die sich uneingestanden in der stummen Mühle

abspielt.

#Berliner Morgenpost.# Einen Band von nahezu vierhundert Seiten

durchzulesen, dazu gehört heutzutage in der Zeit der _short story_ schon

ein Entschluß. Man traut sich kaum, mit der Lektüre anzufangen, und in

den seltensten Fällen bringt man sie zu Ende. Hat man aber sich selbst

überwunden, so kommt man sich wie ein Triumphator vor und hat beinahe

die Empfindung, als schulde einem der Autor Dank. Nun, bei Leitgebs

Roman bleibt man von solcher Überhebung weit entfernt. Trotzdem die

Handlung durchaus nicht sensationell ist, also keinen stofflichen Reiz

bietet, folgt man ihr mit sich stets steigernder Spannung. Dabei hat

man immer wieder Gelegenheit, den großen Gesichtskreis des Dichters

zu bewundern, der alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, die

Beziehungen des einzelnen zur Natur und zur Allgemeinheit behandelt

und in einer Fülle von gedankenreichen Bemerkungen seine Menschen- und

Weltkenntnis zeigt. Unter dem Nachdenklichen des Buches leidet aber die

Plastik der Figuren durchaus nicht. In vollem blühenden Leben stehen

sie vor uns, und die »unwahrscheinlichste« von allen, der Schwärmer

Schmidt, am meisten. Mit einem Worte ein gutes Buch, das aber ernste

Leser verlangt.

Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.

Die Wacht am Rhein · 第 73 / 74 题