Nicht so rasch als man gedacht, rückten die beliebten Neununddreißiger
wieder in ihre Garnison ein. Sie wurden noch immer erwartet, obgleich
der Frühling schon mit Macht über Deutschland gekommen und des Rheines
sonnenbeglänzte Wellen ruhig zwischen blühenden Ufern dahinflossen.
Im Düsseldorfer Hofgarten waren die Veilchen bereits verblüht, reichere
Blumen drängten zur Entfaltung. Schon ließen die Kastanien auf der
Königsallee die weißen Blättchen ihrer Blütenkerzen niederwehen und
zeigten die Ansätze erster Früchte, da hieß es erst: sie kommen, sie
kommen! Anfang Juni sollen sie hier sein, vielleicht auch ein paar Tage
später. Aber sie kommen doch endlich, sie kommen!
So war noch nie zu einem Empfang gerüstet worden: geliebte Kinder
kehrten ja heim, die Heldensöhne der Stadt. Wie sollte man sie
nur würdig genug begrüßen?! Kanonendonner und Glockengeläute
waren selbstverständlich. Und Flaggen sollten wehen von jedem
Haus und lustige Wimpel auf der Rheinbrücke winken, Ehrenpforten
sich wölben, das alte Zollthor selbst sollte sein düsteres Grau
unter grünen Gewinden verbergen. Sogar das Pflaster der Straßen
wurde jetzt schleunigst ausgebessert. Die Buchbinder kleisterten
Inschriftenschilder, die Maler pinselten darauf: ›Herzlich willkommen!‹
Die Wirte schafften Fässer in die Keller, die Hausbesitzer ließen ihre
Fassaden neu abputzen, die Hausfrauen scheuerten vom Speicher bis zum
Keller, die Schuster stellten gestickte Pantoffeln in die Fenster –
das Eiserne Kreuz darauf mit Eichenzweigen – die Gärtner düngten rasch
ihre Lorbeerbäume noch einmal – die konnten ja nicht üppiges Grün genug
haben – und auf dem Grafenberg wurden die Eichbäume ausgeräubert. Die
Schreiner hämmerten an den Ehrenpforten, die Schneiderinnen nähten die
Nächte durch an festlichem Weiß für die jungen Mädchen und Kinder,
die Violinisten spannten neue Saiten, die Posaunisten probierten den
Jubelchor, die Trommler übten die schönsten Wirbel, und die Dichter
dichteten. Alles in Emsigkeit, in rüstender Geschäftigkeit, in
festlicher Erwartung.
In der Kaserne hatte das Lazarett nun ein Ende. Wieder wurde dort
geweißt und getüncht, gekehrt und gescheuert. Bald haftete kein Hauch
der Wunden, des Leidens den Wänden mehr an; der frühere Knaster- und
Schimmelduft, der alte Kasernengeruch, würde wieder einziehen, zusammen
mit den wackeren Füsilieren.
Das Scheiden aus der Kaserne wurde Josefine schwer. Die letzten
Genesenen hatten ihr die Hand geschüttelt und waren in die Heimat
abgereist; da hatte sie noch lange einsam in der ehemaligen
Feldwebelwohnung gestanden und vom Platz am Fenster auf den sonnigen
Exerzierplatz hinausgestarrt. So viele Soldaten, so viele Soldaten
würden dort bald wieder exerzieren, aber von denen, die sie liebte, war
keiner mehr darunter!
Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde
ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken,
die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft
als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von
Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt?
›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr
schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹
Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl
– da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s
Vaterland.
»Ach –!«
Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide
Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert.
»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob
ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch!
Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger
Scheu.
Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen.
Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich
jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es
liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen
mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke,
recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern
in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß
wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und
Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme,
ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf
einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel
einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge
wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein
Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie
schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr
plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück!
Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal
Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine
neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber
Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in
feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine
Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun
wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer
gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin.
»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der
schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t
Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum
mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?!
Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’
zusammen nach’m Kirchhof jehen!«
Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die
Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es
war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch
schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der
heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das
Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe;
die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der
Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an,
sich zu öffnen.
In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder
und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›_Va
banque Louis Napoléon_‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche
sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in
Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch
vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in
leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort:
›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹.
Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten
Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den
Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert,
jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris
und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es
doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg;
manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald
da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer
mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten
werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter
Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten.
Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die
Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob
er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot?
Sie konnten es nicht erwarten.
Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß
einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten.
Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag
in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken,
die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und
Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich
auszuhallen im Freudengeläut. –
Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der
Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann
brauchte er kaum seinen Stock.
Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all
die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes
Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid.
Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen
mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie.
Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der
Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber
geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen
guten Kameraden zu besuchen.
Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum
großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein
berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten.
Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was
war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus
weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob
sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den
Schritt – dort waren Leidtragende.
Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern
verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt,
ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers.
Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier.
Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner
Mann mit blitzenden Augen!
»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz
erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide.
Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in
Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben
sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt;
wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen
Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht.
Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr
es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s:
das war der Viktor gewesen!
Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungen sterbenden Helden, den
ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert:
=Eugen Ernst August vom Werth=
Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39.
Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des
gefallenen Neffen besucht.
Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie
dahinwankte!
Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts
mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes
Blinken der Epauletten zwischen den Büschen.
Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich
noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie
früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so
viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie
eben an ihrer Jugend vorbeigegangen!
Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m
Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch
vollen Blond gefunden.
Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon
weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte.
Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein,
mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund
herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel
bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten
sich dicht um des alten Preußen Grab.
Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte
sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie
kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile.
Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos
stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch
jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen,
der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt
die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß
sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit
Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da
steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß,
blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde.
›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast,
als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine
kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte:
»Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – lieber Vater,
ich dank’ dir!«
Langsam richtete sie sich auf. Aber dann stand sie doch fest auf ihren
Füßen und nahm ihren Knaben an die Hand. Der war nun ihr einziger,
ihr letztes Glück – nein, noch ein Glück hatte sie, ein schmerzliches
freilich, dem sie auch noch Thränen schenken würde in stillen Stunden,
aber es war ein Glück. Sie hatte einmal etwas empfunden, eine
Begeisterung, die sie über sich selbst erhoben. Ihr Bestes hatte sie
hingegeben für’s Vaterland, so wie der Vater sie gelehrt.
Und wenn jetzt der König kam, wie damals in ihrem Traum, und seine
Hand ausstreckte: ›Was giebst du mir?‹ Dann konnte sie auch ihre Hand
ausstrecken und, über das Grab ihres Sohnes weg, weg über Gräber von
Tausenden von Söhnen, ihm weite, schöne Länder zeigen: das ganze,
große, geeinigte Deutschland im höchsten Mittagssonnenglanz, – und
stolz zu ihm sagen:
»Das gab ich dir!«
Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35.