XXVIII

Nicht so rasch als man gedacht, rückten die beliebten Neununddreißiger

wieder in ihre Garnison ein. Sie wurden noch immer erwartet, obgleich

der Frühling schon mit Macht über Deutschland gekommen und des Rheines

sonnenbeglänzte Wellen ruhig zwischen blühenden Ufern dahinflossen.

Im Düsseldorfer Hofgarten waren die Veilchen bereits verblüht, reichere

Blumen drängten zur Entfaltung. Schon ließen die Kastanien auf der

Königsallee die weißen Blättchen ihrer Blütenkerzen niederwehen und

zeigten die Ansätze erster Früchte, da hieß es erst: sie kommen, sie

kommen! Anfang Juni sollen sie hier sein, vielleicht auch ein paar Tage

später. Aber sie kommen doch endlich, sie kommen!

So war noch nie zu einem Empfang gerüstet worden: geliebte Kinder

kehrten ja heim, die Heldensöhne der Stadt. Wie sollte man sie

nur würdig genug begrüßen?! Kanonendonner und Glockengeläute

waren selbstverständlich. Und Flaggen sollten wehen von jedem

Haus und lustige Wimpel auf der Rheinbrücke winken, Ehrenpforten

sich wölben, das alte Zollthor selbst sollte sein düsteres Grau

unter grünen Gewinden verbergen. Sogar das Pflaster der Straßen

wurde jetzt schleunigst ausgebessert. Die Buchbinder kleisterten

Inschriftenschilder, die Maler pinselten darauf: ›Herzlich willkommen!‹

Die Wirte schafften Fässer in die Keller, die Hausbesitzer ließen ihre

Fassaden neu abputzen, die Hausfrauen scheuerten vom Speicher bis zum

Keller, die Schuster stellten gestickte Pantoffeln in die Fenster –

das Eiserne Kreuz darauf mit Eichenzweigen – die Gärtner düngten rasch

ihre Lorbeerbäume noch einmal – die konnten ja nicht üppiges Grün genug

haben – und auf dem Grafenberg wurden die Eichbäume ausgeräubert. Die

Schreiner hämmerten an den Ehrenpforten, die Schneiderinnen nähten die

Nächte durch an festlichem Weiß für die jungen Mädchen und Kinder,

die Violinisten spannten neue Saiten, die Posaunisten probierten den

Jubelchor, die Trommler übten die schönsten Wirbel, und die Dichter

dichteten. Alles in Emsigkeit, in rüstender Geschäftigkeit, in

festlicher Erwartung.

In der Kaserne hatte das Lazarett nun ein Ende. Wieder wurde dort

geweißt und getüncht, gekehrt und gescheuert. Bald haftete kein Hauch

der Wunden, des Leidens den Wänden mehr an; der frühere Knaster- und

Schimmelduft, der alte Kasernengeruch, würde wieder einziehen, zusammen

mit den wackeren Füsilieren.

Das Scheiden aus der Kaserne wurde Josefine schwer. Die letzten

Genesenen hatten ihr die Hand geschüttelt und waren in die Heimat

abgereist; da hatte sie noch lange einsam in der ehemaligen

Feldwebelwohnung gestanden und vom Platz am Fenster auf den sonnigen

Exerzierplatz hinausgestarrt. So viele Soldaten, so viele Soldaten

würden dort bald wieder exerzieren, aber von denen, die sie liebte, war

keiner mehr darunter!

Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde

ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken,

die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft

als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von

Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt?

›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr

schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹

Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl

– da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s

Vaterland.

»Ach –!«

Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide

Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert.

»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob

ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch!

Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger

Scheu.

Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen.

Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich

jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es

liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen

mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke,

recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern

in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß

wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und

Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme,

ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf

einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel

einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge

wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein

Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie

schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr

plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück!

Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal

Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine

neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber

Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in

feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine

Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun

wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer

gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin.

»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der

schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t

Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum

mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?!

Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’

zusammen nach’m Kirchhof jehen!«

Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die

Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es

war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch

schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der

heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das

Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe;

die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der

Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an,

sich zu öffnen.

In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder

und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›_Va

banque Louis Napoléon_‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche

sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in

Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch

vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in

leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort:

›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹.

Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten

Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den

Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert,

jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris

und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es

doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg;

manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald

da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer

mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten

werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter

Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten.

Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die

Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob

er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot?

Sie konnten es nicht erwarten.

Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß

einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten.

Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag

in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken,

die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und

Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich

auszuhallen im Freudengeläut. –

Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der

Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann

brauchte er kaum seinen Stock.

Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all

die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes

Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid.

Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen

mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie.

Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der

Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber

geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen

guten Kameraden zu besuchen.

Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum

großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein

berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten.

Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was

war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus

weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob

sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den

Schritt – dort waren Leidtragende.

Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern

verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt,

ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers.

Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier.

Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner

Mann mit blitzenden Augen!

»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz

erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide.

Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in

Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben

sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt;

wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen

Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht.

Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr

es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s:

das war der Viktor gewesen!

Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungen sterbenden Helden, den

ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert:

=Eugen Ernst August vom Werth=

Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39.

Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des

gefallenen Neffen besucht.

Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie

dahinwankte!

Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts

mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes

Blinken der Epauletten zwischen den Büschen.

Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich

noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie

früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so

viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie

eben an ihrer Jugend vorbeigegangen!

Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m

Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch

vollen Blond gefunden.

Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon

weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte.

Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein,

mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund

herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel

bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten

sich dicht um des alten Preußen Grab.

Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte

sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie

kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile.

Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos

stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch

jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen,

der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt

die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß

sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit

Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da

steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß,

blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde.

›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast,

als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine

kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte:

»Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – lieber Vater,

ich dank’ dir!«

Langsam richtete sie sich auf. Aber dann stand sie doch fest auf ihren

Füßen und nahm ihren Knaben an die Hand. Der war nun ihr einziger,

ihr letztes Glück – nein, noch ein Glück hatte sie, ein schmerzliches

freilich, dem sie auch noch Thränen schenken würde in stillen Stunden,

aber es war ein Glück. Sie hatte einmal etwas empfunden, eine

Begeisterung, die sie über sich selbst erhoben. Ihr Bestes hatte sie

hingegeben für’s Vaterland, so wie der Vater sie gelehrt.

Und wenn jetzt der König kam, wie damals in ihrem Traum, und seine

Hand ausstreckte: ›Was giebst du mir?‹ Dann konnte sie auch ihre Hand

ausstrecken und, über das Grab ihres Sohnes weg, weg über Gräber von

Tausenden von Söhnen, ihm weite, schöne Länder zeigen: das ganze,

große, geeinigte Deutschland im höchsten Mittagssonnenglanz, – und

stolz zu ihm sagen:

»Das gab ich dir!«

Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35.

Die Wacht am Rhein · 第 69 / 74 题