[6] Sankt Martin.
Sie machte einen kleinen Hops, aber dann besann sie sich und steckte
die Nase wieder in’s Buch, das sie, aufgeschlagen, vor sich her trug.
Sie lernte noch auf dem Schulweg.
Jetzt war sie keine so gute Schülerin mehr, wie damals bei den
Ursulinerinnen. Seit anderthalb Jahren ging sie in die evangelische
höhere Töchterschule in der Kanalstraße, die unter dem Protektorat der
Prinzessin Luise, der erlauchten Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit
des Prinzen Friedrich von Preußen stand, der im Jägerhofschlößchen am
Hofgarten residierte.
Der Feldwebel war nicht wenig stolz darauf und auch seinem Hauptmann
nicht wenig dankbar, der ihn, als er sich damals, da der Schulbesuch
Josefines bei den Ursulinerinnen jäh abbrach, ratsuchend an ihn
gewandt, dem früheren Garnisonprediger und jetzigen Regierungsschulrat
empfohlen. Der leutselige Beamte hatte ein Einsehen gehabt, durch
eine Ermäßigung des Schulgeldes wurde es dem bewährten, langgedienten
Soldaten ermöglicht, seine Tochter einer höheren Bildung teilhaftig
werden zu lassen. Von der Zeit an hatte sich der Feldwebel die einzige
abendliche Pfeife abgewöhnt – das Schulgeld war für seine Verhältnisse
noch immer hoch genug. –
Josefine schlenderte langsam, ihre Schulsachen in einem Lederriemen
unter den Arm gepreßt. Gut, daß die Straße noch still war, um halb
acht in der Frühe! Nur ein Hammer Gemüsekarren rumpelte, und eine
Milchfrau trug ihren Rahm aus. Josefine mußte nachholen, was sie
gestern versäumt; das große Bataillonsexerzieren hatte all ihre Zeit in
Anspruch genommen, und die deutsche Orthographie wollte ihr so wie so
schwer in den Kopf.
Ein schwarzlockiges Mädchen kam hinter ihr drein gerannt: »Fina!
Finchen!«
Sie hörte nicht.
Nun zupfte sie die Schwarzlockige leicht am Jackenschoß. »Hörst du denn
gar nicht?«
»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!«
Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von
Clermont zog es ihr weg.
»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst,
wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine
Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können
jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht
dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!«
Der Bursche grinste und machte Kehrt.
»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War
gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern
zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das
schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut
nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte.
»Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen,
der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu
bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre
wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!«
»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopf zurück. »Wann du
nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un
den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit
mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!«
Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie
von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen.
Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort,
zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie
sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war
der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden
Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank
zusammengeführt.
Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines
alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War
Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den
Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten
– so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne!
Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit
Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne
Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die
Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all
den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern
Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der
Feldwebeltochter. –
Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlenderten die beiden
wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie
sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer
noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los.
»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen
Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich
hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen
wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus
so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!«
»Bis still,« tröstete Josefine, »ich bring’ dir morjen welche mit nach
der Schul’. Meine Jroßmutter backt se aber lecker! Aus Buchweizenmehl
mit Korinthen, in Leinöl. Un dann in Syrup gestippt – ha!« Sie klopfte
sich mit einem strahlenden Gesicht auf den Magen. »Ich kann ’r en
Dutzend essen. Wenn ’t nur schon Abend wär!« Trällernd machte sie einen
Freudensprung: »Zintmäten, Zintmäten, de Kälber –«
»Gott, Fina!« Erschrocken hielt ihr Cäcilie den Mund zu. »Was sollen
die Leute von uns denken?«
Ein paar Jünglinge drehten sich eben nach den beiden Mädchen um.
Cäcilie wurde rot und schlug verschämt die Augen nieder, Josefine aber
schnitt eine Fratze: »Dumme Junges! Zintmäten, Zintmäten! Adjüs, Cilli,
letzt!« Kräftig schlug sie die Freundin auf den Rücken.
»Vergiß nicht – um sieben Uhr – am Jan Willem,« rief ihr Cäcilie nach.
Fina hörte schon nicht mehr. Da rannte sie hin, daß ihr halblanger
Rock flatterte, und man ihre weißbestrumpften Beine bis zum Knie sah. –
Peter Zillges war nicht für die neumodischen Papierlaternen; er hatte
seinen Enkeln Kürbisse ausgehöhlt, ihre Namen und allerlei andres
hineingeritzt: Gesichter, und Sonne, Mond und Sterne. Die Zeichnungen
waren unvollkommen – Großvaters Hand hatte schon sehr gezittert – aber
schimmerte ein Lichtchen von innen durch, machte sich solch ein Kürbis
doch wunderbar schön.
Vom ›Bunten Vogel‹ zogen die Geschwister am Abend aus. Josefine trug
ihren Kürbis, der groß und gelb wie ein Holländer Käse war, auf einem
Stock; die Brüder schwenkten ihre kleineren an Bindfadenschnüren. Die
Kinder sangen; hell klangen ihre Stimmen in den lauen Abend hinaus.
Und von nah und fern, vom andern Ende der Ratinger-, von der Ritter-
und der Mühlenstraße, vom Hunsrück und der Mertensgasse, von allen
Seiten fielen Kinderstimmen ein, hoch und tief, rein und falsch,
durchdringend wie Pfeifenton, jubelnd wie Trompetenfanfaren:
»Zintmäten, Zintmäten!«
Wie Glühwürmchen funkelt es auf in den dunkeln Straßen, an den Häusern
zieht es vorbei in bunten Reihen, über den Köpfen wogen und wirren
schwanke Lichter in Weiß und Gelb, in Rot und Grün. Licht, Licht –
ein Meer von schwankenden Lichtern! Ganze Kinderscharen haben sich
zusammengefunden beim Klang einer Schelle; und wo sich Knaben und
Mädchen begegnen, pusten sie sich in die Laternen, und die Buben singen
grob:
»Zintmäte, Zintmäte.
De Kälver hant lang Stäte,
De Jonges sin Rabaue,
De Weiter wolle mer haue.«
Und die Mädchen zirpen dagegen:
»De Weiter sin Rabaue,
Die Jonges wolle mer haue,
De Weiter trinke rode Wing,
De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»Zintmäte, Zintmäte!«
Josefine hielt ihren Kürbis krampfhaft hoch, ein paar große Jungen
hatten es durchaus darauf abgesehen, ihr das Lichtchen zu löschen;
sorgsam trug sie es vor sich her, wie etwas Heiliges bei der
Prozession, schier andächtig die Blicke darauf geheftet.
Je näher dem Rhein, desto größer das Getriebe, desto lauter das
›Zintmäten‹.
An den Bürgerhäusern klingelt es, helle Kinderstimmen erheben den
Bittgesang:
»Hier wohnt en reicher Mann,
De ons wohl jett jäwe kann.
Selig soll hä läwe,
Selig soll hä stärwe,
Dat Himmelreich erärwe!«
Bei dem ›Himmelreich‹ steigt die Melodie auf einen hohen Ton, freudig
gejauchzt klingt es weit in den Abend. Und die Thüren thun sich auf,
und Äpfel, Nüsse, Kastanien, Korinthenstuten und Puffertkuchen fallen
in die aufgehaltenen Kittel und Schürzchen.
Um den alten Jan Willem am Markt dreht sich ein wirbelnder
Gnomenreigen. Auf den Treppen des Rathauses und des Theaters halten
Eltern ihre Kleinsten in die Höhe, und wo die winzige Kinderhand das
Laternchen nicht schwenken kann, thut es die kräftige Faust des Vaters.
Zintmäten, Zintmäten! – Da ist keiner zu alt.
Josefine hatte viel Anfechtung, die großen Jungen von der
Ratingerstraße waren ihr bis hierher gefolgt. Hilfesuchend sah sie sich
um, aber die Brüder waren im Gedränge abhanden gekommen; nun setzte sie
sich allein zur Wehr. Mit dem Rücken an das Gitter, das den Jan Willem
vor’m Marktgetriebe schützt, gelehnt, reckte sie ihren Stock so hoch
sie konnte.
Gleich neckenden Teufeln hüpften die Buben vor ihr herum:
»Zintmäte, Zintmäte!
De Weiter lecke de Plate,
De Jonges esse de Tate,
De Jonges esse jebackene Fisch.
De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
Der Allerdreisteste hüpfte in die Höhe und haschte nach dem Kürbis.
Er pustete hinein – da – Josefine kreischte auf, ehe er das Lichtchen
löschen konnte, fiel ihre Hand derb auf seine Backe: »Eklige Jung!«
»Frech Weit!«
»Freche Rabau!«
Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken
geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß
sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!«
Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit
einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte
Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals.
»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten
Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes
Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die
frechen Jungens!«
»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und
zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen,
wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen
johlend hinterdrein.
Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?!
Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er
geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die
Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder
etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig
von der Seite betrachtete.
Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst
ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte
doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen
Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na,
natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen
Kompagnie.
»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nicht allein sind,«
seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr.
»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen
Blick zurück.
Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher
zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön
miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch
noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein
war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick
sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock
immer nicht lang genug kriegen – no, so geck!
»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten
Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen:
»Zintmäte sein Vöjelche
Met dat rote Köjelche –«
Viktor, der angehende Fähnrich, betrachtete sie sehr wohlgefällig
von der Seite. Nett war die geworden – ganz famos! Soviel er sich
erinnerte, war sie immer niedlich gewesen – aber so niedlich? Er fing
an, Josefine zu necken: mit ihrem Düsseldorfisch, mit ihrem Kürbis.
Frischweg ging sie darauf ein, nur als er ihr das Lichtchen ausblasen
wollte, sagte sie drohend: »Mach!« und hob die Hand.
Er machte es nicht im geringsten besser, wie die Rabauen in den
Holzklumpen; wie vorhin die, so umhuschte er sie jetzt, bald von
rechts, bald von links. Das war ein Jagen über’s Trottoir, ein
Schäkern und Lachen, ein ausgelassener Kampf um das Lichtchen.
Zintmäten, Zintmäten – sie vergaßen ganz das ›Sie‹.
So schön war’s heut. Der Mond am Himmel schämte sich und versteckte
sich vor all dem Glanz. Vom Rhein grüßte ein lindes Wehen und strich
sanft kühlend über die glühenden Wangen, die erhitzten Stirnen.
»Zintmäten, Zintmäten!« Jauchzend sprang Josefine dahin, wie getragen
von Windesflügeln, die roten Lippen zu schallendem Gesang geöffnet.
Und der Abend flog auch dahin – zu rasch.
»Nach Hause,« sagte Viktor plötzlich und faßte die Hände seiner
Schutzbefohlenen. Es behagte ihm auf einmal nicht mehr, allerhand
Pöbel füllte die Straßen, Rheinkadetten, Burschen und Mädchen aus den
Fabriken; in langer Reihe, Arm in Arm, sperrten sie den Weg. Schon
mischten sich andre Lieder in’s Martinsliedchen der Kinder. Hier und
dort wurde recht wüst gegröhlt:
»Küt de Lehrer in de Scholl’,
Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
und wo die Bürgerhäuser ihre Thüren nicht mehr öffneten bei’m
ungeduldigen Pochen der Fäuste:
»Dat Huus, dat steht up eene Penn,
De Jietzhalz, de wohnt metten drenn –
Jietzhals, brich der Hals,
Dat de morje stärwe kanns!« – – –
* * * * *
»Och, wie schad’,« seufzte Josefine, als ihr letztes niedergebranntes
Lichtchen vor der Thür des ›Bunten Vogels‹ verlöschte. Drinnen roch es
nach den leckeren Puffertkuchen der Großmutter, und doch zögerte sie
noch: »Wie schad’!«
Viktor schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich abschiednehmend;
aber dann nahm er die kleine, warme Hand, die sich ihm entgegenstreckte
und sagte: »Ich bleib’ ja noch vier Wochen hier!« Und dann mit einem
bedeutsam festen Druck: »Bis morgen!«
* * * * *
Vier Wochen, lange vier Wochen, – waren sie wirklich schon vorbei?!
Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das
Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den
Nikolaustag. Der war heute.
Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den
Kopf: wie sollte er’s ermöglichen, =ihr= einen Weckmann zu schenken? Da
war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner
Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte.
In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und
kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche
mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat
gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife
im Maul.
Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte
er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor
Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien
bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer ›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, –
ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht
immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater
konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major
war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders
werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald
würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich
nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der
linken Brust zu tragen.
Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der
Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde
gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7] Wie würde sie sich
darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb
nichts wie diese Erinnerung.
[7] 2½ Silbergroschen.
›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann
ihre weißen Zähne vergraben.
Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im
Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter
den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das
Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen!
Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam
er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier
eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf
der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab.
Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag.
Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte
anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da
gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren
worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die
Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf.
Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie
seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die
ganze Luft von Wasserdunst erfüllt.
Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnete =sie’s= immer,
ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels.
Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war
nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag,
Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich
nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!«
Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich
gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um
das Wasser im Keller zu sehen – also =das= war ihr die Hauptsache am
letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche –
wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht!
Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun
hatte sie schon alle Frühjahr, wenn das Eis trieb und der Schnee
schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und
Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die
Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so
früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen
überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor
und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren.
»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit
fort.
Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer
schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen
Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu
quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst
die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren
niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und
schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus.
Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen
Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es
plätschert dem alten Jan Willem um die Füße.
Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit
kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die
Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem
schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült,
die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus dem Wasser; hinunter
nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße
schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in
der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten
nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und
die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und
Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die
Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken
geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die
Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser
plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und
spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd
naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht.
Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut
und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der
Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen
Stellen nahm er Karlchen Huckeback.
Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen
könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick.
O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s
Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes
Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt
verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der
Bauernhöfe. Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der
Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln
und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein;
er hält den umarmt im grauen Dunst. Wo sind Wolken, wo Wasser? Man
weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend
und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt,
weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles
umstricken. –
Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹
anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom
Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt.
Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider
gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten.
Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn
Josefine in die Hand.
Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube.
Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten
Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter
holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte:
das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein
kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf
– all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken –
Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als
in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns dat an?
Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –«
»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et
Wasser langs de janze Bolkerstraß’?«
Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um
vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über
im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!«
»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius
im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit,
aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t
Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß
einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de
Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!«
»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie,
»lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in
fahren!«
Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß
die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften.
Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die
Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze
lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene
flüchten mochten.
Sorgsam zog Josefine die Kellerthür hinter sich zu. Nun waren sie ganz
im Dunkeln. Eine feuchtwarme, schwere, moderdurchschwängerte Luft
hüllte sie ein. Viktor verging der Atem, tastend griff er um sich.
»Bis still,« flüsterte Josefine. Und nun flammte es auf, sie hatte ein
Streichhölzchen angerieben; ein Kerzenstümpfchen holte sie aus der
Tasche und steckte es an.
Jetzt sahen sie: wenige glitschige Stufen hinunter, und da war
schon das Wasser. Schwarz wie Tinte, regungslos stand’s unter dem
Gewölbe. Eine große, ovale Waschbütte schaukelte wie ein Nachen am
Treppenpfosten.
Hand in Hand blieben sie auf der untersten, schon bespülten Stufe
stehen; Josefine hatte das Lichtstümpfchen niedergestellt, nun warf es
flackernden Schein auf die fahle Kellerwand gegenüber und zeigte ihnen
ihre Schatten wunderlich groß. Sonst schien alles versunken in der
dunkel gähnenden, geheimnisvollen Höhle.
»Fahr’ mich,« hauchte sie bittend.
Und so fuhren sie in der Bütte; sie mit den Händen im schwarzen Wasser
plätschernd, er ein paar aufgefischte Holzscheite als Ruder benutzend.
Langsam paddelten sie umher. Sie sprachen kein Wort – alles still –
auch von außen kein Laut. Da war eine versunkene Stadt, und sie beide
schwammen allein miteinander, mutterseelenallein, auf einem weiten,
weiten Meer.
Ein immerwährendes, glückliches Lächeln lag auf Josefines Gesicht.
»Fahr’ mich noch mehr, fahr’, fahr’!« Mit auf die Seite geneigtem Kopf
sah sie den Jüngling selig an.
Viktor machte eine ungeschickte Bewegung – da – die Bütte drehte sich,
schwankte, heftig puffte sie gegen die unterste Treppenstufe; das
Lichtstümpfchen erlosch.
Josefine stieß einen leisen Schrei aus, der Nachen legte sich auf die
Seite; aber schon hatte Viktor sie umfaßt. Mit kräftigem Arm hob er sie
auf die Stufe.
»Fina,« flüsterte er, sie noch umschlungen haltend, »Finchen, morgen
muß ich ja fort!«
»Och, wie schad’!«
»Wirst du mich auch nicht vergessen?«
»Ne, och ne!«
Da küßte er sie, und sie küßte ihn wieder. Ganz im Dunkeln. Er fühlte
nicht, daß seine Füße im Wasser standen. Sie fühlte nicht, daß ihr
halblanger Rock durchnäßt war; sie fühlte nur den heimlichen Schauer,
der ihr leise, in mädchenhafter Scham, über den jungen Körper rann.