Also hier fand er sein Weib?! Auf Rinkes Stirn schwoll die Zornesader;
mit einem Blick, der alles durchbohren zu wollen schien, maß er die
lustige Gesellschaft.
Eine augenblickliche Verlegenheit entstand. Der schwarze Hendrich
machte einen Kratzfuß und ließ die Frau Feldwebelin schleunigst auf die
Bank niedersitzen. Trina wurde so blaß, wie sie vorher rot gewesen; der
fröhliche Rausch verflog, sie war plötzlich ernüchtert, ihr Herzschlag
stockte.
Nur Peter Zillges, in seiner glücklichen Harmlosigkeit, nahm des
Feldwebels seltsame Miene nicht krumm. Am frohen Fest allen Groll
vergessend, schlug er ihn freundschaftlich auf die Schulter: »No, Herr
Schwiejersohn, wat es jefällig? Bier oder e Jläsche Wein? Ja, heut hat
de Pitter Zillges de Spendierbuxen an. Dat Finchen soll leben, un sein
Eltern derneben! Hoch, hoch, hoch!«
Sie riefen alle: »Hoch, hoch, hoch!« Aber der Preuße verzog keine Miene
und blieb frostig. ›Steif wie ein Zaunstecken,‹ mäkelten die Gäste
hernach.
Auch als die Schwiegermutter, die einem etwaigen Ungewitter vorbeugen
wollte, sich bethulich um Rinke mühte, hatte sie kein Glück. Was sie
auch anbot an Speise und Trank, schlug er aus; sie hatte Mühe genug,
daß sie ihn zum sitzen bekam. Ihre Erklärungen: die Trina habe sich
ohne ihn so einsam gefühlt, darum hätten sie sie mitgenommen in den
›Bunten Vogel‹ – die Gäste seien nur ein paar Nachbarn, die sich
zufällig eingefunden – bei der Taufe sei das Finchen sehr brav gewesen,
es sei ein gar zu lecker Tierchen und seinem Vater schon ähnlich – all
das beantwortete er mit keiner Silbe. Nach wenigen Minuten erhob er
sich wieder:
»Komm, Käthe!«
Auf solchen Ton gab’s kein Widerstreben; Frau Trina stand sofort auf.
Hastig band sie sich den Hut zu und warf die weite Mantille mit der
Seidenfladrusche um; es fröstelte sie plötzlich. So sehr drängte er zum
Aufbruch, daß sie kaum ein Nicken für die Freunde fand und ein kurzes:
»Adjüs zusammen!«
Die Mutter war mit herausgelaufen; nun stand sie in der Hausthür und
schaute dem Paar nach. Trina hatte das Kind tragen wollen, er es ihr
aber fortgenommen. Jetzt machte er so große Schritte, daß die Frau
kaum nach konnte; ein paar Ellen war er immer voraus. Seufzend und mit
bekümmertem Gesicht sah Mutter Zillges hinter den beiden drein – ach
Gott, ach Gott, das gab ein böses Donnerwetter!
Nie war Trina der Weg von der Ratinger- bis zur Kasernenstraße so lang
geworden trotz des schnellen Rennens; sonst ging sie ihn in einer guten
Viertelstunde, heut dauerte er ewig. Die Kniee zitterten, die Füße
versagten, ihr war schwindlig und schlecht zu Mut; aber sowie sie einen
Augenblick stehen blieb, um nach Luft zu ringen, rief ihr Mann: »Komm!«
Sie wagte nicht, zurückzubleiben, sondern hastete sich ab, daß ihr
der Schweiß auf der Stirn perlte. Es war ihr nie geheuer, wenn er sie
so stumm ansah, nur knapp ein Wort sagte; war er erst am Schimpfen,
dann war’s nicht mehr so schlimm, da kam sie ganz gut gegen an, ihr
Züngelchen konnte sich flink rühren. Aber heut hätte sie sich kein Wort
getraut.
Atemlos tappte sie die Stiege hinauf; er wartete längst oben und sah
sie an mit einem Blick, als ob er sie durchbohren wollte. Als sie
den Schlüssel mit zitternder Hand aus ihrer Tasche vorholte, entfiel
er ihr; sie bückten sich beide zugleich danach und pufften die Köpfe
gegeneinander. Da wagte sie, obgleich ihr der Schädel brummte, ein
kleines Lachen; aber ihr Mann ging nicht darauf ein, sah sie gar nicht
an, entriß ihr den Schlüssel und stieß ihn heftig in’s Schloß.
Sie traten ein, und plötzlich, wie mit einer Riesenlast, fiel es
der jungen Frau auf die Seele: wie dürftig, wie häßlich war’s
hier! Getünchte Wände ohne Schmuck, keine Bilder, nackte Dielen,
unbequeme Holzschemel, nebenan in der Kammer die schmalen, eisernen
Bettstellen mit den groben, härenen Decken und des Feldwebels tannener
Kleiderkasten. Ach, und zu Haus alles so hübsch, so behaglich! O, daß
sie auch nicht dagegen protestiert, als der Bräutigam alles überflüssig
fand! So ein Soldat, was weiß der von Behagen! Jetzt hätte sie sich
prügeln mögen. Wenigstens ein Bett mit einem Himmel hätten sie doch
haben müssen, ein Muttergötteschen und eine traulich glimmende ewige
Lampe! Ganz verzweifelt fuhren ihre Blicke umher; noch nie hatte
sie so den Unterschied zwischen dem ›Bunten Vogel‹ und der povren
Soldatenstube gesehen wie heut. Das Herz sank ihr, sie fing an zu
weinen und setzte sich in einen Winkel.
Der Feldwebel brachte selber sein Kind zur Ruhe; kaum daß Trina sich
traute, als er draußen in der Küche nach einem Stück Brot suchte, das
Kleine aus der Wiege zu nehmen und an die Brust zu legen. Der Kopf war
ihr schwer, der Magen that ihr weh, sie weinte in einem fort. Weinend
kroch sie in’s Bett, noch weinend schlief sie ein.
In der Nacht erwachte sie jäh – das Kind schrie durchdringend. Ganz
entsetzt sprang sie auf. Ihr Mann stand schon bei der Wiege; er hatte
das Öllämpchen angezündet und leuchtete damit in’s Bettchen nieder, in
dem er das Kind aufgebündelt. Die kleine Josefine zog krampfhaft die
Beinchen hoch an den Leib, jämmerliche Schmerzensschreie ausstoßend.
»Jesus, wat hat et nur, warum weint et dann?« fragte Trina erschrocken.
Er gab ihr keine Antwort; finster blickend raffte er die Decke von
seinem Bett und wickelte das Kind hinein. So trug er’s im Zimmer auf
und ab, immer auf und ab, rastlos hin und wieder.
Sie wollte es ihm abnehmen.
»Zu Bett!« herrschte er sie an.
Ängstlich verkroch sie sich wieder unter ihre Decke und blinzelte nur
verstohlen zu ihm hin.
Mitternacht war längst vorüber, schon dämmerte ein bleicher Schein
über’m Exerzierplatz. Noch immer wanderte Rinke auf und ab, hin und
wieder, und noch immer wimmerte das Kind. Sie konnte es nicht länger
mehr aushalten, an schlafen war doch nicht zu denken; die Decke
abwerfend, lief sie zu ihm hin.
»Is et krank? Och Jott, och Jott!« rief sie angstvoll und rannte neben
ihrem Mann her, bleich und fröstelnd. Sie klammerte sich an seinen Arm.
»Och, Jesus Maria, Rinke, sag ens, wat hat et dann?«
»Bauchweh!« stieß er kurz heraus. »Und du bist schuld dran!« Und als
sie ihn betroffen, ganz verdutzt ansah mit ihren müden, verschwiemelten
Augen, hob er zornig die Hand und gab ihr einen Backenstreich.