Vierzehn Tage später, an einem August-Sonntag 1830, wurde Josefine
Rinke getauft.
Der Feldwebel hätte seine Erstgeborene gern Luise genannt,
nach Preußens geliebtester Königin, aber es wurde als ganz
selbstverständlich angenommen, das Kind mußte einen Namen von
Großmutter Zillges führen; und so wollte er seinem erst eben genesenen
Weib, das ohnehin leicht flennte, diesen Kummer nicht auch noch anthun.
War es Trina doch Kummer genug, daß sie die Taufe nicht mit einem Fest
feiern sollte, wie sie es gewohnt war bei weit geringeren Anlässen. Im
›bunten Vogel‹ hatte man gern gefeiert; es gab so viel Heiligentage,
so viel fröhliche Gelegenheiten. Und wenn man sich nur einen ›Spaß‹
machte, Bratäpfel und Kastanien schmauste, sobald der erste Schnee
fiel, oder singend über flackernde Lichtstümpfchen hüpfte.
Nun sollte nicht einmal die Taufe der kleinen Josefine mit einem Essen
begangen werden, zu dem man Gevattern und Freunde einlud! Ein größerer
Gefangenentransport war nach der Festung Wesel zu eskortieren; statt
des plötzlich erkrankten Offiziers hatte man Rinke das Kommando
angeboten, und er hatte es angenommen. Hätte er’s nicht ebenso gut
ablehnen können, die Taufe seines Kindes war doch Grund genug?! Aber
nein – Frau Trina war außer sich – annehmen mußte er’s, aus purer
Eitelkeit! Und wenn’s denn schon sein mußte, so hätte man ja doch die
Taufe verschieben können, um ein, zwei Tage bloß; aber nein, auch das
nicht, der einmal festgesetzte Termin mußte innegehalten werden. Weil
der Garnisonspfarrer am Sonntag nach der evangelischen Kirche ein halb
Dutzend Soldatenkinder zusammen taufte, mußte das Finchen auch ’ran.
Das arme Finchen, das kriegte ja gar keine richtige Tauf’!
›Wenigstens en Tass’ Kaffee mit Bollebäuskes und Rodon,‹ hatte sie
schluchzend ihren Mann gebeten, ›un nachher e Jläsche Wein! Un nur
en paar jute Bekannte derzu! Dat können mer doch auch ohne dich, da
brauchst du ja jar nit bei zu sein!‹
›Ob ich ›bei‹ bin oder nicht,‹ hatte er gesagt, ärgerlich ihre
Sprechweise nachahmend, ›ich will den Sums nicht! Schlicht getauft,
weiter was ist nich nötig!‹ Die Feldwebelin hatte sich bitter bei ihrer
Mutter beklagt.
Schmerzlich bewegt schritt Frau Zillges heute mit der Tochter und der
getreuen Dauwenspeck, die den Täufling trug, zur Kirche. Sie kamen
ein wenig zu früh, aber sie standen lieber draußen vor der Thür und
warteten, als daß sie eingetreten wären, wozu der Küster sie leise
aufforderte.
Es fing an zu regnen, ein kühler Gewitternachregen war’s; das Pflaster
der Kasernenstraße trat sich unangenehm schlüpfrig. Die junge Frau
trippelte blaß und fröstelnd hin und her, ihre blauen Augen irrten
verdrossen die Straße auf und ab: ach, gar nichts zu sehen! Nur ein
paar Soldaten in Drillichjacken guckten gelangweilt aus den Fenstern
rechts und links von Sankt Anna.
Die Dauwenspeck schlug einen Zipfel ihrer Mantille über den Täufling
und drückte sich, so sehr sie konnte, auf der Schwelle der Kirche unter
die etwas vorspringende Eingangsbedachung.
Mutter Zillges stand unbeweglich und schien des Regens nicht zu achten,
der ihre Haube näßte; sie war in Gedanken versunken. Für eine, die
schon einige Jahre die Fünfzig hinter sich hatte, war ihr Gesicht
merkwürdig glatt geblieben, dies freundliche, behagliche, zufriedene
Gesicht. Heut sah man doch, daß es auch schon Runzeln hatte. War’s denn
nicht auch zu traurig? Solch eine Taufe! Der Vater nicht zugegen, der
Großvater nicht zugegen – was sollten die Leute wohl denken, daß der
Zillges nicht mitgekommen war? Jemand Fremdes zu Gevatter zu bitten,
hatte man ja ohnehin bei so einer Taufe gar nicht gewagt. Frau Josefine
Cordula fühlte sich heut wirklich unglücklich, sie konnte sich nicht
erinnern, je in ihrem Leben unglücklicher gewesen zu sein, nicht
einmal, als ihre Eltern starben. Da hatte der Weihrauch die ›Stadt
Venlo‹ durchweht, wie ein sanft tröstender Hauch des Himmels. Heut
aber, hier auf der regenfeuchten Straße, angesichts einer Taufe, die
eigentlich gar keine war, versagte ihre Fassung. Hatte ihr zu alledem
doch noch Zillges heute morgen erklärt, als er das bedrohliche Wetter
sah, sie solle nur allein zu der ›Ketzerei‹ laufen, er ginge nicht
mit. Sie hatte ihn ›bequem‹ gescholten, sogar mit ihm gebrummt, was
selten vorkam, aber der sonst so gemütliche Peter blieb dickköpfig.
Nein, wenn der nicht wollte, dann wollte er nun mal nicht. Überdies
hätte er Leibschmerzen, sagte er.
Wenn Frau Zillges es recht bedachte, verdenken konnte sie ihrem Peter
sein Fernbleiben eigentlich nicht, der Rinke hatte ihn doch zu sehr
geärgert. Freilich hatte die dumme Trina in der ersten Verliebtheit
jedes Zugeständnis gemacht, aber nun hätte Rinke doch auch ein bißchen
mit sich reden lassen können: wenigstens halb und halb – die Mädchens
nach der Mutter, die Jungens nach dem Vater! Mutter Zillges hatte die
ganzen vierzehn Tage seit der Geburt der Kleinen gehofft, der Feldwebel
werde sich besinnen und das Kind durch eine heilige Taufe den wahren
Gläubigen zugesellen.
Sie hatte ihre Tochter, die ja immer ein bißchen lässig war und gern
Unangenehmem aus dem Weg ging, beschworen, ihrem Mann ernstliche
Vorstellungen zu machen.
Trina behauptete auch, das gethan zu haben: aber ›er is doch nu ens
so,‹ hatte sie gejammert, ›ich krieg ihn nit derzu. Wat soll ich dabei
machen? Laßt mich zufrieden!‹
Ach, ach, es war aber auch alles zu ärgerlich! Frau Zillges biß sich
auf die Lippen; sie wurde nicht gleich so grob wie ihr Mann, aber wenn
sie den Rinke jetzt hier gehabt hätte, glaubte sie sich imstande, ihm
ordentlich den Text zu lesen. Jedes harmlose Pläsier verdarb einem der
Preuße!
Während der ganzen ersten Hälfte der Ansprache, die der Pastor hielt,
dachte sie darüber nach, warum sie eigentlich für einen so betrüblichen
Tag einen so großen Zwetschgenkuchen gebacken hatte und einen so
leckeren Blatz mit Korinthen. Wie konnte man denn essen, wenn man so
traurig war?! Aber sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, war es der
Anblick des Kindchens, das, ganz so rund und blond wie die Mutter,
brav schlummerte, die kleinen Hände zu Fäustchen geballt? Das nicht
einmal aufzuckte, als die kalten Wassertropfen den zarten Flaum seines
Köpfchens besprengten? Sie bekam freundlichere Gedanken.
Und hier der Hochaltar von Marmorstein, den man von den frommen
Cölestinerinnen hergebracht – und da der heilige Johannes Nepomuk
und dort in der Nische die heilige Anna! Nein, noch war nicht alles
verloren! Ihre Stirn glättete sich; sie sah nieder: ei, so ein klein
lecker Stümpken! Akkurat so hatte ihr einst das eigne Kind, die kleine
Trina, im Arm gelegen, wie hatte da ihr Herz vor Freuden geklopft!
Und nun war sie Großmutter! Ihr Herz klopfte wieder, gerade so innig,
nein, fast noch mehr! Warm fühlte sie’s in sich aufwallen. Ja, sie
wollte es lieb haben, und was an ihr lag, das wollte sie wohl thun, der
Preuße sollte nicht die Oberhand kriegen; am Rhein war es geboren, ein
rheinisch Kind sollte das Finchen bleiben!
Sie mußte an sich halten, um dem Enkelkind nicht einen schallenden Kuß
aufzudrücken.
Der Geistliche sprach den Segen über die Täuflinge; es beruhigte die
Großmutter, daß er dabei wenigstens ein Kreuz machte. Durch das Glas
der Kirchenfenster fielen bunte Strahlen. Draußen schien wieder die
Sonne – ei, das war gut, da sah sich alles noch einmal so freundlich an!
Als sie dem Ausgang der Kirche zuschritten, hatte Frau Zillges wieder
ihr gewohntes behagliches Gesicht.
»Et hat noch jut jejangen,« flüsterte sie und nickte der Tochter zu.
Diese gähnte, war abgespannt und hatte Lust auf ein Gläschen Wein; aber
sie hatte keinen Viertelschoppen zu Hause, das fiel ihr ein, und darum
seufzte sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, als die Mutter einen Laut der
Überraschung ausstieß.
Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu. Er
schmunzelte über’s ganze Gesicht, zugleich ein bißchen pfiffig und ein
bißchen verlegen; da hatte er die ganze Zeit über versteckt gestanden
und zugesehen.
»No, Zillges,« flüsterte Frau Josefine Cordula und gab ihrem Mann
einen kleinen Puff in die Seite, »du bis aber einen!« Sie wollte
ärgerlich thun, aber sie brachte es nicht fertig. »Warum biste dann nit
wenigstens vornehin jekommen?!«
Er faßte sie unter den Arm und flüsterte zurück unter noch stärkerem
Schmunzeln: »Dat war mich nit möjelich, wahrhaftijens Jott nit – du
weißt doch – dat Bukping!« Und dabei knibbelte er mit dem Auge.
In guter Laune traten sie aus dem Portal. Es war wunderschönes Wetter
geworden; Damen mit Parasols und blumengeschmückten Kiepenhüten
bauschten ihre sommerlich hellen Gewänder.
»Wohin dann?« fragte Zillges, als sich Trina jetzt nach links wendete.
Die Infanteriekaserne dehnte sich lang, nahm die ganze eine Seite der
Straße ein, und die Feldwebelwohnung lag in Hof I, im äußersten linken
Flügel. »No, wat dann, wohin jehste?«
»Nach Haus,« murmelte Frau Trina mit zuckenden Lippen; es wurde ihr
doch gar schwer, wenn sie daran dachte, daß sie an dem schönen Sonntag,
der noch dazu der Tauftag ihres Kindes war, so mutterseelenallein in
der öden Kaserne sitzen sollte. Die Eltern würden ja nicht zu ihr
kommen, die hatten in dem ganzen Jahr kaum einmal die Feldwebelwohnung
betreten; und wenn auch der Rinke nicht da war, das thaten sie doch
nicht. Überdies war am Sonntag nachmittag immer viel Zuspruch im
›Bunten Vogel‹. »Och Jott, och Jott!« seufzte sie; sie fühlte sich doch
noch recht schwach.
Als hätte der Vater ihre Gedanken erraten, so sagte er jetzt: »No
Huus?! Biste jeck? Du wirst doch net e so trübselig allein sitzen?!
Komm du nur bei uns, Tring!«
»Un dat Finken kömmt auch mit bei sein Jroßmamma,« rief Mutter Zillges
und lächelte zärtlich ihr Enkelkind an.
Die junge Frau war zögernd stehen geblieben und wurde abwechselnd rot
und blaß. Ach ja, sie wollte sehr gern mitgehen, aber hatte ihr Mann
ihr nicht befohlen, sich ruhig zu Haus zu halten? Unschlüssig sah sie
vom Vater zur Mutter und auch zur kleinen Josefine hin, sie wußte
sich keinen Rat; ihr grauste vor den getünchten Kasernenwänden und
der Einsamkeit. Wie viel besser war’s in der getäfelten Wirtsstube
des ›Bunten Vogel‹, und nebenan im kleinen Comptörchen, wo der
große Lederstuhl am Fenster zum Ruhen einlud, und das erst kürzlich
angebrachte Spiönchen die Straße aufwärts und abwärts in seinem Glas
spiegelte. O, da war’s gut sein! Aber hatte Rinke nicht gesagt: ›Du
bist noch schwach, leg dich lieber ein paar Stunden hin, schon wegen
der Josefine!‹ Schwach, schwach?! Ne, sie war ganz kräftig!
Die Dauwenspeck gab den Ausschlag. »No, Madam’ Rinke,« mahnte sie,
»steht hie nit e so lang erum, dat es Euch nit jut. Zeit for ’t
Mittagessen es et auch als. Un et Finken hat auch als Appetitt. Madam
Zillges, seid e so freundlich, dragt dat Finken e Stücksken, et es mech
als janz schwer.«
Und nun schwenkte die kleine Karawane, als sei es so ganz
selbstverständlich, statt nach links, nach rechts ab, in der der
Feldwebelwohnung entgegengesetzten Richtung. –
Wer hätte gedacht, daß das heute noch so ein vergnügter Tag werden
würde! Mutter Zillges hatte ein gutes Mittagsessen vorbereitet gehabt,
und alle thaten ihrer Kochkunst Ehre an. Die Dauwenspeck versicherte,
sie könne sich tot essen an den gestovten Saubohnen und dem
frischgekochten durchwachsenen Speck; einen leckreren Zwetschgenkuchen
verstand überhaupt keiner zu backen, er schmeckte so ›herzlich‹. Auch
dem Düsseldorfer Obergärigen wurde wacker zugesprochen, und zuletzt
stieß man mit einem Gläschen Rheinwein auf das Wohl des Täuflings an.
Es herrschte ein ungemeines Behagen in der um diese Zeit noch leeren
Wirtsstube, an deren altertümlichen Wänden, zwischen ausgestopften
Vögeln und Schmetterlingskästen, verschiedene Lithographien des Kaisers
Napoleon hingen. Auf der einen stand er einsam, im kleinen Hütchen, die
Hand im Busen; auf der andern lag er zu St. Helena auf dem Sterbebett.
Peter Zillges bildete sich etwas darauf ein, daß er den Napoleon
gut gekannt. Hatte er dem Kaiser doch dazumal, anno elf, bei seinem
Einzug in Düsseldorf, so nahe gestanden, daß er ihn hätte am Rockschoß
greifen können. Auf dem Hügel am neuen Hafen war’s gewesen, da hatte
Napoleon einen Augenblick verweilt. Die Bürgergarde bildete Spalier,
Tücher wurden geschwenkt, Kinder und Jungfrauen streuten Blumen,
Musik spielte, Trommeln wirbelten, vom Boulevard Napoleon und der Rue
l’Empereur her wehten Fahnen, eine Ehrenpforte war gebaut am Ratinger
Thor, eine schaulustige Menge drängte sich, es gab ihrer genug, die
da schrieen: »_Vive l’empereur!_« Aber finster hatte jener gestanden,
die Arme über der Brust gekreuzt, und hinausgestarrt auf den Rhein,
der unruhig seine schweren, herbstgrauen Wogen vorbei rollte. Der arme
Kaiser, dem ahnte wohl schon Unheil!
Zillges erzählte das gern und anschaulich; er konnte sich nie eines
gewissen Bedauerns dabei erwehren. Man kannte den Napoleon doch von
Angesicht zu Angesicht, man war lange genug französisch gewesen, und
die Kurpfälzer und Österreicher, die vordem in der Stadt gelegen,
hatten übermütiger gehaust, wie die Truppen der Division Lefebvre. Und
wem hatte die Stadt denn den neuen Hafen und die schönen Anlagen des
Hofgartens, in denen der Bürger sich mit Weib und Kind ergehen konnte,
und den Ananasberg und den Napoleonsberg und die breite Alleestraße
zu verdanken? Nur dem Napoleon! Ohne den säße man noch in der engen
Festung und hätte Gott weiß was für Einquartierung auf dem Hals.
Ja, der Napoleon, das war einer gewesen – Gott hab’ ihn selig!
Ganz bescheiden nahm sich der Preußenkönig, Friedrich Wilhelm III.,
zwischen den beiden großen Lithographien aus.
Man saß noch hinter’m Tisch, als ein paar Gäste im ›Bunten Vogel‹
erschienen, gute Bekannte, die Mutter Zillges gleich zum Kaffee einlud.
Nun fuhr sie ihren Korinthenblatz auf.
Trina saß da mit hochgeröteten Wangen; sie hatte ihr Kind an der
Brust und ließ sich’s selber auch wohl sein. Ihre Augen glänzten; die
Freunde bewunderten das ›staatse‹ Kind – und dann war so viel zu hören
und zu erzählen! Sie hatte sich lange nicht so recht ausgesprochen.
Gedankenlos aß und trank sie in sich hinein; der Nachmittag verflog im
Umsehen.
Es kamen der Gäste noch mehr, heut schenkte Peter Zillges gratis ein
– das erste Enkelkind, da wollte er sich doch nicht lumpen lassen.
Die Fröhlichkeit wurde laut, durch die offenen Fenster schallten die
Stimmen weit hinab die Ratingerstraße. Mancher Bürger, der vorüberging,
trat, angelockt durch das lustige Getön, in den ›Bunten Vogel‹ ein und
blieb drinnen. Der Kreis vergrößerte sich bedeutend; auch junge Leute
waren da, die mit der Trina einst ›Dopp‹ auf der Straße geschlagen und
um den alten Jan Willem auf dem Markt ›Nachläufches‹ gespielt. Sie
neckten sie alle mit ihrem Preuß’; aber die Neckerei war gutmütig, und
so lachte sie mit, daß sie sich schüttelte.
Nun fing man an zu singen. Die jungen Männer gehörten zum
Gesellenverein und hielten ihre Übungen zu allen kirchlichen Feiern;
mit einem langgezogenen, choralartigen Lied begannen sie denn auch
erst, aber bald folgten leichtere Weisen. Der Tenor legte sich
ordentlich in’s Zeug, donnernd fiel der Baß ein; zuletzt freilich ging
der Gesang etwas auseinander.
Es war heiß geworden, die Luft in der Wirtsstube stickig, von
Pfeifenqualm erfüllt. Die kleine Josefine quäkte unruhig. Frau
Dauwenspeck hatte sie der jungen Mutter abgenommen, schaukelte sie hin
und her und gab ab und zu ein beruhigendes Kläpschen auf die Rückseite
des fest zugebündelten Stechkissens.
Einer der jungen Männer, der Schnakenbergs Hendrich aus der ›Windmühl‹,
pfiff der Kleinen freundlich etwas vor, ein Rheinländer war’s – hei,
fuhr der allen in die Beine! Man stand auf und fing an zu schleifen.
Der Zillges war ein rechter Schalk, ehe seine Josefine Cordula sich
dessen versah, hatte er sie um die Taille gefaßt: vier Schritt nach
links, vier nach rechts, schwenkt euch rund, immer rund! Weiß Gott, der
tanzte seine rheinische Polka noch wie ein Junger.
Trina war auch von der Bank aufgesprungen, sie stellte sich auf die
Zehen und reckte sich hinter’m Tisch, um Großvater und Großmutter
tanzen zu sehen, und lachte unbändig. Rosig und hübsch sah sie aus. Wie
lange nicht, vertieften sich die Lachgrübchen in ihren runden Wangen,
ihre Augen glitzerten vor Vergnügen; nun streckte sie den Finger aus
und kreischte laut auf. Sie hatte einen ganz kleinen Schwips.
Der schwarze Hendrich, der früher schon immer ein Auge auf sie gehabt,
voltigierte hinter den Tisch und zog sie vor. Ob sie sich auch kichernd
sträubte, er drehte sie ein paarmal herum, nur ein paarmal; sie waren
noch kaum vom Tisch weggekommen, da stockte ihr der Atem – jemand war
eingetreten, ein strammer Langer, in Uniform – da – da – der Feldwebel!
Mitten in der Stube stand er und sah sie an mit einem bösen Gesicht.
Es war eine unangenehme Überraschung für beide Teile. Frau Trina wurde
noch glühender rot, des Feldwebels gebräuntes Gesicht wurde fahl.
Aha, da war er ja gerade zur rechten Zeit gekommen! Also darum hatte es
ihn innerlich so getrieben, daß er sich in Wesel, nachdem er in später
Nacht seine Gefangenen eingebracht und den Ablieferungsschein erhalten,
nur wenige Stunden Rast gegönnt und im Morgengrauen bereits wieder die
Rückfahrt angetreten?! In Kaiserswerth hatte er seine Mannschaft hinter
sich gelassen und war auf einem ausgespannten Gaul heimgeritten, so
rasch der müde Klepper laufen konnte.
Nur nach Haus! Eine Sehnsucht hatte ihn plötzlich ergriffen, noch
heimzukommen am Tauftag seines Kindes. Ganz wollte er doch nicht
fehlen; auch die Käthe würde sich freuen, wenn er noch kam.
Er hatte von seinem Vater einen Siegesthaler von anno 13 ererbt –
eine Öse war schon daran – da sollte die Käthe gleich ein Schnürchen
durchziehen, und er wollte ihn seiner Tochter heute um den Hals hängen
als einen Talisman. Er war ganz glücklich in dieser Idee.
Was der Wachtmeister Rinke wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß sich
sein Enkelkind an seinem Siegesthaler einmal die Zähnchen durchbeißen
könnte?! Freuen thäte der sich.
Lebhaft gedachte der Feldwebel in dieser Stunde seiner Eltern. Nun er
selber Vater war, fühlte er sich ihnen näher, obgleich er die Stelle,
wo sein Vater in der Erde ruhte, nicht kannte. Der Alte lag wohl in
irgend einem Massengrab bei Waterloo. Und die Mutter? Die war schon
begraben worden anno 13, als der Vater noch unter’m alten Blücher im
Kriege focht.
Die Mutter! Ach ja, die hatte bitter Not gelitten in ihrer
Todkrankheit; die Nachbarn im armen märkischen Nest hatten auch nichts,
er, der Zwölfjährige, war ihre einzige Stütze. Rinke erinnerte sich
deutlich der kalten Winternacht, in der er, ohne Strümpfe, die nackten,
mit Lappen umwickelten Beine in die zerrissenen Schuhe gesteckt,
zum Flüßchen hinabgelaufen war, um Eis zu hacken, damit sie ihren
Durst löschen sollte. Die Axt war ihm abgeglitten und hatte seinen
Fuß getroffen, er hatte dessen nicht geachtet und war in fliegendem
Lauf zu der Fiebernden zurückgeeilt. Da hatte er gelernt, die Zähne
zusammenzubeißen. Es gehörte Mut dazu, die einsame, lange Winternacht
hinzubringen in der kalten Kammer, an deren klapperndem Fenster der
Wind rüttelte. Die Sterbende suchte bei ihm Wärme in ihrer Todeskälte;
selbst frierend, preßte er sie in seine Kinderarme. So hatten sie
einander umklammert, der Sohn der Mutter Schutz gebend und doch
zugleich noch Schutz bei ihr suchend.
Friedrich Rinke hatte kein Glück, wenn er seiner Frau von der
Vergangenheit erzählen wollte. Das erste Mal, als sie eben verheiratet
gewesen, hatte sie zwar mitleidig geweint, aber als er noch einmal
darauf zu sprechen kam, sagte sie: ›Och, laß dat!‹ Es machte sie
graulen und verdarb ihr die gute Laune. Aber seiner Tochter wollte er
früh davon erzählen, das nahm er sich vor. –
Immer rascher trieb er sein Pferd an. Schaum stand dem Tier auf den
Flanken, als er in den Kasernenhof sprengte. Mit steifen Beinen
stolperte er die Holzstiege zu seiner Wohnung hinan; er lachte in sich
hinein – ob die kleine Josefine wohl schlief? Es war drinnen ganz
still. Die Hand auf die Klinke legend, drückte er sie behutsam nieder –
was, verschlossen?! Donnerwetter, hatte die Käthe sich eingesperrt?!
Er klopfte, erst mit dem Finger, dann mit der Faust; er rief: »Käthe,
Käthe!« Und immer grollender: »Frau!« Keine Antwort. Sie war nicht da.
Aber das Kind mußte doch drinnen sein?! Er horchte: auch von dem kein
Tönchen!
Was war denn das für eine Zucht?! Einen Fluch ausstoßend, polterte er
die Stiege wieder hinunter. Wo steckten sie?
Ein paar Soldaten, die auf der Bank vor der Thür ihres Blocks rauchend
den Sonntag verdruselten, standen stramm: Die Frau Feldwebel war gegen
mittag mit dem Kind und dem alten Weibsbild fortgegangen; bis jetzt
hatten sie sie nicht wiederkommen sehen.
»Blinde Hessen!«