II

Vierzehn Tage später, an einem August-Sonntag 1830, wurde Josefine

Rinke getauft.

Der Feldwebel hätte seine Erstgeborene gern Luise genannt,

nach Preußens geliebtester Königin, aber es wurde als ganz

selbstverständlich angenommen, das Kind mußte einen Namen von

Großmutter Zillges führen; und so wollte er seinem erst eben genesenen

Weib, das ohnehin leicht flennte, diesen Kummer nicht auch noch anthun.

War es Trina doch Kummer genug, daß sie die Taufe nicht mit einem Fest

feiern sollte, wie sie es gewohnt war bei weit geringeren Anlässen. Im

›bunten Vogel‹ hatte man gern gefeiert; es gab so viel Heiligentage,

so viel fröhliche Gelegenheiten. Und wenn man sich nur einen ›Spaß‹

machte, Bratäpfel und Kastanien schmauste, sobald der erste Schnee

fiel, oder singend über flackernde Lichtstümpfchen hüpfte.

Nun sollte nicht einmal die Taufe der kleinen Josefine mit einem Essen

begangen werden, zu dem man Gevattern und Freunde einlud! Ein größerer

Gefangenentransport war nach der Festung Wesel zu eskortieren; statt

des plötzlich erkrankten Offiziers hatte man Rinke das Kommando

angeboten, und er hatte es angenommen. Hätte er’s nicht ebenso gut

ablehnen können, die Taufe seines Kindes war doch Grund genug?! Aber

nein – Frau Trina war außer sich – annehmen mußte er’s, aus purer

Eitelkeit! Und wenn’s denn schon sein mußte, so hätte man ja doch die

Taufe verschieben können, um ein, zwei Tage bloß; aber nein, auch das

nicht, der einmal festgesetzte Termin mußte innegehalten werden. Weil

der Garnisonspfarrer am Sonntag nach der evangelischen Kirche ein halb

Dutzend Soldatenkinder zusammen taufte, mußte das Finchen auch ’ran.

Das arme Finchen, das kriegte ja gar keine richtige Tauf’!

›Wenigstens en Tass’ Kaffee mit Bollebäuskes und Rodon,‹ hatte sie

schluchzend ihren Mann gebeten, ›un nachher e Jläsche Wein! Un nur

en paar jute Bekannte derzu! Dat können mer doch auch ohne dich, da

brauchst du ja jar nit bei zu sein!‹

›Ob ich ›bei‹ bin oder nicht,‹ hatte er gesagt, ärgerlich ihre

Sprechweise nachahmend, ›ich will den Sums nicht! Schlicht getauft,

weiter was ist nich nötig!‹ Die Feldwebelin hatte sich bitter bei ihrer

Mutter beklagt.

Schmerzlich bewegt schritt Frau Zillges heute mit der Tochter und der

getreuen Dauwenspeck, die den Täufling trug, zur Kirche. Sie kamen

ein wenig zu früh, aber sie standen lieber draußen vor der Thür und

warteten, als daß sie eingetreten wären, wozu der Küster sie leise

aufforderte.

Es fing an zu regnen, ein kühler Gewitternachregen war’s; das Pflaster

der Kasernenstraße trat sich unangenehm schlüpfrig. Die junge Frau

trippelte blaß und fröstelnd hin und her, ihre blauen Augen irrten

verdrossen die Straße auf und ab: ach, gar nichts zu sehen! Nur ein

paar Soldaten in Drillichjacken guckten gelangweilt aus den Fenstern

rechts und links von Sankt Anna.

Die Dauwenspeck schlug einen Zipfel ihrer Mantille über den Täufling

und drückte sich, so sehr sie konnte, auf der Schwelle der Kirche unter

die etwas vorspringende Eingangsbedachung.

Mutter Zillges stand unbeweglich und schien des Regens nicht zu achten,

der ihre Haube näßte; sie war in Gedanken versunken. Für eine, die

schon einige Jahre die Fünfzig hinter sich hatte, war ihr Gesicht

merkwürdig glatt geblieben, dies freundliche, behagliche, zufriedene

Gesicht. Heut sah man doch, daß es auch schon Runzeln hatte. War’s denn

nicht auch zu traurig? Solch eine Taufe! Der Vater nicht zugegen, der

Großvater nicht zugegen – was sollten die Leute wohl denken, daß der

Zillges nicht mitgekommen war? Jemand Fremdes zu Gevatter zu bitten,

hatte man ja ohnehin bei so einer Taufe gar nicht gewagt. Frau Josefine

Cordula fühlte sich heut wirklich unglücklich, sie konnte sich nicht

erinnern, je in ihrem Leben unglücklicher gewesen zu sein, nicht

einmal, als ihre Eltern starben. Da hatte der Weihrauch die ›Stadt

Venlo‹ durchweht, wie ein sanft tröstender Hauch des Himmels. Heut

aber, hier auf der regenfeuchten Straße, angesichts einer Taufe, die

eigentlich gar keine war, versagte ihre Fassung. Hatte ihr zu alledem

doch noch Zillges heute morgen erklärt, als er das bedrohliche Wetter

sah, sie solle nur allein zu der ›Ketzerei‹ laufen, er ginge nicht

mit. Sie hatte ihn ›bequem‹ gescholten, sogar mit ihm gebrummt, was

selten vorkam, aber der sonst so gemütliche Peter blieb dickköpfig.

Nein, wenn der nicht wollte, dann wollte er nun mal nicht. Überdies

hätte er Leibschmerzen, sagte er.

Wenn Frau Zillges es recht bedachte, verdenken konnte sie ihrem Peter

sein Fernbleiben eigentlich nicht, der Rinke hatte ihn doch zu sehr

geärgert. Freilich hatte die dumme Trina in der ersten Verliebtheit

jedes Zugeständnis gemacht, aber nun hätte Rinke doch auch ein bißchen

mit sich reden lassen können: wenigstens halb und halb – die Mädchens

nach der Mutter, die Jungens nach dem Vater! Mutter Zillges hatte die

ganzen vierzehn Tage seit der Geburt der Kleinen gehofft, der Feldwebel

werde sich besinnen und das Kind durch eine heilige Taufe den wahren

Gläubigen zugesellen.

Sie hatte ihre Tochter, die ja immer ein bißchen lässig war und gern

Unangenehmem aus dem Weg ging, beschworen, ihrem Mann ernstliche

Vorstellungen zu machen.

Trina behauptete auch, das gethan zu haben: aber ›er is doch nu ens

so,‹ hatte sie gejammert, ›ich krieg ihn nit derzu. Wat soll ich dabei

machen? Laßt mich zufrieden!‹

Ach, ach, es war aber auch alles zu ärgerlich! Frau Zillges biß sich

auf die Lippen; sie wurde nicht gleich so grob wie ihr Mann, aber wenn

sie den Rinke jetzt hier gehabt hätte, glaubte sie sich imstande, ihm

ordentlich den Text zu lesen. Jedes harmlose Pläsier verdarb einem der

Preuße!

Während der ganzen ersten Hälfte der Ansprache, die der Pastor hielt,

dachte sie darüber nach, warum sie eigentlich für einen so betrüblichen

Tag einen so großen Zwetschgenkuchen gebacken hatte und einen so

leckeren Blatz mit Korinthen. Wie konnte man denn essen, wenn man so

traurig war?! Aber sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, war es der

Anblick des Kindchens, das, ganz so rund und blond wie die Mutter,

brav schlummerte, die kleinen Hände zu Fäustchen geballt? Das nicht

einmal aufzuckte, als die kalten Wassertropfen den zarten Flaum seines

Köpfchens besprengten? Sie bekam freundlichere Gedanken.

Und hier der Hochaltar von Marmorstein, den man von den frommen

Cölestinerinnen hergebracht – und da der heilige Johannes Nepomuk

und dort in der Nische die heilige Anna! Nein, noch war nicht alles

verloren! Ihre Stirn glättete sich; sie sah nieder: ei, so ein klein

lecker Stümpken! Akkurat so hatte ihr einst das eigne Kind, die kleine

Trina, im Arm gelegen, wie hatte da ihr Herz vor Freuden geklopft!

Und nun war sie Großmutter! Ihr Herz klopfte wieder, gerade so innig,

nein, fast noch mehr! Warm fühlte sie’s in sich aufwallen. Ja, sie

wollte es lieb haben, und was an ihr lag, das wollte sie wohl thun, der

Preuße sollte nicht die Oberhand kriegen; am Rhein war es geboren, ein

rheinisch Kind sollte das Finchen bleiben!

Sie mußte an sich halten, um dem Enkelkind nicht einen schallenden Kuß

aufzudrücken.

Der Geistliche sprach den Segen über die Täuflinge; es beruhigte die

Großmutter, daß er dabei wenigstens ein Kreuz machte. Durch das Glas

der Kirchenfenster fielen bunte Strahlen. Draußen schien wieder die

Sonne – ei, das war gut, da sah sich alles noch einmal so freundlich an!

Als sie dem Ausgang der Kirche zuschritten, hatte Frau Zillges wieder

ihr gewohntes behagliches Gesicht.

»Et hat noch jut jejangen,« flüsterte sie und nickte der Tochter zu.

Diese gähnte, war abgespannt und hatte Lust auf ein Gläschen Wein; aber

sie hatte keinen Viertelschoppen zu Hause, das fiel ihr ein, und darum

seufzte sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, als die Mutter einen Laut der

Überraschung ausstieß.

Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu. Er

schmunzelte über’s ganze Gesicht, zugleich ein bißchen pfiffig und ein

bißchen verlegen; da hatte er die ganze Zeit über versteckt gestanden

und zugesehen.

»No, Zillges,« flüsterte Frau Josefine Cordula und gab ihrem Mann

einen kleinen Puff in die Seite, »du bis aber einen!« Sie wollte

ärgerlich thun, aber sie brachte es nicht fertig. »Warum biste dann nit

wenigstens vornehin jekommen?!«

Er faßte sie unter den Arm und flüsterte zurück unter noch stärkerem

Schmunzeln: »Dat war mich nit möjelich, wahrhaftijens Jott nit – du

weißt doch – dat Bukping!« Und dabei knibbelte er mit dem Auge.

In guter Laune traten sie aus dem Portal. Es war wunderschönes Wetter

geworden; Damen mit Parasols und blumengeschmückten Kiepenhüten

bauschten ihre sommerlich hellen Gewänder.

»Wohin dann?« fragte Zillges, als sich Trina jetzt nach links wendete.

Die Infanteriekaserne dehnte sich lang, nahm die ganze eine Seite der

Straße ein, und die Feldwebelwohnung lag in Hof I, im äußersten linken

Flügel. »No, wat dann, wohin jehste?«

»Nach Haus,« murmelte Frau Trina mit zuckenden Lippen; es wurde ihr

doch gar schwer, wenn sie daran dachte, daß sie an dem schönen Sonntag,

der noch dazu der Tauftag ihres Kindes war, so mutterseelenallein in

der öden Kaserne sitzen sollte. Die Eltern würden ja nicht zu ihr

kommen, die hatten in dem ganzen Jahr kaum einmal die Feldwebelwohnung

betreten; und wenn auch der Rinke nicht da war, das thaten sie doch

nicht. Überdies war am Sonntag nachmittag immer viel Zuspruch im

›Bunten Vogel‹. »Och Jott, och Jott!« seufzte sie; sie fühlte sich doch

noch recht schwach.

Als hätte der Vater ihre Gedanken erraten, so sagte er jetzt: »No

Huus?! Biste jeck? Du wirst doch net e so trübselig allein sitzen?!

Komm du nur bei uns, Tring!«

»Un dat Finken kömmt auch mit bei sein Jroßmamma,« rief Mutter Zillges

und lächelte zärtlich ihr Enkelkind an.

Die junge Frau war zögernd stehen geblieben und wurde abwechselnd rot

und blaß. Ach ja, sie wollte sehr gern mitgehen, aber hatte ihr Mann

ihr nicht befohlen, sich ruhig zu Haus zu halten? Unschlüssig sah sie

vom Vater zur Mutter und auch zur kleinen Josefine hin, sie wußte

sich keinen Rat; ihr grauste vor den getünchten Kasernenwänden und

der Einsamkeit. Wie viel besser war’s in der getäfelten Wirtsstube

des ›Bunten Vogel‹, und nebenan im kleinen Comptörchen, wo der

große Lederstuhl am Fenster zum Ruhen einlud, und das erst kürzlich

angebrachte Spiönchen die Straße aufwärts und abwärts in seinem Glas

spiegelte. O, da war’s gut sein! Aber hatte Rinke nicht gesagt: ›Du

bist noch schwach, leg dich lieber ein paar Stunden hin, schon wegen

der Josefine!‹ Schwach, schwach?! Ne, sie war ganz kräftig!

Die Dauwenspeck gab den Ausschlag. »No, Madam’ Rinke,« mahnte sie,

»steht hie nit e so lang erum, dat es Euch nit jut. Zeit for ’t

Mittagessen es et auch als. Un et Finken hat auch als Appetitt. Madam

Zillges, seid e so freundlich, dragt dat Finken e Stücksken, et es mech

als janz schwer.«

Und nun schwenkte die kleine Karawane, als sei es so ganz

selbstverständlich, statt nach links, nach rechts ab, in der der

Feldwebelwohnung entgegengesetzten Richtung. –

Wer hätte gedacht, daß das heute noch so ein vergnügter Tag werden

würde! Mutter Zillges hatte ein gutes Mittagsessen vorbereitet gehabt,

und alle thaten ihrer Kochkunst Ehre an. Die Dauwenspeck versicherte,

sie könne sich tot essen an den gestovten Saubohnen und dem

frischgekochten durchwachsenen Speck; einen leckreren Zwetschgenkuchen

verstand überhaupt keiner zu backen, er schmeckte so ›herzlich‹. Auch

dem Düsseldorfer Obergärigen wurde wacker zugesprochen, und zuletzt

stieß man mit einem Gläschen Rheinwein auf das Wohl des Täuflings an.

Es herrschte ein ungemeines Behagen in der um diese Zeit noch leeren

Wirtsstube, an deren altertümlichen Wänden, zwischen ausgestopften

Vögeln und Schmetterlingskästen, verschiedene Lithographien des Kaisers

Napoleon hingen. Auf der einen stand er einsam, im kleinen Hütchen, die

Hand im Busen; auf der andern lag er zu St. Helena auf dem Sterbebett.

Peter Zillges bildete sich etwas darauf ein, daß er den Napoleon

gut gekannt. Hatte er dem Kaiser doch dazumal, anno elf, bei seinem

Einzug in Düsseldorf, so nahe gestanden, daß er ihn hätte am Rockschoß

greifen können. Auf dem Hügel am neuen Hafen war’s gewesen, da hatte

Napoleon einen Augenblick verweilt. Die Bürgergarde bildete Spalier,

Tücher wurden geschwenkt, Kinder und Jungfrauen streuten Blumen,

Musik spielte, Trommeln wirbelten, vom Boulevard Napoleon und der Rue

l’Empereur her wehten Fahnen, eine Ehrenpforte war gebaut am Ratinger

Thor, eine schaulustige Menge drängte sich, es gab ihrer genug, die

da schrieen: »_Vive l’empereur!_« Aber finster hatte jener gestanden,

die Arme über der Brust gekreuzt, und hinausgestarrt auf den Rhein,

der unruhig seine schweren, herbstgrauen Wogen vorbei rollte. Der arme

Kaiser, dem ahnte wohl schon Unheil!

Zillges erzählte das gern und anschaulich; er konnte sich nie eines

gewissen Bedauerns dabei erwehren. Man kannte den Napoleon doch von

Angesicht zu Angesicht, man war lange genug französisch gewesen, und

die Kurpfälzer und Österreicher, die vordem in der Stadt gelegen,

hatten übermütiger gehaust, wie die Truppen der Division Lefebvre. Und

wem hatte die Stadt denn den neuen Hafen und die schönen Anlagen des

Hofgartens, in denen der Bürger sich mit Weib und Kind ergehen konnte,

und den Ananasberg und den Napoleonsberg und die breite Alleestraße

zu verdanken? Nur dem Napoleon! Ohne den säße man noch in der engen

Festung und hätte Gott weiß was für Einquartierung auf dem Hals.

Ja, der Napoleon, das war einer gewesen – Gott hab’ ihn selig!

Ganz bescheiden nahm sich der Preußenkönig, Friedrich Wilhelm III.,

zwischen den beiden großen Lithographien aus.

Man saß noch hinter’m Tisch, als ein paar Gäste im ›Bunten Vogel‹

erschienen, gute Bekannte, die Mutter Zillges gleich zum Kaffee einlud.

Nun fuhr sie ihren Korinthenblatz auf.

Trina saß da mit hochgeröteten Wangen; sie hatte ihr Kind an der

Brust und ließ sich’s selber auch wohl sein. Ihre Augen glänzten; die

Freunde bewunderten das ›staatse‹ Kind – und dann war so viel zu hören

und zu erzählen! Sie hatte sich lange nicht so recht ausgesprochen.

Gedankenlos aß und trank sie in sich hinein; der Nachmittag verflog im

Umsehen.

Es kamen der Gäste noch mehr, heut schenkte Peter Zillges gratis ein

– das erste Enkelkind, da wollte er sich doch nicht lumpen lassen.

Die Fröhlichkeit wurde laut, durch die offenen Fenster schallten die

Stimmen weit hinab die Ratingerstraße. Mancher Bürger, der vorüberging,

trat, angelockt durch das lustige Getön, in den ›Bunten Vogel‹ ein und

blieb drinnen. Der Kreis vergrößerte sich bedeutend; auch junge Leute

waren da, die mit der Trina einst ›Dopp‹ auf der Straße geschlagen und

um den alten Jan Willem auf dem Markt ›Nachläufches‹ gespielt. Sie

neckten sie alle mit ihrem Preuß’; aber die Neckerei war gutmütig, und

so lachte sie mit, daß sie sich schüttelte.

Nun fing man an zu singen. Die jungen Männer gehörten zum

Gesellenverein und hielten ihre Übungen zu allen kirchlichen Feiern;

mit einem langgezogenen, choralartigen Lied begannen sie denn auch

erst, aber bald folgten leichtere Weisen. Der Tenor legte sich

ordentlich in’s Zeug, donnernd fiel der Baß ein; zuletzt freilich ging

der Gesang etwas auseinander.

Es war heiß geworden, die Luft in der Wirtsstube stickig, von

Pfeifenqualm erfüllt. Die kleine Josefine quäkte unruhig. Frau

Dauwenspeck hatte sie der jungen Mutter abgenommen, schaukelte sie hin

und her und gab ab und zu ein beruhigendes Kläpschen auf die Rückseite

des fest zugebündelten Stechkissens.

Einer der jungen Männer, der Schnakenbergs Hendrich aus der ›Windmühl‹,

pfiff der Kleinen freundlich etwas vor, ein Rheinländer war’s – hei,

fuhr der allen in die Beine! Man stand auf und fing an zu schleifen.

Der Zillges war ein rechter Schalk, ehe seine Josefine Cordula sich

dessen versah, hatte er sie um die Taille gefaßt: vier Schritt nach

links, vier nach rechts, schwenkt euch rund, immer rund! Weiß Gott, der

tanzte seine rheinische Polka noch wie ein Junger.

Trina war auch von der Bank aufgesprungen, sie stellte sich auf die

Zehen und reckte sich hinter’m Tisch, um Großvater und Großmutter

tanzen zu sehen, und lachte unbändig. Rosig und hübsch sah sie aus. Wie

lange nicht, vertieften sich die Lachgrübchen in ihren runden Wangen,

ihre Augen glitzerten vor Vergnügen; nun streckte sie den Finger aus

und kreischte laut auf. Sie hatte einen ganz kleinen Schwips.

Der schwarze Hendrich, der früher schon immer ein Auge auf sie gehabt,

voltigierte hinter den Tisch und zog sie vor. Ob sie sich auch kichernd

sträubte, er drehte sie ein paarmal herum, nur ein paarmal; sie waren

noch kaum vom Tisch weggekommen, da stockte ihr der Atem – jemand war

eingetreten, ein strammer Langer, in Uniform – da – da – der Feldwebel!

Mitten in der Stube stand er und sah sie an mit einem bösen Gesicht.

Es war eine unangenehme Überraschung für beide Teile. Frau Trina wurde

noch glühender rot, des Feldwebels gebräuntes Gesicht wurde fahl.

Aha, da war er ja gerade zur rechten Zeit gekommen! Also darum hatte es

ihn innerlich so getrieben, daß er sich in Wesel, nachdem er in später

Nacht seine Gefangenen eingebracht und den Ablieferungsschein erhalten,

nur wenige Stunden Rast gegönnt und im Morgengrauen bereits wieder die

Rückfahrt angetreten?! In Kaiserswerth hatte er seine Mannschaft hinter

sich gelassen und war auf einem ausgespannten Gaul heimgeritten, so

rasch der müde Klepper laufen konnte.

Nur nach Haus! Eine Sehnsucht hatte ihn plötzlich ergriffen, noch

heimzukommen am Tauftag seines Kindes. Ganz wollte er doch nicht

fehlen; auch die Käthe würde sich freuen, wenn er noch kam.

Er hatte von seinem Vater einen Siegesthaler von anno 13 ererbt –

eine Öse war schon daran – da sollte die Käthe gleich ein Schnürchen

durchziehen, und er wollte ihn seiner Tochter heute um den Hals hängen

als einen Talisman. Er war ganz glücklich in dieser Idee.

Was der Wachtmeister Rinke wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß sich

sein Enkelkind an seinem Siegesthaler einmal die Zähnchen durchbeißen

könnte?! Freuen thäte der sich.

Lebhaft gedachte der Feldwebel in dieser Stunde seiner Eltern. Nun er

selber Vater war, fühlte er sich ihnen näher, obgleich er die Stelle,

wo sein Vater in der Erde ruhte, nicht kannte. Der Alte lag wohl in

irgend einem Massengrab bei Waterloo. Und die Mutter? Die war schon

begraben worden anno 13, als der Vater noch unter’m alten Blücher im

Kriege focht.

Die Mutter! Ach ja, die hatte bitter Not gelitten in ihrer

Todkrankheit; die Nachbarn im armen märkischen Nest hatten auch nichts,

er, der Zwölfjährige, war ihre einzige Stütze. Rinke erinnerte sich

deutlich der kalten Winternacht, in der er, ohne Strümpfe, die nackten,

mit Lappen umwickelten Beine in die zerrissenen Schuhe gesteckt,

zum Flüßchen hinabgelaufen war, um Eis zu hacken, damit sie ihren

Durst löschen sollte. Die Axt war ihm abgeglitten und hatte seinen

Fuß getroffen, er hatte dessen nicht geachtet und war in fliegendem

Lauf zu der Fiebernden zurückgeeilt. Da hatte er gelernt, die Zähne

zusammenzubeißen. Es gehörte Mut dazu, die einsame, lange Winternacht

hinzubringen in der kalten Kammer, an deren klapperndem Fenster der

Wind rüttelte. Die Sterbende suchte bei ihm Wärme in ihrer Todeskälte;

selbst frierend, preßte er sie in seine Kinderarme. So hatten sie

einander umklammert, der Sohn der Mutter Schutz gebend und doch

zugleich noch Schutz bei ihr suchend.

Friedrich Rinke hatte kein Glück, wenn er seiner Frau von der

Vergangenheit erzählen wollte. Das erste Mal, als sie eben verheiratet

gewesen, hatte sie zwar mitleidig geweint, aber als er noch einmal

darauf zu sprechen kam, sagte sie: ›Och, laß dat!‹ Es machte sie

graulen und verdarb ihr die gute Laune. Aber seiner Tochter wollte er

früh davon erzählen, das nahm er sich vor. –

Immer rascher trieb er sein Pferd an. Schaum stand dem Tier auf den

Flanken, als er in den Kasernenhof sprengte. Mit steifen Beinen

stolperte er die Holzstiege zu seiner Wohnung hinan; er lachte in sich

hinein – ob die kleine Josefine wohl schlief? Es war drinnen ganz

still. Die Hand auf die Klinke legend, drückte er sie behutsam nieder –

was, verschlossen?! Donnerwetter, hatte die Käthe sich eingesperrt?!

Er klopfte, erst mit dem Finger, dann mit der Faust; er rief: »Käthe,

Käthe!« Und immer grollender: »Frau!« Keine Antwort. Sie war nicht da.

Aber das Kind mußte doch drinnen sein?! Er horchte: auch von dem kein

Tönchen!

Was war denn das für eine Zucht?! Einen Fluch ausstoßend, polterte er

die Stiege wieder hinunter. Wo steckten sie?

Ein paar Soldaten, die auf der Bank vor der Thür ihres Blocks rauchend

den Sonntag verdruselten, standen stramm: Die Frau Feldwebel war gegen

mittag mit dem Kind und dem alten Weibsbild fortgegangen; bis jetzt

hatten sie sie nicht wiederkommen sehen.

»Blinde Hessen!«

Die Wacht am Rhein · 第 10 / 74 题