VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Ein literarischer Salon ist wie

eine Kirche: Priester, die opfern,

und Gläubige, die beten, aber es

wird nicht immer richtig gesungen.

„Unser Roman geht weiter,“ sagte Armida zu Jappes und nahm das Geld in

Empfang, „betrage dich anständig, wir machen einen hohen Besuch.

Kommerzienrat Winterstein kennst du noch nicht? er ist unser Mann.“

Jappes hüpfte durchs Zimmer und lachte: „Kommerzienräte wollen gute

Manieren. Armida, rede mir nicht zu viel zu, sonst blamiere ich dich

durch sehr anständiges Betragen. Kommerzienräte können sich alles

leisten. Hast du ihm schon von mir erzählt?“

„Er weiß alles über dich, du darfst ganz Jappes sein.“

„Ich danke!“ und er reichte ihr den Arm.

Kommerzienrat Winterstein wohnte in einer Villa in Tempelhof. In

Geldsachen hatte er glänzende Erfahrungen gemacht. Er hatte eine

niedliche Tochter, ein Blaustrumpf in den begehrtesten Jahren. Seine

Villa war mit den Begierden seiner Frau möbliert, und obwohl Herr

Winterstein eine tiefdeutsche Gesinnung hatte, war alles im

Louis-XV-Stil gehalten. Wagen fuhren ein und aus. Lackierte Kutscher

lenkten die vernickelten Monturen durch das Parktor. Herr Kommerzienrat

Winterstein empfing die Gäste selbst: eine behäbige Lebhaftigkeit, der

man es auf eine Meile ansah, daß sie nicht so leicht aus dem Konzept zu

bringen war. Er war im Gesellschaftsanzug und einer Maréchal-Niel-Rose

erwies er die Ehre, in seinem Knopfloch duften zu dürfen.

„Unser neuer Freund Jappes,“ stellte Armida vor, Herr Winterstein

erstrahlte purpurn: „Sehr angenehm, dem Hause wird es eine Ehre sein,

den Freund Armidas zu Gaste zu haben.“ Neue Gäste kamen, und Jappes

sagte zu Armida: „Der Mann hat Gewicht, die Zähne sind schadhaft, aber

sein Mund ist eine Goldgrube. Das ist der erste Kommerzienrat, der mir

die Hand so angenehm geschüttelt hat.“

Dann schwammen sie im Strudel der Unterhaltung. Crêpe-de-Chine und Taft

und Tüll, strotzende, federnde Körper, Mädchen, die das erstemal in

Gesellschaft waren und die ihre fünf Sinne wie Antennen den Lockungen

und Reizen entgegenhielten: Kommt, wir sind reif und schmachtend!

Liebeblinzelnde Jungfern, die liebeblinzelnd in langjähriger Praxis im

gesellschaftlichen Verkehr auf der Suche nach dem Manne ihrer Wahl

waren, entschlossen, sich im Leben mit einem akademischen Grade zu

klassieren. Duft und perlende Weine. Frostige Matronen im Reif ihrer

Jahre frischten ihre Jugend wieder auf in der Retouche der

gesellschaftlichen Lüge: Ihre Reize: blitzende Geschmeide. Lachen, vor

dem Spiegel einstudiert, geglättet durch kluge Massage. Duftschwerer

Phlox in leuchtender Glut winkte von den Tischen. Die Männer in Smoking

und weißer Brustfläche – wie Silhouetten. Armida stellte Jappes vor:

jeder Gruppe anders, für die einen war er Kandidat Jappes, für die

anderen Medizinmensch, für dritte Publizist.

Armida sagte zu allen: „Das ist mein Freund!“ Jappes wurde in ein

Gespräch gezogen: „Sie sind Schriftsteller,“ sagte eine ältere Dame und

ein blendender Straußfächer kühlte ihre korpulenten Anstrengungen. „Man

hat uns gesagt, Sie sind auch so eine Art Dichter, eine Art Goethe oder

Hauptmann. Eine Ehre, mit Ihnen zusammen zu sein. Werden wir bald im

Theater etwas beklatschen können?“

„Die gnädigste Dame beklatscht jetzt schon tüchtig. Ich bin

Schriftsteller,“ hob Jappes mit leiser Ironie an, „ein Mensch, der allen

Geschmäckern gerecht zu werden sucht.“

„Sehr gut! Sehr gut!“ ging es durch die Gruppen.

„Wenn man dichtet,“ fuhr Jappes fort, „hat man gewöhnlich sehr viel

Allgemeines zu sagen. Die Schriftsteller, gnädigste Frau,“ wandte sich

Jappes zu der Dame, die ihn im Gespräch angezapft hatte, „die

Schriftsteller machen die Erfahrungen, die die anderen so gerne lesen.“

„Glänzend!“ sprühte ein gutgescheitelter Assessor, „der junge Mann hat

eine Zukunft. Wie machen Sie das eigentlich, die Gedanken so nach und

nach zu finden? jetzt muß ich schon dumm fragen.“

„Das Fragen bin ich schon gewöhnt; ein junger Dichter muß aufs

Interviewtwerden gefaßt sein. Aber das ist sehr einfach, ich trinke eine

Kanne Tee leer und melke die Muse.“

Der Assessor schüttelte sich vor Lachen: „Verwechseln Sie nicht manchmal

den Tee mit der Tinte?“

„Das ist ja weiter nicht schlimm,“ erwiderte Jappes, „solange das

Publikum nichts davon merkt.“

„Der Herr Assessor spricht Ihnen eine Zukunft zu,“ sagte die fächelnde

Dame, „mein Freund, der Herr Assessor, hat ein Auge für Größen.“

Sogar sinnvolle Gedichte können

verstanden werden.

Ein junger Klaviervirtuose spielte ein

triebhaft-schrankenlos-musikalisches Symbol und seine Akkorde fielen das

Ohr an wie eine kläffende Meute. Seine Gewalt hielt die Lippen in Bann

und die Ohren gefangen. Etwas Schreckhaft-Erotisches, etwas

Dunkel-Mystisches legte sich über die erhitzten Seelen.

Drängend-pulsierendes Leben schwebte durch den Saal, wie eine Narkose

nahm die Musik allmählich von den Sinnen Besitz, leise einschmeichelnd,

und als sie verklang, war es, als wolle der Zauber nicht weichen.

„Musik liebe ich nicht,“ sagte Jappes einer jungen Dame. „Wieso?!“

fragte das rosige Stimmchen, „Musik und Sekt ist das Schönste auf der

Welt und Cakes und Caesar Flaischlen!“

„Neben vielem anderen sind das Sachen für Damen. Backfische schwärmen

für platzend-prickelnde Sachen, für sacharinsüße Gedichte.“

„Machen Sie welche?“ fragte das Stimmchen.

„Ja!“

„Oh, bitte, bitte, bitte, erzählen Sie uns etwas von Ihren Gedichten,

das mag ich liebend gern.“

„Bedauere,“ darauf Jappes, „ich habe leider auch noch nichts davon

verstanden.“

„Das glaube ich,“ kicherte eine junge Fülle, „für das Geständnis müssen

Sie schon was hersagen.“ Sie drängten sich um Jappes, und im Tumult des

Saales sagte er ihnen vier Strophen:

„Ein Hund vor meiner Tür

und wedelt in die Nacht.

Aus meiner Brust ein Laut, er lacht,

ein Wächter meiner selbst, wie dieses Tier.

Blume bebt im Mittagsfeld

und trinkt von Sonne sich so voll und rot.

Hoffnung, bang, durchzuckt die Welt

– trinkt sich am Leben tot.

Schöpfer spendet sprudelnd Licht,

daß Seele dran sich labe;

was störst du meine flüchtige Habe

du neckisch kleiner Menschenwicht?

Nicht zagen Muts! Taumel-wirr,

trink auch vom roten Leben,

trink dich am Leben irr

und laß das Schicksal weben.“

„Das klingt so unverständlich, wie die Sachen von Stefan George,“

kicherte von neuem die junge Fülle, „all unsere jungen Dichter sind

Kanonenfutter für die Lyrik der Zukunft.“

Jappes: „Bei Stefan George ist nicht alles unverständlich. Wer

literarischen Takt hat, tut als ob er Modernes versteht. Die moderne

Richtung ist, unverständlich zu sein; denn alles was man verstehen kann,

ist schon gesagt. Es ist besser, etwas Unverständliches sagen, als das

Alte zu wiederholen, denn die Kunst kann nicht stille stehen.“

Fräulein Winterstein deutete ihre Ankunft durch ein elegisches Lächeln

an. Jappes grüßte sie sehr umständlich, obwohl er ihr schon vorgestellt

worden war: „Ich habe viel Ulkiges von Ihnen gehört,“ begann sie, „und

wünsche meine Ohren selber auf die Weide zu führen. Wie gefällt Ihnen

unser musischer Kreis? Lauter gebildete Menschen, gelt?“

Jappes machte eine Verbeugung: „Lauter Menschen, die den Anschein haben,

sehr gebildet sein zu wollen. Man spricht von Hölderlin-Bestrebungen,

vom Tempo eines Kasimir Edschmid, vom Sinne-kitzelnden Hanns Heinz Ewers

... Ueberall gelehrtes Gegacker; man kann sich hier allen Schliff holen,

den man sich im Lesesalon aneignen sollte. Und vor allem die

Interpretation der Bücher, sehr interessant, hochinteressant! Die Damen

haben direkt einen Flair für das Schöne.“

„Sie sind wohl auch einer von den Modernen, ein Skribifax, der allerlei

Industriewaren auf den Olymp schmuggelt und sich die lachende Gage des

Publikums erkitzelt? Unsere heutigen Schriftsteller sind alle ein

bißchen – – hm! wie soll ich sagen ...?“

„Geniale Schweine!“ ergänzte Jappes.

Das Fräulein lachte: „Wenn Sie es selbst sagen, ja! Man erkennt das Vieh

am Grunzen, aber es hat unsere ganze Sympathie, wenn es geschmackvoll

zubereitet ist.“ „Mit ein paar Trüffeln des Witzes,“ lachte Jappes.

Fräulein Winterstein: „Aber die Kritiker haben keinen richtigen

Anhaltpunkt, weil dem modernen Zeug so schwer beizukommen ist.“

„Die Schriftsteller schreiben manchmal absichtlich Blödsinn, um die

Kritiker auch zu inspirieren.“ Da wandte sich Jappes zu Herrn

Winterstein, um ihn zu begrüßen, lächelnd wie eine Putte war er

hinzugetreten. „Na,“ drückte er behäbig hervor, „interessante

Unterhaltung, was? Hoher Ton?“

„Wir haben über die Frauen geredet, Herr Kommerzienrat,“ sagte Jappes.

„Wenn einem das Thema ausgeht, kann man immer noch etwas über die Frau

sagen.“

„Interessantes Thema,“ bemerkte Herr Winterstein, „unerschöpflich!“

Frau Winterstein begrüßte ihre Gäste in wallender Abendtoilette. Wie

eine Göttin schwebte sie durch den ätherischen Tabaksqualm. Herr

Kommerzienrat nahm die Gelegenheit des Erscheinens seiner Frau wahr, um

sich auf französisch zu empfehlen und Jappes notierte, daß man sein

Verschwinden weder bedauerte, noch Herrn Kommerzienrat vermißte. Die

Unterhaltung war bis zu dem Punkte gediehen, wo es für Frauen

unterhaltend ist, zuzuhören. Frauen hören immer gern, daß irgendein

kleiner Dämon in ihnen steckt. Jappes traf mit dem Klaviervirtuosen

zusammen, dessen ganze Ausdrucksmöglichkeit auf die Noten konzentriert

war. Man sah ihm an, daß er es vorzog, nur von hinten angesehen zu

werden, wenn er im Reich der Töne phantasierte.

„Sie kennen sicher Schrekers Oper ‚Ferner Klang‘,“ bekräftigte Jappes.

„Gerade das Ueberspannte daran ist es, was einen reizt. Das Urgewaltige,

das Zischende und Brodelnde. Es sind nicht Töne für jedermanns Ohr. Die

neuen Sachen sind gottlob noch nicht zur klassischen Alltagskartoffel

geworden. Sie verstehen es, Noten zu lesen? Den wenigsten ist das

gegeben, und Sie wissen, Ihre Gefühle in Tönen auszudrücken.“

Der Musiker stellte eine dankende Ueberlegung an und sprach mit leiser,

vibrierender Stimme: „Fr–r–anz Schr–r–r–eker–r–r!“ Er rollte die R sehr

ausdrucksvoll. „Ueber Schreker bin ich hinaus. Ich wünsche russische

Musik. Das Neueste in Farbenvisionen. Rußland ist mein Traum. Die

verborgene Seele mit ihren phosphoreszierenden Gefühlen. Scrjabin kennen

Sie wohl nicht? Nein, er ist zu rezent, sein Prometheus?“

„Von den Russen kenne ich keine Tonwerke,“ gab Jappes zu, und fragend:

„ist es ein expressionistischer Künstler?“

„Vielleicht Wagner im Expressionismus, dieselbe Utopie, nur daß er auf

dem Realismus des Wahnsinns aufbaut. Das ist das Große, daß Scrjabin uns

aus der Sphäre unserer Bewußtseinsvorgänge reißt und es versteht, durch

ein paar Zaubertakte die musikalischen Lichtwirbel wieder zu dämpfen.“

Jappes fragend: „Das ist ja etwas wie telepathische Musik?!“ Der

Virtuose: „Nein, tatsächlich, Sie spaßen wohl? Die Russen gebrauchen zur

Aufführung der Symphonie ein Farben-Lichtklavier, das die opalisierenden

Tonwellen mit entsprechenden Lichtwellen illustriert. Sie sehen und

hören die Musik. Die Themata sind nach Farben gruppiert, Zinnober-Takte,

Karmoisin, Preußischblau, kurz Farben, alle Farben, Farben-Symphonien.

Sie kennen Kandinsky vielleicht?“ „Habe nicht die Ehre,“ sagte Jappes.

„Er ist ein Künstler,“ tönte der Virtuose, „und arbeitet auch auf dem

Gebiet der symphonischen Farben-Akustik. Er würde sicher durchdringen,

wenn die Kritiker ihn nicht so scharf anfahren würden und wenn er von

der Sache überzeugt wäre.“

„Das ist es, die Ueberzeugung, die Ueberzeugung,“ rief Jappes. „Das

elfte Gebot, du sollst überzeugt sein! Nicht wahr, gnädiges Fräulein?“

redete er Fräulein Flavia Winterstein an, die Nichte des Kommerzienrates

– die Tochter hieß Henny – „nicht wahr, gnädiges Fräulein, die Musik war

entzückend heute abend?“

„Wenn Sie es sagen, ist es ein großes Kompliment für Herrn Berendtsen.“

Der Künstler stellte sich vor und entschuldigte sich, daß er es bis

jetzt übersehen hatte: „Der Name tut nichts zur Sache,“ tröstete Jappes

den Virtuosen, „und Vergeßlichkeit ist ein Zeichen von Genie, denken Sie

an Beethoven.“

Wer feine Finger hat, kann sogar

mit einem Schmetterling spielen.

In einer Nische ließ er sich mit Fräulein Flavia nieder. „Ich will mich

ein wenig an Ihrer reizenden Gegenwart entzücken,“ komplimentierte

Jappes. „Sie sind mir den ganzen Abend aufgefallen durch Ihre

schmiegsame Art. Ihrem Verlobten kann man zu seiner glücklichen Wahl

gratulieren,“ fuhr er fort und zeigte auf ihren Verlobungsring.

„Oh, Sie Schmeichler!“ wehrte sie errötend.

„Gut, wenn Sie wollen, jedes Kompliment ist eine Schmeichelei. Ich sage,

die Venus von Milo ist schön, die Putten des Perugino sind entzückend,

die raffaelschen Engel sind himmlisch. Das sind alles Schmeicheleien.

Aber sie treffen die Sache. Es wäre eine doppelte Taktlosigkeit, Ihnen

zu sagen: Gnädiges Fräulein, Sie sind häßlich, erstens weil Sie es nicht

sind, und zweitens, weil Sie hübsch sind.“

„Sie sind ein Dämon,“ wehrte die dankend Geschmeichelte.

„Glauben Sie an das Dämonische im Menschen? gnädiges Fräulein, dann

waren Sie wirklich nie Backfisch!“

„Ich glaube an das Dämonische im Menschen,“ wiederholte sie.

Der Virtuose saß mit verschränkten Beinen auf einem Polster. Seine

Lackstiefel umarmten blaue Seidenstrümpfe. Jappes bemerkte: „Vielleicht

gibt es blaue Seidenstrumpftakte in der Musik?“

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