Ein literarischer Salon ist wie
eine Kirche: Priester, die opfern,
und Gläubige, die beten, aber es
wird nicht immer richtig gesungen.
„Unser Roman geht weiter,“ sagte Armida zu Jappes und nahm das Geld in
Empfang, „betrage dich anständig, wir machen einen hohen Besuch.
Kommerzienrat Winterstein kennst du noch nicht? er ist unser Mann.“
Jappes hüpfte durchs Zimmer und lachte: „Kommerzienräte wollen gute
Manieren. Armida, rede mir nicht zu viel zu, sonst blamiere ich dich
durch sehr anständiges Betragen. Kommerzienräte können sich alles
leisten. Hast du ihm schon von mir erzählt?“
„Er weiß alles über dich, du darfst ganz Jappes sein.“
„Ich danke!“ und er reichte ihr den Arm.
Kommerzienrat Winterstein wohnte in einer Villa in Tempelhof. In
Geldsachen hatte er glänzende Erfahrungen gemacht. Er hatte eine
niedliche Tochter, ein Blaustrumpf in den begehrtesten Jahren. Seine
Villa war mit den Begierden seiner Frau möbliert, und obwohl Herr
Winterstein eine tiefdeutsche Gesinnung hatte, war alles im
Louis-XV-Stil gehalten. Wagen fuhren ein und aus. Lackierte Kutscher
lenkten die vernickelten Monturen durch das Parktor. Herr Kommerzienrat
Winterstein empfing die Gäste selbst: eine behäbige Lebhaftigkeit, der
man es auf eine Meile ansah, daß sie nicht so leicht aus dem Konzept zu
bringen war. Er war im Gesellschaftsanzug und einer Maréchal-Niel-Rose
erwies er die Ehre, in seinem Knopfloch duften zu dürfen.
„Unser neuer Freund Jappes,“ stellte Armida vor, Herr Winterstein
erstrahlte purpurn: „Sehr angenehm, dem Hause wird es eine Ehre sein,
den Freund Armidas zu Gaste zu haben.“ Neue Gäste kamen, und Jappes
sagte zu Armida: „Der Mann hat Gewicht, die Zähne sind schadhaft, aber
sein Mund ist eine Goldgrube. Das ist der erste Kommerzienrat, der mir
die Hand so angenehm geschüttelt hat.“
Dann schwammen sie im Strudel der Unterhaltung. Crêpe-de-Chine und Taft
und Tüll, strotzende, federnde Körper, Mädchen, die das erstemal in
Gesellschaft waren und die ihre fünf Sinne wie Antennen den Lockungen
und Reizen entgegenhielten: Kommt, wir sind reif und schmachtend!
Liebeblinzelnde Jungfern, die liebeblinzelnd in langjähriger Praxis im
gesellschaftlichen Verkehr auf der Suche nach dem Manne ihrer Wahl
waren, entschlossen, sich im Leben mit einem akademischen Grade zu
klassieren. Duft und perlende Weine. Frostige Matronen im Reif ihrer
Jahre frischten ihre Jugend wieder auf in der Retouche der
gesellschaftlichen Lüge: Ihre Reize: blitzende Geschmeide. Lachen, vor
dem Spiegel einstudiert, geglättet durch kluge Massage. Duftschwerer
Phlox in leuchtender Glut winkte von den Tischen. Die Männer in Smoking
und weißer Brustfläche – wie Silhouetten. Armida stellte Jappes vor:
jeder Gruppe anders, für die einen war er Kandidat Jappes, für die
anderen Medizinmensch, für dritte Publizist.
Armida sagte zu allen: „Das ist mein Freund!“ Jappes wurde in ein
Gespräch gezogen: „Sie sind Schriftsteller,“ sagte eine ältere Dame und
ein blendender Straußfächer kühlte ihre korpulenten Anstrengungen. „Man
hat uns gesagt, Sie sind auch so eine Art Dichter, eine Art Goethe oder
Hauptmann. Eine Ehre, mit Ihnen zusammen zu sein. Werden wir bald im
Theater etwas beklatschen können?“
„Die gnädigste Dame beklatscht jetzt schon tüchtig. Ich bin
Schriftsteller,“ hob Jappes mit leiser Ironie an, „ein Mensch, der allen
Geschmäckern gerecht zu werden sucht.“
„Sehr gut! Sehr gut!“ ging es durch die Gruppen.
„Wenn man dichtet,“ fuhr Jappes fort, „hat man gewöhnlich sehr viel
Allgemeines zu sagen. Die Schriftsteller, gnädigste Frau,“ wandte sich
Jappes zu der Dame, die ihn im Gespräch angezapft hatte, „die
Schriftsteller machen die Erfahrungen, die die anderen so gerne lesen.“
„Glänzend!“ sprühte ein gutgescheitelter Assessor, „der junge Mann hat
eine Zukunft. Wie machen Sie das eigentlich, die Gedanken so nach und
nach zu finden? jetzt muß ich schon dumm fragen.“
„Das Fragen bin ich schon gewöhnt; ein junger Dichter muß aufs
Interviewtwerden gefaßt sein. Aber das ist sehr einfach, ich trinke eine
Kanne Tee leer und melke die Muse.“
Der Assessor schüttelte sich vor Lachen: „Verwechseln Sie nicht manchmal
den Tee mit der Tinte?“
„Das ist ja weiter nicht schlimm,“ erwiderte Jappes, „solange das
Publikum nichts davon merkt.“
„Der Herr Assessor spricht Ihnen eine Zukunft zu,“ sagte die fächelnde
Dame, „mein Freund, der Herr Assessor, hat ein Auge für Größen.“
Sogar sinnvolle Gedichte können
verstanden werden.
Ein junger Klaviervirtuose spielte ein
triebhaft-schrankenlos-musikalisches Symbol und seine Akkorde fielen das
Ohr an wie eine kläffende Meute. Seine Gewalt hielt die Lippen in Bann
und die Ohren gefangen. Etwas Schreckhaft-Erotisches, etwas
Dunkel-Mystisches legte sich über die erhitzten Seelen.
Drängend-pulsierendes Leben schwebte durch den Saal, wie eine Narkose
nahm die Musik allmählich von den Sinnen Besitz, leise einschmeichelnd,
und als sie verklang, war es, als wolle der Zauber nicht weichen.
„Musik liebe ich nicht,“ sagte Jappes einer jungen Dame. „Wieso?!“
fragte das rosige Stimmchen, „Musik und Sekt ist das Schönste auf der
Welt und Cakes und Caesar Flaischlen!“
„Neben vielem anderen sind das Sachen für Damen. Backfische schwärmen
für platzend-prickelnde Sachen, für sacharinsüße Gedichte.“
„Machen Sie welche?“ fragte das Stimmchen.
„Ja!“
„Oh, bitte, bitte, bitte, erzählen Sie uns etwas von Ihren Gedichten,
das mag ich liebend gern.“
„Bedauere,“ darauf Jappes, „ich habe leider auch noch nichts davon
verstanden.“
„Das glaube ich,“ kicherte eine junge Fülle, „für das Geständnis müssen
Sie schon was hersagen.“ Sie drängten sich um Jappes, und im Tumult des
Saales sagte er ihnen vier Strophen:
„Ein Hund vor meiner Tür
und wedelt in die Nacht.
Aus meiner Brust ein Laut, er lacht,
ein Wächter meiner selbst, wie dieses Tier.
Blume bebt im Mittagsfeld
und trinkt von Sonne sich so voll und rot.
Hoffnung, bang, durchzuckt die Welt
– trinkt sich am Leben tot.
Schöpfer spendet sprudelnd Licht,
daß Seele dran sich labe;
was störst du meine flüchtige Habe
du neckisch kleiner Menschenwicht?
Nicht zagen Muts! Taumel-wirr,
trink auch vom roten Leben,
trink dich am Leben irr
und laß das Schicksal weben.“
„Das klingt so unverständlich, wie die Sachen von Stefan George,“
kicherte von neuem die junge Fülle, „all unsere jungen Dichter sind
Kanonenfutter für die Lyrik der Zukunft.“
Jappes: „Bei Stefan George ist nicht alles unverständlich. Wer
literarischen Takt hat, tut als ob er Modernes versteht. Die moderne
Richtung ist, unverständlich zu sein; denn alles was man verstehen kann,
ist schon gesagt. Es ist besser, etwas Unverständliches sagen, als das
Alte zu wiederholen, denn die Kunst kann nicht stille stehen.“
Fräulein Winterstein deutete ihre Ankunft durch ein elegisches Lächeln
an. Jappes grüßte sie sehr umständlich, obwohl er ihr schon vorgestellt
worden war: „Ich habe viel Ulkiges von Ihnen gehört,“ begann sie, „und
wünsche meine Ohren selber auf die Weide zu führen. Wie gefällt Ihnen
unser musischer Kreis? Lauter gebildete Menschen, gelt?“
Jappes machte eine Verbeugung: „Lauter Menschen, die den Anschein haben,
sehr gebildet sein zu wollen. Man spricht von Hölderlin-Bestrebungen,
vom Tempo eines Kasimir Edschmid, vom Sinne-kitzelnden Hanns Heinz Ewers
... Ueberall gelehrtes Gegacker; man kann sich hier allen Schliff holen,
den man sich im Lesesalon aneignen sollte. Und vor allem die
Interpretation der Bücher, sehr interessant, hochinteressant! Die Damen
haben direkt einen Flair für das Schöne.“
„Sie sind wohl auch einer von den Modernen, ein Skribifax, der allerlei
Industriewaren auf den Olymp schmuggelt und sich die lachende Gage des
Publikums erkitzelt? Unsere heutigen Schriftsteller sind alle ein
bißchen – – hm! wie soll ich sagen ...?“
„Geniale Schweine!“ ergänzte Jappes.
Das Fräulein lachte: „Wenn Sie es selbst sagen, ja! Man erkennt das Vieh
am Grunzen, aber es hat unsere ganze Sympathie, wenn es geschmackvoll
zubereitet ist.“ „Mit ein paar Trüffeln des Witzes,“ lachte Jappes.
Fräulein Winterstein: „Aber die Kritiker haben keinen richtigen
Anhaltpunkt, weil dem modernen Zeug so schwer beizukommen ist.“
„Die Schriftsteller schreiben manchmal absichtlich Blödsinn, um die
Kritiker auch zu inspirieren.“ Da wandte sich Jappes zu Herrn
Winterstein, um ihn zu begrüßen, lächelnd wie eine Putte war er
hinzugetreten. „Na,“ drückte er behäbig hervor, „interessante
Unterhaltung, was? Hoher Ton?“
„Wir haben über die Frauen geredet, Herr Kommerzienrat,“ sagte Jappes.
„Wenn einem das Thema ausgeht, kann man immer noch etwas über die Frau
sagen.“
„Interessantes Thema,“ bemerkte Herr Winterstein, „unerschöpflich!“
Frau Winterstein begrüßte ihre Gäste in wallender Abendtoilette. Wie
eine Göttin schwebte sie durch den ätherischen Tabaksqualm. Herr
Kommerzienrat nahm die Gelegenheit des Erscheinens seiner Frau wahr, um
sich auf französisch zu empfehlen und Jappes notierte, daß man sein
Verschwinden weder bedauerte, noch Herrn Kommerzienrat vermißte. Die
Unterhaltung war bis zu dem Punkte gediehen, wo es für Frauen
unterhaltend ist, zuzuhören. Frauen hören immer gern, daß irgendein
kleiner Dämon in ihnen steckt. Jappes traf mit dem Klaviervirtuosen
zusammen, dessen ganze Ausdrucksmöglichkeit auf die Noten konzentriert
war. Man sah ihm an, daß er es vorzog, nur von hinten angesehen zu
werden, wenn er im Reich der Töne phantasierte.
„Sie kennen sicher Schrekers Oper ‚Ferner Klang‘,“ bekräftigte Jappes.
„Gerade das Ueberspannte daran ist es, was einen reizt. Das Urgewaltige,
das Zischende und Brodelnde. Es sind nicht Töne für jedermanns Ohr. Die
neuen Sachen sind gottlob noch nicht zur klassischen Alltagskartoffel
geworden. Sie verstehen es, Noten zu lesen? Den wenigsten ist das
gegeben, und Sie wissen, Ihre Gefühle in Tönen auszudrücken.“
Der Musiker stellte eine dankende Ueberlegung an und sprach mit leiser,
vibrierender Stimme: „Fr–r–anz Schr–r–r–eker–r–r!“ Er rollte die R sehr
ausdrucksvoll. „Ueber Schreker bin ich hinaus. Ich wünsche russische
Musik. Das Neueste in Farbenvisionen. Rußland ist mein Traum. Die
verborgene Seele mit ihren phosphoreszierenden Gefühlen. Scrjabin kennen
Sie wohl nicht? Nein, er ist zu rezent, sein Prometheus?“
„Von den Russen kenne ich keine Tonwerke,“ gab Jappes zu, und fragend:
„ist es ein expressionistischer Künstler?“
„Vielleicht Wagner im Expressionismus, dieselbe Utopie, nur daß er auf
dem Realismus des Wahnsinns aufbaut. Das ist das Große, daß Scrjabin uns
aus der Sphäre unserer Bewußtseinsvorgänge reißt und es versteht, durch
ein paar Zaubertakte die musikalischen Lichtwirbel wieder zu dämpfen.“
Jappes fragend: „Das ist ja etwas wie telepathische Musik?!“ Der
Virtuose: „Nein, tatsächlich, Sie spaßen wohl? Die Russen gebrauchen zur
Aufführung der Symphonie ein Farben-Lichtklavier, das die opalisierenden
Tonwellen mit entsprechenden Lichtwellen illustriert. Sie sehen und
hören die Musik. Die Themata sind nach Farben gruppiert, Zinnober-Takte,
Karmoisin, Preußischblau, kurz Farben, alle Farben, Farben-Symphonien.
Sie kennen Kandinsky vielleicht?“ „Habe nicht die Ehre,“ sagte Jappes.
„Er ist ein Künstler,“ tönte der Virtuose, „und arbeitet auch auf dem
Gebiet der symphonischen Farben-Akustik. Er würde sicher durchdringen,
wenn die Kritiker ihn nicht so scharf anfahren würden und wenn er von
der Sache überzeugt wäre.“
„Das ist es, die Ueberzeugung, die Ueberzeugung,“ rief Jappes. „Das
elfte Gebot, du sollst überzeugt sein! Nicht wahr, gnädiges Fräulein?“
redete er Fräulein Flavia Winterstein an, die Nichte des Kommerzienrates
– die Tochter hieß Henny – „nicht wahr, gnädiges Fräulein, die Musik war
entzückend heute abend?“
„Wenn Sie es sagen, ist es ein großes Kompliment für Herrn Berendtsen.“
Der Künstler stellte sich vor und entschuldigte sich, daß er es bis
jetzt übersehen hatte: „Der Name tut nichts zur Sache,“ tröstete Jappes
den Virtuosen, „und Vergeßlichkeit ist ein Zeichen von Genie, denken Sie
an Beethoven.“
Wer feine Finger hat, kann sogar
mit einem Schmetterling spielen.
In einer Nische ließ er sich mit Fräulein Flavia nieder. „Ich will mich
ein wenig an Ihrer reizenden Gegenwart entzücken,“ komplimentierte
Jappes. „Sie sind mir den ganzen Abend aufgefallen durch Ihre
schmiegsame Art. Ihrem Verlobten kann man zu seiner glücklichen Wahl
gratulieren,“ fuhr er fort und zeigte auf ihren Verlobungsring.
„Oh, Sie Schmeichler!“ wehrte sie errötend.
„Gut, wenn Sie wollen, jedes Kompliment ist eine Schmeichelei. Ich sage,
die Venus von Milo ist schön, die Putten des Perugino sind entzückend,
die raffaelschen Engel sind himmlisch. Das sind alles Schmeicheleien.
Aber sie treffen die Sache. Es wäre eine doppelte Taktlosigkeit, Ihnen
zu sagen: Gnädiges Fräulein, Sie sind häßlich, erstens weil Sie es nicht
sind, und zweitens, weil Sie hübsch sind.“
„Sie sind ein Dämon,“ wehrte die dankend Geschmeichelte.
„Glauben Sie an das Dämonische im Menschen? gnädiges Fräulein, dann
waren Sie wirklich nie Backfisch!“
„Ich glaube an das Dämonische im Menschen,“ wiederholte sie.
Der Virtuose saß mit verschränkten Beinen auf einem Polster. Seine
Lackstiefel umarmten blaue Seidenstrümpfe. Jappes bemerkte: „Vielleicht
gibt es blaue Seidenstrumpftakte in der Musik?“