Reinette schmollte: „Ja, stimmt, ich halte mich immer mit Affen auf. Das
hat schon ein junger Privatdozent gesagt, ein ganz flaumbärtiger, aber
eine Glatze hatte er schon mit dreißig Jahren und mordsgescheit! eine
Kapazität oder was Aehnliches, er hat es mir selbst gesagt. Jappeschen,
hast du schon so ein kleines Mädchen liebgehabt?“ Sie kicherte.
„Gehabt schon, aber nicht lieb,“ meinte Jappes, „du bist ein
interessantes Weibchen, das schon ganze Romane erlebt hat.“
„Ja,“ sagte Reinette, „genau ganze Romane, wo sie sich am Schluß auch
immer kriegten. Ich kriege alle Männer herum, überhaupt Weiberröcke
bringen die stabilsten Grundsätze aus dem Gleichgewicht. Ein junger
Kaplan war einmal so weit, an mir Wohlgefallen zu finden, da läutete es
Angelus, er betete und kam auf andere Gedanken. Aber das ist eigentlich
nur ein Anfang ...“
„Glaubst du, daß Kapläne anders sind? Es sind doch auch Brüder wie wir.
Aus Fleisch und Blut und Begierden und sie beten zu ihrem Gotte der
Liebe.“
„Mit Gott halte ich es nicht,“ wehrte sie, „ich bete zum Teufel, der ist
zuverlässiger und schlauer und ...“
„Und? ...“ betonte Jappes.
„Puh! Du bist langweilig,“ sagte Reinette, „du hast keinen Takt, mit
Damen umzugehen und kein Gemüt und keine Liebe.“
„Kleine,“ flüsterte Jappes, „ich bin nicht gemütskrank.“
Und Reinette: „Sooo! Liebe ist eine Gemütskrankheit. Du bist gefühlsroh
und sadistisch und, und ...“
„Ja, und eifersüchtig,“ schrie Jappes, „dein Baron ist ein Lump, sonst
würde er dich heiraten. Ich weiß gar nicht, ob ich deine Anmut oder
deinen Witz am meisten bewundern soll. Ich bin so verblüfft und voll von
neuen Eindrücken.“
Amourette stand starr: „Mache ich einen solchen Eindruck auf dich,
Jappeschen? Du bist doch wirklich ein lieber, guter Kerl!“
Jappes nahm ihre Hand: „Armes Schwesterchen, du tust mir leid, ich denke
just, was aus dir wird, wenn du so alt bist, sagen wir so alt, bis der
Geschmack des Barons nicht mehr mitmacht. Reinette, Barone sind
konservativ, aber Weiberchen sind wandelbar und der feinste Puder frißt
den Teint.“
„Jappes, liebes Dummerchen, laß mich machen, überhaupt daran denkt man
nicht, vorerst gut gelebt! Ich quartiere mich schon bei einem alten
Krebs ein.“
„Alte Krebse zwicken und schnappen lieber junge Fliegen. Puh! mir
graust, wenn ich bedenke, wie du runzlig und abgeliebt aussiehst. Brrr.“
„Du quälst mich,“ schrie sie und lag zuckend auf der Ottomane; nach
einer Weile und schmollend: „dann geh ich in die Isar.“
„Trottel,“ sagte Jappes, „dann sterben die Fische.“
Reinette sprang zur Tür und keifend: „Lump, Betrüger, Komödiant, hast
wohl eine andere, gelt, eine jüngere. Zwanzig Jahre ist alt. Erst lockst
du mich mit Aepfeln, machst vor mir das süße Männchen, bist
eifersüchtig, schimpfst meinen Baron und ekelst mich zum Schluß zur Tür
hinaus. Der Baron wird mit dir reden. Jesus! Der Baron ein Affe! Mit
Kugeln wird er dich durchsieben. Herr Doktor Jappes, mich verführen Sie
nicht! Ich bin ein ehrbares Mädchen.“
Die Tür flog zu.
Jappes ging durchs Zimmer: Isartrottel! Deinen Baron hau ich dir zu
Brei. Ein nettes Lärvchen übrigens und nett zum Unterhalten. Aufs Hirn
ist sie nicht gefallen. Schade, daß ihre Instinkte so stark entwickelt
sind, aber das hat auch was für sich. Eine Liebe ohne Instinkte ist wie
Feuer ohne Zugluft. Er nahm zwei Aepfel: Wir werden Frieden schließen.
Das arme Schindluderchen weint sich noch tot die Nacht. Und weshalb
heißt sie auch Amourette? Ohne zu klopfen öffnete er ihre Tür.
„Bravo, Freund, du bist tapfer, du suchst den Löwen in seiner Höhle auf.
Ich wußte, daß du kommst,“ jauchzte Reinette.
Jappes sanft: „Du sagst Löwe, ich sage Katze, lassen wir die Tiere, hier
ist ein Apfel, knabbere den und sei meine Amourette.“
Die Luft war duftgeschwängert und jede Sitzgelegenheit war einladend
weich. Ein Tisch mit Lichtbildern: „Darf ich vorstellen, meine letzten
Freunde. Die vergriffenen liegen dort im Koffer.“ Auf einer Kredenz
Schokolade, Sardinen, Keks, Vol au vent und Pralinés und Schrippen. Eine
smaragdene Flasche Anisette und zwei Gläser. Auf der Toilette
Duftflaschen, Puder und Schminke und diskretes Werkzeug. Ueber dem Bett
eine einladende Nymphe vor einem grinsenden Faun und die Aufschrift:
„Treu für eine Nacht!“