Die Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von
draußen Feuerschein. Lärm. Der =Amtmann= und der =Küster= treten auf.
=Der Amtmann=
Das war ein guter Einfall für uns zwei.
Gelobt sei Gott! Ist auch die Tür verschlossen?
=Der Küster=
Sehr fest, Herr Amtmann. In die Sakristei
führt noch ein Pförtchen, das die Mordgenossen
des Satans, draußen, hoffe ich, nicht kennen.
Sie werden noch den ganzen Ort verbrennen.
=Der Amtmann=
Halunken sind es. Pack! Barbaren!
Da hilft nicht Rechtsgewalt, da hilft kein Drohn.
Doch später soll der Pöbel mir erfahren,
wer Amtmann ist. Bernd Oerlsunds Sohn
gebärdet sich, als sei er Herr im Ort.
Mir liefen meine eignen Knechte fort
und höhnten noch, als ich sie halten wollte:
Ob man das Amthaus auch verbrennen sollte.
=Der Küster=
Der Himmel sei uns Heimgesuchten nah.
Das ist das schlimmste Unheil, das ich sah.
Um unsern schönen Pfarrhof ist's geschehn.
Wer wird den Pfarrer lebend wiedersehn?
=Der Amtmann=
Ich warf mich der verrohten Schar entgegen
und schrie, daß mir noch jetzt die Kehle brennt:
Um Jesu willen und der Kirche wegen,
zurück ein jeder, der den Amtmann kennt!
Ein langer Flegel, den ich nicht erkannte,
hob eine Stange, dick, wie Ihr hier seht,
die er mir meuchlings in den Körper rannte.
Ich wäre tot, hätt ich mich nicht gedreht. --
Gelobt sei Gott, der uns die Kirche gab.
Ach, merkt doch gut, was ich gerufen hab',
daß die Regierung später recht erfährt,
daß ich dem Aufruhr nach Gebühr gewehrt.
=Der Küster=
Ich geb es Euch auf Eid, verbrieft, versiegelt.
Mein Gott, was ändert das am Tatbestand?
Naemi hat die Burschen aufgewiegelt.
Wer gab die Macht in ihre schwache Hand?
Wo führt das hin? Der Satan soll uns schonen.
Wer hätte das von einem Weib geglaubt?
Wir haben sie dem Meere einst geraubt,
nun rächt es sich. Das Meer gebiert Dämonen.
=Der Amtmann=
Wär nur die wüste Bande eins geblieben;
es würde leichtes Spiel gewesen sein.
Sie hätten uns den Pfarrer bald vertrieben.
Nun aber plötzlich bilden sich Partein.
Schon kracht die Tür, der Dachfirst loht,
da plötzlich sieht sich Freund von Freund bedroht,
und unterm Tor, im rauchenden Gedränge,
entwickelt sich ein blutig Handgemenge.
=Der Küster=
Ich sah's. Ein Bursch, ein halber Knabe noch,
warf sich dem jungen Oerlsund blind entgegen,
ganz ohne Waffen, schweigend, totverwegen.
Wo Oerlsund zupackt, schließt das letzte Loch.
Er sank ihm wie ein Toter von der Brust.
Der Oerlsund hat den rechten Griff gewußt.
Herr Gott, wenn ich mir denke, diese Faust
säß' mir am Halse ... Heiland, wie mir graust!
=Der Amtmann=
Was soll man da für Recht und Unrecht halten?
Mir schwankt das Herz in Zorn und tiefem Leid.
Und wo der Himmel, wo die Hölle walten,
erkennt kein Sterblicher mit Sicherheit.
Gewiß ist nur, der Pfarrer =wollte= leiden,
was trieb sein Herz in Kämpfe und Gefahr?
Ich möchte nicht mit Sicherheit entscheiden,
von welchem Geiste dieser Fremde war.
=Der Küster=
Mir scheint vor allen Dingen eins gewiß,
er säte Zwiespalt, brachte Ärgernis.
=Der Amtmann=
Das kann man auch von Jesus Christus sagen,
ist man in Zweifel, darf man Euch nicht fragen.
Doch still! Horcht hin! Die Tür der Sakristei!
Sie haben uns entdeckt. Es ist vorbei!
=Der Küster=
Uns sucht ja niemand. Still, gemach ...
Die wollen Schutz hier unter unserm Dach.
Das sind nicht Feinde, hört sie draußen heulen.
Wir werden sehn, dort decken uns die Säulen.
=Beide= ab.
Der =Pfarrer= von Norby und =Naemi= treten auf, hinter dem Altar
hervor, der Pfarrer auf Naemi gestützt.
=Arne=
sinkt auf den Stufen des Altars nieder
Der Bursche traf mich gut!
=Naemi=
Oh sieh mich an!
Erkennst du mich? Ich bin es, die dich führt,
und was geschah, hab ich, nur ich getan.
Du darfst nicht sterben!
=Arne=
Nur was mir gebührt,
geschieht mir. Laß nun dein Bemühn,
das du als gut und böse nicht erkannt.
Es ist zu spät, mein Leben floß dahin.
=Naemi=
Oh laß dir helfen! Laß mich meine Hand
auf deine Wunde pressen. -- Hilf mir doch!
Du grausam Unerbittlicher am Kreuz!
=Arne=
Laß mich, sei ruhig. Sieh, ich leide kaum.
Dein Schmerz verdunkelt mir den letzten Traum.
Ich weiß, daß sich mein Dasein nun beschließt.
Hab Dank, daß du mich nicht verließt.
Gerechtigkeit, oh Mutter du im Leid!
Du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,
du ihre Stillung, segne nun mein Teil
am Gut des Guten, das ich unbereit
und ohne Kraft, im nie befleckten Kleid,
empfing und nahm, nach aller Menschen Weise.
Gerechtigkeit, du Ziel der irdischen Reise,
du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,
du ihre Stillung, nun der liebste Teil
der weiten, weiten Hoffnung meiner Seele.
=Naemi=
Oh dunkle Mächte, die ihr dies gewollt
und dies gekonnt, erbarmt euch meiner Qual!
Die ich durch dich dies Schreckliche gesollt,
erlös mich, Liebster, noch dies letzte Mal.
Sprich gut zu mir! Mach alles wieder gut,
wie du so oft mein rasches Blut geheilt.
Oh sieh mein Dasein, martervoll zerteilt,
wie es zerstört in deinen Händen ruht.
-- Ich war ein Kind, als ich die Augen hob
zu deiner Kraft und deinem großen Wesen.
In deiner Andacht und in deinem Lob
bin ich zu jener Freiheit erst genesen,
der ich vertraute, ohne Recht und Glück,
weil =deine= Seele sie in mir erschuf.
Nun schlug die Glut auf ihren Gott zurück,
die nicht bestand aus eigenem Beruf.
Oh, sei barmherzig, sieh, mein blinder Haß
war dir zur Ehre, wie einst jede Lust.
Wie meine Liebe, die ohn' Unterlaß
nur dich und nur von dir gewußt.
=Arne=
Auf meinem Sinn lag noch der dunkle Kranz
verblichnen Ruhms und überwundner Stärke.
In meinem Herzen war der lichte Glanz
der neuen Zukunft zweiflerisch am Werke.
Nun ist mir so, als ob ein groß und schwer
Vermächtnis an die Menschheit mich bedrückte,
als ob ein Licht von weit, weit her
meine zerbrechenden Kräfte schmückte.
Als müßt ich aufspringen, die Arme empor,
und endlich, endlich alles verkünden.
Und weiß doch nur: Ich wollte finden,
und brach in die Kniee am Tor.
=Naemi=
Oh, lehr mich fassen, was mein Herz getan.
Sieh nicht sein Tun, sieh seine Wunden an.
Oh Übermaß, oh tugendlose Glut,
mein höchstes Heil und Elend, du mein Blut,
dich klag ich an, du Strom, der nie geruht!
Der seligsten Gewißheit freies Weinen,
der helle Stolz, von hohem Wert entfacht,
erlischt zerbrochen, klagend, unter deinem,
in meines Schmerzes wilder Übermacht.
Verflucht sei Anspruch, Glut und jene Treue,
die mich erhob im Abglanz meines Rechts.
Verflucht sei meines törichten Geschlechts
Beruf, die ich den eignen Wert bereue.
=Arne=
Klag nicht Natur, klag nicht dein Wesen an,
Beschwörerin des Todes du in Flammen.
Sein kühles Kleid schließt uns erst ganz zusammen,
erst mit dem Tode führt der Weg hinan.
Der reichen Herzen oft beweintes Glück
bleibt irdisch doch in Schuld und Weh verwoben.
Natur, unwandelbare, dich zu loben,
erleichtert mich, beständiges Geschick!
Du hast den Geist zum Licht emporgehoben.
Wer aber faßt dich, unverführten Sinns,
wer will Gott nennen, noch in dir betrübt?
Wir rühmen traurig, was wir heiß geliebt,
und preisen es als Krone des Gewinns.
Oh Traum der Welt, so lieblich du, so eitel,
wie sank dein Glanz, wenn ich im Geiste lebte.
Da lag des Vaters Hand auf meinem Scheitel,
da war mein Glück so rein, daß ich erbebte.
Erkenntnis du, oh aller Sehnsucht Herz,
du reines Glück, du Liebe ohne Schmerz!
=Naemi=
Ich hab's getan. Ich hab's getan!
Oh, laß mich sterben. Ich bin schuld daran.
=Arne=
Mein abgewandtes Antlitz war dir feind.
Wo ist dein Sohn, daß du mir ganz vergibst?
Wo ist dein Sohn, daß du mich ewig liebst,
wie eines edlen Weibes Sehnsucht meint.
Oh Heil, oh Gram in deinem Leib und Wesen.
Du Pfad, du blühender, der Wiederkunft.
Berufen du, in Leiden zu genesen,
als Gottes Mutter selige Vernunft!
Triumph im Leid, du Sieg auch über mich!
Du blühst im Licht, oh liebliche Gestalt.
Ach, daß mein Blut dem frohen Sinn entwich,
aus dessen Glanz, mit zwingender Gewalt,
das neue Angesicht des Gottes taut,
der noch so schmerzreich auf uns niederschaut.
=Naemi=
Der Altar deiner Kirche hütet dich.
Du bist in Sicherheit. Oh, sieh auch mich!
=Arne=
Nahm mich die alte Kirche freundlich auf?
War ich ihr Kind noch, daß sie mich empfängt?
Oh, welche Macht hat mich hierher gelenkt,
die mich zuletzt in diesen Frieden drängt,
als sei er noch mein Erbteil und mein Dank.
Hast du dein Kind zurückgerettet,
du trüber Geist, den ich mit Inbrunst haßte,
daß nun dein Sinken spät noch die erblaßte
und kalte Stirn in seinen Schatten bettet?
Daß mir im Licht der neuen Lebensmacht
der Wert der alten mütterlich erglänze,
daß so die Zukunft die verwehten Kränze
des alten Ruhms dem neuen würdig macht?
Denn nur aus alter Wahrheit blüht die neue!
Erlöser, gib, daß ich sie sterbend schau,
und daß im Scheiden die verirrte Treue
sehend dem neuen Licht vertrau.
=Naemi=
Oh sieh mich an! Bin ich dir nichts?
Wem gilt das Leuchten deines Angesichts?
=Arne=
zu Christus empor
Ich haßte, was dein lichtes Bild entstellt,
und haßte, die dein Erbe frech entweihten,
der du, geneigt, den reinen Sinn der Welt
geläutert hast im Licht der Ewigkeiten.
Gekreuzigter, wer krönte dein Erblassen?
Was sah dein Auge, als es einsam brach?
Was litt dein Herz, als deine Lippe sprach:
Warum dich Gottes Herrlichkeit verlassen?
Sei mir geneigt, du, dessen Kraft besteht,
in dessen Wahrheit endlich doch vergeht,
was unsre Armut deinem Wert genommen.
Wenn auch mein armes Lebenswerk verweht,
ist doch dein Reich in mir gekommen.
Du weißt, es gibt kein andres Gericht
in der Welt als das Licht.