Wer ihn geliebt hat, wird uns gern begleiten.
=Holger=, das =Gesinde= ab.
Es bleibt eine Weile still. Von draußen klingt der Lärm und die Rufe
der Arbeitenden. =Jörgen= verriegelt die Tür.
=Die Pflegefrau=
Ich ließ den Pfarrer rufen. Es tut not.
Wie wünsch ich, daß ihn diese Stunde bringt.
Oh, steht mir bei! Bernd Oerlsund ringt
mit seinem letzten Funken Leben.
=Jörgen=
Gebt ihm den Trank, der Anfall wird sich geben.
Daß auch die Botschaft, die er eben hörte,
dem Sterbenden die letzte Kraft empörte.
Ach, ich bin traurig. Dieses weiße Haar
an meinen Schläfen ist mit ihm erbleicht.
Ach einst, als er ein kleiner Knabe war,
hab ich die ersten Ruder ihm gereicht.
Die Kunst des Schwimmens hab ich ihm gezeigt,
ich hab bewacht, in dienender Geduld,
sein ganzes Leben, ohne Ruh und Schuld.
Ich seh im Geist, um dieses Bett geschart
die Menschen, die sein starker Arm bewahrt,
ich hör Gebete, Schluchzen, Dank,
ich seh sie knien und jauchzen, bleich vor Freude.
Ein junges Weib, das seinen Hals umschlang,
ward so, dem Tod entrissen, ganz die Seine.
Ach, Holgers Mutter hat der Tod genommen,
wie er sie brachte, fremd und über Nacht.
Auf meinen Armen hat das Kind gelacht,
an meinem Herzen ist sein Leben kommen.
=Bernd Oerlsund=
Tiefe Nacht du ohne Morgen,
sinkst du auf mein liebes Leben,
und der neue Tag kommt ohne mich?
Kommt mit Licht und Dank und Sorgen,
und das Meer beruhigt sich ...
Er lauscht hinaus.
Stunden kommen, Tage, Wochen,
Jahre, meinem Sinn verhüllt ...
Meine Kraft ist ungebrochen,
meine Wünsche ungestillt.
Laßt mich leben! Über Maßen
schaurig ist die Nacht, die naht.
Erst im Dunkel kann ich fassen,
wie das Licht der Seele tat.
Es pocht heftig.
=Stimme von draußen=
Macht auf! Der Sturm verschlingt uns fast!
=Jörgen=
Wer's immer sei, geht, öffnet diesem Gast!
Die =Pflegefrau= öffnet die Tür.
Der =Küster=, =Arne=, der Pfarrer von Norby, =Naemi= treten auf.
Licht und Sturm.
=Der Küster=
Die Nacht ist schaurig! _Von Naemi._ Ihr erging es schlecht.
Empfangt sie freundlich. Möchte unser Gang
gesegnet sein, auch ohne Chorgesang.
=Arne=
Ihr ließt mich rufen, komme ich zurecht?
=Jörgen=
Gelobt sei Gott. Ich heiße Euch willkommen,
Herr Pfarrer. Ein bitter Leid hat Euren Weg gewollt,
Bernd Oerlsund, unser Herr, wird uns genommen.
=Naemi= tritt an das Lager =Bernd Oerlsunds=.
=Arne=
Ich hab die Botschaft spät vernommen.
=Jörgen=
Ich bitt Euch herzlich, lieber Herr, ach grollt
Bernd Oerlsund nun nicht länger, der mit Zorn
und edlem Haß Euch bitterlich gekränkt.
Verzeiht ihm freundlich, Herr, bedenkt,
es sind die letzten Stunden seines Lebens.
=Arne=
Seid unbesorgt. Ihr bittet nicht vergebens.
Hat er von mir den Kelch des Herrn begehrt?
=Jörgen=
Wir rieten es, er hat uns nicht gewehrt.
=Naemi=
Er schlägt die Augen auf, er zittert, er erschrickt.
Er kennt mich nicht, obgleich er mich erblickt.
Wie bleich die Stirn, wie matt die Hände sind.
Oh sieh mich an, ich bin's, dein Kind.
=Jörgen=
zu =Arne=
Es war nicht gut, Naemi mitzubringen.
Er hat es nie verschmerzt, sie zu verlieren,
und böse Reden, die den Ort durchdringen,
erreichten ihn. Sie setzten ihren
und Euren Wert vor ihm herab.
=Arne=
Sein Zorn vertrieb sie, und sie kam zu mir,
obgleich sie Oerlsund längst als eigen Kind
betrachtet. Glaube mir, wer ihren Schritt verachtet
und sie doch liebt, wie Oerlsund sie geliebt,
der stirbt nicht leicht, bevor sie ihm vergibt.
=Jörgen=
Herr, es war Unrecht. Seht, ein alter Mann,
der lange hier gedient hat, spricht Euch an
und bittet Euch, vergebt die Ungebühr,
mein weißes Haupt entschädigt Euch dafür.
Ich weiß es, daß Naemis Gegenwart
die Ruhe scheucht, die wir ihm alle gönnen.
Er wird den Kelch des Herrn nicht nehmen können.
Das letzte Lebensfünklein arm bewahrt,
wird neu entfacht zu Zorn und Haß entbrennen.
=Naemi=
Er streckt die Hände nach mir aus!
Oh, lieber Vater, glaube meiner Treue.
Wie lange sah ich nicht dein liebes Haus,
in dem ich Kind war. -- Vater, ach erneue
noch einmal, eh der Tod dein Sein beschließt,
die alte Liebe, die ich flehend suche.
=Bernd Oerlsund=
Wie, ist dies Bild das letzte Licht der Erde?
Bist du ein Engel, daß ich selig werde?
Ach, wie von Herzen hab ich dich geliebt.
Du bist es wahrhaft? Ach, den Traum zerstört
die dunkle Welt, der noch mein Leib gehört.
So kommst du heute, um mir abzubitten,
was ich durch deinen leichten Sinn erlitten.
Ach, du kommst spät, und doch, hätt'st du gesäumt!
Ich hätte lieber so von dir geträumt,
wie du als Kind warst, eh man dich genommen.
Hinweg! Du bist mir herzlich unwillkommen.
=Arne=
zu =Oerlsund=
Im Schatten der allmächtig dunklen Flügel,
die Euch behüten, löschen manche Lichter
der irdischen Erkenntnis ängstlich hin.
Bedenkt, verändert schaun die Angesichter
der schwachen Menschen, wie von Anbeginn,
und ohne Schein der armen Tagesplage.
Wie leicht und mühlos löst sich manche Frage,
kein Vorteil winkt, kein Nachteil droht.
Was Pflicht und Klugheit einst gebot,
sinkt klein dahin im Schatten dieser Flügel.
Zürnt nicht Naemi, daß sie zu mir kam,
und zürnt nicht meiner Liebe, die sie nahm.
=Bernd Oerlsund=
Auch Ihr seid da? Hat alles sich verschworen,
mir meine letzte Stunde zu vergällen?!
Schweig still, Verführer! Hohle Narrenschellen
sind deine falschen Worte meinen Ohren.
=Der Küster=
Erbarm dich, Jesu! Habt ihr das gehört!
=Naemi=
Oh, Vater, was hat deinen Sinn verstört?
=Jörgen=
Des Satans Tücke schüttelt ihn im Fieber.
=Der Küster=
Ich will den Kelch erheben über
dem Lager, denn er bannt des Bösen Macht.
=Jörgen=
Herr, Herr, bleibt ruhig. Kennt Ihr mein Gesicht?
Ich bleibe bei Euch. Ich verlass' Euch nicht.
Ich war Euch alles, Diener, Bruder, Freund,
laßt mich nicht leiden, daß Ihr ernstlich meint,
was Euch der Satan in die Sinne täuschte.
=Bernd Oerlsund=
Du bist es! Du ... Was täuscht der Böse vor?
Sind diese Beiden an mein Bett getreten,
um sich bei frechen, sündigen Gebeten
der Schwäche ihres Gegners zu erfreun?!