»Nehmen wir alles das an, was Sie wollen,« fuhr Doña Mercedes mit einem

unerklärlichen Gleichmut fort. »So sagen Sie mir doch erst eins, mein

Herr! Hätten Sie ein Recht, sich zu beklagen? Könnten Sie mich als

Richter verurteilen? Kommen Sie vielleicht aus der Predigt? Kommen Sie

vielleicht aus der Beichte? Kommen Sie aus der Messe? Oder woher kommen

Sie mit diesem Anzuge? Woher kommen Sie mit dieser Frau? Wo haben Sie

die Hälfte der Nacht zugebracht?«

»Mit Verlaub...« rief die Seña Frasquita aus und stand, wie von einer

Feder emporgeschnellt, auf und trat keck zwischen die Corregidora und

deren Gatten.

Dieser war im Begriff zu sprechen, blieb aber mit offenem Munde stehen,

als er sah, daß die Navarresin ins Feuer trat.

Aber Doña Mercedes kam ihr zuvor und sagte:

»Señor, bemühen Sie sich nicht, mir Erklärungen zu geben. Ich verlange

sie durchaus nicht von Ihnen. Hier kommt derjenige, der das Recht hat,

sie von Ihnen zu fordern. Verständigen Sie sich mit ihm.«

Zugleich öffnete sie die Thür eines Kabinetts, und in ihr erschien Tio

Lucas, vom Kopf bis zu den Füßen als Corregidor gekleidet, mit Stock,

Handschuhen und Degen, wie er in den Ratssaal zu treten pflegte.

32.

Der Glaube versetzt Berge.

»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend,« sprach der zuletzt

Angekommene, nahm den Dreispitz ab und sprach mit zusammengefallenem

Munde, wie Don Eugenio de Zuñiga.

Dann durchschritt er, sich nach allen Seiten wiegend, den Saal und küßte

die Hand der Corregidora.

Alle standen starr vor Erstaunen. Die Ähnlichkeit des Tio Lucas mit dem

wirklichen Corregidor grenzte ans Wunderbare.

Darum konnten auch die Dienerschaft und sogar Señor Juan Lopez ein

Gelächter nicht zurückhalten.

Don Eugenio fühlte diese neue Herabwürdigung und stürzte sich wie ein

Basilisk auf Tio Lucas.

Aber Seña Frasquita war schneller als er und entfernte den Corregidor

mit ihrem eisernen Arm; und Seine Gnaden, im Andenken an einen andern

Purzelbaum und das darauffolgende Hautabschürfen, ließ sich

zurückwerfen, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Augenscheinlich war

jene Frau von Geburt an dazu bestimmt, den armen Alten in Schach zu

halten.

Tio Lucas wurde bleicher als der Tod, als er sah, daß seine Frau sich

ihm näherte; aber er beherrschte sich gleich, und mit einem

schrecklichen Lachen, so daß er die Hand aufs Herz legen mußte, weil es

ihm zu springen drohte, sagte er, immer noch den Corregidor nachahmend:

»Gott behüte dich, Frasquita! Hast du deinem Neffen schon die Ernennung

geschickt?«

Da hättet Ihr die Navarresin sehen müssen! Sie warf ihre Mantille

zurück, erhob das Haupt mit dem Stolz einer Löwin, und ihre Augen wie

zwei Dolche in die des falschen Corregidors versenkend, sagte sie ihm

gerade ins Gesicht:

»Ich verachte dich, Lucas!«

Alle glaubten, daß sie ihn angespien hätte, solch eine Geste, solch eine

Bewegung, solch ein Ton der Stimme begleiteten jene Worte.

Das Gesicht des Müllers verklärte sich, als er die Stimme seiner Frau

hörte. Eine Art von Inspiration, wie die des religiösen Glaubens, war in

seine Seele gedrungen und überflutete sie mit Licht und Freude. Und

einen Augenblick vergaß er, was er in der Mühle gesehen und zu sehen

geglaubt hatte und rief mit Thränen in den Augen und vollster

Aufrichtung in der Stimme aus:

»Also bist du noch meine Frasquita?«

»Nein,« antwortete die Navarresin außer sich. »Jetzt bin ich deine

Frasquita nicht mehr! Ich bin... Befrage deine Heldenthaten dieser

Nacht, und sie werden dir sagen, was du mit diesem Herzen gemacht hast,

das dich so geliebt.«

Und wie ein sinkender Eisberg, der anfängt zu schmelzen, begann sie zu

weinen.

Die Corregidora konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzugehen und sie

mit herzlichster Freundlichkeit in ihre Arme zu schließen.

Und ohne recht zu wissen, was sie that, fing die Seña Frasquita an, sie

zu küssen und sagte, schluchzend wie ein Kind, das Schutz bei seiner

Mutter sucht:

»Señora, Señora, wie unglücklich bin ich!«

»Nicht so sehr, wie Sie glauben,« antwortete die Corregidora, die auch

großmütig weinte.

»Ja, ich bin sehr unglücklich,« seufzte Tio Lucas und kämpfte mit seinen

Thränen, wie wenn er sich schämte, sie zu vergießen.

»Nun, und ich?« brach schließlich Don Eugenio los, der sich durch das

ansteckende Weinen der Übrigen erweicht fühlte, oder sich auf dem

feuchten Wege, ich meine auf dem Wege des Weinens, zu retten hoffte.

»Ach, ich bin ein Schelm, ein Ungeheuer, ein leichtsinniger Mensch, der

seinen Lohn empfangen hat!«

Und traurig fing er an zu blöken, indem er den Leib des Señor Juan Lopez

liebend umschlang.

Dieser und die Dienstboten weinten gleichfalls, alles schien zu Ende zu

sein, und doch hatte sich niemand erklärt.

33.

Nun, und du?

Tio Lucas war der erste, der endlich in diesem Thränenmeer wieder flott

wurde, weil er anfing, sich dessen zu erinnern, was er durchs

Schlüsselloch gesehen.

»Señores, lassen Sie uns jetzt abrechnen,« sagte er.

»Hier giebt es nichts abzurechnen, Tio Lucas,« rief die Corregidora aus.

»Eure Frau ist eine Heilige.«

»Gut... ja... aber...«

»Nichts von aber. Laßt sie sprechen, und Ihr werdet sehen, wie sie sich

rechtfertigen wird. Sowie ich sie sah, sagte es mir das Herz, daß sie

eine Heilige sei, trotz alledem, was Ihr mir erzählt hattet.«

»Gut, so mag sie sprechen!« sagte Tio Lucas.

»Ich spreche nicht,« antwortete die Müllerin. »Du mußt zuerst sprechen.

Denn die Wahrheit ist, daß du...«

Und die Seña Frasquita sagte nichts mehr, aus unbesiegbarer Achtung vor

der Corregidora.

»Nun, und du?« antwortete Tio Lucas, der von neuem allen Glauben verlor.

»Jetzt handelt es sich nicht um sie,« rief der Corregidor, der auch

wieder eifersüchtig wurde. »Es handelt sich jetzt um diese Dame. Ach,

Merceditas! Wer hätte mir jemals gesagt, daß du...«

»Nun, und du?« antwortete die Corregidora, ihn mit dem Blicke messend.

Und während der nächsten Augenblicke wiederholten die beiden Ehepaare

wohl hundertmal dieselben Sätze.

»Und du?«

»Nun, und du?«

»Na, du!«

»Nein, du!«

»Aber, wie konntest du...«

Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Vielleicht wäre die Angelegenheit nie beendet worden, wenn nicht die

Corregidora schließlich, ihre Würde wieder annehmend, zu Don Eugenio

gesagt hätte:

»Höre einmal, jetzt schweige du! Unsere Privatangelegenheit werden wir

später ordnen. Das Dringendste ist in diesem Augenblick jedenfalls, Tio

Lucas' Herzen den Frieden zurückzugeben. Meiner Ansicht nach ist das

ganz leicht; denn dort sehe ich Señor Juan Lopez und Toñuelo, die

nichts sehnlicher wünschen, als die Seña Frasquita zu rechtfertigen.«

»Mich brauchen die Männer nicht zu rechtfertigen,« antwortete diese.

»Ich habe zwei Zeugen von größerer Glaubwürdigkeit, von denen niemand

sagen kann, daß sie bestochen worden sind...«

»Und wo sind diese?« fragte der Müller.

»Sie sind unten, an der Thür.«

»Dann sage ihnen, daß sie heraufkommen, mit der Erlaubnis der Señora.«

»Ach, die Armen können nicht heraufkommen...«

»Ah, sind es zwei Frauen? Schöne, glaubwürdige Zeugen das!«

»Es sind auch keine zwei Frauen, nur zwei weibliche Wesen.«

»Noch schlimmer! Dann sind es zwei kleine Mädchen? Sei so gut und nenne

mir ihre Namen.«

»Die eine heißt Piñona, die andere Liviana.«

»Unsere beiden Esel! Frasquita, du willst mich verspotten!«

»Nein, ich spreche sehr vernünftig und förmlich. Durch das Zeugnis

unserer beiden Esel will ich dir beweisen, daß ich nicht in der Mühle

war, als du den Herrn Corregidor dort gesehen hast.«

»Ich bitte dich, um Gottes willen, erkläre dich...«

»Höre, Lucas, und stirb vor Scham, daß du je an mir zweifeln konntest.

Als du heute Nacht vom Dorf nach der Mühle rittest, da eilte ich von

unserm Hause nach dem Dorf, folglich kreuzten wir uns auf dem Wege. Aber

du warst außerhalb desselben und schlugst mitten auf einem Saatfelde

Feuer an.«

»Ich habe angehalten, das ist wahr. Fahre fort.«

»Da schrie dein Esel...«

»Wahrhaftig! O, wie glücklich bin ich! Sprich, sprich, denn jedes Wort

giebt mir ein Jahr meines Lebens zurück.«

»Und auf jenes Geschrei antwortete ein anderes vom Wege her.«

»O, ja, ja! Gesegnet seist du! Ich glaube es noch zu hören.«

»Es waren Liviana und Piñona, die sich erkannt hatten und wie gute

Freundinnen begrüßten, während wir beide uns weder grüßten noch

erkannten...«

»Sage mir nichts mehr! Sage mir nichts mehr.«

»So wenig erkannten wir uns,« fuhr die Seña Frasquita fort, »daß wir

beide erschraken und nach entgegengesetzten Richtungen entflohen. Nun

siehst du doch wohl ein, daß ich nicht in der Mühle war. Wenn du jetzt

wissen willst, warum du den Herrn Corregidor in unserm Bett angetroffen

hast, so fühle die Kleider, die du trägst und die noch feucht sein

müssen, an, und sie werden es dir besser sagen als ich. Se. Gnaden ist

in das Mühlgerinne gefallen, Garduña hat ihn entkleidet und dort

gebettet. Willst du wissen, warum ich die Thür geöffnet habe? Weil ich

glaubte, daß du es wärest, daß du ertränkest und mich zu Hilfe riefest.

Und schließlich, wenn du das mit der Ernennung wissen willst... Aber

vorläufig brauche ich nichts weiter zu sagen. Wenn wir allein sind, dann

werde ich dir noch verschiedene Einzelheiten erzählen, die ich dir vor

dieser Dame nicht mitteilen kann.«

»Alles, was die Seña Frasquita gesagt hat, ist die reinste Wahrheit!«

rief der Señor Juan Lopez, der sich Doña Mercedes' Gunst erwerben

wollte, da er wohl sah, daß sie das Corregimiento beherrschte.

»Alles, alles!« fügte Toñuelo hinzu, der seinem Herrn nacheifern wollte.

»Bis jetzt alles!« sprach der Corregidor, sehr zufrieden, daß die

Erklärungen der Seña Frasquita nicht weiter gegangen waren.

»Also bist du unschuldig?« rief inzwischen der Müller aus und

ergab sich dem Augenschein und der Überzeugung. »Meine Frasquita!

Herzens-Frasquita! Verzeih' mir die Ungerechtigkeit und laß mich dich

umarmen!«

»Oh, das ist Mehl aus einem andern Sack,« antwortete die Müllerin, den

Körper wegbiegend. »Bevor ich dich umarme, muß ich erst deine Erklärung

hören.«

»Ich werde sie für ihn und mich geben,« sagte Doña Mercedes.

»Seit einer Stunde warte ich schon darauf,« stieß der Corregidor hervor

und versuchte sich aufzurichten.

»Aber ich werde sie nicht eher geben,« fuhr die Corregidora fort, indem

sie ihren Mann verächtlich ansah, »als bis die Herren die Kleider

gewechselt haben, und auch dann werde ich sie nur demjenigen geben, der

sie zu hören verdient.«

»Schnell, schnell, wir wollen uns umkleiden,« sagte der Murcianer zu Don

Eugenio, und freute sich, daß er ihn nicht getötet hatte, wenn er ihn

auch mit einem wahrhaft maurischen Haß betrachtete. »In den Kleidern Ew.

Gnaden ersticke ich, und wie unglücklich bin ich gewesen, während ich

sie trug!«...

»Weil du es nicht verstehst,« antwortete der Corregidor. »Ich dagegen

wünsche nichts sehnlicher, als sie wieder anzulegen, um, wenn mir die

Erklärung meiner Frau nicht genügt, dich und die halbe Welt aufhängen zu

lassen.«

Als die Corregidora diese Worte hörte, beruhigte sie die Versammlung mit

einem sanften Lächeln, wie es den Engeln eigen, deren Aufgabe es ist,

die Menschen zu bewachen.

34.

Auch die Corregidora ist reizend.

Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen hatten, setzte sich

die Corregidora von neuem auf das Sofa, zog die Seña Frasquita neben

sich, und sich zu den die Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern

wendend, sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit:

»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von mir wißt.«

Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn Stimmen wollten

zugleich sprechen; aber die Amme, die doch im Hause die wichtigste

Person war, gebot den Übrigen Schweigen und sprach folgendermaßen:

»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und meine Herrin,

heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt waren. Wir warteten

auf die Rückkunft des Herrn und beteten, um die Zeit hinzubringen,

schon den dritten Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr

einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich

nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir ihn unbeschädigt

wieder heimkehren sahen -- als wir in dem daran stoßenden Alkoven,

in dem meiner Herrschaft Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten

hörten. Wir nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, wer

in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau von Carmen!

einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, der er aber doch nicht war

(da er ja Ihr Mann war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken

suchte. ›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und

einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller Leute, und die

Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor aus seinem Versteck

hervor. -- Meine Herrin, die, wie wir alle, den Tio Lucas erkannt

hatte, und, weil sie ihn in den Kleidern des Corregidors sah,

fürchtete, er hätte jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen,

das die Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹

sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ waren noch die besten

Worte, die der Tio Lucas zu hören bekam, und so stand er da wie eine

Leiche, an die Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als er

sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte er: ›Ich werde

es ihnen wiederholen, wenn es auch besser wäre, es zu verschweigen.

Señora, ich bin kein Räuber, ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder

meiner Ehre ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹«

»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita.

»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig.

»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme Señora! Weil... denn...

nun, wir hatten schon aus kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr

ein Auge auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand sich denken

konnte, daß Sie«...

»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem Wege gehts nicht fort.«

»Ich werde auf einem anderen fortfahren,« sagte ein Alguacil, der die

Unterbrechung benutzte, um sich des Wortes zu bemächtigen. »Der Tio

Lucas, der uns, als er ins Haus trat, mit seinem Anzuge und seiner Art

und Weise zu gehen, so gut angeführt hatte, daß wir ihn alle für den

Corregidor hielten, war gewiß nicht mit guten Absichten gekommen, und

wenn die Señora nicht wach gewesen wäre... Stellen Sie sich nur vor, was

da hätte passieren können«...

»Na ja, schweig' doch nur!« unterbrach ihn die Köchin. »Du sagst nichts

als Dummheiten. Ja, Seña Frasquita, um seine Anwesenheit im Schlafzimmer

der Herrin zu erklären, mußte er den Zweck bekennen, der ihn hierher

geführt. Natürlich konnte die Herrin, als sie es hörte, sich nicht

enthalten, ihm einen Schlag auf den Mund zu geben, so daß ihm die Hälfte

der Worte im Halse stecken blieben. Ich selbst habe ihn mit Schmähungen

und Schimpfworten überhäuft und wollte ihm die Augen auskratzen. Denn

das wissen Sie ja, Seña Frasquita, wenn es auch Ihr Mann ist, aber wenn

man mit solchen Absichten«...

»Du bist eine alte Schwätzerin!« rief der Portier und stellte sich vor

die Rednerin. »Was hättest du denn thun wollen? Hört mich, Seña

Frasquita, und kommen wir zur Sache. Die Señora sagte und that alles,

was sich gehörte, aber als sich ihr Ärger etwas abgekühlt hatte,

bemitleidete sie den Tio Lucas, dachte über das schlechte Betragen des

Herrn Corregidors nach und sprach diese oder ähnliche Worte: ›Wenn auch

Euer Gedanke sehr nichtswürdig gewesen ist, Tio Lucas, und ich Euch

diese Unverschämtheit nie verzeihen kann, so müssen Eure Frau und mein

Mann doch ein paar Stunden lang glauben, daß sie sich in ihren eigenen

Netzen gefangen haben und daß Ihr, unterstützt durch Eure Verkleidung,

Schmach mit Schmach vergolten habt. Wir können uns nicht besser an ihnen

rächen, und die Täuschung ist so leicht, daß wir sie aufklären können,

wenn es uns paßt.‹ Als die Señora diesen witzigen Entschluß gefaßt

hatte, lehrte sie und Tio Lucas uns, was wir zu sagen und zu thun

hätten, wenn Se. Gnaden zurückkehrte; und dem Sebastian Garduña habe ich

einen solchen Schlag aufs Hinterteil versetzt, daß er die St. Simon- und

St. Judas-Nacht nicht sobald wieder vergessen wird.«

Schon seit längerer Zeit, noch während der Portier sprach, flüsterten

sich die Corregidora und die Müllerin gegenseitig in die Ohren, umarmten

und küßten sich alle Augenblicke und konnten verschiedene Male das

Lachen gar nicht verbeißen.

Schade! daß man nicht hörte, was sie sprachen. Aber der Leser wird es

sich wohl ohne große Mühe denken können, und wenn nicht der Leser, so

doch die Leserin.

35.

Kaiserliches Dekret.

In diesem Augenblicke kehrten der Corregidor und der Tio Lucas, jeder in

seinen eigenen Kleidern, in den Saal zurück.

»Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte der erlauchte Don Eugenio de Zuñiga

eintretend.

Und nachdem er einigemale heftig mit dem Stocke auf den Boden gestoßen

hatte, wie um seine Energie wieder zu sammeln, gleich einem offiziellen

Antäos, der sich nicht eher stark fühlt, als bis sein Bambusrohr die

Erde berührt, sagte er mit unbeschreiblicher Emphase und Dreistigkeit zu

der Corregidora:

»Merceditas! ich erwarte deine Erklärungen.«

Inzwischen stand die Müllerin auf, kniff den Tio Lucas zum Zeichen des

Friedens so stark, daß ihm Funken vor den Augen tanzten, und blickte ihn

zugleich mit gar nicht mehr ärgerlichen, sondern bezaubernden Augen an.

Der Corregidor, der jene Pantomime beobachtet hatte, erstarrte fast zur

Salzsäule, weil er sich eine so =unmotivierte= Versöhnung nicht

erklären konnte.

Dann wandte er sich von neuem an seine Frau und sagte in essigsaurem

Tone:

»Señora, alle verständigen sich hier, nur wir nicht. Reißen Sie mich aus

meinen Zweifeln. Ich befehle es als Mann und als Corregidor.«

Und wieder dröhnte der Stock gegen den Fußboden.

»Sie wollen also gehen?« rief Doña Mercedes aus und näherte sich der

Seña Frasquita, ohne sich um Don Eugenio zu kümmern. »So gehen Sie also

ohne Sorge, der Skandal wird keine Folgen haben. Rosa, leuchte den

Herrschaften, sie wollen ja schon gehen. Geht mit Gott, Tio Lucas!«

»O nein!« schrie Don Eugenio, indem er sich hineinmischte. »Tio Lucas

wird nicht fortgehen. Tio Lucas wird so lange im Arrest bleiben, bis ich

die volle Wahrheit weiß. Halloh, Alguacilen! Im Namen des Königs!«

Nicht einer der Polizeidiener gehorchte Don Eugenio. Alle blickten die

Corregidora an.

»Nun, Mann, mache Platz!« fügte diese hinzu, indem sie ihn fast umstieß

und sich von allen mit der größten Feinheit verabschiedete, das heißt,

den Kopf leicht zur Seite geneigt, ergriff sie ihr Kleid mit den

Fingerspitzen und neigte sich anmutig, bis sie die Modereverenz jener

Zeit ausführte, die man _la pompa_[9] nannte.

»Aber ich... aber du... aber wir... aber die da,« murmelte der arme Alte

noch immer, zog seine Frau am Kleide und störte ihre bestangefangenen

Verbeugungen.

Vergebliches Bemühen! Niemand kümmerte sich um Sr. Gnaden.

Als alle fortgegangen und die entzweiten Gatten im Salon allein waren,

geruhte die Corregidora endlich im Tone einer Czarin aller Reussen,

welche über einen gefallenen Minister den Blitzstrahl der ewigen

Verbannung nach Sibirien schlendert, zu ihrem Gatten zu sagen:

»Und lebtest du tausend Jahre, so sollst du doch nie erfahren, was in

dieser Nacht in meinem Schlafzimmer vorgefallen ist. Wenn du darin

gewesen wärest, wie es natürlich war, so brauchtest du niemand danach zu

fragen. Was mich anbetrifft, so habe und werde ich nie einen Grund

haben, der mich nötigen könnte, es zu enthüllen, dazu verachte ich dich

zu sehr, und wenn du nicht der Vater meiner Kinder wärest, so würde ich

dich jetzt vom Balkon herunterstürzen ... Und hiermit gute Nacht,

Caballero!«

Als die Corregidora diese Worte ausgesprochen hatte, die der Corregidor

anhörte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken (denn wenn er allein

war, wagte er es nicht, gegen seine Frau aufzutreten), ging sie in das

Schlafzimmer, schloß die Thüren hinter sich zu, und der arme Mann blieb

mitten im Saal aufgepflanzt stehen und murmelte mit einem beispiellosen

Cynismus zwischen den Gaumen -- Zähne hatte er ja nicht:

»Gott sei Dank! Ich glaubte nicht, daß es so gut enden würde... Garduña

wird mir eine andere suchen.«

36.

Schluß, Moral und Epilog.

Fröhlich zwitschernd grüßten die Vögel den Morgen, als Tio Lucas und die

Seña Frasquita die Stadt verließen, um sich nach der Mühle zu begeben.

Die Gatten gingen zu Fuß, vor ihnen her trabten die beiden

zusammengekoppelten Esel.

»Am Sonntag mußt du zur Beichte gehen,« sagte die Müllerin zu ihrem

Mann, »denn du mußt dich von all den schlechten Meinungen und

verbrecherischen Absichten dieser Nacht reinigen.«

»Da hast du einen guten Gedanken,« antwortete der Müller. »Aber du mußt

mir dafür auch einen Gefallen thun und die Matratzen und das Bettzeug

unseres Bettes den Armen geben und alles neu anschaffen. Ich lege mich

nicht wieder dahin, wo dies giftige Gewürm geschwitzt hat.«

»Nenne ihn nicht, Lucas!« versetzte die Seña Frasquita. »Aber um von

etwas anderem zu sprechen. Ich möchte dich noch um einen anderen

Gefallen bitten...«

»Bitte nur.«

»Im künftigen Sommer wirst du mich nach Solan de Cabras bringen, um eine

Badekur zu gebrauchen.«

»Warum?«

»Um zu sehen, ob wir Kinder bekommen werden.«

»Das ist eine sehr glückliche Idee. Wenn Gott uns das Leben schenkt,

sollst du dorthin gehen.«

Sie langten bei der Mühle an, gerade als die Sonne, ohne noch

aufgegangen zu sein, die Gipfel des Gebirges vergoldete. -- -- --

Zur größten Überraschung der Gatten, die nach einer so ärgerlichen

Szene, wie die der vergangenen Nacht, keine Besuche von hohen

Herrschaften mehr erwarteten, versammelten sich am Nachmittage mehr

Personen denn je. Der ehrwürdige Prälat, viele Domherren, der Lehrer der

Rechtswissenschaft, zwei Priore von Mönchsklöstern und verschiedene

andere Personen, die, wie man bald erfuhr, Se. Hochwürden

zusammenberufen hatte, füllten den ganzen Platz vor dem Hause.

Nur der Corregidor fehlte.

Als alle versammelt waren, ergriff der Herr Bischof das Wort und sagte,

daß, gerade weil gewisse Dinge in jenem Hause vorgefallen wären, seine

Domherren und er wie früher kommen würden, damit weder die braven

Müllersleute, noch die übrigen gegenwärtigen Personen vom öffentlichen

Tadel betroffen würden, den nur jener verdiente, welcher durch sein

rohes Betragen eine so gesittete, anständige Gesellschaft entweiht

hatte. Er ermahnte die Seña Frasquita väterlich, fürderhin weniger

herausfordernd und verführerisch in ihren Worten und Bewegungen zu sein,

die Arme mehr bedeckt und den Ausschnitt des Kleides etwas höher zu

tragen, riet dem Tio Lucas, seinen Vorgesetzten gegenüber mehr

Uneigennützigkeit, größere Zurückhaltung und weniger Unbescheidenheit zu

zeigen, gab dann schließlich seinen Segen, und da er an jenem Tage nicht

fastete, würde er mit vielem Vergnügen ein paar Trauben essen. Dasselbe

meinten alle, nämlich das letztere -- und der Weinstock erzitterte den

ganzen Nachmittag. -- Der Müller schätzte den Konsum an Weintrauben auf

zwei Arrobas.[10] -- --

Ungefähr drei Jahre lang dauerten diese angenehmen Zusammenkünfte, als

wider alles Erwarten die Heere Napoleons in Spanien eindrangen und der

Freiheitskrieg begann.

Der Herr Bischof, der Magistrat und der Pönitentiar starben im Jahre

1808, und der Advokat und die übrigen Teilnehmer in den Jahren 9, 10, 11

und 12, weil sie den Anblick der Franzosen, Polen und anderer Raubtiere

nicht ertragen konnten, welche in das Land einfielen und sogar im

Presbyterium der Kirchen, während der Militärmesse, ihre Pfeifen

rauchten!

Der Corregidor, der nie wieder nach der Mühle kam, wurde durch einen

französischen Marschall ersetzt und starb im Kerker in Madrid, weil er

sich auch nicht einen Augenblick, zu seiner Ehre sei's gesagt, mit der

Fremdherrschaft einverstanden erklären wollte.

Doña Mercedes hat sich nicht wieder verheiratet und erzog ihre Kinder

ganz ausgezeichnet. Im Alter zog sie sich in ein Kloster zurück und

starb dort im Geruche der Heiligkeit.

Garduña wurde französiert.

Señor Juan Lopez kämpfte im Guerillakriege als Anführer und starb,

gleich seinem Alguacil, in der berühmten Schlacht bei Baza, nachdem er

sehr viele Franzosen getötet hatte.

Der Dreispitz · 第 6 / 7 段