Eine Schar von Bürgern.
_Erster Bürger_
Als so viele Könige zusammentrafen, dachten wir, es würde eine rechte
Kurzweil für uns geben; aber irgendwie nahm alles eine solche Wendung,
daß niemand weiß, was überhaupt geschehen ist!
_Zweiter Bürger_
Saht ihr nicht, daß sie untereinander zu keiner Verständigung kommen
konnten? -- jeder mißtraute dem andern.
_Dritter Bürger_
Keiner hielt sich an ihre ursprünglichen Pläne; einer wollte vorrücken,
ein anderer hielt den Rückzug für die bessere Politik; einige wandten
sich nach rechts, andere liefen Sturm nach links: wie kann man das eine
Schlacht heißen?
_Erster Bürger_
Sie hatten keinen Sinn für wirklichen Kampf -- jeder hatte seine Augen
auf den andern.
_Zweiter Bürger_
Jeder dachte: »Warum sollte ich sterben, um es den andern zu
ermöglichen, die Ernte einzuheimsen?«
_Dritter Bürger_
Aber ihr müßt alle zugeben: Kantschi kämpfte wie ein wirklicher Held.
_Erster Bürger_
Er schien noch lange, nachdem er geschlagen war, nicht gewillt, seine
Niederlage anzuerkennen.
_Zweiter Bürger_
Zuletzt wurde ihm von einem tödlichen Wurfgeschoß die Brust durchbohrt.
_Dritter Bürger_
Aber vorher schien er nicht gewahren zu wollen, daß er bei jedem Schritt
Boden verloren hatte.
_Erster Bürger_
Die andern Könige aber -- nun, keiner weiß, wohin sie geflohen sind; den
armen Kantschi ließen sie allein auf dem Feld.
_Zweiter Bürger_
Aber ich habe gehört, er sei noch nicht tot.
_Dritter Bürger_
Nein, die Ärzte haben ihn gerettet -- aber er wird den Stempel seiner
Niederlage bis zum Tag seines Todes auf der Brust tragen.
_Erster Bürger_
Keiner von den andern Königen, die flohen, ist entkommen; sie sind alle
gefangengenommen worden. Aber was ist das für eine Sorte Justiz, die an
ihnen geübt wurde?
_Zweiter Bürger_
Ich habe gehört, daß jeder bestraft wurde, mit Ausnahme von Kantschi,
dem der Richter auf dem Thron der Gerechtigkeit den Platz zu seiner
Rechten anwies und ihm eine Krone aufs Haupt setzte.
_Dritter Bürger_
So etwas Unfaßbares ist noch nicht dagewesen.
_Zweiter Bürger_
Diese Sorte Justiz, frei herausgesagt, kommt uns launisch und
grillenhaft vor.
_Erster Bürger_
So ist es. Der größte Sünder ist ganz gewiß der König von Kantschi; die
andern trieb einmal Gewinngier vorwärts, und das andre Mal zog sie die
Furcht zurück.
_Dritter Bürger_
Was für eine Sorte Justiz ist das, frage ich? Es ist, wie wenn der Tiger
ungestraft davonkäme, während sein Schwanz abgeschnitten würde.
_Zweiter Bürger_
Wenn ich der Richter wäre, glaubt ihr, Kantschi liefe zur Stunde heil
und gesund herum? Nicht das geringste wäre mehr von ihm übrig.
_Dritter Bürger_
Das sind große Oberrichter, Freunde; ihre Gehirne haben ein andres
Gepräge wie unsre.
_Erster Bürger_
Haben sie überhaupt ein Hirn, möcht' ich wissen? Sie frönen einfach
ihren Launen, da keiner über ihnen ist, der ihnen etwas sagen dürfte.
_Zweiter Bürger_
Ihr könnt sagen, was ihr wollt, wenn die Regierungsgewalt in unsern
Händen wäre, hätten wir sicher die Regierung besser geführt als so.
_Dritter Bürger_
Kann darüber überhaupt noch Zweifel bestehen? Das versteht sich
natürlich von selbst.