Lager.
_Kantschi_
Zu Kanya Kubja's Boten.
Sage deinem König, daß er uns nicht gerade als seine Gäste zu empfangen
braucht. Wir sind auf dem Weg zurück zu unsern Königreichen, aber
wir verweilen, um die Königin Sudarschana aus der Knechtschaft und
Entwürdigung zu befreien, zu der sie hier verdammt ist.
_Bote_
Euer Hoheit, Ihr werdet Euch erinnern, daß die Prinzessin in ihres
Vaters Hause ist.
_Kantschi_
Eine Tochter kann nur solange im Heim ihres Vaters bleiben, als sie
unvermählt ist.
_Bote_
Aber ihre Beziehungen zur Familie ihres Vaters bleiben unverändert
bestehen.
_Kantschi_
Sie hat jetzt all solchen Verwandtschaftsbanden entsagt.
_Bote_
Solcher Verwandtschaft, Euer Hoheit, kann diesseits des Grabes niemals
entsagt werden: sie mag zu Zeiten außer Kraft treten, kann jedoch nie
ganz abgebrochen werden.
_Kantschi_
Entschließt sich der König nicht, mir seine Tochter auf friedlichem Wege
herauszugeben, so wird mich das Gebot der Ritterpflicht nötigen, Gewalt
anzuwenden. Du kannst das für mein letztes Wort nehmen.
_Bote_
Euer Hoheit wollen nicht vergessen, daß auch unser König an die
Ritterpflicht gebunden ist. Ihr erwartet umsonst, daß er seine Tochter
nur auf eure Drohungen hin ausliefern wird.
_Kantschi_
Sag deinem König, daß ich auf solch eine Antwort gefaßt war, als ich
herkam.
Der Bote geht ab.
_Suvarna_
König von Kantschi, es scheint mir, daß wir zu viel wagen.
_Kantschi_
Was für ein Vergnügen böte dieses Abenteuer, wenn es anders wäre?
_Suvarna_
Es braucht nicht viel Mut, Kanya Kubja zum Kampf herauszufordern --
aber...
_Kantschi_
Wenn du erst anfängst, dich vor »Aber« zu fürchten, wirst du in dieser
Welt kaum einen Platz finden, der sicher genug für dich ist.
Ein Soldat tritt auf.
_Soldat_
Euer Hoheit! ich habe soeben die Kunde erhalten, daß die Könige von
Koschala, Avanti und Kalinga mit ihren Heerscharen des Wegs kommen.
(Ab.)
_Kantschi_
Gerade, was ich fürchtete! Die Nachricht von Sudarschanas Flucht hat
sich überall verbreitet; jetzt wird man sich von allen Seiten um sie
reißen und schließlich wird alles in Rauch aufgehn.
_Suvarna_
Es führt nun zu nichts, Euer Hoheit. Das sind keine guten Nachrichten.
Ich bin völlig gewiß, daß unser König selbst insgeheim die Kunde
allenthalben verbreitet hat.
_Kantschi_
Nun, was soll ihm das nützen?
_Suvarna_
Die Gierigen werden einander in der allgemeinen Eifersucht in
Stücke reißen -- und er wird sich die Lage zunutze machen, die Beute
heimzuführen.
_Kantschi_
Nun wird es klar, warum euer König sich nie sehen läßt. Sein Kniff
ist, sich auf allen Seiten zu vervielfachen -- die Furcht sieht ihn
allenthalben. Aber ich will dabei bleiben, daß euer König von Kopf zu
Fuß nichts als eitel Schwindel ist.
_Suvarna_
Aber bitte, Euer Hoheit, wollt Ihr die Güte haben, mich zu entlassen?
_Kantschi_
Ich kann dich nicht gehen lassen -- ich habe noch eine Verwendung für
dich in dieser Sache.
Ein Soldat tritt auf.
_Soldat_
Euer Hoheit, Virat, Pantschal und Vidarbha sind auch gekommen. Sie haben
auf der andern Seite des Flusses ihr Lager aufgeschlagen. (Ab.)
_Kantschi_
Im Anfang müssen wir alle vereinigt kämpfen. Ist erst die Schlacht mit
Kanya Kubja vorbei, so werden wir schon einen Weg aus der Schwierigkeit
finden.
_Suvarna_
Bitte, zieht mich nicht mit Gewalt in Eure Pläne -- ich werde glücklich
sein, wenn Ihr mich mir selbst überlaßt -- ich bin ein armes, niedriges
Geschöpf -- nichts kann --
_Kantschi_
Sieh einmal an, König der Heuchler, Mittel und Wege sind nie von so
hohem Range -- Straßen und Stufen und so weiter sind stets dazu da, mit
den Füßen getreten zu werden. Der Vorteil, wenn wir Männer deiner Art in
unsern Plänen verwenden, ist, daß wir keine Maske oder Täuschung nötig
haben. Wenn ich mich aber mit meinem Minister zu beraten hätte, wäre es
unsinnig, wollte ich dem Diebstahl einen weniger würdigen Namen geben
als Gemeinwohl. Ich will jetzt gehn und die Fürsten in Bewegung setzen
wie Bauern auf dem Schachbrett; das Spiel ist nicht möglich, wenn
_all_ die Schachfiguren sich wie Könige bewegen wollen!