VIII.

Die dunkle Kammer. Der König und Sudarschana.

_König_

Fürchte dich nicht -- du hast keinen Grund zur Angst. Das Feuer wird

nicht in dies Gemach dringen.

_Sudarschana_

Ich habe keine Angst -- aber oh, die Scham verfolgt mich wie ein

rasendes Feuer. Mein Gesicht, meine Augen, mein Herz, jeder Teil meines

Körpers wird von ihren Flammen versengt und verbrannt.

_König_

Es wird eine Zeit vergehen, ehe du über diesen Brand hinwegkommst.

_Sudarschana_

Dieses Feuer wird nie aufhören -- wird nie aufhören!

_König_

Verzage nicht, Königin!

_Sudarschana_

O König, ich will dir nichts verbergen... Ich trage eines anderen Kette

um meinen Hals.

_König_

Auch diese Kette ist mein -- wie sonst hätte er zu ihr kommen sollen? Er

stahl sie aus meiner Kammer.

_Sudarschana_

Aber sie ist _sein_ Geschenk an mich: und doch konnte ich diese Kette

nicht fortschleudern! Als das Feuer brüllend von allen Seiten kam,

dachte ich daran, diese Kette ins Feuer zu werfen. Aber nein, ich

konnte nicht. Mein Geist flüsterte: »Behalte diese Kette im Tode an«...

Was für ein Feuer ist das, o König, in das ich, die hinausgegangen war,

dich zu sehen, sprang, wie eine Motte, die der Flamme nicht widerstehen

kann! Welch eine Qual ist das, oh, welch ein Todeskampf! Das Feuer

brennt so wild weiter wie je, und doch lebe ich weiter in seinen

Flammen!

_König_

Aber du hast mich schließlich gesehen -- deine Sehnsucht ist gestillt

worden.

_Sudarschana_

Aber suchte ich dich denn mitten in diesem grauenhaften Verderben? Ich

weiß nicht, was ich sah, doch mein Herz pocht noch wild vor Angst.

_König_

Was sahest du?

_Sudarschana_

Grauenhaft -- oh, es war grauenhaft! Ich fürchte mich, auch nur noch

daran zu denken. Schwarz, schwarz -- o du bist schwarz wie die ewige

Nacht! Ich habe dich nur einen einzigen entsetzlichen Augenblick

gesehen. Der Feuerschein fiel auf deine Züge -- du sahst wie die

schaudervolle Nacht aus, wenn ein Komet unheilverkündend über uns

schwebt -- oh, da schloß ich die Augen -- ich konnte deinen Anblick

nicht mehr ertragen. Schwarz wie die drohende Wetterwolke, schwarz wie

das uferlose Meer mit dem gespenstischen Rot des Zwielichts auf seinen

tosenden Wogen!

_König_

Habe ich dir nicht vorausgesagt, daß man meinen Anblick nicht ertragen

kann, wenn man nicht schon darauf vorbereitet ist? Man möchte vor mir

zum Ende der Welt fliehen. Habe ich das nicht zahllose Male gesehen?

Darum wollte ich mich dir langsam und allmählich enthüllen, nicht gar zu

plötzlich.

_Sudarschana_

Aber es kam die Sünde und vernichtete alle deine Hoffnungen -- die

bloße Möglichkeit einer Gemeinschaft mit dir ist für mich nun undenkbar

geworden.

_König_

Sie wird mit der Zeit möglich werden, meine Königin. Die gräßliche

düstere Schwärze, die dich heute bis in die Seele mit Furcht geschlagen

hat, wird eines Tages dein Trost und dein Heil sein. Wofür sonst kann

meine Liebe da sein?

_Sudarschana_

Es kann nicht sein, es ist nicht möglich. Was will _deine_ Liebe

allein noch tun? _Meine_ Liebe hat sich nun von dir abgewandt. Die

Schönheit hat ihren Zauber auf mich geworfen, diese Raserei, dieser

Rausch wird mich nie mehr verlassen -- sie hat meine Augen mit ihrem

Glanz geblendet und entflammt, sie hat ihren goldenen Schimmer bis in

meine Träume geworfen! Ich habe dir nun alles gesagt -- strafe mich, wie

dir beliebt.

_König_

Die Strafe hat schon begonnen.

_Sudarschana_

Doch willst du mich nicht strafen so stoße mich von dir. Ich will dich

verlassen --

_König_

Du hast vollkommene Freiheit, zu tun, was dir beliebt.

_Sudarschana_

Ich kann deine Gegenwart nicht ertragen! Mein Herz ist böse auf dich.

Warum warst du -- aber was hast du mir getan?... Warum bist du so?

Warum haben sie mir gesagt, du wärest stattlich und schön? Du bist

schwarz, schwarz wie die Nacht -- ich werde dich nie, ich kann dich nie

liebhaben. Ich habe gesehen, was ich liebe -- es ist sanft und weich wie

Samt, zart wie die _Schirischa_-Blume, strahlend wie ein Schmetterling.

_König_

Es ist falsch wie eine Fata Morgana, leer wie eine Seifenblase.

_Sudarschana_

Mag sein -- aber ich kann deine Nähe nicht ertragen -- ich kann einfach

nicht! Ich muß von hier fliehen. Eine Gemeinschaft mit dir, das kann

nicht möglich sein! Sie kann nichts anderes sein als ein falscher Bund

-- mein Geist muß sich unweigerlich von dir abkehren.

_König_

Willst du es nicht einmal ein wenig versuchen?

_Sudarschana_

Ich habe es seit gestern versucht -- aber je mehr ich versuche, um so

mehr empört sich mein Herz. Wenn ich bei dir bleibe, werde ich beständig

von dem Gedanken verfolgt und gehetzt, daß ich unrein bin, daß ich

falsch und treulos bin.

_König_

Nun wohl, du kannst so weit von mir gehen, als dir beliebt.

_Sudarschana_

Ich kann von dir nicht fliehen -- gerade weil du mein Gehen nicht

hinderst. Warum hältst du mich nicht mit Gewalt an den Haaren zurück

und sagst: »Du sollst nicht gehen?« Warum schlägst du mich nicht? O

strafe mich, triff mich, schlag mich mit gewaltiger Hand! Aber dein

widerstandsloses Schweigen macht mich wild -- oh, ich kann's nicht

ertragen!

_König_

Warum glaubst du, daß ich in Wirklichkeit still bin? Woher weißt du, daß

ich nicht versuche, dich zurückzuhalten?

_Sudarschana_

Oh, nein, nein! -- Ich kann das nicht ertragen -- sag mir laut, befiehl

mir mit der Stimme des Donners, zwinge mich mit Worten, die alles andere

übertönen -- laß mich nicht so leicht, so mild von dir!

_König_

Ich werde dich frei lassen, aber warum sollte ich zulassen, daß du dich

von mir losreißest?

_Sudarschana_

Das willst du nicht zulassen? Wohlan denn, ich muß gehen!

_König_

Geh denn!

_Sudarschana_

So bin ich gar nicht zu tadeln. Du hättest mich mit Gewalt zurückhalten

können, aber du tatest es nicht! Du hast mich nicht gehindert -- und nun

werde ich fortgehen. Befiehl deinen Wachen, mich nicht gehen zu lassen!

_König_

Niemand wird dir in den Weg treten. Du kannst so frei gehen wie die

zerrissene Wetterwolke, die vom Sturm gepeitscht wird.

_Sudarschana_

Ich kann nicht mehr widerstehen -- etwas in mir jagt mich vorwärts -- es

treibt mich von meinem Anker! Vielleicht werde ich versinken, aber ich

werde nie mehr zurückkehren.

Sie stürzt hinaus.

Surangama tritt auf.

_Surangama_ (singt)

Was hat dein Wille mit mir vor, daß er mich in die Weite sendet? Zu

deinen Füßen werde ich wieder von meiner Wanderschaft zurückkehren.

Deine Liebe ist es, die sich hinter dem Schein der Nachlässigkeit

verbirgt, deine zärtlichen Hände stoßen mich fort, um mich wieder in

deine Arme zu ziehn! O mein König, was ist's für ein Spiel, das du

überall in deinem Reiche treibst?

_Sudarschana_ (kehrt zurück)

König, o König!

_Surangama_

Er ist fortgegangen.

_Sudarschana_

Fortgegangen? Wohlan denn ... dann hat er mich endgültig verstoßen! Ich

bin zurückgekehrt, aber er hat nicht einen einzigen kleinen Augenblick

auf mich warten können! Sehr gut denn, ich bin nun vollkommen frei.

Surangama, hat er dich geheißen, mich zurückzuhalten?

_Surangama_

Nein, er hat nichts gesagt.

_Sudarschana_

Warum sollte er etwas sagen? Warum sollte er sich um mich kümmern?

... Ich bin also frei, vollkommen frei. Aber, Surangama, ich wollte

den König etwas fragen, konnte es aber in seiner Gegenwart nicht

herausbringen. Sag mir, ob er die Gefangenen mit dem Tode bestraft hat.

_Surangama_

Mit dem Tode? Mein König straft nie mit dem Tode.

_Sudarschana_

Was hat er ihnen denn getan?

_Surangama_

Er hat sie in Freiheit gesetzt. Kantschi hat seine Niederlage anerkannt

und ist in sein Königreich heimgekehrt.

_Sudarschana_

Ach, was für eine Erlösung!

_Surangama_

Meine Königin, ich habe eine einzige Bitte an dich.

_Sudarschana_

Du brauchst deine Bitte nicht auszusprechen, Surangama. Alle Geschmeide

und Schmucksachen, die der König mir gab, lasse ich dir -- ich bin nicht

würdig, sie von nun an zu tragen.

_Surangama_

Nein, ich brauche sie nicht, meine Königin. Mein Herr hat mir nie

irgendwelchen Schmuck zu tragen gegeben -- mein schmuckloses Aussehen

ist für mich gut genug. Er hat mir nichts gegeben, womit ich vor den

Leuten prahlen könnte.

_Sudarschana_

Was willst du sonst von mir?

_Surangama_

Ich will mit dir gehn, meine Königin.

_Sudarschana_

Bedenke, was du da sagst; du verlangst, deinen Herrn zu verlassen. Was

für eine Bitte ist das für dich!

_Surangama_

Ich werde nicht weit von ihm fortgehen -- wenn du unbehütet fortgehst,

wird er bei dir sein, dicht dir zur Seite.

_Sudarschana_

Du redest Unsinn, mein Kind. Ich wollte Rohini mit mir nehmen, aber sie

wollte nicht. Was gibt dir den Mut zu dem Wunsche, mit mir zu kommen?

_Surangama_

Ich besitze weder Mut noch Kraft. Aber ich werde gehen -- der Mut wird

von selbst kommen, und auch die Kraft wird kommen.

_Sudarschana_

Nein, ich kann dich nicht mitnehmen; deine Gegenwart wird mich beständig

an meine Schmach erinnern; ich werde das nicht ertragen können.

_Surangama_

O meine Königin, ich habe wie all dein Gutes so auch all dein Böses mir

zu eigen gemacht; willst du mich noch als Fremde behandeln? Ich muß mit

dir gehn.

Der König der dunklen Kammer · 第 20 / 35 题