Daher reißen Feier-Abends vorher alle Mägde sorgfältig von ihren Rocken

ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen

übel ausschlage. Noch besser ists aber, wenn es ihnen gelingt, alles

angelegte Werk vorher im Abspinnen herunter zu bringen.

6.

Frau Hollen Bad.

+Zeiller’s+ Sendschreiben II. 533. S. 695.

+Prätor+. Weltbeschr. I. 476.

Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrentheils trüb

von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung

wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen

und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind

voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder

beschädiget worden.

7.

Frau Holla und der treue Eckart.

+Prätor+. Weihnachtsfratzen propos. 55.

+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 167.

In Thüringen liegt ein Dorf Namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau

Holla vorüber und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte

die begegneten Leute aus dem Wege zu weichen, daß ihnen kein Leid

widerfahre. Ein Paar Bauerknaben hatten gerade Bier in der Schenke

geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem

sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein,

da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald

nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und

tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wußten doch nicht,

wie sie ihnen zu Haus thun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen

würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: “das rieth euch

Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch euere

Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen

etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier seyn

und wird ihnen nie gebrechen.” Dieses thaten die Knaben und es war so,

die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in

acht. Endlich aber konnten sies nicht länger bergen, sondern erzählten

aus Vorwitz ihren Eltern den Verlauf der Sache, da war es aus und die

Krüglein versiegten. Andere sagen, es sey dies nicht eben zu Weihnacht

geschehen, sondern auf eine andre Zeit.

8.

Frau Holla und der Bauer.

+Prätor+. Weihnachtfr. prop. 56.

Frau Holla zog einmal aus, begegnete ihr ein Bauer mit der Axt. Da

redete sie ihn mit den Worten an, daß er ihr den Wagen verkeilen oder

verschlagen sollte. Der Taglöhner that, wie sie ihm hieß und als die

Arbeit verrichtet war, sprach sie: raff die Späne auf und nimm sie zum

Trinkgeld mit; drauf fuhr sie ihres Weges. Dem Manne kamen die Späne

vergeblich und unnütz vor, darum ließ er sie meistentheils liegen, blos

ein Stück oder drei nahm er für die Langeweile mit. Wie er nach Hause

kam und in den Sack griff, waren die Späne eitel Gold, alsbald kehrte

er um, noch die andern zu holen, die er liegen gelassen; so sehr er

suchte, so war es doch zu spät und nichts mehr vorhanden.

9.

Die Springwurzel.

Mündlich auf dem Köterberg von einem Schäfer.

vgl. Altdeutsche Wälder II. 95.

Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Köterberg, da

stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königs-Fräulein

vor ihm und sprach: “nimm die Spring-Wurzel und folge mir nach.” Die

Spring-Wurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder

Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das

bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden,

die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im

Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor

den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben.

Hat man sich versteckt und macht nun, wie er heran kommt, einen großen

Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein

weißes oder rothes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf,

sobald er sie gebraucht hat.) Eine solche Springwurzel besaß der Hirt,

ließ nun seine Thiere herumtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte

ihn bei einer Höhle in den Berg hinein, kamen sie zu einer Thüre oder

einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten und

alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa

in die Mitte des Bergs gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und

spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den

Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben

Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft und die Königstochter sprach

zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: “nimm dir,

so viel du willst.” Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine

Taschen, so viel sie halten konnten und wie er, also reich beladen,

wieder hinaus wollte, sprach sie: “aber vergiß das Beste nicht!” Er

meinte nicht anders, als das wären die Schätze und glaubte sich gar

wohl versorgt zu haben, aber es war das Spring-Wort[1]. Wie er nun

hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das

Thor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weitern

Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen

Reichthümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er

nicht wieder finden.

[1] Der erzählende Schäfer brauchte ganz gleichbedeutend die

Spring-+Wurzel+ und das Spring-+Wort+ wie im Gefühl von der alten

Verwandschaft beider Ausdrücke.

10.

Fräulein von Boyneburg.

Mündlich, aus Hessen.

Auf eine Zeit lebten auf der Boyneburg drei Fräulein zusammen. Der

jüngsten träumte in einer Nacht, es sey in Gottes Rath beschlossen,

daß eine von ihnen im Wetter sollte erschlagen werden. Morgens sagte

sie ihren Schwestern den Traum und als es Mittag war, stiegen schon

Wolken auf, die immer größer und schwärzer wurden, also daß Abends

ein schweres Gewitter am Himmel hinzog und ihn bald ganz zudeckte und

der Donner immer näher herbei kam. Als nun das Feuer von allen Seiten

herabfiel, sagte die älteste: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn

mir ist der Tod bestimmt”, ließ sich einen Stuhl hinaustragen, saß

draußen einen Tag und eine Nacht und erwartete, daß der Blitz sie

träfe. Aber es traf sie keiner; da stieg am zweiten Tage die zweite

herab und sprach: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn mir ist der

Tod bestimmt”; und saß den zweiten Tag und die zweite Nacht, die Blitze

versehrten sie auch nicht, aber das Wetter wollte nicht fortziehen. Da

sprach die dritte am dritten Tage: “nun seh ich Gottes Willen: daß ich

sterben soll”, da ließ sie den Pfarrer holen, der ihr das Abendmahl

reichen mußte, dann machte sie auch ihr Testament und stiftete, daß

an ihrem Todestage die ganze Gemeinde gespeist und beschenkt werden

sollte. Nachdem das geschehen war, ging sie getrost hinunter und setzte

sich nieder und nach wenigen Augenblicken fuhr auch ein Blitz auf sie

herab und tödtete sie.

Hernach als das Schloß nicht mehr bewohnt war, ist sie oft als ein

guter Geist gesehen worden. Ein armer Schäfer, der all sein Hab und Gut

verloren hatte und dem am andern Tage sein letztes sollte ausgepfändet

werden, weidete an der Boyneburg, da sah er im Sonnenschein an der

Schloßthüre eine schneeweiße Jungfrau sitzen. Sie hatte ein weißes

Tuch ausgebreitet, darauf lagen Knotten, die sollten in der Sonne

aufklinken. Der Schäfer verwunderte sich, an dem einsamen Ort eine

Jungfrau zu finden, trat zu ihr hin und sprach: “ei was schöne

Knotten!” nahm ein paar in die Hand, besah sie und legte sie wieder

hin. Sie sah ihn freundlich und doch traurig an, antwortete aber

nichts, da ward dem Schäfer angst, daß er fort ging, ohne sich

umzusehen und die Heerde nach Haus trieb. Es waren ihm aber ein paar

Knotten, als er darin gestanden, neben in die Schuhe gefallen, die

drückten ihn auf dem Heimweg, da setzte er sich, zog den Schuh ab und

wollte sie herauswerfen, wie er hineingriff, so fielen ihm fünf oder

sechs Goldkörner in die Hand. Der Schäfer eilte zur Boyneburg zurück,

aber die weiße Jungfrau war sammt den Knotten verschwunden; doch konnte

er sich mit dem Golde schuldenfrei machen und seinen Haushalt wieder

einrichten.

Viele Schätze sollen in der Burg noch verborgen liegen. Ein Mann war

glücklich und sah in der Mauer ein Schubfach; als er es aufzog, war

es ganz voll Gold. Eine Wittwe hatte nur eine Kuh und Ziege und weil

an der Boyneburg schöne Heiternesseln wachsen, wollte sie davon zum

Futter abschneiden, wie sie aber eben nach einem Strauch packte, glitt

sie aus und fiel tief hinab. Sie schrie und rief nach Hilfe, es war

aber niemand mehr in der einsamen Gegend, bis Abends ihre Kinder, denen

Angst geworden war, herbei kamen und ihre Stimme hörten. Sie zogen sie

an Stricken herauf und nun erzählte sie ihnen, tief da unten sey sie

vor ein Gitter gefallen, dahinter habe sie einen Tisch gesehen, der mit

Reichthümern und Silberzeug ganz beladen gewesen.

11.

Der Piel-Berg.

+Prätorius+ Glücks-Topf S. 506.

Bei Annaberg in Meissen, liegt vor der Stadt ein hoher Berg, der

Piel-Berg genannt, darauf soll vor Zeiten eine schöne Jungfrau verbannt

und verwünscht seyn, die sich noch öfters um Mittag, weshalb sich dann

niemand dort darf sehen lassen, in köstlicher Gestalt, mit prächtigen,

gelben, hinter sich geschlagenen Haaren zeigt.

12.

Die Schloß-Jungfrau.

+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 172.

Auf dem Schloßberg unweit Ordruf in Thüringen soll sich manchmal eine

Jungfrau sehen lassen, welche ein großes Gebund Schlüssel anhängen hat.

Sie kommt dann allezeit um zwölf Uhr Mittags vom Berg herab und geht

nach dem unten im Thal befindlichen Hierlings- oder Hörlings-Brunn und

badet sich in demselben, worauf sie wiederum den Berg hinaufsteigt.

Einige wollen sie genau gesehen und betrachtet haben.

13.

Die Schlangen-Jungfrau.

+Prätor.+ Weltbeschr. I. 661-663.

+Seyfried+ in ~medulla. p.~ 477. 478.

+Kornemann+ ~mons Veneris c.~ 34. ~p.~ 189-192.

Um das Jahr 1520 war einer zu Basel im Schweizerlande mit Namen

Leonhard, sonst gemeinlich Lienimann genannt, eines Schneiders Sohn,

ein alberner und einfältiger Mensch, und dem dazu das Reden, weil er

stammerte, übel abging. Dieser war in das Schlauf-Gewölbe oder den

Gang, welcher zu Augst über Basel unter der Erde her sich erstreckt,

ein- und darin viel weiter, als jemals einem Menschen möglich gewesen,

fortgegangen und hinein gekommen und hat von wunderbarlichen Händeln

und Geschichten zu reden wissen. Denn er erzählt und es gibt noch

Leute, die es aus seinem Munde gehört haben, er habe ein geweihtes

Wachslicht genommen und angezündet und sey mit diesem in die Höhle

eingegangen. Da hätte er erstlich durch eine eiserne Pforte und darnach

aus einem Gewölbe in das andere, endlich auch durch etliche gar schöne

und luftige grüne Gärten gehen müssen. In der Mitte aber stünde ein

herrlich und wohlgebautes Schloß oder Fürstenhaus, darin wäre eine

gar schöne Jungfrau mit menschlichem Leibe bis zum Nabel, die trüge

auf ihrem Haupt eine Krone von Gold und ihre Haare hätte sie zu Felde

geschlagen; unten vom Nabel an wäre sie aber eine gräuliche Schlange.

Von derselben Jungfrau wäre er bei der Hand zu einem eisernen Kasten

geführt worden, auf welchem zwei schwarze bellende Hunde gelegen,

also daß sich niemand dem Kasten nähern dürfen, sie aber hätte ihm

die Hunde gestillt und im Zaum gehalten, und er ohne alle Hinderung

hinzugehen können. Darnach hätte sie einen Bund Schlüssel, den sie am

Hals getragen, abgenommen, den Kasten aufgeschlossen, silberne und

andere Münzen heraus geholt. Davon ihm dann die Jungfrau nicht wenig

aus sonderlicher Mildigkeit geschenkt, welche er mit sich aus der

Schluft gebracht; wie er denn auch selbige vorgezeigt und sehen lassen.

Auch habe die Jungfrau zu ihm gesprochen, sie sey von königlichem

Stamme und Geschlecht geboren, aber also in ein Ungeheuer verwünscht

und verflucht, und könne durch nichts erlöst werden, als wenn sie von

einem Jüngling, dessen Keuschheit rein und unverletzt wäre, dreimal

geküßt werde; dann würde sie ihre vorige Gestalt wieder erlangen. Ihrem

Erlöser wolle sie dafür den ganzen Schatz, der an dem Orte verborgen

gehalten würde, geben und überantworten. Er erzählte weiter, daß er die

Jungfrau bereits zweimal geküßt, da sie denn alle beide Mal, vor großer

Freude der unverhofften Erlösung, mit so gräulichen Gebärden sich

erzeigt, daß er sich gefürchtet und nicht anders gemeint, sie würde ihn

lebendig zerreißen; daher er zum drittenmal sie zu küssen nicht gewagt,

sondern weggegangen wäre. Hernach hat es sich begeben, daß ihn etliche

in ein Schand-Haus mitgenommen, wo er mit einem leichtsinnigen Weibe

gesündigt. Also vom Laster befleckt, hat er nie wieder den Eingang

zu der Schlauf-Höhle finden können; welches er zum öftern mit Weinen

beklagt.

14.

Das schwere Kind.

+Bräuner’s+ Curiosit. 274.

Im Jahr 1686. am achten Juni erblickten zwei Edelleute auf dem Wege

nach Chur in der Schweiz an einem Busch ein kleines Kind liegen, das

in Linnen eingewickelt war. Der eine hatte Mitleiden, hieß seinen

Diener absteigen und das Kind aufheben, damit man es ins nächste Dorf

mitnehmen und Sorge für es tragen könnte. Als dieser abgestiegen war,

das Kind angefaßt hatte und aufheben wollte, war er es nicht vermögend.

Die zwei Edelleute verwunderten sich hierüber und befahlen dem andern

Diener, auch abzusitzen und zu helfen. Aber beide mit gesammter Hand

waren nicht so mächtig, es nur von der Stelle zu rücken. Nachdem sie es

lange versucht, hin und her gehoben und gezogen, hat das Kind anfangen

zu sprechen und gesagt: “laßet mich liegen, denn ihr könnt mich doch

nicht von der Erde wegbringen. Das aber will ich euch sagen, daß dies

ein köstliches und fruchtbares Jahr seyn wird, aber wenig Menschen

werden es erleben.” Sobald es diese Worte ausgeredet hatte, verschwand

es. Die beiden Edelleute legten nebst ihren Dienern ihre Aussage bey

dem Rath zu Chur nieder.

15.

Der alte Weinkeller bei Salurn.

Nachr. von Geistern. Frankf. 1737. S. 66-73.

Auf dem Rathhause des tyroler Fleckens Salurn, an der Etsch, werden

zwei alte Flaschen vorgezeigt und davon erzählt: Im Jahr 1688. ging

Christoph Patzeber von St. Michael nach Salurn in Verrichtungen und

wie er bei den Trümmern der alten salurner Burg vorüberkam, wandelte

ihn Lust an, das Gemäuer näher zu betrachten. Er sah sich im obern

Theil um und fand ungefähr eine unterirdische Treppe, welche aber

ganz hell schien, so daß er hinabstieg, und in einen ansehnlichen

Keller gelangte, zu dessen beiden Seiten er große Fässer liegen sah.

Der Sonnenstrahl fiel durch die Ritzen, er konnte deutlich achtzehn

Gefäße zählen, deren jedes ihm däuchte funfzig Irten zu halten; an

denen die vorn standen, fehlte weder Hahn noch Krahn und als der Bürger

vorwitzig umdrehte, sah er mit Verwunderung einen Wein, köstlich wie

Oel, fließen. Er kostete das Getränk und fand es von solchem herrlichen

Geschmack, als er Zeitlebens nicht über die Zunge gebracht hatte. Gern

hätte er für Weib und Kind davon mitgenommen, wenn ihm ein Geschirr

zu Handen gewesen wäre; die gemeine Sage fiel ihm ein von diesem

Schloß, das schon manchen Menschen unschuldigerweise reich gemacht

haben sollte, und er sann hin und her, ob er nicht durch diesen Fund

glücklich werden möchte. Er schlug daher den Weg nach der Stadt ein,

vollbrachte sein Geschäft und kaufte sich zwei große irdene Flaschen

nebst Trichter und verfügte sich noch vor Sonnenuntergang in das alte

Schloß, wo er alles gerade so wiederfand, als das erstemal. Ungesäumt

füllte er seine beiden Flaschen mit Wein, welche etwa zwanzig Maaß

fassen konnten, hierauf wollte er den Keller verlassen. Aber im

Umdrehen sah er plötzlich an der Treppe, also daß sie ihm den Gang

sperrten, drei alte Männer an einem kleinen Tische sitzen, vor ihnen

lag eine schwarze mit Kreide beschriebene Tafel. Der Bürger erschrak

heftig, hätte gern allen Wein im Stich gelassen, hub an inbrünstig zu

beten und die Kellerherrn um Verzeihung zu bitten. Da sprach einer aus

den dreien, welcher einen langen Bart, eine Ledermütze auf dem Haupt

und einen schwarzen Rock anhatte: komm so oft du willt, so sollst

du allzeit erhalten, was dir und den deinen vonnöthen ist. Hierauf

verschwand das ganze Gesicht. Patzeber konnte frei und ungehindert

fortgehen und gelangte glücklich heim zu seinem Weibe, dem er alles

erzählte, was ihm begegnet war. Anfangs verabscheute die Frau diesen

Wein, als sie aber sah, wie ohne Schaden sich ihr Hauswirth daran

labte, versuchte sie ihn auch und gab allen ihren Hausgenossen dessen

zu trinken. Als nun der Vorrath all wurde, nahm er getrost die zwei

irdenen Krüge, ging wieder in den Keller und füllte von neuem und

das geschah etlichemal ein ganzes Jahr durch; dieser Trunk, der

einer kaiserlichen Tafel wohl gestanden hätte, kostete ihn keinen

Heller. Einmal aber besuchten ihn drei Nachbaren, denen er von seinem

Gnadentrunk zubrachte, und die ihn so trefflich fanden, daß sie

Verdacht schöpften und argwohnten, er sey auf unrechtem Wege dazu

gekommen. Weil sie ihm ohnedeß feind waren, gingen sie aufs Rathhaus

und verklagten ihn, der Bürger erschien und verhehlte nicht, wie er

zu dem Wein gelangt war, obgleich er innerlich dachte, daß er nun den

letzten geholt haben würde. Der Rath ließ von dem Wein vor Gericht

bringen und befand einstimmig, daß dergleichen im Lande nirgends

anzutreffen wäre. Also mußten sie zwar den Mann nach abgelegtem Eid

heim entlassen, gaben ihm aber auf, mit seinen Flaschen nochmals den

vorigen Weg zu unternehmen. Er machte sich auch dahin, aber weder

Treppe noch Keller war dort zu spüren und er empfing unsichtbare

Schläge, die ihn betäubt und halbtodt zu Boden streckten. Als er so

lange Zeit lag, bedäuchte ihn den vorigen Keller, aber fern in einer

Tiefe, zu erblicken, die drei Männer saßen wieder da und kreideten

still und schweigend bei einer hellen Lampe auf dem Tisch, als hätten

sie eine wichtige Rechnung zu schließen; zuletzt wischten sie alle

Ziffern aus und zogen ein Creuz über die ganze Tafel, welche sie

hernach bei Seite stellten. Einer stand auf, öffnete drei Schlösser

an einer eisernen Thür und man hörte Geld klingen. Auf einer anderen

Treppe kam dann dieser alte Mann heraus zu dem auf der Erde liegenden

Bürger, zählte ihm 30 Thaler in den Hut, ließ aber nicht den geringsten

Laut von sich hören. Hiermit verschwand das Gesicht und die salurner

Uhr aus der Ferne schlug eilf. Der Bürger raffte sich auf und kroch aus

den Mauern, auf der Höhe sah er einen ganzen Leichenzug mit Lichtern

vorbeiwallen und deutete das auf seinen eigenen Tod. Inzwischen kam

er nach und nach auf die Landstraße und wartete auf Leute, die ihn

nach Haus schleppten. Darauf berichtete er dem Rath den ganzen Verlauf

und die 30 alten Thaler bewiesen deutlich, daß sie ihm von keiner

oberirdischen Hand waren gegeben worden. Man sandte des folgenden

Tags acht beherzte Männer aus zu der Stelle, die gleichwohl nicht die

mindeste Spuren entdeckten, außer in einer Ecke der Trümmer die beiden

irdenen Flaschen liegen fanden und zum Wahrzeichen mitbrachten. Der

Patzeber starb zehen Tage darauf und mußte die Weinzeche mit seinem

Leben zahlen; das gemachte große Creuz hatte die Zahl der zehn Tage

vielleicht vorbedeutet.

16.

Hünen-Spiel.

Mündlich, aus dem Corvei’schen.

Bei Höxter liegen der Brunsberg und Wiltberg, auf welchen die Sachsen

im Kampf mit Carl dem Großen sollen ihre Burgen gehabt haben. Nach der

Sage des Volks wohnten dort ehedem Hünen, die so groß waren, daß sie

sich Morgens aus ihren Fenstern grüßend die Hände herüber und hinüber

reichten. Sie warfen sich auch, als Ballspiel, Kugeln zu und ließen

sie hin und her fliegen. Einmal fiel eine solche Kugel mitten ins Thal

herab und schlug ein gewaltiges Loch in den Erdboden, das man noch

heute sieht.

17.

Das Riesen-Spielzeug.

Mündlich von einem Förster.

Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem

Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen. Einmal ging

das Riesen-Fräulein herab ins Thal, wollte sehen, wie es da unten wäre

und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Wald gelegenes Ackerfeld,

das gerade von den Bauern bestellt ward. Es blieb vor Verwunderung

stehen und schaute den Pflug, die Pferde und Leute an, das ihr alles

etwas neues war. “Ei, sprach sie, und ging herzu, das nehm ich mir

mit.” Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich

mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und thats hinein. Nun

lief sie ganz vergnügt nach Haus, den Felsen hinaufspringend, wo der

Berg so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da that sie einen

Schritt und war droben.

Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. “Ei, mein Kind, sprach

er, was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus.”

Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hineinblicken. “Was

hast du so Zappeliches darin?” “Ei Vater, gar zu artiges Spielding! so

was schönes hab ich mein Lebtag noch nicht gehabt.” Darauf nahm sie

eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch: den Pflug,

die Bauern mit ihren Pferden; lief herum, schaute es an, lachte und

schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin

und her bewegte. Der Vater aber sprach: “Kind, das ist kein Spielzeug,

da hast du was schönes angestiftet! Geh nur gleich und trags wieder

hinab ins Thal.” Das Fräulein weinte, es half aber nichts. “Mir ist der

Bauer kein Spielzeug, sagt der Ritter ernsthaftig, ich leids nicht, daß

du mir murrst, kram alles sachte wieder ein und trags an den nämlichen

Platz, wo du’s genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so

haben wir Riesen auf unserm Felsen-Nest nichts zu leben.”

18.

Riese Einheer.

+Aventin+ Bair. Chronik. Frankf. 1570. S. 285 b.

Zu Zeiten Carls des Großen lebt ein Ries’ und Recke, hieß +Einheer,+

war ein Schwab, bürtig aus Thurgau, jetzund Schweitz, der wuthe

(wadete) über alle Wasser, dorft (braucht) über keine Brücke gehen,

zoge sein Pferd bei dem Schwanz hernach, sagt allzeit: “nun Gesell, du

mußt auch hernach!” Dieser reiset auch in diesen Kaiser-Carls-Kriegen

wider die Winden (Wenden) und Haunen (Hunnen); er mähet die Leut,

gleich wie das Gras mit einer Sensen, alle nieder, hängt sie an den

Spieß, trugs über die Achseln wie Hasen und Füchs, und da er wieder

heim kam und ihn seine gute Gesellen und Nachbarn fragten, was er

ausgerichtet hättet? wie es ihm im Kriege gegangen wäre? sagt er aus

Unmuth und Zorn: “was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen! ich

trug ihr sieben oder acht am Spieß über die Achsel, weiß nicht, was sie

quacken, ist der Mühe nicht werth, daß der Kaiser so viel Volks wider

solche Kröten und Würmlein zusammenbracht, ich wollts viel leichter

zu wegen gebracht haben!” -- Diesen Riesen nennt man Einheer, daß

(weil) er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also viel

ausrichtet. Es flohen ihm die Feinde, Winden und Haunen, meinten, es

wär der leidige Teufel.

19.

Riesen-Säulen.

+Winkelmann’s+ hessische Chronik. S. 32.

~+Melissantes+ in Orograph.~ bei Malchen-Berg.

Bei Miltenberg oder Kleinen-Haubach auf einem hohen Gebürg im Walde

sind neun gewaltige, große, steinerne Säulen zu sehen und daran die

Handgriffe, wie sie von den Riesen im Arbeiten herumgedreht worden,

damit eine Brücke über den Main zu bauen; solches haben die alten Leute

je nach und nach ihren Kindern erzählt, auch daß in dieser Gegend vor

Zeiten viele Riesen sich aufgehalten.

20.

Der Köterberg.

Mündlich von einem darauf hütenden Schäfer.

Deutsche Sagen · 第 2 / 26 段