Und weinerlich klang es neben ihm: »Ich kann doch nit.«

»Versuchen wir's halt zu zweien, wenn's allein nit geht,« sprach der

Hohlöfner, nahm das alte Weiblein, ho hopp, auf den Arm und trug es der

Kirche zu.

Sie war federleicht, aber sie wehrte ab: »Nit, Hohlöfner, nit. Ich bin

zu schwer.«

»Hast schon dein Gewicht,« bestätigte der Mann lachend, »aber ich

schaff's doch.«

Schämig den Kopf an seiner Schulter bergend und sich dabei doch

unendlich geborgen fühlend, sprach das alte Jüngferlein im

Hinansteigen: »Aber an der letzten Stufe stellst du mich nieder. Wenn

das die Leute sähen, tät ich mich ja zu Tode schämen.«

»Freilich, freilich.«

Der Bauer stand an der Türluke, die jungen Leute sangen eben: »Stille

Nacht, heilige Nacht,« da fiel hinter ihnen ein liebes, zartes

Stimmchen ein, Burschen und Mädel sahen einander lächelnd an; der Kreis

öffnete sich, windgeschützt stand das Norle in der Runde und sagte,

als das Lied zu Ende war, selbstbewußt und vorwurfsvoll: »Ihr kommt ja

nit nauf.« Dabei strahlte ihr ganzes Gesicht vor Freude. Sie sang das

sechzigste Mal in der Weihnachtsnacht vom Turm der Dorfkirche.

Rudolf und das Mariele aber leiteten sie, als Geläut und Gesang vorüber

waren, die Treppe hinab. Zum Danke nahm Norle unter der Kirchentür des

Marieles Hand. »Ich habe heute auf deine Stimme aufgepaßt, Mariele.

Du hast den richtigen Ton. Wenn ich einmal nit mehr bin, dann mußt du

mein Amt übernehmen. Die anderen kommen ja nit nauf, und wem's der

Herrgott gegeben hat, der muß das auch anwenden. Magst du auch so lange

mitsingen wie ich.«

Sie trippelte davon. Auf der Dorfstraße aber stand noch immer,

breitbeinig und fest, der alte Hohlöfner. Norle ging auf ihn zu. »Hab

schönen Dank, Hohlöfner, aber, gelt, du sagst keinem Menschen nix. Ich

-- tät mich schämen. Hast du mich auch herausgehört?«

»Aber freilich Norle, gleich wie du anfingst zu singen, habe ich

gedacht: Jetzt wird's richtig. Vorher hat mir was gefehlt.«

»Gelt,« zwitscherte es jubelnd neben ihm, »aber -- still sein, nix

sagen.«

»Keinem Menschen, Norle. Gute Nacht.«

Strahlenden Gesichts kehrte Heinrich Korn auf seinen Hof zurück.

Am andern Tage führte er den Sohn durch die ganze Wirtschaft, als

müsse er ihm in Stall, Scheune, Keller und Gewölbe zeigen, daß er gut

hausgehalten. Der Worte, die fielen, waren nur wenige, aber es gingen

starke, frohe Brücken von Herz zu Herz.

Und auf denen begegneten sich die zwei auch, als sie sich hernach

am Tische gegenübersaßen. Da erzählte Rudolf von seiner Arbeit. Nur

von ihr ohne alle Erwägungen über Stadt und Land. Und er erzählte

von dem alten Herrn, der als Schlossergeselle in die Stadt gekommen

war und heute zu den ersten Industriellen gehörte. Mit ihm verband

den Sohn des Hohlöfners mehr als nur die Arbeit. Der kluge Mann, der

die harten Notwendigkeiten des Lebens durchaus bejahte, hatte sich

über Enttäuschungen und rosige Hoffnungen längst hinausgekämpft. Ihn

konnte nichts mehr enttäuschen, höchstens daß ihn Dankbarkeit noch

überraschte. Er sprach dann und wann ein Wort mit Rudolf, aber er war

vorsichtig, weil er wußte, daß er seinem Arbeiter durch persönliche

wärmere Teilnahme eher Ungelegenheit als Gewinn gebracht hätte. Einmal

hatte er gesagt: »Wenn Sie sich daran genügen lassen, zu lernen und

ganz langsam von unten her zu bauen, sich nicht auf den Weltverbesserer

hinausspielen, dann sind Sie auf dem richtigen Wege, und wenn ich

zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich in dieselbe Kerbe schlagen. Auf

~dem~ Wege ist wirklich etwas anzufangen, und zwar einzig auf

dem Wege. Einander bei der Arbeit kennenlernen, im übrigen das Maul

halten. Wenn es Reden und Bücher schafften, gäbe es schon lange keine

Gegensätze mehr zwischen Stadt und Land.«

»Rudolf,« sagte der Vater ernst, »so redet auch Lehrer Siebert, aber

damit ist halt auch noch nix getan. Wenn etwas herauskommen soll, dann

muß man sich klarwerden über das, was zu tun ist, und darüber wollen

wir uns nix vormachen: Die Stadt nimmt uns die Leute weg, vollends gar

diejenigen, die wir zur Arbeit im Stalle brauchen. Ich bin dir gut

dafür, daß, wenn ich einen Inspektor suche, sich hundert melden. Wenn

ich aber eine Saumagd brauche, da kann ich den Hof verinserieren und

kriege keine.«

Rudolf lächelte. »Ganz so schlimm ist's nit, Vater, aber etwas Wahres

ist schon an dem, was du sagst. -- Grete Frieders hat früher einem

Verein junger Leute angehört, in dem es ganz vernünftig zugeht. Ich bin

auch schon dreimal dort gewesen, und einmal sagte einer, es käme eine

Zeit, in der die Leute ebenso aus der Stadt hinausziehen würden, wie

sie jetzt hineindrängen. Vielleicht hat er recht. Ich glaub's nit, aber

ich kann da halt noch nit viel mitreden. Was ich mir denken könnte,

wäre, daß es unter den Bauern gang und gäbe würde, ein Jahr lang in die

Stadt zu gehen. Nit mit vollem Geldbeutel, sondern als Arbeiter. Das

dürfen aber nur Kerle sein, die ganz feste Bauern sind. Nit zu jung,

sondern über die Zeit hinaus, in der sie den Schürzen nachlaufen. Und

in der Stadt sollten vernünftige Herren solche Arbeiter, die das Herz

auf dem richtigen Fleck haben und nit kommen, um den Bauern aus seinem

Boden zu reißen, ein Jahr lang auf das Land gehen lassen, auch als

Arbeiter. Es können von beiden Seiten her nur taktfeste Leute in Frage

kommen, und selbst dann wird's nit immer ganz glatt gehn. Das wäre,

was ich weiß. Im übrigen soll man das Land nit zur Stadt und die Stadt

nit zum Lande machen wollen. Wir haben gewonnen, wenn sie hüben und

drüben begreifen, daß es nit gegeneinander, sondern nur miteinander

geht. Heute redet jeder wie der Blinde von der Farbe.«

Der alte Hohlöfner wiegte den Kopf hin und her. »Rudolf, ich weiß nit,

ich weiß nit! Wäre es nit besser, es ginge jeder seinen Weg?«

»Das sollen sie, Vater, aber es soll eins den andern neben sich gehen

lassen und nit tun, der eine, als wäre der Bauer ein Mistfink, und

der andere, als gäbe es in der Stadt bloß Faulenzer. -- Laß, Vater,

wir wollen aufhören. Brauchst keine Angst zu haben, daß, wenn ich

wiederkomme, ich den Hof nit festhalte. Ich will ihn fester halten als

früher.«

Am Nachmittag nötigte der alte Hohlöfner seinen Sohn, mit ihm in das

Wirtshaus zu gehn. Sie saßen in behaglicher Runde, die Schönbacher

Männer, und drückten Rudolf herzlich die Hand.

Widuwilds Vater sah ihn von unten her an: »Bist du noch nit fertig mit

der Schule?«

»Noch lange nit. Ich halte mein Jahr aus.«

»Du bist ja wohl ganz und gar nit gescheit. Ich mache schon drei

Kreuze, wenn ich aus dem Städtle gehe. ~Eine~ Stadt hat mir

gefallen, und das war Paris.«

»Wirst viel davon gesehen haben,« warf der alte Hohlofenbauer ein.

Da erzählte Widuwilds Vater Kraut und Rüben durcheinander, setzte

den Kölner Dom nach Paris und baute den Triumphbogen in Berlin auf,

berichtete, daß er sich mit seinen Quartierleuten ausgezeichnet

verstanden und daß ihm Mademoiselle Claire die Backen gestreichelt

habe: Mon cochon, was soviel heiße, wie: Mein lieber Kleiner; denn er

sei dazumal ein kleiner Kerl gewesen.

Die Reden gingen hin und her. Heinrich Korn hielt sich still, aber er

beobachtete seinen Sohn noch schärfer, als ihn der Schmied beobachtete.

Ehe es sich Rudolf versah, war er in das Gespräch hineingerissen. Er

war der alte geblieben in seiner Sachlichkeit, aber er war ein Neuer

geworden in der Wärme und Lebendigkeit, mit der er seine Sache vertrat.

Ohne auch nur im geringsten ein Besserwisser zu sein, war er doch ein

beredter Anwalt der entwurzelten Menschen, die so aus sich und dem

Leben hinausgeworfen worden waren, daß sie sich selbst ein Nichts

bedeuteten. Dabei beschönigte er nicht und machte nicht Gesindel zu

harmlosen Kindern.

Mißtrauisch richtete sich manches Auge auf ihn, als er auch das Dorf

und seine Leute unter die Lupe nahm. »Was wollen wir denn hören? Daß es

~uns~ schlecht geht und daß es besser werden muß. Wer uns sagt,

daß wir gute Leute sind, der ist uns recht. Wer aber einmal zwei Köpfe

zusammenschlagen will: Vertragt euch! der ist uns schon nit willkommen.

Muß das sein, daß Feindschaften zwanzig Jahre dauern, weil dem einen

seine Hühner dem andern eine Haferecke abgefressen haben?«

Er legte seine Hände flach auf den Tisch. »Ihr werdet nit sagen können,

daß das keine Arbeitshände wären. Eure sind auch nit viel besser, aber

wenn sie auch rissig und blutig werden, dann könnt ihr doch sagen, ich

habe für ~mich~ geschafft.«

Der alte Großindustrielle Schmidt marschierte vor den Schönbacher

Bauern auf, klein, grau, bedürfnislos, eisern und doch menschlich, und

der Schuß im stillen Zimmer des Bankiers hallte in der Wirtsstube wider.

Rudolf Korn verstummte oft und schlug die Augen nieder. Dann aber ging

ihm das Herz doch wieder durch, und der Mund floß über. Und wie ein aus

der Tiefe rauschender Quell brach die Heimatliebe heraus. »Leute, wenn

ich in die Grube fuhr und es wurde immer finsterer, dann dachte ich an

den Anger. Hüben ~unsere~ Felder, drüben Nachbar Döring seine, und

jeden Tag war die Saat ein Stück weiter. -- Das brauche ich euch nit zu

sagen, das wißt ihr selber.«

»Erzähl nur weiter,« drängte der Schmied. »Wir wissen's nit.«

Und wieder begann er stockend: »Im Schmelzofen sind soundsoviel hundert

Grad Hitze -- -- --«

Beklommene Atemzüge in der Runde, aus tiefer Brust dann und wann ein:

»Man soll den Leuten doch nit Unrecht tun.«

Der Hohlofenbauer · 第 46 / 53 题