»Red nit so, Rudolf. -- Das Mariele weiß, daß er sie gern hat.«
Rudolf richtete die Augen gespannt auf die Mutter.
»Gelt, jetzt bist du schon eifersüchtig? Schadet nix. Ist dir sowieso
mit dem Mädel alles viel zu glatt gegangen. Das tut gar nit gut, weißt
ja sonst gar nit, was du an ihr hast.«
»Mutter,« Rudolf legte seine Hand auf die der Mutter, »ist da etwas nit
in Ordnung?«
»Freilich ist da etwas nit in Ordnung.«
»Das -- Mariele schreibt mir, und -- -- -- und, sie meint es
~doch~ nit ehrlich? Und ich sitze dahier und verderbe mir das Jahr
und -- -- -- Kreizdeibel!«
»Immer weiter, Rudolf, du bist auf dem richtigen Wege. Verdirbst dir
das Jahr und -- -- --«
In Minna Korns Augen stritten Ernst und Spott.
Der Sohn rückte sich zurecht. »Red, Mutter. Das kann ich nit vertragen,
wenn ich nit weiß, woran ich bin.«
»Du weißt nit, woran du bist? Wenn nun ich ~nit~ davon geredet
hätte, wenn einer von den jungen Burschen gekommen wäre und hätte dir
erzählt, das Mariele hält's mit dem jungen Lehrer?«
»Dann. Ja, ich hätt mir den Kerl angesehen und -- -- --«
»Und? Jetzt kommt doch erst das richtige.«
»Laß die Dummheiten, Mutter.«
»Das sind keine Dummheiten. -- Du wärst heimgekommen.«
»Vielleicht auch nit.«
»Aber du hättest dem Mariele einen Brief geschrieben.«
»Ja. Und wenn du jetzt nit redest, dann schreib ich ihn heute noch.«
»So, du -- Hohlöfner! Bloß daß dein Vater ~die~ Dummheit nit
gemacht hätte. -- Schäm dich, Rudolf, dem Mariele nit ganz und gar
über alle Berge weg zu vertrauen. Hab dich für anders gehalten. Eine
Marie Berteles bringt selbst der Herrgott bloß zuwege, wenn er der
Welt was ganz Gutes und Schönes geben will, und der, der solch ein
Mädel heiraten will, darf nit einer von der gewöhnlichen Sorte sein.
Ich habe gedacht, du wärst einer von den anderen, weil du fest warst
gegen deinen Vater, und weil du hier in der Stadt so viel -- -- lernen
willst, damit du einmal gescheiter bist als die anderen. Rudolf, wenn
du nit mehr aufbringst als Trotz, dann hör auf; denn dann fehlt das
Beste.
Um das Mariele brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie geht mit
keinem Gedanken an dir vorbei und denkt an dich mit jedem Atemzuge,
aber du bist noch lange nit so weit wie sie.« Die Hohlöfnerin sprach
bitter ernst und in tiefer Herzlichkeit. »Rudolf, wenn das einen Sinn
haben soll, daß du in der Stadt bist, dann mußt du als ein anderer
wiederkommen, als du gingst. Damit ist's nit gemacht, daß du uns Bauern
nachher sagen kannst, es ist in der Stadt auch nit alles Zuckerlecken.
Das wissen die Vernünftigen lange schon, und ob ~du~ es ihnen
sagst oder ein anderer, das ist einerlei. Dein Vater ist der erste in
Schönbach, nit bloß weil er der größte ist. Das Dorf hat ihm auch
allerlei zu danken. Die Zeit aber wird anders, Rudolf. Das langt
nit mehr, daß einer dreißig Morgen mehr und die beste Saat und die
erste Drillmaschine hat. Das aber langt auch nit, daß einer da und
dort hineinriecht, wie du das jetzt machst. Da drin muß es sitzen,«
Minna Korn wies auf ihr Herz. »Und da sitzt es bei dir noch nit.« Sie
legte ihm die Hand auf das Knie. »Sei nit böse, Rudolf. Ich will dir
nit weh tun, aber ich kann's nit mit ansehn, wenn aus der traurigen
Zeit nit wirklich etwas herausspringt und du nit wiederkommst als ein
Mann, der das geworden ist, was er gern werden möchte. Und nun will
ich vom Mariele weiterreden.« Sie erzählte, wie sie das junge Mädchen
absichtlich dem jungen Lehrer überliefert, als die Wachtel schlug,
wie besitzfreudig er im Entsagen sei und nun mit feinem Herzenstakt
das Mariele auch nicht mit einem Blick beunruhige. Dann redete sie
mütterlich: »Rudolf, wer so reich ist wie ihr, du und das Mariele,
seid, der tät eine Sünde vor dem Herrgott, wenn er wie ein Geizhals
alles nur für sich haben wollte. Liebhaben macht nit ärmer, das macht
reicher. Der arme Mensch wird es dir und dem Mariele einmal auf dem
Sterbebette danken, wenn seine letzte Zeit auch seine schönste war.«
Ernst und nachdenklich sah Rudolf über den schwach bewegten Teich hin.
»Bist nit böse?« fragte die Mutter.
»Nein, Mutter,« bekannte er freudig. »Kannst den beiden von mir
erzählen, aber sag dem Mariele ja nit, daß ich schon was gelernt hätte.«
»Doch, Rudolf, du hast schon etwas gelernt.«
»Mir ist nit danach. Wenn ich darüber nachdenke, dann meine ich, ich
komme als derselbe Lehrjunge wieder, als der ich fortgelaufen bin.«
Da lachte Minna Korn herzlich. »Rudolf, der Lehrjunge lernt zuerst sein
Handwerkszeug gebrauchen, und das kannst du schon ganz gut. -- Komm,
ich bin ausgeruht, wir wollen doch noch ein bißchen unter die Leute
gehn. Ich will mir ja auch ein neues Kleid kaufen.«
Aufgeräumt und innerlich erleichtert, schritt sie neben dem Sohne her,
plauderte, scherzte, erzählte vom Weizen auf den Angeräckern, von dem
armen Ender, der letzte Woche wieder ein Schwein dem Schinder hatte
geben müssen, von der Berteles-Mutter, die den Mut nicht aufbringen
könne, wirklich zu glauben, daß ihr Mariele einmal Hohlöfnerin werden
solle.
So kamen sie mitten hinein in das Häusermeer, und der Zufall fügte es,
daß sie durch die Straße gehen wollten, in der die Wernersche Bank lag.
Da hatte sich ein Menschenhaufe gesammelt, aus dem sich dann und wann
einer wild gegen das eiserne Tor stemmte, durch das das Grundstück von
der Straße abgeschlossen ward. Jetzt erst erwachte Rudolf völlig.
»Das ist die Bank,« erläuterte er leise der Mutter.
»Und was wollen die vielen Leute?«
»Die haben ihr Geld verloren.«
»Die sehen doch alle nit aus, als hätten sie Geld zu verlieren.« Die
Hohlöfnerin ließ die Augen prüfend über die erregten Menschen gehen.
»Das sind doch alles kleine Leute.«
Ein Schrei brandete aus der Menge auf. Mit geiferndem Munde redeten sie
aufeinander ein, ballten die Fäuste, fluchten. Dazwischen einzelne, die
an dem eisernen Zaune lehnten, das Gesicht zwischen zwei Stäbe preßten
und mit verzweifelten Augen hinüber zu der schweren verschlossenen Tür
starrten. Kein Wort des Mitleids mit dem Toten, wilde Anklagen gegen
ihn und den Schwiegervater, der ihm nicht geholfen.
»Hat der Mann nit zwei Kinder gehabt?« wandte sich die Hohlöfnerin
ernst fragend an einen, der in ihrer Nähe stand. Im Handumdrehen hatte
sich um die beiden Schönbacher ein Knäuel gebildet.
Die Fäuste fuchtelten der Bäuerin vor dem Gesicht. »Was gehn uns die
Kinder an? Für die sorgt der Alte.«
»Aber sie haben doch ihren Vater verloren,« wandte die Hohlöfnerin ein.
»Und wir unser Geld!« Eine Speichelflocke flog ihr aus geiferndem Munde
auf das Kleid.
»Warum habt ihr's ihm gegeben?«
»Weil er uns die hohen Zinsen versprochen hat!«
Furchtlos stand die Frau vor den Eifernden. »Die da reich werden
wollen, fallen in Versuchung und Stricke und viele schädliche und
törichte Lüste.«
Sie sahen die entschlossene, ernste Frau betroffen an. Das Wort
wirkte wie ein kalter Strahl, aber das Wasser war auf glühendes Eisen
gefallen. Es zischte brodelnd auf. Fäuste ballten sich gegen die Frau.
Da nahm Rudolf ihren Arm. »Komm, Mutter. -- Platz, ihr Leute. Wir haben
nit hierher gewollt. Mit der Bank haben wir nix zu tun. Wir hatten uns
verlaufen.«
Er drängte etliche beiseite und führte die Mutter in eine Seitenstraße.
Da stand die Bäuerin und sah ihm ernst in das Gesicht. »Rudolf, jetzt
hab ich ihnen nit sagen können, daß die Frau und die Kinder mehr
verloren haben als sie. Warum hast du das gemacht?«
»Weil wir nit in Schönbach sind, wo jeder Mensch die Hohlöfnerin
ästimiert.«
»Ich hätt' mich nit gefürchtet.«
»Laß gut sein, Mutter. Helfen kannst du nit. Warum willst du dich grob
behandeln lassen?«
»Etlichen hätte ich ~doch~ helfen können. Sie haben Geld verloren.
Jetzt wollen sie auch noch ihren Verstand einbüßen.«
»Komm, Mutter, du wolltest dir ein neues Kleid kaufen.«
»Ich denke nit dran, Rudolf, hab mehr als genug Kleider daheim.«
»So. Dann wollen wir Grete Frieders abholen. Es wird sachte Zeit.«
»Du, die Frau ist meine Art. Wenn du nit das Mariele hättest, dann --
-- --«
»Müßte ich Grete Frieders heiraten?« Rudolf lachte. »Die wäre -- zu
gescheit für mich.«