Ender nickte.
Da hieb Widuwild auf den Tisch. »Ist das nit das Geld zum Fenster
hinausgeworfen? Ich frage einen Menschen: Ist das nötig? Ich bin Anno
siebzig bis in Paris gewesen und hab das vorher nit einmal dem Namen
nach gekannt.«
»Außerdem,« holte Ender nach, »sollen wir ihm Krausen Edmund seinen
Teich herrichten. Da sollen die Kinder im Sommer baden.«
»Kreizdeibel,« brauste Hercher auf, »ist er denn verrückt geworden?
Vom Baden wird der Mensch bloß krank auf der Brust. Ich hab mich mein
Lebtag noch nit gebadet, aber ich bin auch nie krank gewesen.«
»Und -- -- --,« Ender setzte abermals zum Sprechen an.
»Noch mehr?« fragte Heinrich Korn gespannt.
Ender nickte. »Und Bilder will er haben. Solche, wo der nackichte
Mensch drauf ist und andere mit Vögeln und Krankheiten der Pflanzen,
sagt er, und einer Eisengießerei und noch viel mehr. Die Steuern,
Leute, die Steuern! Das kann die Gemeinde nit tragen.«
Das war das Losungswort. Etliche der Bauern, voran der Hohlöfner und
der Schmied, saßen nachdenklich auf ihren Plätzen. Die andern redeten
durcheinander. Sie fuhren schweres Geschütz auf, und je gröber die
Schläge wurden, um so mehr wetterleuchtete es in des Hohlöfners
Gesicht. Er ließ den Sturm vorüberbrausen und schwieg, sooft sich auch
einer fragend unmittelbar an ihn wandte.
Der Sturm war verebbt. Heinrich Korn strich über den Tisch. »Ich komme
eben von meinem Angeracker.«
Sie sahen ihn verdutzt an. Was hatte der Angeracker mit Kantor Ritters
Wünschen zu tun?
»Ich komme eben vom Angeracker. Das alte Leiden. Hab keinen schlechten
Samen genommen, aber er war doch wieder lange nit gut genug.« Die
Gesichter wurden länger.
Heinrich Korn sah sich in der Runde um. »Lange nit gut genug,«
wiederholte er. »Die Ähren nit gleichmäßig, Wicken und Winden und
blaue Blumen, im ganzen die Frucht nit stämmig genug. Wie bei mir, so
ist's bei euch, Nachbarn, und ich bin gut dafür, daß wir auch wieder
den Brand in den Weizen kriegen. Ist das eine Art? Nein, sage ich.
Und das liegt nit am Acker, das liegt an uns. Wir wohnen zwar auf der
Höhe, aber wir ~sind~ nit auf der Höhe. Die Zeiten sind vorbei,
Nachbarn, daß der dümmste Bauer die größten Erdäpfel hatte. Mit der
Dummheit ist kein Geschäft mehr zu machen, sonst,« der Hohlöfner hatte
ein spöttisches Lächeln um den Mund, »wären meine Scheunen schon lange
zu klein.«
Wieder faßte ihn sein Freund, der Wirt, in den dichten Schopf. Korn
schüttelte die Hand lachend ab. »Spaß beiseite, Nachbarn. Das muß
anders werden. Heut übers Jahr haben wir eine Reinigungsanlage oder --
-- --«
»Ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen,« fiel der Schmied
anzüglich ein.
»Dunnerlichting,« der Hohlöfner schlug sich auf den Mund, »um ein Haar
hätte ich's gesagt, und ich hab mich doch verschworen, daß das nit
wieder aus meinem Maule kommt. Aber so ist's, wenn man sich an etwas
gewöhnt hat. -- Also: Wir müssen anders wirtschaften, und ich denke,
jeder von uns wird mir recht geben. Das aber, Nachbarn, kann der
~dumme~ Bauer nit. So sehe ich das an, wenn Kantor Ritter dies und
jenes haben will. Ist zuviel auf einmal. Das Baden streichen wir. Dafür
bin ich auch nit. Und ein paar Karten werden sich auch herunterhandeln
lassen, aber im ganzen hat er recht. So ein Bauernjunge kann gar nit
genug lernen. Ich seh's an meinem Jungen.« Heinrich Korn holte zu dem
großen Schlage aus, auf den er sich die ganze Zeit über vorbereitet.
»Was er in jungen Jahren nit gelernt hat, muß er jetzt nachholen.«
»Ja, du mein,« fragte der Büttner, »ist er denn auf Schulen?«
»Ja, er ist auf Schulen,« antwortete der Hohlöfner mit so
eindringlichem Ernste, daß er nur den Schmied nicht täuschte. Der
lächelte vor sich hin. Das ärgerte Korn. »Brauchst nit zu lachen,
Schmied. Es ist mir heiliger Ernst. -- Leute, worunter leiden wir denn
alle miteinander? Darunter, sage ich, daß einer den anderen nit kennt.
Wir die in der Stadt nit, die in der Stadt uns nit, der Hohe nit den
Niederen, der Niedere nit den Hohen. Ist's so oder ist's nit so?«
Er sah sich fragend in der Runde um. Die Bauern nickten ihm zu.
»Dabei kommt nix weiter heraus, als daß einer den anderen schlecht
macht. Der Städter tut, als wüchsen uns die fetten Schweine binnen
Ja und Nein von selber zu, der Bauer, als brächte der Städter die
Sonntagskluft überhaupt nit vom Leibe, der Arbeiter, als wüßte sein
Herr nit, was Sorgen sind, der Herr, als habe der Arbeiter kein Herz
nit im Leibe. -- Vater, hat mein Junge gesagt, -- es war letzte
Himmelfahrt, ich weiß den Tag noch wie heute, denn so was vergißt man
nit, -- Vater, ich muß einmal sehen, wie andere Leute zurechtkommen.
Das ist kein Kunststück nit, dem Hohlöfner in Schönbach sein Einziger
zu sein. Ich will mir das, was ich einmal erbe, verdienen. Ich habe
den Jungen angesehen wie die Kuh das neue Tor. Bist du übergeschnappt?
hab ich gefragt. Gar nit, spricht er. Was ich euch vorhin gesagt hab,
das stammt nit von mir, Nachbarn. Das geht von meinem Jungen aus. Daß
er immer ein Sinnierer war, das hab ich gewußt, aber das hab ich nit
gewußt, daß er ~so~ weit dächte. Und ich konnt ihm nit unrecht
geben, wie ihr mir nit unrecht gegeben habt. Lange genug habe ich
mich dagegen gewehrt. Nun habe ich nachgegeben, weil dem Jungen sein
ganzes Herz daran hing, und weil er recht hat. Da ist er in die Stadt
gegangen. Zu Fuß, obwohl wir die Pferde im Stalle haben. Er hat's nit
anders getan. Jetzt ist er in der Schule und in der richtigen. Er ist,«
das ging dem Bauern schwer über die Zunge, »in der Grube.«
Widuwilds Vater paffte stärker und schmatzte dabei lauter als sonst.
Die anderen sahen verlegen nach den Seiten. War die Uneinigkeit
zwischen Vater und Sohn um des Marieles willen so groß? Der Einzige vom
Hohlofenhofe in der Grube? Heinrich Korn lächelte die Nachbarn mit dem
ehrlichsten Biedermannsgesicht an. Das Schwerste war überstanden.
»Ihr denkt, das ist der alte närrische Hohlöfner. Nein, Nachbarn,
diesmal nit. Ich weiß, was ich mache, und mein Junge weiß es auch.
Sechs, acht Wochen wird er in der Grube bleiben, vielleicht auch nit so
lange, vielleicht länger, wie's trifft. Dann geht er in die Gießerei,
wo sie unsere Maschinen machen, dann in die Fabrik, dann kommt er
heim, und dann ist er einer, der sagen kann, mir braucht keiner was
vorzumachen, ich bin die Schulen selber durch. -- So, Nachbarn, nun
braucht sich keiner mehr den Kopf zu zerbrechen. Wir sind nit uneins
auseinander gegangen. Ich stehe zu meinem Jungen, wie er zu seinem
Vater steht. Aber das sage ich: Was er gemacht hat, das müßten eure
Jungen auch machen. Das Dorf soll die Stadt bei ihrer Arbeit aufsuchen,
die Stadt das Dorf bei seiner. So geht's vorwärts und anders nit.
Alles, was ohne die Unterlage geredet wird, das wird in die Luft
geredet und bringt uns auseinander, aber nit zusammen.«
Das sprach der pudelnärrische Mann in ehrlicher, tief innerer Erregung.
Sein Gesicht war überstrahlt von ernstem Wollen. Er glaubte an sich
und seine Sache, hingerissen von den eigenen Gedanken, vergessend die
Ursache. So riß er sie denn auch alle aus Zweifel und Unsicherheit
empor. Sie dünkten sich klein ihm gegenüber, neideten ihm heimlich
Lebensklugheit und Großzügigkeit und duckten sich, als er es wie
Hagelschauer über die Köpfe prasseln ließ: »Denkt mancher, er kennt die
Welt, weil er seine Ochsen nach Schleiz zum Wiesenmarkt getrieben hat,
und sieht doch ewig nit über seinen Misthaufen hinaus. Dabei fängt die
Welt erst an, wo er denkt, sie hört auf. Macht's nach, Nachbarn, und
ihr sollt sehen, was nach uns für Kerle kommen.«
»Man weiß wahrlich nit, was man sagen soll,« bemerkte der Schmied, der
als einziger noch nicht ganz mit seinen Zweifeln fertig wurde. Die
harmlose Plauderei und Neckerei war vorüber, langsam schob einer nach
dem andern seinen Stuhl unter den Tisch und ging heim. Der Schmied
schloß sich dem Hohlöfner an. »Heinrich,« sagte er draußen, »man weiß
bei dir niemals nit, wie man dran ist. Ich kenne dich, aber heute -- --
-- Ist das wirklich wahr, was du da gesagt hast, oder -- -- --«
Heinrich Korn sah ihm ernst in das Gesicht. »Das ist wirklich wahr. Das
soll mein Junge.«
Er brachte es vor des Meisters ehrlichen Augen doch nicht fertig,
zu sagen: Das ~will~ er. Der Schmied aber machte den feinen
Unterschied nicht. Er reichte dem Manne, den er nachbarlich liebhatte
und auf den er heimlich stolz war, die Hand.
»Heinrich, dann sage ich: Alle Achtung vor euch beiden, vor dir und
deinem Rudolf. Und -- jetzt sei vernünftig und bring das andere auch in
Ordnung.«
Der Ausdruck der Achtung aus so wortkargem Munde hatte Heinrich Korn
belastet, die freundschaftliche Mahnung, die er durchaus verstand,
befreite den alten Hohlöfner in ihm.