Den 23. August 1792.
Gleich nach meiner Ankunft in Mainz besuchte ich Herrn von Stein den
Älteren, königlich preußischen Kammerherrn und Oberforstmeister, der
eine Art Residentenstelle daselbst versah und sich im Hass gegen
alles Revolutionäre gewaltsam auszeichnete. Er schilderte mir mit
flüchtigen Zügen die bisherigen Fortschritte der verbündeten Heere
und versah mich mit einem Auszug des topographischen Atlas von
Deutschland, welchen Jäger zu Frankfurt unter dem Titel
"Kriegstheater" veranstaltet.
Mittags bei ihm zur Tafel fand ich mehrere französische Frauenzimmer,
die ich mit Aufmerksamkeit zu betrachten Ursache hatte; die eine --
man sagte, es sei die Geliebte des Herzogs von Orleans -- eine
stattliche Frau, stolzen Betragens und schon von gewissen Jahren, mit
rabenschwarzen Augen, Augenbraunen und Haar; übrigens im Gespräch mit
Schicklichkeit freundlich. Eine Tochter, die Mutter jugendlich
darstellend, sprach kein Wort. Desto munterer und reizender zeigte
sich die Fürstin Monaco, entschiedene Freundin des Prinzen von Condé,
die Zierde von Chantilly in guten Tagen. Anmutiger war nichts zu
sehen als diese schlanke Blondine: jung, heiter, possenhaft; kein
Mann, auf den sie's anlegte, hätte sich verwahren können. Ich
beobachtete sie mit freiem Gemüt und wunderte mich, Philinen, die ich
hier nicht zu finden glaubte, so frisch und munter ihr Wesen treibend
mir abermals begegnen zu sehen. Sie schien weder so gespannt noch
aufgeregt als die übrige Gesellschaft, die denn freilich in Hoffnung,
Sorgen und Beängstigung lebte. In diesen Tagen waren die Alliierten
in Frankreich eingebrochen. Ob sich Longwy sogleich ergeben, ob es
widerstehen werde, ob auch republikanisch-französische Truppen sich
zu den Alliierten gesellen und jedermann, wie es versprochen worden,
sich für die gute Sache erklären und die Fortschritte erleichtern
werde, das alles schwebte gerade in diesem Augenblick in Zweifel.
Kuriere wurden erwartet; die letzten hatten nur das langsame
Vorschreiten der Armee und die Hindernisse grundloser Wege gemeldet.
Der gepresste Wunsch dieser Personen ward nur noch bänglicher, als
sie nicht verbergen konnten, dass sie die schnellste Rückkehr ins
Vaterland wünschen mussten, um von den Assignaten, der Erfindung
ihrer Feinde, Vorteil ziehen, wohlfeiler und bequemer leben zu können.
Sodann verbracht' ich mit Sömmerrings, Huber, Forsters und andern
Freunden zwei muntere Abende: hier fühlt' ich mich schon wieder in
vaterländischer Luft. Meist schon frühere Bekannte, Studiengenossen,
in dem benachbarten Frankfurt wie zu Hause -- Sömmerrings Gattin war
eine Frankfurterin -- sämtlich mit meiner Mutter vertraut, ihre
genialen Eigenheiten schätzend, manches ihrer glücklichen Worte
wiederholend, meine große Ähnlichkeit mit ihr in heiterem Betragen
und lebhaften Reden mehr als einmal beteuernd: was gab es da nicht
für Anlässe, Anklänge, in einem natürlichen, angebornen und
angewöhnten Vertrauen! Die Freiheit eines wohlwollenden Scherzes
auf dem Boden der Wissenschaft und Einsicht verlieh die heiterste
Stimmung. Von politischen Dingen war die Rede nicht, man fühlte, dass
man sich wechselseitig zu schonen habe: denn wenn sie republikanische
Gesinnungen nicht ganz verleugneten, so eilte ich offenbar, mit einer
Armee zu ziehen, die eben diesen Gesinnungen und ihrer Wirkung ein
entschiedenes Ende machen sollte.
Zwischen Mainz und Bingen erlebt' ich eine Szene, die mir den Sinn
des Tages alsobald weiter aufschloss. Unser leichtes Fuhrwerk
erreichte schnell einen vierspännigen, schwer bepackten Wagen; der
ausgefahrne Hohlweg aufwärts am Berge her nötigte uns, auszusteigen,
und da fragten wir denn die ebenfalls abgestiegenen Schwäger, wer vor
uns dahinfahre? Der Postillion jenes Wagens erwiderte darauf mit
schimpfen und Fluchen, dass es Französinnen seien, die mit ihrem
Papiergeld durchzukommen glaubten, die er aber gewiss noch umwerfen
wolle, wenn sich einigermaßen Gelegenheit fände. Wir verwiesen ihm
seine gehässige Leidenschaft, ohne ihn im Mindesten zu bessern. Bei
sehr langsamer Fahrt trat ich hervor an den Schlag der Dame und
redete sie freundlich an, worauf sich ein junges, schönes, aber von
ängstlichen Zügen beschattetes Gesicht einigermaßen erheiterte.
Sie vertraute sogleich, dass sie dem Gemahl nach Trier folge und von
da baldmöglichst nach Frankreich zu gelangen wünsche. Da ich ihr nun
diesen Schritt als sehr voreilig schilderte, gestand sie, dass außer
der Hoffnung, ihren Gemahl wieder zu finden, die Notwendigkeit,
wieder von Papier zu leben, sie hierzu bewege. Ferner zeigte sie ein
solches Zutrauen zu den verbündeten Streitkräften der Preußen,
Österreicher und Emigrierten, dass man, wär' auch Zeit und Ort nicht
hinderlich gewesen, sie schwerlich zurückgehalten hätte.
Unter diesen Gesprächen fand sich ein sonderbarer Anstoß; über den
Hohlweg, worin wir befangen waren, hatte man eine hölzerne
Rinne geführt, die das nötige Wasser einer jenseits stechenden
oberschlächtigen Mühle zubrachte. Man hätte denken sollen, die Höhe
des Gestells wäre doch wenigstens auf einen Heuwagen berechnet
gewesen. Wie dem aber auch sei, das Fuhrwerk war so unmäßig obenauf
bepackt, Kistchen und Schachteln pyramidalisch übereinander getürmt,
dass die Rinne dem weiteren Fortkommen ein unüberwindliches Hindernis
entgegensetzte.
Hier ging nun erst das Fluchen und Schelten der Postillione los, die
sich um so viel Zeit aufgehalten sahen; wir aber erboten uns
freundlich, halfen abpacken und an der anderen Seite des träufelnden
Schlagbaums wieder aufpacken. Die junge, gute, nach und nach
entschüchterte Frau wusste nicht, wie sie sich dankbar genug benehmen
sollte; zugleich aber wuchs ihre Hoffnung auf uns immer mehr und
mehr. Sie schrieb den Namen ihres Mannes und bat inständig, da wir
doch früher als sie nach Trier kommen müssten, ob wir nicht am Tor
den Aufenthalt des Gatten schriftlich niederzulegen geneigt wären?
Bei dem besten Willen verzweifelten wir an dem Erfolg wegen Größe der
Stadt, sie aber ließ nicht von ihrer Hoffnung.
In Trier angelangt, fanden wir die Stadt von Truppen überlegt, von
allerlei Fuhrwerk überfahren, nirgends ein Unterkommen; die Wagen
hielten auf den Plätzen, die Menschen irrten auf den Straßen; das
Quartieramt, von allen Seiten bestürmt, wusste kaum Rat zu schaffen.
Ein solches Gewirr jedoch ist wie eine Art Lotterie, der Glückliche
zeiht irgendeinen Gewinn; und so begegnete mir Leutnant von Fritsch
von des Herzogs Regiment und brachte mich, nach freundlichstem
Begrüßen, zu einem Kanonikus, dessen großes Haus und weitläufiges
Gehöft mich und meine kompendiöse Equipage freundlich und bequemlich
aufnahm, wo ich denn sogleich einer genugsamen Erholung pflegte.
Gedachter junge militärische Freund, von Kindheit auf mir bekannt
und empfohlen, war mit einem kleinen Kommando in Trier zu verweilen
beordert, um für die zurückgelassenen Kranken zu sorgen, die
nachziehenden Maroden, verspätete Bagagewagen und dergleichen
aufzunehmen und sie weiter zu befördern; wobei denn auch mir seine
Gegenwart zugute kam, ob er gleich nicht gern im Rücken der Armee
verweilte, wo für ihn, als einen jungen strebenden Mann, wenig Glück
zu hoffen war.
Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er sich in
der Stadt umzusehen Urlaub erbat; spät kam er wieder, und des anderen
Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Haus. Mir war diese
seltsame Benehmen unerklärlich, bis das Rätsel sich löste: die
schönen Französinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen, er spürte
sorgfältig und hatte das Glück, sie auf dem großen Platz, mitten
unter hundert Wagen haltend, an der Schachtelpyramide zu erkennen,
ohne jedoch ihren Gemahl aufgefunden zu haben.
Auf dem Weg von Trier nach Luxemburg erfreute mich bald das Monument
in der Nähe von Igel. Da mir bekannt war, wie glücklich die Alten
ihre Gebäude und Denkmäler zu setzen wussten, warf ich in Gedanken
sogleich die sämtlichen Dorfhütten weg, und nun stand es an dem
würdigsten Platz. Die Mosel fließt unmittelbar vorbei, mit welcher
sich gegenüber ein ansehnliches Wasser, die Saar, verbindet; die
Krümmung der Gewässer, das Auf- und Absteigen des Erdreichs, eine
üppige Vegetation geben der Stelle Lieblichkeit und Würde.
Das Monument selbst könnte man einen architektonisch-plastisch
verzierten Obelisk nennen. Er steigt in verschiedenen, künstlerisch
übereinander gestellten Stockwerken in die Höhe, bis er sich zuletzt
in einer Spitze endigt, die mit Schuppen ziegelartig verziert ist und
mit Kugel, Schlange und Adler in der Luft sich abschloss.
Möge irgendein Ingenieur, welchen die gegenwärtigen Kriegsläufe in
diese Gegend führen und vielleicht eine Zeitlang festhalten, sich die
Mühe nicht verdrießen lassen, das Denkmal auszumessen, und, insofern
er Zeichner ist, auch die Figuren der vier Seiten, wie sie noch
kenntlich sind, uns überliefern und erhalten!
Wie viel traurige bildlose Obelisken sah ich nicht zu meiner Zeit
erreichten, ohne dass irgendjemand an jenes Monument gedacht hätte!
Es ist freilich schon aus einer spätern Zeit, aber man sieht immer
noch die Lust und Liebe, seine persönliche Gegenwart mit aller
Umgebung und den Zeugnissen von Tätigkeit sinnlich auf die Nachwelt
zu bringen. Hier stehen Eltern und Kinder gegeneinander, man schmaust
im Familienkreis; aber damit der Beschauer auch wisse, woher die
Wohlhäbigkeit komme, ziehen beladene Saumrosse einher, Gewerb' und
Handel wird auf mancherlei Weise vorgestellt. Denn eigentlich sind es
Kriegskommissarien, die sich und den Ihrigen dies Monument
errichteten, zum Zeugnis, dass damals wie jetzt an solcher Stelle
genugsamer Wohlstand zu erringen sei.
Man hatte diesen ganzen Spitzbau aus tüchtigen Sandquadern roh
übereinander getürmt und alsdann, wie aus einem Felsen, die
architektonisch-plastischen Gebilde herausgehauen. Die so manchem
Jahrhunderte widerstehende Dauer dieses Monuments mag sich wohl aus
einer so gründlichen Anlage herschreiben.
* * * * *
Diesen angenehmen und furchtbaren Gedanken konnte ich mich nicht
lange hingeben: denn ganz nahe dabei, in Grevenmachern, war mir das
modernste Schauspiel bereitet. Hier fand ich das Korps Emigrierte,
das aus lauter Edelleuten, meist Ludwigsrittern, bestand. Sie hatten
weder Diener noch Reitknechte, sondern besorgten sich selbst und ihr
Pferd. Gar manchen hab' ich zur Tränke führen, vor der Schmiede
halten sehen. Was aber den sonderbarsten Kontrast mit diesem
demütigen Beginnen hervorrief, war ein großer, mit Kutschen und
Reisewagen aller Art überladener Wiesenraum. Sie waren mit Frau und
Liebchen, Kindern und Verwandten zu gleicher Zeit eingerückt, als
wenn sie den innern Widerspruch ihres gegenwärtigen Zustandes recht
wollten zur Schau tragen.
Da ich einige Stunden hier unter freiem Himmel auf Postpferde warten
musste, konnt' ich noch eine andere Bemerkung machen. Ich saß vor dem
Fenster des Posthauses, unfern von der Stelle, wo das Kästchen stand,
in dessen Einschnitt man die unfrankierten Briefe zu werfen pflegt.
Einen ähnlichen Zudrang hab' ich nie gesehen: zu Hunderten wurden sie
in die Ritze gesenkt. Das grenzenlose Bestreben, wie man mit Leib,
Seel' und Geist in sein Vaterland durch die Lücke des durchbrochenen
Dammes wieder einzuströmen begehre, war nicht lebhafter und
aufdringlicher vorzubilden.
Vor Langeweile und aus Lust, Geheimnisse zu entwickeln oder zu
supplieren, dacht' ich mir, was in dieser Briefmenge wohl enthalten
sein möchte? Da glaubt' ich denn eine Liebende zu spüren, die mit
Leidenschaft und Schmerz die Qual des Entbehrens in solcher Trennung
heftigst ausdrückte; einen Freund, der von dem Freund in der
äußersten Not einiges Geld verlangte; ausgetriebene Frauen mit
Kindern und Dienstanhang, deren Kasse bis auf wenige Geldstücke
zusammengeschmolzen war; feurige Anhänger der Prinzen, die, das Beste
hoffend, sich einander Lust und Mut zusprachen; andere, die schon das
Unheil in der Ferne witterten und sich über den bevorstehenden
Verlust ihrer Güter jammervoll beschwerten -- und ich denke, nicht
ungeschickt geraten zu haben.
Über manches klärte der Postmeister mich auf, der, um meine Ungeduld
nach Pferden zu beschwichtigen, mich vorsätzlich zu unterhalten
suchte. Er zeigte mir verschiedene Briefe mit Stempeln aus entfernten
Gegenden, die nun den Vorgerückten und Vorrückenden nachirren
sollten. Frankreich sei an allen seinen Grenzen mit solchen
Unglücklichen umlagert, von Antwerpen bis Nizza; dagegen stünden
ebenso die französischen Heere zur Verteidigung und zum Ausfall
bereit. Er sagte manches Bedenkliche; ihm schien der Zustand der
Dinge wenigstens sehr zweifelhaft.
Da ich mich nicht so wütend erwies wie andere, die nach Frankreich
hineinstürmten, hielt er mich blad für einen Republikaner und zeigte
mehr Vertrauen; er ließ mich die Unbilden bedenken, welche die
Preußen von Wetter und Weg über Koblenz und Trier erlitten, und
machte eine schauderhafte Beschreibung, wie ich das Lager in der
Gegend von Longwy finden würde; von allem war er gut unterrichtet und
schien nicht abgeneigt, andere zu unterrichten. Zuletzt suchte er
mich aufmerksam zu machen, wie die Preußen beim Einmarsch ruhige und
schuldlose Dörfer geplündert, es sei nun durch die Truppen geschehen
oder durch Packknechte und Nachzügler; zum Schein habe man's
bestraft, aber die Menschen im Innersten gegen sich aufgebracht.
Da musste mir denn jener General des Dreißigjährigen Kriegs
einfallen, welcher, als man sich über das feindselige Betragen seiner
Truppen in Freundesland höchlich beschwerte, die Antwort gab: "Ich
kann meine Armee nicht im Sack transportieren," überhaupt aber konnte
ich bemerken, dass unser Rücken nicht sehr gesichert sei.
Longwy, dessen Eroberung mir schon unterwegs triumphierend verkündigt
war, ließ ich auf meiner Fahrt rechts in einiger Ferne und gelangte
den 27. August nachmittags gegen das Lager von Praucourt. Auf einer
Fläche geschlagen, war es zu übersehen, aber dort anzulangen nicht
ohne Schwierigkeit. Ein feuchter, aufgewühlter Boden war Pferden und
Wagen hinderlich; daneben fiel es auf, dass man weder Wachen noch
Posten noch irgendjemand antraf, der sich nach den Pässen erkundigt
und bei dem man dagegen wieder einige Erkundigung hätte einziehen
können. Wir fuhren durch eine Zeltwüste, denn alles hatte sich
verkrochen, um vor dem schrecklichen Wetter kümmerlichen Schutz zu
finden. Nur mit Mühe erforschten wir von einigen die Gegend, wo wir
das herzoglich weimarische Regiment finden könnten, erreichten
endlich die Stelle, sahen bekannte Gesichter und wurden von
Leidensgenossen gar freundlich aufgenommen. Kämmerier Wagner und sein
schwarzer Pudel waren die ersten Begrüßenden; beide erkannten einen
vieljährigen Lebensgesellen, der abermals eine bedenkliche Epoche mit
durchkämpfen sollte. Zugleich erfuhr ich einen unangenehmen Vorfall:
des Fürsten Leibpferd, der Amaranth, war gestern nach einem
grässlichen Schrei niedergestürzt und tot geblieben.
Nun musste ich von der Situation des Lagers noch viel Schlimmeres
gewahren und vernehmen, als der Postmeister mir vorausgesagt. Man
denke sich's auf einer Ebene am Fuß eines sanft aufsteigenden Hügels,
an welchem ein von alters her gezogener Graben Wasser von Feldern und
Wiesen abhalten sollte; dieser aber wurde so schnell als möglich
Behälter alles Unrats, aller Abwürflinge: der Abzug stockte,
gewaltige Regengüsse durchbrachen nachts den Damm und führten das
widerwärtigeste Unheil unter die Zelte. Da ward nun, was die
Fleischer an Eingeweiden, Knochen und sonst beiseite geschafft, in
die ohnehin feuchten und ängstlichen Schlafstellen getragen.
Mir sollte gleichfalls ein zelt eingeräumt werden, ich zog aber vor,
mich des Tags über bei Freunden und Bekannten aufzuhalten und nachts
in dem großen Schlafwagen der Ruhe zu pflegen, dessen Bequemlichkeit
von früheren Zeiten her mir schon bekannt war. Seltsam musste man es
jedoch finden, wie er, obgleich nur etwa dreißig Schritte von den
Zelten entfernt, doch dergestalt unzugänglich bleib, dass ich mich
abends musste hinein und morgens wieder heraus tragen lassen.
Am 28. August.
So wunderlich tagte mir diesmal mein Geburtsfest. Wir setzten uns zu
Pferd und ritten in die eroberte Festung; das wohl gebaute und
befestigte Städtchen liegt auf einer Anhöhe. Meine Absicht war, große
wollene Decken zu kaufen, und wir verfügten uns sogleich in einen
Kramladen, wo wir Mutter und Töchter hübsch und anmutig fanden. Wir
feilschten nicht viel und zahlten gut und waren so artig, als es
Deutschen ohne Tournüre nur möglich ist.
Die Schicksale des Hauses während des Bombardements waren höchst
wunderbar. Mehrere Granaten hintereinander fielen in das
Familienzimmer, man flüchtete, die Mutter riss ein Kind aus der Wiege
und floh, und in dem Augenblick schlug noch eine Granate gerade durch
die Kissen, wo der Knabe gelegen hatte. Zum Glück war keine der
Granaten gesprungen, sie hatten die Möbel zerschlagen, am Getäfel
gesengt, und so war alles ohne weiteren Schaden vorübergegangen; in
den Laden war keine Kugel gekommen.
Dass der Patriotismus derer von Lognwy nicht allzu kräftig sein
mochte, sah man daraus, dass die Bürgerschaft den Kommandanten sehr
bald genötigt hatte, die Festung zu übergeben; auch hatten wir kaum
einen schritt aus dem Laden getan, als der innere Zwiespalt der
Bürger sich uns genugsam verdeutlichte. Königisch Gesinnte, und also
unsere Freunde, welche die schnell Übergabe bewirkt, bedauerten, dass
wir in dieses Warengewölbe zufällig gekommen und dem schlimmsten
aller Jakobiner, der mit seiner ganzen Familie nichts tauge, so viel
schönes Geld zu lösen gegeben. Gleichermaßen warnte man uns vor einem
splendiden Gasthof, und zwar so bedenklich, als wenn den Speisen
daselbst nicht ganz zu trauen sein möchte; zugleich deutete man auf
einen geringeren als zuverlässig, wo wir uns denn auch freundlich
aufgenommen und leidlich bewirtet sahen.
Nun saßen wir alte Kriegs- und Garnisons-kameraden traulich und
froh wieder neben und gegen einander; es waren die Offiziere des
Regiments, vereint mit des Herzogs Hof-, Haus- und Kanzleigenossen;
man unterhielt sich von dem Nächstvergangenen, wie bedeutend und
bewegt es Anfang Mais in Aschersleben gewesen, als die Regimenter
sich marschfertig zu halten Order bekommen, der Herzog von
Braunschweig und mehrere hohe Personen daselbst Besuch abgestattet,
wobei des Marquis von Bouillé als eines bedeutenden und in die
Operationen kräftig eingreifenden Fremden zu erwähnen nicht vergessen
wurde. Sobald dem horchenden Gastwirt dieser Name zu Ohren kam,
erkundigte er sich eifrigst, ob wir den Herren kennten? Die meisten
durften es bejahen, wobei er denn viel Respekt bewies und große
Hoffnung auf die Mitwirkung dieses würdigen, tätigen Mannes
aussprach, ja es wollte scheinen, als wenn wir von diesem Augenblick
an besser bedient würden.
Wie wir nun alle hier Versammelten uns mit Leib und Seele einem
Fürsten angehörig bekannten, der seit mehreren Regierungsjahren so
große Vorzüge entwickelt und sich nunmehr auch im Kriegshandwerk, dem
er von Jugend auf zugetan gewesen, das er seit geraumer Zeit
getrieben, bewähren sollte, so ward auf sein Wohl und seiner
Angehörigen nach guter deutscher Weise angestoßen und getrunken,
besonders aber auf des Prinzen Bernhards Wohl, bei welchem kurz vor
dem Ausmarsch Obristwachtmeister von Weyrach, als Abgeordneter des
Regiments, Gevatter gestanden hatte.
Nun wusste jeder von dem Marsch selbst gar manches zu erzählen, wie
man, den Harz links lassend, an Goslar vorbei nach Northeim durch
Göttingen gekommen; da hörte man denn von trefflichen und schlechten
Quartieren, bäurisch-unfreundlichen, gebildet-missmutigen,
hypochondrisch-gefälligen Wirten, von Nonnenklöstern und mancherlei
Abwechslung des Weges und Wetters. Alsdann war man am östlichen Rand
Westfallens her bis Koblenz gezogen, hatte mancher hübschen Frau zu
gedenken, von seltsamen Geistlichen, unvermutet begegnenden Freunden,
zerbrochenen Rädern, umgeworfenen Wagen buntscheckigen Bericht zu
erstatten.
Von Koblenz aus beklagte man sich über bergige Gegenden,
beschwerliche Wege und mancherlei Mangel und rückte sodann, nachdem
man sich im Vergangenen kaum zerstreut, dem Wirklichen immer näher;
der Einmarsch nach Frankreich in dem schrecklichsten Wetter ward als
höchst unerfreulich und als würdiges Vorspiel beschrieben des
Zustandes, den wir, nach dem Lager zurückkehrend, voraussehen
konnten. Jedoch in solcher Gesellschaft ermutigt sich einer am
anderen, und ich besonders beruhigte mich beim Anblick der köstlichen
wollenen Decken, welche der Reitknecht aufgebunden hatte.
Im Lager fand ich abends in dem großen Zelt die beste Gesellschaft;
sie war dort beisammen geblieben, weil man keinen Fuß heraussetzen
konnte; alles war gutes Muts und voller Zuversicht. Die schnelle
Übergabe von Longwy bestätigte die Zusage der Emigrierten, man werde
überall mit offenen Armen aufgenommen sein, und es schien sich dem
großen Vorhaben des revolutionären Frankreichs, durch die Manifeste
des Herzogs von Braunschweig ausgesprochen, zeigten sich ohne
Ausnahme bei Preußen, Österreichern und Emigrierten.
Freilich durfte man nur das wahrhaft bekannt Gewordene erzählen, so
ging daraus hervor, dass ein Volk, auf solchen Grad verunreinigt,
nicht einmal in Parteien gespalten, sondern im Innersten zerrüttet,
in lauter Einzelheiten getrennt, dem hohen Einheitssinn der edel
Verbündeten nicht widerstehen könne.
Auch hatte man schon von Kriegstaten zu erzählen. Gleich nach dem
Eintritt in Frankreich stießen beim Rekognozieren fünf Eskadronen
Husaren von Wolfrat auf tausend Chasseurs, die von Sedan der unser
Vorrücken beobachten sollten. Die Unsrigen, wohl geführt, griffen an,
und da die Gegenseitigen sich tapfer wehrten, auch keinen
Pardonannehmen wollten, gab es ein gräulich Gemetzel, worin wir
siegten, Gefangene machten, Pferde, Karabiner und Säbel erbeuteten,
durch welches Vorspiel der kriegerische Geist erhöht, Hoffnung und
Zutrauen fester gegründet wurden.
Am 29. August geschah der Aufbruch aus diesen halberstarrten Erd- und
Wasserwogen, langsam und nicht ohne Beschwerde: denn wie sollte man
Zelte und Gepäck, Monturen und sonstiges nur einigermaßen reinlich
halten, da sich keine Stelle fand, wo man irgendetwas zurechtlegen
und ausbreiten können!
Die Aufmerksamkeit jedoch, welche die höchsten Heerführer diesem
Abmarsch zuwendeten, gab uns frisches Vertrauen. Auf das strengste
war alles Fuhrwerk ohne Ausnahme hinter die Kolonne beordert, nur
jeder Regimentschef berechtigt, eine Chaise vor seinem Zug hergehen
zu lassen; da ich denn das Glück hatte, im leichten, offenen
Wägelchen die Hauptarmee für diesmal anzuführen. Beide Häupter, der
König sowohl als der Herzog von Braunschweig, mit ihrem Gefolge
hatten sich da postiert, wo alles an ihnen vorbei musste. Ich sah sie
von weiten, und als wir herankamen, ritten Ihro Majestät an mein
Wäglein heran und fragten in Ihro lakonischen Art, wem das Fuhrwerk
gehöre? Ich antwortete laut: "Herzog von Weimar!" und wir zogen
vorwärts. Nicht leicht ist jemand von einem vornehmern Visitator
angehalten worden.
Weiterhin jedoch fanden wir den Weg hie und a etwas besser. In einer
wunderlichen Gegend, wo Hügel und Tal miteinander abwechselten, gab
es besonders für die zu Pferde noch trockene Räume genug, um sich
behaglich vorwärts bewegen zu können. Ich warf mich auf das meine,
und so ging es freier und lustiger fort; das Regiment hatte den
Vortritt bei der Armee, wir konnten also immer voraus sein und der
lästigen Bewegung des Ganzen völlig entgehen.
Der Marsch verließ die Hauptstraße, wir kamen über Arrancy, worauf
uns denn Chatillon l'Abbaye, als erste Kennzeichen der Revolution,
ein verkauftes Kirchengut, in halb abgebrochenen und zerstörten
Mauern zur Seite liegen blieb.
Nun aber sahen wir über Hügel und Tal des Königs Majestät sich eilig
zu Pferde bewegend, wie den Kern eines Kometen von einem langen,
schweifartigen Gefolge begleitet. Kaum war jedoch dieses Phänomen mit
Blitzesschnelle vor uns vorbei geschwunden, als ein zweites von einer
andern Seite den Hügel krönte oder das Tal erfüllte. Es war der
Herzog von Braunschweig, der Elemente gleicher Art an und nach sich
zog. Wir nun, obgleich mehr zum Beobachten als zum Beurteilen
geneigt, konnten doch der Betrachtung nicht ausweichen, welche von
beiden Gewalten denn eigentlich die obere sei? Welche wohl im
zweifelhaften Falle zu entscheiden habe? Unbeantwortete Fragen, die
uns nur Zweifel und Bedenklichkeiten zurückließen.
Was nun aber hierbei noch ernsteren Stoff zum Nachdenken gab, war,
dass man beide Heerführer so ganz frank und frei in ein Land
hineinreiten sah, wo nicht unwahrscheinlich in jedem Gebüsch ein
aufgeregter Todfeind lauern konnte. Doch mussten wir gestehen, dass
gerade das kühne persönliche Hingeben von jeher den Sieg errang und
die Herrschaft behauptete.
Bei wolkigem Himmel schien die Sonne sehr heiß; das Fuhrwerk in
grundlosem Boden fand ein schweres Fortkommen. Zerbrochene Räder an
Wagen und Kanonen machten gar manchen Aufenthalt, hie und da
ermattete Füseliere, die sich schon nicht mehr fortschleppen konnten.
Man hörte die Kanonade bei Thionville und wünschte jener Seite guten
Erfolg.
Abends erquickten wir uns im Lager bei Pillon. Eine liebliche
Waldwiesenahm uns auf, der Schatten erfrischte schon, zum Küchfeuer
war Gestrüpp genug bereit; ein Bach floss vorbei und bildete zwei
klare Bassins, die beide sogleich von Menschen und Tieren sollten
getrübt werden. Das eine gab ich frei, verteidigte das andere mit
Heftigkeit und ließ es sogleich mit Pfählen und Stricken umziehen.
Ohne Lärm gegen die Zudringlichkeiten ging es nicht ab. Da fragte
einer von unsern Reitern den andern, die eben ganz gelassen an ihrem
Zeug putzten: "Wer ist denn der, der sich so mausig macht?" -- "Ich
weiß nicht," versetzte der andere, "aber er hat recht."
Also kamen nun Preußen und Österreicher und ein Teil von Frankreich,
auf französischem Boden ihr Kriegshandwerk zu treiben. In wessen
Macht und Gewalt taten sie das? Sie konnten es in eignem Namen tun,
der Krieg war ihnen zum Teil erklärt, ihr Bund war kein Geheimnis;
aber nun ward noch ein Vorwand erfunden. Sie traten auf im Namen
Ludwigs XVI., sie requirierten nicht, aber sie borgten gewaltsam. Man
hatte Bons drucken lassen, die der Kommandierende unterzeichnete,
derjenige aber, der sie in Händen hatte, nach Befund beliebig
ausfüllte: Ludwig XVI. sollte bezahlen. Vielleicht hat nach dem
Manifest nichts so sehr das Volk gegen das Königtum aufgehetzt als
diese Behandlungsart. Ich war selbst bei einer solchen Szene
gegenwärtig, deren ich mich als höchst tragisch erinnere. Mehrere
Schäfer mochten ihre Herden vereinigt haben, um sie in Wäldern oder
sonst abgelegenen Orten sicher zu verbergen; von tätigen Patrouillen
aber aufgegriffen und zur Armee geführt, sahen sie sich zuerst wohl
und freundlich empfangen. Man fragte nach den verschiedenen
Besitzern, man sonderte und zählte die einzelnen Herden. Sorge und
Frucht, doch mit einiger Hoffnung, schwebte auf den Gesichtern der
tüchtigen Männer. Als sich aber dieses Verfahren dahin auflöste, dass
man die Herden unter Regimenter und Kompanien verteilte, den
Besitzern hingegen ganz höflich auf Ludwig XVI. gestellte Papiere
überreichte, indessen ihre wolligen Zöglinge von den ungeduldigen,
fleischlustigen Soldaten vor ihren Füßen ermordet wurden, so gesteh'
ich wohl: es ist mir nicht leicht eine grausamere Szene und ein
tieferer männlicher Schmerz in allen seinen Abstufungen jemals vor
Augen und zur Seele gekommen. Die griechischen Tragödien allein haben
so einfach tief Ergreifendes.
Den 30. August.
Vom heutigen Tag, der uns gegen Verdun bringen sollte, versprachen
wir uns Abenteuer, und sie blieben nicht aus. Der auf- und abwärts
gehende Weg war schon besser getrocknet, das Fuhrwerk zog
ungehinderter dahin, die Reiter bewegten sich leichter und
vergnüglich.
Es hatte sich eine muntere Gesellschaft zusammengefunden, die, wohl
beritten, so weit vorging, bis sie einen Zug Husaren antraf, der den
eigentlichen Vortrab der Hauptarmee machte. Der Rittmeister, ein
gesetzter Mann, schon über die mittleren Jahre, schien unsere Ankunft
nicht gerne zu sehen. Die strengste Aufmerksamkeit war ihm empfohlen:
alles sollte mit Vorsicht geschehen, jede unangenehme Zufälligkeit
klüglich beseitigt werden. Er hatte seine Leute kunstmäßig verteilt,
sie rückten einzeln vor in gewissen Entfernungen, und alles begab
sich in der größten Ordnung und Ruhe. Menschenleer war die Gegend,
die äußerste Einsamkeit ahnungsvoll. So waren wir, Hügel auf Hügel
ab, über Mangiennes, Damvillers, Wawrille und Ormont gekommen, als
auf einer Höhe, die eine schöne Aussicht gewährte, rechts in den
Weinbergen ein Schuss fiel, worauf die Husaren sogleich zufuhren, die
nächste Umgebung zu untersuchen. Sie brachten auch wirklich einen
schwarzhaarigen, bärtigen Mann herbei, der ziemlich wild aussah und
bei dem man ein schlechtes Terzerol gefunden hatte. Er sagte trotzig,
dass er die Vögel aus seinem Weinberg verscheuche und niemand etwas
zuleide tue. Der Rittmeister schien, bei stiller Überlegung, diesen
Fall mit seinen gemessenen Orders zusammenzuhalten und entließ den
bedrohten Gefangenen mit einigen Hieben, die der Kerl so eilig mit
auf den Weg nahm, dass man ihm seinen Hut mit großem Lustgeschrei
nachwarf, den er aber aufzunehmen keinen Beruf empfand.
Der Zug ging weiter, wir unterhielten uns über die Vorkommenheiten
und über manches, was zu erwarten sein möchte. Nun ist zu
bemerken, dass unsere kleine Gesellschaft, wie sie sich den
Husaren aufgedrungen hatte, zufällig zusammengekommen, aus den
verschiedensten Elementen bestand; meistens waren es gradsinnige,
jeder nach seiner Weise dem Augenblick gewidmete Menschen. Einen
jedoch muss ich besonders auszeichnen, einen ernsten, sehr achtbaren
Mann von der Art, wie sie zu jener Zeit unter den preußischen
Kriegsleuten öfter vorkamen, mehr ästhetisch als philosophisch
gebildet, ernst mit einem gewissen hypochondrischen Zug, still in
sich gekehrt und zum Wohltun mit zarter Leidenschaft aufgelegt.
Als wir so weiter vor uns hinrückten, trafen wir auf eine so seltsame
als angenehme Erscheinung, die eine allgemeine Teilnahme erregte.
Zwei Husaren brachten ein einspänniges zweirädriges Wägelchen
den Berg herauf, und als wir uns erkundigten, was unter der
übergespannten Leinwand wohl befindlich sein möchte, so fand sich
ein Knabe von etwa zwölf Jahren, der das Pferd lenkte, und ein
wunderschönes Mädchen oder Weibchen, das sich aus der Ecke
hervorbeugte, um die vielen Reiter anzusehen, die ihren zweirädrigen
Schirm umzingelten. Niemand blieb ohne Teilnahme, aber die eigentlich
tätige Wirkung für die Schöne mussten wir unserm empfindenden Freund
überlassen, der von dem Augenblick an, als er das bedürftige Fuhrwerk
näher betrachtet, sich zur Rettung unaufhaltsam hingedrängt fühlte.
Wir traten in den Hintergrund; er aber fragte genau nach allen
Umständen, und es fand sich, dass die junge Person, in Samogneux
wohnhaft, dem bevorstehenden Bedrängnis seitwärts zu entfernteren
Freunden auszuweichen willens, sich eben der Gefahr in den Rachen
geflüchtet habe; wie in solchen ängstlichen Fällen der Mensch wähnt,
es sei überall besser als da, wo er ist. Einstimmig ward ihr nun auf
das freundlichste begreiflich gemacht, dass sie zurückkehren müsse.
Auch unser Anführer, der Rittmeister, der zuerst eine Spionerei hier
wittern wollte, ließ sich endlich durch die herzliche Rhetorik des
sittlichen Mannes überreden, der sie denn auch, zwei Husaren an der
Seite, bis an ihren Wohnort einigermaßen getröstet zurückgebrachte,
woselbst sie uns, die wir in bester Ordnung und Mannszucht bald
nachher durchzogen, auf einem Mäuerchen unter den Ihrigen stehend,
freundlich und, weil das erste Abenteuer so gut gelungen war,
hoffnungsvoll begrüßte.
Es gibt dergleichen Pausen mitten in den Kriegszügen, wo man durch
augenblickliche Mannszucht sich Kredit zu verschaffen sucht und eine
Art von gesetzlichem Frieden mitten in der Verwirrung beordert. Diese
Momente sind köstlich für Bürger und Bauern und für jeden, dem das
dauernde Kriegsunheil noch nicht allen Glauben an Menschlichkeit
geraubt hat.
Ein Lager diesseits Verdun wird aufgeschlagen, und man zählt auf
einige Tage Rast.
Den 31. morgens war ich im Schlafwagen, gewiss der trockensten,
wärmsten und erfreulichsten Lagerstätte, halb erwacht, als ich etwas
an den Ledervorhängen ruaschen hörte und bei Eröffnung derselben den
Herzog von Weimar erblickte, der mir einen unerwarteten Fremden
vorstellte. Ich erkannte sogleich den abenteuerlichen Grothaus,
der, seine Parteigängerrolle auch hier zu spielen nicht abgeneigt,
angelangt war, um den bedenklichen Auftrag der Aufforderung Verduns
zu übernehmen. In Gefolg dessen war er gekommen, unsern fürstlichen
Anführer um einen Stabstrompeter zu ersuchen, welcher, einer solchen
besondern Auszeichnung sich erfreuend, alsobald zu dem Geschäft
beordert wurde. Wir begrüßten uns, alter Wunderlichkeiten eingedenk,
auf das heiterste, und Grothaus eilte zu seinem Geschäft; worüber
denn, als es vollbracht war, gar mancher Scherz getrieben wurde. Man
erzählte sich, wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein,
die Fahrstraße hinab geritten, die Verduner aber als Sansculotten,
das Völkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert;
wie er ein weißes Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer
heftiger zu blasen befohlen; wie er, von einem Kommando eingeholt und
mit verbundenen Augen allein in die Festung geführt, alldort schöne
Reden gehalten, aber nichts bewirkt -- und was dergleichen mehr war,
wodurch man denn nach Weltart den geleisteten Dienst zu verkleinern
und dem Unternehmenden die Ehre zu verkümmern wusste.
Als nun die Festung, wie natürlich, auf die erste Forderung, sich zu
ergeben, abgeschlagen, musste man mit Anstalten zum Bombardement
vorschreiten. Der Tag ging hin, indessen besorgt' ich noch ein
kleines Geschäft, dessen gute Folgen sich mir bis auf den heutigen
Tag erstrecken. In Mainz hatte mich Herr von Stein mit dem
Jägerischen Atlas versorgt, welcher den gegenwärtigen, hoffentlich
auch den nächstkünftigen Kriegsschauplatz in mehreren Blättern
darstellte. Ich nahm das eine hervor, das achtundvierzigste, in
dessen Bezirk ich bei Longwy herein getreten war, und da unter des
Herzogs Leuten sich gerade ein Boßler befand, so ward es zerschnitten
und aufgezogen und dient mir noch zur Wiedererinnerung jener für die
Welt und mich so bedeutenden Tage.
Nach solchen Vorbereitungen zum künftigen Nutzen und augenblicklicher
Bequemlichkeit sah ich mich um auf der Wiese, wo wir lagerten und von
wo sich die Zelte bis auf die Hügel erstreckten. Auf dem großen,
grünen, ausgebreiteten Teppich zog ein wunderliches Schauspiel meine
Aufmerksamkeit an sich: eine Anzahl Soldaten hatten sich in einen
Kreis gesetzt und hantierten etwas innerhalb desselben. Bei näherer
Untersuchung fand ich sie um einen trichterförmigen Erdfall gelagert,
der, von dem reinsten Quellwasser gefüllt, oben etwa dreißig Fuß im
Durchmesser haben konnte. Nun waren es unzählige kleine Fischchen,
nach denen die Kriegsleute angelten, wozu sie das Gerät neben ihrem
übrigen Gepäck mitgebracht hatten. Das Wasser war das klarste von der
Welt, und die Jagd lustig genug anzusehen. Ich hatte jedoch nicht
lange diesem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, dass die Fischlein,
indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Im ersten
Augenblick hielt ich diese Erscheinung für Wechselfarben der
beweglichen Körperchen, doch blad eröffnete sich mir eine willkommene
Aufklärung. Eine Scherbe Steingut war in den Trichter gefallen.
Welche mir aus der Tiefe herauf die schönsten prismatischen Farben
gewährte. Heller als der Grund, dem Auge entgegen gehoben, zeigte sie
an dem von mir abstehenden Rand die Blau- und Violettfarbe, an dem
mir zugekehrten Rande dagegen die rote und gelbe. Als ich mich darauf
um die Quelle ringsum bewegte, folgte mir, wie natürlich bei einem
solchen subjektiven Versuche, das Phänomen, und die Farben
erschienen, bezüglich auf mich, immer dieselbigen.
Leidenschaftlich ohnehin mit diesen Gegenständen beschäftigt, machte
mir's die größte Freude, dasjenige hier unter freiem Himmel so frisch
und natürlich zu sehen, weshalb sich die Lehrer der Physik schon fast
hundert Jahre mit ihren Schülern in eine dunkle Kammer einzusperren
pflegten. Ich verschaffte mir noch einige Scherbenstücke, die ich
hineinwarf, und konnte gar wohl bemerken, dass die Erscheinung unter
der Oberfläche des Wassers sehr bald anfing, beim Hinabsinken immer
zunahm, und zuletzt ein kleiner weißer Körper, ganz überfärbt, in
Gestalt eines Flämmchens am Boden anlangte. Dabei erinnerte ich mich,
dass Agricola schon dieser Erscheinung gedacht und sie unter die
feurigen Phänomene zu rechnen sich bewogen gesehen.
Nach Tisch ritten wir auf den Hügel, der unseren Zelten die Ansicht
von Verdun verbarg. Wir fanden die Lage der Stadt als einer solchen
sehr angenehm, von Wiesen, Gärten umgeben, in einer heitern Fläche,
von der Maas in mehreren Ästen durchströmt, zwischen näheren und
ferneren Hügeln; als Festung freilich einem Bombardement von allen
Seiten ausgesetzt. Der Nachmittag ging hin mit Errichtung der
Batterien, da die Stadt sich zu ergeben geweigert hatte. Mit guten
Ferngläsern beschauten wir indessen die Stadt und konnten ganz genau
erkennen, was auf dem gegen uns gekehrten Wall vorging: mancherlei
Volk, das sich hin und her bewegte und besonders an einem Fleck sehr
tätig zu sein schien.
Um Mitternacht fing das Bombardement an, sowohl von der Batterie auf
unserm rechten Ufer als von einer andern auf dem linken, welche,
näher gelegen und mit Brandraketen spielend, die stärkste Wirkung
hervorbrachte. Diese geschwänzten Feuermeteore musste man denn ganz
gelassen durch die Luft fahren und bald darauf ein Stadtquartier in
Flammen sehen. Unsere Ferngläser, dorthin gerichtet, gestatteten
uns, auch dieses Unheil im einzelnen zu betrachten; wir konnten
die Menschen erkennen, die sich oben auf den Mauern dem Brand
Einhalt zu tun eifrig bemühten, wir konnten die frei stehenden,
zusammenstürzenden Gesparre bemerken und unterscheiden. Dieses alles
geschah in Gesellschaft von Bekannten und Unbekannten, wobei es
unsägliche, oft widersprechende Bemerkungen gab und gar verschiedene
Gesinnungen geäußert wurden. Ich war in eine Batterie getreten, die
eben gewaltsam arbeitete, allein der fürchterlich dröhnende Klang
abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen Ohr unerträglich: ich
musste mich bald entfernen. Da traf ich auf den Fürsten Reuß den XI.,
der mir immer ein freundlicher, gnädiger Herr gewesen. Wir gingen
hinter Weinbergsmauern hin und her, durch sie geschützt vor den
Kugeln, welche heraus zu senden die Belagerten nicht faul waren.
Nach mancherlei politischen Gesprächen, die uns denn freilich nur in
ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten, fragte mich
der Fürst, womit ich mich gegenwärtig beschäftige, und war sehr
verwundert, als ich, anstatt von Tragödien und Romanen zu vermelden,
aufgeregt durch die heutige Refraktionserscheinung, von der
Farbenlehre mit großer Lebhaftigkeit zu sprechen begann. Denn es
ging mir mit diesen Entwickelungen natürlicher Phänomene wie mit
Gedichten: ich machte sie nicht, sondern sie machten mich. Das einmal
erregte Interesse behauptete sein Recht, die Produktion ging ihren
Gang, ohne sich durch Kanonenkugeln und Feuerballen im mindesten
stören zu lassen. Der Fürst verlangte, dass ich ihm fasslich machen
sollte, wie ich in dieses Feld geraten? Hier gereichte mir nun der
heutige Fall zu besonderem Nutzen und Frommen.
Bei einem solchen Mann bedurft' es nicht vieler Worte, um ihn zu
überzeugen, dass ein Naturfreund, der sein Leben gewöhnlich im
Freien, es sei nun im Garten, auf der Jagd, reisend oder durch
Feldzüge durchführt, Gelegenheit und Muße genug finde, die Natur im
großen zu betrachten und sich mit den Phänomenen aller Art bekannt zu
machen. Nun bieten aber atmosphärische Luft, Dünste, Regen, Wasser
und Erde uns immerfort abwechselnde Farberscheinungen, und zwar unter
so verschiedenen Bedingungen und Umständen, dass man wünschen müsse,
solche bestimmter kennen zu lernen, sie zu sondern, unter gewisse
Rubriken zu bringen, ihre nähere und fernere Verwandtschaft
auszuforschen. Hierdurch gewinne man nun in jedem Fach neue
Ansichten, unterschieden von der Lehre der Schule und von gedruckten
Überlieferungen. Unsere Altväter hätten, begabt mit großer
Sinnlichkeit, vortrefflich gesehen, jedoch ihre Beobachtungen nicht
fort- und durchgesetzt; am wenigsten sei ihnen gelungen, die
Phänomene wohl zu ordnen und unter die rechten Rubriken zu bringen.
Dergleichen war abgehandelt, als wir den feuchten Rasen hin und her
gingen; ich setze, aufgeregt durch Fragen und Einreden, meine Lehre
fort, als die Kälte des einbrechenden Morgens uns an ein Biwak der
Österreicher trieb, welches, die ganze Nacht unterhalten, einen
ungeheueren wohltätigen Kohlenkreis darbot. Eingenommen von meiner
Sache, mit der ich mich erst seit zwei Jahren beschäftigte und die
also noch in einer frischen, unreifen Gärung begriffen war, hätte ich
kaum wissen können, ob der Fürst mir auch zugehört, wenn er nicht
einsichtige Worte dazwischen gesprochen und zum Schluss meinen
Vortrag wieder aufgenommen und beifällige Aufmunterung gegönnt hätte.
Wie ich denn immer bemerkt habe, dass mit Geschäfts- und Weltleuten,
die sich gar vielerlei aus dem Stegreif müssen vortragen lassen und
deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden,
viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil
sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres
Interesse als eigene Aufklärungen; da Gelehrte hingegen gewöhnlich
nichts hören, als was sie gelernt und gelehrt haben und worüber
sie mit ihresgleichen übereingekommen sind. In die Stelle des
Gegenstandes setzt sich ein Wort-Kredo, bei welchem denn so gut zu
verharren ist als bei irgendeinem andern.
Der Morgen war frisch, aber trocken; wir gingen, teils gebraten,
teils erstarrt, wieder auf und ab und shaen an den Weinbergsmauern
sich auf einmal etwas regen. Es war ein Pikett Jäger, das die Nacht
da zugebracht hatte, nun aber Büchse und Tornister wieder aufnahm,
hinab in die niedergebrannten Vorstädte zog, um von da aus die Wälle
zu beunruhigen. Einem wahrscheinlichen Tod entgegengehend, sangen
sie sehr libertine Lieder, in dieser Lage vielleicht verzeihbar.
Kaum verließen sie die Stätte, als ich auf der Mauer, an der sie
geruht, ein sehr auffallendes geologisches Phänomen zu bemerken
glaubte: ich sah auf dem von Kalkstein errichteten weißen Mäuerchen
ein Gesims von hellgrünen Steinen völlig von der Farbe des Jaspis
und war höchlich betroffen, wie mitten in diesen Kalkflözen eine so
merkwürdige Steinart in solcher Menge sich sollte gefunden haben.
Auf die eigenste Weise ward ich jedoch entzaubert, als ich, auf
das Gespenst losgehend, sogleich bemerkte, dass es das Innere von
verschimmeltem Brot sei, das, den Jägern ungenießbar, mit gutem Humor
ausgeschnitten und zu Verzierung der Mauer ausgebreitet worden.
Hier gab es nun sogleich Gelegenheit, von der, seitdem wir in
Feindesland eingetreten, immer wieder zur Sprache kommenden
Vergiftung zu reden; welche freilich ein kriegendes Heer mit
panischem Schrecken erfüllt, indem nicht allein jede vom Wirt
angebotene Speise, sondern auch das selbstgebackene Brot verdächtig
wird, dessen innerer, schnell sich entwickelnder Schimmel ganz
natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist.
Es war den 1. September früh um acht Uhr, als das Bombardement
aufhörte, ob man gleich noch immerfort Kugeln hinüber und
herüber wechselte. Besonders hatten die belagerten einen
Vierundzwanzig-Pfünder gegen uns gekehrt, dessen sparsame Schüsse
sie mehr zum Scherz als Ernst verwendeten.
Auf der freien Höhe zur Seite der Weinberge, grad' im Angesicht
dieses gröbsten Geschützes, waren zwei Husaren zu Pferd aufgestellt,
um Stadt und Zwischenraum aufmerksam zu beobachten. Diese blieben die
Zeit ihrer Postierung über unangefochten. Weil aber bei der Ablösung
sich nicht allein die Zahl der Mannschaft vermehrte, sondern auch
manche Zuschauer grad' in diesem Augenblick herbeiliefen und ein
tüchtiger Klump Menschen zusammenkam, so hielten jene ihre Ladung
bereit. Ich stand in diesem Augenblick mit dem Rücken dem ungefähr
hundert Schritt entfernten Husaren- und Volkstrupp zugekehrt, mich
mit einem Freund besprechend, als auf einmal der grimmige,
pfeifend-schmetternde Ton hinter mir hersauste, so dass ich mich auf
dem Absatz herumdrehte, ohne sagen zu können, ob der Ton, die bewegte
Luft, eine innere psychische, sittliche Anregung dieses Umkehren
hervorgebracht. Ich sah die Kugel, weit hinter der auseinander
gestobenen Menge, noch durch einige Zäune rikoschettieren. Mit großem
Geschrei lief man ihr nach, als sie aufgehört hatte, furchtbar zu
sein; niemand war getroffen, und die Glücklichen, die sich dieser
runden Eisenmasse bemächtigt, trugen sie im Triumph umher.
Gegen Mittag wurde die Stadt zum zweiten Mal aufgefordert und erbat
sich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Diese nutzten auch wir, uns
etwas bequemer einzurichten, um zu proviantieren, die Gegend umher
zu bereiten, wobei ich denn nicht unterließ, mehrmals zu der
unterrichtenden Quelle zurückzukehren, wo ich meine Beobachtungen
ruhiger und besonnener anstellen konnte; denn das Wasser war rein
ausgefischt und hatte sich vollkommen klar und ruhig gesetzt, um das
Spiel der niedersinkenden Flämmchen nach Lust zu wiederholen, und ich
befand mich in der angenehmsten Gemütsstimmung. Einige Unglücksfälle
versetzten uns wieder bald in Kriegszustand.
Ein Offizier von der Artillerie suchte sein Pferd zu tränken, der
Wassermangel in der Gegend war allgemein; meine Quelle, an der er
vorbei ritt, lag nicht flach genug, er begab sich nach der nahe
fließenden Maas, wo er an einem abhängigen Ufer versank: das Pferd
hatte sich gerettet, ihn trug man tot vorbei.
Kurz darauf sah und hörte man eine starke Explosion im
österreichischen Lager, an dem Hügel, zu dem wir hinaufsehen konnten;
Knall und Dampf wiederholte sich einige Mal. Bei einer Bombenfüllung
war durch Unvorsichtigkeit Feuer entstanden, das höchste Gefahr
drohte; es teilte sich schon gefüllten Bomben mit, und man hatte zu
fürchten, der ganze Vorrat möcht ein die Luft gehen. Bald aber war
die Sorge gestillt durch rühmliche Tat kaiserlicher Soldaten, welche,
die bedrohende Gefahr verachtend, Pulver und gefüllte Bomben aus dem
Zeltraum eilig hinaustrugen.
So ging auch dieser Tag hin. Am andern Morgen ergab sich die Stadt
und ward in Besitz genommen; sogleich aber sollte uns ein
republikanischer Charakterzug begegnen. Der Kommandant Beaurepaire,
bedrängt von der bedrängten Bürgerschaft, die bei fortdauerndem
Bombardement ihre ganze Stadt verbrannt und zerstört sah, konnte die
Übergabe nicht länger verweigern; als er aber auf dem Rathaus in
voller Sitzung seine Zustimmung gegeben hatte, zog er ein Pistole
hervor und erschoss sich, um abermals ein Beispiel höchster
patriotischer Aufopferung darzustellen.
Nach dieser so schnellen Eroberung von Verdun zweifelte niemand mehr,
dass wir bald darüber hinausgelangen und in Chalons und Epernay uns
von den bisherigen Leiden an gutem Weine bestens erholen sollten. Ich
ließ daher ungesäumt die Jägerischen Karten, welche den Weg nach
Paris bezeichneten, zerschneiden und sorgfältig aufziehen, auch auf
die Rückseite weißes Papier kleben, wie ich es schon bei der ersten
getan, um kurze Tagesbemerkungen flüchtig aufzuzeichnen.
Den 3. September.
Früh hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, nach der Stadt zu
reiten, an die ich mich anschloss. Wir fanden gleich beim Eintritt
große frühere Anstalten, die auf einen längeren Widerstand
hindeuteten: das Straßenpflaster war in der Mitte durchaus aufgehoben
und gegen die Häuser angehäuft; das feuchte Wetter machte deshalb
das Umherwandeln nicht erfreulich. Wir besuchten aber sogleich die
namentlich gerühmten Läden, wo der beste Likör aller Art zu haben
war. Wir probierten ihn durch und versorgten uns mit mancherlei
Sorten. Unter andern war einer namens Baume humain, welcher, weniger
süß, aber stärker, ganz besonders erquickte. Auch die Drageen,
überzuckerte kleine Gewürzkörner in saubern, zylindrischen Deuten,
wurden nicht abgewiesen. Bei so vielem Guten gedachte man nun der
lieben Zurückgelassenen, denen dergleichen am friedlichen Ufer der
Ilm gar wohl behagen möchte. Kistchen wurden gepackt; gefällige,
wohlwollende Kuriere, das bisherige Kriegsglück in Deutschland zu
melden beauftragt, waren geneigt, sich mit einigem Gepäck dieser Art
zu belasten, wodurch sich denn die Freundinnen zu Hause in höchster
Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Land wallfahrteten,
wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen.
Als wir nun darauf die teilweise verletzte und verwüstete Stadt
beschauten, waren wir veranlasst, die Bemerkung zu wiederholen: dass
bei solchem Unglück, welches der Mensch dem Menschen bereitet, wie
bei dem, was die Natur uns zuschickt, einzelne Fälle vorkommen, die
auf eine Schickung, eine günstige Vorsehung hinzudeuten scheinen. Der
untere Stock eines Eckhauses auf dem Markt ließ einen von vielen
Fenstern wohl erleuchteten Fayence-Laden sehen; man machte uns
aufmerksam, dass eine Bombe, von dem Platz aufschlagend, an den
schwachen steinernen Türpfosten des Ladens gefahren, von demselben
aber wieder abgewiesen, andere Richtung genommen habe. Der Türpfosten
war wirklich beschädigt, aber er hatte die Pflicht eines guten
Vorfechters getan: die Glanzfülle des oberflächlichen Porzellans
stand in widerspiegelnder Herrlichkeit hinter den wasserhellen, wohl
geputzten Fenstern.
Mittags am Wirtstisch wurden wir mit guten Schöpsenkeulen und Wein
von Bar traktiert, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im
Land selbst aufsuchen und genießen muss. Nun ist aber an solchen
Tischen Sitte, dass man wohl Löffel, jedoch weder Messer noch Gabel
erhält, die man daher mitbringen muss. Von dieser Landesart
unterrichtet, hatten wir schon solche Bestecke angeschafft, die man
dort flach und zierlich gearbeitet zu kaufen findet. Muntere,
resolute Mädchen warteten auf, nach derselben Art und Weise, wie sie
vor einigen Tagen ihrer Garnison noch aufgewartet hatten.
Bei der Besitznehmung von Verdun ereignete sich jedoch ein Fall, der,
obgleich nur einzeln, großes Aufsehen erregte und allgemeine
Teilnahme heran rief. Die Preußen zogen ein, und es fiel aus der
französischen Volksmasse ein Flintenschuss, der niemand verletzte,
dessen Wagestück aber ein französischer Grenadier nicht verleugnen
konnte und wollte. Auf der Hauptwache, wohin er gebracht wurde, hab'
ich ihn selbst gesehen: es war ein sehr schöner, wohl gebildeter,
junger Mann, festen Blicks und ruhigen Betragens. Bis sein Schicksal
entschieden wäre, hielt man ihn lässlich. Zunächst an der Wache war
eine Brücke, unter der ein Arm der Maas durchzog; er setzte sich aufs
Mäuerchen, blieb eine Zeitlang ruhig, dann überschlug er sich
rückwärts in die Tiefe und ward nur tot aus dem Wasser herausgebracht.
Diese zweite heroische, ahnungsvolle Tat erregte leidenschaftlichen
Hass bei den frisch Eingewanderten, und ich hörte sonst verständige
Personen behaupten, man möchte weder diesem noch dem Kommandanten
ein ehrlich Begräbnis gestatten. Freilich hatte man sich andere
Gesinnungen versprochen, und noch sah man nicht die geringste
Bewegung unter den fränkischen Truppen, zu uns überzugehen.
Größere Heiterkeit verbreitete jedoch die Erzählung, wie der König in
Verdun aufgenommen worden: vierzehn der schönsten, wohl erzogensten
Frauenzimmer hatten Ihro Majestät mit angenehmen Reden, Blumen und
Früchten bewillkommnt. Seine Vertrautesten jedoch rieten ihm ab, vom
Genuss Vergiftung befürchtend; aber der großmütige Monarch verfehlte
nicht, diese wünschenswerten Gaben mit galanter Wendung anzunehmen
und sie zutraulich zu kosten. Diese reizenden Kinder schienen auch
unseren jungen Offizieren einiges Vertrauen eingeflößt zu haben;
gewiss, diejenigen, die das Glück gehabt, dem Ball beizuwohnen,
konnten nicht genug von Liebenswürdigkeit, Anmut und gutem Betragen
sprechen und rühmen.
Aber auch für solidere Genüsse war gesorgt: denn, wie man gehofft und
vermutet hatte, fanden sich die besten und reichlichsten Vorräte in
der Festung, und man eilte, vielleicht nur zu sehr, sich daran zu
erholen. Ich konnte gar wohl bemerken, dass man mit geräuchertem
Speck und Fleisch, mit Reis und Linsen und andern guten und
notwendigen Dingen nicht haushältisch genug verfahre, welches in
unserer Lage bedenklich schien. Lustig dagegen war die Art, wie ein
Zeughaus, oder Waffensammlung aller Art, ganz gelassen geplündert
ward. In ein Kloster hatte man allerlei Gewehre, mehr alte als neue,
und mancherlei seltsame Dinge gebracht, womit der Mensch, der sich zu
wehren Lust hat, den Gegner abhält oder wohl gar erlegt.
Mit jener sanften Plünderung aber verhielt es sich folgendermaßen:
als nach eingenommener Stadt die hohen Militärpersonen sich von
den Vorräten aller Art zu überzeugen gedachten, begaben sie sich
ebenfalls in diese Waffensammlung, und indem sie solche für das
allgemeine Kriegsbedürfnis in Anspruch nahmen, fanden sie manches
Besondere, welches dem einzelnen zu besitzen nicht unangenehm wäre,
und niemand war leicht mit Musterung dieser Waffen beschäftigt, der
nicht auch für sich etwas herausgemustert hätte. Dies ging nun durch
alle Grade durch, bis dieser Schatz zuletzt beinahe ganz ins Freie
fiel. Nun gab jedermann der angestellten Wache ein kleines Trinkgeld,
um sich diese Sammlung zu besehen, und nahm dabei etwas mit heraus,
was ihm anstehen mochte. Mein Diener erbeutete auf diese Weise einen
flachen, hohen Stock, der, mit Bindfaden stark und geschickt
umwunden, dem ersten Anblick nach nichts weiter erwarten ließ, seine
Schwere aber deutete auf einen gefährlichen Inhalt: auch enthielt
er eine sehr breite, wohl vier Fuß lange Degenklinge, womit eine
kräftige Faust Wunder getan hätte.
So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben,
zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es
wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich
macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden, dann wieder den
Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen, mitten in dem
verzweifeltsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch
entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter
hat und sich von der pfäffischen, höfischen, oder wie sie sonst
heißen mögen, ganz eigen unterscheidet.
Einer merkwürdigen Person aber muss ich noch gedenken, die ich, zwar
nur in der Entfernung, hinter Gefängnisgittern, gesehen: es war der
Postmeister von Sainte Menehould, der sich ungeschickterweise von den
Preußen hatte fangen lassen. Er scheute keineswegs die Blicke der
Neugierigen und schien bei seinem ungewissen Schicksal ganz ruhig.
Die Emigrierten behaupteten, er habe tausend Tode verdient, und
hetzten deshalb an den obersten Behörden, denen aber zum Ruhm zu
rechnen ist, dass sie in diesem, wie in andern Fällens ich mit
geziemender Ruhe und anständigem Gleichmut betragen.
Am 4. September.
Die viele Gesellschaft, die ab- und zuging, belebte unsere Zelte den
ganzen Tag; man hörte vieles erzählen, vieles bereden und beurteilen,
die Lage der Dinge tat sich deutlicher auf als bisher. Alle waren
einig, dass man so schnell als möglich nach Paris vordringen müsse.
Die Festungen Montmedy und Sedan hatte man unerobert sich zur Seite
gelassen und schien von der in dortiger Gegend stehenden Armee wenig
zu befürchten.
Lafayette, auf welchem das Vertrauen des Kriegsvolks beruhte, war
genötigt gewesen, aus der Sache zu scheiden; er sah sich gedrängt,
zum Feind überzugehen, und ward als Feind behandelt. Dumouriez, wenn
er auch sonst als Minister Einsicht in Militärangelegenheiten
beweisen hatte, war durch keinen Feldzug berühmt, und aus der Kanzlei
zum Oberbefehl der Armee befördert, schien er auch nur jene
Inkonsequenz und Verlegenheit des Augenblicks zu beweisen. Von der
andern Seite verlauteten die traurigen Vorfälle von der Hälfte des
Augusts aus Paris, wo, dem braunschweigschen Manifest zum Trutz, der
König gefangen genommen, abgesetzt und als Missetäter behandelt
wurde. Was aber für die nächsten Kriegsoperationen höchst bedenklich
sei, war am umständlichsten besprochen.
Der waldbewachsene Gebirgsriegel, welcher die Aire von Süden nach
Norden an ihm herzufließen nötigt, Forêt d'Argonne genannt, lag
unmittelbar vor uns und heilt unsere Bewegung auf. Man sprach viel
von den Isletten, dem bedeutenden Pass zwischen Verdun und Sainte
Menehould. Warum er nicht besetzt werde, besetzt worden sei, darüber
konnte man sich nicht vereinigen. Die Emigrierten sollten ihn einen
Augenblick überrumpelt haben, ohne ihn halten zu können. Die
abziehende Besatzung von Longwy hatte sich, so viel wusste man,
dorthin gezogen; auch Dumouriez schickte, während wir uns auf dem
Marsch nach Verdun und mit dem Bombardement der Stadt beschäftigten,
Truppen quer über durchs Land, um diesen Posten zu verstärken und den
rechten Flügel seiner Position hinter Grandpré zu decken und so den
Preußen, Österreichern und Emigrierten ein zweites Thermopylä
entgegenzustellen.
Man gestand sich einander die höchst unglückliche Lage und musste
sich in die Anstalten fügen, wonach die Armee, welche unaufhaltsam
gerade vorwärts hätten dringen sollen, die Aire hinabziehen sollte,
um sich an den verschanzten Bergschluchten auf gut Glück zu
versuchen; wobei noch für höchst vorteilhaft galt, dass Clermont den
Franzosen entrissen und von Hessen besetzt sei, welche, gegen die
Isletten operierend, sie wo nicht wegnehmen, doch beunruhigen
konnten.
Den 6. September.
In diesem Sinn ward nunmehr das Lager verändert und kam hinter Verdun
zu stehen; das Hauptquartier des Königs, Glorieux, des Herzogs von
Braunschweig, Regret genannt, gab zu wunderlichen Betrachtungen
Anlass. An den ersten Ort gelangt' ich selbst durch einen
verdrießlichen Zufall. Des Herzogs von Weimar Regiment sollte bei
Jardin Fontaine zu stehen kommen, nahe an der Stadt und der Maas; zum
Tor fuhren wir glücklich heraus, indem wir uns in den Wagenzug eines
unbekannten Regiments einschwärzten und von ihm fortschleppen ließen,
obgleich zu bemerken war, dass man sich zu weit entferne; auch hätten
wir nicht einmal bei dem schmalen Weg aus der Reihe weichen können,
ohne uns in den Gräben unwiederbringlich zu verfahren. Wir schauten
rechts und links, ohne zu entdecken, wir fragten ebenso und
erhielten keinen Bescheid; denn alle waren fremd wie wir und aufs
verdrießlichste von dem Zustand angegriffen. Endlich auf eine
sanfte Höhe gelangt, sah ich links unten in einem Tal, das zu
guter Jahrszeit ganz angenehm sein mochte, einen hübschen Ort mit
bedeutenden Schlossgebäuden, wohin glücklicherweise ein sanfter
grüner Rain uns bequem hinunterzubringen versprach. Ich ließ umso
eher aus der schrecklichen Fahrleise hinabwärts ausbiegen, als ich
unten Offiziere und Reitknechte hin und wider sprengen, Packwagen und
Chaisen aufgefahren sah; ich vermutete eins der Hauptquartiere, und
so fand sich's: es war Glorieux, der Aufenthalt des Königs. Aber auch
da war mein Fragen, wo Jardin Fontaine liege, ganz umsonst. Endlich
begegnete ich, wie einem Himmelsboten, Herrn von Alvensleben, der
sich mir früher freundlich erwiesen hatte; dieser gab mir denn
Bescheid, ich solle den von allem Fuhrwerk freien Dorfweg im Tal bis
nach der Stadt verfolgen, vor derselben aber links durchzudringen
suchen, und ich würde Jardin Fontaine gar bald entdecken.
Beides gelang mir, und ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber
im schrecklichsten Zustand: man sah sie in grundlosen Kot versenkt,
die verfaulten Schlingen der Zelttücher zerrissen eine nach der
andern, und die Leinwand schlug dem über Kopf und Schulter zusammen,
der darunter sein Heil zu suchen gedachte. Eine Zeitlang hatte man's
ertragen, doch fiel zuletzt der Entschluss dahin aus, das Örtchen
selbst zu beziehen. Wir fanden in einem wohl eingerichteten Haus und
Hof einen guten neckischen Mann als Besitzer, der ehemals Koch in
Deutschland gewesen war; mit Munterkeit nahm er uns auf, im
Erdgeschoss fanden sich schöne, heitere Zimmer, gutes Kamin, und was
sonst nur erquicklich sein konnte.
Das Gefolge des Herzogs von Weimar ward aus der fürstlichen Küche
versorgt; unser Wirt verlangte jedoch dringend, ich solle nur ein
einziges Mal von seiner Kunst etwas kosten. Er bereitete mir auch
wirklich ein höchst wohlschmeckendes Gastmahl, das mir aber sehr übel
bekam, so dass ich wohl auch an Gift hätte denken können, wenn mir
nicht noch zeitig genug der Knoblauch eingefallen wäre, durch welchen
jene Schüsseln erst recht schmackhaft geworden, der auf mich aber,
selbst in der geringsten Dosis, höchst gewaltsame Wirkung auszuüben
pflegte. Das Übel war bald vorbei, und ich hielt mich nach wie vor
desto lieber an die deutsche Küche, solange sie auch nur das mindeste
leisten konnte.
Als es zum Abschied ging, überreichte der gut gelaunte Wirt meinem
Diener einen vorher versprochenen Brief nach Paris an eine Schwester,
die er besonders empfehlen wolle; fügte jedoch nach einigem Hin- und
Widerreden gutmütig hinzu: "Du wirst wohl nicht hinkommen."
Den 11. September.
Wir wurden also, nach einigen Tagen gütlicher Pflege, wieder in das
schrecklichste Wetter hinausgestoßen; unser Weg ging auf dem
Gebirgsrücken hin, der, die Gewässer der Maas und Aire scheidend,
beide nach Norden zu fließen nötigt. Unter großen Leiden gelangten
wir nach Malancourt, wo wir leere Keller und Küchen wirtlos fanden
und schon zufrieden waren, unter Dach, auf trockener Bank eine
spärliche, mitgebrachte Nahrung zu genießen. Die Einrichtung der
Wohnungen selbst gefiel mir; sie zeugte von einem stillen, häuslichen
Behagen: alles war einfach naturgemäß, dem unmittelbarsten Bedürfnis
genügend. Dies hatten wir gestört, dies zerstörten wir; denn aus der
Nachbarschaft erscholl ein Angstruf gegen Plünderer, worauf wir denn,
hinzueilend, nicht ohne Gefahr dem Unfug für den Augenblick
steuerten. Auffallend genug dabei war, dass die armen unbekleideten
Verbrecher, denen wir Mäntel und Hemden entrissen, uns der härtesten
Grausamkeit anklagten, dass wir ihnen nicht vergönnen wollten, auf
Kosten der Feinde ihre Blöße zu decken.
Aber noch ein eigneren Vorwurf sollten wir erleben. In unser erstes
Quartier zurückgekehrt, fanden wir einen vornehmen, uns sonst schon
bekannten Emigrierten. Er ward freundlich begrüßt und verschmähte
nicht frugale Bissen; allein man konnte ihm eine innere Bewegung
anmerken, er hatte etwas auf dem Herzen, dem er durch Ausrufungen
Luft zu machen suchte. Als wir nun, früherer Bekanntschaft gemäß,
einiges Vertrauen in ihm zu erwecken suchten, so beschrie er die
Grausamkeit, welche der König von Preußen an den französischen
Prinzen ausübe. Erstaunt, fast bestürzt, verlangten wir nähere
Erklärung. Da erfuhren wir nun: der König habe beim Ausmarsch von
Glorieux, unerachtet des schrecklichsten Regens, keinen Überrock
angezogen, keinen Mantel umgenommen, da denn die königlichen Prinzen
ebenfalls sich dergleichen Wetter abwehrende Gewande hätten versagen
müssen; unser Marquis aber habe diese allerhöchsten Personen, leicht
gekleidet, durch und durch genässt, träufelnd von abfließender
Feuchte, nicht ohne das größte Bejammern anschauen können, ja er
hätte, wenn es nütze gewesen wäre, sein Leben daran gewendet, sie in
einem trockenen Wagen dahin ziehen zu sehen, sie, auf denen Hoffnung
und Glück des ganzen Vaterlandes beruhe, die an eine ganz andere
Lebensweise gewöhnt seien.
Wir hatten freilich darauf nichts zu erwidern, denn ihm konnte die
Betrachtung nicht tröstlich werden, dass der Krieg, als ein Vortod,
alle Menschen gleich mache, allen Besitz aufhebe und selbst die
höchste Persönlichkeit mit Pein und Gefahr bedrohe.
Den 12. September.
Den andern Morgen aber entschloss ich mich, in Betracht so hoher
Beispiele, meine leichte und doch mit vier requirierten Pferden
bespannte Chaise unter dem Schutz des zuverlässigen Kämmerier Wagner
zu lassen, welchem die Equipage und das so nötige bare Geld
nachzubringen aufgetragen war. Ich schwang mit, mit einigen guten
Gesellen, zu Pferde, und so begaben wir uns auf den Marsch nach
Landres. Wir fanden auf Mitte Wegs Wellen und Reisig eines
abgeschlagenen Birkenhölzchens, deren innere Trockenheit die äußere
Feuchte bald überwand und uns lohe Flamme und Kohlen, zur Erwärmung
wie zum Kochen genugsam, sehr schnell zum besten gab. Aber die schöne
Anstalt einer Regimentstafel war schon gestört: Tische, Stühle und
Bänke sah man nicht nachkommen, man behalf sich stehend, vielleicht
angelehnt, so gut es gehen wollte. Doch war das Lager gegen Abend
glücklich erreicht; so kampierten wir unsern Landres, gerade Grandpré
gegenüber, wussten aber gar wohl, wie stark und vorteilhaft der Pass
besetzt sei. Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die
Zeltdecke gewährte wenig Schutz.
Glückselig aber der, dem eine höhere Leidenschaft den Busen füllte!
Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht
einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und wieder, um sie
zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel, der sich
auch hier als treuen Kanzleigefährten erwies, ins gebrochene Konzept
und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitz' ich
noch mit allen Merkmalen des Regenwetters und als Zeugnis eines
treuen Forschens auf eingeschlagenem, bedenklichem Pfad. Den Vorteil
aber hat der Weg zum Wahren, dass man sich unsicherer Schritte, eines
Umwegs, ja, eines Fehltritts noch immer gern erinnert.
Das Wetter verschlimmerte sich und ward in der Nacht so arg, dass man
es für das höchste Glück schätzen musste, sie unter der Decke des
Regimentswagens zuzubringen. Wie schrecklich war da der Zustand, wenn
man bedachte, dass man im Angesicht des Feindes gelagert sei und
befürchten musste, dass er aus seinen Berg- und Waldverschanzungen
irgendwo hervorzubrechen Lust haben könne.
Vom 13. bis zum 17. September.
Traf der Kämmerier Wagner, den Pudel mit eingeschlossen, bei guter
Zeit mit aller Equipage bei uns ein: er hatte eine schreckliche Nacht
verlebt, war nach tausend anderen Hindernissen im Finstern von der
Armee abgekommen, verführt durch schlaf- und weintrunkene Knechte
eines Generals, denen er nachfuhr. Sie gelangten in ein Dorf und
vermuteten die Franzosen ganz nahe. Von allerlei Alarm geängstigt,
verlassen von Pferden, die aus der Schwemme nicht zurückkehrten,
wusste er sich denn so zu richten und zu schicken, dass er von dem
unseligen Dorf loskam und wir uns zuletzt mit allem mobilen Hab und
Gut wieder zusammenfanden.
Endlich gab es eine Art von erschütternder Bewegung und zugleich von
Hoffnung: man hörte auf unserm rechten Flügel stark kanonieren und
sagte sich: General Clerfiat sei aus den Niederlanden angekommen und
habe die Franzosen auf ihrer linken Flanke angegriffen. Alles war
äußerst gespannt, den Erfolg zu vernehmen.
Ich ritt nach dem Hauptquartier, um näher zu erfahren, was die
Kanonade bedeute und was eigentlich zu erwarten sei. Man wusste
daselbst noch nichts genau, als dass General Clerfait mit den
Franzosen ahndgemein sein müsse. Ich traf auf den Major von Weyrach,
der sich aus Ungeduld und Langeweile soeben zu Pferd setze und an die
Vorposten reiten wollte; ich begleitete ihn, und wir gelangten bald
auf eine Höhe, wo man sich weit genug umsehen konnte. Wir trafen auf
einen Husarenposten und sprachen mit dem Offizier, einem jungen,
hübschen Mann. Die Kanonade war weit über Grandpré hinaus, und er
hatte Order, nicht vorwärts zu gehen, um nicht ohne Not eine Bewegung
zu verursachen. Wir hatten uns nicht lange besprochen, als Prinz
Louis Ferdinand mit einigem Gefolge ankam, nach kurzer Begrüßung und
Hin- und Widerreden von dem Offizier verlangte, dass er vorwärts
gehen solle. Dieser tat dringende Vorstellungen, worauf der Prinz
aber nicht achtete, sondern vorwärts ritt, dem wir denn alle folgen
mussten. Wir warne nicht weit gekommen, als ein französischer Jäger
sich von fern sehen ließ, an uns bis auf Büchsenschussweite
heransprengte und sodann umkehrend ebenso schnell wieder verschwand.
Ihm folgte der zweite, dann der dritte, welche ebenfalls wieder
verschwanden. Der vierte aber, wahrscheinlich der erste, schoss die
Büchse ganz ernstlich auf uns ab, man konnte die Kugel deutlich
pfeifen hören. Der Prinz ließ sich nicht irren, und jene treiben auch
ihr Handwerk, so dass mehrere Schüsse fielen, indem wir unsern Weg
verfolgten. Ich hatte den Offizier manchmal angesehen, der zwischen
seiner Pflicht und zwischen dem Respekt vor einem königlichen Prinzen
in der größten Verlegenheit schwankte. Er glaubte wohl, in meinen
Blicken etwas Teilnehmendes zu lesen, ritt auf mich zu und saget:
"Wenn Sie irgendetwas auf den Prinzen vermögen, so ersuchen Sie ihn,
zurückzugehen, er setzt mich der größten Verantwortung aus: ich habe
den strengsten Befehl, meine angewiesenen Posten nicht zu verlassen,
und es ist nichts vernünftiger, als dass wir den Feind nicht reizen,
der hinter Grandpré in einer festen Stellung gelagert ist. Kehrt der
Prinz nicht um, so ist in kurzem die ganze Vorpostenkette alarmiert,
man weiß im Hauptquartier nicht, was es heißen soll, und der erste
Verdruss ergeht über mich ganz ohne meine Schuld." Ich ritt an den
Prinzen heran und sagte: "Man erzeigt mir soeben die Ehre, mir
einigen Einfluss auf Ihro Hoheit zuzutrauen, deshalb ich um geneigtes
Gehör bitte." Ich brachte ihm darauf die Sache mit Klarheit vor,
welches kaum nötig gewesen wäre: denn er sah selbst alles vor sich
und war freundlich genug, mit einigen guten Worten sogleich
umzukehren, worauf denn auch die Jäger verschwanden und zu schießen
aufhörten. Der Offizier dankte mir aufs verbindlichste, und man sieht
hieraus, dass ein Vermittler überall willkommen ist.
Nach und nach klärte sich's auf. Die Stellung Dumouriez' bei Grandpré
war höchst fest und vorteilhaft; dass er auf seinem rechten Flügel
nicht anzugreifen sei, wusste man wohl; auf seiner Linken waren zwei
bedeutende Pässe, La Croix aux Bois und Le Chêne Populeux, beide wohl
verhauen und für unzugänglich gehalten; allein der letzte war einem
Offizier anvertraut, einem dergleichen Auftrag nicht gewachsenen oder
nachlässigen. Die Österreicher griffen an: bei der ersten Attacke
blieb Prinz von Ligne, der Sohn, sodann aber gelang es, man
überwältigte den Posten, und der große Plan Dumouriez' war zerstört:
er musste seine Stellung verlassen und sich die Aisne hinaufwärts
ziehen, und preußische Husaren konnten durch den Pass dringen und
jenseits des Argonner Waldes nachsetzen. Sie verbreiteten einen
solchen panischen Schrecken über das französische Heer, dass
zehntausend Mann vor fünfhundert flohen und nur mit Mühe konnten zum
Stehen gebracht und wieder gesammelt werden; wobei sich das Regiment
Chamborant besonders hervortrat und den Unsrigen ein weiteres
Vordringen verwehrte, welche, ohnehin nur gewissermaßen auf
Rekognoszieren ausgeschickt, siegreich mit Freuden zurückkehrten und
nicht leugneten, einige Wagen gute Beute gemacht zu haben. In das
unmittelbar Brauchbare, Geld und Kleidung, hatten sie sich geteilt,
mir aber als einem Kanzleimann kamen die Papiere zugute, worunter
ich einige ältere Befehle Lafayettes und mehrere höchst sauber
geschriebene Listen fand. Was mich aber am meisten überraschte, war
ein ziemlich neuer "Moniteur". Dieser Druck, dieses Format, mit dem
man seit einigen Jahren ununterbrochen bekannt gewesen und die man
nun seite mehreren Wochen nicht gesehen, begrüßten mich auf eine
etwas unfreundliche Weise, indem ein lakonischer Artikel vom 3.
September mir drohend zurief: _Les Prussiens pourront venir à Paris,
mais ils n'en sortiront pas._ Also hielt man denn doch in Paris für
möglich, wir könnten hingelangen; dass wir wieder zurückkehrten,
dafür mochten die oberen Gewalten sorgen.
Die schreckliche Lage, in der man sich zwischen Erde und Himmel
befand, war einigermaßen erleichtert, als man die Armee zurücken und
eine Abteilung der Avantgarde nach der andern vorwärts ziehen sah.
Endlich kam die Reihe auch an uns: wir gelangten über Hügel, durch
Täler, Weinberge vorbei, an denen man sich auch wohl erquickte. Man
kam sodann zu aufgehellter Stunde in eine freiere Gegend und sah in
einem freundlichen Tal der Aire das Schloss von Grandpré auf einer
Höhe sehr wohl gelegen, eben an dem Punkt, wo genannter Fluss sich
westwärts zwischen die Hügel drängt, um auf der Gegenseite des
Gebirgs sich mit der Aisne zu verbinden, deren Gewässer, immer dem
Sonnenuntergang zu, durch Vermittlung der Oise endlich in die Seine
gelangen; woraus denn ersichtlich, dass der Gebirgsrücken, der uns
von der Maas trennte, zwar nicht von bedeutender Höhe, doch von
entschiedenem Einfluss auf den Wasserlauf, uns in eine andere
Flussregion zu nötigen geeignet war.
Auf diesem Zug gelangte ich zufällig in das Gefolge des Königs, dann
des Herzogs von Braunschweig; ich unterhielt mich mit Fürst Reuß und
andern diplomatisch-militärischen Bekannten. Diese Reitermassen
machten zu der angenehmen Landschaft eine reiche Staffage, man hätte
einen van der Meulen gewünscht, um solchen Zug zu verewigen: alles
war heiter, munter, voller Zuversicht und heldenhaft. Einige Dörfer
brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegsbild
auch nicht übel. Man hatte, so hieß es, aus den Häusern auf den
Vortrab geschossen und dieser, nach Kriegsrecht, sogleich die
Selbstrache geübt. Es ward getadelt, war aber nicht zu ändern;
dagegen nahm man die Weinberge in Schutz, von denen sich die Besitzer
doch keine große Lese versprechen durften, und so ging es zwischen
Freund- und feindseligem Betragen immer vorwärts.
Wir gelangten, Grandpré hinter uns lassend, an und über die Aisne und
lagerten bei Vaux les Mourons; hier waren wir nun in der verrufenen
Champagne, es sah aber so übel noch nicht aus. Über dem Wasser an der
Sonnenseite erstreckten sich wohl gehaltene Weinberge, und wo man
Dörfer und Scheunen visitierte, fanden sich Nahrungsmittel genug für
Menschen und Tiere, nur leider der Weizen nicht ausgedroschen, noch
weniger genugsame Mühlen; Öfen zum Backen waren auch selten, und so
fing es wirklich an, sich einem tantalischen Zustand zu nähern.
Am 18. September.
Dergleichen Betrachtungen anzustellen, versammelte sich eine große
Gesellschaft, die überhaupt, wo es Halt gab, sich immer mit einigem
Zutrauen, besonders beim Nachmittagskaffee, zusammenfügte; sie
bestand aus wunderlichen Elemente, Deutschen und Franzosen, Kriegern
und Diplomaten, alles bedeutende Personen, erfahren, klug,
geistreich, aufgeregt durch die Wichtigkeit des Augenblicks, Männer,
sämtlich von Wert und Würde, aber doch eigentlich nicht in den innern
Rat gezogen und also desto mehr bemüht, auszusinnen, was beschlossen
sein, was geschehen könnte.
Dumouriez, als er den Pass von Grandpré nicht länger halten konnte,
hatte sich die Aisne hinaufgzeogen, und da ihm der Rücken durch die
Isletten gesichert war, sich auf die Höhen von Sainte Menehould, die
Fronte gegen Frankreich gestellt. Wir waren durch den engen Pass
hereingedrungen, hatten uneroberte Festen: Sedan, Montmedy, Stenay,
im Rücken und an der Seite, die uns jede Zufuhr nach Beleiben
erschweren konnten. Wir betraten beim schlimmsten Wetter ein
seltsames Land, dessen undankbarer Kalkboden nur kümmerlich
ausgestreute Ortschaften ernähren konnte.
Freilich lag Reims, Chalons und ihre gesegneten Umgebungen nicht
fern, man konnte hoffen, sich vorwärts zu erholen; die Gesellschaft
überzeugte sich daher beinahe einstimmig, dass man auf Reims
marschieren und sich Chalons' bemächtigen müsse; Dumouriez könne sich
in seiner vorteilhaften Stellung alsdann nicht ruhig verhalten, eine
Schlacht wäre unvermeidlich, wo es auch sei: man glaubte sie schon
gewonnen zu haben.
Den 19. September.
Manches Bedenken gab es daher, als wir den 19. beordert wurden, auf
Massiges unsern Zug zu richten, die Aisne aufwärts zu verfolgen und
dieses Wasser sowohl als das Waldgebirge, näher oder ferner, linker
Hand zu behalten.
Nun erholte man sich unterwegs von solchen nachdenklichen
Betrachtungen, indem man mancherlei Zufälligkeiten und Ereignissen
eine heitere Teilnahme schenkte; ein wundersames Phänomen zog meine
ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man hatte, um mehrere Kolonnen
nebeneinander fort zu schieben, die eine querfeldein über flache
Hügel geführt, zuletzt aber, als man wieder ins Tal sollte, einen
steilen Abhang gefunden; dieser ward nun alsbald, so gut es gehen
wollte, abgeböscht, doch blieb er immer noch schroff genug. Nun trat
eben zu Mittag ein Sonnenblick hervor und spiegelte sich in allen
Gewehren. Ich hielt auf einer Höhe und sah jenen blinkenden
Waffenfluss glänzend heranziehen; überraschend aber war es, als
die Kolonne an den steilen Abhang gelangte, wo sich die bisher
geschlossenen Glieder sprungweise trennten und jeder einzelne, so
gut er konnte, in die Tiefe zu gelangen suchte. Diese Unordnung gab
völlig den Begriff eines Wasserfalls: eine Unzahl durcheinander hin-
und wider blinkender Bajonette bezeichneten die lebhafteste Bewegung.
Und als nun unten am Fuß sich alles wieder gleich in Reih' und Glied
ordnete und so, wie sie oben angekommen, nun wieder im Tal fortzogen,
ward die Vorstellung eines Flusses immer lebhafter; auch war diese
Erscheinung umso angenehmer, als ihre lange Dauer fort und fort durch
Sonnenblicke begünstigt wurde, deren Wert man in solchen
zweifelhaften Stunden nach langer Entbehrung erst recht schätzen
lernte.
Nachmittags gelangten wir endlich nach Massiges, nur noch wenige
Stunden vom Feind; das Lager war abgesteckt, und wir bezogen den für
uns bestimmten Raum. Schon waren Pfähle geschlagen, die Pferde
drangebunden, Feuer angezündet, und der Küchenwagen tat sich auf.
Ganz unerwartet kam daher das Gerücht, das Lager solle nicht
statthaben: denn es sei die Nachricht angekommen, das französische
Heer zeihe sich von Sainte Menehould auf Chalons; der König wolle sie
nicht entwischen lassen und habe daher Befehl zum Aufbruch gegeben:
ich suchte an der rechten Schmiede hierüber Gewissheit und vernahm
das, was ich schon gehört hatte, nur mit dem Zusatz: auf diese
unsichere und unwahrscheinliche Nachricht sei der Herzog von Weimar
und der General Heymann mit eben den Husaren, welche die Unruhe
erregt, vorgegangen. Nach einiger Zeit kamen diese Generale zurück
und versicherten, es sei nicht die geringste Bewegung zu bemerken;
auch mussten jene Patrouillen gestehen, dass sie das Gemeldete mehr
geschlossen als gesehen hätten.
Die Anregung aber war einmal gegeben, und der Befehl lautete: die
Armee solle vorrücken, jedoch ohne das mindeste Gepäck, alles
Fuhrwerk solle bis Maisons Champagne zurückkehren, dort eine
Wagenburg bilden und den, wie man voraussetzte, glücklichen Ausgang
einer Schlacht abwarten.
Nicht einen Augenblick zweifelhaft, was zu tun sei, überließ ich
Wagen, Gepäck und Pferde meinem entschlossenen, sorgfältigen
Bedienten und setze mich mit den Kriegsgenossen alsobald zu Pferde.
Es war schon früher mehrmals zur Sprache gekommen, dass, wer sich in
einen Kriegszug einlasse, durchaus bei den regulierten Truppen,
welche Abteilung es auch sei, an die er sich angeschlossen, fest
bleiben und keine Gefahr scheuen solle: denn was uns auch da
betreffe, sei immer ehrenvoll; dahingegen bei der Bagage, beim Tross
oder sonst zu verweilen, zugleich gefährlich und schmählich. Und so
hatte ich auch mit den Offizieren des Regiments abgeredet, dass ich
mich immer an sie und womöglich an die Leibschwadron anschließen
wolle, weil ja dadurch ein so schönes und gutes Verhältnis nur immer
besser befestigt werden könne.
Der Weg war das kleine Wasser die Tourbe hinauf vorgezeichnet, durch
das traurigste Tal von der Welt, zwischen niedrigen Hügeln, ohne Baum
und Busch; es war befohlen und eingeschärft, in aller Stille zu
marschieren, als wenn wir den Feind überfallen wollten, der doch in
seiner Stellung das Heranrücken einer Masse von fünfzigtausend Mann
wohl mochte erfahren haben. Die Nacht brach ein, weder Mond noch
Sterne leuchteten am Himmel, es pfiff ein wüster Wind; die stille
Bewegung einer so großen Menschenreihe in tiefer Finsternis war ein
höchst Eigenes.
Indem man neben der Kolonne herritt, begegnete man mehreren bekannten
Offizieren, die hin und wider sprengten, um die Bewegung des Marsches
bald zu beschleunigen, bald zu retardieren. Man besprach sich, man
heilt still, man versammelte sich. So hatte sich ein Kreis von
vielleicht zwölf Bekannten und Unbekannten zusammengefunden, man
fragte, klagte, wundete sich, schalt und räsonierte: das gestörte
Mittagessen konnte man dem Heerführer nicht verzeihen. Ein munterer
Gast wünschte sich Bratwurst und Brot, ein anderer sprang gleich mit
seinen Wünschen zum Rehbraten und Sardellensalat; da das alles aber
unentgeltlich geschah, fehlte es auch nicht an Pasteten und sonstigen
Leckebissen, nicht an den köstlichsten Weinen, und ein so vollkommnes
Gastmahl war beisammen, dass endlich einer, dessen Appetit übermäßig
rege geworden, die ganze Gesellschaft verwünschte und die Pein einer
aufgeregten Einbildungskraft im Gegensatz des größten Mangels ganz
unerträglich schalt. Man verlor sich auseinander, und der einzelne
war nicht besser dran als alle zusammen.
Den 19. September nachts.
So gelangten wir bis Somme Tourbe, wo man Halt machte; der König
war in einem Gasthof abgetreten, vor dessen Türe der Herzog von
Braunschweig in einer Art Laube Hauptquartier und Kanzlei errichtete.
Der Platz war groß, es brannten mehrere Feuer, durch große Bündel
Weinpfähle gar lebhaft unterhalten. Der Fürst Feldmarschall tadelte
einige Mal persönlich, dass man die Flamme allzu stark auflodern
lasse; wir besprachen uns darüber, und niemand wollte glauben, dass
unsere Nähe den Franzosen ein Geheimnis geblieben sei.
Ich war zu spät angekommen und mochte mich in der Nähe umsehen, wie
ich wollte, alles war schon, wo nicht verzehrt, doch in Besitz
genommen. Indem ich so umherforschte, gaben mir die Emigrierten ein
kluges Küchenschauspiel: sie saßen um einen großen, runden, flachen,
abglimmenden Aschenhaufen, in den sich mancher Weinstab knisternd
mochte aufgelöst haben; klüglich und schnell hatten sie sich aller
Eier des Dorfes bemächtigt, und es sah wirklich appetitlich aus, wie
die Eier in dem Aschenhaufen nebeneinander aufrecht standen und eins
nach dem andern zu rechter Zeit schlurfbar herausgehoben wurde. Ich
kannte niemand vond en edlen Küchengesellen, unbekannt mocht' ich sie
nicht ansprechen; als mir aber soeben ein lieber Bekannter begegnete,
der so gut wie ich an Hunger und Durst litt, fiel mir eine Kriegslist
ein, nach einer Bemerkung, die ich auf meiner kurzen militärischen
Laufbahn anzustellen Gelegenheit gehabt. Ich hatte nämlich bemerkt,
dass man beim Furagieren um die Dörfer und in denselben tölpisch
geradezu verfahre: die ersten Andringenden fielen ein, nahmen weg,
verdarben, zerstörten, die folgenden fanden immer weniger, und was
verloren ging, kam niemand zugute. Ich hatte schon gedacht, dass man
bei dieser Gelegenheit strategisch verfahren und, wenn die Menge von
vorne hereindringe, sich von der Gegenseite nach einigem Bedürfnis
umsehen müsse. Dies konnte nun hier kaum der Fall sein, denn alles
war überschwemmt; aber das Dorf zog sich sehr in die Länge, und zwar
seitwärts der Straße, wo wir hereingekommen. Ich forderte meinen
Freund auf, die lange Gasse mit hinunterzugehen. Aus dem vorletzten
Haus kam ein Soldat fluchend heraus, dass schon alles aufgezehrt und
nirgends nichts mehr zu haben sei. Wir sahen durch die Fenster, da
saßen ein paar Jäger ganz ruhig; wir gingen hinein, um wenigstens auf
einer Bank unter Dach zu sitzen, wir begrüßten sie als Kameraden und
klagten freilich über den allgemeinen Mangel. Nach einigem Hin- und
Widerreden verlangten sie, wir sollten ihnen Verschwiegenheit
geloben, worauf wir die Hand gaben. Nun eröffneten sie uns, dass sie
in dem Haus einen schönen, wohl bestellten Keller gefunden, dessen
Eingang sie zwar selbst sekretiert, uns jedoch von dem Vorrat einen
Anteil nicht versagen wollten. Einer zog einen Schlüssel hervor, und
nach verschiedenen weggeräumten Hindernissen fand sich eine
Kellertüre zu eröffnen. Hinab gestiegen faden wir nun mehrere etwa
zweieimerige Fässer auf dem Lager; was uns aber mehr interessierte,
verschiedene Abteilungen in Sand gelegter gefüllter Flaschen, wo der
gutmütige Kamerad, der sie schon durchprobiert hatte, an die beste
Sorte wies. Ich nahm zwischen die ausgespreizten Finger jeder Hand
zwei Flaschen, zog sie unter den Mantel, mein Freund desgleichen, und
so schritten wir, in Hoffnung baldiger Erquickung, die Straße wieder
hinaufwärts.
Unmittelbar am großen Wachfeuer gewahrte ich eine schwere, starke
Egge, setzte mich darauf und schob unter dem Mantel meine Flaschen
zwischen die Zacken herein. Nach einiger Zeit bracht' ich eine
Flasche hervor, wegen der mich meine Nachbarn beriefen, denen ich
sogleich den Mitgenuss anbot. Sie taten gute Züge, der letzte
bescheiden, da er wohl merkte, er lasse mir nur wenig zurück; ich
verbarg die Flasche neben mir und brachte bald darauf die zweite
hervor, trank den Freuden zu, die sich's abermals wohl schmecken
ließen, anfangs das Wunder nicht bemerkten, bei der dritten Falsche
jedoch laut über den Hexenmeister aufschrieen; und es war, in dieser
traurigen Lage, ein auf alle Weise willkommener Scherz.
Unter den vielen Personen, deren Gestalt und Gesicht im Kreis vom
Feuer erleuchtet war, erblickt' ich einen ältlichen Mann, den ich zu
kennen glaubte. Nach Erkundigung und Annäherung war er nicht wenig
verwundert, mich hier zu sehen. Es war Marquis von Bombelles, dem ich
vor zwei Jahren in Venedig, der Herzogin Amalie folgend, aufgewartet
hatte, wo er, als französischer Gesandter residierend, sich höchst
angelegen sein ließ, dieser trefflichen Fürstin den dortigen
Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Wechselseitiger
Verwunderungsausruf, Freude des Wiedersehens und Erinnerung
erheiterten diesen ernsten Augenblick. Zur Sprache kam seien
prächtige Wohnung am großen Kanal: es war gerühmt, wie wir daselbst,
in Gondeln anfahrend, ehrenvoll empfangen und freundlich bewirtet
worden; wie er durch kleine Feste, gerade im Geschmack und Sinn
dieser, Natur und Kunst, Heiterkeit und Anstand in Verbindung
liebenden Dame, sie und die Ihrigen auf vielfache Weise erfreut,
auch sie durch seinen Einfluss manches andere, für Fremde sonst
verschlossene Gute genießen lassen.
Wie sehr war ich aber verwundert, da ich ihn, den ich durch eine
wahrhafte Lobrede zu ergötzen gedachte, mit Wehmut ausrufen hörte:
"Schweigen wir von diesen Dingen! Jene Zeit liegt nur gar zu weit
hinter mir, und schon damals, als ich meine edlen Gäste mit
scheinbarer Heiterkeit unterhielt, nagte mir der Wurm am Herzen:
ich sah die Folgen voraus dessen, was in meinem Vaterland vorging.
Ich bewunderte Ihre Sorglosigkeit, in der Sie auch die Ihnen
bevorstehende Gefahr nicht ahnten; ich bereitete mich im Stillen zur
Veränderung meines Zustandes. Bald nachher musst' ich meinen
ehrenvollen Posten und das werte Venedig verlassen und eine Irrfahrt
antreten, die mich endlich auch hierher geführt hat."
Das Geheimnisvolle, das man diesem offenbaren Heranzug von Zeit zu
Zeit hatte geben wollen, ließ uns vermuten, man werde noch in dieser
Nacht aufbrechen und vorwärts gehen; allein schon dämmerte der Tag,
und mit demselben strich ein Sprühregen daher, es war schon völlig
hell, als wir uns in Bewegung setzten. Da des Herzogs von Weimar
Regiment den Vortrab hatte, gab man der Leibschwadron, als der
vordersten der ganzen Kolonne, Husaren mit, die den Weg unserer
Bestimmung kennen sollten. Nun ging es, mitunter im scharfen Trab,
über Felder und Hügel ohne Busch und Baum; nur in der Entfernung
links sah man die Argonner Waldgegend; der Sprühregen schlug uns
heftiger ins Gesicht; bald aber erblickten wir eine Pappelallee, die,
sehr schön gewachsen und wohl unterhalten, unsere Richtung quer
durchschnitt. Es war die Chaussee von Chalons auf Sainte Menehould,
der Weg von Paris nach Deutschland; man führte uns drüber weg und ins
Graue hinein.
Schon früher hatten wir den Feind vor der waldichten Gegend gelagert
und aufmarschiert gesehen, nicht weniger ließ sich bemerken, dass
neue Truppen ankamen: es war Kellermann, der sich soeben mit
Dumouriez vereinigte, um dessen linken Flügel zu bilden. Die Unsrigen
brannten vor Begierde, auf die Franzosen loszugehen, Offiziere wie
Gemeine hegten den Glühenden Wunsch, der Feldherr möge in diesem
Augenblick angreifen; auch unser heftiges Vordringen schien darauf
hinzudeuten. Aber Kellermann hatte sich zu vorteilhaft gestellt, und
nun begann die Kanonade, von der man viel erzählt, deren
augenblickliche Gewaltsamkeit jedoch man nicht beschreiben, nicht
einmal in der Einbildungskraft zurückrufen kann.
Schon lag die Chaussee weit hinter uns, wir stürmten immerfort gegen
Westen zu, als auf einmal ein Adjutant gesprengt kam, der uns zurück
beordete: man hatte uns zu weit geführt, und nun erhielten wir den
Befehl, wieder über die Chaussee zurückzukehren und unmittelbar an
ihre linke Seite den rechten Flügel zu lehnen. Es geschah, und so
machten wir Front gegen das Vorwerk La Lune, welches auf der Höhe,
etwa eine Viertelstunde vor uns, an der Chaussee zu sehen war. Unser
Befehlshaber kam uns entgegen; er hatte soeben eine halbe reitende
Batterie hinaufgebracht, wir erhielten Order, im Schutz derselben
vorwärts zu gehen, und fanden unterwegs einen alten Schirrmeister,
ausgestreckt, als das erste Opfer des Tags, auf dem Acker liegen. Wir
ritten ganz getrost weiter, wir sahen das Vorwerk näher, die dabei
aufgestellte Batterie feuerte tüchtig.
Bald aber fanden wir uns in einer seltsamen Lage: Kanonenkugeln
flogen wild auf uns ein, ohne dass wir begriffen, wo sie herkommen
konnten; wir avancierten ja hinter einer befreundeten Batterie, und
das feindliche Geschütz auf den entgegen gesetzten Hügeln war viel
zu weit entfernt, als dass es uns hätte erreichen sollen. Ich hielt
seitwärts vor der Front und hatte den wunderbarsten Anblick: die
Kugeln schlugen dutzendweise vor der Eskadron nieder, zum Glück nicht
rikoschettierend, in den weichen Boden hineingewühlt; Kot aber und
Schmutz bespritze Mann und Ross; die schwarzen Pferde, von tüchtigen
Reitern möglichst zusammengehalten, schnauften und tosten, die ganze
Masse war, ohne sich zu trennen oder zu verwirren, in flutender
Bewegung. Ein sonderbarer Anblick erinnerte mich an andere Zeiten. In
dem ersten Glied der Eskadron schwankte die Standarte in den Händen
eines schönen Knaben hin und wider; er hielt sie fest, ward aber vom
aufgeregten Pferd widerwärtig geschaukelt, sein anmutiges Gesicht
brachte mir, seltsam genug, aber natürlich, in diesem schauerlichen
Augenblick die noch anmutigere Mutter vor die Augen, und ich musste
an die ihr zur Seite verbrachten friedlichen Momente gedenken.
Endlich kam der Befehl, zurück- und hinab zu gehen; es geschah von
den sämtlichen Kavallerie-Regimentern mit großer Ordnung und
Gelassenheit, nur ein einziges Pferd von Lottum ward getötet, da wir
übrigen, besonders auf dem äußersten rechten Flügel, eigentlich alle
hätten umkommen müssen.
Nachdem wir uns denn aus dem unbegreiflichen Feuer zurückgezogen, von
Überraschung und erstaunen uns erholt hatten, löste sich das Rätsel:
wir fanden die halbe Batterie, unter deren Schutz wir vorwärts zu
gehen geglaubt, ganz unten in einer Vertiefung, dergleichen das
Terrain zufällig in dieser Gegend gar manche bildete. Sie war von
oben vertrieben worden und an der andern Seite der Chaussee in einer
Schlucht heruntergegangen, so dass wir ihren Rückzug nicht bemerken
konnten; feindliches Geschütz trat an die Stelle, und was uns hätte
bewahren sollen, wäre beinahe verderblich geworden. Auf unseren Tadel
lachten die Burschen nur und versicherten scherzend, hier unter im
Schauer sei es doch besser.
Wenn man aber nachher mit Augen sah, wie eine solche reitende
Batterie sich durch die schreckbaren, schlammigen Hügel qualvoll
durchzerren musste, so hatte man abermals den bedenklichen Zustand zu
überlegen, in den wir uns eingelassen hatten.
Indessen dauerte die Kanonade immer fort: Kellermann hatte einen
gefährlichen Posten bei der Mühle von Valmy, dem eigentlich das
Feuern galt; dort ging ein Pulverwagen in die Luft, und man freute
sich des Unheils, das er unter den Feinden angerichtet haben mochte.
Und so bleib alles eigentlich nur Zuschauer und Zuhörer, was im Feuer
stand und nicht. Wir hielten auf der Chaussee von Cahlons an einem
Wegweiser, der nach Paris deutete.
Diese Hauptstadt also hatten wir im Rücken, das französische Heer
aber zwischen uns und dem Vaterland. Stärkere Riegel waren vielleicht
nie vorgeschoben, demjenigen höchst apprehensiv, der eine genaue
Karte des Kriegstheaters nun seit vier Wochen unablässig studierte.
Doch das augenblickliche Bedürfnis behauptet sein Recht selbst gegen
das Nächstkünftige. Unsere Husaren hatten mehrere Brotkarren, die von
Chalons nach der Armee gehen sollten, glücklich aufgefangen und
brachten sie den Hochweg daher. Wie es uns nun fremd vorkommen
musste, zwischen Paris und Sainte Menehould postiert zu sein, so
konnten die zu Chalons des Feindes Armee keineswegs auf dem Weg zu
der ihrigen vermuten. Gegen einiges Trinkgeld ließen die Husaren von
dem Brot etwas ab, es war das schönste weiße: der Franzos erschrickt
vor jeder schwarzen Krume. Ich teilte mehr als einen Laib unter die
zunächst Angehörigen, mit der Bedingung, mir für die folgenden Tage
einen Anteil daran zu verwahren. Auch noch zu einer andern Vorsicht
fand ich Gelegenheit: ein Jäger aus dem Gefolge hatte gleichfalls
diesen Husaren eine tüchtige wollene Decke abgehandelt; ich bot ihm
die Übereinkunft an, mir sie auf drei Nächte, jede Nacht für acht
Groschen, zu überlassen, wogegen er sie am Tage verwahren sollte. Er
hielt dieses Bedingnis für sehr vorteilhaft: die Decke hatte ihm
einen Gulden gekostet, und nach kurzer Zeit erhielt er sie mit Profit
ja wieder. Ich aber konnte auch zufrieden sein: mein köstlichen
wollenen Hüllen von Longwy waren mit der Bagage zurückgeblieben, und
nun hatte ich doch bei allem Mangel von Dach und Fach außer meinem
Mantel noch einen zweiten Schutz gewonnen.
Alles dieses ging unter anhaltender Begleitung des Kanonendonners
vor. Von jeder Seite wurden an diesem Tag zehntausend Schüsse
verwendet, wobei auf unserer Seite nur zweihundert Mann und auch
diese ganz unnütz fielen. Von der ungeheuren Erschütterung klärte
sich der Himmel auf: denn man schoss mit Kanonen, völlig als wär' es
Pelotonfeuer, zwar ungleich, bald abnehmend, bald zunehmend.
Nachmittags ein Uhr, nach einiger Pause, war es am gewaltsamsten, die
Erde bebte im ganz eigentlichsten Sinn, und doch sah man in den
Stellungen nicht die mindeste Veränderung. Niemand wusste, was daraus
werden sollte.
Ich hatte so viel vom Kanonenfieber gehört und wünschte zu wissen,
wie es eigentlich damit beschaffen sei. Langeweile und ein Geist, den
jede Gefahr zur Kühnheit, ja zur Verwegenheit aufruft, verleitete
mich, ganz gelassen nach dem Vorwerk La Lune hinauf zu reiten. Dieses
war wieder von den Unsrigen besetzt, gewährte jedoch einen gar wilden
Anblick: die zerschossenen Dächer, die herum gestreuten Weizenbündel,
die darauf hie und da ausgestreckten tödlich Verwundeten, und
dazwischen noch manchmal eine Kanonenkugel, die, sich herüber
verirrend, in den Überresten der Ziegeldächer klapperte.
Ganz allein, mir selbst gelassen, ritt ich links auf den Höhen weg
und konnte deutlich die glückliche Stellung der Franzosen
überschauen; sie standen amphitheatralisch in größter Ruh' und
Sicherheit, Kellermann jedoch auf dem linken Flügel eher zu
erreichen.
Mir begegnete gute Gesellschaft: es waren bekannte Offiziere vom
Generalstab und vom Regiment, höchst verwundert, mich hier zu finden.
Sie wollten mich wieder mit sich zurücknehmen, ich sprach ihnen aber
von besonderen Absichten, und sie überließen mich ohne weiteres
meinem bekannten, wunderlichen Eigensinn.
Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber
spielten; der Ton ist wundersam genug, als wär' er zusammengesetzt
aus dem Brummend es Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen
eines Vogels. Sie waren weniger gefährlich wegen des feuchten
Erdbodens: wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein
törichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des Rikoschettierens
gesichert.
Unter diesen Umständen konnt' ich jedoch bald bemerken, dass etwas
Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch
würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es
schien, als wäre man an einem sehr heißen Ort und zugleich von
derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben
Element, in welchem man sich befindet, vollkommen glich fühlt. Die
Augen verlieren nichts an ihrer Stärke noch Deutlichkeit; aber es ist
doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der
den Zustand so wie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von
Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken können, sondern mir
schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus
erhellt nun, in welchem Sinn man diesen Zustand ein Fieber nennen
könne. Bemerkenswert bleibt es indessen, dass jenes grässlich
Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der
Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die
Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen.
Als ich zurück geritten und völlig in Sicherheit war, fand ich
bemerkenswert, dass alle jene Glut sogleich erloschen und nicht
das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung übrig geblieben
sei. Es gehört übrigens dieser Zustand unter die am wenigsten
wünschenswerten; wie ich denn auch unter meinen leiben und edlen
Kriegskameraden kaum einen gefunden habe, der einen eigentlich
leidenschaftlichen Trieb hiernach geäußert hätte.
So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen,
Kellermann hatte auch einen bequemern Platz genommen; unsere Leute
zog man aus dem Feuer zurück, und es war eben, als wenn nichts
gewesen wäre. Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee.
Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen
Franzosen anzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das
unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von
Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt;
nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es
geschah, so war es, um zu flucehn oder zu verwünschen. Wir hatten,
eben als es Nacht werden wollte, zufällig einen Kreis geschlossen, in
dessen Mitte nicht einmal wie gewöhnlich ein Feuer konnte angezündet
werden; die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch
eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich
auf, was ich dazu denke? Denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit
kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: "Von hier
und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt
sagen, ihr seid dabei gewesen."
In diesem Augenblick, wo niemand nichts zu essen hatte, reklamierte
ich einen Bissen Bort von dem heute früh erworbenen; auch war von
dem gestern reichlich verspendeten Wein noch der Inhalt eines
Branntweinfläschchens übrig geblieben, und ich musste daher auf
die gestern am Feuer so kühn gespielte Rolle des willkommenen
Wundertäters völlig Verzicht tun.
Die Kanonade hatte kaum aufgehört, als Regen und Sturm schon wieder
eindrangen und einen zustand unter freiem Himmel, auf zähem Lehmboden
höchst unerfreulich machten. Und doch kam, nach so langem Wachen,
Gemüts- und Leibesbewegung, der Schlaf sich anmeldend, als die Nacht
hereindüsterte. Wir hatten uns hinter einer Erhöhung, die den
schneidenden Wind abhielt, notdürftig gelagert, als es jemanden
einfiel, man solle sich für dies Nacht in die Erde graben und mit dem
Mantel zudecken. Hierzu machte man gleich Anstalt, und es wurden
mehrere Gräber ausgehauen, wozu die reitende Artillerie Gerätschaften
hergab. Der Herzog von Weimar selbst verschmähte nicht eine solche
voreilige Bestattung.
Hier verlangt' ich nun gegen Erlegung von acht Groschen die bewusste
Decke, wickelte mich darein und breitete den Mantel noch oben drüber,
ohne von dessen Feuchtigkeit viel zu empfinden. Ulyß kann unter
seinem auf ähnliche Weise erworbenen Mantel nicht mit mehr
Behaglichkeit und Selbstgenügen geruht haben.
Alle diese Bereitungen warn wider den Willen des Obersten geschehen,
welcher uns bemerken machte, dass auf einem Hügel gegenüber hinter
einem Busch die Franzosen eine Batterie stehen hatten, mit der sie
uns im Ernst begraben und nach Belieben vernichten konnten. Allein
wir mochten den windstillen Ort und unsere weislich ersonnene
Bequemlichkeit nicht aufgeben, und es war dies nicht das letzte Mal,
wo ich bemerkte, dass man, um der Unbequemlichkeit auszuweichen, die
Gefahr nicht scheue.