Zweiter Brief

Nun ist es wunderbar, welch einen hohen Platz die Witwe Hohl in

meinem Herzen einnimmt. Du weißt, welch eine Megäre von Angesicht

sie ist, und doch kann ich mich in keiner einzigen

Frauenzimmergesellschaft so wohl befinden als in ihrer. Ich

verschwende Liebkosungen auf Liebkosungen an sie, und das nicht aus

Politik, sondern aus wahrer herzlicher Ergebenheit, denn es scheint

mir, daß sie wie Moses von dem Gesicht meiner Göttin einen gewissen

Schimmer erhalten hat, der sie um und um zur Heiligen macht. Alle

ihre Handlungen scheinen mir Abschattungen von den Handlungen meiner

Gräfin, alle ihre Worte Nachhälle von den ihrigen. Wenn sie von ihr

redt, bekommt auch in der Tat ihr Medusenkopf gefälligere Mienen,

eine gewisse himmlische Heiterkeit blitzt aus ihren Augen und ihre

Reden erhalten alle eine gewisse Melodie in ihrem Munde, über die sie

sich selbst zu wundern scheint. Sie redt deswegen gern von ihr. Und

wer ist glücklicher dabei als ich? Zugleich habe ich an ihr gemerkt,

daß sie keine gemeine Gabe des Vortrages hat. Besonders kann sie

einen Charakter mit wahrer poetischer Kraft darstellen. Es scheint

mir, daß Frauenzimmer ihrer Art immer dadurch vor den schönen und

artigen gewinnen, daß sie in einer gewissen Entfernung von den Leuten

abstehen, die ihren Gesichtspunkt, aus dem sie sie auffassen, immer

unendlich richtiger macht. Sie sehen alles ganz, was andere nur halb

sehen. Kurzum, ich liebe sie, diese Olinde.

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 29 / 61 题