Nun ist es wunderbar, welch einen hohen Platz die Witwe Hohl in
meinem Herzen einnimmt. Du weißt, welch eine Megäre von Angesicht
sie ist, und doch kann ich mich in keiner einzigen
Frauenzimmergesellschaft so wohl befinden als in ihrer. Ich
verschwende Liebkosungen auf Liebkosungen an sie, und das nicht aus
Politik, sondern aus wahrer herzlicher Ergebenheit, denn es scheint
mir, daß sie wie Moses von dem Gesicht meiner Göttin einen gewissen
Schimmer erhalten hat, der sie um und um zur Heiligen macht. Alle
ihre Handlungen scheinen mir Abschattungen von den Handlungen meiner
Gräfin, alle ihre Worte Nachhälle von den ihrigen. Wenn sie von ihr
redt, bekommt auch in der Tat ihr Medusenkopf gefälligere Mienen,
eine gewisse himmlische Heiterkeit blitzt aus ihren Augen und ihre
Reden erhalten alle eine gewisse Melodie in ihrem Munde, über die sie
sich selbst zu wundern scheint. Sie redt deswegen gern von ihr. Und
wer ist glücklicher dabei als ich? Zugleich habe ich an ihr gemerkt,
daß sie keine gemeine Gabe des Vortrages hat. Besonders kann sie
einen Charakter mit wahrer poetischer Kraft darstellen. Es scheint
mir, daß Frauenzimmer ihrer Art immer dadurch vor den schönen und
artigen gewinnen, daß sie in einer gewissen Entfernung von den Leuten
abstehen, die ihren Gesichtspunkt, aus dem sie sie auffassen, immer
unendlich richtiger macht. Sie sehen alles ganz, was andere nur halb
sehen. Kurzum, ich liebe sie, diese Olinde.