Anmerkungen zur Transkription

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Fehlern, unverändert übernommen. Inkonsistente Schreibweisen

(z.B. Foderung/Forderung; brenbar/brennbar) wurden nicht

vereinheitlicht. Einzelne Buchstaben und Satzzeichen wurden

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Ueber die

Arsenikvergiftung

ihre Hülfe

und

gerichtliche Ausmittelung

von

Samuel Hahnemann

der Arzneikunde Doktor.

[Illustration]

Leipzig, 1786.

bey Siegfried Lebrecht Crusius.

Eine Menge Ursachen, ich mag sie nicht herzählen, haben seit einigen

Jahrhunderten die Würde jener gottnachahmenden Wissenschaft,

der praktischen Heilkunde zur elenden Brodklauberei, zur

Symptomenübertünchung, zum erniedrigenden Rezepthandel, Gott erbarms,

herunter getrieben, zum Handwerke, das die Hippokrate unentdekbar unter

den Trotz befranzter Arzneibuben mischt.

Wie selten gelingts noch hie und da einem rechtschafnen Manne, durch

die Gröse ausgezeichneter Wissenschaften und Talente sich über die

Heuschrekenwolke der Medikaster zu erheben, und einen so reinen und

ächten Glanz über die Kunst zu werfen, an deren Altare er dient, daß

es selbst dem Pöbel unmöglich fällt, den ehrwürdigen freundlichen

Abendstern mit dünstigen Sternschnupfen zu verwechseln! Wie selten ist

diese Erscheinung, und, deshalb, wie unvermögend, der gereinigtern

Heilkunde überhaupt ihren vermoderten Adelsbrief zu erneuern!

Nur noch eine Freistadt des arzneilichen Ruhms blieb dem Kerne der

Asklepiaden übrig, der Richterstuhl der forensischen Arzneikunde. Da es

hier nichts im Dunkeln zu morden, keine Krankheit für baares Geld zu

verlängern, keine Krankenjahrgehalte zu erschnappen, oder Gelegenheiten

giebt, das bescheidne Talent von einträglichen Häusern hinweg zu

kabaliren, so sehnt sich ohnehin der lüftige Haufe nicht hieher. Hört

er nun gar, daß es hier auf offene Beweise gründlicher Kentnisse, ja

des ganzen Inbegrifs unsrer Kunst ankomme, daß hier mühsame Thaten

von ungeblendeten Richtern gesichtet, und oft blos durch ruhiges

Selbstbewustseyn belohnt werden, daß man hier Seichtheit auszuzischen

und Aberwiz zu brandmarken pflege, dann schleicht er hinweg -- sie

sind mir zu sauer, die hohen Trauben! Wohl! denn hier gleitet nur an

dem, den innerer Halt würdet, die Feile des Juwelenkenners ab, indes

gefärbter Glasflus unter Hohngelächter zersplittert --

Da jeder, der mit Grazie den Puls zu tasten weis, auch Vergiftungen zu

heilen sich anmast, auch für fähig hiezu angesehn wird, so lange der

Spas aussergerichtlich bleibt, so wird man den klinischen Theil dieser

Abhandlung schwerlich einiger ernstlichen Aufmerksamkeit würdigen --

denn jeder weis ja was von Brechmitteln, Milch, Oel und Theriak. Aber

wie, wenn eine erlauchte Fakultät das Curverfahren mustert, ists dann

so leicht, wie in unserm Schulexamen zu bestehn? Sonst wohl, jezt

schwerlich! seit man aufhörte, sich mit Auswendiglernen des Zacchias zu

begnügen.

Der zweite Theil dieser Schrift wird dem gerichtlichen Arzte willkomner

seyn, der es nicht mehr übelnehmen darf, wenn man jezt etwas tiefere

chemische Kentnisse von ihm verlangt, als sonst wohl gänge und

gebe waren. Wirkt nun noch überdem der Werth eines gefährteten

Menschenlebens -- oder, wo das nicht, doch seine eigne Ehre und Schande

etwas stark auf seine Seele, wie billig; so wirds ihm auch nicht gleich

viel seyn, er wisse vom Daseyn oder der Abwesenheit des Giftes den

Richter unleugbar zu überzeugen, oder nicht.

Dresden, den zehnten July, 1786.

=Hahneman.=

Inhalt.

Erster Theil.

Erstes Kapitel.

Kentnis der Arseniksorten, ihrer Natur und ihres Verhaltens gegen

chemische Körper, so fern sie auf Heilung und Beurtheilung der

Arsenikvergiftung einfliest.

§. 1. Einschränkung des Zweks

§. 2. auf die Erkentnis des Arseniks, aus der seine

Gegenmittel und seine gerichtliche Erforschung fliesen.

§. 3. Den mit Arsenik beschäftigten Handwerkern kan

die Systemkentnis dieses Gifts gleichgültig seyn,

§. 4. wegen der eigentlich Vergifteten mus man sie

inne haben.

§. 5., 6. Käufliche Sorten, weisser Arsenik, Fliegenstein,

Operment.

§. 7. Fliegenstein, sein Geburtsort, seine Abarten.

§. 8. äusserliche Beschaffenheit, Schwere; ist nicht

Kobald,

§. 9., 10. ist ein Metall;

§. 11., 12. von dem Verhältnisse seines Brenbaren, seine

Feuerbeständigkeit,

§. 13. läst sein Brennbares leicht fahren,

§. 14. lang aufbewahrter Fliegenstein tödlicher als

frischer.

§. 15. Uebergang zur Auflöslichkeit der Arseniksorten.

§. 16. Arseniksäure am leichtauflöslichsten.

§. 17. Weisser Arsenik, sein Ansehn, Gewicht, Brenbares,

Auflöslichkeit.

§. 18. Auflöslichkeit (bei der Wärme des menschlichen

Körpers) im Wasser,

§. 19. bis 24. fernere Bestimmungen derselben.

§. 25. Der graue Arsenikkalk, Entstehung, Schwere,

Auflöslichkeit im Wasser. Arsenikmulm.

§. 26. bis 30. Auflöslichkeit des Fliegensteins im

Wasser.

§. 31. Operment, Geburtsort, Gestalt, Schwere,

Schwefelantheil.

§. 32., 33. Auflöslichkeit im Wasser;

§. 34. Vergleichung des natürlichen mit dem auf nassem

Wege bereiteten.

§. 35. Andre geschwefelte Arseniksorten, Ansehn, Schwere,

Schwefelantheil -- muthmasliche Entstehung

des rothen Arseniks.

§. 36. Uebergang zur Auflöslichkeit der Arsenikarten in

andern Flüßigkeiten,

§. 37. in Oelen,

§. 38. in Milch,

§. 39. in Säuern,

§. 40. in Eßig,

§. 41. bis 43. in Laugensalzen.

§. 44. bis 48. Hinderungen der Auflösung des Arseniks

darin.

§. 49. bis 53. Hinwegräumung der Hindernisse,

§. 54., 55. vorzüglich durch Auflösung im Seifwasser.

§. 56., 57. Auflösung des Arseniks im Magensafte,

§. 58., 59. im Feuer, sein Verdampfungs- und Sublimazionsgrad.

§. 60., 61. Schwerauflösliche Verbindungen des

Arseniks,

§. 62., 63. Präzipitation mit Metallen,

§. 64., 65. mit luftsaurem Eisen,

§. 66. mit Kalkerde, zum Kalkarsenik,

§. 67. mit Schwefelleberluft zum Operment,

§. 68., 69. mit Schwefel in Substanz, eine Schimäre;

Auflöslichkeit des Schwefels im Wasser.

Zweiter Theil.

Geschichte und Hülfe der Arsenikvergiftungskrankheiten.

Zweites Kapitel.

Gelegenheiten und Gestalten, unter denen Arsenik in unsern Körper kömt.

§. 70. Oekonomischer und technischer Gebrauch des

Arseniks.

§. 71., 72. Unwillkührliche Vergiftungen durch Fehlgriffe

und Unvorsichtigkeit.

§. 73. Selbstmorde.

§. 74. An andern volzogne Arsenikvergiftung, schleichende,

arzneiliche.

§. 75. Aqua tosfana besteht nicht aus Canthariden und

Opium,

§. 76. ist ein Arsenikgift,

§. 77. mit einem narkotischen Ingredienz. (oder ein

Arsenikmittelsatz)

§. 78. Arsenikalische Fieberarzneien,

§. 79. bis 84. ihre Schädlichkeit.

§. 85. Krebswasser des Lefebüre.

§. 86. bis 91. Aeusserliche Anwendung des Arseniks,

ihre Schädlichkeit.

§. 92. bis 95. Nöthige Einschränkung seines Verkaufs.

Drittes Kapitel.

Symptomen der drei Grade der innern Arsenikvergiftung, und die der

äussern.

§. 96. Innere Vergiftung, Uebergang zur Symptomenlehre

derselben.

§. 97. verschlimmernde Nebenumstände bei der Verschluckung.

§. 98. Dauer der schnelltödlichsten Arsenikvergiftung.

§. 99. bis 107. Gang dieses ersten Grades.

§. 108. bis 110. Zusäzze.

§. 111. Der zweite Grad, Dauer von einem oder mehrern

Tagen.

§. 112. bis 114. Bedingungen seiner Entstehung,

§. 115. bis 120. Abweichungen desselben vom ersten

Grade,

§. 121. Erhöhung durch Leidenschaften,

§. 122. Natur des bei diesem Grade gewöhnlichen Todes.

§. 123. bis 127. Dritter Grad, Nachwehen des zweiten, vom Uebergange

des Gifts in die zweiten Wege -- Crisen (Kontraktur, Lähmung,

Arsenikfriesel, Ausfallen der Haare, Abschuppung der Oberhaut.)

§. 128., 129. Schleichendes Fieber wegen innerer Verlezzungen.

§. 130. Vorhersagung.

§. 131. Vergiftung durch italienische Gifte,

§. 132. durch Operment und andre geschwefelte Arsenike,

§. 133. durch äusserliche Anwendung des Arseniks,

§. 134., 135. durch Einsaugung des arsenikalischen Staubs

und Rauchs.

Viertes Kapitel.

Wirkungsart des Arseniks.

§. 136. Im Magen und überhaupt auf der freien Faser,

§. 137. hergeleitet von seiner Schwere und Auflöslichkeit.

§. 138. Wirkt nicht durch scharfe schneidende Spizzen.

§. 139. Seine reizende und einschrumpfende Kraft,

§. 140. sein spezifischer Eindruck auf das Empfindungssystem des

Lebensprinzipiums,

§. 141., 142. spezifischer Eindruck auf die Muskelfaser; tödet die

Irritabilität,

§. 143. doch nicht ohne erregte Entzündung; Ausnahmen hievon.

§. 144. Erklärung des chronischen Zitterns, und der brennenden

Schmerzen der Arsenikgicht in den leidenden Gliedmasen.

§. 145. Empfänglichkeit des Körpers, als Ursache der verschiednen

Wirkung.

§. 146. Fernere Erläuterung der reizenden und einschrumpfenden

Kraft.

§. 147. Entstehung der Anfressungen und Schorfe.

§. 148. Der einschrumpfende Reiz bringt die Kontraktur in den

zweiten, so wie das fruchtlose Würgen und die peinliche Kolik in

den ersten Wegen hervor.

§. 149. Einschrumpfende Wirkung des Arseniks auf die Schliesmuskeln

des Körpers.

§. 150. Entstehung und Gefahr des zurückbleibenden Erbrechens und

des konvulsivischen unergiebigen Würgens.

§. 151. Schwierige Ausleerung, besonders des Operments und

Fliegensteins.

§. 153. Aufgelöstes Blut in den Aderstämmen.

§. 154. bis 157. Vergleichung der innern mit seiner Wirkungsart

auf die freie Faser der äusserlichen Theile des Körpers, und die

Epidermis.

Fünftes Kapitel.

Heilart der schnellen innern Arsenikvergiftung.

§. 158., 159. Eintheilung der Heilmittel in Klassen.

§. 160. Erste Klasse, die schädlichen, zwekwidrigen, erdige,

hizzige, narkotische,

§. 161. Brechmittel.

§. 162. Zweite Klasse, die durch Schein der Gleichgültigkeit

schädlichen, Wasser, Eßig.

§. 163. Säuren überhaupt.

§. 164. Dritte Klasse, dienliche, oft unzulängliche, Milch, Oele,

Rahm.

§. 165., 166. Vierte Klasse, Mittel die Navier für spezifisch

ausgiebt.

§. 167. Anführung, Beurtheilung derselben;

§. 168. wie er sie zu brauchen empfiehlt,

§. 169. Anmerkungen darüber.

§. 170. Fünfte Klasse, der dienlichsten.

§. 171. bis 174. Einleitung in die

§. 175. Heilanzeigen der drei Grade der Arsenikvergiftung, mit

ihrer Genugthuung; zur Uebersicht.

§. 176. Die beim ersten Grade vorgeschlagnen Mittel sind leicht,

überall zu haben, wohlfeil.

§. 177. bis 189. Einleitung zur Dienlichkeit der starken

Seifenauflösung,

§. 190. Anführung ihrer hier unentbehrlichen, dienlichen Kräfte.

§. 191. Ist überall bei der Hand, und leicht zu bereiten,

§. 192. das beste anfängliche Hülfsmittel,

§. 193. bis 195. wenn auch das Gift unbekanter Natur wäre.

§. 196. Vorschrift ihrer Zubereitung,

§. 197. bis 199. ihrer Anwendung.

§. 200. Erinnerung, wenn ja kein Erbrechen erfolgte.

§. 201. Vorsichtsregeln für kränkliche Körperbeschaffenheit.

§. 202. Aderlas.

§. 203. Gabe jenes Mittels in Rüksicht des Alters.

§. 204. Wie beim Erbrechen mit dem Einflösen zu verfahren,

§. 205. wie weit man nach Verschluckung der vorgeschriebnen Gabe

gekommen sei.

§. 206. Das hülfreichste Erbrechen ist geschehen.

§. 207. Die nächste Hülfleistung.

§. 208., 209. Vorteile des dünnern Seifwassers,

§. 210. Seine Bereitung, sein Gebrauch,

§. 211. Wirkung.

§. 212., 213. Bähungen (zweiter Aderlas,)

§. 214. Klystiere,

§. 215. laues ganzes Bad,

§. 216. halbes oder Fusbad.

§. 217. Ruhefrist bis zur Nachhülfe.

§. 218., 219. Unterschied, den die drei Arseniksorten in der Cur

machen.

§. 220. Zur Nachhülfe; Seifwasser mit Oel, oder Milch mit Rahm

vermischt, auf dem Lande.

§. 221. In Städten Wasser mit Schwefelleberluft gesättigt, und mit

Milchrahm oder Schleimen gemischt; Umschläge, Klystiere.

§. 222. bis 225. Bereitung des Leberluftwassers.

§. 226. bis 230. Vortreflichkeit dieses Hülfsmittels.

§. 231., 232. Anwendung.

§. 233. Stellvertretende Mittel auf dem Lande.

§. 234. Beihelfende Mittel; Sahnekaffee.

§. 235., 236. Rizinusöl.

§. 237. bis 244. Der Wilkühr des Arztes anheim gestelte

Veränderungen der Vorschrift; Hülfe verschiedner Nebenumstände;

Nacherinnerungen.

Sechstes Kapitel.

Heilart der Nachwehen und der italienischen Vergiftung, so wie der

Bergsucht.

§. 245. bis 250. Einleitung zur Hülfe der Nachwehen in den ersten

Wegen;

§. 251. Grade der Symptomen von Verlezzung des Speisekanals.

§. 252. Bei ihrer Abhülfe ist der Gebrauch der Leberluft nicht zu

zeitig hintanzusezzen.

§. 253. Algemein passend mus die Nachkur seyn: Milch nicht

wiederkäuender Thiere.

§. 254., 255. Vorzüge der Milch überhaupt zu diesem Zwek,

§. 256. beim ersten Grade der Symptomen,

§. 257. und selbst gegen die schlimste Art der innern Zerstörungen.

§. 258. Abhülfe der Leibesverstopfung bei der Milchdiät,

§. 259., 260. Anwendung, Gabe;

§. 261., 262. Nebenindikazionen.

§. 263. bis 266. Uebergang zur kräftigern Kost und Lebensordnung der

Genesenden.

§. 267. Vergleichung der Zufälle der schleichenden Vergiftung mit

denen der Bergsucht.

§. 268. Chronische Arsenikvergiftungszufälle, die hier selten

vorkommen.

§. 269. Eingang in die Heilung der schleichenden Vergiftung.

§. 270. Verbindung der Milchdiät mit den spezifischen Gegenmitteln,

§. 271. Der Schwefelleberluft

§. 272. bis 274. in Bädern,

§. 275. in damit verbundnen Getränken.

§. 276. Vortreflichkeit dieser Luft zu unsrer Absicht.

§. 277. Uebrige, dazu gehörige Diät,

§. 278. Abführmittel.

§. 279. Kennzeichen der natürlichen schwefelleberlufthaltigen

Wässer.

§. 280. bis 283. Nachahmung derselben zu Hause.

§. 284., 285. Die Bereitungsart der natürlichen im Schose der Erde.

§. 286. Bereitung der Schwefelleber zu den künstlichen Bädern.

§. 287. Aehnliches zum Trinken bestimtes Wasser.

§. 288. Wie sind die Vortheile der natürlichen bei den künstlichen

zu ersezzen?

§. 289. Wirkung dieser Verordnung.

§. 290. Uebergang zu dem Gebrauche der eisenhaltigen Wässer,

§. 291. Grund ihrer Dienlichkeit.

§. 292. Rüksicht auf die geschwächten Verdauungswerkzeuge bei der

italienischen Vergiftung.

§. 293. Natur der bergsüchtigen Engbrüstigkeit; spezifisches

Gegenmittel.

§. 294. Hülfe bei arsenikalischer Kontraktur -- Arsenikfriesel.

§. 295. Cur der Lähmung, des chronischen Zitterns und der

Konvulsionen.

Siebentes Kapitel.

Heilart der schnellen äussern Arsenikvergiftung.

§. 296. nach äusserlicher Auflegung auf hautlose Stellen,

§. 297. bei jähling in Menge eingeathmeten Arsenikrauche

§. 298. und arsenikalischem Staube.

Achtes Kapitel.

Verwahrungsmittel gegen Rauch und Staub.

§. 299. Uebergang zu den Vorbauungsanstalten,

§. 300. bis 306. deren sich die mit Arsenik beschäftigten Arbeiter

selbst, und deren sich die Natur zu ihrem Vortheile bedient.

§. 307. Verwahrung der Hautlöcher,

§. 308. die nassen Pochwerke, statt des troknen Pochens mit

Handkraft.

§. 309. Tüchtige Schlotten bei Arsenikrösten,

§. 310. Luftzug beim Farbereiben arsenikalischer Droquen,

§. 311. Verwahrung beim Fegen der Arsenikfänge.

Dritter Theil.

Gerichtliche Ausmittelung.

Neuntes Kapitel.

Legalitäten der gerichtlichen Untersuchung der Vergiftungen.

§. 312., 313. Nöthigkeit der Kentnis der Legalität der Obdukzionen

überhaupt.

§. 314. bis 321. Gesezlichkeit und Erfordernisse für den Arzt und

Wundarzt.

§. 322. bis 338. Sekzionsbericht -- erforderlicher Inhalt desselben

-- Umris der Obliegenheiten des Arztes bei der Obdukzion.

Zehntes Kapitel.

Pathologische Zeichenlehre des Vergiftungsthatbestand (/corporis

delicti/).

§. 339. Unsrer Vorfahren Erkentnisquellen einer geschehenen

Vergiftung.

§. 340., 341. Ihre Unzulänglichkeit.

§. 342. Die eigentlichern Quellen der Erkentnis einer Vergiftung,

§. 343. und ihrer Tödlichkeit.

§. 344., 345. Der Aeltern weitläuftiges Verzeichnis der Giftzeichen

an Lebenden und Toden.

§. 346. Wohin gehört Arsenik in der Reihe der Gifte?

§. 347. Die kentlichsten Zeichen einer äzzenden Vergiftung an

Lebenden;

§. 348. die untergeordneten Zeichen.

§. 349. bis 355. Unzuverläßigkeit aller dieser Zeichen;

§. 356. Sie nüzzen blos dem hülfeleistenden Arzte, und der Polizei.

§. 357. Uebergang zu den am Leichname vorfindlichen Zeichen,

§. 358. das wichtigste derselben,

§. 359. die untergeordneten,

§. 360. bis 367. Unzuverläßigkeit der leztern,

§. 368. bis 370. des erstern.

§. 371. Die fast unübersteiglichen Schwierigkeiten der

Vergiftungserkentnis nach dem Urtheile der Schriftsteller.

§. 372., 373. Beweislosigkeit des Geständnisses des Thäters.

§. 374. Das ächteste Thatzeichen, die Ausfindung des Arseniks

selbst -- Nuzzen obiger Zeichen zu Vermuthungen für die Polizei.

Elftes Kapitel.

Chemische Kennzeichen des Thatbestands (/corporis delicti/) einer

Arsenikvergiftung.

§. 375. bis 378. Bisherige Merkmale des Arseniks,

§. 379. bis 400. Beurtheilung derselben, Einschränkung der Meinung

von ihrer Beweiskraft.

§. 401. bis 441. Die überzeugendste Ausmittelung durch drei

beweisende die mindeste Gegenwart des Arseniks entdeckende

gegenwirkende Mittel -- Art ihrer Anwendung.

Zwölftes Kapitel.

Lethalitätsurtheil.

§.442. bis 499. Vergiftungstödlichkeiten, wie sie mit den

Lethalitäten der Wunden in Parallele zu stellen -- Masstab für das

Urtheil über erstere.

§. 500. bis 502. Schlus.

Erster Theil.

Erstes Kapitel.

Kentnis der Arseniksorten, ihrer Natur und ihres Verhaltens gegen

chemische Körper, so fern sie auf Heilung und Beurtheilung der

Arsenikvergiftung einfliest.

§. 1.

Meine Absicht bei vorliegendem Gegenstande kan, wie man mir leicht

zugeben wird, weder auf eine systematische Geschichte des Arseniks,

weder auf eine genaue und vollständige Erzählung seiner chemischen

Verhältnisse, weder auf die Bestimmung seines technischen Gebrauchs,

noch auch und am wenigsten auf die Untersuchung seines etwanigen

Nuzzens in der Heilkunde gerichtet seyn.

§. 2. Die drei verkäuflichen, und dem Misbrauch so leicht unterworfnen

Hauptarten dieses metallischen Giftes anzuführen, sie in Verhältnissen

zu beleuchten, die auf die Gefahr des Lebens gegründeten Einflus haben,

und die Gegenmittel rechtfertigen können, welche ich mittheile, und

endlich diejenigen Eigenschaften dieses Gifts zu bestimmen, welche der

gerichtlichen Ausmittelung zuverlässige und deutliche Gegenwirkungen

darreichen, dieses war der Zwek dieser Schrift.

§. 3. Für diejenigen Bergleute, die mit Förderung arsenikreicher Erze,

mit Aushalten, mit Pochen und Waschen derselben sich beschäftigen,

für diejenigen Arbeiter, die mit Pülvern, Sieben und Packen, und

vorzüglich welche mit Ausfegung der Giftfänge zu thun haben, mit

einem Worte, für diejenigen, die den Staub dieses Minerals zwar durch

Verbinden des Mundes und der Nase vom Magen und der Lunge einigermasen

abhalten können, ihn aber von den einsaugenden Gefäsen der Haut des

übrigen Körpers abzuhalten nicht besorgt sind, für diese gilt es

gleich, da sie einmal hiemit ihren Unterhalt zu erwerben bestimmt

sind, wie die Mineraltheilchen nach dem System zu benennen, oder ihren

metallurgischen und chemischen Eigenschaften nach zu klassifiziren

sind, welche ihre Lungen einschrumpfen, ihre Säfte verdicken, ihre

Muskelfasern verhärten, ihnen unzähliche Beschwerden erwecken, und

sie zu halblebenden Geribben auftroknen; ob es Mispickel, Arsenikmulm

oder Scherbenkobald, in Zinn- Silber- oder Kobalderzen eingesprengte,

gediegene oder vererzte Gifttheilchen seyn mögen, alles dies hilft

ihrem Leiden nicht ab; selbst weder auf die Verwahrung, noch auf die

Wiederherstellung ihrer Gesundheit haben diese Erörterungen erheblichen

Einflus. Auch die Handwerker, Künstler und Hüttenleute, die dem Dampfe

dieses Halbmetalls ausgesezt sind, vorzüglich aber diejenigen, die mit

Rösten arsenikreicher Erze, mit den Giftfängen und der Sublimazion des

gelben, rothen und weissen Arseniks sich beschäftigen, auch diese haben

insgesamt gleiche Nachtheile von dem Rauche dieses Giftes, es mag nun

in dieser oder jener Gestalt in der zu bearbeitenden Masse vorhanden

seyn. Allen dienen gleiche algemeine Verwahrungsmittel, gleiche

algemeine Hülfsmittel.

§. 4. Aber, wenn in den Magen irgend eines Unglüklichen Gifte

dieser Art in beträchtlicher Menge gerathen, wenn jemand sich mit

Arsenik vergiftet hat, oder vergiftet worden ist, dann ist es nicht

mehr gleichgültig, welche Gestalt das Gift hatte, welches ans den

Eingeweiden herausgeschaft und mit Gegenmitteln bestritten werden soll.

§. 5. War es Arsenik, so wird es gewöhnlich käufliches weisses

Rattenpulver, ungewöhnlicher, Fliegenstein, am ungewöhnlichsten,

Operment und seine Abarten seyn. Denn ungebräuchlichere Sorten

gegrabne oder künstlich bereitete kommen höchst selten in diese

bedauernswürdigen Hände, und geschähe es, so wird ein verständiger Arzt

sie leicht nach der Aehnlichkeit dieser drei Arseniksorten zu behandeln

wissen.

§. 6. Es sei uns also erlaubt blos der regulinischen Gestalt des

Arseniks (des Fliegensteins) dann der kalkförmigen (des weissen

Arseniks) endlich seiner Vererzung mit Schwefel (des Operments) als der

drei käuflichen Sorten, die bei der Arsenikvergiftung fast stets im

Spiele sind, Erwähnung zu thun.

§. 7. Der sogenante Fliegenstein[1] (/arsenicum nativum friabile et

porosum,/ Cronst.) wird, so wie wir ihn zu Kaufe haben, gediegen aus

seiner Mine geschlagen, die in verschiedenen Gegenden, besonders in

Böhmen und Sachsen, zu Hause ist. Seine Nebengattungen Scherbenkobald,

schuppiger gediegner Arsenik und Spiegelkobald kommen mit unter, obwohl

seltner, im Handel vor, haben aber mit unserm Fliegenstein gleiche

Eigenschaften.

§. 8. Er besteht aus einem Gewebe von hohl übereinander liegenden,

spröden, zerreiblichen schwarzglänzendmetallischen Blättern, von 8,308

bis 8,310 (nach Bergman) eigenthümlichen Gewichte. Das Ansehn dieser

Masse, deren Blätterchen kleine regelmäsig scheinende Höhlungen bilden,

scheint dem Fliegenstein den Namen /cobaltum crystallisatum/ erworben

zu haben, welcher übrigens nichts von Kobald enthält. Der ehemaligen

Dämmerung in den mineralogischen und metallurgischen Wissenschaften

mus man es verzeihen, wenn ehedem alles, was von Minern arsenikhaltig,

unartig, räuberisch und unter die bekanten metallhaltigen Erze nicht

füglich zu rechnen war, Kobald genennet wurde; so erhielt auch unser

Fliegenstein den Namen des krystallisirten Kobalds, und eben daher der

Name des Scherbenkobalds, eines ähnlichen natürlichen Arsenikkönigs.

§. 9. Arsenikkönig überhaupt betrachtet ist, der natürliche, wie

der durch Kunst bereitete, ein eignes Metall, welches aus einer

höchstfressenden Säure (Scheelens Arseniksäure) mit Brennbarem

gesättigt bestehet.

§. 10. Ob wir gleich, was ein Metall sei, genau zu definiren nicht

im Stande sind, so verstehn wir doch darunter algemein jene schweren

glänzenden Produkte des Mineralreichs, die sich schmelzen lassen,

in Flusse eine konvexe Oberfläche annehmen, Glasflüsse färben und

entfärben, aus einer spezifischen Erde oder Säure mit Brennbarem

gesättigt bestehen, in diesem Zustande Leiter für die elektrische

Materie sind, sich in Säuren auflösen, und dann durch Blutlauge

und Galläpfelessenz ihre Grunderde in verschieden Farben, mit

Schwefelleberluft aber vererzt niederschlagen lassen. Alle diese

Kennzeichen passen auch auf unsern Fliegenstein oder Arsenikkönig,

selbst die Schmelzbarkeit.[2]

§. 11. Je weniger die Arseniksäure, oder, wenn man will, der reine

Kalk des Arsenikmetalls an Brennbarem besizt, desto feuerbeständiger

ist er; so ist weisser zweimal sublimirter (hat nach Bergman

20/100 Brennbares) Arsenik um vieles fixer als Arsenikkönig oder

Fliegenstein.[3] So ist aber auch rother Queksilberpräzipitat und

Algarottpulver weniger im Feuer flüchtig, als laufendes Queksilber und

Spiesglanzkönig.

§. 12. In verschlosnen Gefäsen ist nun zwar die Feuerbeständigkeit

dieser Metallkalke sehr gros in offenen aber nicht, doch ist unter

allen keiner der in offenen Gefäsen sein Brennbares der umgebenden Luft

leichter und geschwinder überliefert, das ist, sich so schnell verkalkt

als Arsenikkönig. So kan er auch in Gefäsen mit dephlogistisirter Luft

angefült nie in regulinischer Gestalt aufsteigen, bei so geringer Hizze

er auch aufsteigt.

§. 13. Eben so wenig kenne ich ein Metall, welches schon bei der Wärme

unsrer Atmosphäre in Freien sich so leicht zu verkalken anfängt und

dem reinen Bestandteile der Luft einen Theil seines Brennbaren mit so

großer Leichtigkeit und Geschwindigkeit überliefert als Arsenikkönig.

Eisenfeile rostet sehr leicht, aber ohne Feuchtigkeit nicht schnell,

die übrigen geringen Metalle verlieren gleichfals an der freien Luft

mit der Zeit ihren Glanz, aber frischbereiteter Arsenikkönig ist schon

nach etlichen Stunden schwarz angelaufen, da er vorher wie Bleiglanz

schimmert. Solte nicht der gegrabene Arsenikmulm ein verwitterter

Scherbenkobald seyn?

§. 14. Diese Bemerkung ist bei Arsenikvergiftungen von einiger

Beträchtlichkeit. Fein gepülverter und lang aufbewahrter Fliegenstein

ist weit geschwinder tödlich, als frischer, da jener weit

leichtauflöslicher ist; er hat Brennbares verloren und nähert sich den

Arsenikkalken.

§. 15. Dieser Umstand führt mich gerade zu einem bemerkenswerthen

Punkte meiner Vorerinnerungen zur Auflösbarkeit des Arseniks. Je

auflöslicher ein genantes Gift, aus Mangel des mildernden Mediums, ist,

desto schneller, desto heftiger wirkt es.

§. 16. Arseniksäure, der reinste und vom Brennbaren freieste

Arsenikkalk, das gefährlichste Gift, zerfliest schon an der Luft

oder, welches einerlei, ist höchst auflöslich in Wasser. So nimt im

umgekehrten Verhältnisse ihres Phlogistons die Auflösbarkeit der

folgenden Arsenikarten und die Geschwindigkeit ihrer Tödlichkeit ab.

§. 17. Weisser zweimal sublimirter Arsenik (sein Gewicht ist 5,000 und

sein Brennbares 20/100), den man seiner Durchscheinlichkeit halber

auch Arsenikglas zu nennen pflegt, ob er gleich mit der Zeit die

Porzellainweisse erhält, löst sich gepülvert in ziemlicher Menge in

Wasser auf. In achtzig Granen siedendem Wasser fand Navier einen Gran

Arsenik aufgelöst. Wenzel will in 960 Granen kochenden Wasser 91 Gran

weissen Arsenik aufgelöst haben. Beide Verhältnisse sind wahr, jenes

als das Minimum, dies als Maximum. Zu lezterm gehört wenigstens ein

sechsstündiges Kochen, der Gefrierpunkt aber schlägt fast allen Arsenik

wieder heraus. Ersterer wird seinen Arsenik nur einen Augenblick mit

dem kochenden Wasser aufgegossen haben.

§. 18. Eigentlich interessirt uns diese Bestimmung der Auflöslichkeit

des Arsenikkalks beim Punkte des siedenden Wassers wenig. Wichtiger für

uns ist die Erörterung derselben bei dem Wärmegrade des menschlichen

Körpers.

§. 19. Ich habe in dieser Rüksicht Versuche angestelt und gefunden,

daß bei dem Grade 96° fahrenheitischen Wärmemessers sich binnen 10

Minuten 50 Grane mäsig fein gepülverten weissen Arseniks in 4800 Granen

fliessenden Wassers auflöseten, während die Mischung unaufhörlich

umgerührt ward.

§. 20. Diese Nebenbestimmungen der Auflösung sind bei der Anwendung

der Gegenmittel bei Arsenikvergiftungen brauchbar, in welcher Absicht

ich noch hinzusezze, daß sich in diesen 10 Minuten bei gleicher Wärme

in benanter Menge Wasser ein viel geringerer Theil von demjenigen

Arsenikpulver auflöset, aus welchem ein vorhergegangener Aufgus mit

Wasser schon die feinsten Theile ausgezogen und aufgelöset hatte;

und so nimt die Auflösbarkeit oder vielmehr die Geschwindigkeit der

Auflösung ferner ab, wie die Gröblichkeit des Arsenikpulvers zunimt.

Gewöhnlich ist käuflicher Arsenik nicht fein gepülvert.

§. 21. Wird Arsenikpulver mit thierischem Schleime überzogen, so geht

es in Klümpchen zusammen und widersteht der Auflösung mehr und länger.

§. 22. Wird das Umrühren der Mischung unterlassen, so erfolgt die

Auflösung weit langsamer, also in gleicher Zeit, in gleicher Wärme eben

derselben Menge Wassers ungemein geringer.

§. 23. Es kan sogar der Fall seyn, daß unter verschiednen Hindernissen,

die bei der Auflösung des Arseniks im Magen eintreten, die

Auflöslichkeit des giftigen Metallkalks bis zum zehnten ja zwanzigsten

Theile seiner möglichen Auflösbarkeit herabgestimt wird.

§. 24. Daher und wegen des Vorhergehenden die geringe Hülfe vom blosen

Wassertrinken bei Arsenikvergiftungen wiewohl die Geringfügigkeit

dieses Mittels auch aus Gründen, wie man unten (§. 162., 2.) siehet,

herfliest.

§. 25. Nächst dem weissen, folgt der graue Arsenikkalk oder das

Giftmehl[4] ein Produkt der Arsenikrösten (sein Gewicht ist nach

Bergman 3,706) welcher zuweilen im Handel unter dem Namen Fliegenstein,

(wiewohl sehr uneigentlicher und gefährlicher Weise) vorkömt; seine

Auflöslichkeit ist geringer, so wie er an Menge des brenlichen Wesens

zunimt, das ist, je schwärzlicher er ausfält und je näher er folglich

an das Verhältnis der Bestandtheile des Arsenikmetals gränzt. So ist

der schwarze Arsenikmulm (das Schwabengift) weit unauflöslicher, doch

dieser kömt noch seltner in Handel.

§. 26. Ungleich gebräuchlicher und folglich weit mehr den Misbrauche

unterworfen ist der Arsenikkönig, den man Fliegenstein nent. Man

findet in den Schriften der Scheidekünstler fast nichts über die

Auflöslichkeit des Fliegensteins, vermuthlich weil man ihn geradehin

für unauflöslich in Wasser hielt,[5] da doch schon die Schädlichkeit

des damit infundirten Wassers Licht hätte geben sollen. Deshalb und aus

mehrern Gründen wird man etwas Bestimteres hierüber nicht ungern sehen.

§. 27. Von einigen Metalkalken z. B. wie Rouelle vom schweistreibenden

Spiesglanze und Erxleben[6] von den silberfarbnen Spiesglanzblumen

bemerkt, kante man längst die Auflöslichkeit und in neuern Zeiten sind

die Kalke einiger entdekten Metalle des Wasserbleies und Schwersteins

als Säuern folglich als auflöslich im Wasser erkant worden.

Man weis sogar, daß Queksilber in Wasser gekocht kleine Insekten und

Würmer tödet, daß Wasser worin Kupfer abgelöscht ist, Hautausschläge

heilet und troknet, daß durch bleierne Röhren geleitetes Wasser nicht

ganz unschädlich ist, und daß glühendes Eisen dem Wasser, worin man es

abgelöscht hat, stärkende Kräfte mittheilt, aber den Arsenikkönig hatte

man bisher gleicher Aufmerksamkeit nicht gewürdiget.

§. 28. Zu dieser Absicht pülverte ich ganz frisch bereiteten glänzenden

Arsenikkönig (nachgehends auch Fliegenstein mit gleichem Erfolge) und

kochte ihn in destillirten Wasser eine halbe Stunde lang. Das Resultat

war, daß sich 12-3/4 Gran in 14000 Granen Wasser auflöseten und bis

zum Gefrierpunkte erkühlt darin aufgelöset blieben. Das Verhältnis des

Fliegensteins zum auflösenden Wasser wird also beinahe wie 1:1100 sein.

Verschiedentlich wiederholte Versuche gaben diese Mittelzahl. Wird das

Kochen ungleich länger fortgesezt, so kan sich Wasser mit Fliegenstein

bis zu einem Verhältnisse wie 400:1 ja noch stärker sättigen.

§. 29. Das unten anzuführende so empfindliche Reagens jeder

Arsenikauflösung, der mit Kupfer gesättigte Salmiakgeist, äussert

selbst auf jene so schwache Auflösung des Arsenikkönigs im Wasser; ja

dann noch wenn sie noch mit drei und einem halben Male ihres Gewichts

Wasser verdünnet wird, und ein Verhältnis wie 1:5000 entsteht, nur mus

man in lezterm Falle dem grüngelblichen Niederschlage einige Stunden

Zeit lassen oder Weingeist dazu giesen, um die Uebermenge des Wassers

zu verringern.

§. 30. Lange Zeit gepülverter Fliegenstein theilt sich dem Wasser in

noch geschwinderer Zeit mit. (§. 14.)

§. 31. Da auch geschwefelter Arsenik, vorzüglich Operment bei

Vergiftungen vorkömt, so mus man das Nöthige von ihm und seinen

Gattungen wissen. Operment ist ein Mineral, welches besonders in

Ungarn zu Hause gehört, aus gelbglänzenden dünnen dicht über einander

liegenden Blättern besteht, von 3,315 (nach Bergman) eigenthümlichem

Gewichte und 1/10 Schwefel in seiner Mischung.

§. 32. Da Bergman[7] die Auflöslichkeit des Operments in Wasser so

geradehin läugnet, so unternahm ich verschiedne Versuche um mich hievon

zu überzeugen. Ich fand aber, daß er, zwei Stunden in destillirtem

Wasser gekocht, sich hierin in einem Verhältnisse wie 1:5000 auflösete.

§. 33. Die erkühlte Auflösung sahe kaum merklich gilblich aus,

der Kupfersalmiak schlug obwohl langsam und in geringer Menge ein

Arsenikkupfer nieder, mehr grau grüngelblich als rein grüngelb, wie

eine andre Arsenikauflösung zu thun pflegt. Der Geruch des Sazzes auf

Kohlen aber war arsenikalisch. Der durch dies Wasser mit Silbersalpeter

entstehende schwarzbraune Saz hat nichts besonders, da in Wasser

aufgelöster Schwefel dasselbe thut, und ein geschwefeltes Silber

präzipitirt.

§. 34. Das durch Schwefelleberluft aus weisser Arsenikauflösung

niedergeschlagne Operment hielt weit mehr Schwefel als natürliches.

Ich fand, daß ich mit dreizehn Theilen Arsenik auf 35 bis 38 Theile

Schwefel hiedurch verbinden konte. Dies künstliche Operment lies sich

aber weit leichter als das natürliche in Wasser auflösen. Ein Gran

davon ward binnen zweistündigen Kochen in 600 Granen reinem Wasser

aufgelöst, wovon aber beim völligen Erkalten nur 3/5 Gran aufgelöst

blieben. Schwefelleberluft löset es in noch gröserer Menge auf.

§. 35. Noch kömt a) gelbes und rothes Rauschgelb, ein Mineral; endlich

die künstlichen Arsenikerze, b) gelber und c) rother Arsenik obwohl

selten bei Vergiftungen vor. Ersteres soll (nach Bergman) 3,226

eigentliches Gewicht besizzen und nach Kirwan[8], 16/100 Schwefel

halten; das Zweite hält nach Gmelin 1/10, das dritte nach eben

demselben 1/5 Schwefel in seiner Mischung. Vielleicht sind diese

Angaben noch zu berichtigen. Da die Mischung des rothen Arseniks noch

so unbekant ist, so fand ich (zur vermuthlichen Ausfindung dieser

Mischung) daß zwar durch kein Verhältnis der Schwefelleberluft mit

Arsenik ein rothes Präzipitat erfolgte -- schwach pomeranzenfarbig

war die tiefste und gelb die höchste desselben -- daß aber durch den

mindesten Theil Bleizuckerauflösung, zu dem Arsenikwassser gesezt, der

Niederschlag des leztern mit Leberluft so gleich schön roth gefället

ward.[9] Mehr Bleiauflösung aber zugesezt, vertiefte diese Röthe bis

ins Schwarz. Die Auflöslichkeit dieser Opermentabarten in Wasser habe

ich zu untersuchen für überflüssig gehalten, da sie so selten bei

Vergiftungen vorkommen.

§. 36. So weit von der Auflöslichkeit des käuflichen Arseniks in

Wasser, nun etwas von derselben in andern Flüssigkeiten.

§. 37. In Oelen löset sich zwar jeder Arsenik, Fliegenstein, weisser

Arsenik und Operment auf, doch nie anderst als in der Hizze des

kochenden Oeles (etwa 600° Fahr.) So bald die Auflösung beginnet,

steigt ein stinkender Geruch auf, der ein Gemisch, aus dem Geruche der

brennbaren Luft und einem knoblauchartigen zusammengesezt, scheint.

Wegen der grosen zu dieser Auflösung erforderlichen Hizze scheint mir

eine fernere Erörterung dieses Punktes keinen sonderlichen Einflus auf

meinen Zwek zu haben.

§. 38. Milch hat keinen Vorzug vor gemeinem Wasser bei Auflösung des

Arseniks, ja ihre Auflösungskraft ist noch geringer, der käsichte und

fette Theil derselben verhindert sie daran. Doch ist nicht zu leugnen,

daß sie eben dieser leztgenanten Bestandtheile wegen viel feines

Arsenikpulver in ihren Zwischenräumen eine ziemliche Zeit schwebend

erhalten kan, und in dieser Rüksicht zur Ausführung des besonders

feinen Arsenikpulvers aus dem Magen eben so viel ja noch etwas mehr

Dienste, als gemeines Wasser durch seine grösere Auflösungskraft,

leistet.

§. 39. Doch dies nur im Vorbeigehn. Ich komme zu den Säuren, werde aber

nichts von den mineralischen erwähnen, als daß sie bei der erfolgenden

Auflösung unser metallisches Gift ungemein erhöhen,[10] eine Bemerkung,

die keiner weitern Ausführung in einem Werke bedarf, welches zur

Erleichterung der Unglüklichen aufgesezt ward.

§. 40. Da man den Essig etwas zu algemein unter die Gift widerstehenden

Mittel gerechnet und ihn verschiedentlich in dieser Absicht gegen

unsern Gift anzuwenden und zu empfehlen[11] versucht hat, so werde ich

zwar unten (§. 163.) erinnern, daß seine Anwendung schädlich sei, hier

aber bemerken, daß seine Auflösungskraft gegen jede Art des Arseniks

fast nur um ein Unmerkliches gröser, als die des gemeinen Wassers ist.

Da dieses unwirksame und sogar schädliche Auflösungsmittel ausser dem

Kreise meines Zweks liegt, so erspare ich mir die Anführung genauerer

Versuche darüber.

§. 41. Die nächste Reihe trift in der Ordnung der Auflösungsmittel

die Laugensalze, welche desto eher unsre Aufmerksamkeit verdienen,

je gewisser es ist, daß es keine auflösende Verbindung giebt, welche

die äzzende Kraft dieser metallischen Säure sichrer neutralisirt und

mildert, als sie.

§. 42. Nach =Wenzels= genauen und lobwürdigen Versuchen braucht weisser

Arsenik zu seiner Neutralisirung fast genau das doppelte Gewicht an

Gewächslaugensalze; denn mit diesem haben wir es vorzüglich zu thun,

da es vor den übrigen beiden, dem mineralischen und dem flüchtigen

thierischen, die stärksten Kräfte besizt, die Säuren zu volkomnen und

milden Mittelsalzen umzubilden, dazu gerechnet, daß es am häufigsten

bei der Hand und das wohlfeilste ist.

§. 43. Auch selbst mit Wasser verdüntes Laugensalz (Potasche) löst den

Arsenik geschwinder und in gröserer Menge auf, als ein gleiches Gewicht

reinen Wassers von gleicher Wärme.

§. 44. Aber gleichwohl geschieht diese Auflösung nicht so geschwind

als man es von einer der Säure so gerade entgegen gesezten Flüssigkeit

erwarten solte.

§. 45. Der Grund dieser Erscheinung liegt darin, daß der weisse noch

mehr aber der regulinische Arsenik nur mit Hülfe eines stärkern Feuers

sich mit Laugensalzen in einer beträchtlichen Geschwindigkeit und genau

neutralisieren kan, indem alle Säuren durch Ueberladung mit Brenbaren

einen grosen Theil ihrer Verwandschaft und Aneignungskraft zu den

laugensalzigen Stoffen verlieren, die sie doch in ihrer ursprünglichen

Reinigkeit besizzen.

§. 46. Wie locker ist der Zusammenhang der Schwefelsäure, des

Weinsteins, der phlogistisirten Salpetersäure gegen das Laugensalz

und wie stark die der reinen Vitriolsäure, und Salpetersäure

im vitriolisirten Weinsteine und Salpeter! wie dauerhaft die

krystallisirbare Verbindung der reinen Arseniksäure mit dem

Gewächslaugensalze gegen die des schmierigen Salzes (Arsenikleber) aus

weissem Arsenik und eben demselben Laugensalze zusammengesezt!

§. 47. Diese Ueberladung mit brenbarem Wesen stümpft die Säuren in

einem so hohen Grade ab, daß sie nur mit Mühe und oft nur durch Gewalt

des Feuers die Luftsäure der Laugensalze auszutreiben vermögen, um dann

erst eine dauerhafte Vereinigung mit ihnen einzugehn. Beweise sind

Schwefel und weisser Arsenik, wenn sie genau mit luftvollem Laugensalze

verbunden werden sollen.

§.48. Dieses doppelte Hindernis, auf Seiten der Säure das Brenbare, und

auf Seiten des Laugensalzes die fixe Luft ist es, die das Potaschwasser

hindert, den weissen gepülverten Arsenik in beträchtlicher

Geschwindigkeit und in mäsiger Wärme aufzulösen und zu neutralisiren.

§. 49. Da ich mich bemühe, die Brauchbarkeit der Laugensalze zur

Milderung des Arseniks in gehöriges Licht zu sezzen, so liegt es mir

ob, die Hindernisse so viel möglich hinweg zu nehmen, die sich der

Auflöslichkeit des weissen Arseniks in laugensalzigem Wasser in den Weg

stellen.

§. 50. Ist das gepülverte Rattengift einmal im Magen, wie wir in einer

Abhandlung über die Arsenikvergiftung voraussezzen müssen, so liegt es

wenig daran, daß man wisse, wie genau dieses Gift von seinem Brenbaren,

als einem vorzüglichen Hindernisse seiner Auflösung in Wasser und

Laugensalzen durch Kochen in Salpetersäure befreiet werden könne. Hier

steht uns nicht mehr frei, dieses Hindernis zu entfernen, besonders da

das Mittel dazu selbst eines der tödlichsten Gifte ist.

§. 51. Es ist uns blos erlaubt, dem laugensalzigen Wasser, die fixe

Luft, als das zweite Hindernis der leichten Auflösung und genauen

Neutralisirung des weissen Arseniks, zu benehmen und dann erreichen wir

unsern Zwek, so viel nur möglich ist.

§. 52. Aezzendes Gewächslaugensalz also, in Wasser verdünt, löset

dieses Gift, wie man sich leicht durch Versuche überzeugen kan,

ungleich geschwinder auf, und mildert es genauer als gewöhnliches

Potaschwasser.

§. 53. Da aber ein mäsig starkes Potaschwasser schon vor sich reizzende

und äzzende Kräfte auf den Magen äusert, wie viel unschiklicher wäre

es nicht der Auflösung des äzzenden Laugensalzes in Wasser noch vor

jenem den Vorzug einzuräumen in einer Schrift, die sich hier blos mit

schiklichen Gegenmitteln beschäftigen darf! und gleichwol können wir

dieses mit Recht.

§. 54. In der Seife treffen wir ein solches luftfreies Laugensalz

an, welches, so sehr auch seine Aezbarkeit durch die damit verbundne

Fettigkeit gemildert ist,[12] gleichwohl nichts von seiner

Anziehungskraft gegen Säuren durch diese Verbindung verloren hat.

§. 55. Bei der Wärme des menschlichen Körpers lassen sich binnen 10

Minuten 50 Gran mäsig fein gepülverter Arsenik in 8 Unzen Wasser

bei mäsigem Umrühren auflösen, worin 150 Gran gemeine trokne Seife

zergangen sind. (Ist die Seifenauflösung stärker, so nimt sie noch

etwas an Auflösungskraft zu, ihre dabei wachsende Schleimigkeit hält

dann auch noch etwas mehr Arsenikpulver in ihren Zwischenräumen

schwebend.) Man wird durch Vergleichung finden, daß der stärkere

Grad der Auflösungskraft dieses Seifwassers gegen die des gemeinen

Wassers bei übrigens gleichen Umständen sich wie 5:4 verhält. Die

durch ersteres bewirkte Neutralisirung und Milderung der giftigen

Mineralsäure ungerechnet. Mehr habe ich mir über dieses vortrefliche

Mittel im voraus nicht wegnehmen wollen.

§. 56. Man wird von mir noch die Auflösbarkeit des Arseniks im

Magensafte bestimt zu sehen wünschen. Ich kan mich aber leicht mit

der Schwierigkeit ähnlicher Versuche und der Unzuverlässigkeit

derselben nach angewandter möglichster Genauigkeit zurükziehn. Wie so

sehr verschieden sind die Bestandteile dieser thierischen Flüssigkeit

im nüchternen, an diese oder jene Nahrung gewöhnten, mit halb oder

ganz verdauten Ueberbleibseln von den und jenen Speisen und Getränken

angefülten weichlichen oder festen Magen u. s. w.! Wie viele Umstände

verändern den Magensaft bis zur Unkentlichkeit! Mehr oder weniger

vegetabilische oder thierische Säure, thierischer oder Gewächsschleim,

Mittelsalze verschiedner Art und in unbestimlichen Verhältnisse

schmälern den Nuzzen dieser undankbaren Versuche, die selbst eine grose

Anzahl wakrer Männer Spallanzani, sein Anmerker Sennebier, Skopoli und

lezt Carminati nicht aufs Reine bringen konten. Ihre Versuche belehren

mich wenigstens nicht über meinen Gegenstand.

§. 57. Ich begnüge mich, zu erinnern, daß da seine im Stande der

Gesundheit gewöhnliche, so algemeine Auflösungskraft fast aller

möglichen Körper so gros und entschieden ist, (Schwefel, Zinn, Blei,

roher Spiesglanz sind Beispiele) man die gröstmögliche Einwirkung

desselben auf den Arsenik besonders im nüchternen Magen mit

wahrscheinlicher Evidenz erwarten darf, daß man aber aus den traurigen

Wirkungen des leztern auf den Magen schliessen mus, daß er ihn zwar

almählig aufzulösen, aber keineswegs zu neutralisiren, kaum zu mildern,

im Stande sei.

§. 58. Feuer ist kein geringes Auflösungsmittel aller Art von Arsenik.

Bergman fand, daß sich der regulinische bei 180° Thermometergraden des

Celsius schon in Rauch zu zerstreuen anfieng, graues Arsenikmehl bei

195°. So verdampft der weisse Arsenik wenn er glüht und Brenbares dazu

kömt; bei geringerer Hizze brent und fliegt Operment davon. Der Rauch

aller stinkt widrig nach Knoblauch, nur lezteres dampft bei seiner

anfänglichen Verbrennung etwas Schwefelartiges aus.

§. 59. Alle diese Arsenikarten lassen sich bei geringer Hizze

sublimiren; schwerer in verschlosnen Gefäsen ohne Hinzukunft des

Brenbaren weisser Arsenik -- wahres Arsenikmittelsalz unter diesen

Umständen gar nicht.

§. 60. Ich komme zu denjenigen Körpern, mit denen sich der aufgelösete

Arsenik durch vorzügliche Verwandschaftskräfte zur unauflöslichen und

schwerauflöslichen Substanz vereinigt und die als hülfreiche Mittel

gegen die zerstörende Wirkung des auflöslichen (weissen) Arseniks

angesehen werden können.

§. 61. Da Fliegenstein selbst schon sehr schwerauflöslich ist, so

können gegen ihn, wenn von Hülfe die Rede ist, keine andern als

unauflösliche oder weit unauflöslichere Verbindungen, als er selbst

ist, aufgesucht werden. Operment bedarf keiner solchen Veranstaltung,

da er selbst so höchst schwerauflöslich ist.

§. 62. Die mir bekanten Auflösungen der Metalle in Säuren lassen

sich,[13] algemein genommen, nicht durch Arsenikwasser, leicht aber

und in groser Menge durch Arsenikmittelsalze zu Präzipitaten fällen,

die im reinen Wasser, wie ich wenigstens von einigen behaupten kan,

unauflöslich sind.

§. 63. Von Metallauflösungen in Säuren kenne ich nur die in Luftsäure

aufgelösten Metalle und den krystallisirten Grünspan, welche sich durch

Arsenik niederschlagen lassen, sonst keine, (§. 398.) welches ich

wider Wallerius, Neuman und ihre Nachschreiber erinnere. Diejenigen

Metallsalze mus man nur nicht hieher rechnen wollen, die sich durch

Verdünnung mit gemeinem Wasser fällen lassen. Auch Bleiessig verdient

hier keine Stelle; das reinste destillirte Wasser, wenn es nur die

mindeste Luftsäure enthält, trübt ihn weislicht.[14]

§. 64. Man kan also blos Eisen in Luftsäure aufgelöst (Sauerbrunnen)

nennen, welches wegen seiner heilsamen Kraft sowohl, als wegen der in

Wasser unauflöslichen Verbindung, die diese Auflösung mit Arsenik

zuwege bringt, hier eine Stelle verdient. Andere Metalle sind entweder

schädlich, und reizzend, oder lösen sich doch nicht in Luftsäure auf.

§. 65. Dem ungeachtet kan die hievon entstehende Präzipitation des

Arseniks nur bei Gifttheilen in den zweiten Wegen von Wichtigkeit

werden, Theils weil bei der schnelltödlichen Vergiftung dies

Hülfsmittel nicht stets bei der Hand und seine geschwinde Bereitung

schwierig ist, theils aber weil das erfolgende Präzipitat in Säuren,

die in den ersten Wegen selten fehlen, leicht aufgelöst werden und

so als Arsenikauflösung ferner zu schaden wieder anfangen kan. Der

Niederschlag ist braungrau, im Wasser unauflösbar oder fast unauflösbar.

§. 66. Noch macht die Kalkerde eine sehr schwer auflösliche[15]

Verbindung mit dem Arsenik. Arsenikauflösung (des weissen, wie des

Fliegensteins), wenn sie nicht übertrieben verdünt ist, schlägt mit

frisch und stark bereitetem Kalkwasser vermischt, weisse lokere Wolken

zu einem Bodensazze nieder, dessen Auflöslichkeit in Wasser sich wie

1:2100 verhält. Die schwächste Säure, selbst überflüssig zugegosnes

Arsenikwasser löset dieses Präzipitat leicht, geschwind und in groser

Menge wieder auf.

§. 67. Noch müssen wir der Schwefelleberluft[16] erwähnen, die in

Wasser aufgelöst, sich am innigsten mit dem Arsenikwasser verbindet,

und als Operment mit ihm zu Boden fält. Dieses künstliche Operment

(S. §. 34.) ist zwar in Wasser auflöslicher als das gegrabne, es

lösete sich in 600 Theilen kochendem Wasser auf, in tausend Theilen

der erkalteten Auflösung aber blieb kaum ein Theil aufgelöst.[17]

Zugegosne Säuren, selbst starkes Arsenikwasser, machen diesen

Opermentniederschlag sehr auflöslich, besonders ein Uebermas an

Salpetersäure, wenige Tropfen Säure aber, besonders Essig- und

Salzsäure befördern blos die Abscheidung des Präzipitats. Auch ein

Uebermas an Schwefelleberluft löst einen Theil des Niederschlags wieder

auf. Alle diese mit und ohne Hülfe bewirkten schwächern oder stärkere

Opermentauflösungen in Wasser, haben eine schwächere oder stärkere

Gilbe, zum Zeichen, daß das Operment unzersezt in die Mischung des

Wassers aufgenommen worden ist; ein Umstand der einen so sehr mit

Schwefel gemilderten Zustand des Arseniks zu erkennen giebt, welcher

durch kein andres Medium in so hohem Grade scheint bewirkt werden

zu können. Selbst wenn der gelben (sogar trüben) Opermentauflösung,

ihre Gilbe und Trübigkeit durch zugegosnes Laugensalz benommen, und

das Ansehn des lautern Wassers hiedurch entsteht, darf man nicht

glauben, daß der Arsenik in diesem Zustande eine geringere Milderung

als in freier und sichtbarer Opermentgestalt habe -- es ist durch den

laugensalzigen Zusaz nur eine arsenikalische Schwefelleber entstanden,

welche wenn jener durch Säure wiedrum neutralisirt wird, sogleich ihren

Operment wieder fallen läßt; sogar Salpetersäure thut dies, es kan

also nicht durch neu entstandne Schwefelleberluft erzeugt worden seyn,

sondern mus präexistirt haben.

§. 68. Georg Logan giebt in seinem Versuche über die Gifte[18] den

Schwefel als das beste Gegenmittel des Arseniks an. Mit welchem

Rechte weis ich nicht. Ich fand zwar durch wiederholte Versuche

(wider Kirmans[19] und andrer Leugner seiner Auflöslichkeit) daß

Schwefel zwei Stunden in destillirtem Wasser gekocht sich in einem

Verhältnisse wie 1:3120 auflösete, eine Auflösung, die wasserhell

blieb und kaum nach zehn Tagen etwas Schwefel fallen lies. Sie schlug

den Silbersalpeter[20] schwarzbraun nieder in geringer Menge. Aus

dem Bleizucker und Queksilbersalpeter schied sie nach einiger Zeit

ein geringes weisses Präzipitat ab. Aus Kupfersalmiak sonderte sie

einen bläulichgrünen Niederschlag ab. Andere Metalauflösungen schien

sie nicht zu fällen. Besonders färbte und trübte sie eine starke

Arsenikauflösung (1:34) in geringsten nicht.[21]

§. 69. Hieraus sieht man deutlich, wenigstens in so fern die

Scheidekunst Licht geben kan, daß der Schwefel wenig oder keine

Heilkräfte gegen Arsenikvergiftung besizze. Vielleicht schmeicheln

uns dereinst wiederholte Erfahrungen mit dem Gegentheile bei den

Nachwehen dieses in die zweiten Wege übergegangenen Giftes oder bei

der schleichenden Vergiftung; dagegen ist indes so viel gewis, und wie

überhaupt aus der Schwerauflöslichkeit des Schwefels, so besonders aus

angegebnem Mangel an Verwandschaft mit Arsenik zu schliessen, daß er

gegen schnell tödliche Arsenikvergiftung durchaus ohne Nuzzen sei, und

durch auf sich gezognes Zutrauen bessere Mittel verdrängen und so die

edle Zeit versplittern könne.

Zweiter Theil.

Geschichte und Hülfe

der

Arsenikvergiftungskrankheiten.

Zweites Kapitel.

Gelegenheiten und Gestalten, unter denen Arsenik in unsern Körper kömt.

§. 70.

Die meisten Vergiftungen mögen wohl unwilkührlich geschehen. Da dieses

Mineral so oft in Künsten und Handwerken (als bei der Färberei,

besonders in Kattunfabriken und Rauchwerkfärbereien, wie Magnan

will, beim Geheimnis der Hutmacher, bei Düngung der Aecker,[22] zur

Verhinderung des Brandes im Getreide[23] zur Schmelzung und Versezzung

einiger Metalle, zum Weiskupfer oder Prinzmetall, zu Glocken- und

Spiegelkomposizionen, zu Argent haché, in Schrotgiessereien, zur

Vieharznei, zum Rusma der Türken, zur Verfeinerung des Glases, zur

Scheelischen grünen Farbe, zu Firnissen,[24] zur Mahlerei u. s. w.)

überdem aber und am häufigsten zur Vergiftung schädlicher Thiere der

Maulwürfe, Ratten, Mäuse, Fliegen u. s. f. wie wohl höchst unnöthig,

angewendet wird; so kan es nicht fehlen, daß das Hüttenrauchgift

nicht zuweilen Unglück in Haushaltungen anrichte, ohne vorsezliches

Verbrechen.

§. 71. Die möglichen Fälle eines solchen Versehens lassen sich ihrer

unendlichen Verschiedenheit halber weder bestimmen, noch erzählen. Das

Hauptsächlichste mag in folgendem bestehen.

§. 72. Wie leicht kan weisser Arsenik mit Niederschlagspulver, Zucker,

Mehl, Sand, Haarpuder, Potasche, gereinigtem Weinstein verwechselt

werden oder seines ähnlichen Ansehns halber unter diese Dinge gerathen.

Wie leicht können vorzüglich Kinder das für Fliegen aufgesezte Wasser,

oder die zur Tödung der Ratten und Mäuse bestimte Masse ihres süssen

Geschmaks wegen kosten und zu sich nehmen, oder in Werkstätten, wo

dergleichen zur Handthierung erfoderlich ist, auffassen und lüstern

verschlukken. Wie oft ist es geschehen, daß Mäuse, vorzüglich aber

Ratten nach verschluktem Arsenik über rohe oder zubereitete Speisen und

Getränke gerathen und sie mit Wiederausbrechen des Giftes besudeln.

Selten wird man zeitig eine solche Vergiftung gewahr -- aber von desto

fürchterlicher Art ist sie auch. Wie oft bringt das Gewerbe mit sich,

dem Staube und Rauche dieses Giftes ausgesezt zu seyn, Bestimmung aber,

Mangel eines andern Broderwerbs, und Hofnung reichlichern Gewins

macht diese Unglüklichen gegen die furchtbar heran schleichenden Uebel

blödsichtig.

§. 73. Ich gehe zunächst zu den wilkührlichen Vergiftungen über,

die als Selbstmorde betrachtet bekant genug sind. Fliegenstein und

Rattenpulver werden am häufigsten zu diesen traurigen Endzwecke

gebraucht, doch auch Operment und seine Abarten zuweilen.

§. 74. Mit gleichen Werkzeugen werden die von der Hand eines andern

geschehenden Vergiftungen volführt. Von diesen berühre ich hier nicht

die grobe schnelltödliche Arsenikvergiftung. Blos von der schleichenden

boshaften, endlich von der arzneilichen Arsenikvergiftung rede ich in

Folgendem.

§. 75. Die Aqua Toffana oder Toffanina, sonst auch Aquetta di Napoli

genant, jenes unsichtbare Werkzeug der meuchelmordsüchtigsten

Leidenschaften, besteht, wider die Meinung des Abt Gagliani,[25]

und eines vornehmen italienischen Reisenden mündlich mir gethanen

Versicherung, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht aus einer gemischten

Auflösung der spanischen Fliegen und des Mohnsafts, da dieses stygische

Wasser ohne Geschmak und Farbe seyn soll, Eigenschaften, die aus beiden

Ingredienzen fast unmöglich zu erhalten stehen, wenn das Gift kräftig

seyn soll. Wäre es möglich, so müste das einzige Mittel, die Kraft

beider Dinge wasserhell auszuziehen, in der Destillazion zu suchen

seyn.

§. 76. Da aber Männer von nicht geringem Ansehn, Plenk,[26] Fr.

Hoffman,[27] Bertholin,[28] Keysler,[29] Garelli,[30] Molitor,[31]

Haller,[32] Gmelin[33] u. a. versichern, daß der Hauptbestandtheil

dieses berühmten Giftwassers Arsenik sei, und da auch die Nachahmung

desselben in Frankreich (der Marquise von Brinvilliers eau mirable)

arsenikhaltig[34] befunden worden ist, so wird man keinen Anstand

nehmen, in der gewöhnlichsten Art dieses tödlichen Wassers Arsenik zu

vermuthen, wenn man bedenkt, daß die Zufälle der damit Vergifteten

denen ungemein gleichen, die man von abgebrochnen Gaben des

Hüttenrauchs erfolgen sieht. Ekel, Mattigkeit, nagender Magenschmerz,

Verfall der Kräfte ohne sichtbare anderweitige Ursache und ein

unnenbares Uebelbefinden, worauf Abzehrung des Körpers, Verderbnis

der Lunge, schleichendes Fieber u. s. w. unvermerkt folgen, deuten auf

dieses Gift,[35] besonders wenn noch irgend ein narkotisches Ingredienz

(destillirtes Mohnsaftwasser? Kirschlorbeerwasser?) dazu kömt.

§. 77. Daß leztere Verbindung unter allen die gefährlichste sei lehren

die Arsenikvergiftungen, wo Theriak- und Mohnsaftmittel selbst bei

geringer Giftgabe so unersezlichen Schaden und Todesfälle bewirkten

(§. 160., 3.). Selbst die grose Hülfe, die Keysler und andre vom

Limoniensaft bei dieser Meuchelvergiftung bemerkt haben, bestätigt die

Gegenwart eines narkotischen Ingredienz, besonders des Mohnsaftes.

§. 78. Nahe hieran gränzen die Giftmischereien, die unter der Etiquette

der Fiebertropfen und Fieberpulver fast bei allen Nazionen, vorzüglich

aus den Händen der Pfuscherärzte -- der fruchtbarsten Quelle des Todes

-- ergiebig hervorfliessen. Arsenik war in dieser Absicht schon in der

Mitte des vorigen Jahrhunderts[36] bekant.

§. 79. Die Gabe der Tropfen (wozu man das Rezept von mir nicht

verlangen wird) ist gewöhnlich Zwanzig mehr oder weniger, das Ansehn

wasserhell, gilblich oder röthlich, der Geschmak unmerklich, oder

wie Essig, am häufigsten wie alkalische Lauge.[37] Es ist wahr,

die Wechselfieber widerstehn selten dieser tückischen Arznei,

sie bleiben grosentheils ohne Wiederkunft zurük, aber sehr oft

mit unausbleiblichem, oft unersezlichen Schaden des Kranken.

Wassersuchten, Fall der Kräfte, Auszehrungen u. s. w. folgen oft.

§. 80. Ich lasse mich bei diesen Tropfen (am wenigsten bei ähnlichen

Fieberpulvern, wo der Arsenik unaufgelöst desto nachdrüklichern

Schaden anrichten kan) nicht in das =Für= und =Wider= ein, genug die

gröste Vorsicht scheitert sehr oft mit dieser fast unbezwinglichen

Metallsäure, wenn sie auch zuweilen merkwürdige Fälle zu ihrer

Empfehlung aufzuweisen hat. Unter meinen Augen vorgefallene Beweise von

beiden, würden manche Demonstrationen a priori ersparen, wenn es der

Ort wäre, sie anzuführen.

§. 81. =Jakobi=, =Heuerman=, =Lefebüre=, =Slevogt=, =Frick=, mögen zur

Vertheidigung dieses innerlichen Mittels sagen, was sie wollen, ihnen

stehn die aufrichtigsten Beobachtungen eines =Helmont=, =Wepfer=,

=Stahl=, =Lindestolpe=, =Gohl=, =Wedel=, =Hoffman=, =Sprögel=, =Störk=

und =Gmelin= entgegen; ja man kan dreist annehmen, daß mit den

arsenikalischen Fiebermitteln nicht weniger Menschen hingerichtet und

unglüklich gemacht worden, als mit allen /aqua della toffana/, /aquetta

di napoli/, /aqua del Petesino/, und /eau mirable/ zusammen genommen.

§. 82. Bei allem dem hat man jedoch wenig Hofnung, dieses Mittel

vertilgt zu sehen. Der Landmann und Kleinstädtler, der in niedrigen,

halbunterirdischen feuchten Löchern oder in sumpfigen Gegenden und

eingeschlosnen tiefen Thälern wohnet, wo Wechselfieber so häufig

und hartnäckig sind, will sich geschwind, ohne Uebelschmack und

Umstände für ein Geringes geholfen wissen und kauft begierig von einem

nahen Quaksalber (der nur auf Einnahme sieht, ohne das Glück der

Menschheit zu beherzigen) eine solche Arznei, da sie wohlfeil ist, fast

zuverlässig das Fieber vertreibt, und da man sie in sehr kleiner Menge

nimt, ohne übeln Geschmak.

§. 83. Der aus ihrem Gebrauche erwachsende Nachtheil kan in Gegenden,

wo endemische Wechselfieber sonst noch mancherlei (ähnliche) Uebel,

Engbrüstigkeit, Geschwülste, Cachexien u. d. g. erzeugen, schwerlich

von leztern Uebeln unterschieden und erkant werden, wenigstens nicht

vom geringen Manne, der, ohne auf besorgliche Nachwehen zu sehn, nur

nach schneller so genanter Hülfe strebt.

§. 84. Welche Wohlthat für diese Art armer Leute, wenn ihnen,

statt dieser, sichre, unschädliche, hülfreiche Fieberarzneien

aus einheimischen Produkten (Bruchweidenrinde, Hasselwurzel,

Benediktenwurzel u. s. w.) wohlfeil in die Hände gegeben würden!

§. 85. Ausser dem innerlichen Gebrauche des Arseniks gegen

Wechselfieber hat man sich auch vor den Tropfen des =Lefebüre= gegen

krebshafte Geschwüre zu hüten. So gering auch die Menge des darin

befindlichen Arseniks ist, so gewis können doch schleichende, zuweilen

auch schnelle Vergiftungen dadurch entstehen.

§. 86. Nicht weniger mistrauisch mus man gegen die äuserliche

Anwendung des Arseniks seyn, besonders gegen die, wo er als Pulver,

oder in sonst einer konzentrirten Form aufgelegt wird, wo er oft

schnelltödlicher ist,[38] als wäre er innerlich genommen worden.

§. 87. Man würde kaum glauben, wie leicht dies Gift durch die

einsaugenden Gefäse der Haut in die Masse der Säfte gebracht werde,

sähe man aus den aufgezeichneten traurigen Zufällen seines äusserlichen

Gebrauchs nicht bestätigt, daß es den Magen, die Gedärme und die Nerven

überhaupt anzugreifen pflegt.[39]

§. 88. Ohnmacht, hizzige schnelltödende oder almählig abzehrende

Fieber, Erbrechen, Magendrücken, Schneiden in den Gedärmen, (sogar

Entzündungen der innern Haut der ersten Wege) Kontraktur, Lähmung,

Konvulsionen sind unzweideutige Merkmale seiner Einsaugung in die

Säftmasse oder vielmehr eines besondern auf das ganze Nervensystem

verbreiteten Eindruks, wiewohl ich nicht leugne, daß bei seiner

Anwendung auf verwundete eiternde Stellen des Körpers, besonders in

trokner Pulvergestalt, der schleunig bewirkte Tod zuweilen mehr von

dadurch entstandner örtlichen Entzündung und Brande, entstanden seyn

mag, wie die bei verschiednen dergleichen Fällen vorkommenden Symptome

deutlich zu verstehen geben.

§. 89. Was hindert uns die schreklichen oft schnell oft schleichend

um sich greifenden Symptomen der äusserlichen Vergiftung mit Arsenik

(die denen der innerlichen Einschlukung so[40] gleich sind) einer

besondern und eigenthümlichen Einwirkung des Hüttenrauchs auf das

ganze Nervensystem zuzuschreiben, indem es fast unmöglich ist, daß

dies Gift den Kreislauf der Säfte und die Absonderungsgefäse so

unglaublich schnell durchlaufen könne, als oft schon der Tod erfolgt.

Oder haben wir nicht noch andre starkwirkende Dinge -- Mohnsaft,

Salmiakgeist, Aether, Wein, Purgierharze, stinkende Oele u. d. g.

die schnell und oft augenbliklich jedes mit der ihm eignen Kraft das

Nervensystem durchdringen,[41] erquicken, entfernte Krämpfe heben,

reizzen, purgieren u. d. g. ob sie gleich nur in den Mund genommen,

an die Nase gehalten oder auf die unverlezte Haut geleget worden.

Wie schnell wirkt der kleinste Bis der Klapperschlange, die kleinste

Wunde von Pfeilen mit dem Gifte der Lamas[42] oder dem javaischen

Giftbaumharze[43] bestrichen den Tod! Durch einen augenbliklich durch

das Empfindungssystem verbreiteten Eindruk doch wohl?

§. 90. Man hatte ehedem, und hat noch jezt verschiedne empirische

topische Mittel gegen Ausschläge, Grind, Kräzze, den Krebs[44] u. s.

w. die dieses Gift in trokner oder aufgelöster Gestalt enthalten,

aber unzählige Beispiele[45] zeichnen ihre Gefährlichkeit mit den

schreklichsten Farben.

§. 91. Das mit Recht, wie mich dünkt, in Vergessenheit gerathene, von

den Alten gegen Pestbeulen und viertägige Fieber gerühmte Salische

oder Hartmannische Magnetpflaster (das Hüneraugerpflaster[46] nicht

ausgeschlossen) gehört hieher[47] und verdient keiner weitern Erwähnung.

§. 92. Was ein rechtschafner einsichtsvoller Arzt thut, mus man seiner

Erfahrung, seinen Kentnissen und seiner Gewissenhaftigkeit überlassen,

aber andern Händen solte man ein so gewisses Werkzeug des Todes (bei

unrichtiger Anwendung) nicht so unbedingt überlassen.

§. 93. Deshalb solte man überhaupt behutsamer mit dieser grausamen

Waare im Handel umgehen, den Verschleis derselben nicht Krämer, und

kleinen Materialhändlern verstatten, eigentlichen Droquisten aber nur

den Verkauf in Pfunden und blos an Apotheken erlauben.

§. 94. In Apotheken solten eigne verschlosne Behältnisse für dieses

Gift vorhanden seyn, wozu blos der Eigenthümer den Schlüssel hätte,

da man keine Anwendung weis, wo Arsenik in dringender Eil nüzlich zu

gebrauchen sei. Der Herr der Apotheke solte über dieses und ähnliche

Gifte ein besondres Buch halten, worin unter andern der Namen des

bekanten, Bürgschaft fähigen Empfängers, der von lezterm unterschriebne

Empfangschein gegenüber geheftet, und die Anzeige des Behufs bemerkt

würde, dem jährlich die Apotheke untersuchenden Arzte vorzulegen.

§. 95. Da man unschädlichere Vertilgungsmittel (Fallen, in Fett

gebratnen Schwam, Krähenaugen, Sabadillsamen u. s. w.) hat, so solte

man sich zur Tödung schädlicher Thiere des Arseniks (und Sublimats)

durchaus nicht bedienen dürfen und seinen Verkauf, (doch nur in dieser

leztern Rüksicht) untersagen, wodurch seiner vorsichtigen Anwendung in

den Künsten nichts benommen würde; welches ich gegen =Navier's= und

andrer vorgeschlagne algemeine Vertilgung dieses Minerals erwähne, da

der Industrie auch ein misbräuchlicher Erwerbungszweig nicht versagt

werden kan.[48]

Drittes Kapitel.

Symptomen der drei Grade der innern Arsenikvergiftung, und die der

äussern.

§. 96.

Da wir es hier vorzüglich mit der innern Arsenikvergiftung zu thun

haben, welche die ausgesuchteste und dringendste Behandlung verlangt,

so werde ich zuerst etwas über die Zufälle sagen, die die tödlichste

Vergiftung hervorzubringen pflegt, dann derjenigen erwähnen, wo das

Gift in geringerer Menge oder unter günstigern Umständen eingeschlukt

worden ist, und zulezt einiges von denjenigen Uebeln erinnern, die

eine kleine auf einmal genommene Gabe, die almählig fortgesezte

Vergiftung mit abgebrochnen Gaben dieses Minerals oder die almählige

Einschleichung desselben durch die Haut oder die Lunge zu begleiten

pflegen.

§. 97. Am übelsten sind diejenigen Personen daran, die weissen Arsenik

in Menge in den nüchternen oder mit hizzigen Getränken, Brantwein u.

s. w. angefülten Magen geschlukt haben; die ohne Hülfe sind oder mit

schädlichen (§. 160.) Mitteln Säuren, Opiaten, scharfen Brechmitteln,

hizzigen Essenzen u. s. w. bestürmt werden, die von reizbaren Nerven,

cholerischen Temperament, und troknen Fibern; die zu krampfhaften und

entzündenden Leidenschaften geneigt, durch Zorn, Gram, Eifersucht,

Furcht, Schrecken zerrüttet, mit scharfer Galle oder einem Uebermase

leicht entzündlichen Blutes angefült oder sonst, leicht in Tod

ausartenden Krankheiten, Lungensucht, andern innerlichen Eiterungen

und Verhärtungen der edlern Eingeweide, Schlagflüssen, Brüchen,

Kolik, Cholera, Polypen der grösern Aderstämme, innern Blut- und

Schlagadergeschwülsten, Brustwassersucht u. s. w. unterworfen, oder

sonst schwächlich, sehr jung oder sehr alt sind.

§. 98. Treffen diese oder ähnliche Umstände in mehrerer Zahl zusammen,

so folgen die heftigsten, jezt zu erzählenden Zufälle schnell auf

einander bis zum Tode nach drei bis zwanzig Stunden, welches ich die

schnelltödliche oder den ersten Grad der Vergiftung nenne.

§. 99. Zuerst wird der Vergiftete mit einem kalten Schauder überfallen,

der den Körper durchbebt, eine unnenbare Aengstlichkeit, eine die Brust

zusammenschnürende Uebelkeit, ein kalter banger Schweis an der Stirne

und algemeines Zittern der Gliedmasen wechseln unter einander ab.

Hände, Füse und Nasenspizze werden todenkalt, die Augenlieder werden

blau unterlaufen, während daß der niedergedrückte Puls an Härte und

Geschwindigkeit zunimt.

§. 100. Nun folgen heftigere Reizzungen zum Erbrechen, die gewaltsam,

aber, obgleich anfangs nicht völlig, doch nachgehends, der

Zusammenschnürung des obern Magenmundes wegen, fast fruchtlos sind,

besonders wenn der Magen leer von Speisen ist. Er klagt über Brennen

im Halse, Schlunde und der Herzgrube, über zerreissende, brennende

Empfindungen, weis sich nicht zu lassen.

§. 101. Der Arsenik wühlt und zerstört ohne den Magen zu gehörigen

antiperistaltischen Bewegungen, zum ergiebigen, hülfreichen Erbrechen

zu reizzen. Er hängt sich fest in die Zottenhaut des Magens, schrumpft

sie, wie kochendes Wasser thut, zusammen und reizt die nahliegenden

Blutgefäse zur fortschreitenden Entzündung, ohne vorher zwekmäsige

Ausleerungen bewirkt zu haben. Das ganze Nervensystem erbebt, man

sieht mehr beabsichtete Zerrüttungen als gedeihlige Entladungen. Die

Natur scheint den überlegnen Feind alzutief zu fühlen, als daß sie

Muth, daß sie Kräfte samlen solte, ihm zu widerstreben, ihn vor sich

hinzutreiben, doch wagt sie es von Zeit zu Zeit in erneuerten Angriffen.

§. 102. Das fruchtlose Würgen, das Fieber, der fürchterlichste

Schauder, die Angst, die innere Hizze, der unauslöschliche Durst nimt

zu, der Athem wird geschwinder und heis, krampfhafter und heftiger, die

glänzenden Augen treten aus ihren Höhlen hervor. Die unaussprechlichste

Bangigkeit, und der brennende, zerreissende, übermannende Schmerz um

die Herzgrube quälet mit steigender Verdoppelung.

§. 103. Anfänglich wird der Unterleib eingezogen -- weiterhin aber

von der um sich greifenden Entzündung des Magens, der Leber, Milz

u. s. w. heis und aufgetrieben, die Reizzungen zum Erbrechen werden

unwiderstehbar und unaufhörlich, das Keuchen, die trokne, lechzende

Zunge, der aufgesperrte Mund suchen Labung, kühle Luft. Der Harn und

Stuhlgang bleiben zurük, das Weggebrochne ist von garstiger Farbe und

Geruch auch wohl mit Blute vermischt. Es folgt Schneiden und Winden in

den Gedärmen, besonders um den Nabel herum. Der Kranke ist ausser sich,

sieht und hört nicht recht. Sein Blick ist fürchterlich furchtsam.

§. 104. Schon sieht man die Algewalt des innerlich ohne Schonung

nagenden Verwüsters in den blauen schäumenden Lippen, der geschwollenen

zitternden Zunge, in den angstvollen Zügen des aufgedunsenen Gesichts,

den klebrichten Schweistropfen auf der kalten Stirne, den bleifarbnen

Ringen um die stieren Augen.

§. 105. Der Elende sieht sich nicht mehr ähnlich, schreit gräslich,

winselt verzweiflungsvoll mit abgebrochnen, heftigen, heisern Worten

Errettung, Qual, Feuer, Tödung; wälzet, wirft sich ungestüm.

§. 106. Bald aber sieht man die Empfindungskraft sinken, er wird

ruhiger, die Brust hebt sich seltner, das Erbrechen bleibt ganz

zurük[49], die schwärzlichen Lippen zittern, der Puls wird unfühlbar.

Es erfolgen unbemerkt ashaft stinkende Stühle von ekelhafter Farbe.

§. 107. Der Augenstern erweitert sich, der Sterbende röchelt

bewustseynlos, Verzuckungen bemächtigen sich seiner erstarrenden

Glieder, und seines eiskalten Gesichts, er schnarcht hohl und

schauderhaft langsamer und langsamer, und -- auf einmal bleibt mit dem

lezten spasmodischen Odemzug das verdrehte Auge, der aufgesperte Mund,

die ganze Maschine stehn -- er ist tod.

§. 108. Dies ist ein Abris des gewöhnlichsten Ganges der

schnelltödlichen Arsenikvergiftung, ohne beigebrachte Hülfe. Viele

Umstände verziehen und verwischen (§. 337.) zwar hie und da einige Züge

dieses Gemäldes, es bleibt jedoch dem Richterauge des Arztes[50] stets

unverkenlich.

§. 109. Die erste Periode (§. 99.-102.) mag wohl gewöhnlich die Hälfte

der Dauer der Krankheit, die zweite (§. 103.-105.) drei Achtel und die

dritte (§. 106., 107.) das lezte Achtel derselben einnehmen.

§. 110. Aehnliche Zufälle leiden oft die nach äuserlicher Anwendung des

Arseniks auf verwundete Stellen plözlich Dahinsterbenden.[51]

§. 111. Ich komme zu dem zweiten Grade der Arsenikvergiftung, der

gelindern oder durch verschiedne Umstände zögernden. Sie steht in

Rüksicht der Tödlichkeit in der Mitte; die Dauer der scheinbaren sich

selbst überlassenen Krankheit bis zum Tode ist mehrere Tage, und diese

Zögerung bewirkt den der gerichtlichen Ausmittelung so oft im Wege

stehenden Mangel des vorzufindenden Giftes, da die Ausleerungen es

gröstentheils wegzuschaffen oder der Untersuchung auf andre Weise zu

entziehen pflegen.

§. 112. Diese Vergiftung hat Statt bei einer über vier Gran betragenden

Menge weisen Arseniks und bei verschiednen höhern Gaben Fliegenstein

und Operment unter weniger ungünstigen Umständen verschlukt; als da

sind, ein schlaffer unempfindlicher, mit Schleim angefülter, völlig

ausgewachsener nicht ungesunder Körper, vor der Vergiftung oder

zugleich mit derselben genossene Speisen, häufigere Getränke obgleich

nicht von der besten Art, kältere unthätigere Leidenschaften u. s. w.

§. 113. Eine geringere Menge als fünf Gran weisser Arsenik u. s. w.

unter weniger günstigen Umständen verschlukt, vermag das nemliche zu

thun; ja nur ein bis zwei Grane können, wenn viele der beim ersten

Grade (§. 97.) angezeigten Umstände zusammen treffen, eine nach

verschiednen Tagen, ja noch geschwinder tödliche Vergiftung selbst bei

einer Person von reiferm Alter hervorbringen.

§. 114. Alle jezt (§. 112., 113.) angezeigten Gaben Arsenik können

selbst bei mäsig guten Umständen bei Kindern, Schwachen und Alten

vor sich tödlich werden und dann zum ersten Grade das ist zur

schnelltödlichen Vergiftung werden.

§. 115. Ich werde mich bei Beschreibung dieses zweiten Grades, seines

verschiednen Ganges wegen nicht aufhalten; die Zufälle sind ihrer Natur

nach denen des ersten Grades ähnlich, sie steigen nur langsamer und

haben verschiedne minder heftige Episoden und eingeschobne Nachlässe.

§. 116. Die Entzündung des Magens und der nahen Theile, die

Einschrumpfung und Anfressung der innern Haut des Schlundes, Magens

und der Gedärme geht langweiliger, verschiedner nicht zu bestimmender

Umstände halber etwas unterbrochner, obgleich oft eben so gewis vor

sich, und die Eingeweide scheinen mehr durch Aezkraft des almählig

aufgelösten Arseniks als durch seine Uebermenge zerstört zu werden.

§. 117. Die Angst, die Zusammenschnürung der Brust, das Würgen ist

mehr absezzend, nicht so unterdrückend und plözlich übermannend, das

Fieber steigend aber nicht ohne einigen Nachlas, die zerschneidende,

fressende und feurige Empfindung im ersten Grade ist hier von Zeit zu

Zeit erneuertes wühlendes Nagen, Drücken, Kolik, Kneipen. Das Gesicht

geschwilt stärker -- der Unterleib ist hart, es fahren Bläschen um und

in dem Munde aus, wie die Schwämchen u. s. w.

§. 118. Besonders aber zeichnet sich dieser Grad durch häufigere,

stinkende und blutige Stuhlgänge mit almählig überhand nehmendem

Schneiden in den Gedärmen mit nur selten untermischtem Erbrechen vor

dem ersten aus.

§. 119. Die tödlichen Wirkungen des Giftes in diesem Falle scheinen

eben so sehr durch die Anfressung, Entzündung, Brand und Zerstörung

der (besonders der dünnen) Gedärme als durch die des Magens sich

hervorzuthun, wie die Leichenöfnungen beweisen;[52] beim ersten Grade

aber mehr durch die des Magens, beizu durch Entzündung der Lunge,

Leber, Milz und des Zwergfels. Doch scheint ein tödender Eindruk auf

das ganze Empfindungssystem der Nerven bei der schnelltödlichsten

Vergiftung zuweilen mehr Ursache der Lebensberaubung zu seyn als der

natürliche Uebergang der Entzündung in den Brand die gewöhnlichste

Ursache des Todes beim zweiten Grade.

§. 120. Die Kräfte des Kranken im zweiten Grade sinken almählig, das

Bewustseyn aber bleibt unversehrt bis zulezt, bei dessen Verlust dann

ebenfals erst die Zuckungen, als Vorläufer des Todes, entstehen,

bisweilen nach einem gewaltsamen anhaltenden Schluksen, der keine

Linderung annimt.

§. 121. Doch hat dieser Grad besonders für empfindliche Personen noch

eine Qual mehr, (als der erste, wo der Vergiftete gleichsam mit Wuth

aus dem Leben gerissen wird). Da die Zufälle hier mehr eingeschaltete

Nachlässe haben, so erhalten die diese Todesart begleitenden

Leidenschaften freiern Spielraum, die Seele zu bestürmen. Bei

übelgeführtem Lebenswandel oder bei Selbstvergiftung Reue, Verzweiflung

-- bei empfangnem, Rachsucht, Gram, Abscheu, Verachtung, Verdrus über

verworren zurükzulassendes Hauswesen und Amt, kummervoller Abschied

von geliebten Gegenständen -- lebhafteres Bewustseyn und unbetäubtes

Gefühl almählig steigender, unbezwinglicher Schmerzen, niederdrückende

Unerreichbarkeit der Rettungsmittel -- der Anblik des tückisch

heranschleichenden Todes -- alles reist die Qual des Unglüklichen zur

furchtbarsten Höhe empor und ergänzt nur alzuoft, was dem Gifte etwa an

Tödlichkeit abgieng.

§. 122. Uebrigens sterben diese Kranken an einem Gemische von Brand und

Zerstörung der zur Nahrung unentbehrlichen Eingeweide des Unterleibes,

zugleich an Entzündung der Lunge (da das konvulsivische Erbrechen und

Würgen das Zwergfell heftig zusammenschnürt und so die Brusthöhle

verengert, daß die durch den Reiz in jähen Lauf gesezte, zur Entzündung

schon vorbereitete Blutmasse ohne Stockung und Entzündung zu erregen

sich durch die zusammengepresten Lungen nicht hindurchdrängen kan) an

Entzündung der Leber, der Milz, der Harnblase, der Nieren u. s. w. an

Mangel der Kräfte (durch Schmerzen erschöpft) und an einem algemeinen

Fieber, anfänglich entzündlicher, dann gallichter, zulezt schleichender

und fäulichter Art, ohne den möglichen Beitritt andrer prädisponirten

Krankheiten mit in Anschlag zu bringen.

§. 123. Geht durch mäsig gute Behandlung bei einer starken, oder

durch eine leidliche bei einer geringern Arsenikvergiftung der erste

heftigste Sturm vorüber, das ist, erfolgt zwar häufiges Erbrechen

(vielleicht bei Zögerung des Durchlaufs; oder häufiger Durchlauf ohne

zwekmäsiges Erbrechen, u. d. g.) doch ohne völlige Ausleerung des

Gifts, so greift das übriggebliebne[53] die Nerven an, und bringt die

Krankheit bald aus dem ersten durch den zweiten Grad in den dritten

über, man sieht, daß nicht der Tod, sondern chronische Uebel erfolgen

wollen. Absezzender, oft wiederkehrender Krampf[54] in den Gliedern

besonders in den Füsen[55] gesellet sich zu erneuerten Fieberanfällen,

mit Kolikschmerzen, krampfhaftem Einziehn des Unterleibes, Kopfweh,

Hizze, Durst untermischt, vorzüglich wenn man blos verdünnende und

schweistreibende Mittel zu brauchen fortfährt.

§. 124. Nach einem der neuen Fieberanfälle, wobei Brechen und Durchlauf

sich noch oft erneuert, sucht die Natur die schädlichen Theile

ernstlich auf die Gliedmasen zu werfen, sie werden krumm gezogen,[56]

so daß sie der Kranke nicht ausstrecken kan, wenigstens die unteren

nicht. Unterläst man auch hier noch die ausleerenden Gift zerstörenden

Mittel und bedient sich dagegen ferner der schweistreibenden, so

erneuern sich die unordentlichen Fieberanfälle, der Puls wird

absezzend, die Augen werden blödsichtig (wohl gar steif) und gelb,

der Mund wird bitter, der Kopfschmerz und die Herzensangst ist

unerträglich, und in die zusammengezognen Muskeln dringt ein brennend

jückender Schmerz, der dem gichtartigen nahe kömt, ohne Erleichterung

der übrigen Symptome.

§. 125. Sezt man, wie gewöhnlich, die diaphoretischen Mittel fort, so

erfolgt nicht selten bei einem erneuerten sehr heftigen Fieberanfalle

ein Frieselausschlag, zuweilen über den ganzen Körper, die Bläschen

fliesen nicht selten zusammen und enthalten ein höchst fressendes

Wasser. Zuweilen endet sich durch diese Krisis die ganze Krankheit,[57]

öfterer aber nicht, wenn das Uebel von höherer Art, und die Reste

des Gifts alzu beträchtlich sind. In lezterm Falle wird durch diesen

Ausschlag die Kontraktur in Lähmung verwandelt, die gichtartigen

Schmerzen bleiben, der Ausschlag vertroknet und die Oberhaut schält

sich ab.

§. 126. Auf dieses Abschälen bleibt gröstentheils eine äussere beim

Anrühren schmerzhafte Empfindlichkeit der Haut zurük. Die Gliedmasen,

vorzüglich die Füse schwellen an. Die unordentlichen Fieberanfälle

dauern demungeachtet fort mit Magendrücken, Kolik, u. s. w. Bei

einem der heftigsten Paroxysmen entstehen nicht selten unter Angst,

Herzklopfen u. d. g. heftige Biegungen des Körpers und Konvulsionen

(/eclampsia/ des Sauvages) mit völligem Bewustseyn.

§. 127. Lassen die Beschwerden durch Gebrauch guter Mittel etwas

nach, so erfolgt in der Besserung zuerst die Wilkührlichkeit der

Bewegung[58], aber anfänglich ohne Nachdruk oder Festigkeit im

Zusammenziehn der Muskeln, d. i. der Einflus des Nervengeistes begint

eher, als die Reizbarkeit der Muskelfieber völlig zu Stande kömt.

§. 128. Im Falle aber, daß ein geschikter Arzt dem Vergifteten zu einer

Zeit zu Hülfe kömt (im ersten oder zweiten Grade) wenn der Arsenik

schon wichtige örtliche Zerstörungen in den ersten Wegen, Ablösung der

Zottenhaut, eiternde Entzündung der darunter liegenden Gefäshaut u. d.

g. angerichtet hat, so wird, wenn er durch zwekmäsige Ausleerungen die

Reste des Arseniks rein abgeführt hat, zwar wenig oder nichts von den

(§. 123.-126.) Zufällen des Uebergangs desselben in die zweiten Wege

erfolgen, aber die Krankheit wird demungeachtet in ein schleichendes

oft nach langer[59] Zeit tödliches Fieber ausarten.

§. 129. Verfall der Kräfte, kachektisches Ansehn, unordentliche

Fieberschauder, Magendrücken nach dem Genusse irgend eines selbst

leichten Nahrungsmittels, Erbrechen gleich nach der Mahlzeit, bittrer,

unangenehmer Geschmak im Munde, Kopfschmerzen, Trokenheit der

Oberhaut, Brennen in der flachen Hand, gilbliche Augen, schmerzhafter,

unordentlicher Stuhlgang, Unruhe, Niedergeschlagenheit, Geschwulst,

Nachtschweise sind die gewöhnlichen Begleiter abgefallener Krusten und

Eiterstellen der ersten Wege, die vorzüglich um den Pförtner herum

ihren Siz haben, auch wohl um den obern Magenmund, im Boden dieses

Eingeweides, seltner in den Krümmungen der Gedärme.

§. 130. Gehn die schwärenden Flecken nicht tief, war der Körper vorher

gesund und voller Kräfte und ist die Heilungsbehandlung rechter Art, so

werden zuweilen[60] solche Geschwüre völlig geheilt und die Gesundheit

kehrt wieder zurük; doch ist dieser Fall deshalb noch selten genug, da

diese günstigen Umstände sich selten vereinigen.

§. 131. Diese Zerstörung der innern Haut der ersten Wege trift nicht

nur bei der eigentlichen meuchelmörderischen oder der melancholischen

Selbstvergiftung ein, sondern auch bei dem innerlichen sorglosen

Arzneigebrauche dieses Giftes. Die von schleichendem Arsenikgifte

bewirkten Zufälle können wir in der tödlichen Krankengeschichte einiger

Päbste und hohen Fürsten nachsehn, sie sind ein almähliges Absterben

ohne heftige und schnelle Symptomen ein namloses Uebelbefinden,

Verfall der Kräfte, kleine unmerkliche unordentliche Fieberanfälle,

Schlaflosigkeit, Widerwillen gegen Speise und Trank und alles

Angenehme des Lebens, erdfahles Ansehn, u. d. g. Die Szene beschliest,

Wassersucht, schwärzlicher Frieselausschlag, Eklampsie, oder

kräfteschmelzender Schweis und Durchlauf. Der fortgesezte innerliche

Arzneigebrauch arsenikalischer Mittel wirkt ähnlich.

§. 132. Obgleich Operment und seine Nebengattungen nur gröstentheils

in gröserer Gabe tödlich werden und fast stets nur eine Vergiftung des

zweiten Grades, zuweilen des dritten Grades verursachen, so bestimt uns

doch ihre Schädlichkeit, sie unter den Arsenikgiften mit abzuhandeln.

Es giebt keinen Zufall der übrigen Arsenikvergiftungen, der nicht durch

diese, ob gleich mildern, Gifte veranlast und hervorgebracht worden

wäre, wie eine Menge Beispiele[61] bezeugen. Die Zerstörung der innern

Häute der ersten Wege, so wie die Symptomen des Uebergangs dieses

Giftes in die zweiten Wege, Kontraktur, Lähmung,[62] Arsenikfriesel,

Konvulsionen u. d. g. sind ihnen nicht weniger wie dem Fliegenstein und

dem weissen Arsenik eigen.

§. 133. Die Zufälle des äusserlichen Gebrauchs[63] auf der unversehrten

Haut,[64] wie die ebendesselben auf wunde oder eiternde Stellen

der äusserlichen Theile sind völlig mit denen eins, die auf innere

Vergiftungen folgen, keinen ausgenommen.[65] Nur sind die chronischen

Arsenikzufälle seltner, und wenn der Tod erfolgt, kömt er sehr schnell,

wie beim ersten Grade, fast nie wie beim zweiten. Im ersten Falle ist

eine Einsaugung des Giftes in die Säftmasse, im lezten ein algemeiner

Eindruk auf das Empfindungssystem sichtbar.

§. 134. Die jählinge Einathmung einer Menge Arsenikstaubs oder

Rauchs[66] ist gewöhnlich von den heftigsten und reisendsten

Symptomen begleitet;[67] die almähliche Einsaugung beider aber von

höchstbeschwerlichen und langwierigen, von etwas verschiedner Natur.

Bei lezterer ist die Ausdörrung aller schmeidigen Säfte des Körpers,

Lungensucht, Zittern, Kontraktur und Lähmung[68] am sichtbarsten.

§. 135. Von lezterer Art sind die Zufälle der mit Bereitung des

Weiskupfers[69] mit dem Farbsieben[70] in Blaufarbenwerken, der

daselbst bei den Rostöfen[71] und bei der Verpakung und Pülverung

dieses Giftes beschäftigten, der Arbeiter beim Fegen der Giftfänge,

der Bergleute[72] in arsenikreichen Gruben, derer die mit[73] Pochen,

Scheiden und Aushalten solcher Erze sich beschäftigen und der

Mahlern[74] und Farbenreiber,[75] die mit Rauschgelb und Operment

umgehn, so wie überhaupt aller Personen in deren Gewerbe dieses Gift

vorkömt. Alle ziehn durch Einathmen, durch Verschlucken des mit

Giftstaub gemischten Speichels und durch die einsaugenden Oefnungen der

Haut ihre Krankheit oder ihren Tod ein.

Viertes Kapitel.

Wirkungsart des Arseniks.

§. 136.

Hätte es keinen Nuzzen in der ausübenden Heilkunde, die eigentliche

Wirkungsart der Gifte auf den menschlichen Körper erforscht zu haben,

so unternähme ich es nicht, das geringste von der Wirkungsart des

Arseniks zu erwähnen, da es schwer ist über dunkle Sachen richtig zu

urtheilen, und schiefe Theorie die Ausübung selbst zu verziehen pflegt.

Deshalb werde ich lieber weniger sagen und nichts für wahrscheinlich

ausgeben, was nicht auf mehrere übereinstimmende Thatsachen

sich gründet. (Etwas hieher Gehöriges ist schon in einige der

vorhergehenden Paragraphen eingeflossen.) Auf der andern Seite muste

ich etwas Bestimtes von seiner Wirkungsart sagen, um mir den Uebergang

zum Heilungsverfahren zu bahnen, und lezteres auf jene stüzzen zu

können. Der Arsenik hat äussere oder mechanische und chemische oder

innere spezifische Eigenschaften.

§. 137. Die mechanischen sind, wenn das Gift Pulver ist, seine Schwere

und seine hierauf beruhende grösere Anhänglichkeit an feste Körper.

Je schwerer (§. 8., 17., 25., 31., 35.) eine Arsenikart ist, desto

fester legt sie sich an die Wände der Eingeweide an, und deshalb würde

weisser Arsenik viel schwerer aus dem Körper zu bringen seyn, als

Operment, wenn er nicht zugleich leztern so sehr an Auflöslichkeit

überträfe. Deshalb verhält sich die Schädlichkeit der Arseniksorten

unter einander, wie die spezifische Schwere einer jeden mit ihrer

Auflöslichkeit multiplizirt.[76] Die Eigenschaft dieser Pulver, mit

Flüssigkeiten gemischt, sich in Klümpchen zu samlen, und als solche

theils zu Boden zu gehn, theils sich auf der Oberfläche zu vereinigen

und an den Rand des Gefäses zu hängen, beruht eben hierauf. Vermöge

dieser Eigenschaft und der Schwere ist es begreiflich, woher es komme,

daß man bei Arsenikvergiftungen, die mit Pulver geschehen sind, immer

nur einzelne umschriebne Stellen der innern Magenhäute so entsezlich

angegriffen siehet, wo nemlich das Arsenikpulver, in Klümpchen

vereinigt, sich tief und fest in die Zottenhaut einhieng und so unter

sich an einer Stelle fras.

§. 138. Was die chemische, innere spezifische Eigenschaft zu

wirken anlangt, so komme man von der in der Praxis so schädlichen

Hypothese zurük, der Arsenik wirke so giftig, vermöge seiner kleinen

scharfspizzigen Theilchen, wie Mead[77] und andre annahmen. Wäre dies,

so könte gestosnes Glas in seiner Wirkungsart auf den Magen und die

ganze thierische Maschine von der des Arseniks nicht im mindesten

abweichen, wovon wir doch das Gegentheil sehen. Und wer hat durch

die wirksamsten Vergrösrungsgläser wohl je in der Arsenikauflösung

dergleichen Spieschen wahrgenommen?

§. 139. Man kan die innere chemische Kraft des Arseniks in zwei

Theile theilen, in die reizzende und die einschrumpfende. Selten

agirt eine dieser beiden Eigenschaften allein, gewöhnlich wirken sie

gemeinschaftlich. Es giebt verschiedne Gegenstände der Wirkung dieser

zusammengesezten Kraft. Auf der Faser, auf der das Gift angebracht

wird, wirkt es Entzündung durch seine reizzende, und Tödung durch seine

einschrumpfende Kraft. Wird es eingesogen, so wirkt es vorzüglich

auf die Nerven, die die Muskeln in Bewegung sezzen. So entstehen

Kontraktur, Lähmung und ein feurig stechender Schmerz (den man

gichtartig zu nennen pflegt), Zittern u. s. w. in dem angegriffenen

Theile. Reizzende und einschrumpfende Kräfte zugleich scheint es in

diesen Fällen auf den Geist der Nerven des angegriffenen Theils selbst

zu äussern. Wirkt dies Gift, wie es zuweilen geschieht, auszeichnend

und besonders auf die Empfindungsnerven, so entsteht unerträglicher

Kopfschmerz,[78] Schwindel,[79] Dumheit und Verdunkelung oder Verlust

der innern und äussern Sinne.[80]

§. 140. Wenn äusserlich aufgelegter oder verschluckter Arsenik

jählinges Sinken der Kräfte, Angst, Konvulsionen und Tod

hervorbringt, ohne daß man beträchtliche, örtliche Zerstörungen

wahrnehmen kan, soll man hier nicht berechtigt seyn, zu schliessen,

daß er seine verderblichen Kräfte auf das algemeine Lebens- und

Empfindungsprinzipium des Körpers jähling verbreitet habe;[81] Wie

dies geschehe, weis ich nicht, daß ist, so wenig, als wie der kalte

Brand eines einzelnen Theils den Tod des Ganzen nach sich zieht, wie

das Viperngift, der tolle Hundsbis, und die epidemischen Ansteckungen

einen so spezifischen, jählingen und algemeinen Eindruk auf den Körper

machen, warum Queksilber auf die Speicheldrüsen wirkt u. s w.

§. 141. Scheint in diesen Fällen der Arsenik den Nervengeist, so zu

sagen, zu töden und zu unterdrücken, so finden sich auch Fälle wo er

auf die Muskelfaser etwas Aehnliches wirkt. Man hat Beispiele, wo auf

Verschluckung des Arseniks kein[82] Erbrechen, und dennoch baldiger

Tod erfolgt ist, und Fälle, wo die beim Leben veranstaltete Oefnung

eines damit vergifteten Thieres bewies, daß alle Irritabilität[83]

der Magenmuskeln durch dieses Gift völlig erstorben war, während die

übrigen Theile die ihrige noch völlig hatten.

§. 142. Ob diese durch Arsenik getödete Irritabilität eine eigne

unmittelbare Wirkung dieses Gifts oder eine nach alzuheftiger

Anstrengung der Magenmuskeln erfolgte Atonie sei, kan ich nicht genau

entscheiden, da solche Fälle, ihrer Seltenheit wegen, mir nicht[84] zu

Gesichte gekommen sind, eben so wenig kan ich genau sagen, ob die auf

eingesognen Arsenik gewöhnlich entstehende Lähmung stets nur, wie oft

eine Folge von überspanter Anstrengung der Muskeln der Gliedmasen[85]

(Kontraktur), eine Atonie sei, oder ob leztere zuweilen durch eine

unmittelbar vom Arsenik bewirkte Ertödung der Irritabilität erzeugt

werde, wie einige Fälle zu verstehn geben.

§. 143. Soviel ist indessen gewis, daß wenn auch kein Brechen oder

nur ein spätes oder geringes erfolgt, dennoch fast stets Entzündung

im Magen angetroffen worden ist, wie ich selbst bemerkt habe. Im

Falle aber der tödliche Eindruk des Giftes sehr plözlich das ganze

Empfindungssystem unterdrükt, können Fälle vorkommen, wo keine

örtlichen Zerstörungen, der kurzen Zeit bis zum Tode wegen, möglich

waren,[86] oder wo die algemein entstandne Empfindungslosigkeit eine

merkliche Entzündung unmöglich macht, da Empfindung und Reaktion ein

unentbehrliches Ingredienz der Giftentzündungen sind.

§. 144. Das algemeine Zittern scheint ein die Irritabilität krampfhaft

erregender Reiz des Arseniks gegen die halberschlafte und gelähmte

Muskelfiber zu seyn, ein Mittelding zwischen Kontraktur und

Lähmung, welches gewöhnlich chronisch ist. Der brennende Schmerz in

den Gliedmasen, den man mit dem gichtartigen Reissen einigermasen

vergleichen kan, und der ein Gefährte des arsenikalischen Zitterns,

noch mehr aber der Arseniklähmung ist, scheint aus der Absezzung

feiner Gifttheilchen auf die Nervenscheiden und in dem Zellgewebe des

Periostiums am füglichsten hergeleitet werden zu können.

§. 145. Daß Arsenik in unserm Körper nicht genau auf einerlei Art bei

einem wie bei dem andern wirkt, liegt nicht sowohl an der Natur des

Giftes, als vielmehr an der Empfänglichkeit des Körpers, Neigung zur

Entzündung, und zur Erschlaffung, an mehr oder weniger empfindlichen

oder reizbaren Fasern und Nerven und einer Menge andrer Umstände.

Hieraus ist begreiflich, daß man bei dem einen mehr, beim andern

weniger Entzündung, bei dem einen mehr tief eingefressene, beim andern

mehr leicht abgezogne Stellen der innern Haut des Magens, bei dem einen

mehr, beim andern weniger Erbrechen, hier mehr harten und vollen, dort

mehr niedergedrükten Puls u. s. w. antrift.

§. 146. Die reizzende und die einschrumpfende Kraft des Arseniks

wirken fast stets zusammen, doch bald jene, bald diese mehr. Beide

Wirkungen zusammen sind die Ursache der entstehenden Entzündung;

die einschrumpfende aber erweist sich vorzüglich darin thätig, daß

sie die Stelle, auf der der Arsenik unmittelbar angebracht wird,

theils wie kochendes Wasser zusammenzieht und die nächste Haut in

Blasen und Schwielen erhebt, theils auch beim tiefern Eindringen zum

unempfindlichen abgestorbnen Schorfe frist. So wirkt er auf der Haut

des äussern Körpers und eben so auf die Häute des Magens und der

Gedärme.

§. 147. Wird die in Blasen erhobne Stelle der Zottenhaut durch

den Andrang der Säfte und die konvulsivische Bewegung des Magens

zerquetscht, so werden zugleich die kleinen Blutgefäse des drunter

liegenden dritten Zellgewebes als des eigentlichen Sizzes[87] der

gewöhnlichen Magenentzündungen geöfnet, sie schwizzen Blut aus, das

durch Erbrechen oder bei der Leichenöfnung sich zeigt. Wirkt das Gift

auf der entblösten Stelle länger, so dringt die örtliche Entzündung

tiefer, und die Magensubstanz wird, der aufgetriebnen Gefäse wegen,

an diesem Orte stärker;[88] und eben so tief geht der Brand, wenn die

Entzündung ihren Gipfel erreicht hat. Zur Entstehung dieser Brandkruste

mag die einschrumpfende Kraft des Arseniks nicht wenig beitragen.

§. 148. Dieser einschrumpfende Reiz scheint die nach Einsaugung des

Arseniks in die Säftmasse gewöhnlich an den Gliedmasen sichtliche

Kontraktur oder Anstrammung der Muskelfibern zu erzeugen, so wie er

die krampfhafte Zusammenziehung des Magens und der Gedärme bei innerer

Vergiftung zu wege bringt, die sehr von eigentlicher peristaltischer

und antiperistaltischer Bewegung, das ist sehr von Erbrechen und

Bewegung zum Stuhlgange verschieden zu seyn scheint.

§. 149. Die zusammenschrumpfende Kraft des Arseniks äussert sich auch

durch mehrere Phänomenen; Gewöhnlich findet man nach dieser Vergiftung

den obern Magenmund und den Pförtner dergestalt zusammengeschnürt, daß

nicht die mindeste Luft hindurch dringen kan. Man bemerkt ferner bei

solchen Unglüklichen den Schlund[89] oft wie verengert, die Brust (das

Zwergfell?) bänglich zusammen gezogen, die Bauchmuskeln schnüren den

Unterleib ein,[90] fast alle Schliesmuskel besonders die des Afters[91]

und der Harnblase[92] sind wie verschlossen, und die Mündung der

Gallgänge in den Zwölffingerdarm ist oft dergestalt verengert, daß

keine Galle[93] herüber geprest werden kan. Auch hat man den Magen nach

Arsenik zuweilen ganz verengert gefunden.

§. 150. Diese konstriktorische Kraft mit der die Irritabilität tödenden

verbunden, erklärt, warum der Arsenik im Magen mehr eine unregelmäsige

Konvulsion, als eine gewöhnliche peristaltische oder antiperistaltische

Bewegung, mehr ein bängliches fruchtloses Würgen, als ein ergiebiges

Erbrechen erregt, eine Eigenschaft, die seine Verschlukung eben so

gefährlich macht, vorzüglich wenn er nur spätes oder wohl gar kein

Erbrechen, aus diesen Ursachen, bewirkt.

§. 151. Am meisten hat man diese der Heilung so widrige Erscheinung

von dem Arsenik im Pulver, wo er nur die einzelnen Stellen[94] seiner

Berührung verwüstet, nicht so sehr aber von seiner Auflösung zu

befürchten. Deshalb kan bei Ermangelung der Ausleerungen Operment und

Fliegenstein[95] eben so schädlich und tödlich, als weisser Arsenik

werden. Erstere machen bei Vergiftungen einschläfernde Ruhepunkte, man

solte während dieser Pausen glauben, alles Gift sei verschwunden. Aber

es sind gefährliche Windstillen vor dem Orkan, Waffenstillstand im

Hinterhalte lauernder Meuchelwuth.

§. 152. Die dem weissen Arsenik ähnliche Kraft der starken

Mineralsäuren, die Haut bei der Berührung wie zu verbrennen, die Faser

zusammenzuziehn, sie zugleich zu reizzen, einzuschrumpfen und zu töden,

scheint uns zu der Behauptung zu berechtigen, daß jene metallische

Säure just so wie leztere diese Erscheinungen durch heftige Anziehung

des Brenbaren[96] äussere; besonders da der Arsenik so wie die

Mineralsäuren im verdünten Zustande ihre entzündende Kraft verlieren,

und blos die konstriktorische behalten, welche der Arsenik dann im

höchsten Grade zu besizzen scheint.

§. 153. Gewöhnlich[97] findet man nach einer schnelltödlichen

Arsenikvergiftung das Blut in den grösern Gefäsen schwärzlich,

aufgelöst; (die linke Herzkammer blutleer, das Herz gröstentheils

schlaff); ich wage nicht die Ursache hiervon aufzusuchen, sie müste

denn in Hewsons Theorie liegen (nach welcher Entzündungen das Blut

nicht verdicken, sondern auflösen). Personen, die am Brande sterben,

und von dieser Art ist die grösere Zahl der Arsenikvergifteten, haben

ein ähnlich aufgelöstes Blut in ihren Gefäsen.

§. 154. Seine Wirkungsart auf die freie Faser in äusserlichen Wunden

bestätigt einen Theil seiner vorhin angeführten Aeusserungen im Magen.

Arsenik in Auflösung, auf empfindliche Stellen einer Wunde angebracht,

verursacht bei ihrer Berührung eine peinliche, feurige, fressend

einschrumpfende Empfindung, er entzündet sie, doch gröstentheils nur im

Umfange seiner Auflegung, und zieht das Entzündete zum troknen Schurfe

zusammen, der dann weiter keiner Empfindung fähig ist und sich nach

einigen Tagen absondert.

§. 155. Wird er als Pulver in kleiner Menge aufgelegt, wie ich in einer

krebshaften Brust von einem Winkelarzte thun sahe, so breitet sich

die Entzündung besonders unter sich in die Tiefe aus, der Schmerz ist

peinlicher, hält oft zwanzig und mehre Stunden an, und der erzeugte

Schurf ist dicker. Unter dem abgehenden Schurfe ist gewöhnlich gesundes

Fleisch.

§. 156. Wird er in gröserer Menge auf entblöste Stellen gebracht, so

bringt er nächst der tödlichen,[98] die Lebenskraft unterdrückenden,

Einwirkung auf das Empfindungssystem, örtlichen Brand zu wege.[99]

§. 157. Auf die mit ihrem Oberhäutchen umkleidete Haut in Pulver

angebracht zieht er in kurzer Zeit Blasen, unter denen die Haut

entzündet ist.

Fünftes Kapitel.

Heilart der schnellen innern Arsenikvergiftung.

§. 158.

Die Heilung -- oder die Erreichung der von den drei Graden der

Arsenikvergiftung angezeigten Endzwecke hat man auf ganz verschiednen

Wegen gesucht, wovon einige widrig, einige gleichgültig, einige

dienlich aber unzulänglich, einige aber genugthuend und völlig

befriedigend sind.

§. 159. Ich werde die ersten drei Klassen blos in Rüksicht des ersten

Grades der Arsenikvergiftung aufführen, da man für die übrigen beiden

Grade bisher noch weniger Hülfsmittel aufzusuchen sich bemüht hat.

§. 160. Die erste Klasse der gewöhnlich, besonders vom gemeinen Mann,

angewendeten Mittel, ist die der schädlichen und zweckwidrigen. Und

hier treffen wir eine unabsehbare Menge an, da der geringe Haufe stets

nur aus Linderung der handgreiflichsten Symptome, nicht aber auf

Entfernung des Urstofs und der Grundursache der Krankheiten sieht. Die

über solche Vergiftungen vorhandnen Criminalakten, einige Schriften

über die gerichtliche Arzneikunde, verschiedne Beobachtungsbücher

der Aerzte und einige Vorfälle bei meiner Praxis haben mir folgendes

Verzeichnis geliefert.

1.) Der Kranke mus wohl Aergernis oder andre Alterazion gehabt

haben, also niederschlagende Pulver giebt man ihm, nach

hergebrachtem Wahn. Sie wirken nichts, vermehren vielmehr den

fremden Urstof im Magen, da sie gröstentheils kalkartig oder sonst

unauflöslich sind.

2.) Er hat Hizze, er mus schwizzen. Hier werden alle Arten

erhizzender Mittel zur Hand genommen, die denn auch gewöhnlich

ihres tödlichen Endzweks nicht verfehlen. Schwefelbalsam, feurige

Essenzen und Brantweine,[100] Hirschhornöl, Wachholdersaft u. s.

w. Beschleunigte Entzündung und Brand sind die gewöhnlichen und

gewissesten Resultate ihres Gebrauchs.

3.) Er hat Gift bekommen, also sogenante Gifttreibende Mittel (die

eigentlich gegen Ansteckungsgifte von den Alten ersonnen wurden)

Bezoarpulver, Siegelerde, Korallen- Edelstein-[101] Ruhepulver,

Orvietanum, Philonium, Mithridat, Theriak, Alexipharmaka u. s. w.

Wie erdichte Pulver unnüz und schädlich sind, sieht man ohne mein

Zuthun, aber Opiate sind noch unendlich schädlicher als selbst

Brantwein und die übrigen elenden Mittel bei schnelltödlicher

Arsenikvergiftung.

Man kan sie zwar als die algemeine Zuflucht des Aberwizzes

niedriger Leute ansehn bei jedem bedenklichen und heftigen

Zufalle, aber hier sind sie ein dreifaches Gift. Die geringste

Gabe Arsenik wird durch sie in den robustesten Körpern gefährlich

oder tödlich. Sie beschleunigen durch die reizzende und hizzige

Kraft ihrer Beimischungen die ohnehin so furchtbare Entzündung

der Eingeweide noch weit mehr. Mohnsaftmittel drücken die

Lebenskräfte nieder, betäuben das Bewustseyn und stopfen

zugleich die heilsamen Entladungen der Natur, in dem sie die

Empfindlichkeit der Magen- und Darmhäute und die Reizbarkeit[102]

ihrer Muskelfasern abstümpfen, und so die ohnehin so furchtbare

Irritabilität-tödende Eigenschaft (§. 141.) des Arseniks erhöhen

und beschleunigen helfen. Man sieht auch aus einer Reihe von

Beispielen,[103] wie sehr die Heilung des ersten und zweiten Grades

der Arsenikvergiftung durch diese so schädlichen und mörderischen

Mittel gehindert worden ist, wie eine kleine Vergiftung durch sie

oft tödlich oder doch langwierig[104] und fast unheilbar ward.

4.) Er mus sich den Magen verdorben haben, also bittre Brantweine,

hizzige Magenpflaster.

5.) Er hat Kolik, hat sich wohl erkältet, man decke ihn (mit vielen

schweren Betten) warm zu, heizze brav ein, gebe ihm glühenden Wein,

Ingberbier, Kümmelbrantwein und einen Wärmstein. Wie schädlich

alles Erhizzende in diesem Falle sei, wird man schon aus Obigem

ersehen haben.

6.) Er hat sich verbrochen und Verdrus gethan, man streiche ihn,

ziehe ihn über's Knie, sezze ihm ein Glas auf den Nabel, wenigstens

verstreicht die kostbare Zeit unter solchen nichtigen Dingen.

7.) Er bricht alles wieder weg -- man gebe ihm ein hartgesottenes

Ei und ja nichts mehr zu trinken, damit er nicht mehr breche.

Zeigten's nicht Beispiele, man mögte diesen Unsinn für unmöglich

halten.

8.) Er mus sich überessen haben, man gebe ihm Pillen. Aloe,

Jalapharz, Skamonium, Safran sind die gewöhnlichen Ingredienzen

dieser entzündenden, reizzenden, auch in gesunden Tagen nicht

unschädlichen Mittel.

Auch alle andere weniger hizzigen Abführemittel sind im Anfange der

Vergiftung schädlich. Sie führen das Gift (ganz wider die Absicht)

in den so leicht entzündlichen,[105] so vielfach gekrümten, so

langen Darmkanal, wo man mit wegspülenden Flüssigkeiten fast nicht

mehr zu Hülfe kommen kan, und lassen doch noch immer so viel davon

in dem (durch ihren Reiz noch mehr entzündeten) Magen zurük, als

zur Tödung hinreicht. Was einmal den Pförtner passirt ist, wird nun

nicht mehr durch den leichtern Weg des Erbrechens ausgeführt. --

9.) Es kömt ein Bader hinzu und denkt weislich, das Gift durch

Erbrechen fortzuschaffen. Also (was ihm immer anschlug) drei bis

fünf Gran Brechweinstein und etliche Mal so viel Brechwurz, in

Pulver.

§. 161. Die bekanten gewöhnlichen Brechmittel leeren zwar, vorzüglich

in flüssiger Form, weit gewisser und nachdrüklicher aus, als die gröste

Gabe Arseniks, vermögen aber kaum den geringsten Theil des in den

feinen Zotten der Magenhaut so hartnäckig klebenden und einhängenden

Giftpulvers (weissen Arseniks vornemlich)[106] loszupressen,

vielweniger durch den Schlund herauszuschaffen. Sie reizzen selbst

nicht wenig,[107] und vermehren so den Andrang des Blutes nach diesen

Theilen noch mehr, vorzüglich aber ziehen sie den Schleim hinweg, der

die Wände des Magens (im natürlichen Zustande) so wohlthätig überzieht,

und stellen so die empfindlichen nun freier liegenden Fasern der Wuth

des Giftes nur desto gewisser blos; ja ich behaupte, daß sie eine

Beihülfe und Unterstüzzung dieses fressenden Giftes genannt zu werden

verdienen, und kan, aus Erfahrung, die nakten starken Brechmittel nicht

eifrig genug widerrathen.

§. 162. Ich nehme nun die gleichgültig scheinenden Mittel vor, die,

durch Versplitterung der zur Hülfe so nöthigen, so kurzen Zeit, wie

durch andre minder in die Augen fallende Nachtheile gefährlich werden.

1.) Thee; ist er heis, so schadet er durch Erhizzung; ist er lau,

so schadet er wie laues Wasser. Er besizt über dies noch einige

brechenstillende Kraft und wird hiedurch zweideutig.

2.) Laues Wasser. Es spület den die innere Haut der ersten Wege

beschüzzenden Schleim ab, und bringt ihn durch das folgende

Erbrechen heraus, ohne etwas ähnliches an seine Stelle zu sezzen.

Es löset zwar auf der andern Seite etwas Arsenik, vorzüglich

weissen auf, diese Auflösung aber hindert es nicht, als verdüntes

Gift fort zu wirken. Diese Arsenikauflösung geht, mit Nachtheil (§.

161. 8.), viel leichter durch den Pförtner über, als gepülverter

Arsenik. Laues Wasser bringt zwar anfänglich ein viel leichteres

Erbrechen zuwege, als der Reiz des Gifts vermag, erschlafft

aber bei fortgeseztem Gebrauche die Spannkraft der Magenmuskeln

ungemein, ohne sie fernerhin zu kräftigen Ausladungen bewegen zu

können. So bleibt denn bald alles fernere Erbrechen, wegen Atonie

und Erschlaffung dieses Eingeweides zurük, wozu die Irritabilität

tödende Kraft des Arseniks (§. 147.) das ihrige beiträgt. Dies

unschädlich scheinende Mittel bleibt also in vielfacher Rüksicht

nachtheilig, auch deshalb, da es als ein schweistreibendes Mittel

wirkt und nicht selten[108] den Arsenik in die zweiten Wege

überführt.

3.) Essig. Man glaubte sonst, Essig widerstehe jedem Gifte. So

oft dies auch bei betäubenden Gewächsgiften wahr seyn mag und so

gewis er so gar bei einigen metallischen, besonders den Bleikalken

(seltner bei Spiesglanzglas und Grünspan) gute Dienste thut, so

weis man doch, daß alle durch Reiz entzündende Pflanzengifte

(Purgierharze, Euphorbium u. s. w.) durch Essig nicht gemildert

werden, und daß andre durch mechanischen (Glas) oder chemischen

(Sublimat) Reiz entzündenden Körper in ihrer Wirkung durch ihn

nicht nur nicht aufgehalten werden, sondern sogar Beihülfe

erlangen. Am meisten scheint dies beim Arsenik der Fall zu seyn,

der durch jede saure Auflösung Brenbares verliert und dann um so

viel äzzender wird, dergestalt daß Fr. Hoffman[109] das Gift,

womit die Einwohner von Bantam ihre Pfeile vergiften, für in

Limoniensafte aufgelösten Arsenik hält.

§. 163. Aus dieser Ursache wundre ich mich, wie =Stenzel=,[110] nebst

andern,[111] Säuren überhaupt und =Sage=[112] Essig und Limoniensaft

gegen verschlukten Arsenik anpreisen können, wiewohl ich die Kraft des

leztern gegen die schleichende Vergiftung mit Aqua toffana[113] (die

nächst Arsenik wohl ein narkotisches Gift enthält) nicht leugnen will,

am wenigsten da ihn =Keysler=,[114] =Wepfer=[115] und =Lebret=[116] in

diesem Falle gut gefunden haben.

§. 164. Die dritte Klasse, der bisher üblichen Mittel, ist die

der dienlichen, doch oft unzulänglichen. Sie sind lindernd aber

unspezifisch, blos gegen Reiz (überhaupt) gerichtet.

1.) Die Milch stehet oben an, da sie am häufigsten dagegen

gebraucht wird, und ein leicht zu habendes Hausmittel ist. So

hülfreich sie im zweiten und so unentbehrlich sie im dritten Grade

der Arsenikvergiftung ist, so wenig zulänglich ist sie jedoch in

einer starken Vergiftung des ersten Grades. Sie beschüzt in diesem

Falle die innere Magenhaut zu wenig und löset den Arsenik noch

langsamer den bloses Wasser auf. Ist sie abgesahnt (ohne Rahm) so

hilft sie noch weniger, mehr noch die frischgemolkene oder mit

Sahne vermischte. Es ist so wenig in ihr als in den jezt folgenden

Mitteln das Geringste spezifisch gegen Arsenik Wirksame.

2.) Oele scheinen, wenn sie in Menge zu haben sind, noch etwas

hülfreicher, besonders gleich nach Verschluckung unsers Giftes

zu seyn. Sie nehmen, wenn keine Feuchtigkeit im Magen vorhanden

ist (ein seltner Fall) eine Menge feinen vorzüglich troknen

Arsenikpulvers beim Erbrechen mit, und verhindern auf einige Zeit

die Auflösung des Zurükgebliebnen, und unaufgelöster Arsenik wirkt

nichts. Ich sage auf einige (eine kurze) Zeit, denn die gereizten

aushauchenden Gefäse der zottichten Magenhaut liefern immer

frischen Magensaft und stosen so das Oel von den Wänden dieses

Eingeweides zurük, wie man an nasgemachtem Fliespapiere siehet;

das Oel wird nun unnüz, der gesamlete Magensaft löst den nahen

Arsenik auf, und seine Verwüstungen gehen vor sich, als wenn kein

Oel vorhanden wäre. Wäre diese Unvereinbarkeit der Fettigkeiten

mit dem wässerichten Magensafte nicht, so würde flüssiger Talg und

ungesalzene Butter oder Schmalz noch grösere Dienste thun, als

Oel.[117] Vor allen Mitteln dieser Klasse aber

3.) behauptet Milchrahm oder Sahne den Vorzug. Schade, daß sie

selten in erforderlicher Menge bei der Hand ist. Sie wickelt das

Arsenikpulver viel gewisser ein und nimt es in ihre Zwischenräume,

als Fett, ihrer diklichen Consistenz und ihrer Mischbarkeit mit

dem Magensafte wegen. Sie schmeidiget die Wände des Magens mehr

als Milch, kühlt ohne Reiz, läst sich angenehm eintrinken und

verhindert ungemein die Auflösung dieses Giftes. Sie scheint

mir gegen Fliegenstein und Operment, besonders gleich nach der

Vergiftung, in vielen Fällen fast allein zulänglich zur Hülfe.

Selten ist (diklicher) Milchrahm in dieser Absicht, so oft, als er

es verdiente, angewandt worden. Hätte er zugleich die Kraft Brechen

zu erregen, so wäre er ein unvergleichliches Hülfsmittel, ob er

gleich auch auf der andern Seite keine spezifische Gegenwirkung zur

Milderung der Natur des Arseniks äussern kan.

§. 165. Ich mache diejenigen Gegenmittel, die Navier in seinem Buche

von den Gegengiften in Vorschlag gebracht hat, zur vierten Klasse, da

sie obwohl oft alzu künstlich, unanwendbar und problematisch, doch

ihrer anscheinenden Spezifizität wegen, einer besondern Betrachtung

werth sind.

§. 166. Da er bisher der Hauptschriftsteller in diesem Fache zu seyn

scheint, so erlaube man mir einen hierher gehörigen Auszug aus seinem

Werke[118] zu machen. Seine Mühsamkeit verdient Dank, aber seine

Vorschläge schwerlich Nachfolge; bei aller seiner guten Absicht,

spezifische Gegenmittel auszufinden, die den Arsenik in seinem Wesen

ändern, zerstören und unkräftig machen sollen. Last uns sehen wie er zu

Werke geht.

§. 167.

1.) Schlägt er laugensalzige Schwefelleber[119] vor, und behauptet,

daß wenn sie in Wasser aufgelöst und zu Arsenikwasser gemischt

werde, die tödliche Wirkung des leztern fast völlig verschwinde. Es

erfolge, wenn beide Flüssigkeiten heis zusammen geschüttet würden,

ein schmuzig weisser Niederschlag. Von lezterm will er sich durch

chemische Versuche überzeugt haben, daß er fast allen Arsenik

aus der Auflösung an sich genommen habe, und will der über dem

Bodensazze stehenden Flüssigkeit wenig oder gar keinen Theil dieses

Giftes zugestehn. Die Leber werde hiedurch ganz und gar zerlegt,

die Arseniktheilchen giengen gröstentheils an den Schwefel. Einige

andre kleinen Parthien Arsenik blieben mit dem laugensalzigen

Theile verbunden -- Es zeigen jedoch seine nachfolgenden (S. 24.)

Versuche selbst, daß nicht wenig Arsenik mit dem Laugensalze der

Leber vereinigt bleibt.[120]

2.) Seine Kalkleber (S. 27.) (ist fast gleichen Nachtheilen

ausgesezt.) Er kocht zu diesem Behufe drei Theile frischgebranten

Kalk mit einem Theile gepülverten Schwefel.[121]

3.) Kalkwasser. (S. 39.) Es bewirkt mit Arsenikwasser den

schwerauflöslichen Kalkarsenik, sezt also die schon erfolgte

Auflösung des Arsenikpulvers im Magen voraus, die doch so schwierig

und langsam entsteht. Allein und unvermischt getrunken ist es zu

scharf und äzzend, wie leicht kan die Entzündung des Magens durch

dieses Mittel erhöhet werden. In einer grosen Menge Wasser hält es

einen sehr kleinen Theil Kalkerde. (700:1.)

4.) Kalkwasser mit Milch. (S. 40.) (Etwas besser, besonders wenn

man statt Milch, Rahm nähme.)

5.) Kalkleber durch Verpuffen (!) mit Salpeter bereitet (S. 41.)

(immer noch Kalkleber, nur noch mit äzzendem Laugensalze und

Glasers Polychrestsalze vermischt.)

Ueber die Arsenikvergiftung ihre Hülfe und gerichtliche Ausmittelung · 第 1 / 10 题