KAPITEL I.

Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo

(1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung

Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897)

und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise

(Mai 1898-December 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach

Pontianak--Fahrt auf dein Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in

Putus Sibau.

In den Jahren 1893 und 1894 rüstete die "Maatschappij tot

bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Koloniën"

(Gesellschaft zur Beförderung der naturwissenschaftlichen Forschung in

den niederländischen Kolonieen) ihre erste grosse wissenschaftliche

Expedition nach Mittel-Borneo aus; wesentlich unterstützt wurde

sie dabei durch den damaligen Residenten _S.W. Tromp_ [2] der

"Wester-Afdeeling" von Borneo, der sehr wohl begriff, dass eine

Erweiterung der Kenntnis von Land und Volk auch in politischer Hinsicht

von grosser Bedeutung sein musste.

Den Teilnehmern an der Expedition war zur Aufgabe gestellt worden,

von der Westküste durch die bisher ganz unbekannten Gebiete des oberen

Kapuas und oberen Mahakam bis zur Ostküste vorzudringen und während

der Reise, so weit als möglich, naturwissenschaftliches Material zu

sammeln und die Bevölkerung zu studieren.

In Kutei erhoben sich aber bald warnende Stimmen, welche auf die

grossen Gefahren einer derartigen Unternehmung aufmerksam machten;

daher nahm man von dem anfänglichen Plan Abstand und beschränkte

sich auf die Erforschung des Flussgebietes des oberen Kapuas, in

welchem vom November 1893 bis zum Oktober 1894 reiche Sammlungen auf

botanischem, zoologischem, geologischem und ethnologischem Gebiete

angelegt wurden. Dank der Unterstützung der Regierung durch Schutz-

und Transportmittel konnten die Forscher, jeder in seinem Fache,

gesondert tätig sein; während der Zoologe Dr. _J. Büttikofer_ und der

Botaniker Dr. _H. Hallier_ sich im Urwalde niederliessen, durchzog

der Geologe Prof. _G.A.F. Molengraaff_ ausgedehnte Landstrecken,

um deren Formation kennen zu lernen und beendete seine Reise durch

einen gelungenen Zug von Bunut südlich nach Bandjarmasin. Indessen

jeder auf diese Weise die nötige Forschungsfreiheit genoss, lag mir,

als dem Expeditionsarzte, die Verwaltung des Ganzen ob. Da meine

ärztliche Hilfe von den Teilnehmern der Expedition selten beansprucht

wurde, konnte ich in den Dörfern der Eingeborenen wohnen bleiben und

von dort aus für die Zufuhr neuer Vorräte und die Anwerbung von Kuli

Sorge tragen.

Teils aus Neugier, teils um ärztlichen Beistand zu erbitten, kamen bald

ununterbrochen Eingeborene in meine Nähe, so dass ich Gelegenheit

hatte, die Bevölkerung eingehend zu studieren und Ethnographica

zu sammeln.

Nach zweimonatlichem Aufenthalt am Mandai, südlich vom oberen Kapuas,

machten der Geologe, Prof. _Molengraaff_, und ich den Versuch, in das

Gebiet des oberen Mahakam vorzudringen; wir mussten jedoch, obgleich

wir bereits die Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam überschritten

hatten, auf Grund von Gerüchten, die der uns begleitende Kontrolleur

über ernstliche feindliche Rüstungen seitens der Eingeborenen vernommen

hatte, den Rückzug antreten. Auf dieser letzten sechswöchentlichen

Expedition hatten die am Mendalam wohnenden Kajan, ein bis dahin so

gut wie unbekannter Stamm, die Träger und Ruderer geliefert. Die

Kajan am Mendalam sind nämlich mit denen am Mahakam verwandt und

in ständigem Verkehr, daher sind sie auch die besten Kenner dieser

dunklen Gebiete von Mittel-Borneo.

Ich war somit, um zuverlässige Auskunft über die Verhältnisse am

oberen Mahakam zu gewinnen, hauptsächlich auf diesen Stamm der Kajan

angewiesen. Zwar hatte schon im Jahre 1825 ein Europäer, _Georg

Müller_, von der Ostküste aus den oberen Mahakam erreicht, aber sein

Geleite von Pnihing und Kajan ermordete ihn nach dem Überschreiten

der Wasserscheide im Flussbett des Bungan; mit dem kühnen Forscher

gingen auch seine Aufzeichnungen zu Grunde, und die innersten Gebiete

Borneos blieben unbekannt wie zuvor.

Während Prof. _Molengraaff_ seine Reise nach Bandjarmasin antrat,

liess ich mich also für zwei Monate bei diesem Stamm der Kajan am

Mendalam in Tandjong Karang nieder und zwar mit demselben Resultat, wie

sonst überall, dass ärztliche Hülfe, das Einkaufen von Ethnographica

und viel Geduld mit ihrer Eigenart mir alles Vertrauen gewanden,

das eingeborene Stämme einem Fremden überhaupt schenken können. Als

wichtigsten Vertrauensbeweis betrachtete ich ihre Erklärung, mich

in das Gebiet des oberen Mahakam begleiten zu wollen, falls ich auf

ihre Bedingungen zur Unternehmung der Reise eingehen wollte. Eine der

für beide Teile wichtigsten war, dass ich, um nicht das Misstrauen

ihrer Verwandten am Mahakam zu erregen, ohne bewaffnetes Geleite

gehen sollte, was für mich so viel bedeutete, als dass ich mich ihnen

vollständig ausliefern sollte. Ich fand eine teilweise Erklärung für

diese Bedingung in dem Gefühl, das alle Eingeborenen in Mittel-Borneo

bei der Begegnung mit etwas Neuem und Fremdem beherrscht, nämlich:

der Angst. Da ich ausserdem wusste, dass es im eigenen Interesse

der Dajak lag, der niederländisch-indischen Regierung keinen Anlass

zur Unzufriedenheit zu geben, indem sie mir ein Leid zufügten, so

beunruhigte mich diese Bedingung durchaus nicht.

Unter den interessanten Beobachtungen, die ich in dieser Zeit über

den Charakter der Stämme von Mittel-Borneo machte, ist diejenige

sicher die bedeutendste, dass die blutgierigen, wilden, Köpfe

jagenden Dajak im Grunde zu den sanftesten, friedliebendsten und

ängstlichsten Bewohnern dieser Erde gehören. Meine Erfahrungen stehen

in dieser Hinsicht nicht nur in schroffem Gegensatz zu der allgemein

verbreiteten Auffassung über die Dajak seitens der Europäer an den

Küsten Borneos, sondern seltsamer Weise auch aller Reisenden, die bis

jetzt Gelegenheit hatten, mit den mehr im Innern der Insel wohnenden

Stämmen in Berührung zu kommen.

Da meine neuen Kajanfreunde mir allmählich auch zu verstehen gaben,

dass es mit der feindlichen Gesinnung der Mahakambewohner nicht so

schlimm bestellt sei, fasste ich auf meiner Rückreise nach Batavia

den Plan, wenn irgend möglich, aufs neue den Versuch zu wagen, in

das Gebiet des oberen Mahakam einzudringen und den Fluss bis zur

Ostküste hinabzufahren.

In Batavia angelangt wurde ich jedoch sogleich als Arzt nach Lombok

abkommandiert, wo die Bestürmung von Tjakra Negara (1894) und alle

traurigen Folgen dieses entsetzlichen Kriegszuges uns Ärzte bald alle

eigenen Pläne vergessen liessen.

Auch im Anfang des folgenden Jahres fanden wir selten Zeit, an etwas

anderes, als an unsere Kranken zu denken, bis endlich der Westmonsun

uns weniger Patienten und mehr Kollegen brachte und es mir glückte,

eine Versetzung nach Batavia zu erlangen.

Dankbar für die mir erhaltene Gesundheit und alles, was ich auf der

prachtvollen Insel Lombok gesehen hatte, bestieg ich im Juli ein Schiff

der "Paketfahrtgesellschaft", welches mich nach Java brachte, und

sechs Tage darauf führte mich die Bahn von Surabaja an den Ort meiner

Bestimmung. Vier im idyllischen Garut verbrachte Tage verwischten

den Eindruck aller Lomboker Schrecknisse, und bei meiner Ankunft in

Batavia traten meine Borneopläne mir deutlicher als je vor den Geist.

Nach einigen Unterhandlungen mit dem Ausschuss der oben genannten

niederländischen Gesellschaft in Batavia, zeigte sich diese bereit,

meine Pläne zu unterstützen, und als dann auch der finanzielle Teil

erledigt und die Zustimmung der Regierung erlangt war, konnte ich mit

der Ausrüstung beginnen und im Februar des Jahres 1896 von Batavia

über Pontianak mit der Expedition aufbrechen.

Überzeugt, dass die Unterhandlungen mit den Kajan Monate dauern

würden, liess ich zwei Europäer: _Demmeni_ und _von Berchtold_, von

denen sich jener mit dem Photographieren, dieser mit der Erwerbung

einer zoologischen Sammlung beschäftigen sollte, vorläufig in Batavia

zurück; sie trafen mit mir erst im Mai am oberen Kapuas zusammen. Hier

war es mir nach monatelangem Zusammenleben mit den Kajan am Mendalam

endlich geglückt, diese ihrem Versprechen gemäss zur Teilnahme am

Zuge nach dem Mahakam zu bewegen und die vorläufigen Vorbereitungen,

wie das Einkaufen von Böten und grossen Quantitäten Reis, zu beenden;

jedoch dauerte es noch bis zum 3. Juli, bis wir von Putus Sibau,

dem wichtigsten Handelsplatz am oberen Kapuas, aufbrechen konnten. Im

Laufe von zwei Monaten fuhren wir den Kapuas und darnach seine beiden

Nebenflüsse Bungan und Bulit hinauf, zogen auf 800 m Höhe über die

Wasserscheide und stiegen dann zum Penaneh, einem Nebenfluss des

Mahakam, hinunter.

Der erste Empfang bei den dort ansässigen Pnihing liess nichts zu

wünschen übrig, und auch während unseres achtmonatlichen Aufenthaltes

bis zum April 1897 bei den anderen Stämmen am oberen Mahakam fiel

nichts vor, was unser freundschaftliches Verhältnis gestört hätte. Es

war anfangs mein Plan gewesen, nur zwei Monate bei ihnen zu bleiben,

aber die herrschende Hungersnot liess uns nur die Wahl, uns ohne

Unterbrechung von einem Stamme zum anderen führen zu lassen, oder

die Hungersnot am oberen Mahakam bis zum Eintritt der neuen Ernte

mitzumachen. Wir wählten letzteres, da nur ein längerer Aufenthalt

bei den Stämmen ein Ergebnis der Reise versprach, und es gelang uns,

mit den Tauschartikeln bis zum letzten Augenblick hauszuhalten. Im

April brachen wir mit _Kwing Irang_, dem obersten Häuptling der

Mahakam-Kajan, bei dem wir uns niedergelassen hatten, nach dem unteren

Mahakam auf, passierten die grossen Wasserfälle, die den Ober- und

Mittellauf des Mahakam scheiden, und wurden vom Häuptling dem Sultan

von Kutei übergeben, der uns mit dem Assistent-Residenten _van Assen_

entgegengereist war.

Der langdauernde Aufenthalt im Herzen vom Borneo hatte uns in Stand

gesetzt, unsere Umgebung eingehend zu studieren und so brachte ich,

ausser bedeutenden Sammlungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet,

eine gründliche Kenntnis der Zustände, Sitten und Sprachen der Stämme

am Mahakam mit nach Java.

Statt in einem Dorado der Wilden, wie es sich die Europäer gewöhnlich

vorstellen, hatten wir unter Zuständen gelebt, von denen man sich

in Europa schwer einen Begriff machen kann. Ausser den ungünstigen

hygienischen Verhältnissen, welche eine Zunahme der Bevölkerung

verhindern, hatten mich die Angst und Unruhe, in der diese Menschen

ihr Dasein führen, betroffen. Jene sind, als Folgen des Klimas

und der Eigenart der Bevölkerung, schwer zu bekämpfen, diese,

hauptsächlich durch die Fehden der Stämme untereinander verursacht,

sind sehr leicht zu beseitigen, sobald sich eine über diesen Stämmen

stehende Macht mit der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten befasst und

Selbstwehr verhindert. Die Bahau fühlten, dass ihnen (lies vor allem

fehlte; denn _Kwing Irang_ wandte sich durch meine Vermittelung im

Namen aller Stämme am oberen Mahakam an die niederländisch-indische

Regierung mit der Bitte um Beschirmung.

Hierdurch wurde die indische Regierung veranlasst, eine neue Expedition

auszurüsten, um festzustellen, auf welche Weise in den Gebieten des

oberen Mahakam Ruhe und Sicherheit am besten herzustellen seien. Als

Leiter dieser Expedition wurde ich gewählt, ferner der Kontrolleur

1. Kl. _J.P.J. Barth_ und einige europäische und malaiische Gehilfen.

Obgleich politische Interessen bei diesem neuen Zuge das Leitmotiv

bildeten, war es mir doch klar, dass seine Organisation aus

verschiedenen Gründen die gleiche wie bei der früheren, so wohl

gelungenen Expedition von Pontianak nach Samarinda sein musste. Es

handelte sich im wesentlichen darum, die Stimmung der Bevölkerung in

bezug auf die Einsetzung einer festen Verwaltung auszukundschaften

und auf die Schlichtung ihrer Zwistigkeiten mit benachbarten Stämmen

Einfluss zu gewinnen. Hierzu war es, wie auch auf der vorigen Reise,

notwendig, das Vertrauen der ängstlichen Bahau zu erwerben und sie

durch ein monatelanges Leben und Arbeiten in ihrer Mitte an die

Gegenwart von Weissen zu gewöhnen.

Da wir möglicherweise mit feindlich gesinnten Stämmen von Serawak

in Berührung kommen konnten, musste das gut bewaffnete Geleite so

zahlreich sein, dass es im Notfall kräftigen Widerstand leisten

konnte. Um zu verhindern, dass dieses, hauptsächlich aus Malaien

bestehende Geleite während eines längeren Aufenthaltes in einem

Stamme Anstoss errege und um es stets bei guter Stimmung zu erhalten,

musste für seine ständige Beschäftigung gesorgt werden; das Gleiche

galt auch für die Europäer. Ich wählte die Malaien daher derart,

dass sie, ausser als Schutzsoldaten, auch auf wissenschaftlichem

und praktischem Gebiet von Nutzen sein konnten, als Pflanzensammler,

Jäger, Präparatoren, Ruderer u.s.w.

Eine grosse Menge Tauschartikel zu unserem täglichen Unterhalt,

zum Einkauf von Ethnographica und zur Bezahlung der Kuli wurde

wiederum mitgenommen. Wir mussten nämlich nicht nur trachten,

unsere dajakischen Gastherren nicht zu verletzen, sondern auch, durch

Einkaufen von allerhand Dingen, vielen im Stamme einen Vorteil und uns

ihre Gunst zu verschaffen. Zur Erreichung dieses Ziels war auch, wie

wir auf der letzten Reise erfahren hatten, ein gründlicher ärztlicher

Beistand von grosser Bedeutung; daher gehörte ein reichlicher Vorrat

an Arzneimitteln zu unseren wichtigsten Reiseartikeln.

Mit Rücksicht auf die oben erwähnten Verhältnisse setzte sich meine

Reisegesellschaft aus folgenden Gliedern zusammen: dem Kontrolleur

_J.P.J. Barth_, der sich hauptsächlich mit dem Studium der allgemeinen

Umgangssprache der Bahau, dem Busang, befasste; dem Photographen

der vorigen Expedition, _J. Demmeni;_ dem Topographen _H.W. Bier_;

zwei Javanen aus dem botanischen Garten in Buitenzorg (Java) für die

botanischen Sammlungen; dem Jäger und Präparator _Doris_ für das

Präparieren von Vögeln und Säugetieren und sechs anderen Javanen,

die bereits Naturforscher auf Reisen begleitet hatten und im stande

waren, als Mechaniker, Jäger, Fischer u.s.w. die verschiedensten

Dienste zu leisten. Zu meiner persönlichen Bedienung nahm ich _Midan_,

meinen javanischen Diener der vorigen Reise, mit. An Vierfüsslern

begleiteten uns zwei Jagdhunde; in Pontianak kaufte ich später noch

zwei Wachthunde hinzu.

Überzeugt, dass uns die Küstenmalaien in Kutei Schwierigkeiten

verursachen würden, falls wir auf dem eigentlichen Wege, den unteren

Mahakam hinauf, zum oberen gelangen wollten--den Malaien ist nämlich

selbst viel daran gelegen, ihren eigenen Einfluss im Hinterlande

auszubreiten und den der Niederländer zurückzudrängen--mussten wir

unsere Reise wiederum von Pontianak, an der Westküste, beginnen und

uns von den Kajan wieder durch das unbewohnte Quellgebiet der grossen

Flüsse zum oberen Mahakam geleiten lassen.

Auf der Reise im Jahre 1896 hatte, um den Landtransport mit einer

kleinen Anzahl Leute möglich zu machen, die Ausrüstung so viel als

möglich eingeschränkt werden müssen. Jetzt war die Besorgnis, durch

ein grosses Geleite bei den Mahakamstämmen Misstrauen zu erwecken,

zwar geringer, aber, in Anbetracht des Umstandes, dass die Verpflegung

so vieler Menschen unterwegs an und für sich schon schwierig genug

war, musste das mitzunehmende Gepäck auch diesmal auf ein Minimum

reduziert werden.

Was die Kleidung betraf, so galt es, sie so zu wählen, dass sie

sowohl dem Klima als den Strapazen standhalten konnte. Eine gute

wollene Unterkleidung und eine warme Bedeckung nachts sind die besten

Schutzmittel gegen Moskitos und Erkältungen; die Hauptursachen für

das Entstehen der Malaria. Auch musste dafür gesorgt werden, dass

die verpackten Kleidungsstücke und dass Bettzeug so wenig als möglich

Gefahr liefen, nass zu werden.

Als Packkisten sind die bekannten Stahlköfferchen die geeignetsten. Sie

halten, ausser unter Wasser, die Feuchtigkeit fern, zerbrechen nicht

beim Fall auf Felsen und werden durch die Termiten nicht angetastet;

sie dürfen jedoch sammt Inhalt nicht mehr als 20-25 kg wiegen.

Für die Nacht besassen wir starke Reiseklambu (Moskitonetze) aus fester

Java-Gaze 1: 1: 2 m gross und so eingerichtet, dass sie mittelst

Seilen in jedem beliebigen Raum ausgespannt werden konnten. Der

untere Rand der Gaze war, ausgenommen an der Eingangsöffnung, wo

das Zeug 1 m über einander schlug, an ein Stück double waterproof

sheeting festgenäht. Sorgte man dafür, dass die Gazeenden am Eingang

dicht auf einander lagen, so war die Möglichkeit eines nächtlichen

Besuchs von Ameisen, Schlangen, Skorpionen und Blutegeln so gut wie

ausgeschlossen, und ich bin auch wirklich auf der ganzen Reise durch

dergleichen Gäste nicht gestört worden. Die grosse Dichte der Gaze

hielt auch die Moskitos und sehr kleinen _aga_ oder _murutu_ fern,

welch letztere sehr empfindlich stechen, obgleich sie nicht grösser

sind als eine Nadelspitze.

Die undurchlässige Unterlage schützte nachts vor Bodenfeuchtigkeit

und bildete tagüber eine wasserdichte Umhüllung für das Klambu,

ein kleines Kopfkissen und zwei Decken, die in sie eingepackt und

mit Riemen festgeschnürt wurden.

Zur Bettausrüstung gehörte ferner noch eine dünne, mit Lederimitation

überzogene Matratze, aus drei Teilen bestehend und daher leicht

transportierbar.

Als Oberkleidung sind ein Anzug aus Khaki, Schuhwerk aus Leinwand und

ein Korkhelm sehr geeignet. Zum Schutz gegen Blutegel, die lästigste

Plage der feuchten Tropenwälder, ist es geraten, die Kleidung fest

am Körper anschliessen zu lassen und die Beinkleider an den Knöcheln

festzubinden oder zu knöpfen.

Eine besondere Sorgfalt muss auf die Wahl des Schuhwerkes verwendet

werden; das Gehen mit blossen Füssen ist sehr unzweckmässig. Für

schwieriges und unebenes Gelände sind, als Stütze für die Knöchel,

hohe Schnürstiefel sehr empfehlenswert und zwar müssen sie, um das

Wasser nach dem Durchwaten von Morästen und Lachen schnell abfliessen

zu lassen, aus Leinwand hergestellt sein. Dünne, starke, nicht zu

schwer beschlagene Sohlen verhindern am besten ein Gleiten auf Felsen

und umgefallenen Baumstämmen. Lederne Gamaschen bewähren sich gut

auf Märschen; hohe Wasserstiefel dagegen sind zu schwer.

Auch als Dachbedeckung eignet sich double waterproof sheeting seht gut,

nur darf man es nicht lange der Sonne aussetzen, oder man muss es in

diesem Falle mit Matten bedecken. Zur Aufrichtung eines Zeltes lehrte

mich die Erfahrung, nichts anderes mitzunehmen als Stücke dieses

Zeuges, die genügten, eine Fläche von 4 × 6 m zu überdecken. Der

Tropenwald liefert stets viel dünnes Holz für Pfähle und Fussboden,

so dass das Gerüst zu einer Hütte von den Dajak innerhalb einer

Stunde im Walde gefällt und aneinander gebunden werden kann. Soll das

Zelt nur einige wenige Nächte gebraucht werden, so sind Wände nicht

erforderlich, da der Regen im Urwalde selten schräg niederfällt.

Wegen der Unmöglichkeit, grössere Mengen von Lebensmitteln über Land

mitzuführen, mussten auch die Europäer am Mahakam von dem leben,

was die Bahauumgebung lieferte; nur für die Kranken wurden Konserven

mitgenommen. Das Hauptnahrungsmittel bildete für alle der Reis-. für

die Eingeborenen kamen am Kapuas noch getrocknete und später frische,

im Fluss gefangene Fische hinzu; daher wurden auch einige Wurfnetze

mitgenommen. Was die mitzuführenden Tauschartikel betraf, so hatte

ich mich bereits früher davon überzeugt, welche Arten von Glasperlen

und Zeug bei den einzelnen Stämmen besonders beliebt waren. Auch viele

Kleinigkeiten wie: Fingerringe, Nadeln, Spiegeldöschen u.a. nahm ich

mit, um sie zu gelegentlichen kleinen Geschenken zu verwenden.

Die Kisten, welche im Laufe der Reise geleert wurden, waren zur

Aufnahme von Ethnographica und trockenen naturwissenschaftlichen

Gegenständen bestimmt, während die zahlreichen Arzneiflaschen später

zum Aufbewahren der Spirituspräparate verwendet wurden. Obgleich

Formol als Konservierungsmittel einige Nachteile aufweist, war

es doch zum Mitführen deshalb am geeignetsten, weil man es beim

Gebrauch mit Wasser stark verdünnen kann; daher wurde nur wenig

Alkohol mitgenommen. Für das Konservieren kleiner Tiere leisteten

uns kleine Kisten voll zylinderförmiger Gläser mit abschraubbaren

metallenen Deckeln gute Dienste.

Es konnte beinahe die ganze Ausrüstung in Batavia angeschafft werden,

mit Ausnahme einiger Apparate für Höhenmessungen und Photographie,

welche in Europa bestellt werden mussten, und einiger Tauschartikel,

die nur in Singapore, von wo aus europäische Produkte hauptsächlich

in Borneo eingeführt werden, zu erhalten waren. In allen Teilen

des indischen Archipels besitzen die Eingeborenen in bezug auf

Tauschartikel ihre besonderen Liebhabereien, so dass nur solche unter

ihnen gangbar sind, welche an dem Ort gekauft wurden, von dem aus sie

für gewöhnlich eingeführt werden. Bei den Stämmen von Borneo finden

hauptsächlich bestimmte Arten von Glasperlen Beifall, die in Java

nicht beliebt und daher auch nicht käuflich sind, obgleich sämmtliche

Glasperlen in Europa verfertigt werden. Da sowohl diese Perlen als

auch bestimmte Elfenbeinarmbänder, die von den Chinesen speziell für

die Bahau- und Kenjastämme von Nord-Ost-Borneo gearbeitet werden,

nur in Singapore zu haben waren, musste ich, zur Vervollständigung

unserer Ausrüstung, erst noch eine Reise nach dieser Stadt unternehmen.

Einen Teil des Proviantes und der Tauschartikel sandte ich von Batavia

aus direkt an die Ostküste von Borneo an den Residenten von Samarinda

zur Aufbewahrung; ich hatte mir nämlich vorgenommen, wenn unser Zug

von West nach Ost glücklich beendet sein würde, nochmals ins Innere

der Insel zurückzukehren, um in das nordöstlich gelegene gänzlich

unbekannte Stammland aller Bahau und Kenja, das Quellgebiet des

Bulungan, vorzudringen.

Zu meinem Verdruss musste ich, wegen der zu langen Dauer der

Reisevorbereitungen, die beste Reisezeit verstreichen lassen. Die

kleinen Quellflüsse des Kapuas sind nämlich nur in der Trockenzeit,

der Zeit nach der Ernte, befahrbar und so kann man die Kajan auch nur

zwischen Juni und September zur Teilnahme an einer Expedition bewegen.

Endlich, am 18. Mai, schiffte ich mich in einem kleinen Dampfer der

"Paketfahrtgesellschaft" in Batavia nach Pontianak ein.

Am folgenden Tage fand meine Reiseungeduld einige Ablenkung

durch den Aufenthalt unseres Dampfers in Billiton; das Aus- und

Einladen von Gütern mit Hilfe von Fähren der sehr eigenartigen Seka

(schwärmende Fischerbevölkerung) bot manches interessante Bild. Von

ihren schwimmenden und lebhaft bewegten Wohnungen aus tauchten die

Seka ins kristallklare Wasser nach Geldstücken, die wir hineinwarfen,

und schienen sich in der blau-grünen Tiefe ebenso sicher zu fühlen,

wie andere auf dem Festlande. Jedoch, trotz allem Schönen, was

ich sah, und allem Interessanten, was mir der Steuermann über das

Leben dieser Fischerbevölkerung erzählte, war es für mich doch eine

Erlösung, als Borneo beim Erwachen am anderen Morgen in Sicht war und

das Schiff bereits kehrte, um sich zwischen dem für Uneingeweihte

unentwirrbaren Labyrinth von Grün, das in Form von Inseln und

weit ins Meer hineinragenden Landzungen buchstäblich aus dem Wasser

hervorstieg, hindurchzuwinden. Auch zur Ebbezeit ist hier kein festes

Land zu sehen; die hie und da braune Farbe des Wassers deutet nur

auf ausgedehnte Moderbänke. Der höchsten Erhebungen dieser Bänke hat

sich eine eigentümliche Vegetation bemächtigt, die, mit Hilfe eines

mächtigen Gerüstes von zahllosen Luft- und Stützwurzeln, nicht wenig

dazu beiträgt, die vorhandenen Untiefen zu befestigen und weitere

Anschwemmungen zu befördern.

Nur sehr langsam näherten wir uns diesen trügerischen grünen

Streifen, die mit zweifelhaftem Recht den Namen Küste führten; als

Verkünder des weit in der Ferne in einzelnen undeutlichen Bergspitzen

sichtbaren Festlandes begrüssten wir sie aber doch mit Freuden. Still

glitt unser Fahrzeug über die spiegelglatte dunkle Wasserfläche,

während die strahlende, aber noch nicht lästig warme Sonne mit ihrem

leuchtenden Glanz das ernste Bild in eintönig grüner Umrahmung zu

beleben trachtete. Weder Mensch noch hier waren anwesend, um den

ersten überwältigenden Eindruck dieses grossen aequatorialen Landes

in seiner beklemmenden Majestät zu brechen.

Zwischen den vielen, aus dem Wasser emporsteigenden Wäldchen steuerte

der Kapitän sein Schiff, nach einigen nur ihm bekannten Kennzeichen,

in der Richtung der Kubu, der südlichsten und schiffbarsten Mündung

des Kapuas. Auch diese Einfahrt liess viel zu wünschen übrig; denn

wir mussten einige Zeit warten, bis die Flut so hoch gestiegen war,

dass sie uns über die Moderbank in die noch immer durch eine grüne

Mauer verborgene Flussmündung tragen konnte. Mehr die Zeit, als die

Tiefe des Wassers, gaben endlich das Zeichen zum Weiterdampfen; als wir

uns nach einer scharfen Biegung vor der ungefähr 40 m breiten Öffnung

in der grünen Mauer befanden, sah das aufgewühlte Wasser verdächtig

moderfarbig aus. Da es sich aber darum handelte, ob wir hier noch

zwölf Stunden warten sollten, oder nicht, wollten wir doch lieber

probieren, ob unser Dampfer nicht ebenso gut durch den Moder als durch

das Wasser dringen konnte. Mit vollem Dampf wurde die Schraube durch

das braune Wasser getrieben, aber gleich darauf fühlten wir den Kiel

durch eine teigige Masse gleiten, die Schnelligkeit verminderte sich,

und plötzlich befand sich der ganze Vorderteil des Dampfers in einem

Wald von Nipapalmen.

Zum Glück war dieser unbeabsichtigte Abstecher nicht verhängnisvoll,

denn von einem festen Ufer war auch hier keine Rede, so dass das

völlig auf die Moderbank geschobene Schiff. nach eigenen Drehungen

der Schraube in umgekehrter Richtung, bald wieder mitten in der Kubu

schwamm und seine Fahrt wieder aufnehmen konnte. Bald begann sich zu

beiden Uferseiten der Reichtum der tropischen Vegetation zu entfalten;

die federförmigen Blätter der Nipapalmen (Nipa fruticans Thb.) bildeten

dabei stets einen lichtgrünen Saum um den dunkleren Urwald.

Das Fahrwasser machte viele Krümmungen und wurde hie und da so eng,

dass es nur für einen kleinen Dampfer mit kräftigem Steuerruder

passierbar war. Bisweilen fuhren wir, um besser wenden zu können,

so dicht unter den Bäumen hindurch, dass wir vor ihren über das

Verdeck streichenden Ästen flüchten mussten. In einigen Stunden

befanden wir uns endlich in einer breiten Flussverzweigung, an deren

Ufern festes Land und Spuren von Kultur sichtbar waren. Kokospalmen

erhoben ihre hohen Federkronen über die niederen Uferbäume, und für

Eingeweihte wurde ein Fusspfad zu den malaiischen Wohnungen, die nach

alter Gewohnheit sorgfältig hinter dem schützenden Wall von Uferbäumen

verborgen lagen, sichtbar. Erst später erschienen auch einige Malaien

in langen, schmalen, kaum über die Wasserfläche hervorragenden Böten;

sie ruderten, um die Strömung zu vermeiden, unter dem Ufergebüsch.

Je weiter wir fuhren, desto zahlreicher wurden die den Reichtum

dieser Gegenden bildenden Kokosnusspflanzungen. Die Eingeborenen waren

hier weniger scheu; die Kinderschar geriet sogar beim Erblicken des

Dampfbootes in fröhliche Erregung.

In wenigen Augenblicken waren alle Nachen mit kleinen Ruderern

in Paradieseskostüm besetzt, die mit Rudern, Stöcken und Händen so

schnell als möglich in die Mitte des Stromes zu gelangen suchten, wo

ihre äusserst ranken Fahrzeuge von den Wellen unseres Dampfers so lange

umhergeschleudert wurden, bis sie Wasser fassten und umschlugen. Dann

plätscherte die braune Bemannung unter fröhlichem Gelichter im Flusse

herum, kehrte das Boot wieder um, entfernte mit einigen geschickten

Bewegungen das Wasser und schwang sich wieder in den Nachen.

Als wir uns gegen Mittag dem Hauptstrome näherten, erlangte die

Wasserfläche eine Breite, wie sie im indischen Archipel nur die

stolzen Ströme von Borneo aufweisen.

Auf der spiegelblanken Fläche war, bis wir Pontianak, den Hauptort

an Borneos Westküste, erreichten, kein lebendes Wesen zu sehen. Jetzt

belebten sich aber die Ufer. Die Häuser standen dicht bei einander und

vereinigten sich, besonders am linken Ufer, zu einem langen malaiischen

_kampong_ (Dorf). Nach ihrer Bauart zu urteilen, hatten die Malaien

auch hier den Begriff des Festlandes noch nicht zu fassen vermocht;

denn vom erkennbaren Ufer aus erstreckten sich ihre Pfahlbauten bis

weit in den Fluss hinein, wo noch einzelne, auf grossen treibenden

Baumstämmen gebaute Häuser den Übergang von festen Wohnhäusern zu

Fahrzeugen vervollständigten. Aus der Ferne war der Anblick der

unregelmässig bei einander liegenden Gebäude mit der grau-braunen

_atap_ (Dachbedeckung von Palmblättern) und den schwarzen Holzdächern

recht hübsch, und die vielen, den Verkehr vermittelnden Ruderbötchen

gaben dem Ganzen ein besonders lebhaftes Gepräge. In der Nähe jedoch

machten sich die unschönen Farben der schlecht unterhaltenen Wände

und Dächer zu sehr geltend; das Gleiche war auch beim Palast (_dalam_)

des malaiischen Sultans der Fall, von dem ein Europäer etwas anderes

als ein Durcheinander grosser, unansehnlicher Hütten erwartete.

Wir fuhren jetzt am anderen Ufer einer Reihe buginesischer Behausungen

entlang, hinter welchen die hässlichen Hinterhäuser des sehr grossen

chinesischen _pasar_ (Markt) zum Vorschein kamen. Keines dieser

Gebäude war auf den Grund gebaut; alle standen auf Pfählen im Morast;

selbst die bis 10 m breiten Strassen bestanden aus Planken, die auf

Pfählen ruhten.

Einen freundlicheren Eindruck machte der europäische Teil der

Ortschaft; er dehnte sich mit seinen netten weissen Häusern und

grossen Gärten zwischen dem üppigen Grün des Ufers aus.

Verglichen mit Batavia ist Pontianak ein kleiner Ort; als wir uns

dem Anlegeplatz näherten, erinnerte ich mich aber, wie einst, nach

dreijährigem Aufenthalt auf meinem nördlicher gelegenen Posten Sambas,

dieser Anblick einen ganz anderen Eindruck auf mich machte. Damals, an

kleine, graue, malaiische oder schmutzige, dunkle, chinesische Häuser

gewöhnt, dachte ich unwillkürlich: "wie ist Pontianak doch gross

und schön!" Die Bewunderung schwand aber, bei näherer Überlegung,

auch damals schnell, und ich musste über die Veränderung lachen,

die der Mensch unter dem Einfluss seiner Umgebung unmerklich erleidet.

Erklärlicher ist die Stimmung eines Offiziers, der mir erzählte,

dass ihm Tränen in die Augen traten beim Gedanken, dass er hier

einige Jahre verbringen sollte. Und doch--hat man hier längere Zeit

gelebt--so nehmen die meisten mit Wehmut Abschied. Der "erste Posten"

wird stets besonders lange in treuer Erinnerung bewahrt. Ist man

an die Unstätigkeit einer indischen Laufbahn einmal gewöhnt, so

fällt es einem leichter, angeknüpfte Bande wieder zu lösen, aber

die beim Abschied vom ersten Posten vergossenen Tränen sind wahr,

und die herzlichen Abschiedsworte, die man den das Geleite gebenden

Bekannten zuruft, sind im. Augenblicke wirklich empfunden.

Bei Ankunft unseres Postdampfers stand, obgleich niemand erwartet

wurde, "ganz Pontianak" in der Mittagsglut auf dem Stege, umgeben

von zahlreichen Eingeborenen mit und ohne Uniform.

Was das Hotel in Pontianak betraf, so hatte es seit meinem letzten

Aufenthalt ebenfalls den Wechsel alles Irdischen erfahren, zum Glück

aber nicht dabei verloren, Der frühere Besitzer, der, obwohl etwas

braun, doch bei jedermann unter dem echt holländischen Namen _Piet_

bekannt war, hatte sich mehr für seinen vorteilhaften Handel in

Orang-Utanen und Orchideen als für den Gang seines Hotels interessiert,

so dass dieses, nach dem Urteil von Kennern indischer Gasthäuser,

unter seinem Interesse und Wirken auf zoologischem und botanischem

Gebiet etwas zu leiden hatte.

Ob ihm nun seine vermittelnde Rolle zwischen europäischen

Wissenschaftlern und Liebhabern und den Dajak des Inneren auf

die Dauer nicht mehr gefiel, oder ob ein Wink des Residenten, der

durch Erteilung einer Regierungsunterstützung auf die Führung des

Gasthauses Einfluss hatte, das Seine dazu beigetragen, konnte ich aus

der Ortschronik nicht sicher feststellen; so viel aber war gewiss,

dass _Piet_ jetzt am jenseitigen Flussufer in einer neu errichteten

Ölfabrik tätig war und dass wir bei dem neuen Wirt auf reinerem Tisch

und besser speisten, als es früher der Fall gewesen.

Der Einfluss der sich immer mehr ausbreitenden europäischen Industrie,

der auch Pontianak aus dem Schlaf zu wecken drohte, hatte leider

noch nicht zu eingreifenden und sehr notwendigen Verbesserungen

seines Hotelgebäudes geführt. Das auf Pfählen in einer Schlammgrube

errichtete Holzgebäude schien nämlich mit einem grossen Teil der

Ortschaft im Einsinken begriffen zu sein. Bei dieser ständigen

Abwärtsbewegung hatte der vor den Häusern dem Ufer entlang laufende

Griessweg immer den Vorsprung; denn, nach dem was die Leute erzählten,

musste er jedes Jahr mindestens um einen halben Meter erhöht werden,

damit er nicht mehrere Male im Jahre unter den braunen Wassern des

Kapuas verschwinde und ein Jagdgebiet der Krokodile werde, denen

bereits etliche Menschen und Hunde zum Opfer gefallen waren.

Um meinen Aufenthalt nach Möglichkeit abzukürzen, hatte ich schon

von Batavia aus an den Residenten von Pontianak die Bitte gerichtet,

grössere Mengen gesalzener Eier, gedörrter Fische, Tabak u. dergl. für

mich einkaufen zu lassen. Zu meiner angenehmen Überraschung hatte der

Resident auch bereits das Salz, welches wir für den Selbstgebrauch

vor allem aber als kostbaren Tauschartikel für die Bahau in grossen

Mengen nötig hatten, luftdicht in verlötete Blechkisten zu je 20 kg

Gewicht verpacken lassen.

Wir nahmen 40 dieser Kisten mit und gebrauchten deren 30 am Mahakam.

An anderen notwendigen Artikeln entdeckte ich auf dem chinesischen

Markt nicht viel Brauchbares; nur selten fand ich eine Partie

Glasperlen, Tücher oder schwarzen Kattuns in der erforderlichen

Verpackung. Die erleichterte Dampferverbindung mit den höher am

Kapuas gelegenen Ortschaften hatte auch hier zur Folge gehabt, dass

die Zwischenhändler verschwanden und die kleinen Händler von oben

ihre Bestellungen direkt nach Singapore richteten.

Weit besser bediente man uns mit _kadjang_ (Palmblattmatten) und

allem, was mein Küchenjunge Midan, um mir in einer Gegend ohne _toko_

(Läden) und _pasar_ (Markt) eine gute Mahlzeit bereiten zu können,

für nötig hielt. Da er hierin am meisten Sachkenntnis besass, konnte

ich ihm die Küchensorgen getrost überlassen.

Der Resident hatte uns, gleich nach meiner Ankunft, seine Jacht

"Karimata" zur Verfügung gestellt, so dass wir schon am 24. Mai nach

Putus Sibau, unserem nächsten Halteplatz, weiterreisen konnten.

Dank der Zuvorkommenheit des Residenten durften wir die mitzunehmenden

Leute unter den bewaffneten eingeborenen Schutzmannschaften selbst

wählen; wir suchten diejenigen zu gewinnen, welche bereits bei der

topographischen Aufnahme des Kapuasgebietes und bei den militärischen

und wissenschaftlichen Expeditionen der letzen 10 Jahre als Geleite

gedient hatten und an das Leben in der Wildnis, fern von ihrer Familie

und der vertrauten Umgebung, gewöhnt waren. Zur Anwerbung dieser

Soldaten begab sich _Barth_ später von Sintang nach seinem früheren

Wohnplatz am Melawie, Nanga Pinoh, und holte uns nachher am oberen

Kapuas wieder ein.

Ich nahm also von Pontianak Abschied und zwar mit dem stillen Wunsch,

dass mich die Westküste vor der Hand nicht wiedersehen sollte. Auf

dem Flusse zeigte sich die gleiche Aussicht, wie einige Tage zuvor,

nur wurden die Ufer eintöniger, weil die Nipa nur so weit wächst,

als das Brackwasser reicht, also etwas über Pontianak hinaus.

Die breiten stillen Ströme bieten nur wenig Abwechslung; das

Dampfschiff vertreibt Krokodile und Affen, die sich sonst zu zeigen

pflegen, und der Waldrand ist zu weit entfernt, als dass man seine

Schönheit wirklich geniessen könnte. Jetzt war er nur als schmaler

Saum längs der Wasserfläche bemerkbar; auf der vorigen Reise hatte ich

aber einen unvergesslichen Eindruck von ihm erhalten. Damals machte

ich die Fahrt mit einem ausgedienten Regierungsdampfer; infolge der

starken Anspannung brach eine Maschinenstange, so dass wir lange liegen

bleiben und mit einer kleinen, an Bord befindlichen Schmiede den Bruch

zu heilen suchen mussten. Als die Schmiede an Land gebracht wurde,

bekam ich, durch den Vergleich mit den am Ufer arbeitenden Menschen,

einen Begriff von den riesenhaften Dimensionen der Urwaldbäume. Für

gewöhnlich verliert man in der Beurteilung der Tropennatur gar bald

jeden Massstab.

Die Landschaftsbilder, die sich auf der weiteren Fahrt vor uns

entrollten, hatten viel Europäisches an sich; mit der Nipa waren

nämlich die charakteristischsten Repräsentanten des Pflanzenreichs im

indischen Archipel, die Palmen, verschwunden; sie zeigen sich in den

aequatorialen Wäldern Borneos, mit wenigen Ausnahmen, nur da, wo der

Mensch sie hinpflanzte. Gewöhnlich geben ihre Federkronen den Ort an,

an dem Menschen wohnen oder gewohnt haben. Erblickt man daher einen

Tropenwald aus der Ferne, von oben oder von der Seite, so sieht man

nur Laubbäume; aus der Nähe betrachtet verschwindet jedoch dieses

europäische Äussere; das einfarbige Bild löst sich nach der grossen

Verschiedenheit der tropischen Baumarten, die hier neben, über und

durch einander wachsen, in eine unendliche Mannigfaltigkeit grüner

Schattierungen auf.

Während der beinahe zwei mal 24 Stunden dauernden Fahrt nach Sintang

verändert sich die Gegend nur wenig; der Strom wird breiter und

breiter, bis bei Tajan, dem Wohnplatz eines Kontrolleurs, die Ufer

1500 m von einander entfernt sind, so weit, dass man die Bäume der

gegenüberliegenden Seite schwer unterscheiden kann. Der Dampfer hielt

nicht an, um dem Beamten Nachrichten von der Aussenwelt zukommen zu

lassen, die ihm in seinem Einsiedlerleben, als einzigem europäischen

Repräsentanten der Regierung, einige Abwechslung gebracht hätten. Der

Kontrolleur verwaltet ein Gebiet von der Grösse einer Provinz seines

Vaterlandes, auf dem sich jedoch nur hie und da eine Niederlassung von

Dajak oder Malaien unter dem _panembahan_ (Fürst) von Meliau befindet.

Endlich brachten einige Hügelreihen mit unregelmässigen Formen

etwas Abwechslung in das Bild; sie waren aber nicht hoch genug, um

die majestätische Wasserfläche zu beherrschen. In der ersten Nacht

passierten wir Sanggau, an dem wir vorbei dampften, um so schnell

als möglich Sintang zu erreichen. Am 26. Mai erwachten wir dort;

um unsere Nachtruhe nicht zu stören, hatte der Kapitän kein Signal

mit der Dampfpfeife ertönen lassen.

An der Mündung der Melawie erbaut, hat Sintang, wie alle grossen

malaiischen Wohnplätze, eine vorzügliche Lage, um auf den Handel der

im Gebiet der Melawie wohnenden Dajak einen beherrschenden Einfluss

auszuüben, d.h., nach malaiischer Auffassung, so viel Steuern als

möglich zu erpressen. Diesem erhebenden Streben der malaiischen Fürsten

ist nun durch die indische Regierung Zaum und Zügel angelegt worden;

aber sie haben doch stets eine starke Festung mit 150 Mann Besatzung

vor Augen nötig, um sich in ihre Beschränkung zu fügen.

Zu meiner Freude konnte ich in Sintang verschiedene alte Bekannte

begrüssen; im übrigen hatte ich aber keinen Grund, mich hier lange

aufzuhalten, denn auf dem Markt fand ich nur einen einzigen für den

oberen Kapuas brauchbaren Artikel. Ich setzte jetzt alle Hoffnung

auf den Markt von Bunut und auf die Chinesen, die von dort aus in

grossen, verdeckten Magazinböten ihre Handelsartikel nach Putus

Sibau hinaufrudern.

Nachdem wir in Semitau, einer Station auf unserer ersten Expedition im

Jahre 1894, den Kontrolleur besucht hatten, ging es schnell den Fluss

aufwärts bis nach Bunut, das wir am 28. Mai abends erreichten. Weiter

aufwärts wurde die Fahrt nachts gefährlich wegen der grossen abwärts

treibenden Baumstämme und der im Fluss versunkenen Stämme (einige

Eisenholzarten haben ein sp. Gewicht von etwa 1.2), die bei Hochwasser

durch den starken Strom immer weiter verschoben werden.

Oberhalb Semitau trugen die Ufer des Kapuas einen anderen Charakter;

die ununterbrochene Buschvegetation war verschwunden, man sah nur

niedriges Strauchwerk, das auf den von Malaien und Dajak verlassenen

_ladang_ (trockenen Reisfeldern) aufgeschossen war.

Der chinesische Markt in Bunut enttäuschte mich, was seinen Vorrat an

Perlen und seidenen Tüchern betraf, zum Glück nicht; wir waren aber

doch schon um 8 Uhr morgens mit unseren Einkäufen fertig und konnten

sogleich weiter nach Putus Sibau hinauf fahren.

Unterwegs hatte ich aufs neue Gelegenheit, mich davon zu überzeugen,

mit welcher enormen Schnelligkeit sich das Pflanzenreich eines

verlassenen Kulturbodens wieder bemächtigt. Vor zwei Jahren hatte ich

mich über die grosse Zahl der am linken Ufer angelegten Reisfelder

gewundert, jetzt war von diesen wenig mehr übrig; das Ufer war überall

gleichmässig von derselben Strauchvegetation von 10-15 m Höhe bedeckt.

Dank dem hohen Wasserstande, konnten wir unsere Fahrt über Untiefen

und versunkene Baumstämme ungehindert fortsetzen, bei den letzten

Strahlen der untergehenden Sonne Putus Sibau erreichen und bei der

mir wohlbekannten _kubu_ (Blockhaus) auf dem Floss anlegen. Diese

_kubu_, deren es am oberen Kapuas zahlreiche giebt, sind viereckige,

ungefähr 2 m über dem Boden errichtete und rund herum mit Palisaden

umgebene Gebäude, die etwa 10-20 mit Beaumontgewehren bewaffneten

Eingeborenen als Wohnhaus dienen. Unter Aufsicht des Kontrolleurs

stehend haben diese Soldaten für die Aufrechterhaltung der Ruhe zu

sorgen, zugleich müssen sie dem Beamten auf seinen Reisen, die hier

stets zu Wasser ausgeführt werden, als Ruderer dienen.

Putus Sibau liegt am Kapuas vor der Mündung seines rechten Nebenflusses

Sibau und ist der höchste Punkt, den Dampfer bei hohem Wasserstande

noch erreichen können. Weiter oberhalb engen grosse Geröllbänke das

Flussbett in Trockenzeiten stark ein und verursachen in Regenzeiten

wiederum so heftige Stromschnellen, dass auch kleine Dampfbarkassen nur

in den günstigsten Fällen weiter hinauffahren können. Lange bevor man

in Putus Sibau an eine Dampferverbindung dachte, hatten die Malaien

die grosse Bedeutung dieses Ortes bereits begriffen und hier ihre

letzte Niederlassung im Binnenlande gebaut. Bis vor kurzem waren sie

hier Alleinherrscher; ihren Hauptunterhalt bildete der Handel mit

den wichtigsten der benachbarten Dajak Stämme: den Kajan-, Taman-,

Kantu- und Sibau-Dajak; einen Nebenerwerb bildete das Sammeln von

Buschprodukten.

Als nach Einsetzung der niederländischen Verwaltung den ständigen

Fehden der Stämme untereinander und besonders den Einfällen der

Batang-Lupar aus Serawak ein Ende gemacht wurde, wagten sich sehr bald

auch die Chinesen bis Putus Sibau hinauf. In langen Ruderröten fuhren

sie in 3-4 Tagen den Kapuas von Bunut aufwärts, um ihre Waren vom Markt

in Bunut hier an den Mann zu bringen. Die niederländische Regierung

verweigerte ihnen aber das Niederlassungsrecht, das sie sich wohl auch

nicht sonderlich wünschten, da der Kontrolleur weit ab, in Semitau,

wohnte und die Malaien ihre Konkurrenten, durch deren Gegenwart ihrem

Monopol auf den betrügerischen Handel mit den Dajak ein Ende gemacht

wurde, mit scheelen Augen ansahen. Das Wohnen in Böten bietet den

Chinesen ausserdem den grossen Vorteil, dass sie sich bei drohender

Gefahr schnell aus dem Staube machen können, was in dieser Gegend,

wie es sich in den letzten Jahren erwiesen, oft sehr wünschenswert war.

Wenige Jahre vor unserer ersten Expedition 1894 waren, auf das Gerücht

eines grossen Einfalls der Dajak aus Serawak hin, alle Händler aus

Putus Sibau nach Bunut geflüchtet; die Bevölkerung selbst lebte seit

dem grossen Plünderungszug der Batang-Lupar am oberen Mahakam 1885

in ständiger Angst.

Bei meiner Ankunft jedoch waren alle schreckenerweckenden Gerüchte

längst vergessen und seit meinem ersten Besuch in Putus Sibau

hatten viele Veränderungen stattgefunden. Der Resident hatte es nach

der ersten wissenschaftlichen Expedition für ratsam gehalten, den

malaiischen Distriktsaufseher von Putus Sibau durch einen Kontrolleur,

den Herrn _Westenenk_, zu ersetzen und dieser hatte dafür gesorgt,

dass das Äussere des malaiischen Dorfes, das, wie überall am Kapuas,

aus einer Reihe niedriger Häuser am Flussufer bestand, wesentlich

verbessert worden war; ausserdem hatte er den chinesischen Händlern

das Niederlassungsrecht gewährt.

Auf dem rechten Ufer, das hoch gelegen war, und nicht, wie das steile

linke, bei jedem Hochwasser ein Stück Boden durch Absturz verlor,

waren eine Reihe chinesischer Häuser im Bau begriffen; sie schlossen

sich dicht an einander und waren durch eine lange Galerie unter ihrem

gemeinsamen Dache verbunden.

Hier war also der Grund zu einem neuen festen Handelsplatze mit

ansässiger. Bevölkerung gelegt, für die umliegenden Gebiete ein

Ereignis von grösster Bedeutung, da die Aufsicht eines europäischen

Beamten den allzueifrigen Bemühungen der Händler, sich auf Kosten

der harmlosen Eingeborenen zu bereichern, eine Grenze setzte. Eine

weitere wichtige Folge der Gewährung des Niederlassungsrechtes war,

dass die chinesischen Handelsdampfer jetzt nicht mehr in Bunut Halt

machten, sondern direkt bis Putus Sibau hinauffuhren, wodurch die

Preise der eingeführten Waren sanken und die der Buschprodukte stiegen.

So konnte auch ich meine Einkäufe jetzt ebensogut in Putus Sibau als

in Bunut machen, was mir, besonders später beim Zuge an den Mahakam,

sehr zu statten kam.

Ein Teil der kleineren malaiischen und chinesischen Händler hatte

jetzt gerade schwere Zeiten zu bestehen, da einige andere, reiche,

von weit unten heraufgekommene Konkurrenten sich besonders des Handels

mit Buschprodukten zu bemächtigen suchten.

Eine wichtige Rolle bei dieser Art von Handel spielt das

Vorschusswesen: ein Malaie oder Dajak, der in den Urwald zieht, um

Buschprodukte zu suchen, erhält von einem anderen Malaien oder Chinesen

auf Kredit eine Ausrüstung an Kleidern, Werkzeugen und besonders an

Reis unter der Bedingung, dass er später mit dem, was die Expedition

an Rotang, Guttapercha und Kautschuk liefern wird, das Geliehene

reichlich zurückbezahlt. Sind die Buschproduktensucher einmal fort,

so ist eine Überwachung ihrer Arbeit oder eine Bestimmung des Termins

ihrer Rückkehr fast unmöglich, da sie wochenlang in unbewohntem Lande

die Flüsse hinauffahren und man sie in den Bergen des Urwaldes schwer

erreichen kann.

Meistens sind es Malaien, die sich ganz dem Sammeln von Buschprodukten

widmen; ihr angeborener Hang zum Nomadenleben und die eingebildete

Freiheit, die sie im Urwalde geniessen, treibt viele dazu, ihre

Dörfer am unteren und mittleren Kapuas für Jahre zu verlassen; ihnen

schliessen sich auch manche, von bösem Gewissen geplagte Leute an,

um dem Gefängnis zu entgehen.

In Gegenden, die reich an Rotang und Guttapercha sind, trifft man

daher eine sehr zweifelhafte Gesellschaft malaiischer Abenteurer

an; sie wissen sich jedoch auch das Leben im Urwalde gemütlich

zu machen. So bildete 1896 der Oberlauf des Kréhau, des linken

Quellflusses des Kapuas, das Zentrum des Buschverkehres; man baute

dort, in nächster Nähe der Buschprodukte, Wohnungen. Händler brachten

die nötigen Waren, die wegen des schwierigen Transportes sehr teuer

wurden; aber die Möglichkeit, die man dort genoss, der Leidenschaft

für Kartenspiel und Hahnengefechte ungestraft fröhnen zu können,

wog manche Nachteile auf. Aus Mangel an Frauen vergriffen sich die

Malaien an denjenigen der in der Nachbarschaft schwärmenden Punan

und Bukatstämme; das kostete ab und zu allerdings einen Kopf--aber

was riskiert man nicht alles der goldenen Freiheit wegen!

Unternehmendere Malaien dingen bisweilen für einige Monate zu einem

bestimmten Lohn Kajan- oder Taman-Männer und ziehen mit ihnen in den

Wald. Wird eifrig gesammelt, so bildet das Buschproduktesuchen eine

lohnende Beschäftigung, der am Kapuas viele einen gewissen Wohlstand

zu danken haben. Die Malaien sind aber im Busch wie zu Hause einer

regelmässigen Arbeit abgeneigt.

Haben sie eine so grosse Menge Guttapercha und Rotang beisammen, dass

sie von ihrem Ertrag einige Zeit leben und geniessen können, so tritt

ihre Sucht zum Faulenzen und ihre Leidenschaft für Würfelspiel und

Frauen so sehr in den Vordergrund, dass die Arbeit im Stich gelassen

wird, bis die Not sie wieder zu ihr treibt. Unter diesen Umständen

regt auch der Gedanke an die fernen Gläubiger nicht zur Arbeit an. Auf

viele wirken diese Verhältnisse geradezu lähmend; denn sie machen

stets neue Schulden, deren Tilgung immer schwieriger wird.

Begreiflicher Weise ist unter derartigen Verhältnissen das Ausleihen

auf Kredit für die Händler mit grossem Risiko verbunden und bietet

nur denjenigen Vorteil, die im Stande sind, mit auf den Arbeitsplatz

zu ziehen und ihre Schuldner zu beaufsichtigen. In dieser Beziehung

sind die kleinen Händler den grossen gegenüber im Vorteil.

Geld spielt bei diesen Handelskontrakten selten eine Rolle. Sowohl

Malaien als Dajak lassen sich ihre Produkte mit Kattun, javanischem

Tabak, Salz und allerhand Nahrungsmitteln bezahlen. Auch die

Dajak kaufen gern auf Schulden und bezahlen diese bei der folgenden

Reisernte. Von einer Zinszahlung in unserem Sinne ist hier keine Rede;

aber die Händler entschädigen sich, indem sie die Quantität des zu

empfangenden Reises erhöhen. Auch hierin bringen geregeltere Zustände

Veränderungen hervor; so erzählte mir der Kajanhäuptling _Akam Igau_,

der in seinem Leben viele Handelszüge unternommen hatte, dass er

seine ersparten Dollars in Bunut nach malaiischer Weise gegen 3%

monatlichen Zinses unterzubringen beabsichtige.

In auffallendem Gegensatz hierzu werden europäische Industrieprodukte,

die aus den Fabriken direkt nach Singapore und von dort durch Chinesen

nach Putus Sibau eingeführt werden, zu kaum höheren Preisen als in

Europa verkauft. Wir wunderten uns nicht wenig, hier für fl 1.37

europäische Regenschirme kaufen zu können, die wegen ihres dünnen

Überzuges zwar besser gegen Sonne als gegen Regen schützten, im übrigen

aber hübsch gearbeitet waren. Einfache Schmucksachen, wie vergoldete

Armbänder, waren zu Bazarpreisen käuflich und nette Glasdöschen mit

einem Dutzend Fingerringe mit bunten Steinen zu fl. 1 lieferten den

traurigen Beweis, dass in Europa viel Arbeit gegen geringe Belohnung

geleistet werden muss.

Da die Bedürfnisse und das Kaufvermögen der Dajak sehr gering sind,

kann ein Handel mit ihnen auch nur wenige unterhalten und die vielen

Malaien, die langsam flussaufwärts gezogen sind, sehen sich genötigt,

hauptsächlich vom Ertrag der Buschprodukte zu leben. Jedoch auch

die Buschprodukte müssen schon seit Jahren aus sehr entfernten

Gegenden geholt werden und der Vorrat ist so beschränkt, dass er

nicht mehr allen einen Verdienst liefern kann. Um der dringenden

Not abzuhelfen, wurde, bei meinem früheren Aufenthalt am Mendalam,

der Kapuas freigegeben, um aus dein Flussand Gold zu waschen. Die

Goldwäscherei ist hier zwar nicht sehr lohnend, reicht jedoch zum

Unterhalt einer Familie aus, da auch Frauen und Kinder sich an

der Arbeit beteiligen. In Anbetracht des Umstandes, dass sich die

benachbarten Dajakstämme dadurch in ihren Rechten verkürzt glaubten,

verlangte diese Massregel viel Umsicht und Geschicklichkeit seitens

des Kontrolleurs, und die Goldwäscherei wurde auch nicht weiter als

bis zur Mündung des Kréhau gestattet.

Dergleichen Rechte der Dajak auf die Erzeugnisse des Landes werden

übrigens auch beim Sammeln von Buschprodukten berücksichtigt und die

Sitte verlangt, dass dem betreffenden Dajakhäuptling 10% des Ertrages

abgeliefert werden. Am oberen Kapuas sind durch das Hin- und Herziehen

der Stämme die Ansprüche auf Ländergebiete so kompliziert geworden,

dass die holländische Verwaltung sich in diesem Stromgebiet mit der

Einnahme und Verteilung der Steuern unter den Häuptlingen hat befassen

müssen. Auch die ausserhalb wohnenden Pnihinghäuptlinge vom Mahakam

kommen hierbei in Betracht, da auch sie früher am Kapuas lebten.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 35 / 66 题