Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich
Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er,
"sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen,
und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend,
gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken,
und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und
weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und
nicht jeder ein Peculium für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829
über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn
mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach
und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu
zersplittern."
Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr
lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen
Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch
conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was
man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns
beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft
übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil
wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre
zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind
Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten
erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und
Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich
werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie
blüht."
Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande
gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland
überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch
das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten
Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen
Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und
Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein
glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern
Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß
ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830.
Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem
seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht
uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu
erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die
nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu
besinnen."
So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes
Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften
Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so
entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere
Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet,
nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin
wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das
Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen
und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth
wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien
beschäftigen."
Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist
ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er
nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür
aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich
sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den
ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles
Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam.
Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu
bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt,
so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und
wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden."
Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter
treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner
Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831
befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit
dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres
ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin
begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der
Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten.
Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und
Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß
ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte,
schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten
Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern
Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das
nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine
Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand
beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart
seines Arztes, des Dr. Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen
lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst
bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben,
fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor
befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der
ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr
matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter
phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er
unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in
prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen
Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund
Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu
öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte
gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite
seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien,
schmerzlos verschied.
Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das
Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von
jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag
gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei,
und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb,
wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der
Minister v. Voigt, verschieden war.
"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde,
"ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu
sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn
hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender.
Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln
Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das
Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte
mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch
gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn
selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch
auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder.
Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und
sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends
am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein
vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das
ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der
unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf
sein Herz--es war eine tiefe Stille--und ich wendete mich abwärts, um
meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen."
Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte
Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche
Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen
Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an
Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer
Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der
Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller
gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte
von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an
ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die
er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das
ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen
segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther,
gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf
bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß
diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im
Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als
Vollendete, Selige."