Es kamen nun die Tage, da er in der Gegend umherstrich, wie ein Mensch,
der etwas sucht. Der es endlich findet und traurig betrachtet und
wieder wegwirft, weil es doch nicht das Rechte ist. An Waldplätzen, wo
er je mit dem Freunde zusammengewesen war, geplaudert oder gesungen
hatte. Und suchte in dunkelnder Erinnerung nach Gesprächen, die er mit
Rufmann geführt, nach Aussprüchen, die er getan und vor allem nach den
Liedern, die sie gesungen hatten. Von manchem Liede fiel ihm der Text
ein, aber nicht die Melodie. Und der Text ohne Melodie ist ein dürrer
Stab, an dem die blühenden Ranken fehlen. Und wenn er auch bisweilen
einzelne Töne fand, so waren es abgefallene Blätter einer Rose, sie
hatten keinen Schmelz und keinen Duft. Und wenn er von anderen singen
hörte, so war es Lärm und kein Gesang. Da wollte sein sangesdurstiges
Herz verschmachten. Selbst die Waldvögel, sie sangen nicht,
zwitscherten oder kreischten nur, seit der Förster dahin war. Und die
alten Bäume, die stahlhart und rein geklungen hatten, so man mit der
Axt an den Stamm schlug -- sie tönten dumpf und morschig. Wenn er von
solch traurigen Gängen nach Hause kam, murmelte er: »Komm Rufmann!« und
trank Wein.
Dann wieder sah man den Michel an den Ufern der Wässer. Er saß an der
Tauernach und schaute in die raschen Wellen, er saß an der Mur und
schaute in das stille, langsame Wogen hinein. Schier klang ihm das
Wasser holder als alle Lust in Kehle und Saitenspiel. Und ist ihm
eingefallen: Der Rufmann drüben, der wird sich ja langweilen, wenn
er keinen hat zum Singen. Da sollt man ihm doch Gesellschaft leisten
gehen ...
Öfter als einmal ging Frau Apollonia aus, um ihn zu suchen, und fand
ihn an einer Felswand oder an einer Hecke oder am Wasser. Er ließ sich
wecken aus seinen Träumen und ging mit ihr heim. Und die Helenerl!
Was hat das Mädel heimlich sich gegrämt! Da ward es endlich doch zu
hart, alles so allein zu tragen, und sie blieb auf der Gasse ein wenig
stehen, wenn Sepp, der ältere Gerhaltsohn, vorüberkam und freundlich
fragte, wie es ihr gehe? Dem sagte sie von ihrem Leid ein weniges
heraus und ging wieder ihres stillen Weges.
Den Vater aber, den ließ es nimmer bleiben in der Enge des Hauses bei
lärmenden Zechern; er ging immer wieder fort. Man sah ihn stehen am
Waldrain, wo der Weg gegen das Forsthaus führt. Man sah ihn sitzen am
Wasser, mit einer Angelstange. In Ruhe und Geduld hielt er sie hinaus,
und manchmal zuckte er damit auf. Zumeist war nichts an der Angel, da
wunderte er sich. Manchmal war ein Fisch daran, da wunderte er sich
auch und tat den Fisch wieder hinein.
»Ja, Michel, was willst du denn fangen?« fragte ihn einmal jemand. Er
schwieg, blieb sitzen am Ufer und hielt die Angelstange über das Wasser.
Ein andersmal wieder Stunden, da der Michel scheinbar schalkhaft war
wie in früheren Zeiten. So sagte er eines Sonntags auf der Straße zu
den Kirchgängern: »Wißt ihr es schon? Gestern früh um sechs Uhr ist in
Löwenburg der Michelwirt von Eustachen gehenkt worden.«
Da schüttelten sie die Köpfe: Der Mensch ist halt doch ganz und gar
verrückt!
Nur einer war, der augenzwinkernd murmelte: »Ich weiß wohl, wie’s
gemeint ist. Weil die Eustacher damals gesagt haben: Der Michelwirt
ist’s gwest, der den Preußen ...! Keiner hat ihm’s abgebeten. Der
Krauthas ist gestern hingerichtet worden.«
»Der Krauthas?« fragte der Michel, der die Bemerkung wohl gehört
hatte, »da müßte er doch selber was davon wissen. Er weiß nix von der
Hinrichtung, ich weiß was davon. Also bin ich hingerichtet worden!«
Würden ihrer etliche nachdenklich und hatten einen Schauder. Wenn’s
einer danach auslegen wollte, es sei was dran.
Der Michel schrie es heftig auf die Kirchgänger hin: »Ja, ja,
ihr braven Leut von Eustachen! Das Gestorbensein spürt nur der
Überlebende!« und schlug die Faust an seine Brust.