Es war Hochsommer geworden.
Im Garten des Michelwirtshauses waren wieder ein paar Tische
aufgeschlagen worden für Durchreisende. Aber sie blieben fast leer. Die
Bauern und Holzknechte saßen wie immer in der dumpfen Stube, und dort
ging’s oft wieder recht laut und lustig her. Nur daß der Wirt selten
bei den Zechern war. Der saß am liebsten allein draußen am Gartentische
und träumte in sich hinein. Manchmal läutet ein Bienlein über sein
Haupt dahin. Bisweilen weht es durch die schlafenden Bäume wie ein
verlorenes Singen aus alten Zeiten.
... ’s hat schon der Mond schön gscheint,
’s ist alles mäuserlstill --
Es rührt sich nix ...
Dort steht der alte Ahornbaum mit der wüsten Scharte, wo der Ast
niedergebrochen war. Er hatte an demselben einmal hinaufsteigen wollen,
um den Bienenschwarm abzufangen. Der Rufmann hatte ihn gewarnt und
gehütet ...
-- Trinken. Sie sollen trinken, drinnen in der Stube, so viel sie
mögen, ’s hat wohl jeder seinen Dorn im Fleisch. Ohne Trinken wär’s nit
auszuhalten. In einem alten Schulbüchel ist’s, da kommt gleich nach
Kain und Abel der Noah mit der Traube.
So hatte der Michel sein Glas Wein vor sich stehen. Und dann lohte
leicht und warm die Freude auf. Der Greis soll ruhen, die Jünglinge
sollen leben. Ihre Weltlust ist jetzt seine Weltlust geworden. In ihnen
lebt der alte Freund wieder auf und dankt mir, daß es so gewendet
worden. Und an den Söhnen kann ich meinem Paul mehr Liebes erweisen,
als es an ihm selber möglich gewesen wäre. Und mein Haus, es ist ja
nicht arm. Hat es für Elias gleichwohl die Hilfe, seine Studien zu
vollenden und den immerwährenden Heimgang; für den Friedl hat es
mehr ...
So lieblich blühte der Wein. Aber das ging allemal sachte in eine
andere Stimmung über, in eine abgrundtiefe Elendigkeit. Da knirschte
er mit klappernden Zähnen, daß der Wein das allerabscheulichste Gift
sei, so furchtbar grausam schon deshalb, weil es nicht sterben läßt.
Das Leben verelendet und doch nicht sterben läßt! Alle Lebensgeister
verekelt und betäubt er, bis auf den einen, der zuruft ohne Unterlaß:
du bist eine treulose Kreatur!
Zu anderen Stunden fand er freilich wieder den kümmerlichen Halt in
dem Gedanken: Was man aus Nächstenliebe tut, das wird ja doch -- wie
es immer heißt -- eine gute Tat sein, und selbst wenn’s ein Irrtum
wäre. Eine Einbildung, daß die Söhne Raubmörder sind, hat die Tauernach
ausgelöscht. Auch wenn sie es wirklich wären gewesen. Oder können sie’s
nicht noch werden? Wer kann denn wissen, was hölltiefer Jammer einem
Menschen bevorstehen kann. Das ist alles ausgelöscht beim Rufmann --
er hat nix mehr zu fürchten und zu leiden. Wer hat ihn denn erlöst? --
Ich? Wieso? Doch er sich selbst. Was gräm ich mich denn ab? Ich habe ja
nichts getan! --
In ähnlicher Weise rang der arme Mensch mit seinem Leide, mit seinem
Gewissen, und sachte erlahmte die Seele.
Zum Forsthause wollte er jetzt hinauf, um zu sehen, was es zunächst für
ihn zu tun gab. Da kam der Brief.
»Lieber Michel Schwarzaug!
Nach dem, was sich ereignet hat, und es besser ist, daß wir uns
nicht mehr sehen, so schreibe ich im Namen meines Bruders und
in meinem eigenen diesen Brief.
Wir verließen gestern unsere Heimat, und zwar unauffällig bei
der Nacht, weil wir allen, die unseretwegen sich etwa einen
Vorwurf machen müssen, noch unseren letzten Anblick ersparen,
und wir auch selber niemand sehen wollen. Ins Forsthaus zieht
demnächst der neue Förster ein. Die Rosalia Terler wird unsere
Sachen, die wir nicht mitnehmen können, in Obhut nehmen, bis
sie versteigert werden, und haben wir gleichzeitig alles
Amtliche dem Ortsvorsteher aufgetragen.
Warum wir gehen, das brauche ich wohl nicht zu sagen. Die
Erfahrungen, die wir in unserer größten Not hier haben
machen müssen. Wir müssen uns halt denken, sie sind von Gott
geschickt, wollen niemand dafür verantwortlich halten. Müssen
auch manchen werten Bekannten zurücklassen, aber das Verbleiben
in Eustachen wäre gegen unsere Natur. Wo so etwas geschehen,
das kann nimmer unsere Heimat sein.
Mein Bruder Fridolin will ganz auswandern, wahrscheinlich
in einen anderen Weltteil. Wie er arbeiten kann, da wird er
leicht weiterkommen. Ich kehre auch nicht mehr ins Seminar
zurück, etwa daß ich in einem Kloster meine weitere geistliche
Ausbildung suche. Vielleicht entschließe ich mich zu etwas
anderem, jetzt ist mein Verlangen: Nur recht weit fort.
Dir, lieber Michel Schwarzaug, danken wir für manches Gute,
besonders was Du unserem seligen Vater erwiesen hast. Wir
wissen, daß Du dich kränkst um ihn, und wahrscheinlich wegen
seiner letzten Stunde. Laß das sein, das hilft jetzt nichts
mehr. Die Schuld habe ich auf mich zu nehmen. Hätte ich nicht
eine Untat gelogen, die ich nicht begangen habe und nie begehen
kann, so würde man uns kaum fortgeführt, sicher aber nicht als
des Verbrechens überwiesen betrachtet haben. Daß ich freilich
meine Ursache gehabt habe, würdest Du nicht glauben können.
Mein ganzes Leben soll ein Büßen sein, dem Gedächtnisse meines
Vaters und seiner armen Seele aufgeopfert. Für mich verlange
ich nichts mehr und mein Bruder wird sich durchschlagen. Um
was wir Dich noch ersuchen möchten; laß es sein, nach uns zu
forschen -- es ist so am besten. Wir wünschen Dir und den
Deinigen viel Glück und Segen.
Elias Rufmann.
Ich verabschiede mich noch besonders von Dir, als meinem
christlichen Taufpaten. Gott der Herr wird alles vergelten.«
Ja, so lautete der harte Brief, den man heute noch lesen kann im
Straßenwirtshaus zu Eustachen. Der Schreiber, der ihn wohl in
christlicher Milde und Verzeihung verfaßt zu haben glaubte, hatte keine
Ahnung, wie dieses kalte Eisen in das kranke Herz des Empfängers drang.
Er las zwischen den Zeilen dieses Briefes, daß seine Sünde keine
Verzeihung findet. O, wäre der Brief in Leidenschaft und Zorn
geschrieben worden und hätte geflucht und gewettert, so wehe hätte
er nicht getan als diese tote Höflichkeit. Seine Sünde findet kein
Verzeihen. Sie wollen nichts mehr von ihm. Sie wollen ihn gar nicht
mehr sehen. Jawohl, »Gott der Herr wird alles vergelten!« Das soll wohl
heißen: bestrafen! -- Aber Michelwirt, was kränkest du dich denn so
sehr? Es ist ja alles nur Einbildung. Dem Rufmann hast du gesagt, daß
man die Einbildung, wenn sie weh tut, auslöschen könne. Michel, lösche
sie jetzt in dir selbst ...
»Mariedl! Ein Glas Wein. Vom starken!«
-- -- Also abgelehnt!
Abgelehnt von diesen Knaben, die er schon zu seiner Familie getan,
derer wegen er auf seine eigenen Angehörigen beinahe vergessen konnte.
Abgelehnt von diesen Jungen, an denen er seinen verhängnisvollen Irrtum
sühnen und sich erlösen wollte. Von diesen armen Jungen, die Liebe und
Vertrauen zur Heimat verloren haben und nun in der weiten, stockfremden
Welt ihr Glück suchen wollen -- die einfältigen, unerfahrenen Kinder!
In seiner inneren Wirrnis versuchte er es einmal mit der Zither. In
früheren Tagen hatte ihr Klang manche Herbnis sanft ausgelöst. Jetzt
griff er wieder in die Saiten. Sie klangen nicht, sie schrillten, sie
taten dem Ohre weh und dem Herzen noch weher. Er nahm den Drehschlüssel
und suchte zu stimmen, da tat die Saite einen schneidenden Schrei und
-- war gesprungen. Das Instrument mit dem gerissenen Strang, er hing es
wieder an den Nagel. Es war alles aus.
Sein Weg -- noch einmal zum Forsthaus. Da war alles darunter und
darüber gekehrt. Die Sali hatte Möbel und Geräte gescheuert und nun
standen und lagen diese auf dem Anger herum, daß sie trockneten. Es
waren, im Sonnenlicht besehen, recht ärmliche Sachen. Er ging ins Haus.
Die Schritte hallten laut in den leeren Stuben. An der Wand waren
noch die Heiligenbilder und die rote Ampel stand vor der Muttergottes.
Daneben hing die Laute. Rufmanns alte Laute, mit der er so oft den
Gesang begleitet hatte.
Die Sali kam herbei und begrüßte ihn mit den Worten: »Gelt, wollens
halt auch einmal sehen, wie’s ausschaut, das zugrunde gerichtete
Forsthaus!«
Er hatte für diesen Ton keine Empfindungen mehr. Von den Buben nirgends
eine Spur. Er hatte sich vorgenommen, zu versuchen, ob nicht von der
Alten manches über sie zu erfahren wäre. Das ließ er sein, fragte nur
eins. Ob die Laute zu haben wäre? Er möchte sie gerne kaufen. Zu einem
Andenken.
Darauf die Alte kurz und scharf: »Ich geb nix her! Darf nix hergeben!
Was mir anvertraut ist, das ist mir anvertraut!«