»Wo ist’s geschehen?«
»Auf der Brucken.«
»Und hast ihn nit können halten? Michel, ich hab dir’s so fest
aufgetragen!«
»Jetzt hebst du auch an!« schrie der Michel erregt.
Dann verlor er sich.
An beiden Ufern des Flusses jede Böschung und jeden Tümpel haben
sie abgesucht. Wo Arm- oder Wurzelwerk des Gebüsches ins Wasser
niedergriff, da haben sie hineingeleuchtet. Unten an dem alten Sägewerk
des Gerhalt hofften sie ihn sicher zu finden, denn dort wurde der Fluß
durch einen Vorbau gebrochen. Aber die Leiche war nicht da und auch
nicht im Fluder und nicht im Tümpel unter dem Radwerk. Unterhalb der
Säge wallt die Ach breit und mit vermindertem Gefälle dahin, der Murr
zu. Sie haben ihn nicht in der Tauernach und nicht in der Murr gefunden.
»Er ist seinen Buben nachgefahren nach Löwenburg,« sagten die Leute.
Am Abende des nächsten Tages auf der Sandbank bei Ruppersbach, da lag
er ausgeworfen, ein Häuflein Tod. Der Fischer hatte zuerst gemeint, es
sei ein alter Lappen, den jemand weggeworfen. Zerrissen, zerknüllt,
voller Sand und Schlamm, aber noch kenntlich -- der Förster Rufmann.
Drei alte Bauern standen beisammen, als man ihn nach der Totenkammer
brachte.
»Das muß ich sagen, um den Mann ist’s schad. Hätt noch lang leben
können, wie der noch fest ist gewest. Aber -- an seiner Stell hätt
ich’s auch nit anders gemacht.«
»Und wenn man sich bei so einem Unglück nit tot machen kunnt, müßte man
sich frei neun Klafter tief in die Erden verkriechen.«
»Was sagst denn aber, wenn er jetzt nit in den Friedhof darf -- han!«
»Wenn ein solches Absterben nit verziehen wird, nachher -- jetzt hätt
ich aber bald was gesagt!«
»Da gehn wir all miteinander zum Pfarrer und verlangen’s!«
»Ist nicht vonnöten,« sagte ein Hinzugetretener.
»Oh, Hochwürden! Wir küssen die Hand!«
»Ihr glaubt also, euer Pfarrer würde einen unglücklichen Mitbruder dort
verscharren lassen, wo ihr alten Heiden alljährlich den Fasching zu
begraben pflegt!« --
Aus Sandwiesen war Frau Apollonia mit ihrer Tochter heimgekehrt. Als
sie von dem geschehenen Unheile vernommen hatten, dachten sie an den
Vater.
Helenerl war noch schweigsamer als sonst. Nur einmal, gleich als
sie vernommen, wer die Mörder des Fremden gewesen, hatte sie kurz
und scharf gesagt: »Das ist nit wahr!« Wie sie hernach von den
unwiderleglichen Beweisen hörte, und daß es der Student eingestanden
habe, sagte das Mädel nicht ein Wort mehr. Sie war wie zu Stein
geworden. Den Vater fanden sie oben in seinem Stübchen.
Niemand hatte er zu sich hereingelassen. Als jetzt Frau und Kind vor
ihm standen, reichte er ihnen die Hand: »Das ist ein Unglück worden!
Hättet noch in Sandwiesen sollen bleiben. ’s wär besser gewest.« Und
nichts weiter.
Jetzt ist das Mädchen zu sich gekommen, der Mutter an die Brust
gefallen: »Der Vater, wie er ausschaut! Ich kenn ihn ja nimmer! Ganz
hintersinnig ist er.«
Und Frau Apollonia: »Wenn dein Vater was hat, da ist’s am besten, man
läßt ihn allein. Er ist schon lang nimmer recht beisamm. Weiß Gott, wie
er fertig werden wird mit allem, was noch kommen kann.«
Der Michel war ja froh, seine Leute in der Nähe zu wissen, aber
sprechen wollte und konnte er nicht mit ihnen. Über schwere Anliegen
sprechen, das hatte er nur mit einem gekonnt. Und da war’s ihm jetzt,
er müsse Hut und Stock nehmen und hinaufgehen ins Forsthaus. Den
Rufmann, wenn er hätte fragen können, ob es ihm jetzt recht sei? Er
hatte ihm ja seinen Willen getan, er war ihm ja treu gewesen. Und
Rufmann würde zu ihm hintreten, nebelleicht und nebelblaß, aber schön
und gütig, und würde sagen: Ja, Michel, so ist’s am besten! -- Und
wenn er nicht mehr kommen kann, weil er nichts ist, kein Nebel und
kein Traum mehr, dann ist’s erst am besten, dann hat alle Qual und
alle Ursach zur Qual auf ewig ein Ende. So, wenn sich alle Menschen
gegenseitig brüderlich forthelfen wollten aus dieser falschen Welt!
Aber halt der liebe Mut! So lange den meisten noch der Mut fehlt,
suchen wir den Tröster im Faß.
Er unterbrach sein Denken, kam aber immer wieder drauf zurück. --
Jetzt seh ich’s wohl, daß der Nathan Böhme -- Gott selig! -- eine
falsche Lehr hat gepredigt. Der Wein ein Gift! Just im Gegenteil,
der Wein tut’s aufs allerbest. Der Wein macht schöne Einbildungen,
also eine schöne Welt -- was will man denn noch mehr? Wo gibt’s denn
einen größeren Wohltäter, der uns glückselig hinwegtäuscht über diese
schreckbare Verdammung! Nein, nein, ich bin schon recht mit dem
Wirtshaus und will mir neue Gebinde anschaffen. Und je mehr ihrer bei
mir Sorg und Kummer verlieren und sich das Elend kürzen, um so besser
erfüll ich die Nächstenlieb. Komm, du güldener Trank, auch mir mußt
du’s jetzt ganz sein. Mußt ja mein Rufmann sein!
Das Dorf rüstete sich zum Begräbnisse. Als der Michel sein schwarzes
Gewand verlangte, da riet Frau Apollonia in aller Güte: »Mann, bleib
du dasmal daheim. Oder fahr aus, fahr nach Sandwiesen oder wohin du
willst. Auf dem Kirchhof, da ist heut nix für dich, schau Michel, sei
gescheit.«
Er schaute sie bloß betrübt an.
Hatte nicht eine heimliche Stimme ihm schon denselben Rat gegeben?
War’s ihm nicht manchmal zumute: Weit weg! Nur weit weg! -- Doch, wozu
denn fliehen, wenn man recht getan?
Er zog sich also an und ging nach Ruppersbach. Nicht auf der Straße
unter den Leuten, sondern an den Feldrainen ging er hin, an den Hecken
und über das junge Grün bebauter Äcker mußte er schreiten bis zur
langen weißen Mauer hin.
Der Kirchhof war voller Menschen, sie beteten laut ein eintöniges
Gebet. Der kleine Mann mit dem schwarzen Bart drängte sich duckend
durch bis nahe ans Grab. Aber doch nicht in die vorderste Reihe. Die
Leute stolperten über frische Hügel, die nebenhin in einer Reihe waren,
und jeder Hügel hatte ein Holzkreuzlein auf sich stecken mit dem Namen
des Schläfers. Den meisten ist dieses arme Kreuz ein erstes und ein
letztes Denkmal, nur wenige bekommen später aufs Grab einen Stein --
als Ersatz für so manchen, den man im Leben auf sie geworfen.
Von der Totenkammer her den kurzen Weg kamen die Priester und die
Chorknaben mit den Weihrauchgefäßen und der Schullehrer mit den
Sängern und die Träger mit dem Sarge. Ein langer schmaler Sarg,
schwarz angestrichen, ganz schmucklos. Nun ließen sie ihn nieder und
senkten ihn hinein -- in ein sehr enges, sehr tiefes Grab. Dem Michel
tat’s wohl, daß es so tief war. Lautere Erde, da kommt von diesem
schrecklichen Lebenstraum nichts mehr durch. Er hatte im Augenblick
eine liebliche Ruhe empfunden, beinahe als ob er selbst ausgestreckt
läge da unten in der kühlen Erde. Nun aber kam ein Grauen, denn sie
sangen dem toten Sangesfreunde ein Lied:
»Auferstehn, ja auferstehn wirst du,
Mein Leib, nach kurzer Ruh!«
Als das Lied aus war, sagte in der Nähe jemand halblaut: »Am jüngsten
Tag, da werden zwei junge Büßer neben ihm stehen auf der rechten
Seiten.« Dann sprach der Pfarrer seinen Segen: ~Requiescat in pace!~
Dann sprengte er Weihwasser hinab und warf drei kleine Schaufeln voll
Erde auf den Sarg. Es dröhnte hohl und dumpf. Nun drängten sich die
Leute ans Grab, um auch ihr Schäuflein Erde hinabzuwerfen über den
guten Förster Rufmann. Nur der Michel duckte sich nach rückwärts und
warf keine Scholle hinab.
Als das Volk den Kirchhof verließ, entstand am Ausgange ein Gedränge.
Dort hatte sich eine Gruppe gebildet, die nicht weiter wollte, so daß
sich die Leute stauten. Eine Neuigkeit war da, der Briefträger war aus
dem Amte gelaufen, keuchend dem Kirchhof zu, und erzählte, daß aus
Löwenburg eben zwei Depeschen eingetroffen seien, eine ans Gemeindeamt
Eustachen und eine an den Förster Rufmann. Die Försterbuben kommen
wieder heim! Sie sind’s nicht! Es hat sich herausgestellt, sie sind
unschuldig! --
Wie ein Erdbeben geht diese Botschaft durch die Menge. Unschuldig!
Unschuldig! Unschuldig! -- Alles drängte ans Grab zurück, um es
hinabzurufen, um ihn zu wecken: Steh auf, Rufmann! Deine Söhne sind
unschuldig, sie sind frei, sie kommen wieder heim. Heute noch! O
gekreuzigter Heiland, nur den laß noch einmal aufstehen!
Weil es aber stille blieb im tiefen Grabe und weil er nicht aufstand,
so brach ein Klagen aus, ein Schreien und Schluchzen. Mehrere waren
geradezu zornig und riefen: »Daß er nit ein paar Täg hat warten können!
Bei so was wartet man doch die Gerichtsverhandlung ab!«
»Bal er’s ja selber eingestanden hat, der Student!« rief ein Zweiter.
»Wird sich doch der Mensch aus Spaß nit lassen henken!«
Darauf ein Dritter: »Erstens wird ein fünfzehnjähriger Bub nit gehenkt.
Zweitens wird’s kein Spaß sein gewest. Der Student ist ein Rappelkopf.
Er kann sich haben denkt, wenns mir die Wahrheit eh nit glauben, so lüg
ich sie halt an. Tuns mir was, so rait ichs halt fürs Sterben.«
»Aber du heilige Maria und Anna, wer wird’s denn nachher g’west sein!«
»Weiß Gott, was wir noch für Neuigkeiten werden hören!«
Ähnliche Gespräche wurden überall geführt, auf dem Kirchhof, auf
dem Rückweg, auf dem Dorfplatz. Alles war voller Freuden über die
Unschuld der jungen Burschen und voller Entrüstung darüber, daß es der
Vater nicht hat erwarten können. Den Glauben an die eigenen Kinder
verlieren? Wer wird denn das? Kann so einer noch an Gott glauben?
Verloren ist er. -- Und mancher war voller Vergnügen darüber, daß
sich so merkwürdige Sachen zutragen in Eustachen und Ruppersbach und
Löwenburg. Ein einziger war, den die Nachricht von der Freilassung der
Försterbuben zu Boden geschmettert hatte, wie der Blitzstrahl einen
hohlen Baum. Es war der, den die Heimkehr der Burschen ins höchste
Glück versetzt haben würde, wäre Rufmann noch am Leben! Sie sind
unschuldig, sie kommen wieder! Alles ist aus und jetzt ist’s an mir! --
So der arme Michelwirt. Etliche, die ihn beobachteten, wie totenblaß,
wie verstört, wie gebrochen der Wirt in die Kirche schwankte, die
mußten wohl gerührt sein über diese treue Freundschaft, mit der er an
dem unglücklichen Kameraden und Sangesbruder hing. An dem Menschen,
der so hat verzweifeln müssen an seinen Kindern und nimmer hat warten
können.
Die Kirche zu Ruppersbach war überfüllt. Was in den zwei Dörfern und
Umgebung los konnte von der Wirtschaft, das war gekommen zur Totenmesse
für den Förster. Am Hochaltare prangten sechs Lichter, an deren
Leuchtern sechs Totenschädel waren. Der Pfarrer hatte ein Meßkleid
über, schwarz von Farbe und mit einem großen weißen Kreuz. Er las
eine stille Messe, bei der nur manchmal das Gemurmel der lateinischen
Gebete und das Anschlagen des Altarglöckleins gehört wurde. Viele, die
in ihren Bänken saßen, brannten vor sich Kerzen. In solchen Stunden
können die Menschen andächtig beten. Sie gedenken des Toten, den sie
eben in die Erde gelegt. Sie gedenken ihrer eigenen Eltern, Kinder,
Geschwister, Freunde, die sie vor kurzem oder vor Jahr und Tag begraben
haben. Und wenn der Priester leise die Totengebete spricht, da senkt
die lebende Gemeinde ihr Haupt und schließt die tote Gemeinde in ihre
Aufopferung ein.
Es klingt das Glöcklein. Der Priester steigt die Stufen des Altares
hinan, beugt seine Knie, beugt das Haupt, klopft an die Brust: »~Mea
culpa, mea culpa, mea maxima culpa!~«
»Meine Schuld!«
Alles erhebt sich und schaut gegen den rückwärtigen Kirchenraum, wo der
Schrei geschehen war.
»Meine allergrößte Schuld!« wiederholte sich gellend der Schrei, und
im Halbdunkel sah man, wie der Michelwirt, mit beiden Händen den Kopf
haltend, aus der Bank stolperte und niederfiel auf das Steinpflaster.
Die Messe wurde unterbrochen von der Aufregung, die sich jetzt erhob.
»Was ist das? Was hat der Michelwirt? -- Meine Schuld! hat er
ausgerufen!«
»So aufgeregt ist der arme Mensch, dem Pfarrer hat er’s nachgesagt.«
»Meinst du? Ich denk, das wird was anderes bedeuten!«
Frau Apollonia, als sie so die Stimme ihres Mannes hatte gehört, war
durch das Gedränge zu ihm gekommen. Sie richtete ihn auf; sie trocknete
mit ihrem weißen Tüchlein den Schweiß von seiner Stirn, »Michel,« so
redete sie zärtlich auf ihn ein, »mein Mann, was ist dir überfahren!
Daß du so krank bist worden! So angegriffen hat’s ihn halt. Schau
Michel, es wird alles wieder gut! -- Er weiß nit, wo er ist! -- In der
Kirchen bist, mein guter Mann, und ich bin bei dir! -- Wenn wer so gut
wollt sein -- ein Wagerl! Schau, Michel, wir fahren heim. Da kommst
wieder zu dir!«
Schier fremd schaute er sein Weib an, man wußte nicht, war er bei sich
oder nicht. Doch als sie ihn in den Wagen heben wollten, wehrte er ab:
»Kann schon selber.«
Als das kleine Fuhrwerk mit dem Wirtspaar langsam wegshin gerollt war,
standen die Leute da vor der Kirche und wiegten ihre Köpfe. »-- So, so!
Jetzt geht mir ein Licht auf!«
»Ob’s den nit gereuen wird, daß er so laut hat gebeichtet.«
»Mir scheint, jetzt wissen wir’s, wer den Herrn Preußen hat in die
Ewigkeit geschickt.«
Der Gerhalt wollte Ordnung machen: »Geht jetzt auseinander. Geht in die
Kirchen und hört die Meß zu End!«
»Meine Schuld! hatte er geschrien. Hat ihn doch das böse G’wissen
geworfen!«
Dem trat der Gerhalt entgegen: »Still seid, sag ich! Erst vor ein paar
Tagen habt ihr die Buben so hergerichtet und jetzt geht’s an den da!
Ihr seid doch ein verfluchtes Gesindel!«
Die Menge verzog sich grollend. Dem Reste der Messe wohnten nur wenige
bei. -- Die es taten, sie beteten sicher sehr andächtig und dachten an
Schuld, aber kaum an ihre eigene.