Der Friedl antwortete: »Da geh ich lieber zu den Holzknechten zurück.«

»Um Jesus willen, mein Friedl, du mußt dich ja rechtfertigen gehen! Es

ist ein Gerede. Es geht ein schaudervolles Gerede um. Du mußt dich auf

der Stelle rechtfertigen.«

Da ging der Bursche mit ihm.

Sie schwiegen und sie gingen rasch. Finster war es geworden in der

Schlucht, und das Wasser brüllte zwischen den Steinblöcken dahin.

Endlich waren sie an der Brücke, da wendete sich der Friedl plötzlich

um und wollte davon. Er hatte den Gendarm bemerkt vor dem Forsthause.

Der Alte hielt ihn am Arm.

»Einsperren wollen sie mich!« sagte der Friedl.

»Komm, Kind!« bat, stöhnte der Förster, »komm doch und sage, wie es

gewesen ist. Dann ist alles gut, dann ist alles gut.«

Und so brachte er ihn ans Haus. Der Wächter am Tore ließ sie hinein.

An der Küchentür stand die Sali und flehte ihm zu, er solle doch erst

seine Suppe essen.

»Ja, ich werd jetzt essen!« lachte der Bursche. Es war ein hartes

Lachen. Er wurde in die große Stube geführt.

Da saßen die Männer wieder hinter dem Tische. Auf demselben standen

zwei Kerzenlichter, rechts und links an einem Kruzifix. Der Friedl

schaute sich um nach dem Bruder. Der war nicht da. Hinten oben an der

Ecke stand der Vater, starr aufrecht, unbeweglich.

Nach den einleitenden Fragen begann das Verhör.

Bis zur Seealmhütte stimmte es ungefähr mit den Aussagen des Elias.

»Wie weit habt ihr den Herrn begleitet?«

»Bis zur Seealmhütte.«

»Das stimmt nicht. Sie sind noch weiter mit ihm gegangen, dem

Rauhruckjoch zu.«

»Freilich, weil ich ihn bis zum Kareck begleiten wollte, wo man aufs

Joch sieht.«

Der Gerichtsrat blickte auf ein Papierblatt, wo der Kommissar die

Situation der Gegend mit Strichen und Punkten angegeben hatte,

und sagte dann: »Das stimmt wieder nicht. Sie müssen ihn bis ins

Rauhruckkar begleitet haben.«

»Nein, so weit nit,« antwortete der Bursche.

»Zwischen Knieholz hin sind Sie zu einem kleinen Anger gekommen. Dort

werden Sie gerastet haben. Dann hat er vielleicht sich ein wenig auf

den Rasen gelegt und ist eingeschlafen.«

»Davon weiß ich nix,« rief der Bursche. »Ich bin nit so weit

mitgegangen.«

»Wie lange Zeit brauchten Sie von der Seealmhütte aus, bis Sie wieder

dort zurück waren?«

»Nit dreiviertel Stunden.«

»Wissen Sie das so genau? Haben Sie auf die Uhr gesehen?«

»Uhr?« sagte der Bursche, »ich habe nie eine Uhr gehabt.«

»So haben Sie vielleicht jetzt eine?«

Der Friedl schwieg.

Der Gerichtsrat langte nach einem Päckchen, das auf dem Tische lag, tat

das Papier auseinander und sagte mit langsamer und leiser Stimme: »Hier

ist eine Taschenuhr.«

Er hob sie an der Kette auf und ließ sie in der Luft pendeln. »Kennen

Sie diese Uhr?«

Der Bursche schwieg.

»Diese Uhr ist von mehreren Personen als die Uhr des ermordeten Nathan

Böhme erkannt worden.«

Der Friedl zuckte die Achseln.

»Fridolin Rufmann! Und diese Uhr ist in der Matratze Ihres Bettes

gefunden worden.«

Rückwärts in der Stube ein dumpfes Aufstöhnen. Der alte Förster wankte

zur Tür hinaus.

Der Friedl sagte starr und trotzig: »Es ist die Uhr, die mir der Herr

geschenkt hat.«

»Der Herr hat Ihnen die Uhr geschenkt?«

»Ja.«

»Warum haben Sie sie denn nicht offen getragen? Geschenkte Sachen kann

man ja aufzeigen!«

»Weil meine Weste keine Uhrtasche hat.«

»Und darum mußten Sie die Uhr in die Matratze verstecken?«

»Wie ich gestern gehört hab, daß der Herr umgebracht worden sein soll,

hab ich gedacht, versteck die Uhr, sonst kannst Scherereien haben.«

»Aha, daran haben Sie gedacht!« sagte der Gerichtsrat, dieweilen er ein

zweites Paketchen ergriff. »Hier,« er entfaltete das Ding, »hat sich in

der Bettmatratze noch etwas vorgefunden. Es ist eine lederne Geldtasche

mit Inhalt.«

»Es ist meine Brieftasche,« sagte der Bursche dreist.

»Sie kennen also auch den Inhalt?«

»Es werden zwanzig oder dreißig Kronen sein.«

»Woher haben Sie das Geld?«

»Das geht niemand was an!« rief der Bursche.

»Wie wir in Erfahrung gebracht, sind Sie vor wenigen Tagen in

Geldverlegenheit gewesen. Woher haben Sie seither dieses Geld genommen?«

»Das habe ich beim Zimmermeister Josef ausgeborgt.«

»Wer ist dieser Zimmermeister Josef?« fragte der Gerichtsrat den

Gemeindevorsteher.

»Der Eustacher Zimmermeister, der das große Holzsägewerk baut, hier in

der Nähe,« antwortete der Gerhalt.

»Wenn er in der Nähe ist -- er soll sofort als Zeuge erscheinen.«

»Das wird jetzt nicht gehen, Herr Doktor. Der Mann ist augenblicklich

schwer krank. Soll gar nit bei sich sein seit heut früh.«

»Nun, zu der Hauptverhandlung wird er wohl erscheinen können.

Einstweilen, glaube ich, wissen wir genug.«

Der Gerichtsrat faltete das Protokoll und steckte es in die

Brusttasche. Den Gendarmen trug er auf, die Burschen in strengstem

Gewahrsam zu halten -- beide. Er will noch in der Nacht ein zweites

Verhör vornehmen.

Dann gingen und standen die Herren ums Haus herum. Die Berge ragten

schwarz in den gestirnten Himmel auf. Sie besprachen den Fall

und äußerten einander ihr Entsetzen über die Verworfenheit und

Verstocktheit dieser beiden jungen Leute.

»Ein leichtes Tuch ist er ja immer gewesen,« sagte der Gerhalt. »Zwar

gerade nix Schlechtes. Nur leichtsinnig, das weiß ganz Eustachen. Aber

_so_ was. Daß ein so junger Mensch zu _so_ was kunnt fähig sein!«

»Immer ein so lustiger Kampel gwest,« gab der Gemeindediener kecklich

bei. »Man hat ihn frei gern haben müssen.«

»Jurament möcht ich just keins ablegen, daß er’s ist,« meinte der

Gerhalt, »aber hundert gegen eins ist wohl zu wetten drauf.«

Dann ging er und suchte den Förster. Das neue Sägewerk war vergessen

oder vielmehr die Feindschaft deswegen. Ein solches Erbarmen hatte

er mit dem alten Mann, den das furchtbarste Unglück, das sich nur

ausdenken läßt auf dieser Welt, getroffen hat. Er möchte es ihm nur

sagen, daß er nicht sollt verzagen, daß alles doch ganz anders sein

könne, als es sich bei dem ersten Verhör dargestellt hat. Bei einem so

jähen Verhör sind die Leute verwirrt, da wissen sie oft gar nicht, was

sie sagen.

Der Förster war im Freien herumgeirrt.

Durch die Küche wollte er in das Stübchen, wo vor fünfzehn Jahren

sein Weib gestorben war. Aber er mochte der alten Haushälterin nicht

begegnen. Gegen die Brücke wollte er hinüber, da stand jetzt die

klobige Gestalt des Gerhalt. Rufmann kehrte um. Allein sein wollte er

und sich flüchten und vergraben. In den Hof eilte er zurück, in die

Scheune wollte er flüchten. Aber als er die Brettertür öffnete, prallte

er zurück.

Da drinnen stand die Tragbahre mit einem Etwas, das länglich in Reisig

gewickelt war. Daneben brannte eine Ampel ...

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 33 / 55 题