Vor Gericht

Die Gassen des Dorfes waren belebt, als ob wieder Fronleichnamstag wäre.

Aber nicht so fröhlich und nicht so klingend. Vielmehr die Leute

befangen, hastend, schleichend, munkelnd und flüsternd. Man hörte

nichts als ein unzusammenhängendes Zischeln, man sah heftiges

Kopfschütteln, man sah Arme sich erheben und die Hände ringen. Nur

halb raunte man sich die unerhörte Neuigkeit zu, die andere Hälfte

wurde schweigend gesagt mit Mienenspiel. Dann wieder erging man sich in

bildlichen Andeutungen. Mancher stöhnte, jammerte, es sei unmöglich,

es sei nicht zu glauben, und jeder glaubte es. »Ich glaub’s nit! Ich

glaub’s nit!« riefen sie und glaubten alles. Dann kam wieder einmal

eine Welle heran: Es ist ja alles nicht wahr, einen alten Rock hat

man gefunden auf dem Rauhruck und haben sie gleich einen Ermordeten

daraus gemacht. Der Preuß soll ja in Arlach sitzen und von dort aus dem

Michelwirt einen Brief geschrieben haben.

»Na, nachher möcht’s doch vielleicht nit wahr sein!« sagte dieser

und jener und verzog sein Gesicht zu einem frohen Lächeln, das aber

mißmutig ausfiel. Bis die nächste Welle kam: »’s ist heilig nit anders.

Der Herr Böhme ist erstochen worden. Sein Leichnam liegt in der

Teschenschlagerhütten, und die Försterbuben ...!«

Da wurde der Jammer wieder laut in der Menge, manches Antlitz weinte

schmerzliche, manches wollüstige Tränen.

Nicht als ob die Leute so schlecht wären. Eine Abwechslung wollen

sie einmal haben in ihrem seichten Alltagsleben, ein Schauspiel,

ein Ereignis, an dem sie ihre Gefühle erschüttern und erfrischen,

ihre Phantasie kräftigen, ihr kleines Geistesleben mit Mutmaßungen

und Kombinationen betätigen, ihren Abscheu vor dem Verbrechen und

ihr Mitleid mit dem Opfer aufwärmen können. Sie nehmen die Tragödie

des Lebens, sofern es nicht sie persönlich betrifft, wie andere

die Tragödie auf der Bühne. Welch gräßliches Leid das Ereignis auf

Beteiligte bringt, das kommt ihnen trotz ihrer Gefühlsausrufe nicht

deutlich genug zum Bewußtsein.

»Gehen wir zum Michelwirt!« rief jemand. »Der wird schon was Sicheres

wissen.«

Und da eilten ihrer mehrere stracks hin bis zum oberen Ende des Dorfes,

um dem Michel »ein Viertel« abzukaufen. Es werde wohl kein Platz mehr

sein in der Gaststuben an so einem Tag, man könne sich’s denken.

Das Wirtshaus aber war geschlossen wie um Mitternacht. Die Leute

pochten am Tore, und der Schwarzmichel möchte die Eustacher doch nicht

verdursten lassen. Das Tor blieb geschlossen. Einige stiegen auf die

Wandbank vor dem Hause und spähten zum Fenster hinein. Da drinnen alles

wie ausgestorben.

»Das bedeutet schon was. Der Michel und der Förster sind gute

Kameraden miteinand. Es wird schon wahr sein. Wer weiß, was noch alles

dahintersteckt! Man wird’s ja hören! Viel Geld soll er bei sich gehabt

haben, der Preuß! Im Wirtshaus wird man’s wohl gewußt haben.«

»An einen Raubmord glaub ich nit,« ließ sich ein anderer vernehmen.

»Weiß Gott, was da noch herauskommt. Seit die Welt steht, hat man so

was nit erlebt in Eustachen!«

Den höchsten Grad erreichte die Aufregung, als gegen Abend ein

Gerichtsherr aus Löwenburg mit einem Schreiber und zwei Gendarmen

durch das Dorf fuhr, dort den Gemeindevorsteher und den Gemeindediener

mitnahm ins Hochtal hinein. Hinter dem Wagen her lief halb Eustachen,

Weiber wie Männer. Aber an der Brücke beim Forsthaus stellte sich die

Wache auf, da durfte niemand hinüber. Nur der Löwenburger Wagen rollte

über die Holzbrücke und in den Hof des Forsthauses. Der Förster war

nicht zu sehen. Aus der versperrten Küche hörte man das Weinen der

alten Haushälterin.

Zur selben Zeit war vom Hochgebirge die Kommission zurückgekehrt, zwei

Beamte und ein Gendarm.

Und nun begann in der großen Stube das erste Verhör. Der Student hatte

sich nicht lange suchen lassen. Er stand vor dem Tisch der Herren,

neben ihm der Gendarm mit dem strotzenden Gewehrspieß. Ruhig und

schlank stand er da, nur noch ein wenig blässer als sonst.

»Sie sind der Seminarist Elias Rufmann, Sohn des Försters Paul Rufmann

und dessen schon verstorbenen Ehegattin Cäcilia. Gebürtig in St.

Eustachen ob Ruppersbach, katholisch, zurzeit fünfzehn Jahre alt.«

Bei dem Worte »fünfzehn Jahre alt« ward die Stimme des Gerichtsrates

gedämpft. »Ich muß bemerken, Elias Rufmann, daß Sie jetzt nur als Zeuge

dastehen und als nichts anderes. Sie haben die Fragen, die ich stellen

werde, vor Gott und Ihrem Gewissen der Wahrheit gemäß zu beantworten.«

Elias nickte mit dem Kopfe.

»Sie und Ihr Bruder haben vor zwei Tagen einen gewissen Nathan Böhme

ins Gebirge begleitet. Da genannter Herr des Weges unkundig war und Sie

ohnehin auf der Alm zu tun hatten. Wie weit sind Sie mit Herrn Böhme

zusammen gegangen?«

»Bis zur Seealmhütte.«

»Warum nicht weiter, da doch erst von dort ab der Weg schlecht wird und

schwer einzuhalten ist?«

Elias zuckte die Achseln. »Wir sind ja nicht als Führer gewesen; wir

haben auf der Seealmhütte zu tun gehabt, es war nur ausgemacht, daß er

sich uns anschließen sollte.«

»Da sind Sie und Ihr Bruder also bei der Seealmhütte zurückgeblieben

und der Fremde ging allein weiter?«

Elias schwieg.

Der Gerichtsrat mit Nachdruck: »Herr Nathan Böhme ist von der Hütte ab

_allein_ weiter gegangen? Wirklich so ganz allein?«

»Mein Bruder ist noch weiter mit ihm gegangen.«

»Ihr Bruder ist mit ihm gegangen. Ja, warum haben Sie das nicht gleich

gesagt? Wie weit ist er noch mit ihm gegangen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo sind Sie während dieser Zeit gewesen?«

»Bei der Seealmhütte.«

»Wann ist nachher Ihr Bruder wieder zurückgekehrt?«

»Nach vierzig Minuten war er wieder bei unserer Hütte.«

»Wie wissen Sie denn das so genau?«

»Weil mein Bruder auf die Uhr gesehen und gesagt hat, genau vierzig

Minuten wäre er aus gewesen.«

»Hat denn Ihr Bruder eine Uhr gehabt?« fragte der Gerichtsrat.

Der neben ihm sitzende Gemeindevorsteher Gerhalt machte eine ungläubige

Gebärde. Es sei merkwürdig, daß der Fridolin Rufmann eine Uhr gehabt

habe, bei dem wolle doch sonst nichts hängen bleiben.

»Der Herr Böhme hat ihm ja die Uhr geschenkt,« sagte Elias.

Nun hoben sich die Köpfe. »So, so, geschenkt hat ihm der Herr Böhme die

Uhr?! Ja, wann war denn das?«

»Unterwegs.«

»Sie, Rufmann,« sprach der Gerichtsrat, »sagen Sie einmal selbst, wird

ein Tourist im Gebirge seine Taschenuhr herschenken, wenn er einen

unbekannten Weg geht?«

»Das ist so gewesen,« antwortete Elias ruhig. »Mein Bruder hätte immer

gern eine Taschenuhr gehabt und hat unterwegs, wie der Fremde auf die

Uhr schaut, davon gesprochen, der höchste Wunsch wäre ihm so eine Uhr.

Da hat der Herr gelacht und gesagt, wenn kein Wunsch auf dieser Welt

schwerer erfüllbar wäre! Und hat die Uhr samt der Kette gleich von der

Weste gelöst und meinem Bruder gegeben. Sie sei als Führerlohn. Mein

Bruder hat gleich gesagt, wenn er sie ihm später wollt schicken, über’s

Gebirg möcht er sie doch noch behalten. Hat der Herr gesagt: Weiß

ich den Weg, so brauche ich keine Uhr. Den Weg zeigen Sie mir ja, und

drüben im Kulmtal getraue ich mir eine bessere zu erstehen. Da hat mein

Bruder die Uhr angenommen.«

Mit fliegender Hand hatte der Schreiber diese wichtige Aussage aufs

Papier gebracht.

Der Gerichtsrat fragte nun weiter: »Als Sie nun beide in der

Seealmhütte waren, was haben Sie da gemacht?«

»Wir haben nachgesehen, was fehlt, haben unser Mittagbrot gegessen und

uns auf den Heimweg gemacht.«

»Sagen Sie, Elias Rufmann, war Ihnen unterwegs nicht schlecht geworden?«

»Schlecht? Nein.«

»Als Sie nach Hause kamen, gingen Sie sogleich zu Bette, weil Sie

Kopfweh hätten!«

»Das ist wahr. Eines Ärgers wegen. Es war eine Dummheit, ich will’s

wohl sagen. Mein Bruder und ich hatten unterwegs einen Streit gehabt

wegen allerlei so, da hat er mich einen Mucker und Heuchler geheißen,

und da habe ich ihm aus Zorn ins Gesicht geschlagen. Darüber habe ich

mich nachher gekränkt, weil es mein Bruder gewiß nicht so gemeint hat,

und bin daheim gleich ins Bett gegangen.«

»Hat Ihr Bruder denn nicht zurückgehauen?« fragte der Gerhalt.

»Nein, der hat nur gelacht und gesagt, so ein schneidiger Elias gefiele

ihm viel besser als ein muckerischer. Darüber habe ich mich noch mehr

geschämt, daß er vernünftiger ist als ich.«

»Erzählen Sie mir auch, Elias, weshalb sind Sie denn eigentlich in

Streit gekommen?«

»Wir streiten oft, weil mein Bruder manchmal bissel leichtsinnig ist.

Und da habe ich ihm vorgehalten, eine Schand wär’s, daß er die Uhr

gleich so hätte angenommen. Und mein Bruder spricht: Wenn ich was haben

will, so sag ich’s gleich und heuchle nit erst wie die Mucker. Und

weiter so auf mich her, und da ist mir jäh der Zorn gekommen. Zweimal

hab ich hingeschlagen.«

»Hat Ihr Bruder sonst nichts gesagt? Keinerlei Bemerkung über den

Fremden?«

»O ja, wir haben über den Fremden mehreres gesprochen. Er war unterwegs

auch recht gemütlich und heiter gewesen, nicht so wie sonst manchmal.«

»Sie haben mit Herrn Böhme schon früher einmal einen Handel gehabt,

Rufmann?«

»Weiter nichts. Ich war zornig, daß er den Leuten ihren Glauben nehmen

will.«

»War unterwegs ins Gebirge nichts davon gesprochen worden?«

»Nein, da ist alles gemütlich hergegangen.«

»Ist Ihnen gar nichts aufgefallen unterwegs? Ist Ihnen niemand

begegnet?«

»Die Holzknechte im Teschenwald. Sonst niemand.«

Da auch weitere Fragen nichts Besonderes ergaben, so sagte der

Gerichtsrat, sie wären einstweilen fertig, aber Elias dürfe das Haus

nicht verlassen. Das war auch kaum möglich, da am Tore der Gendarm

stand, der niemand hinausließ.

Der Förster Rufmann war der Ach entlang hinaufgegangen durch den Hals,

dem Friedl entgegen, der am Abende vom Holzschlage heimkehren mußte.

Es brauste das Wasser, es brauste in seinem Kopf, es schwindelte ihm.

Traumhaft war, so dahinzugehen in der Schlucht, der Wildnis zu, während

es schon dämmerte. Und sein Haus ist zur Stunde von Gendarmen besetzt

und seine Buben sollen verhört werden, weil ein Mensch umgebracht

worden ist oben im Gebirge. Es wird so was Fieberhaftes sein, man geht

in der Irre um. Der Zimmermeister Josef ist ja auch plötzlich erkrankt.

Man sollte doch umkehren, daheim werden sie warten, die alte Sali und

die Buben.

Aber der Friedl war ja noch nicht vom Schlag zurück. Dem wollte er doch

entgegengehen. Oder ihn holen in der Holzknechthütte. Oder ihn suchen

in den Wäldern.

An der Stelle, wo das Sträßlein ganz eingeengt ist zwischen Wasser

und Felswand, begegneten ihm zwei Holzknechte, die hatten eine Trage,

die sie -- einer vorn, einer hinten -- mit niedergestrammten Armen

trugen. Auf dieser Trage lag etwas, das mit Fichtenreisig zugedeckt

oder vielmehr in solches eingewickelt war. Die Holzknechte gaben dem

Förster kurz einen guten Abend. Er hatte zuerst fragen wollen, was sie

da trügen. Er tat es nicht -- es schauderte ihn. Er ging rasch vorüber.

Endlich in der Bärenstuben, über den Sandboden herab kam der Friedl

getrottet vom Tagwerk. Seine Axt auf der Achsel -- und trällerte ein

Liedchen. Und erschrak, als er den Vater jäh vor sich sah in der

Abenddämmerung.

»Friedl,« sagte dieser halblaut, stockend, »wir warten schon all auf

dich. Ein Gerichtsherr ist da und will mit dir reden, wie es gewesen

ist mit dem Nathan Böhme.«

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 32 / 55 题