Der Fremde aus dem Preußenland

Um die Feierabendzeit im Wirtshause »Zum schwarzen Michel«, als sie

wieder einmal ein Weilchen gesungen hatten, tat der Förster Rufmann

einen Trunk aus seinem Weinglase und fragte halblaut den Wirt, ob er

das Lehrbuch des Studenten schon angesehen hätte? Der Michel holte das

Buch aus dem Wandkästchen hervor, legte es dem Förster hin und sagte:

»Du kannst es schon mitnehmen.«

»Was sagst du dazu?«

»Mein, was ist da viel zu sagen. Die jungen Leut müssen so viel

_wissen_, daß ihnen zum Glauben nix mehr übrig bleibt.«

Der Förster dachte nach, neigte ein paarmal den Kopf und sagte: »Ist

auch eine Antwort.« Wußte aber doch nicht viel damit anzufangen. Das

viele Wissen, dachte er, wäre ja wohl nicht schlecht, wenn man nur auch

das wüßte, ob alles _wahr_ ist, was man wissen muß.

Die Sache war damit erledigt. Rufmann steckte das Buch, über welches er

vom Freunde die Meinung hatte hören wollen, in seinen Sack. Der Michel

klimperte auf der Zither. Da rief die Kellnerin Mariedl, die, wenn

ihre Beine nicht laufen mußten, den krausigen Kopf gerne zum Fenster

hinaussteckte: »Jess’, wer steigt denn lauter auf der Straßen daher?«

Einer der Holzknechte, die grobhemdärmlig am Nebentische saßen, guckte

auch. »Oho! das ist ein Seltsamer! Muß ein Geistlinger sein.«

»Ein Geistlinger, du Lapp!« rief die Kellnerin lachend. »Und hat ein’

großmächtigen Schnurrbart.«

»So ist’s halt ein Husar.«

»Mit einem pechschwarzen Gewand?«

»Ist ja eh weiß bis zu den Knien hinauf.«

Das war richtig. Der Wanderer auf der Straße war fast bis zu den Knien

des schwarzen Beinkleides mit Straßenstaub belegt. Hingegen stak im

Knopfloch des schwarzen Rockes eine kleine Heckenrose. Eine stattliche

und vollgepfropfte Seitentasche war halb verhüllt durch einen grauen

Mantel, den der Reisende über der einen Achsel hängen hatte. Die offene

Weste, die ebenfalls schwarz war und eine Uhrkette an sich hängen

hatte, ließ das Wollenhemd sehen, das ohne Kragen und Krawatte nur mit

einem Bändchen am Halse zusammengehalten zu werden schien. Der schwarze

weiche Hut war über und über besteckt mit Feldblumen. Er saß so weit

hinten am Nacken, daß man die braunen Haarlocken sah, die feucht

und wirr über die Stirn herabhingen. Dieses Gemisch von Würde und

Lässigkeit war auch in dem stark geröteten Gesichte mit den funkelnden

Brillen und dem buschig über den Mund niederhängenden Schnurrbart.

So kam er daher. Mit einem starken Knüppelstock setzte er weit aus,

und mit großen Schritten eilte er, das Wirtshauszeichen an der Wand

musternd, dem Tore zu.

Im Vorhaus erhob er seine laute, etwas schnarrende Stimme und fragte,

ob hier Nachtquartier zu haben wäre.

»Herr Vater!« rief die Kellnerin den Wirt.

Dieser blieb an seinem Tische sitzen, Bauernwirte laufen ihren Gästen

nicht entgegen, und gab durch die Tür hinaus Antwort: »Nachtquartier?

Warum denn nit? -- Mariedl, führ den Herrn ins Haarstübel hinauf!«

Die Kellnerin wollte dem Fremden Mantel und Tasche abnehmen, dieser

sagte fast rauh: »Lassen’s Jungfer! Ich trage meine Sachen selbst.«

Und wie merkwürdig er die Worte aussprach! Woher er denn sein muß mit

seiner krummen Zunge!

Das »Haarstübel« war recht heimlich, es hatte mehrere Kästen, einen

alten Schubladenschrank, dessen obere Lade als Tisch herzurichten war,

und auf der Bettstatt einen Berg von Kissen, Decken, Tuchenten, den die

Kellnerin Mariedl abzutragen begann, um aus diesen Dingen ein Bett zu

bauen. Zwei Fenster mit roten Vorhängen gingen nach dem Garten hinaus.

Der Fremde warf seine Sachen auf einen ledernen Lehnstuhl und öffnete

sogleich die Fenster. Das tat er mit merklicher Lebhaftigkeit und

brummte etwas von schlechter Luft.

»Der Luft ist eh gut,« meinte die Kellnerin, »aber schmecken tut’s a

bissel. Der Haar tut a so schmecken.«

»Was die für eine Sprache hat! _Der_ Luft! _Der_ Haar!«

»Weil das die Haarkasten sein!«

»Haare habt Ihr in diesen Kästen?«

»Und bramelvoll auch noch!« antwortete das Mädel.

Es mögen wohl Pferdehaare sein, dachte der Fremde, von Mähnen und

Schweifen. Solche sollen sich gut verkaufen. Die Kellnerin tat stolz

um die Schätze und öffnete einen der Kästen. Da sah er nun die

weißgeblichenen, wachsglanzigen Flachsrocken, die in länglichen Rollen

gewunden, geordnet übereinanderlagen.

»Ah, schön! Flachs, Flachs, ich liebe ihn, den Flachs -- aber nur im

Kasten, nicht am Leibe. An den Körper gehört Wolle. Seien Sie mal so

scharmant, Jungfer, und bringen Waschwasser! Aber gleich einen Bottich

voll, nicht im Rasiertellerchen, wie es hierzulande üblich ist.«

In der größten Krautschüssel, die im Hause auffindbar war, brachte sie

frisches Wasser und einen großen Seifenwürfel.

»Wünsch gute Verrichtung!« sagte sie, denn mit so einem Herrn muß man

höflich sein, und ging davon.

Dann nahm er sich in die Arbeit.

Als der fremde Gast nach einer Weile ins Gastzimmer kam, war er, »wie

aus dem Schachterl«. Das schwarze Gewand rein gebürstet. Am Halse ein

frischer Wollenkragen mit rotblau gestreifter Binde; aller Schweiß aus

Gesicht und Haar getilgt, sogar der Schnurrbart nach beiden Seiten

ausgekämmt und die Brillen klar gemacht.

Der Michelwirt, ohne sich vom Sitz zu rühren, lud den Fremden ein, an

seinem Tische, gegenüber dem Förster Platz zu nehmen.

Die Kellnerin fragte: »Was schaffens, Bier, Wein, schwarzen, weißen?

Was zu essen?«

»Bringen Sie mir mal ein Glas Milch.«

»Milch?«

»Milch.«

»Milch will der Herr. Weiß nit, ob eine ist.«

»Vorhin sah ich von der Weide fünf Kühe in den Hof gehen,« sagte der

Fremde.

»Mir noch ein Bier!« rief einer der Holzknechte.

»Und mir einen halben Liter Wein!« rief ein anderer.

Hernach kam Frau Apollonia selber von der Küche herein. Den Mann mit

solchem Begehr wollte sie sich ansehen. Der gefiel ihr.

Die aufgeärmelten Arme über die Brust gelegt, fragte sie ruhig: »Wollen

Sie gekochte Milch oder rohe?«

»Ungekocht. Natur.«

»Süße oder saure? Oder Buttermilch? Oder kuhwarme?«

Jetzt mußte der Fremde lachen über die große Auswahl an Milcharten.

Dann verlangte er saure.

Die Holzknechte pochten mit ihren Gläsern auf den Tisch: »Mariedl,

hörst nit! Noch ein Bier mag ich!«

Und als der Fremde die Hälfte des großen Milchglases auf einen Zug

leer trank, packte am Nebentisch der Holzknecht den Henkel seines

Bierglases und trank es auf einen Zug aus. Stieß das Glas auf den

Tisch: »Nachfüllen, Kellnerin!« und schaute beinahe herausfordernd den

Fremden an: So macht man’s hierzuland im Wirtshaus!

Der Wirt leitete ein Gespräch ein mit den üblichen Fragen: »Woher?

wohin?«

»Ja, mein lieber Herr Wirt,« antwortete der Fremde halb ernsthaft, halb

lustig: »Ich komme und weiß nicht woher, ich gehe und weiß nicht wohin.

Mich wundert’s, daß ich fröhlich bin.«

»Na, gescheiterweis. Woher denn?«

»Nächsther einmal von Löwenburg.«

»Und von da aus?«

»Über die Hügel.«

»Wo ist das, über die Hügel?«

»Über den Rauhruck, oder wie das heißt.«

Der Michel blickte den Förster an, als wollte er sagen: Kommt dieser

Mensch denn vom Himalaja, daß er unsere Berge Hügel nennt? Wir wollen

es schon noch erfahren.

»Ich halte ihn für einen Preußen,« murmelte der Förster.

Im weiteren Gespräch erfuhr man jedoch nichts, als daß der Herr auf

einer größeren Fußreise durch die Alpen begriffen sei.

»Fußreise! Das ist einmal was Gescheites,« sagte der Wirt. »Der Mensch

kommt mit zwei Beinen auf die Welt und nit mit dem Radel.«

»Wenn schon, so hat einer im Kopf um eins zu viel!« bemerkte drüben

einer der Holzknechte. Das war auf Leute gemünzt, die statt Bier --

Kuhmilch trinken! -- Indes, der Fremde aß auch Hausbrot dazu.

Die Frau Apollonia kam noch mit einem durch Schafhaut luftdicht

verschlossenen Glastopf herein und fragte, ob etwa Honig gefällig sei?

Der Fremde fand das prächtig. Milch und Honig? Das Land habe er schon

lange gesucht.

Nachdem er geschmaust, kam er mit einer Frage vor. Was das zu bedeuten

hätte in diesem Ort? Unterwegs, als er ans Dorf gekommen sei, habe er

gesehen, wie man im Wäldchen junge Birken und Lärchen von der Wurzel

gehauen habe, um sie dann längs der Straße an beiden Seiten in die Erde

zu stecken. Es seien aber keine Kinder gewesen, die etwa im Spiele

diese merkwürdige Allee gepflanzt hätten, sondern Erwachsene, alte,

ernsthafte Männer darunter.

»Ah,« sagte der Wirt, »das ist wegen der Fronleichnamsprozession.

Der Herr muß von weit kommen. Morgen ist ja Fronleichnamstag und

da schmückt man die Gassen, wo die Prozession geht, mit solchen

Bäumlingen. Bald werden sie auch da vor mein Haus kommen mit ihren

Steckstangen, die Bäumelsetzer. Da draußen auf dem Anger wird sogar ein

Altar aufgerichtet, fürs zweite Evangelium. In Eustachen geht es immer

feierlich her dabei. Weil wir alle drei Jahre nur einmal Fronleichnam

haben. In den anderen Jahren ist die Prozession unten in Ruppersbach,

wo der Herr eh vorbeigekommen sein wird. Wir Eustacher haben halt keine

Kirchen, nur eine Kapellen da unten auf dem Platz; dort wird morgen das

Amt gehalten und von dort geht der Umzug aus.«

Indes schien der Fremde sich weniger für die Fronleichnamsprozession zu

interessieren als für die hingeschlachteten Jungbäume.

»Habt ihr denn keinen Förster im Land?« fragte er.

»Ihrer nit viele, aber auch nit schlechte,« antwortete der Wirt.

»Und was sagen sie zu dieser grauenhaften Waldverwüstung?« rief der

Fremde aus.

Wendete sich der Rufmann, sein langes Pfeifenrohr auf den Tisch legend,

so halbwegs gegen ihn und sprach lässigerweise, als ob es ihm nicht

eigentlich dafürstünde, da mitzureden: »Der Förster wird wahrscheinlich

sagen, daß es für den Jungwald ganz vorteilhaft ist, wenn bisweilen

geplendert wird. Sonst erstickt ein Jungling den andern. Bei dem

Lärchenanwuchs kommt höchstens der Zehnte auf, alle anderen werden an

sich hin, wenn man sie nicht herausnimmt. Hat der Herr nicht selber den

Hut voller Blumen, toter, statt lebendiger! Na ja, die Wiese hat ihrer

noch genug. Und die Birken sind erst recht nicht umzubringen; da kann

man alle Jahre lichten. Jawohl, die Bäume langen bei uns just noch aus,

daß man ihrer etliche auch zur Ehre Gottes verwenden mag.«

»Sagen Sie mir einmal, lieber Herr,« sprach darauf der Fremde, »was

denken Sie, wird euer Herrgott die lebendigen Bäume nicht lieber haben

als die Baumleichen an der Straße, die morgen schon welk ihre Zweige

hängen lassen?«

Der Ausdruck »euer Herrgott« rauchte dem Förster in die Nase. »Mein

Herr,« sagte er, »wenn Sie einen anderen Herrgott haben, so kümmern Sie

sich um den und lassen den unseren in Ruh!« Bald hernach stand er auf,

reichte dem Michelwirt die Rechte und ging heim ins Forsthaus.

Die Holzknechte am Nebentisch hatten es dem Fremden so oft und

gründlich gezeigt, wie es hierzulande im Wirtshaus der Brauch ist,

bis sie ihr überlautes Geschrei nur noch lallen konnten. An Pfeifen

saugend, in denen nichts mehr brannte, grölten sie nach Bier und

Wein. Als der Wirt ihnen dartat, daß nichts mehr eingeschenkt werde,

schimpften sie noch eine Weile über einen solchen »Hadererwirt« und

torkelten endlich davon.

Als der letzte die Zimmertür polternd hinter sich zugeschlagen hatte,

sagte der fremde Gast mit dumpfer Ernsthaftigkeit: »Die sind vergiftet!«

»Was?« rief der Wirt, beinahe auffahrend. »Vergiftet? Wieso? Von wem?«

»Vom Bier.«

»Gehns weiter, besoffen sind sie.«

»Es ist eine Alkoholvergiftung, Herr Wirt. Nur schade, daß ich bei

der löblichen kaiser-königlichen Staatsanwaltschaft nicht die Anzeige

machen kann, daß im Wirtshaus »Zum schwarzen Michel« wieder einmal

einige Personen vergiftet worden sind.«

Da der Michel jetzt erst die Schalkheit merkte, mit der die Anklage

versetzt war, so sagte er lachend: »Nicht bald etwas wär mir lieber,

als wenn die Polizei mir immer einmal die Stuben ausfegen wollt! ’s ist

wirklich und wahrhaftig eine Schweinerei.«

Nun kam der Fremde in einen guten Redefluß, davon ausgehend, daß es

sich nicht bloß um die Schweinerei handle, vielmehr um das Verderben

des Volkes. Er sprach von naturgemäßer Lebensweise und kam auf den

Alkohol, als den größten Feind des Menschengeschlechtes. Verarmung,

Verkümmerung, Verblödung, Todschlag, Mord, unbeschreibliche andere

Verbrechen und früher Tod in allen Arten.

»Soll denn das wirklich so arg sein?« sagte der Michelwirt.

»Über die Maßen ärger, als man’s sagen kann!« rief der Fremde mit

Leidenschaft. »Cyankali, Arsenik, Strychnin und alle Gifte zusammen

sind nicht so gefährlich als Alkohol. Weil die Bestie so falsch ist,

weil sie anfangs so wohl bekommt, weil sie sich sogar für heilsam

ausgibt, während sie den Organismus langsam aber sicher zerstört, bis

das Opfer jäh zusammenbricht und hin ist.«

Der Wirt sagte nichts, schlug aber die Hand auf den Tisch. Auch er

hatte ein Glas Wein vor sich stehen, wenn auch stark gewässerten. »Ganz

trocken kann einer doch nit dasitzen bei den Gästen.« Aber jetzt hatte

er keinen Durst.

Die Kellnerin kam, rieb sich mit der Schürze die Hände ab, was so ihre

Gewohnheit war, wenn sie die Lumpentische abgeräumt hatte, und fragte

den Gast: »Schaffens vielleicht zum Nachtmahl was Gebratenes?«

»Haben Sie Hafergrütze? Natürlich nein, das habe ich mir gedacht. Aber

doch Weizenmehl und Öl? und ein paar Eier? Gut, so lassen Sie mir einen

Pfannenkuchen machen.«

Da ging in der Küche wieder das Bedenken an. Pfannenkuchen mit Öl? Nun

wem’s schmeckt! -- Als nachher der Fremde in seiner Mehlspeise statt

Tafelöl Leinöl hatte, wollte er aufbegehren, schwieg aber, dachte:

Ländlich, sittlich! Leinöl ist vorzüglich -- und aß mit Geduld den

Pfannenkuchen.

Endlich begleitete der Wirt den Gast in die Schlafstube, brannte dort

die Talgkerze an und schob Schreibzeug vor mit der Bitte, sich in den

Fremdenzettel einzutragen. Während es der Gast tat, guckte der Michel

ihm über die Achsel.

»Nathan Böhme aus Frankfurt.«

Als der Fremde in der Stube mit ihrem eigentümlichen Flachsgeruch

allein war, ging er an die Tür, zog von außen den Schlüssel ab, steckte

ihn von innen an und schloß ab. Dann untersuchte er Kästen und Wände,

leuchtete mit der Kerze auch unters Bett. Dann stützte er die Ellbogen

aufs Fensterbrett und schaute hinaus in die Nacht. Links von der Straße

her der Schein einer Fackel und das Geräusch arbeitender Burschen,

die Birken und Lärchen in die Erde steckten und einen Bau aufführten.

Rechts über dem Dache eines Wirtschaftsgebäudes und über dem

Heckengebüsche des Gartens her dunkle Bergkuppen, darüber der gestirnte

Himmel, über welchen in langem Striche eine Sternschnuppe niederfuhr

gegen das Gebirge.

Endlich schloß er das Fenster und ging ans Bett, wo er aufs

Nachtkästchen die Uhr legte und unter das Kopfkissen ein Ledertäschchen

barg.

An demselben Abend hat der Michel mit Frau Apollonia noch Mutmaßungen

angestellt über den Nathan Böhme aus Frankfurt.

»Frankfurt soll es aber zwei geben, eines liegt in Preußen. Der

Aussprache nach ist’s einer. So ein räsonnierender Besserwisser.

Verdächtig ist mir der Name.«

»Ich halte ihn für einen anständigen Menschen,« sagte Frau Apollonia,

»er hat so schön fürlieb genommen mit der Dienstbotenkost. Möcht froh

sein, wenn die Dienstleut sich allemal so ein Essen taten gefallen

lassen.«

»Weil’s wahr ist, daß unser Herrgott allerhand Kostgeher hat,« sagte

der Michel, da gab Frau Apollonia keine Antwort mehr. Sie schlief.

Der Michelwirt aber mußte seinen Tag fortschleppen noch tief in die

Nacht hinein. Dieser wich nicht aus dem Kopf. Auch vergangene Tage

kamen herbei, wie hungrige Hunde, und fraßen den Schlaf. Dem Michel

war eingefallen, wie in Eustachen und Umkreis gar so viele Leute

stürben, zumeist Männer in den besten Jahren. Seit einem Jahre der

Franz am Brückl an einem Nierenleiden, der Oberhuter am Schlagfluß, der

Siedelknecht an Leberentartung, der Schnellheißer und der Schuster-Hans

haben auch an den Nieren was gehabt. Dem Fankelknecht ist das Hirn

zergangen. Der Dämmerlschneider ist gar ins Wasser gefallen heimwegs in

der Nacht. Das alles in kurzer Zeit. In früheren Jahren auch nicht viel

anders. Auf dem Kirchhof Hügel an Hügel, eine lange Reihe, Männer und

Männer in jungen Jahren. Die Weiber leben länger, die gehen nit so viel

ins Wirtshaus! -- Und nun kam es ihm vor, wo denn diese Leute ihren

Tod geholt haben könnten? Wohl gar in seinem Haus! Wenn er doch recht

hätte, dieser Räsonnierer! Wenn’s halt richtig wahr wäre, das mit dem

Alkohol! Man hört neuzeit öfter und öfter davon, daß geistige Getränke

so schädlich sein sollen. Darum nur recht viel Wasser ins Faß!

Dieser echte Gastwirtsgedanke hätte bei einem andern die grabenden

Bedenken ertränkt, der Michel jedoch sah immer noch die Gräberreihe auf

dem Kirchhof.

~Coelesti benedictione ...!~

Am nächsten Morgen -- viele hundert Kinder hatten tagelang darum

gebetet -- glasklarer Himmel.

Schon vor Sonnenaufgang hörte Nathan Böhme das Getrappel von der Straße

her. Ein Böllerschuß auf der nahen Anhöhe hatte ihn geweckt. Er dachte:

Der Kaisertag! Welch krachende Kaisertage hatte er schon erlebt! In

Eustachen heißt’s: Der Herrgottstag! Die Straßen und Gassen sind hin

und hin so dicht bestanden von grünendem Jungbaumwerk, daß man die

Gebäude dahinter kaum sieht und alles in einem Parke zu wandeln glaubt.

Die Morgensonne beleuchtet die weißen Wände der gemauerten und die

roten der alten hölzernen Häuser, die geschmückt sind mit Ranken. In

allen Fenstern stehen Heiligenbilder mit Blumen und Kerzenleuchtern.

Die Gassen und Plätze sind belebt von weißgekleideten Mädchen, jungen

und alten, die auf bloßem Haupte den Rosmarinkranz tragen. Alles

Weibervolk der Gegend, was sich noch mag und will als jungfräulich

bekennen, hat heute ins Haar ein grünes Kränzchen geflochten. Am

unteren Ende des Dorfes vor der gemauerten Kapelle, die unter den

drei Linden steht, versammelt sich das Volk und die Geistlichkeit von

Ruppersbach. Und die zwei Glöcklein bimmeln immer, auch jene zu rufen,

die noch nicht da sind.

Vom Michelwirtshause ist schon alles fort und das Haustor geschlossen.

Die Fenster haben besonders reiche Zier, gestiftet von dem

Haustöchterlein Helenerl. Von einem Fenster des oberen Stockwerkes,

zwischen Blumen und Lichtern durchguckend, schaute der Fremde herab.

Das hat ihm aber Frau Apollonia gesagt, er muß sich so halten, daß

er nicht gesehen wird. Sie möchte ungern einen Gast im Hause haben,

der nicht an der Fronleichnamsprozession teilnimmt. Freilich war

auch sonst noch einer zu Hause geblieben, und zwar der alte Einleger

Wenzel, der an dem stundenlangen Marsche dieses Gottesdienstes nicht

teilnehmen konnte, weil er fast lahm war. Er sollte auch achtgeben,

daß an den Fenstern kein Licht »auf Schaden brenne«. Nun hatte er sich

neben dem Fremden eine Bank ans Fenster gerückt, um auch ein wenig

mithinausgucken zu können.

»Wenn sie kommen, nachher tun wir eh miteinand einen Rosenkranz beten,«

schlug er vor. Aber dazu kam es nicht, abgesehen davon, daß der

Frankfurter kaum mithalten hätte können. Vielmehr sie kamen allmählich

ins Schwätzen und der verkrüppelte Alte mußte alles erklären, was da

war und geschehen sollte.

Böhme hatte sich aus der Reisetasche den Feldstecher geholt und

beobachtete mit steigendem Interesse das Leben auf der Straße. Es

war so freudig erregt und gehoben, als ob alle Menschenkinder heute

Bräutigam und Braut wären.

Auf dem Platze gegenüber dem Fenster stand der Altar mit seinem

Quaderntische, seinen Marmorsäulen, seinen goldenen Engeln, seiner

alabasternen Marienstatue, mit seinem rotsamtenen Tabernakelbaldachin,

seinen bunten Ranken und Rosen und endlich den zwölf silbernen

Leuchtern -- wie aus der Erde gezaubert. Es war bemaltes Holzwerk, aber

so stilvoll ausgeführt, daß Böhme sich an den oft gehörten Ausspruch

erinnerte, die Älpler wären geborene Künstler; der kirchliche Kultus

fördert in ihnen den Hang zum Schauspiel, zur Musik, besonders aber

zur bildenden Kunst. Um diesen Altar war ein Wald von jungen Lärchen,

Fichten und Birken, die sich in einem weiten Halbrund um den Platz

auseinanderflügelten.

Die Leute verloren sich allmählich vom Altar, und der letzte, der

davon ging, zündete die Leuchterkerzen und in der roten Ampel vor dem

Tabernakel das »ewige Licht« an.

Es war still geworden, und der Fremde fühlte sich in eine Spannung

versetzt, wie einst in seiner Jugend beim Einzuge des Kaisers Wilhelm

in Berlin.

Da verkünden plötzlich Böllerschüsse, daß unten an der Kapelle der

Gottesdienst begonnen hat und dort das erste Evangelium bereits

stattfindet. Über den Hausdächern her klingen die Glöcklein, tönt das

Singen und Beten des Volkes. -- Es kommt näher. Es kommt immer näher,

bis über der grünen Allee das Kreuz auftaucht und die erste Fahne. Eine

rote große Kirchenfahne, von Männern auf drei Stangen getragen. Das

Bild auf der Fahne stellt die Gestalt des heiligen Rupertus dar, den

Patrons der Pfarre. Dieser Fahne folgt eine lange Reihe von Schulknaben

zu Paar und Paar, sie beten mit ihren hellen Stimmen den Psalter;

dann folgt eine ebenso lange Reihe von Schulmädchen, solchen, die so

arm sind, daß sie kein weißes Kleid haben. Aber ein Kränzlein trägt

jedes auf dem Haupte. Diese Mädchen singen ein Lied und tragen eine

kleine grüne Fahne voraus mit dem Bilde, wie die heilige Mutter Anna

ihr Töchterlein Maria das Lesen lehrt. Hieran folgt unter der blauen

Fahne des heiligen Eustach die ältere Männerschaft der Pfarre in einem

dichten breiten Strom, der die ganze Straße füllt. Sie beten unter

gemeinsamer Stimme den Rosenkranz mit dem stets wiederkehrenden Satze:

»Gelobt und gebenedeit sei das allerheiligste Sakrament des Altars!«

-- An den Platz gekommen, stellte sich alles in weiter Runde auf.

Nach den Männern kamen die Jünglinge. Diese beteten laut die Litanei

vom Herzen Jesu. Ein strammer Bursche trug die weiße Fahne mit dem

Bildnisse des heiligen Aloisius voran. Und den Jünglingen folgte die

weiße Reihe der kranztragenden Jungfrauen. Vier derselben trugen eine

Muttergottesstatue, über die sich zwei gekreuzte Bogen mit roten Rosen

spannten. Die Jungfrauen sangen klingend laut das Lied vom Herzen Maria.

Der Einleger machte den Fremden aufmerksam auf ein schlankes Mädchen

mit zwei langen Haarzöpfen und der blauen Schleife um den Leib. Das war

die Wirtstochter. Sie schaute frisch in die Welt, tat weniger fromm als

froh und ihr Singen war bisweilen ein liebliches Jauchzen.

»Wo die sonst das Göscherl nit aufmacht!« murmelte der Alte.

Die Reihe der paarweise gehenden Jungfrauen wollte nicht enden und

wollte nicht enden.

Zwischen dem Singen und Beten durch hatte man schon einigemale das

klingende Spiel der Musikkapelle gehört. Nun kam sie in Sicht. Die

durch zwei Schullehrer geleiteten Musikanten und Spielleute von

Ruppersbach und Eustachen zusammen mit Klarinetten, Trompeten,

Flügelhörnern, Trommeln, »Bombardon« und Tschinellen. Sie spielten

einen lustigen Marsch. All das Beten, Singen, Läuten und Musizieren

vermengte sich in der Luft zu einem summenden Getöse, das der Fremde

mit dem Worte »Heidenlärm!« bezeichnete.

Den alten Wenzel stieß das Wort, er wollte ihm etwas entgegnen, bewegte

schon Lippen und Kiefer, kaute eine Weile an der beabsichtigten Rüge

und schluckte sie endlich hinab.

Hinter der Musikkapelle war eine neue Gruppe von Fahnen, glänzenden

Stäben und Bildwerken, die in die Luft ragten, sichtbar geworden. Es

kamen noch die Honoratioren, die »Fürsteher« der beiden Gemeinden, der

Arzt, etliche Beamte und --

»Unser Herr! Dort ist unser Herr!« flüsterte der alte Wenzel erregt.

Er hatte den kleinen schwarzen Michelwirt bemerkt, der mit zu Boden

gekehrtem Gesicht einherschritt. Der Wirt schien versunken zu sein in

das heilige Begängnis.

»Wenn man weiß, wie der immer einmal lustig sein kann!« sagte der

Wenzel. »Schauns, jetzt kommen die Blumenmadeln!«

Drei weißgekleidete Mädchen streuten aus Handkörbchen allerhand bunte

Blümlein und Rosenblätter auf den Weg. Das Heiligtum war nahe. Über den

wogenden Häuptern heran wehten zwei Fähnlein, glänzend in weißer Seide,

funkelnd mit ihren goldenen Kreuzen. Auf ihren Tafeln waren zwei rote

brennende Herzen, das eine mit der Dornenkrone umwunden, das andere

von einem Schwert durchbohrt. Dann kamen vier in der Luft schaukelnde

Laternen, dann kamen sechs alte Männer in roten Mänteln, große

Windlichter tragend, dann zwei Knaben in weißen Chorhemden, jeder in

der Hand ein Metallglöcklein schwingend, so daß das eine mit tieferem,

das andere mit höherem Klang abwechselte, dann kamen noch zwei Knaben

in weißen Chorhemden, qualmende Weihrauchgefäße schwingend, und nun --

Der Fremde sah, wie sein alter Cicerone still neben ihm niederkniete,

das Haupt senkte und betete.

Es kam der auf vier Stangen schwebende Baldachin: er war aus roter

Seide, mit vier goldenen Knöpfen über den Stangen und goldenen Quasten

ringsum. Darunter schritten in glitzerndem Ornat drei Priester, wovon

der mittlere, umfangen vom weißen Seidentuche, die Monstranze hielt,

einen goldfunkelnden Stern mit dem weißen Sonnlein im Mittelpunkte --

das Allerheiligste. Mit gesenktem Haupte hielt er es hoch vor sich hin,

nach oben etwas zurückgeneigt. Dem Priester, so schien es, zitterten

vor Andacht die Hände, womit er das Heiligtum trug. Die Priester an

beiden Seiten hielten ihre Köpfe in Demut geneigt, die Augen gesenkt,

die Hände in Anbetung gefaltet.

Hinter diesem Höhepunkt ein kleiner Abstand. Dann kam die blaue Fahne

der Ehefrauen mit dem Bilde des allerseligsten Josef und seiner

Ehegattin Maria. Hinter derselben trappelten ohne weitere Ordnung die

verheirateten Weiber, die Witwen, die alten Mägde und Mütterlein am

Stocke. Diese beschlossen den Zug, dessen Anwandeln nahezu eine halbe

Stunde gedauert hatte.

»Man glaubt’s gar nit, wie viel Leut es gibt auf der Welt!« flüsterte

der alte Einleger. »Aber jetzt, Herr, jetzt kommt der Segen!«

Nathan Böhme hatte mehrmals Ausrufe des Staunens getan, nun schwieg

er und schüttelte den Kopf. Er hätte es nicht geglaubt! Viel hatte

er von der katholischen Fronleichnamsprozession gehört, doch daß

eine arme Gebirgsgemeinde so etwas zu leisten imstande ist, das war

ihm unfaßbar. Entweder es mußte in den Leuten eine abgrundtiefe

Frömmigkeit vorhanden sein, die zu so großartiger Gestaltung drängt,

oder -- gar keine. Alle religiöse Stimmung veräußerlicht, in Kunsttrieb

übersetzt -- was bleibt übrig drinnen? Auf jeden Fall ist dieser Aufzug

merkwürdig. Das Mittelalter zieht mit fliegenden Fahnen durch unsere

späte Welt. Wenn so etwas abkäme, es wäre jammerschade. Was Religion!

Muß denn im kirchlichen Kultus immer Religion sein? Ist denn nicht auch

das Schöne etwas? -- So die Gedanken des Fremden. Aber er jagte sie

bald davon.

Das Volk mit seinen Fahnen war auf dem Platze zum Stillstand gekommen,

ein brodelndes Meer von Menschenhäuptern. Das laute Singen und

Beten war verstummt. Die Gruppe des Baldachins mit ihren Fähnlein

und Lichtern wendete sich dem Altare zu, wo der goldene Stern, die

Monstranze, in das Tabernakel gestellt wurde. Dort an den Leuchtern

flackerten alle Kerzen in der sonnigen Mailuft. Die Priester erhoben

lateinische Gesänge, die von der Musikkapelle respondiert wurden. Dann

las ein Geistlicher in lateinischer Sprache das Evangelium. Über der

Menge ein großes Schweigen, von dem Kirchlein her klang die Glocke.

Plötzlich stiegen vor dem Altare Weihrauchwolken auf, daß sie das

bunte Bild fast verschleierten. Der Duft kam prickelnd herüber. -- Der

Priester hob die Monstranze, wendete sich damit gegen das Volk, das

niedersank auf die Knie. »~Coelesti benedictione ...!~« Während jedes

mit halbgeballten Händen auf die Brust schlug, schwang er das Heiligtum

feierlich in Kreuzesform zum Segen. Da klingelten die kleinen Glöcklein

und krachten die Böller, daß die Wände schütterten.

Böhmes Aufmerksamkeit war von einem jungen Burschen gefesselt worden.

Ein schlanker Junge in dunklem Anzuge stand nahe dem Altare und

wendete sein blasses Gesicht unverwandt der Monstranze zu. Anders wie

die übrigen stand er da, hielt die Hände gefaltet, halb gehoben in

der Luft, und mit einer wundersamen Versunkenheit schaute er auf das

Heiligtum. Böhme erinnerte sich an ein altes Gemälde, die Anbetung der

Hirten. So wie dort der Jüngling in schwärmerischer Ehrfurcht das Kind

in der Krippe anbetet, so dieser Bursche, der jetzt, als die Glöcklein

klingelten, niedersank auf beide Knie. Unbeweglich aneinandergelegt die

schmalen Hände, das Haupt geneigt, die Augen geschlossen -- und an der

Wange eine helle Träne ...

Als der Segen gegeben war, erhoben sich die Fahnen, bewegte sich die

Menge, hub an die Psalter weiter zu beten, die Litaneien zu sprechen,

die Lieder zu singen, und der Zug wallte in der Ordnung, wie er

gekommen, weiter. Eine Strecke noch die Straße entlang, dann über den

Feldweg zu den Häusern an der Ach, wo an einem ähnlichen Altare, wie

der vor dem Wirtshause, das dritte Evangelium abgehalten wurde. Das

letzte der vier Fronleichnamsevangelien fand ebenso feierlich wie

vorher das erste im Lindenschatten statt, nahe der Kapelle. Damit

schloß die Prozession und löste sich auf.

Die Ruppersbacher nahmen ihre Fahnen, Laternen und anderen

Kirchengeräte unter oder über die Achseln und gingen heim,

hochbefriedigt von dem Begängnisse. Die Eustacher spazierten froh

erregt durch die Gassen, die so schön glatt getreten waren und auf

denen die zertretenen Blumen und Rosenblätter lagen. Die Lichter an den

Altären, in den Fenstern wurden ausgelöscht, soweit es nicht schon der

Wind getan hatte, die Bildnisse aber blieben den ganzen Tag zur Schau

gestellt.

Der alte Einleger Wenzel hatte für seine Auskünfte von dem fremden Gast

ein Viertelliterlein Wein verhofft und erschrak, als ihm statt dessen

ein silbernes Guldenstück in die Hand gelegt wurde.

»Gnädiger Herr!« fragte der Alte, »ist das alles Trinkgeld?«

»Hol’s der Teufel mit eurem Trinkgeld! Eßgeld ist es. Nähren sollst du

dich besser.«

»Im Essen fehlt mir eh nix,« gestand der Einleger bescheidentlich.

»Immer einmal ein Tröpfel Wein, das man haben möcht’!«

Was fängt er jetzt an mit dem Gulden, wenn er sich damit nicht

immer einmal ein Tröpfel Wein soll kaufen dürfen! -- Mit Schwermut

betrachtete er das Geldstück, während er draußen im Garten vor

der Bienenhütte saß. Er hatte dem Wirt die Bienen zu bewachen,

falls sie plötzlich schwärmen sollten und der neue Schwarm etwa

davonfliegen möchte auf Nimmerwiedersehen. Zwei Körbe waren dies Jahr

noch ausständig. Wenn die Schwärme ausfahren und eingeholt werden,

kriegt der Wenzel ein Viertel Wein. Das ist was. Aber was ist ein

Silbergulden, den der Mensch nit vertrinken darf!

Mit Schwermut betrachtete der Alte am Nachmittag die kleinen

Kranzjungfrauen, die an den Wirtsgartentischen heiter umhergaukelten,

Backwerk verzehrten und süßen Wein tranken. Sie waren Gast der Frau

Apollonia, die mit solcher Ehrenbewirtung das Freudenfest Fronleichnam

würdig zu beschließen pflegte.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 20 / 55 题