Auf seine Anfrage ans Seminar, wann für Elias der Urlaub zu Ende sei,
war der Bescheid gekommen, der Junge könne selbstverständlich jeden Tag
einrücken. Sollte es aber zu seiner völligen Kräftigung notwendig sein,
so wolle man raten, ihm das Jahr dreingehen zu lassen, daß er sich im
Herbste zum neuen Schuljahre gestärkt einfände.
Rufmann besprach sich darüber mit dem Michelwirt. Der fragte zuerst,
was dem Studenten eigentlich fehle? Man merke ihm nichts an. Der
Förster gab zu, daß er selber nicht klug werde.
»Die Sonne will ihn nicht bräunen. Und leicht ermüdet, wie Jungen in
diesem Alter schon sind, wenn sie stark wachsen. An Appetit fehlt’s
gerade nicht; Kostverächter, sagt die Sali, wäre er keiner. Auf den
Rahmkaffee, sagt sie, gehe er wie ein Wolf aufs Schafblut. Aber« -- so
schilderte Rufmann weiter -- »zu wenig lustig ist er mir, zu totig,
lost so herum. Bissel schneidiger, wenn er wäre.«
»Die Stadtkrankheit hat er,« sagte der Michel. »Nervös ist er. Beim
Studieren hat er sich überanstrengt. Das gefällt mir von seinem Rektor,
daß er ihm Urlaub gibt zu einer gründlichen Kräftigung. Daß das
Werkzeug fest sein muß, wenn der Geist was leisten soll, das wollen die
gelehrten Herren sonst nit immer einsehen. Laß ihn halt heraußen ein
halbes Jahr.«
»Ein Jahr länger in der Sorge. Ist halt bitter,« meinte der Förster.
»Es bezahlt sich, Rufmann. Es geht nachher um so flotter vorwärts.
Endlich und schließlich, mein Freund, sollst du nit vergessen, daß
auch unsereiner ein Recht hat auf das Patenkind. Kannst du dich noch
erinnern, bei der Taufe, wie ich ihm den Namen Elias hab ausgesucht?
Der Himmelfahrer. Und daß er, hab ich spaßeshalber gesagt, nobel fahren
kann, wie sein Namenspatron. Hast du drauf gesagt: dann sollt ich ihm
schon auch den feurigen Wagen dazu kaufen --«
»Aus Fürwitz, Michel, aus Fürwitz.«
»Wenigstens für ein Radel dazu werd ich doch gut sein. Feurig machen
muß er den Wagen freilich selber, wenn er für den hochwürdigen Beruf
die rechte Begeisterung hat.«
Dachte der Förster: Ein Radel? Wie ist jetzt das wieder gemeint?
Und der Michel redete weiter: »Ob unser Elias einmal mit einer
bischöflichen Kalesch wird fahren, das ist stark ungewiß. Wie mir
scheint, tut er sich mehr auf einen frommen Landpfarrer zusammen als
auf einen Kirchenfürsten.«
»Wäre mir alles eins, nur daß er sein Amt ordentlich erfüllt, das
liegt mir an. Ist aber nicht zu glauben, Michel, wie diese zwei
Brüder unterschiedlich sind! Nur ein Viertel, wenn der Student von
des andern leichtem Sinn hätte! Und der andere so viel von des einen
Ernsthaftigkeit und Frommheit. Wenn man die könnte so ein bissel
durcheinanderschütteln, wie, möchte ich sagen, der Pfarrer beim Altar
Wasser und Wein.«
»Laß nur Zeit,« sagte der Michel, »unser Herrgott wird den Kelch schon
schütteln. Bis der Friedl nur erst den Lebensernst kennen lernt -- es
pressiert nit! Laß es nit pressieren, Rufmann! -- Dann wird er schon
ernsthaft werden. Und wird auch er nit verschont bleiben von harter
Zeit. -- Die macht den Menschen fest oder matt. Matt macht sie deinen
Buben nit, dafür steh ich fest. Und beim andern, beim Elias, wird’s
so sein: Der kommt erst zum leichten Sinn, bis er an anderen und sich
selbst einmal erfahren hat, wie hart es hergeht auf der Welt. Jetzt
besteht sein Welt- und sein Himmelglauben noch aus Buchstaben. Später
wird er aus Arbeit, Leiden und Mitleiden bestehen. Und um solche Zeit
wird der Mensch, der einen Kern in sich hat, erst geweckt und heiter.
Elias ist zu früh ins Institut gekommen; ist schon derowegen nit
schlecht, wenn er jetzt ein wenig herumsteigen kann und sehen, wie’s
ausschaut in der Welt.«
»Ich werde ihn einmal fragen, ob er jetzt lieber ins Seminarium will
oder daheim bleiben im Forsthaus.«
»Frag ihn. Wollen’s einmal sehen. Dir ist’s lieber, wenn er sagt:
Seminarium. Mir ist’s lieber, wenn er sagt: Forsthaus.«
Eine Freude war es dem Rufmann, wie der Michel diesmal wieder
gesprochen hatte, so recht aus der Wirklichkeit heraus. Der Wirt aber
hatte sich dabei gedacht: Ich muß ihm so sprechen, daß er sich die
Sache von besserer Seite kann einbilden. Er bildet sich den Buben ja
doch weitaus am liebsten so ein, daß er daheim ist. --
Und am nächsten Sonntag, als der Förster und Elias miteinander von
der Kirche gingen aus Ruppersbach, sprachen sie davon. Auf die Frage,
was ihm lieber sei, antwortete zuerst der Student, er gehe gern ins
Seminar, und er bleibe auch gern daheim.
»Das ist wieder einmal keine ordentliche Antwort, Bub! Deine Herren
Professoren wünschen vor allem, daß du gesund werdest.«
»Aber Vater, was ihr nur habt. Ich bin ja gar nicht krank.«
»Also willst du wieder hinein?«
Jetzt schwieg der Junge und ging still hinter dem Vater einher. Als
dieser einmal umschaut, hat der Student nasse Augen.
»Mir scheint, Elias, du bleibst jetzt doch noch lieber daheim!«
Barg der Junge sich leidenschaftlich schluchzend an des Vaters Brust:
»Ich bleibe gern daheim. Ich bleibe viel lieber daheim. Mein Vater --
ich mag nicht fort, ich bitt dich, laß mich daheim bleiben!«
Das war Antwort genug.
Wer hat dich aufgebaut, du hoher Wald!
Um das Forsthaus, wie sehr es auch im kühlen Schatten der Berge steht
-- begann sachte die Herrlichkeit.
Die Eriken, Schneeglöckchen Und Weidenkätzchen hatten schon lange den
bunten Tanz eröffnet zwischen Schnee und Eis. Nun waren auf den Angern
die weißroten Ruckerln da und der goldkronige Löwenzahn, auf den Wiesen
die blauen Meingedenk, selbst in den Sümpfen der Ach leuchteten die
Dotterblumen. Blumen und Rosen aller Art hatte die Sonne hervorgelockt
aus feuchter Scholle, um sie zu küssen und in warmer Liebe zu erziehen
zu Wesen, die was taugen. An den Hängen grünten die Lärchen, aber je
höher hinauf, je blasser ihr Grün. Nahe den Almen standen sie noch in
ihren fahlen winterlichen Besen. Auch die Fichten setzten schon ihre
weichen Triebe an und die Blätterröllchen der Laubhölzer entfalteten
sich mehr von Tag zu Tag. Die Ach rollte rasch und wild in ihrem
Bette. Je sommerlicher der Tag, je wilder schwoll die Tauernach.
Die Brücke zitterte leise. Aber das Grollen und Drohen kam nicht
auf. Vogelsingen überall und ohne Ende, und wo irgend ein paar Bäume
sich gegenüberstanden, da saßen auf den Wipfeln Finken und führten
miteinander das hellzwitschernde Vogelgespräch. Aber auch die Amsel war
überall, die Lerche war schon da, allerlei Gefieder schwätzte, lockte,
freite, zankte, sang und jubelte durcheinander und mehr als einer auf
den Gipfeln rief mit heller Stimme: »Elias! Elias!«
Dieser bereute es nicht, sich für das Bergland entschieden zu haben.
Mit dem Bruder gab’s zwar jeden Tag Meinungsverschiedenheit; aber wenn
er glaubte, ihn gekränkt zu haben mit seinen lehrhaften Zusprüchen,
ging er ihm so lange nach und legte ihm alles, was er hatte, zu
Füßen, bis der Friedl wieder »gut« war. Insgeheim nahm dieser dem
Studenten nichts übel, er tat nur manchmal so, um den kleinen Theologen
unterzukriegen.
Elias fing nun an, seine Bücher zu vergessen. Gerne ging er mit dem
Vater in den Wäldern um, ließ sich von ihm das Wesen der Bäume deuten,
das Leben der Holzknechte schildern und auch die Arbeit von da an, wo
mit blinkender Blattsäge der Baum gefällt, zu Blöcken geschnitten,
auf Holzrinnen zu Tal gefördert, zu Scheitern gespaltet, zu Meilern
geschichtet, mit Löschkohle bedeckt, angezündet und zu kostbaren Kohlen
gebrannt wird. Oder wie die Stämme in langen »Blöchern« nach Eustachen
zum Sägewerk geschleppt und dort zu Brettern geschnitten oder als
Zimmerbäume der fernen Eisenbahn zugeführt werden. Die Lärchenstämme
reisen in die weite Welt zu Wasserbauten, zu Schiffsmasten. Das Holz
der Buchen und Wildulmen wird in den Häusern als Brennstoff verwendet.
Die Ahorne bekommt der Böttcher, die Birken der Wagner, die Eschen der
Holzschnitzer; aus dem verknorrten Gezirm zimmert der Tischler die
wertvollsten Möbel für Touristenhäuser und Jagdschlösser. Da staunte
der Elias. Das waren andere Buchstaben, als die in seinen Grammatiken
standen. So buchstabiert aus dem Wald sich ja die Welt zusammen!
Eines Tages kamen sie in die Bärenstuben. Dort waren gewaltige
Holzstöße geschichtet und daneben mehrere Meiler gebaut. Aber sie
rauchten nicht. Der Förster öffnete mit einem eisernen Zungenschlüssel
die Hüttentür. Modrige Luft auf dem Fletz, wüstes Gestrohe und ein
paar faulige Lappen. Er erzählte dem Jungen, wie hier eine Weile der
Krauthas gehaust habe. Ein tüchtiger Kohlenbrenner, aber sonst ein
Strick. Um die mühseligen Eltern zu ernähren, habe dieser Krauthas
einmal zu wildern angefangen und sei dann eine Weile gesessen. Habe
nachher keine Arbeit finden können, bis man es bei der Kohlenbrennerei
mit ihm versucht. Aber es sei schon gar nicht gegangen. Mit einer
Wurznerin hätt er zusammengewohnt, die sei ihm durchgegangen, ihre
Tochter wäre ein bildschönes Dirndel gewesen, das ein Herr aus
Löwenburg, der es auf einer Gemsjagd kennen gelernt, mit sich genommen.
Viel Ehre würde auch da nicht herausschauen. Bei der Tochter solle der
Krauthas nun auch wohnen. »Wenn dieser Mensch nicht viel nutz geworden
ist,« schloß der Förster, »so muß es einen nicht groß wundern. Was so
ein armer Teufel durchzumachen hat -- der müßte aus besserem Holze sein
als die meisten Leut, wenn er nicht schließlich ein Spitzbub werden
soll!«
Dann besuchten sie die Holzschläge des Teschenwaldes und der
Wildwiesen, wo Elias das erstemal Respekt bekam vor seinem Bruder.
Der Friedl werkte mit Beil und Säge wie ein richtiger Holzknecht, in
Hemdärmeln, und hübsch verschweißt wie die anderen. Flink griff er ein.
Bei der Niederlegung einer großen Tanne, die während des Falles an
dem Geäste anderer Bäume hängen geblieben war, verriet er eine solche
Geschicklichkeit, daß der Förster schon Bravo rufen wollte, wenn es ihm
nicht noch rechtzeitig eingefallen wäre, daß die Arbeit kein Theater
ist. Gar ernsthaft und schier schweigsam gehabte sich der Friedl; wenn
er aber zwischen Schub und Hieb doch ein kurzes Wörtlein sagte, so war
es ein lustiges. Der Wegmacherbub war nahezu verschwitzt; indes, die
Schweinsborsten, die seiner Haut zugedacht gewesen, sollen ihn schon
noch einmal kitzeln.
Elias hatte dem jungen Holzknecht eine Weile schweigend zugeschaut,
dabei kamen ihm aber ungute Gedanken. Er maß diese kernige Arbeit
an der seinen auf dem Papier. Wie die windig ist! Hier sah er,
daß körperliche Arbeit gar nicht so mechanisch ist, wie man sagt.
Wieviel Denken und Geschicklichkeit gehört dazu, bis so ein mächtiger
Tannenbaum in Scheitern liegt oder gar zu Bauten verarbeitet ist. Und
wie wenig Geist ist vonnöten, um grammatikalische Regeln zu lernen,
nach der Schablone mathematische Rechnungen auszuführen, die Kapitel
aus Katechismus und Kirchengeschichte zu memorieren und dergleichen!
Ist nicht im Lehrzimmer die Mechanik und im Walde der Geist?
Von jetzt ab hatte Elias Hochachtung vor dem Bruder, und um so größer
war auch seine Zufriedenheit, ihn bei jenem wilden Beginnen verhindert
zu haben. Das war auch eine Tat gewesen und nicht ein Schulpensum.
War er doch noch immer der Meinung, es habe sich damals um einen Mord
gehandelt.
Eines Tages hatte sich auf ihren Waldwanderungen auch der Michelwirt
angeschlossen. Der hatte einen Bergstecken bei sich, denn seine Absicht
war: höher hinauf. Auf dem Rauhruckjoch besaß er ein Touristenhospiz,
das stets mit den feinsten und vornehmsten Gästen überfüllt war. Aber
nur in der Vorstellung. Es machte ihm mehr Vergnügen als das Wirtshaus
in Eustachen und gar keine Sorgen. Ein nicht eingebildeter, sondern ein
wirklicher Besitz von ihm war eine Schwaigerei auf der Twengalm, die
im nächsten Sommer in Betrieb gesetzt werden sollte. So wollte er nun
nachsehen, ob Sturm Und Schnee die alte Hütte nicht mitgenommen hatten
im vergangenen Winter, oder welche Ausbesserungen nötig sein sollten.
Durch den Hals hinein bildeten sich die munteren Männer, der Rufmann
und der Michel, ein, sie wären ein paar frische Holzknechte, und sangen
zu zweien:
»Und die Holzknechtbuaben
Müssen fruh aufstehn,
Müssen ’s Hackerl nehmen
Und in Holzschlag gehn.
Wann die Sonn schön scheint
Und das Hackerl schneidt,
Lebt der Holzknechtbua
In frischer Freud.«
Später auf stilleren Forststeigen war der Michel wieder einmal zu
kleinen Betrachtungen aufgelegt. »Das ist der Unterschied,« sagte er,
»der Holzknecht hat Sonntag, wenn er ins Wirtshaus geht, und der Wirt,
wenn er in den Wald geht. Da hab ich einmal gelesen: Im Wald geht der
Mensch spazieren wie durch seine Kindheit. Kann mir denken, wie’s
gemeint ist.«
»Ja,« sprach der Förster, »der Wald ist auch unser Ahnensaal. Vor
tausend Jahren sind wilde Menschen da gewesen, vor zehntausend Jahren
wilde Tiere.«
»Und vor ungezählten tausend Jahren nichts als wilder Wald allein. Die
Tanne soll ja der älteste Baum sein, noch aus der Eiszeit her.«
»Aus der Eiszeit. Und hat uns doch so viele Wärme aufbewahrt, wenn man
an die Steinkohlen denkt.«
»Aber -- ein Holzschlag, wenn man’s nimmt, ist was Trauriges,« meinte
der Michel und betrachtete die gefällten Stämme.
»Warum? Ich mach’s nicht so wie der Kaiser, der -- wenn Krieg ist
-- die Leut in ihrer besten Jugend schlagen läßt. Ich schlage den
Baum mit achtzig Jahren. In früheren Zeiten hat man so einen Stamm
hundertfünfzig Jahre stehen lassen können und noch länger, ist immer
noch besser geworden. Bei euch draußen in Eustachen stehen ein
paar Holzhäuser, die sind über zweihundert Jahre alt, und wenn das
eingezimmerte Holz auch ungefähr so alt war, nachher kann man wohl
sagen, diese Häuser sind noch vor der Entdeckung von Amerika gewachsen.
Aber es ist ganz des Teufels, auch der Wald verlumpt. Das Knieholz am
Rauhruck oben ist einmal hochstämmig gewesen, und diese stattlichen
Fichten und Lärchen werden einmal Knieholz sein oder lumpiges Gestrüpp.
Dazu gehört freilich mehr als ein hundertjähriger Kalender.«
Dann sprach der Förster, der nun so recht in seinem Bereiche war, von
der Wesenheit der Fichten. »Die hat’s gern im Gestein, in Spalten,
und erzeugt sich selbst den Erdboden aus den Nadeln, die alle Jahre
abfallen. So schaffen sich auch andere Bäume ihre Scholle.«
»Wenn auch der Mensch sich seinen Boden selber machen könnte!« sprach
der Michel.
»Das ist der Unterschied. Die Pflanze nährt den Fruchtboden, der Mensch
verzehrt ihn.«
»Glaubst du nicht, daß wir gute Erde geben werden in Pfarrers Garten?«
»Habe nie gehört, daß auf dem Kirchhof bessere Erdäpfel wachsen als auf
dem Acker mit Kuhfladen.«
Da lachten sie.
»So ein Baum«, meinte nun mit Schalkheit der Michel, »kann sich auch
billiger hergeben, weil er sich billiger in Händen hat. Ein Samenkorn
fällt zu Boden, und ohne viel Umstände steht ein kleines Fichtlein auf.«
»Ganz so einfach wirst dir’s nicht vorstellen dürfen,« sagte der
Förster.
Noch besser als die Fichte kam bei diesen Betrachtungen die Tanne weg.
Der Graf unter den Nadelbäumen. Sein feines Holz, seine köstlichen Öle,
sein weiches Grün, der heilige Christbaum! Auch singen kann er. Die
Resonanzböden der Zither, der Geige, der Laute, mein lieber Michelwirt,
sind aus Tannenholz. Ist nicht bloß im kalten Norden, ist auch im
klassischen Süden daheim. Den schönen Weibern des Kaukasus grünt die
Tanne, die Banditen des Apennin verbirgt sie, den Spaniern schmückt sie
die Altäre, den Hirten Arkadiens baut sie Hütten, und vom Libanon hat
sie das Kreuz Christi geliefert.
»Und hier, sieh dir einmal diesen Lärchbaum an,« sagte der Förster, »so
glatt und schlank und weich in seiner Jugend gewachsen, so verkrüppelt
und verknorpelt ist er jetzt in seinem Alter. Aber die Gicht hat er
doch nicht. Ich will ihn noch zwanzig Jahre stehen lassen. In der
zarten Jugend läßt er sich gerne verdrängen von den Nachbarn; wird er
aber einmal groß, dann zeigt er ihnen den Herrn. Er überdauert alle.
Wenn alles fällt um ihn, er ist der einzige, der auf dem Schlage stehen
bleibt. Im Winter wirft der Kerl seinen grünen Pelz weg und läßt sich
vom Schneesturm auslüften. Davon mag es kommen, daß er so stark ist.«
Der Michel ging darüber hinweg und sagte: »Soll ja der Muttergottesbaum
sein. Wenigstens bringen die ungarischen Wallfahrer der Maria in Zell
grüne Lärchenkränze mit, die sie unterwegs gepflückt und geflochten
haben, und mancher trägt aus dem Gebirg einen weißgeschälten
Lärchenstab mit heim auf die Pußta. Wenn der Mann stirbt, wird ihm der
Stab mit in den Sarg gelegt.«
Über die Kiefer, die in Fichtenwald eingesprengt war, sagte der
Förster, daß sie durch Wohlleben in üppiger Erde leicht verdorben
werde, auf schlechtem, dürrem Boden gedeihe sie um so frischer. Sie
sauge so viel Sonnenschein in sich, daß sie den ganzen Winter über die
Bauern mit Kienspanlicht versorgen könne. Selbst im Walde leuchten der
Kiefer rote Stämme wie Glutsäulen auf in das Gewölbe der Baumkronen.
»Mensch!« rief plötzlich der Michel, »was höre ich da alleweil? So hast
ja auch du dein Extrastübel! -- Herzenskerl du!« Und umschlang heftig
des Försters Nacken. Dieser legte auch seinen Arm über die Achsel des
Freundes, und sie sangen hinaus in die hallenden Berge:
»In dem Wald will ich verbleiben,
Weil ich leb’ auf dieser Erd.
Will mich ganz dem Wald verschreiben,
Nun ade, du schnöde Welt!
Ich verbleib allzeit im Wald,
Bis die Welt zusammenfallt.«
Nur zu bald haben sie aus dem schönen »Extrastübel« wieder hinaus
müssen. Der Förster, schon während des Singens war ihm etwas
aufgefallen im Gefällholz, hub jäh an zu fluchen. Es war stellenweise
das dürre Holzwerk nicht sauber aufgearbeitet, da konnte der
Borkenkäfer nisten, der den Fichtenwald umbringt. Und da war unter
einem Lärchbaum ein auseinandergestöberter Ameishaufen. Die Ameisen
aber sollte man lassen passieren, wie sie die Stämme hinaufwurlen und
ins Astwerk hinaus, als Jäger nach allerlei Gewürm und Gezücht, das
den Baum krank machen und allmählich töten kann. Die zierlichen Falter
dort im Geäst der Kiefer? Was ist der kleine Kieferspinner für ein
großes Ungeheuer! Er legt sein Ei in das Holz und züchtet Verderben.
Aber da kommt die Schlupfwespe, legt ihrerseits Eier in die Raupen
des Kieferspinners. Der Schmetterlingsleib hat ein Wespenherz, und
an diesem Zwiespalt stirbt der Falter. Die Förster können diesem
Baumverderber nicht bei und sind der Schlupfwespe sehr dankbar für
ihr Schelmenstück. Wer nun im Walde morschendes Holz liegen läßt oder
die Ameisen stört oder die Schlupfwespen vertilgen wollte, den trifft
des Försters Fluch. »Da sollen sie sich anderes Wildbret suchen,
meinetwegen!«
Nit so giften soll er sich, denkt der Michel, das muß weggesungen
werden. Und wie er das Wort »Wildbret« hört, rollt’s ihm auch schon
hell aus der Kehle:
»Bin a lustiger Wildbratschütz,
Und spann mein Hahnl guat,
Und wenn ich Reh und Hirschen siach,
Da wachst mir halt, da steigt mir halt
Mei Federl aufm Huat!«
»Weißt kein besseres?« fragte der Förster.
»Also singen wir halt ein anderes,« sagte der Michel; »Zank nit,
gestrenger Herr Forstverwalter, und tu mit:
Wenn ih geh auf die Pürsch
Zittern d’ Reh, zittern d’ Hirsch,
Ja, sie fürchten mei Blei,
Ih schiaß selten vorbei!«
Aber auch da sang der Rufmann nicht mit. »Solche Gsanger kann ich nicht
leiden.«
»Bist ein merkwürdiger Förster, du, der von der Jägerei nix wissen
will.«
»Ob der Schmarotzer Hirsch heißt oder Borkwurm. Im Wald kann ich solch
Getier nicht brauchen. Die Gemsen, das ist was anderes, die sind im
Steingebirg, die können nicht viel schaden.«
»Frisch auf, zum Gamselschiaßen!« trällerte der sanglustige
Michelwirt. Es kam wieder zu nichts. Ein alter graubärtiger Waldbär,
der Holzmeister Fernand, begegnete ihnen und brachte für den Förster
frischen Ärger.
Er kam vom Hochgebirge her, wo er zeitweilig beim Jagdschlosse
nachzusehen hatte. Quer über den Rücken aneinandergebunden trug er
ein Paar Ski, die nach beiden Seiten lang hinausstanden. Oben um das
Jagdschloß lag der Schnee noch klafterhoch. Und doch hatte der Teufel
den Weg dahin gefunden. Der Fernand berichtete, daß im Jagdschloß
eingebrochen worden sei. Durch das Dach, und die Diebe müßten es hoch
haben hergehen lassen im Fürstenzimmer; die Öfen voll Asche, Reste von
Konserven, geleerte Weinflaschen und Zigarrenkisten. Der Silberschrank
jedoch sei nicht erbrochen worden.
»Ist mir unlieb,« brummte der Förster, »so sind’s keine Berufsdiebe
gewesen, so ist’s wer von unseren Leuten gewesen.«
»Etwan ich!« bäumte der Holzmeister sich auf und funkelte mit
Adleraugen auf den Förster.
»Na, freilich du,« lachte dieser und klopfte dem Alten auf die
Schulter. »Der Fernand schaut gerade so aus, als ob er in fürstlichen
Jagdhäusern heimliche Gelage halten tät.«
»Kann auch mein’ Dienst aufsagen, wenn Mißtrauen ist.«
Sie hatten zu tun, ihn zu beruhigen.
Endlich kamen sie zur Stelle, wo unsere Freunde sich auf den Rasen
setzten, ihr mitgebrachtes Mittagsbrot verzehrten und zu endgültiger
Schlichtung auch dem Holzmeister davon boten.
Und nach dem Mahle sagte der Michel: »So, jetzt heißt’s auf die Höh!«
und bog ab, den Fußsteig nach der Twengalm.
Der Förster und sein Sohn Elias gingen über den breiten Bergrücken
hinaus, zwischen jungen Fichten. Mehrmals hörten sie den Michel
jauchzen auf seinem steilen Anstiege. Der Förster jauchzte zurück
und eiferte den Studenten an, es auch zu versuchen. Dieser hätte es
ganz gern probiert mit einem lustigen Juchschrei, aber er schämte
sich und tat es nicht. Doch wenn er schon nicht jauchzen mag, so
möchte er jetzt beinahe etwas sprechen: es ist ihm das Herz gar zu
unruhig geworden. Diese Waldnatur! Dieser Kampf der Wesen, dieses
Im-Gleichgewicht-bleiben und ewige Sieghaftsein des Gleichen! Diese
wonnesamen Liebestriebe überall, und diese Geheimnisse ... Fast war
ihm, als flüsterte etwas: Elias, hier verlierst du deinen Glauben! Aber
ein lebhafteres Gefühl wogte ihm durch Leib und Seele: Elias, hier
findest du ihn! Wer hat dich aufgebaut, du schöner Wald? --
Als sie nachher auf einer Waldblöße rasteten, im Anblicke der
weiten Landschaft, über Berg und Tal hin, bis zu dem ätherblassen
Gebirgsstreifen, hinter dem die Welt erst groß anhebt, hier, so recht
im stillen Sonnenfrieden des Mittags, sagte Elias mit leiser Stimme:
»Vater, ich möchte mit dir einmal was reden.«
»Liebes Kind, so rede. Ich schaue dich ja schon lange auf das hin an,
daß du was auf dem Herzen hast, und kommst nicht dazu, es zu sagen. Du
weißt ja, daß du mir alles anvertrauen kannst. -- Was hast du mir denn
zu sagen, Elias?«
Diese Worte sind so grundgütig gesprochen worden, daß dem Jungen das
Weinen näher stand als das Reden. Er schwieg noch ein Weilchen, und
dann begann er seine Mitteilungen.
»Du wirst dich gewundert haben, Vater, daß sie mich für krank
heimgeschickt haben, und daß ich doch nicht krank bin. Aber wenn ich
hätte dort bleiben müssen --. Hab nimmer lernen können, nimmer essen
und nimmer schlafen.«
»So bist du doch krank gewesen.«
»Vielleicht, Vater. Aber anders, wie sie meinen.«
»Heimweh?!« fragte der Förster.
»Ich glaube nicht. Dann hätte es die Jahre früher kommen müssen. Es ist
was anderes gewesen.« Elias zuckte ab, schwieg ein Weilchen, und mit
der Stimme leise zitternd, sagte er: »Den Glauben habe ich verloren.«
»Den Glauben? An was? Ans Lernen, an deine Fähigkeiten?«
»Den Glauben an Gott!«
»Den Glauben an Gott verloren? Das versteh ich nicht.«
»Es ist auch nicht so, ich kann’s nur nicht sagen.«
»Solltest du in schlechte Gesellschaft geraten sein?«
»Beim Religionsunterricht.«
»Ja, was redest denn, Elias!« rief der Vater, »gerade der
Religionsunterricht in Ruppersbach hat dich dahingebracht, daß du
Priester werden wolltest!«
»Das war der Religionsunterricht bei unserem Herrn Pfarrer. Wo wir
immer von Gott gehört haben, der uns alle auf den Händen trägt und
nicht verläßt, von Jesum Christum, dem lieben Heiland, und wie er uns
lehrt und tröstet, durch sein heiliges Vorbild und Opfer uns zum ewigen
Leben führt. Aber im Seminar ist das was anderes.«
»Wieso? Liegt’s an dem Religionslehrer?«
»Oh, der ist gut. Der hat mich immer gefragt, warum mir denn kein Essen
schmeckt, warum ich so schlecht aussehe, ob mir was wäre? Ob ich warme
Kleider hätte? Von Religion hat er mir nie was gesagt außer der Stunde.
Er kann auch nichts dafür, daß es in der Schule so vorgeschrieben ist.«
»Und was sagen denn die anderen, deine Kollegen?«
»Nichts. Die schimpfen nur über das viele Memorieren. Das Memorieren
macht mir nichts, aber sonst --. Du mußt dir unser Religionsbuch
einmal ansehen, ich hab’s mitgebracht. Ja, und da ist mir halt so kalt
geworden und bang. Wie wenn man den Glauben verliert. Und bin ganz
krank geworden.«
»Du mein, du mein!« seufzte der Förster. »Das soll ein anderer
verstehen. -- Und ist dir jetzt auch noch so?«
»Wie ich wieder in unser Hochtal komme, ist mir auf einmal wieder gut
gewesen.«
»Über Religionssachen soll man nicht grübeln, mein Kind!«
»Aber im Seminar muß man grübeln, das ist es ja. In dem Buch ist
alles so beschrieben und ausgeklügelt und bewiesen, wie eine
Mathematik-Aufgabe. Einmal auf dem Spaziergang im Garten habe ich es
dem Religionslehrer doch gesagt, da antwortete er: ›Rufmann, denke doch
nicht immer, wie Gott ist, denke vielmehr, wie du sein sollst.‹ Das
hat mir gefallen. Aber in der Religionsstunde ist immer so viel von
den Beweisen Gottes und der Kirche die Rede, und ich weiß nichts damit
anzufangen. Je mehr mir Gott bewiesen wird, je fremder wird er. Ich
hab’s gar nicht gewußt, daß man an Gott zweifeln kann, und bei diesen
Beweisen ist mir der Zweifel erst gekommen. Und habe gesehen, die
Kirche ist nur da, um immer zu sagen: Glaube, glaube! Gott ist, erstens
weil, und zweitens weil und drittens weil. Und lauter so Gründe, die
kein Leben haben. Und denkt man auf einmal: Wenn so viele Beweise und
Versicherungen nötig sind, _da ist er am Ende gar nicht_. Und wenn man
alle Tage hört, daß es Millionen und Millionen Ketzer gibt auf der
Welt, die nicht an Gott glauben und nicht selig werden können. Und so
ohne Liebe von ihnen die Rede ist, und daß man mit ihnen nichts zu tun
haben soll. Daß sie wohl auch an ihre Gottheit glauben, die aber alle
falsch sind. Und doch auch die Heiden ihren Glauben beweisen und sagen,
daß es der einzig richtige wäre. Und haben auch die nicht den rechten
Glauben, die sich ganz und strenge ans Evangelium halten, und haben die
nicht den rechten Glauben, die in Gottvertrauen und Nächstenliebe und
Sittsamkeit und Geduld leben: sie können nicht selig werden, wenn sie
nicht auch alles andere glauben und tun, was die römisch-katholische
Kirche verlangt. Immer nur diese Kirche und immer nur von dieser
Kirche, und alles andere von der ganzen Welt ist nichts, nur diese eine
Kirche, die fort und fort sagt: Glaube mir, _nur_ mir, keinem andern
und hieße er auch Christus.«
»Jetzt übertreibst du aber doch, Elias!« mahnte der Vater, »wenn du
sagst, daß die Kirche wahrer als Christus sein will.«
Da sagte der Student in seiner kranken Erregung: »Wir haben einen
Ausspruch lernen müssen, nämlich, daß ein katholischer Priester größer
sei als die Heiligen im Himmel, als die Engel, ja als die Mutter Maria,
weil der Priester bei der Messe Jesum Christum erschaffen könne, und
die Engel können das nicht. Und ist der katholische Priester größer als
Jesus Christus selbst, weil der Schöpfer ja über dem Erschaffenen geht
-- so ungefähr, mir schwindelt alles im Kopf. Solche Sachen! Da muß man
ja krank werden.«
Nun schüttelte der Förster gar bedenklich den Kopf, wußte aber nichts
anderes zu sagen als: »Das geht vorbei. Elias, das muß vorbeigehen.
Du sagst es selber, wie der Religionslehrer gut ist. Halte dich an
ihn, nicht ans Buch. Das Buch wird so was Theoretisches sein, wie mein
Handbuch der Botanik. Ist notwendig, so ein Leitfaden, aber wenn ich
die Forstwirtschaft praktisch darnach einrichten wollte -- na, ich
danke! Man vergißt ja so bald alles wieder.«
»Und _hab’s_ schon fast vergessen,« sagte Elias. »Jetzt daheim, da ist
es ja wieder besser. Wenn man immer so im Wald sein könnte! Da möchte
man freilich den Glauben nicht verlieren.«
»Warte nur, mein Sohn. Wie du beschaffen bist, da werden sie dich
ohnehin in ein entlegenes Walddorf stecken als Kaplan. Und wenn du gar
Bergpfarrer in der Einöde sein wirst, da kannst du die Bücher, die du
nicht magst, in den Ofen schmeißen und mit dem Herrgott persönlich
verkehren. Verloren hast du den Glauben nicht. Sei nur wieder froh, wie
du es als Kind bist gewesen.«
Der Junge schaute dem gütigen Vater treuherzig ins Gesicht und sagte:
»Jetzt ist mir auch schon leichter.«
»Sei nur so gut und sage niemandem davon. Auch dem Friedl nicht, am
wenigsten der Sali. So Sachen muß man mit sich selber ausmachen. Du
bist nicht der einzige, dem es so ergeht. -- Hörst du den Michel? Jetzt
ist er schon oben bei seiner Hütten. Wie hell der kann jauchzen! Mein
Sohn, das kommt auch von einem guten Glauben.«