Es war tiefnächtig.
Elias lag im Bette und seine frommen Betrachtungen über den Schlaf
gingen in diesen über und wurden Träume. Da kam der Friedl nach Hause.
Manchmal schon war er zur Nachtzeit heimgekommen, aber so vorsichtig
hatte er die Tür noch nie auf- und zugemacht, so leise war er wohl noch
nie durch die Stube geschlichen. Ohne Licht zu machen, zog er sich aus,
pferchte das Gewand auf dem Boden seines Kastens zusammen und suchte
seine Werktagskleider hervor für den morgigen Tag. Niemand sollte es
wissen, was ihm passiert war. Dann aber schrie er aus dem Schlafe auf,
so laut, daß Elias wach wurde. Der glaubte, den Namen Kruspel gehört zu
haben. Am nächsten Morgen fiel es ihm auf, daß der Friedl nicht lustig
war, daß er schiefe Wangen hatte und am Kinn eine Hautabschürfung.
»Fehlt dir was, Friedl?« fragte er.
»Halt’s zsamm!« schnauzte ihn der Bruder ab. Weiter nichts, aß seine
Rahmsuppe, nahm das Beil über die Achsel und ging davon.
Darüber war Elias den ganzen Tag gedrückt. Er hatte sich in
Schulgegenständen Wiederholungen auferlegt; aber im Latein stand der
Friedl mit vergrämtem Gesicht, in der Mathematik stand der Friedl
schweigsam und finster, das eiserne Beil auf der Schulter. Elias hatte
Angst und wußte doch wieder nicht warum. Sind ja so viele Leute ungut
aufgelegt, wenn nach einer Reihe von Feiertagen wieder der Werktag
kommt. Warum soll denn just der Friedl immer lustig sein! Und hat er
ihn nicht schon selbst zu größerer Ernsthaftigkeit ermahnt, wenn er zu
lustig war? Und warum soll er nicht das Beil auf die Achsel nehmen,
wenn er in den Holzschlag geht? Da nahm sich der Junge vor, recht
angelegen lieb zu sein mit seinem Bruder, wenn er am Abend zurückkommt
von der Arbeit.
Um die gewöhnliche Stunde kam er zurück, aber nicht mit einem
Scherzgruß, wie er sonst die Seinen zu begrüßen pflegte. So wortkarg
war er beim Abendessen, daß ihn der Vater fragte: »Ist dir was, Friedl?«
»Nein!«
Bald ging er zu Bette, lag so ruhig, als ob er schlafe. Aber plötzlich,
als längst alles still geworden war im Hause, sagte der Friedl halblaut
und kalt: »Den Kruspel muß ich umbringen.«
Elias hatte es gehört. Hatte es schrecklich verstanden und doch nicht
verstanden. Er stand auf, zog sich an und setzte sich ans Bett zu
Häupten des Bruders. Dort blieb er unbeweglich sitzen, wohl eine Stunde
lang. Zu den Fenstern schien der Mond herein. Elias wußte nicht, was
das war. Er betete. Dann legte er seine kühle Hand ganz leicht auf das
Haupt Friedls.
»Geh schlafen,« sagte dieser, »umbringen nit, aber ein Denkzettel soll
der kriegen!«
Wagte es der Student und fragte beklommen: »Friedl, was hat’s denn
gegeben?«
Der Friedl richtete sich im Bette auf. -- »Vorgestern, ich will
heimgehen vom Eierlocken. Beim lichten Tag ist’s noch. Auf der Straßen
bei dem Lärchenschachen der Wegmacherbub. Wir warteln. Er springt her,
packt mich an. Ich wehr mich, er schlägt mir das Bein aus, würgt mich,
stoßt mir die Faust ins Gesicht -- zweimal, das für die Michelische,
sagte er, und das für dich! Der Michelwirt ist just dahergegangen, da
lauft er davon.«
Der Friedl krümmte sich zusammen und dann stieß er zwischen den Zähnen
hervor: »Und ich bring ihn doch um.«
»Also gerauft habt ihr,« sagte Elias völlig erleichtert.
»Raufen nennst du das, wo er das Mädel mißhandelt. Gerade so gut wie
sie persönlich. Wenn er einmal sagt: das ist für die Michelische! Weil
sie ihm damals eine hat gegeben, so hat er ihr jetzt die dreckige Faust
ins Gesicht gestoßen, dieser Schandbub, dieser Straßenräuber! Dieser
Erzgalgenstrick!«
Elias war beinahe froh, als der Bruder endlich fluchte. Das in Wut
halberstickte Erzählen ohne allen Schimpf war unheimlicher gewesen.
»Mußt denken, Friedl, sie hat nix davon gespürt.«
»Gespürt? Dummian! An dem ist’s ja nit!«
»Weiß sie was davon?«
»Der Narr bin ich nit, daß ich ihr’s hätt gesagt.«
»Nun schau, wenn sie nichts davon weiß! Und bist du nicht froh, daß du
was für sie hast leiden können?«
»Ich denke, mein Lieber, der Wegmacherbub wird was für sie leiden
müssen, _dann_ werde ich froh sein.« Er biß die Zähne aufeinander, daß
sie knirschten.
»Aber Friedl,« sagte Elias, »wer wird sich denn wegen solcher Sachen so
giften! Hast ja selber den Schaden vom Giften. Der Kruspel lacht, wenn
er’s erfährt, daß er dich so wurmen kann. Der Wegmacherbub ist Luft und
sonst gar nichts, so mußt du denken. Und dir nichts machen aus ihm.
Hernach gift’t er sich.«
»Großartig, wie du gescheit bist, Student!«
»Mein Gott, ich gescheit!« antwortete Elias einfältig. »Wie soll denn
ich gescheit sein können! Hab noch nichts erlebt. Kann mir wohl denken,
daß es schwer sein wird, zu verzeihen, wenn einer so was am eigenen
Leib erfahren hat. Aber schau, der Christ muß sich was gefallen lassen
können. Bist ja im Vorteil. Denke, wenn _du_ so gemein wärest wie der
Kruspel, _das_ wär ein Jammer! Er ist ein starkes Tier und hat dich auf
den Erdboden geworfen. Du bist ein starker Mensch und stehst wieder
auf. Und gehst deines Weges und bist still und vergißt. Hättest du denn
keine Freude an dir, wenn du so sein könntest? Gib dich zur Ruh und
denke, daß auch der Herr Jesus hat unschuldig müssen leiden. Was dem
Menschen kommt, das soll er mannbar ertragen und still sein. ’s ist ja
bald vorbei. Denke, Fridolin, auf dieser Welt währt’s nicht lang und
nachher, wie wird der Kruspel in der Ewigkeit ein armseliger Wurm sein
und du ein schöner Engel!«
»Weißt du,« sagte jetzt der Friedl, »meinetwegen mag der Wegmacherbub
nachher sein, was der will, nur Prügel muß er jetzt kriegen. Geh in
dein Bett, du frommes Knäblein du, auf deine Christenlehr kommt mir der
Schlaf. Gute Nacht!«
Das ist in derselben Nacht gesprochen worden, dann schliefen sie ein,
und der Mond legte seine blassen Fenstertafeln auf die Dielen hin und
der nächtliche Frieden lag über den beiden jungen Herzen, in welchen
die Sanftmut und die Rache wohnten.
Dann kam wieder ein Tag und wieder eine Nacht. Der Friedl hatte seines
Feindes nicht mehr erwähnt, er war nicht heiter, aber auch nicht mehr
finster. Elias war voll Beseligung darüber, daß sein Zureden beruhigt
hatte. Er konnte nicht wissen, daß der Bruder in seiner Rocktasche ein
Pappenschächtlein hatte, und noch weniger, was da drinnen war. Der
Friedl ließ manchmal die Augen rollen und schwieg. Da ist es in einer
Nacht gewesen, daß Elias plötzlich erwacht. Draußen in der Vorstube ein
Geräusch, als ob jemand etwas vom Wandnagel herabgenommen hätte. Elias
schaute auf das Bett seines Bruders hin, der Mond schien auf das weiße
Linnen, es lag wulstig zurückgeworfen, der Friedl war nicht da. Der
Junge sprang rasch auf und zog sich an, auch Stiefel und Hut, und ging
hinaus. In der Vorstube ein Blick an die Wand, wo das Schrotgewehr zu
hängen pflegte; das war nicht da.
In der nächsten Minute eilte Elias über die Brücke der rauschenden
Ach und auf dem Wege dahin gegen Eustachen. Was kann er sonst wollen
bei der Nacht? Da gibt’s ein Leben zu retten! Nicht an das Leben des
Wegmacherbuben dachte er, als er eilte, mehr laufend als gehend. Das
Leben seines Bruders, das zeitliche und das ewige! Das ist schon
wert, daß sich einer die Lunge zu Tode lauft. So viel wird schon
übrigbleiben, um ihn zu beschwören: Bei dem Andenken unserer Mutter,
tu’s nicht! Der Friedl hatte sie ja noch gekannt, fünf Jahre lang war
sie bei ihm gewesen, hatte ihn hundertmal geküßt und gesegnet. Er
kann’s nicht tun. Mutter im Himmel, bitt für ihn bei Gott zu dieser
Stunde! Der Vollmond, der sein weißes Licht so mild vom Himmel gießt,
das ist ein Gnadenstrom! --
Schon war Elias am Wegkreuze, wo das Hochtal in den Murboden ausweitet,
und hatte ihn noch nicht eingeholt. Hatte der Friedl den Fußsteig über
die Böschung am Waldrande genommen? Dann muß er ihn am Rain treffen,
hinter der Lechnerhütte. Der Kruspel wohnte bei seiner Base in der
Lechnerhütte. Also quer über die Wiese hin.
Da hört er Schritte, er horcht, er weiß noch nicht, woher, sie tapfen
nur so in der Luft; vom Waldrande herab kommt eine schmale, lange
Gestalt, gespensterhaft lang, denn es war ein Mann und sein Schatten,
die sich in gerader Linie fortsetzten. Elias ging ihm langsam entgegen.
»Wer ist’s?« fragte der Friedl erschrocken.
Der Student antwortete nicht, trat an den Bruder entschlossen heran und
langte nach dessen Gewehr. Sie rangen. Schweigend rangen sie um die
Waffe, nicht heftig oder zornig, nur zähe und überlegsam, scheinbar
fast gemütlich. Aber die Arme, die sich gegenseitig zu biegen, zu
fassen, abzuwehren suchten, waren stramm gespannt. Nach einer Weile
standen sie still und schnauften. Elias hielt seinen Bruder am
Rockflügel fest.
»Gib mir das Gewehr, Friedl!« sagte er halb drohend, halb bittend.
Der Friedl war ein wenig überrascht von der Kraft des schlanken
Burschen, obschon er selbst ihm seine zwanzigjährige Gewalt noch nicht
eigentlich hatte spüren lassen. Er hatte nur den Angreifer vor sich
abzuhalten und das Gewehr hinter dem Rücken zu bergen. Da machte Elias
plötzlich einen Sprung, erfaßte den Riemen, im nächsten Augenblicke
wurde die Waffe festgehalten von vier Händen, da knallte es und die
Schweinsborsten sausten in die Luft hinaus. Damit hatte der Kampf
ein Ende. Der Friedl ließ die Waffe los, was sollte sie ihm auch, er
hatte keine Ladung für einen zweiten Schuß; seinen Ärger wußte er
nicht anders anzubringen, als daß er dem Studenten mit aller Macht ins
Gesicht schrie: »Du dummes Schaf!« und langsam dahinsüffelte über die
taunasse Wiese.
Elias ging mit seiner Trophäe wieder ins Hochtal hinein, dem Forsthause
zu. Das »dumme Schaf« machte ihm gar nichts. Er nahm es für eine
Umschreibung des einfältigen und unschuldigen Schäfleins in der Bibel.
Er kam sich bedeutend vor! Wie ein tapferer Kämpfer, wie ein eifriger
Seelsorger.
Über den dunklen Bergen lichtete sich der Himmel. Es war der Morgen da.
Über die Ach geschritten, versteckte der Junge das Gewehr unter dem
Brückenkopf, und wie er aus dem Hause geschlichen war, so wollte er
wieder hineinschleichen. Es war ja natürlich, daß von dieser Geschichte
niemand etwas erfahren dürfe. Aber es kam anders, als er sich das
gedacht hatte.
Ein Weilchen nach Mitternacht hatte die alte Sali an die
Schlafzimmertür des Försters geklopft. Ob er nichts höre? rief sie
durch das Holz, im Hause sei ein Unfrieden, vom Vorboden her habe sie
etwas vernommen und das Haustor habe sie gehen gehört.
»Hast es abends gut zugesperrt?«
»Zweimal den Schlüssel um.«
»So kann niemand hereingegangen sein.«
»Aber, Herr Rufmann, was hilft denn das! Wenn ich was gehört hab!«
»Wenn was wär, so müßt sich der Waldl gemeldet haben,« meinte der
Förster. »Geh einmal hinaus und schau nach.«
»Wer, ich?« entgegnete sie durch die halbgeöffnete Tür, zitternd vor
Erregung und Angst. »Nit ums Halsabschneiden!«
»Das wär was Neues, Sali!«
»Ich bin aufgenommen für meine Dienste, Herr Oberförster, aber nit für
solche Sachen bei der Nacht!« »Oberförster« sagte die Alte, da mußte
sie schon arg gereizt sein.
Also stand Rufmann auf und ging hinaus. Das Tor war nicht versperrt,
nur angelehnt. Da fiel es ihm ein: Der Friedl! Am Ende geht dieser
Racker aus! Er polterte die Treppe hinauf und in die Schlafstube seiner
Söhne. Richtig! Friedls Bett ist leer. Der wagt was! Sollt’s schon der
Vater nicht wahrnehmen, so nimmt’s der Student wahr. Und vor diesem
schämt er sich nicht? -- Er hielt den Leuchter über das andere Bett.
Und -- auch der junge Theolog ist nicht da ...
Jetzt war noch die Sali erschienen. Als sie den Förster vor den leeren
Betten stehen sah, starr vor Verblüffung, da eilte sie die Treppe
herab, klammerte die Finger aneinander, indem sie dachte: Jetzt hab ich
was angestellt! Mein Gott, jetzt hab ich was angestellt!
»Eierlocken werden sie sein gangen,« rief sie nachher.
»Ja freilich, Eierlocken! Jetzt bei der Nacht! Weiberleutschmecker
sein s’. All zwei. Der junge Lecker auch schon, das krank Buberl! Ja,
wohin soll man die Kinder denn geben zur Erziehung, wenn sie sogar im
Priesterseminar nixnutzig werden! -- Plutzersakermentsbuben! Wenn ihr
heimkommt, freut euch!«
Er zog sich vollends an, ging in die Nacht hinaus und horchte. Das
Rauschen der Ach. Er schaute in die Gegend hinaus zu den in Berg und
Tal verstreuten Hütten. Bei welcher mögen sie Unterschlupf gesucht
haben? Diese und jene fiel ihm ein, die so leichtfertig sein möchte. Er
ging ums Haus herum. Im Hofe sprang ihn der Waldl an; geschmeichelt von
dem Besuch zu solch ungewohnter Stunde wollte er des Hausherrn Gesicht
belecken. Dieser schob ihn barsch von sich und schritt weiter.
Die kühle Luft brachte sein erzürntes Gehirn so weit herab, daß er den
Friedl beinahe verstand. Denn er erinnerte sich zufällig, daß auch er
einmal zwanzig Jahre alt gewesen war. Jetzt ist ihm freilich schon
die Zeit der Tugend gekommen, da der Mensch vergißt, daß sich alles
wiederholt.
So ein Kindl, wenn’s auf die Welt kommt, wie man da gleich meint --
was Apartes. Nachher in der kindlichen Unschuld, mit dem weichen,
guten Herzlein, mit den hellen Äuglein -- so was Himmelartiges! Daß
man denkt, aus dem wächst sich was Besseres, das macht sich, als ob
es die Sach einmal um ein paar Staffeln höher bringen könnte. Und bis
so ein Ding sich auswachst, ist es der alte Adam. Ein Geschlecht wie
das andere, wir kommen nicht weiter. Bei dem Älteren möchte ich’s noch
begreifen, begriffe ich’s eher. Aber bei dem Kleinen! Geistlich will er
werden, der Ludersbub! --
In solcher Stimmung war der Förster, als Elias ans Haustor kam. Er
vertrat dem Jungen den Eingang.
»Wo bist gewesen?«
Elias erschrak und schwieg.
»Wo du gewesen bist!« rief der Förster, und rief es ein drittes Mal.