Der Krauthas und seine Hauswirtschaft

Der Förster saß noch spät in der Nacht in seiner Stube, rauchte aus der

großen Pfeife mit dem langen Rohr und las eins aus der Bibel.

Er war in einer gehobenen Stimmung, wie allemal, wenn er mit dem

Freunde zusammengewesen, dem liebsten, treuesten Menschen, den er nebst

seinen Söhnen auf dieser Welt wußte. So wie im Singen harmonierten sie

auch in allem anderen. Und wo sie verschiedene Meinung hatten, da war

es erst recht köstlich, da trachtete einer den anderen zu verstehen und

erweiterte an den Meinungen des anderen sein eigenes Denken.

Der Michel hatte mancherlei erlebt und als Wirt an der Straße vieles

erfahren, was einem Waldförster sein Lebtag nicht nahekommt. Mit

Handwerksburschen wie mit Bauern, mit Touristen wie mit fahrendem

Volk und fahrenden Herrschaften pflegte der Michel stets ein Gespräch

anzuknüpfen. Er verstand das gar witzig anzufangen, machte seine

Schwänke, seine unbefangenen Bemerkungen und holte damit die Leute aus,

ohne daß sie es merkten und ohne daß er es eigentlich beabsichtigte.

Seine sinnige Natur trieb ihn auch an, manches Buch zu lesen und die

aufgenommenen Gedanken weiterzuspinnen. Er wurde nicht das, was er las

oder hörte, und doch änderte sich daran sein Wesen; das rege Gemüt

schmiegte sich an manchen fremden Geist, der nicht so treu war wie er.

Aber auch der Förster war nicht bloß Förster, er war dazu noch ein

Mensch, der über die Wipfel seines Waldes hinaus angeregt sein wollte,

der sich mitteilen wollte, Teilnahme begehrte. Im Denken und Sprechen

war er wohl nicht so fix, doch wenn er singen konnte, mit dem Freunde

singen konnte -- dann war er ein glücklicher Mensch. Daß sein schöner

Baß in Michel den richtigen Tenor gefunden hatte, diese Frohheit faßte

er oft in dem Worte zusammen: »Ja, wenn ich den Michelwirt nicht hätt!«

Er hatte ihn, und die ruhige Freude darüber las er in die Bibel hinein

und aus der Bibel heraus. Beim Nachtgebet dachte er an seinen Wald, an

seine Buben, an seinen Freund und darauf gab’s einen guten Schlaf.

Zu einem so gründlichen, murmeltierartigen Untertauchen in das Nichts

brachte er es freilich nicht wie sein Sohn Fridolin. Bei dem war alles

ausgelöscht, Schneekugeltreiben, Krauthas und Helenerl. Er lag im Bette

wie ein Klumpen Erdstoff, der atmet.

Elias konnte keinen Schlaf finden. Zuerst hatte er lange gebetet,

dann war er ins Sinnen gekommen und dabei war ihm bange geworden.

-- Was wird’s noch werden mit meinem Bruder? Ein so weltlicher

Mensch! Von Himmel und Hölle will er nichts hören. Immer Lustbarkeit,

Leichtsinnigkeit, sogar sündige Sachen. Man hört von ihm kein

Morgengebet und kein Abendgebet und nichts. Tut man ihn erinnern, so

lacht er; was soll das noch werden? Drei Finger möchte ich mir abhacken

lassen dafür, wenn er anders wäre. -- -- Dann betete er wieder, bis

auch über ihn der Friede kam.

Sogar die alte Sali hatte vor ihrem Einschlafen den Tag noch einmal

überdacht. -- Singen können die zwei! Wenn ihnen nit auch die dummen

Schelmenliedeln täten im Kopf stecken, Vorsinger kunnten sie werden bei

der Wallfahrtschar nach Mariazell. -- Aber eine solche Hochmütigkeit!

Schau dir einmal die Hochmütigkeit an! Wie viele wären froh, wenn sie

so einen Kaffee kunnten haben! Ich halt’ nix mehr auf den Michelwirt!

Am nächsten Morgen gingen sie miteinander ins Gebirge, der Förster

und der Friedl. Ersterer hatte einen Stock, dessen Handhabe aus einem

eisernen Griff bestand, der an einer Seite Hämmerlein, an der anderen

ein kleines Beil war. Der Friedl trug über der Achsel eine Holzhacke.

Auch Elias war eingeladen worden, mitzukommen. Der blieb zu Hause, er

habe zu lernen. In der Schlucht schattete es noch; an den Uferrasen der

Tauernach Eiszapfen. Auf den Berggipfeln Sonnenschein.

Bald hinter dem Halse trennten sich Vater und Sohn. Der Förster der Ach

entlang, dann in den Forst hinan, um schlagbare Stämme zu märken. Es

mußte geplendert werden. Aus dem noch nicht schlagreifen Wald mußten

die kranken, schadhaften Bäume entfernt werden. Schnee- und Windbrüche

gab es. Die gebrochenen Stämme sind Brutstätten für das Insekt, sie

müssen fort. Der Förster zeichnete die Arbeit an. Plötzlich begann er

zu fluchen. An einigen Fichtenstämmen waren ihm wieder solche Wunden

aufgefallen.

»Wenn ich nur diesen gottverfluchten Pechkratzer einmal könnt

erwischen! Die schönsten Bäume bringt er mir um! Ich wollt’s erraten,

wer’s ist. Aber derweil die Untersuchung nicht kommt, muß man den Mund

halten. Die Spitzbuben haben heutzutag ein großes Recht.«

Der Friedl ging der Bärenstuben zu, nach dem Teschenwald, wo die

Holzknechte arbeiten. Bei dem Krauthasen sprach er vor und begehrte ein

Stamperl Noten. Im Wirtshaus einkehren und nichts trinken, das schickt

sich nicht.

»Kriegen jetzt auch wieder einen guten Weißen,« gestand der

Kohlenbrenner vertraulich. »Hab schon wieder was im Kessel, da hinten

oben!«

»Lang hab ich heut eh nit Zeit. Da hast,« sagte der Bursche und warf

ein zerknülltes Papier auf den Tisch. »Gib heraus!«

Der Krauthas machte einen langen Hals, krabbelte mit seinen dürren,

rußigen Fingern das Papier auseinander. »Junger Herr, da soll ich

herausgeben? Was glaubst denn, daß ein Fassel Rosoli kostet?«

»So laß wenigstens den da,« der Bursche deutete auf sein Gläschen,

»draufgehen, du alter Rab!«

»Wegen ein andersmal,« gab der Köhler bei und der Handel war

geschlichtet.

Schon im Fortgehen blieb der Friedl an der Tür stehen: »Du, Krauthas!

Hast gestern nicht ein Taschenmesser gefunden?«

»Hast eins verloren? Ah, schad, schad drum!«

»So muß es mir anderswo aus dem Säckel gefallen sein.«

»Da bei mir hab ich nix gesehen. -- Heilige Mutter Anna! Was kommen

denn da lauter für Leut!«

Erschrocken hatte der Kohlenbrenner die zwei Gestalten bemerkt, die

sich der Hütte nahten. Ein Gendarm und der Gerhalt von Eustachen.

Ersterer, in der Hand bereit haltend das Gewehr mit dem aufgepflanzten

Bajonett, schaute zur Tür herein: »Der Bartel Krauthas? ja?«

Hinter ihm der vierschrötige Gemeindefürstand mit einem großen Stecken.

Mit behäbiger Würde stand er da, das rote, rauhe Gesicht rasiert bis

auf einen grauen Bartkranz, der sich hinter Wangen und Kinn herumzog

von einem Ohr zum andern. Unter dem großen schwammigen Filzhut hingen

geringelte Haare herab, etliche über die Stirn, dickes Gelocke,

schwarzgraues, auf die breiten Achseln.

»Guan Morgn, guan Morgn schön!« fistelte der Kohlenbrenner. »Darf ich

was aufwarten?« Denn daß sie schon das Schnapsglas bemerkt hatten, sah

er.

»Ihr schenkt Schnaps aus, Krauthas?« fragte der Gerhalt mit seiner

rauhen, aber gutmütig tönenden Stimme.

»Immer einmal ein bissel, ja. Fürs Magenweh. Gelt, Herr Rufmann, jetzt

ist’s schon besser?«

»Magenweh? Ich weiß nix davon,« lachte der Friedl.

»Der Teuxel brennt schon wieder aus!« kreischte der Köhler und tat, als

wollte er hinaus zu den Kohlenmeilern, um Flämmchen zu dämpfen.

»Na, na, Krauthas, er brennt nit aus,« sagte der Gerhalt, »du bleibst

hübsch da in der Hütten und tust uns deine Sachen aufzeigen.« Auf den

Gendarmen weisend: »Der Herr da ist so viel neugierig, was du alles

hast.«

Als der Friedl merkte, hier werde es ungemütlich, ging er davon, eilte

in den Teschenschlag zu seiner Arbeit. Unterwegs dachte er noch: Futsch

ist das schöne Messer! Aber dem Elias nichts sagen.

In der Kohlenbrennerhütte begann die Hausdurchsuchung. Die Truhe

barg ein halb Dutzend Schnapsplutzer. Unter dem Riedheu ein

Branntweinfäßchen. Wie bedenklich viele Magenleidende es doch in der

Bärenstuben geben mußte! In der Ecke hinter einem Bretterverschlag ein

Haufen alter Kleider, darunter ein Lodenrock. Der kam dem Gendarmen

so groß vor, daß er ihn entfaltet in die Luft hinaushielt: »Krauthas,

schliefens einmal in diesen Rock ’nein!«

Doppelt schlug der Lodene dem hageren Manne um den Leib zusammen. Da

sagte der Kohlenbrenner: »Ein armer Teufel, der sich sein Gewand muß

zusammenbetteln, kann es sich freilich nit anmessen lassen.«

»Was ist denn das?« fragte der Gendarm und zog aus der Fletzrunse einen

eisernen Pechschaber hervor.

Der Krauthas tat ärgerlich. »Jetzt liegt alleweil noch die dumme

Pechkratzen umeinander. Schon im vorigen Herbst hat’s ein Holzknecht,

oder was er ist g’west, dagelassen.«

»Du Krauthas!« rief der Gemeindefürstand und er tat’s mit amtlich

erhöhter Stimme. »Du weißt, daß das Pechschaben verboten ist. Ein

Ameiseierhäfen hast auch dort unter dem Glump. Ich hab’s schon gesehen.

Und wer’s nit sieht, der riecht’s. Daß das Ameisgraben verboten ist,

weißt auch. Zweimal hab ich dir schon Verwarnung zugeschickt. Soll ich

dich einsperren lassen?«

»Ich bitt, Herr Fürstand,« jammerte der Köhler und stand fast gebrochen

da. »Wildern tu ich eh nimmer.«

»Ich glaub’s. Weil gar kein Wildbrat mehr umlauft. Vom Pechern ist

jetzt die Red! Und leicht noch von was anderem! -- Oho! Bleib nur da,

Krauthas!«

»Ich bitt, Herr Fürstand, ’s Kohlenbrennen tragt nit viel.«

»Mußt schon so gut sein, Krauthas, und mußt uns ins Steingrabel

hinaufführen.«

»Ins Steingrabel? Ja wegen was denn nit! Der Steig ist halt schlecht

jetzt im Frühjahr, wird noch aller verschneit sein.«

Er war aber nicht verschneit, der Steig, er war leidlich ausgetreten.

Der Köhler trachtete links ab gegen die Erlstauden.

»Na, na, Krauthas, ins Steingrabel wollen wir!«

»Im Steingrabel ist wohl nit viel Rars zu finden. Und tun jetzt auch

alleweil die Lahnen gehen.«

»Macht nix, wir wollen just einmal ins Steingrabel.«

Und in dem versteckten Waldwinkel, in der Höhlung eines Felsens hatte

der Krauthas seine Branntweinbrennerei. Mehrere Säcke voll gedörrter

Ebereschenbeeren, Heidelbeeren und mancherlei Kräuter- und Wurzelwerk.

Auch halbverfaulte Schwämme und Unrat in einem Haufen. Aus rohen

Steinen waren kleine Öfen hergerichtet, über denselben berußte Kessel,

unter denselben Holzscheiter, just zum Anzünden.

Als der Krauthas sah, seine Destillationsanstalt wäre entdeckt, meinte

er, es sei am besten, aus der demütigen Bittweise zum kühnen Angriff

überzugehen. Wenn man den Leuten auch noch ihren letzten Erwerb

wegnähme, da müßten sie stehlen gehen oder noch was Ärgeres. Was er

ihnen getan habe, daß sie ihn zugrunde richten wollten, wie sie seinen

Vater zugrund gerichtet hätten. Wie sie dem braven armen Mann die

schöne Wiese abgegaunert hätten mit der Siebentalerwette, das hab’ er

sich gemerkt. Und wenn reiche Leute schelmen und rauben dürften bei

hellichtem Tag, so werde ein armer Hascher wohl auch noch ein bissel

Pech und Branntwein brennen mögen. »Oder nit? Oder will der Herr

Durchlaucht, oder wem’s gehörten, die Ebereschenbeeren selber fressen?«

So heftig war er geworden, daß sein dünnes Stimmlein mehrmals

überschlug.

Der Gendarm hatte am schwarzledernen Lendengürtel, neben der

Stilettscheide, zwei Handschließen aus glänzendem Stahl hängen. Die

nahm er jetzt vor. Aber der Gerhalt meinte, das Wichtigste sei, die

Sachen in Beschlag zu nehmen. Sie hoben die Kessel aus den Öfen,

schleppten solche herab in die Hütte, taten den eisernen Pechkratzer

dazu und allerlei Verdächtiges, das banden sie mit einem Strick

zusammen. Der Gerhalt schrieb mit dem Bleistift schwerfällig auf ein

Stück Papier: »Dem Bartel Krauthas weggenommen. Martin Gerhalt, Fürst.«

Als sie mit dieser Arbeit beinahe fertig waren, kam der Förster Rufmann

daher. Er hatte auf seiner Waldlehne die Markierung geleistet und

wollte nun in der Hütte einkehren auf einen Tropfen Schligerwitz. Er

wollte sich stellen, als sei er der Meinung, daß der Köhler arglos

manchmal einen Plutzer Zwetschgenbranntwein aus Ruppersbach halte, für

sich und zur Magenstärkung für andere. In Wahrheit gedachte er dem

Krauthasen auf die Schliche zu kommen.

Kaum der Krauthas in seiner Bedrängnis des Försters ansichtig wurde,

tat er einen Freudenschrei und fiel vor ihm auf beide Knie. Und bat

unter Händeringen um Hilfe. Man wolle ihm sein Restlein Habschaft

wegnehmen, er sei ein blutarmer Teufel und müsse sich in die Ach

legen, dort wo sie am tiefsten. Dem Förster war es bald hinterlegt, daß

er hier den Pechschaber und Ameisengraber vor sich habe. Doch eben,

weil man den Mann nun hatte, der auch gar nicht weiter leugnete, war

sein Zorn verraucht. Jetzt konnte man sich vor ihm ja leicht schützen.

Der Schlucker tat ihm schon leid.

Als der Gendarm den Krauthasen nun fesseln wollte, um ihn bequemer

einführen zu können, brummte der Fürsteher: »Ist eigentlich eine dumme

G’schicht. Jetzt gehen wieder die gerichtlichen Scherereien an.«

Und sagte der Förster: »Ich denk’, meine Herren, das tun wir nicht. Im

Kotter wird der Mensch zwar älter, aber nicht besser. Das Brennen kann

ich ihm nicht erlauben und nicht verbieten. Ist Sache des hochgebornen

Herrn Staates, zu wachen, daß die Grafen und Juden in Galizien in ihrem

Erwerb nicht geschädigt werden. Aber die Ameishaufenschleiferei und die

Pechschaberei ist meine Sach und die soll ihm für diesmal geschenkt

sein. Viel wird er’s nimmer treiben. In etlichen Tagen, bis diese

Meiler abgekohlt sind, soll er schauen, daß er weiterkommt!«

Damit war der Krauthas freigesprochen und davongejagt.

Locken, locken, Eier locken!

In Eustachen und weiter herum ist es Sitte, daß zur Osterzeit in allen

Häusern, wo es junge und auch ältere Dirnlein gibt, Eier hart gekocht

und rot gefärbt werden.

Die Hühner tun um diese Zeit das ihrige. Jede hat ihr besonderes, von

der Hausmutter sorgsam gehütetes Nest, wo sie dem Tag oder dem zweiten

Tag ihr Ei legt. Und wenn eine ihre Frucht an unbekannter Stelle

ablegt, so gackert sie nachher so heftig und lange, bis auch dieses

»vertragene« Ei aufgefunden wird. Da brauchen in einem hühnerreichen

Hof die Leute bloß zu sammeln. Nun, und um die Osterzeit werden solche

Eier in kochendem Wasser mit Farbstoff rot gefärbt. Manch eine Maid

hält einen ganzen Nähkorb voll roter Eier bereit und wartet auf die

Eierlocker. Denn die jungen und älteren Knaben, zu einzeln oder in

Gruppen, gehen um diese Zeit von Haus zu Haus »Eier locken«. Bei den

kleinen Buben sind die Eier Hauptsache, bei den großen die Maidlein, so

sie spenden.

So hatte der Friedl sich zu den Gerhaltbuben gesellt.

An den Osternachmittagen zogen sie von Haus zu Haus, sagten vor der

Tür ihr Sprüchlein her und hielten ihre Leinwandsäcklein auf. Wer kein

Säcklein hatte, der brachte eine Zipfelmütze mit. Sie wurden überall

gut aufgenommen; die Gerhaltbuben als die Söhne des Fürstandes, der

Försterfriedl, weil er der Försterfriedl war. Den hübschen, frischen,

lustigen Jungen hatte man überall gern. Er hatte so einen treuherzigen

Übermut, der gerade den Weibsleuten gefiel.

»Du, Poldlhoferin,« bettelte in einem der Bauernhäuser ein Gerhaltbub,

»magst nit mir auch ein paar geben?«

Seit wann man mit einem Ei nit mehr zufrieden wäre?

»Seit der Försterbub zwei kriegt.«

»Ei, der Dunner! Zwei hätt ich ihm geben, dem Friedl?«

»Wohl, wohl, zwei hast ihm geben, dem Friedl.«

»So muß ich mich narrisch vergriffen haben.«

»Vergreif dich noch einmal narrisch!«

»Ah, ich weiß schon, für seinen Bruder, den Studenten, ist eins

vermeint gewesen.«

»Vermein halt meinem Bruder auch eins. Dem, der noch daheim ist.«

Da blieb der Jungbäuerin nichts anderes übrig, als auch dem

Gerhaltsohne zwei Eier zu schenken. Der andere Gerhaltbub übte dieselbe

Erpressung und sie mußte sich fügen, weil ihre heimliche Bevorzugung

des Försterbuben an den Tag gekommen war.

So traten die Buben auch vor die Tür des Michelwirtshauses. Alle drei

zusammen, mit gleichtönigen Stimmen, in der Art, wie Bauernleut’ beten,

sagten sie ihren Spruch auf:

»Die Glocken, die locken

Zur Osterfeier,

Wir locken, wir locken

Die roten Eier,

Bei schönen Dirnlein

Mit rotem Mund,

Frisch und gesund,

Frisch und gesund!«

Trat Frau Apollonia heraus, schaute die Burschen an und sprach mit

gutem Humor leise: »Hätt nit denkt, daß die jungen Buben zu einer alten

Frau kommen, Eier locken.«

»Nein, nein!« riefen sie lustig, »zu der Helenerl kommen wir!«

Sollten halt ein bissel ins Haus gehen. Trat denn das Wirtstöchterlein

mit dem Nähkorb vor, waren aber bloß etliche Leinwandflecke drin und

ein Zwirnsträhnchen.

»Wird halt nix meh da sein,« sagte sie schelmisch und wühlte mit der

Hand unter dem Zeug. »Hab’s schon all weggeben, seid halt zu spat

kommen. Schau, schau, da ist noch eins!« Sie zog ein rotes Ei hervor

und schenkte es dem älteren Gerhaltsohn in sein Leinwandsäcklein.

Bettelte der jüngere, sie möchte suchen; es wäre gewiß noch eins drinn.

»Glaub kaum,« sagte sie, »ist keins meh da.« Sie grub mit der Hand

unter dem Zeug. »Richtig, da hat’s noch was!«

Aber als sie es hervorzog, war es ein Zwirnknäuel.

»Geh, Dirndel, eins ist schon noch drinnen,« schmeichelte er. »Locken,

locken, Eier locken!«

Brachte sie schließlich noch eins zum Vorschein und legte es dem

jüngeren Gerhaltsohn in die Zipfelmütze, gar behutsam, daß die, so

schon drinn waren, nicht Schaden litten.

»Und jetzt, jetzt geht nur wieder um ein Häusel weiter.«

... »Ich nix?« fragte der Friedl. »Locken, locken, Eier locken!«

»Aber Tschapperl, wenn ich nix meh hab!«

Das glaubte er nicht.

»Eins hast schon noch, Helenerl,« flüsterte er und machte einen

»Krückerlmund«, wie Kinder, wenn ihnen zum Weinen ist. »Schau, Dirndl,

-- schau! Für mich hast schon noch eins. -- Laß mich suchen!«

»Ihrer ein Dutzend hab ich ghabt,« versicherte sie. »All sein’s weg.«

»Laß mich selber suchen. Ich find noch eins!«

»Nau -- wenn du noch eins findest! So such halt.«

Er wühlte im Nähzeug. »Au weh!« rief er plötzlich und zuckte zurück.

Am Nadelkissen hatte er sich in den Finger gestochen. Da wurde er hell

ausgelacht.

Aber als sie abziehen wollten, winkte die Helenerl dem Friedl mit

den Augen, ganz flüchtig, wie ein Blitzchen. Der Försterbub verstand

und blieb noch ein wenig allein im Vorhause stehen, bis sie aus der

Kammer trat mit einem roten Ei, wunderschön kirschrot, schöner als die

anderen. Sie steckte ihm’s rasch zu: »Friedl, das ist für dich extra

eins, für dich ganz allein!« und schlüpfte davon wie ein Vöglein.

Einen Juchschrei hatte der Bursch getan, als er über den Antrittstein

der Tür hinaussprang. Die Kameraden hatten seine Beglückung nicht

wahrgenommen. Sie neckten ihn, daß er abgeblitzt wäre, er trällerte

lustig sein selbsterdachtes Sprüchlein:

»Wir locken, wir locken

Die roten Eier

Bei schönen Dirndlein

Mit rotem Mund!«

Als die Häuser, in denen etwas zu erhoffen, abgegangen waren, wobei

es noch mancherlei Schalkerei gegeben, eilten die drei Burschen in

eine Heuscheune, denn es regnete. Dort sollte der große Eierschmaus

stattfinden.

Sie machten behutsam ihre Säcklein auf und zählten die Beute. Und

begannen nun, um die Dinger auf ergötzliche Art zu zerbrechen und

dabei weitere Beute zu machen, die üblichen Eierspiele. Sie rollten

die Eier über den Bretterboden hin, um mit dem einen das andere zu

treffen. Der eine versteckte das Ei im Heu und die anderen mußten es

suchen. Der eine hielt in halbgeschlossener Faust das Ei hin und der

andere schleuderte ein Zweihellerstück darauf, um es mit der Schneide

zu treffen. Dann wieder stellten sich zwei Burschen hin und tutschten

mit den Spitzseiten zwei Eier zusammen. Wessen Ei bei solchen Spielen

unverletzt blieb, der war Gewinner auch des zerschlagenen.

Der Friedl hatte das seine vom Wirtshaus nicht aufs Spiel gesetzt,

sondern es mit dem Sacktuch umwickelt, in der Tasche geborgen, und mit

den übrigen gewann er so viel, daß er die Kameraden einladen konnte zu

einem Eierschmaus, wobei die versehrten Stücke völlig entschält und die

hartgesottenen, glänzend weißen Eierleiber, Eiweiß und Dotter mit Salz

verzehrt wurden. Die Gerhaltbuben hatten in einem früheren Jahre einmal

die Erfahrung gemacht, wie weit das gehen dürfe mit dem Verzehren

harter Eier, so ließen sie es mit vier oder fünf Stücken gut sein, die

übrigen schenkten sie kleinen Buben, die beim Eierlocken noch nicht so

glücklich gewesen waren als die großen.

Als der Friedl heimwärts ging, traf er auf der Straße den Kruspel,

der wollte ihm Eier abbetteln. Da sagte der Försterbub spottweise:

»Willst ihrer haben, so geh selber locken. Kannst auch bei der

Michelwirtstochter anfragen. Vielleicht kriegst wieder was.«

Da fuhr der Straßenschotterer wütend auf ihn los.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 13 / 55 题